Monteverdi Choir: Eternal Fire (Bach-Kantaten)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

Bachs Kosmos chormusikalisch ausgelotet

von Walter Eigenmann

Über das in der euro­päi­schen Musik­ge­schichte schier sin­gu­läre Phä­no­men der Bach-Kan­tate sind in den letz­ten 250 Jah­ren bekannt­lich ganze Biblio­the­ken geschrie­ben wor­den. Denn das anfäng­lich monat­li­che, dann wöchent­li­che, zu guter Letzt weit über 200 Werke umfas­sende und das gesamte sonn­täg­li­che Kir­chen­jahr mehr­fach umspan­nende geist­li­che Kan­ta­ten-Kom­po­nie­ren des Johann Sebas­tian Bach zu Arn­stadt (ab 1703), Wei­mar (ab 1708), Köthen (ab 1717) oder Leip­zig (ab 1723) fokus­siert ein­zig­ar­tig das phi­lo­so­phi­sche Pan­orama, das theo­lo­gi­sche Spek­trum, die musik­sti­lis­ti­sche Viel­falt, die emo­tio­nale Spann­weite und die kom­po­si­ti­ons­tech­ni­sche Meis­ter­schaft die­ses gröss­ten der Barock-Genies. Und im Zen­trum eben die­ses Kos­mos‘, als der eigent­li­che Trä­ger der kom­po­si­to­ri­schen – welt­li­chen wie geist­li­chen – „Bot­schaf­ten“ auf­grund einer Viel­zahl von Tex­ten unter­schied­lichs­ter Quel­len, aber auch als die viel­leicht kon­zen­trier­teste Mani­fes­tie­rung des Bach­schen Schaf­fens über­haupt, steht der Chor.

Das Kantaten-Chorschaffen im Zentrum

Monteverdi-Choir-Gardiner: Eternal fire (Bach Choruses)Umso ver­wun­der­li­cher denn, dass die aktu­elle, im Inter­net recher­chier­bare rie­sige Bach-Dis­ko­gra­fie mei­nes momen­ta­nen Wis­sens kaum CD-Titel ent­hält, die das Kan­ta­ten-Chor­schaf­fen Bachs dezi­diert in den Mit­tel­punkt hebt; neben einer mitt­ler­weile unüber­seh­ba­ren Fülle von Ein­zel- (sprich „High­lights“-) oder aber Gesamt­auf­nah­men exis­tie­ren kaum Pro­duk­tio­nen mit rein cho­ri­schen Kan­ta­ten-Aus­kop­pe­lun­gen (geschweige denn mit the­ma­tisch begrün­de­ten Exzerpten).
Doch zumin­dest auf dem Gebiete der Geist­li­chen Kan­tate wird das nun, und zwar erfreu­li­cher­weise pro­mi­nent und des­halb hof­fent­lich publi­kums­wirk­sam, geän­dert durch ein Recor­ding des berühm­ten Mon­te­verdi-Cho­res und der („his­to­risch“ musi­zie­ren­den) Eng­lish Baro­que Solists unter John Eliot Gar­di­ner mit dem Titel „Eter­nal Fire – Bach: Great Can­tata Choruses“.

13 Millionen Euro schweres Mammut-Konzertprojekt

Monteverdi Chor - Glarean Magazin
Einer der welt­weit bes­ten Kon­zert­chöre: Der Mon­te­verdi Chor mit den Eng­lish Baro­que Solists unter John Gardiner

Musi­ka­li­sche Basis die­ser CD-Pro­duk­tion ist die legen­däre „Bach Can­tata Pil­grimage“. Im Bach-Jubi­lä­ums­jahr 2000 initi­ierte damals Diri­gent Gar­di­ner mit sei­nem Mon­te­verdi-Chor ein bis­her noch nicht gese­he­nes, rund 13 Mil­lio­nen Euro schwe­res Mam­mut-Kon­zert­pro­jekt: ein gan­zes Jahr lang führte der wan­dernde Musi­ker-Tross jede Woche in wech­seln­den Städ­ten Euro­pas und in Über­see sämt­li­che geist­li­chen Bach-Kan­ta­ten auf, begin­nend am 23. Dezem­ber 1999 in der Wei­ma­rer Her­der Kir­che und endend an Sil­ves­ter 2000 in der New Yor­ker St. Bartholomew’s Church.
Diese ein­zig­ar­tige Tour­nee (natür­lich u.a. zu den ver­schie­de­nen orgi­na­len Wir­kungs­stät­ten Bachs) warf damals spek­ta­ku­läre Wel­len in der gesam­ten Musik-Presse, führte zu gleich­blei­bend hoch­ka­rä­ti­gen Kon­zer­ten, liess die betei­lig­ten Musi­ker ver­schie­dene inter­na­tio­nale Preise ein­heim­sen – und resul­tierte nicht weni­ger als 27 (teils dop­pel­sei­tige) CD-Pro­duk­tio­nen im eigens dafür gegrün­de­ten Label „Soli Deo Glo­ria / SDG“.

