Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Simenon und Glauser im Roman vereinigt

von Alexandra Lavizzari

In ihrem zwei­ten, eben­falls im Lim­mat Ver­lag erschie­ne­nen Roman „Die schiere Wahr­heit“ gewährt die Schaff­hau­ser Autorin Ursula Has­ler Ein­blick in die Schreib­werk­statt zweier gros­ser Kri­mi­schrift­stel­ler des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, deren Cha­rak­ter und Lebens­läufe unter­schied­li­cher nicht hät­ten sein kön­nen: Des Bel­gi­ers Geor­ges Sime­non, des­sen mit leich­ter Feder hin­ge­wor­fene Mai­gret-Romane ihm schon früh eine finan­zi­ell gut gepols­terte Exis­tenz ermög­lichte, und des glück- und ruhe­lo­sen Schwei­zers Fried­rich Glau­ser, der sich, von Mor­phi­ums­sucht geplagt, seine Stu­der-Romane unter schwers­ten psy­cho­lo­gi­schen Bedin­gun­gen abrin­gen musste.

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit - Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman - Limmat VerlagSie hät­ten ein­an­der im wah­ren Leben begeg­nen kön­nen, Geor­ges Sime­non und Fried­rich Glau­ser, denn zufäl­li­ger­weise weil­ten beide im Som­mer 1937 unweit von­ein­an­der an der west­fran­zö­si­schen Atlan­tik­küste. Glau­ser war mit sei­nem Roman Matto regiert end­lich der Durch­bruch gelun­gen, und er hoffte, an der Seite von Ber­the Ben­del in einem klei­nen Bade­ort süd­lich von Nan­tes seine inne­ren Dämo­nen bän­di­gen zu kön­nen, um ver­schie­dene lite­ra­ri­sche Pro­jekte zu Ende zu führen.

Georges Simenon - Glarean Magazin
Vater der legen­dä­ren Mai­gret-Romane: Geor­ges Sime­non (1903-1989)

Zur glei­chen Zeit flüch­tete sich Sime­non mit sei­ner schwer depres­si­ven Frau vom Pari­ser Tru­bel in die Nähe von La Rochelle, wo er sich nach den erfolg­rei­chen Mai­gret-Roma­nen end­lich der wah­ren Lite­ra­tur zu wid­men gedachte. Die­ses zeit­li­chen und geo­gra­fi­schen Zufalls hat sich Ursula Has­ler in ihrem Roman bedient, um einen Krimi zu schrei­ben, der die lite­ra­ri­schen Eigen­hei­ten bei­der Autoren mit­ein­an­der ver­knüft. Eine Fusion sozu­sa­gen, bloß dass Glau­sers Wacht­meis­ter Stu­der nicht Sime­nons Mai­gret zur Seite steht, son­dern eine alte Jung­fer namens Amé­lie Morel, die sich Sime­non spon­tan als Ersatz aus­denkt, weil er 1937 noch im Ernst glaubte, sei­nen popu­lä­ren Kom­mis­sar end­gül­tig in den Ruhe­stand geschickt zu haben.

Prosa mit Helvetismen

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Buch-Autorin Ursula Has­ler sagt es jedoch selbst: Die schiere Wahr­heit ist eine Spie­le­rei, als her­kömm­li­cher Krimi nicht wirk­lich ernst zu neh­men. Und tat­säch­lich ist nicht so sehr der von Sime­non und Glau­ser wäh­rend aus­ge­dehn­ten Strand­spa­zier­gän­gen erfun­dene Plot um einen am Strand tot auf­ge­fun­de­nen Ame­ri­ka­schwei­zer inter­es­sant, son­dern die Zwi­schen­ka­pi­tel, in denen die bei­den sich über ihr Schrei­ben, das Kon­zi­pie­ren von Kri­mi­nal­fäl­len, ihre Figu­ren­zeich­nung und Evo­zie­rung bestimm­ter Milieus und Atmo­sphä­ren unterhalten.
Man spürt, dass die­sen fik­ti­ven Gesprä­chen aus­ge­dehnte Recher­chen der Autorin zugrunde lie­gen. Has­ler hat nicht nur Leben und Werk von Sime­non und Glau­ser minu­tiös unter die Lupe genom­men, son­dern auch deren jewei­li­gen Schreib­stil, den sie sich im eige­nen Roman auch aneig­net. So streut sie gern Hel­ve­tis­men in ihre Prosa, wenn Glau­ser – oder Mon­sieur Glosère, wie Sime­non sei­nen Kol­le­gen nennt – an der Reihe ist, ein Kapi­tel des Kri­mi­nal­falls bei­zu­steu­ern. Bis­wei­len klin­gen diese Hel­ve­tis­men etwas for­ciert, aber wäh­rend der Lek­türe auf Wör­ter wie „Lis­mete“, „blutt“, „Chabis“, „z’Bern“ und der­glei­chen zu sto­ßen, ruft einen immer­hin in Erin­ne­rung, dass man es bei die­sem in einem fran­zö­si­schen See­bad ange­sie­del­ten Roman doch letzt­lich mit einem Schwei­zer Text zu tun hat.

