Zum Tode von Schach-Großmeister Bent Larsen

Ich spiele auf Sieg

von Wal­ter Ei­gen­mann

Wie die Dä­ni­sche Schach-Union mel­det, ist vor­ges­tern in Bue­nos Ai­res der le­gen­däre, bis heute in brei­ten Schach­krei­sen po­pu­lär ge­blie­bene Schach-Groß­meis­ter Bent Lar­sen im Al­ter von 75 Jah­ren ge­stor­ben. Laut Me­di­en­be­rich­ten litt Lar­sen seit län­ge­rem an star­ker Dia­be­tes.

Zeitweise die Nummer Eins der westlichen Welt

Bent Lar­sen ge­hörte in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern nicht nur zu den er­folg­reichs­ten Tur­nier­lö­wen über­haupt, son­dern auch zu den be­son­ders in­no­va­ti­ven Schach­theo­re­ti­kern (—> Lar­sen Sys­tem: 1.b3). Zu Zei­ten von Bobby Fi­schers An­fän­gen galt der dä­ni­sche Groß­meis­ter, des­sen tak­tisch ein­falls­rei­cher, op­fer­freu­di­ger, teils auch stra­te­gisch tief­sin­ni­ger Schach­stil all­ge­mein be­wun­dert und ge­fürch­tet wurde, zeit­weise als die Num­mer Eins der west­li­chen Schach-Welt. Lar­sens stärks­tes his­to­ri­sches Elo-Ra­ting be­trug 2660, das er im Fe­bruar 1971 er­reichte; da­mit lag er auf Platz Drei der Welt­rang­liste. Beim pres­ti­ge­träch­ti­gen Wett­kampf „UdSSR ge­gen den Rest der Welt“ 1970 in Bel­grad spielte er am Spit­zen­brett, wo­bei er seine drei Be­geg­nun­gen mit Welt­meis­ter Bo­ris W. Spas­ski aus­ge­gli­chen zu ge­stal­ten ver­mochte. In sei­ner Blü­te­zeit war Lar­sen (wie spä­ter Fi­scher) als Boll­werk ge­gen die so­wjet-rus­si­sche Schach-He­ge­mo­nie stark ideo­lo­gi­siert bzw. in­stru­men­ta­li­siert wor­den.

Schach-Großmeister Bent Larsen als Simultanist in Dänemark 1960
Schach-Groß­meis­ter Bent Lar­sen als Si­mul­ta­nist in Dä­ne­mark 1960

1980 lernte Lar­sen in Bue­nos Ai­res seine spä­tere Frau Laura ken­nen, eine pro­mo­vierte Ju­ris­tin und Rechts­an­wäl­tin. Seit­dem lebte er in Ar­gen­ti­nien. Bent Lar­sen schrieb meh­rere schach­theo­re­ti­sche Bü­cher und war seit län­ge­rem stän­di­ger Ko­lum­nist der deut­schen Schach­zeit­schrift Kais­si­ber.

Mit Phantasie und Supertaktik zu zahlreichen Turniersiegen

Desaster in Denver: WM-Halbfinale gegen das Jahrhundert-Genie Fischer
De­sas­ter in Den­ver: WM-Halb­fi­nale ge­gen das Jahr­hun­dert-Ge­nie Fi­scher

Lar­sens Kampf-Motto (und ei­ner sei­ner Buch-Ti­tel) lau­tete: «Ich spiele auf Sieg»; dem­entspre­chend heimste der phan­ta­sie­volle Däne eine Reihe von präch­ti­gen Tur­nier­sie­gen ein. Na­ment­lich zu nen­nen wä­ren u.a. Ams­ter­dam 1964, Sousse 1967, Ha­vanna 1967 oder Mo­naco 1968, spä­ter das In­ter­zo­nen­tur­nier 1976 im schwei­ze­ri­schen Biel.
Ei­ner sei­ner spek­ta­ku­lärs­ten Par­tien da­tiert aus dem Jahre 1970: Da­mals fügte er dem spä­te­ren Welt­meis­ter Bobby Fi­scher am In­ter­zo­nen-Tur­nier in Palma de Mal­lorca als Schwar­zer eine viel­be­ach­tete Nie­der­lage zu (um al­ler­dings auf­grund sei­nes kom­pro­miss­lo­sen Kampf­stils ge­gen den­sel­ben Fi­scher im fol­gen­den Kan­di­da­ten-Match mit 0:6 das Schach-Trauma sei­nes Le­bens zu er­lei­den):

Robert J. Fischer – Bent Larsen

Palma de Mal­lorca 1970

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lc4 e6 7.Lb3 Le7 8.Le3 0-0 9.De2 a6 10.0-0-0 Dc7 11.g4 Sd7 12.h4 Sc5 13.g5 b5 14.f3 Ld7 15.Dg2 b4 16.Sce2 Sxb3+ 17.axb3 a5 18.g6 fxg6 19.h5 Sxd4 20.Sxd4 g5 21.Lxg5 Lxg5+ 22.Dxg5 h6 23.Dg4 Tf7 24.Thg1 a4 25.bxa4 e5 26.Se6 Dc4 27.b3 Dxe6 28.Dxe6 Lxe6 29.Txd6 Te8 30.Tb6 Txf3 31.Txb4 Tc8 32.Kb2 Tf2 33.Tc1 Lf7 34.a5 Ta8 35.Tb5 Lxh5 36.Txe5 Le2 37.Tc5 h5 38.e5 Lf3 39.Kc3 h4 40.Kd3 Te2 41.Tf1 Td8+ 42.Kc3 Le4 43.Kb4 Tb8+ 44.Ka3 h3 45.e6 Lxc2 46.b4 Te3+ 47.Kb2 Ld3 48.Ta1 La6 49.Tc6 Txb4+ 50.Kc2 Lb7 51.Tc3 Te2+ 52.Kd1 Tg2 0-1