Chor-Konzentrat der Bach-Pilgrimage

Dirigent Gardiner bei einer seiner
Diri­gent Gar­di­ner bei einer sei­ner „Pilgrimage“-Proben

Eter­nal Fire“ ist nun quasi ein Chor-Kon­zen­trat die­ser „Pil­grimage“ mit 14 bekann­ten (zumeist aber weni­ger bekann­ten) geist­li­chen Kan­ta­ten-Chö­ren vor­wie­gend aus der (bio­gra­phisch sehr schwie­ri­gen) Leip­zi­ger Zeit Bachs stam­mend. Sie doku­men­tie­ren sowohl in musi­ka­li­scher wie text­lich-exege­ti­scher Hin­sicht eine Bach­sche Chor­be­hand­lung auf ein­sam hohem Niveau, mit einem völ­lig ein­zig­ar­ti­gen Reich­tum an schöp­fe­ri­schen Stel­lung­nah­men bzw. deren kom­po­si­to­ri­schen Umset­zun­gen durch Bach. (Über die Posi­tion gerade die­ser 14 gewähl­ten Chöre inner­halb des Bach­schen Kan­ta­ten-Wer­kes ori­en­tiert den CD-Hörer übri­gens ein sehr kom­pe­tent ver­fass­ter Book­let-Text des eng­li­schen Musik­wis­sen­schaft­lers J. Free­man-Att­wood). Jeden­falls las­sen nur schon diese „Great Can­tata Cho­ru­ses“ auf „Eter­nal Fire“ die Begeis­te­rung des Diri­gen­ten und Bach-For­schers Gar­di­ner nach­voll­zie­hen, der in einem Inter­view meinte: „Aus­ser Bach gäbe es kei­nen Kom­po­nis­ten, mit dem ich mich ein gan­zes Jahr beschäf­ti­gen könnte. Bach ist so viel­fäl­tig, so fan­ta­sie­voll – sein Schat­ten ist lang. Er inspi­rierte Musi­ker von Mozart über Men­dels­sohn bis Stra­win­sky oder Jaz­zer wie Jac­ques Lous­sier. Er ist uni­ver­sal, des­we­gen glaube ich: Bach ist der Kom­po­nist der Zukunft“.

Nobel Prize for choirs“

Chor-Behandlung auf einsam hohem Niveau: Autographisches Fragment der Kantate
Chor-Behand­lung auf ein­sam hohem Niveau: Auto­gra­phi­sches Frag­ment der Kan­tate „Wei­nen, Kla­gen, Sor­gen Zagen“ (BWV 12)

Eine regel­rechte Poten­zie­rung die­ser (gerade bei Gar­di­ner intel­lek­tu­ell wohl­be­grün­de­ten) Bach-Schwär­me­rei des berühm­ten Diri­gen­ten ist dann erwar­tungs­ge­mäss im Musi­zie­ren sei­nes Mon­te­verdi-Cho­res und der Instru­men­ta­lis­ten doku­men­tiert. Natür­lich kon­zer­tiert ein welt­weit wohl ein­zig­ar­ti­ges Chor­en­sem­ble wie der „Mon­te­verdi“ auch auf die­ser CD sowohl rhyth­misch wie into­na­ti­ons­tech­nisch makel­los, regis­ter­klang­lich her­vor­ra­gend balan­ciert, mit prä­zi­ses­ter Arti­ku­la­tion und übri­gens einer – für vor­wie­gend eng­lisch­spra­chige Sän­ger kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­li­chen – kla­ren deutsch­sprach­li­chen Dik­tion. Und selbst­ver­ständ­lich singt die­ses Ensem­ble mit einem strah­lend-rei­nen For­tis­simo oder einem tra­gend-run­den Pia­nis­simo im Ver­bund mit einer buch­stäb­lich alle Chor-Regis­ter zie­hen­den Expres­si­vi­tät der kom­po­si­to­risch inten­dier­ten Wort­deu­tun­gen. Der Chor­ge­sang die­ser viel­fach preis­ge­krön­ten For­ma­tion – unter­stützt durch ein sehr agi­les, ent­we­der sen­si­bel grun­die­ren­des oder dann instru­men­tal­so­lis­tisch bril­lant agie­ren­des Orches­ter – ist ein­fach beein­dru­ckend, und das Urteil von „Le Monde“ ist kei­nes­wegs über­trie­ben: „If there were a Nobel Prize for choirs, the Mon­te­verdi Choir should be its laureate“.

