Ralf Günther: Als Bach nach Dresden kam (Novelle)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Das Duell der Tastenvirtuosen

von Heiner Brückner

Johann Wolf­gang von Goe­the for­mu­lierte 1827 in einem Gespräch mit Johann Peter Ecker­mann als wesent­li­ches Merk­mal der Novelle „eine sich ereig­nete uner­hörte Bege­ben­heit“. Novel­len gestal­ten all­ge­mein gese­hen von einem wah­ren Kern aus­ge­hend eine Neu­ig­keit mit erzäh­le­risch mehr oder min­der span­nen­den Aus­schmü­ckun­gen. Etwas hätte so sein kön­nen oder wäre sicher­lich per­fek­ter gewor­den, als es in Wirk­lich­keit gewe­sen ist. Die Kunst des Autors liegt darin, das Ereig­nis der­art plas­tisch zu erzäh­len, dass es nahezu authen­tisch erscheint. Bei sei­nem Debüt über den Maler Ernst Lud­wig Kirch­ner ist es Ralf Gün­ther her­vor­ra­gend gelun­gen, die Kri­te­rien einer Novelle umzusetzen.

Ralf Günther - Als Bach nach Dresden kam - Literatur-Rezension im Glarean MagazinIm Fall der aus­ge­dach­ten Dres­den-Epi­sode von Johann Sebas­tian Bach kann man ihm die meis­ter­li­che Form­be­herr­schung ebenso wenig abspre­chen. Aller­dings mit dem ent­schei­den­den Unter­schied, dass seine Novelle „Als Bach nach Dres­den kam“ um eine fik­tive Novi­tät auf­ge­baut ist. Der Bach-Experte Jan Katzschke hat das in sei­nem Nach­wort „Dich­tung und Wahr­heit des Dresd­ner Tas­ten­du­ells“ erläu­tert und einen ech­ten Dresd­ner Orgel­wett­streit von 1650 sowie in Rom das Duell im Jahr 1709 zwi­schen Georg Fried­rich Hän­del an der Orgel und Dome­nico Scar­latti auf dem Cem­balo angeführt.

Anfang und Ende aller Musik“: Johann Sebastian Bach

Für den Nekro­log auf Johann Sebas­tian Bach, der „Anfang und Ende aller Musik“ sei, wie es Max Reger (1873 bis 1916) for­mu­liert hat, wurde 1754 zu sei­ner Glo­ri­fi­zie­rung eine Anek­dote über einen angeb­li­chen Wett­streit zwi­schen ihm als gedie­ge­nem, from­mem Pro­vinz­mu­si­ker am deut­schen Fürs­ten­hof und dem skan­dal­um­wit­ter­ten, über­heb­li­chen Hof­or­ga­nis­ten Louis Mar­chand (1669 bis 1732) des fran­zö­si­schen Son­nen­kö­nigs Lud­wig XIV. in Dres­den kre­iert. Die­ses Tas­ten­du­ell hat 1717 nicht statt­ge­fun­den, denn zu jener Zeit war Bach Kon­zert­meis­ter im Fürs­ten­tum Wei­mar und war soeben zum Hof­ka­pell­meis­ter des Fürs­ten Leo­pold von Anhalt in Köthen ernannt wor­den. Man kann die Mär folg­lich getrost begra­ben und ver­ges­sen. Fakt ist viel­mehr, dass Johann Sebas­tian Bach zum Dank für den ver­lie­he­nen Titel „Hof­kom­po­si­teur“ in einem zwei­stün­di­gen Kon­zert am 1. Dezem­ber 1736 die Sil­ber­mann-Orgel in der Dresd­ner Frau­en­kir­che bespielt hat.

