S. Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Die Narben einer einzigartigen Stadt

von Bernd Giehl

Ein klei­nes Buch für die Jacken­ta­sche ist die­ses „Ber­lin – Eine lite­ra­ri­sche Ein­la­dung“ aus dem Wagen­bach Ver­lag. Man kann es mit­neh­men und im ICE lesen, wenn man gerade nach Ber­lin unter­wegs ist, um dort ein ver­län­ger­tes Wochen­ende zu ver­brin­gen, oder weil man geschäft­lich hin muss. So eine Fahrt kann ja dau­ern, und nicht immer fin­det man den Sitz­nach­barn so sym­pa­thisch, dass man sich unbe­dingt mit ihm unter­hal­ten will.

Einem Irr­tum sollte man aller­dings nicht unter­lie­gen: „Ber­lin“ ist kein Rei­se­füh­rer. Sinn­los, es nach „Sehens­wür­dig­kei­ten“ durch­zu­blät­tern. Wer wis­sen will, ob es sich lohnt, die Geth­se­ma­n­e­kir­che zu besu­chen, oder ob man sich die Mons­tro­si­tät des Ber­li­ner Doms wirk­lich antun sollte, der wird nicht fün­dig wer­den. Eher schon geht es um All­tag, die Hin­ter­höfe, die Bau­lü­cken, die „Rat­ten­lö­cher“, die gesamte Häss­lich­keit, die es ja wahr­schein­lich in jeder Gross­stadt auf die­sem Pla­ne­ten gibt, in Ber­lin aber beson­ders konzentriert.

Ein Sack mit allem Möglichen drin

Wagenbach Verlag - Berlin - Eine literarische Einladung - CoverIch würde sagen, Ber­lin ist ein Sack, in den seit Jahr­hun­der­ten alles Mög­li­che hin­ein­ge­steckt wurde. Doch zum Glück hat die­ser Sack ein Loch, und so fällt das meiste davon immer wie­der her­aus und hält sich nicht lange“, schreibt Durs Grün­bein in dem Text, der das Buch eröffnet.
Natür­lich ist es die Geschichte, auf die Durs Grün­beins Satz vom löch­ri­gen Sack anspielt, die Ber­lin so ein­zig­ar­tig macht. Und natür­lich haben auch andere Städte eine Geschichte, die zum Teil viel län­ger ist, aber kaum eine hat eine Geschichte, die so mit dem Schick­sal eines gan­zen Kon­ti­nents ver­bun­den ist. Andere Städte defi­nie­ren sich durch die Kunst, die sie her­vor­ge­bracht haben oder durch ihre ein­zig­ar­tige Archi­tek­tur. Ber­lin defi­niert sich durch das Schick­sal, Haupt­stadt des preus­si­schen Geis­tes zu sein. 1701 machte der preus­si­sche Kur­fürst Ber­lin zur Haupt­stadt sei­nes Rei­ches. Zwei Jahr­hun­derte spä­ter wur­den zwei Welt­kriege von die­ser Haupt­stadt aus geplant und durchgeführt.

Vielfältige Narben der Geschichte

Die FriedrichStrasse in Berlin um 1900
Die Fried­rich­Strasse in Ber­lin um 1900

So geht es auch eher um die Nar­ben, die Ber­lin prä­gen und die es hin­ter­las­sen hat. Immer wie­der wird dar­auf ange­spielt, so zum Bei­spiel in der Geschichte von Katja Petrows­kaja „Google sei Dank“, in der die Ich-Erzäh­le­rin, gemein­sam mit einem ira­ni­schen Juden nach Polen reist und sich mit ihm zusam­men Gedan­ken macht, was der Spruch „Bom­bar­dier. Will­kom­men in Ber­lin“, den sie beide im Haupt­bahn­hof gese­hen haben, bedeu­tet. Da auch die Erzäh­le­rin nicht weiss, was der Name „Bom­bar­dier“ bedeu­tet, phan­ta­siert sie von einem Musi­cal, das gerade in Ber­lin auf­ge­führt werde. Aber natür­lich kreist das Gespräch der bei­den schon bald um ein ganz ande­res Assoziationsfeld.
Dane­ben gibt es aber auch andere Geschich­ten, die ein­fach vom hier und jetzt erzäh­len; von Miss­ver­ständ­nis­sen, die es auch in alter­na­ti­ven Wohn­pro­jek­ten gibt, vom Zusam­men­le­ben und Aus­ein­an­der­ge­hen von Men­schen, die sich nur wenig zu sagen haben. Es ist wie über­all: Schon der Bau eines Baum­hau­ses kann zu unge­ahn­ten Schwie­rig­kei­ten füh­ren, nur dass es ganz andere sind als wir erwarten.

Ein schillerndes Kaleidoskop

Die FriedrichStrasse im Berlin unserer Tage
Die Fried­rich­Strasse im Ber­lin unse­rer Tage

Kann man die viel­fäl­tige Wirk­lich­keit einer so gros­sen Stadt wie Ber­lin über­haupt ein­fan­gen? Ver­mut­lich kann man nur Teile eines gros­sen Mosa­iks ein­fan­gen, das sich zudem immer wie­der anders prä­sen­tiert. Ber­lin ist eben nicht nur ein Sack vol­ler Gerüm­pel, son­dern auch ein Kalei­do­skop, das immer wie­der ein ande­res Bild produziert.
So ähn­lich geht es dem Leser oder der Lese­rin auch mit die­sem Buch, das viele Namen ver­sam­melt, die man schon anderswo gele­sen hat. Und nicht alles bleibt so lang im Gedächt­nis wie der kurze Text von Niko­las, über­schrie­ben mit „2. Juni 1967“ in dem ein namen­lo­ser Ich-Erzäh­ler von den Vor­be­rei­tun­gen der Poli­zei auf eine Demons­tra­tion erzählt, die spä­ter statt­fin­den wird und nur der Titel einem sagt, dass hier etwas ver­schwie­gen wird. Die Tat­sa­che näm­lich, dass einige Stun­den spä­ter ein Stu­dent namens Benno Ohnes­org von einem Poli­zis­ten namens Karl­heinz Kur­ras erschos­sen wird.
Was dar­aus spä­ter wurde, das wis­sen wir. ♦

Susanne Schüss­ler & Linus Gug­gen­ber­ger (Hrsg.): Ber­lin – Eine lite­ra­ri­sche Ein­la­dung, Wagen­bach Ver­lag, 144 Sei­ten, ISBN 978-3-8031-1328-3 

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