Den Code einer wunderbaren Musik geknackt

„Deut­li­cher Unter­richt vom Gottes=Dienst in Leip­zig“: Der Leip­zi­ger „Kir­chen­staat“ von 1710 (links die Nicolai-Kirche)

Doch im Musi­zie­ren die­ses Ter­zet­tes Gardiner-„Monteverdi“-„BaroqueSolists“ ist, jen­seits aller tech­ni­schen Per­fek­tion, noch eine wei­tere Dimen­sion spür­bar, die man – viel­leicht eupho­risch – als Bach-Weis­heit bezeich­nen kann. In zahl­rei­chen Après-Con­cert-State­ments von an der „Pil­grimage“ betei­lig­ten Cho­ris­ten und Instru­men­ta­lis­ten klingt es ähn­lich an wie in jenem des Trom­pe­ters Michael Har­ri­son, der nach die­sem Bach-Pil­ger­jahr bekannte (Zitat): „Vor mei­ner Teil­nahme an der Can­tata Pil­grimage konnte ich mit den Kan­ta­ten nicht so rich­tig ‚warm‘ wer­den: sie erschie­nen mir immer etwas undurch­dring­lich und unnah­bar. Doch mit der Zeit ent­stand eine zuneh­mende Ver­traut­heit mit der musi­ka­li­schen und spi­ri­tu­el­len Spra­che der Werke, es fühlte sich an wie eine ‚Magic-Eye-Erfah­rung‘ für Ohren. In dem Masse, wie diese Stü­cke began­nen, Besitz von mir zu ergrei­fen, wuchs auch meine Auf­nah­me­fä­hig­keit für die von ihnen trans­por­tierte ein­zig­ar­tige Bot­schaft. Mein Damas­kus­er­leb­nis hatte ich wohl zur Mitte des Pro­jekts wäh­rend des Kon­zerts in Iona am 28. Juli, dem zwei­hun­dert­und­fünf­zigs­ten Todes­tags Bachs. Wäh­rend der Auf­füh­rung von Kan­tate 131 (‚Aus der Tie­fen‘) bemerkte ich, wie Trä­nen auf mei­ner Kon­zert­klei­dung lan­de­ten. Es war mein per­sön­li­ches Epi­pha­nias, ich hatte den Code die­ser wun­der­ba­ren Musik geknackt.“

Referenz-Charakter in Sachen Bach-Chöre

Bachs Aufführungs- und Besetzungs-Kalender zu Weihnachten / Neujahr 1723/24 (Quelle: Wolff/Koopman, Die Welt der Bach-Kantaten / Bd.3)
Bachs Auf­füh­rungs- und Beset­zungs-Kalen­der zu Weih­nach­ten / Neu­jahr 1723/24 (Quelle: Wolff/Koopman, Die Welt der Bach-Kan­ta­ten / Bd.3)