Spannend-amüsantes Orgel-Duell

Johann Sebastian Bach gegen Louis Marchand - Orgel-Duell - Glarean Magazin
Fik­ti­ves Duell von zwei der bes­ten Orga­nis­ten ihrer Zeit: Johann Sebas­tian Bach gegen Louis Marchand

Aus einer Rand­no­tiz der Musik­ge­schichte gestal­tete Ralf Gün­ther somit ein span­nen­des Orgel-Duell zwi­schen zwei musi­ka­li­schen Grös­sen des 18. Jahr­hun­derts zu einer höchst amü­sant erzähl­ten Begebenheit.
Kur­fürst August der Starke habe den Direk­tor sei­ner Dresd­ner Hof­ka­pelle, den flä­mi­schen Gei­ger Jan-Bap­tist Woul­meyer alias Jean-Bap­tiste Volu­mier, beauf­tragt, den Hof­or­ga­nis­ten Louis Mar­chand des Son­nen­kö­nigs Lud­wig XIV. zu einem Kon­zert in Dres­den zu über­re­den. Der habe Kon­kur­renz gewit­tert und sich den gefak­ten Wett­streit aus­ge­dacht. Den Ein­fäd­ler Volu­mier hatte seine eigene Täu­schung, den gros­sen Bach zu hören, obwohl es der … Schulz gewe­sen ist, auf die die Finte gebracht. Er hiess ihn eine Bach-Perü­cke auf­zu­set­zen, als der Fran­zose, sei­ner­seits in Frau­en­klei­der ver­hüllt, die Probe aus­hor­chen wollte. Was er zu hören bekam, schreckte ihn der­art ab, dass er wie­der abreiste und den Wett­streit der Orgel­gi­gan­ten nicht antritt. Schliess­lich habe auch Volu­miers Befürch­tung, der Kur­fürst habe den Fran­zo­sen an sei­nen Hof enga­gie­ren wol­len, sich als über­ängst­li­cher Eifer herausgestellt.

Einfühlsame und ausdrucksstarke Novelle

FAZIT: „Als Bach nach Dres­den kam“ von Ralf Gün­ther ist amü­sante Novelle mit reich­lich Zeit­ko­lo­rit des 18. Jahr­hun­derts über den Musi­ker­wett­streit zwi­schen dem Pari­ser Orgel­gi­gan­ten Louis Mar­chand und Johann Sebas­tian Bach, der womög­lich in Dres­den statt­ge­fun­den haben könnte, wenn der Ver­mitt­ler des Kur­fürs­ten nicht aus Kon­kur­renz­angst gefakt, son­dern mit offe­nen Tas­ten gespielt hätte…

Die Schil­de­run­gen Ralf Gün­thers sind bild­haft in den beschrie­be­nen Ges­ten, ein­fühl­sam in den Dia­lo­gen und daher aus­drucks­stark. Noch die neben­säch­lichste Anmer­kung bezieht er auf das Kern­ge­sche­hen. Die Spra­che ist gele­gent­lich his­to­ri­sie­rend, des­we­gen für heu­tige Ohren etwas lang­at­mig, aber sie bringt die Zeit­ge­schichte anschau­lich und im Detail ins Bild. Manch­mal hat man aller­dings auch den Ein­druck, ein Pas­sus wie­der­hole sich. Die Dar­stel­lung der Unan­nehm­lich­kei­ten einer Reise in der Post­kut­sche des­il­lu­sio­nie­ren jeden Roman­ti­ker. Inter­es­sant ist der Ein­blick in das Innen­le­ben einer Orgel, das anhand einer Orgel­ab­nahme Bachs aus­führ­lich geschil­dert wird. Auch die Liebe wird nicht ver­ges­sen, sowohl in Paris als in Dres­den: Wäh­rend sei­ner Täu­schungs­ma­nö­ver ver­liebte sich Volu­mier in Bachs Cou­sine Frie­de­lena, wurde aber auf spä­ter ver­trös­tet. Am Ende des span­nen­den wie unter­halt­sa­men his­to­risch-musi­ka­li­schen Rät­sel­stücks durfte der nicht in das Täu­schungs­ma­nö­ver invol­vierte Dritte lachen: der Dresd­ner Hof­or­ga­nist, des­sen bestehende Posi­tion von August dem Star­ken nie infrage gestellt wor­den war. ♦

Ralf Gün­ther: Als Bach nach Dres­den kam, 156 Sei­ten, Rowohlt-Kind­ler-Ver­lag, ISBN 9783463407067

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Johann Sebas­tian Bach auch über den Mon­te­verdi-Choir (Gar­di­ner): Eter­nal Fire (Chor-CD)

… sowie zum Thema Musik-Städte über Heinz Stade: Bach, Liszt und Wag­ner in Weimar


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