Glausers exakt beobachtete „Sächeli“

Friedrich Glauser - Studer Manuskript und Schreibmaschine - Glarean Magazin
Fried­rich Glau­sers „Studer“-Manuskript mit Schreib­ma­schine (Sze­nen-Foto aus dem Film „Glau­ser“)

Sime­nons und Glau­sers Pos­tu­lat, wonach der Autor sich für die Erzeu­gung von Span­nung nicht unbe­dingt eine ver­zwickte Hand­lung aus­den­ken muss, beher­zigt die Autorin lei­der etwas zu wört­lich. Mitte des Romans lässt sie Glau­ser sagen: „Eine Hand­lung kann unglaub­lich lang­wei­lig sein, sta­tisch möchte ich sagen, und eine Erzäh­lung, in der schier nichts pas­siert, kann span­nend sein und voll Dyna­mik. Näm­lich mit exakt beob­ach­te­ten Sächeli…“
Stimmt. Man denke an Proust Monu­men­tal­werk, in dem über Sei­ten nichts pas­siert außer einem Lächeln oder dem von einer Frau­en­schul­ter Glei­ten eines Schals. Prousts exakt beob­ach­tete „Sächeli“ sind indes­sen nicht bloße Beschrei­bun­gen, son­dern mit Erin­ne­run­gen, Asso­zia­tio­nen und Emo­tio­nen befrach­tete Wahr­neh­mun­gen, die auf die momen­tane Befind­lich­keit des Beob­ach­ten­den zurück reflek­tie­ren. In Has­lers Prosa sind diese „Sächeli“, die eine Atmo­sphäre schaf­fen und die Eigen­art der Figu­ren her­aus­kris­tal­li­sie­ren soll­ten, jedoch meist nur unnö­ti­ger Wortballast.

Klischierung von Figuren

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Die der­mas­sen aufs bloße Beschrei­ben redu­zierte Spra­che führt bald ein­mal zur Kli­schie­rung der Figu­ren und Situa­tio­nen. Vor allem die tüf­telnde Amé­lie Morel ver­kommt dabei zur blas­sen fran­zö­si­schen Kari­ka­tur von Aga­tha Christie’s Miss Mar­ple. Dass sie eine alte Jung­fer ist, wird einen bei jeder Gele­gen­heit – und aus­führ­lichst – in Erin­ne­rung geru­fen, so auch, dass Glau­ser arm und Sime­non reich ist. Aber auch die Prosa selbst ist bis auf den flot­ten und ein­la­den­den Anfang oft über­la­den und zei­tigt bis­wei­len arg miss­glückte Stil­blü­ten: „…der zier­li­che Korb­ses­sel knackte ent­setzt und ent­setz­lich…“ oder: „An ihrem Tisch hockte bockig das Schweigen…“
Was nach der Lek­türe die­ses Romans bleibt, ist eine Mischung von Ärger und Ent­täu­schung. Die grund­le­gende Idee mit­samt über­ra­schen­dem Schluss à la Piran­dello ist bril­lant und der Schau­platz – Strand, Dünen, See­bad – mit sicht­li­cher Liebe evo­ziert, aber eine hal­bierte Sei­ten­zahl hätte es auch getan, sowohl der Zeit und Geduld des Lesers als auch den bei­den her­vor­ra­gen­den Kri­mi­au­to­ren zuliebe, die Has­ler hier zum Leben erwe­cken wollte. ♦

Ursula Has­ler: Die schiere Wahr­heit – Glau­ser und Sime­non schrei­ben einen Kri­mi­nal­ro­man, Roman, Lim­mat Ver­lag, 342 Sei­ten, ISBN 978-3-03926-020-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schwei­zer Krimi auch über Tho­mas Brändle: Das Geheim­nis von Montreux

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