Da­bei war Lar­sen nicht nur ein ge­nia­ler Mit­tel­spiel-Tak­ti­ker, son­dern auch im End­spiel höchst ge­fähr­lich. Ein ein­drück­li­ches Bei­spiel die­ser Ge­fähr­lich­keit lie­ferte er noch 20 Jahre spä­ter in Has­tings ge­gen den star­ken rus­si­schen Groß­meis­ter Ev­geny Ba­reev:

Bent Larsen – Evgeny Bareev

Has­tings 1990

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.Lxe7 Dxe7 7.f4 0-0 8.Sf3 c5 9.Dd2 Sc6 10.0-0-0 cxd4 11.Sxd4 Sb6 12.De3 Ld7 13.Kb1 Dc5 14.h4 Tac8 15.Th3 Sa5 16.Sb3 Dxe3 17.Txe3 Sac4 18.Tf3 f6 19.exf6 Txf6 20.Sd4 Tcf8 21.Lxc4 Sxc4 22.b3 Sd6 23.Te3 b5 24.a3 a5 25.g3 b4 26.axb4 axb4 27.Sa2 Tb8 28.Kb2 Se4

Bent Larsen - Evgeny Bareev, Hastings 1990 - 1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w - - 0 29
Bent Lar­sen – Ev­geny Ba­reev, Has­tings 1990 – FEN-String: 1r4k1/3b2pp/4pr2/3p4/1p1NnP1P/1P2R1P1/NKP5/3R4 w – – 0 29

29. Sf3!! Le8 30. Sg5 Lh5 31. Sxe4 Lxd1 32. Sxf6+ gxf6 33. Txe6 Kf7 34. Te3 Lh5 35. Td3 Ke6 36. Td4 Tg8 37. Sxb4 Lf3 38. Td3 Le4 39. Te3 Kf5 40. Sc6 1-0

Lar­sens jahr­zehn­te­lange in­ter­na­tio­nale Schach­kar­riere war von zahl­rei­chen Er­fol­gen als Spie­ler wie also Schach­au­tor ge­krönt, und seine über 20 Siege an teils hoch­ka­rä­tig be­setz­ten Tur­nie­ren brach­ten ihm da­mals den Ti­tel ei­nes «Tur­nier-Welt­meis­ters» ein. Al­ler­dings war Lar­sen auch der erste – aber bei wei­tem nicht letzte – Meis­ter­spie­ler, der of­fi­zi­ell von ei­nem Schach­com­pu­ter be­siegt wurde: 1988 ver­lor der Däne an ei­nem Open im ka­li­for­ni­schen Long Be­ach sen­sa­tio­nell eine Par­tie ge­gen den Rech­ner «Deep Thought» (den Vor­gän­ger von «Deep Blue», der knapp zehn Jahre spä­ter auch Welt­meis­ter Garry Kas­parov schlug).

Ehrgeizig und kämpferisch, aber auch sensibel und zuvorkommend

Der betagte Larsen beim Partie-Analysieren mit argentinischen Schachfreunden
Der be­tagte Lar­sen beim Par­tie-Ana­ly­sie­ren mit ar­gen­ti­ni­schen Schach­freun­den

Bent Lar­sen war in der in­ter­na­tio­na­len Schach-Arena als sehr sym­pa­thi­scher, zwar ehr­gei­zi­ger und kämp­fe­ri­scher, aber auch sen­si­bler und zu­vor­kom­men­der Groß­meis­ter hoch an­ge­se­hen. Der Lar­sen-Freund und -Fan J. Ar­mas schreibt in sei­nem Rück­blick in Lar­sens Buch «Alle Fi­gu­ren grei­fen an» über eine Si­mul­tan-Be­geg­nung: «Wir wa­ren alle vol­ler Stolz, die­sen Meis­ter in un­se­rer Nähe zu wis­sen. Nie­mals drückte er sei­nen je­wei­li­gen Geg­ner ein­fach an die Wand. Ge­gen je­den ein­zel­nen spielte  er so, als hätte er ei­nen Groß­meis­ter vor sich. Und mit wel­chen Er­in­ne­run­gen und er­götz­li­chen Ge­schich­ten un­ter­hielt er uns zwi­schen den Par­tien, wäh­rend der gan­zen vier Stun­den!»
Mit Bent Lar­sen ver­liert die Schach-Welt ei­nen ih­rer in­ter­es­san­tes­ten und schil­lernds­ten Ver­tre­ter der «Gol­den Chess Six­ties». ■

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zu schach­his­to­ri­schen The­men auch über Mi­chael Dom­brow­sky: Ber­li­ner Schach-Le­gen­den

Kommentare sind willkommen! (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)