Und genau so, mit die­sem schwer beschreib­ba­ren Unter­grund des Wis­sens um die geis­ti­gen (und kei­nes­wegs nur geist­li­chen) Fun­da­mente die­ser Kan­ta­ten, „kommt“ das Musi­zie­ren des Cho­res „rüber“. Das könnte man umfang­reich en détail unter­mau­ern: Das prunk­hafte-voll­stim­mige Froh­lo­cken zusam­men mit einem blech­über­strahl­ten Orches­ter­tutti im eröff­nen­den „O ewi­ges Feuer…“; das abgrün­dig-sekund­schrit­tige Kla­gen im Kon­trast zum hoff­nungs­voll-dak­ty­li­schen Drän­gen beim „Ihr wer­det wei­nen…“; die wun­der­voll aus­ge­sun­gene Kon­tra­punk­tik im luthe­ri­schen „Eine feste Burg…“; Bachs unnach­ahm­li­che, vom Chor äus­serst dicht-beklem­mend into­nierte Chor-Dra­ma­tik im „Nimm von uns, Herr…“; dann wie­der die anfäng­li­che rhyth­mi­sche und har­mo­ni­sche Sim­pli­zi­tät im „Brich dem Hung­ri­gen dein Brot“ mit sei­ner sprung­haf­ten, dem Wort genau ange­pass­ten, ste­ti­gen Kom­pli­zie­rung der Geflechte; das berühmte „Wei­nen, Kla­gen, Sor­gen, Zagen“ mit einem unglaub­lich inten­siv „mit­füh­len­den“ Chor­ge­sang, wie man ihn nur sel­ten beim BWV 12 in sol­cher Aus­drucks­prä­senz hört; dar­auf fol­gend die fili­gran durch­ge­hörte, mit vir­tuo­ser Leich­tig­keit erreichte Trans­pa­renz der poly­phon auf­trump­fen­den Chöre „Es ist ein trot­zig und ver­zagt Ding“ und „Es erhub sich ein Streit“ – doch genug der Stich­worte zu die­sen 14 an inter­pre­ta­to­ri­schen Glanz­lich­tern über­rei­chen Wiedergaben.

„Eter­nal Fire“ mit Gar­di­ners „Monteverdi“-Sängerschaft hat Refe­renz-Cha­rak­ter in Sachen Bach-Chöre, trotz her­vor­ra­gen­der Ein­spie­lun­gen ande­rer Ensem­bles. Die­sen Auf­nah­men merkt man die buch­stäb­lich jah­re­lange Beschäf­ti­gung aller Inter­pre­ten mit der Mate­rie Bach in jedem Takt an – eine schlicht begeis­ternde CD, und die wür­de­volle Apo­theose einer ein­zig­ar­ti­gen „Pil­ger­reise“.

Kurzum: „Eter­nal Fire“ mit Gar­di­ners „Monteverdi“-Sängerschaft hat Refe­renz-Cha­rak­ter in Sachen Bach-Chöre, trotz her­vor­ra­gen­der Ein­spie­lun­gen ande­rer Ensem­bles. Die­sen Auf­nah­men merkt man die buch­stäb­lich jah­re­lange Beschäf­ti­gung aller Inter­pre­ten mit der Mate­rie Bach in jedem Takt an – eine schlicht begeis­ternde CD, und die wür­de­volle Apo­theose einer ein­zig­ar­ti­gen „Pil­ger­reise“. ♦

Mon­te­verdi Choir, Eng­lish Baro­que Solists, Sir John E. Gar­di­ner: Eter­nal Fire – Johann Sebas­tian Bach, Great Can­tata Cho­ru­ses, Audio-CD, Label „Soli Deo Glo­ria“ 177

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Barock­mu­sik auch über Bern­hard Mor­bach: Die Musik­welt des Barock

… sowie zum Thema Chor­mu­sik über die neue Stu­die zur Musik-Psy­cho­lo­gie: Chor­ge­sang för­dert emo­tio­nale und intel­lek­tu­elle Kompetenzen


Ein Kommentar

  1. Lie­ber Walter,
    eine inter­es­sante Sicht­weise zu Ihren Gar­di­ner-Aus­füh­run­gen, die ich voll­auf nach­voll­zie­hen kann. Als ein lang­jäh­ri­ger Kon­zert­freund von Sir J.E. Gar­di­ner sei­nem Mon­te­verdi Choir und Eng­lish Baro­que Soloists kann abso­lut davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Mon­te­verdi Choir abso­lute Welt­spitze bedeu­tet und mich immer wie­der aufs neue begeis­tert, Die deut­sche Wort­ar­ti­ku­la­tion des eng­li­schen Cho­res ist als phä­no­me­nal anzu­se­hen und ist trotz häu­fi­ger Wech­sel jun­ger Nach­wuchs-Sän­ger/in­nen immer auf dem glei­chen Niveau geblie­ben das grenzt schon fast an ein Wunder.
    Vie­len Dank für Ihren begeis­ter­ten Arti­kel über Sir Gar­di­ner, EBS und dem Mon­te­verdi Choir, den ich mit Freude zur Kennt­nis genom­men habe.

    Herz­li­che Grüße
    Volker

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