R. Wedler: Unter der Hitze des Ziegeldachs (Gedichte)

Die Wörter befreien sich und tanzen frech”

von Chris­tian Busch

In einer Tonne, einem Wein­fass oder auch mit Tie­ren soll Dio­ge­nes im 4. Jahr­hun­dert vor Chris­tus gelebt haben. Um sei­ner Rolle als Bür­ger­schreck und Unter­hal­ter gerecht zu wer­den. Im 21. Jahr­hun­dert lässt sich “Unter der Hitze des Zie­gel­dachs” so man­cher­lei Erhel­len­des fin­den und den­ken, wie Rai­ner Wed­lers gleich­na­mi­ger, beim Pop-Ver­lag erschie­ne­ner Gedicht­band beweist. In die­sem erweist sich der bereits mit zahl­rei­chen lite­ra­ri­schen Prei­sen und Ehrun­gen aus­ge­zeich­nete Autor ein­mal mehr als vir­tuo­ser, mal ver­wir­ren­der, Augen zwin­kern­der, mal scho­ckie­ren­der, pro­vo­zie­ren­der Sprach­jon­gleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann sei­ner Betrach­tun­gen zu ziehen.

Schmucklos-lakonische Texte in vier Zyklen

Rainer Wedler: Unter der Hitze des ZiegeldachsDie kur­zen, schmuck­los-lako­ni­schen Texte beleuch­ten in vier Zyklen anhand von schein­bar bei­läu­fig aus­ge­wähl­ten Rea­lien und Moti­ven die ‚con­di­tio humana’ aus über­ra­schen­dem Blick­win­kel. Zunächst vor­sich­tig: hin­ter vor­ge­hal­te­ner Maske, dann muti­ger: Was man sich so alles wünscht, schliess­lich real: es gibt dies. Im letz­ten Kapi­tel “Eigen­wil­lig” hat es sich kon­sti­tu­iert, das lyri­sche Ich, in immer kla­rer wer­den­den, respek­tive auto­bio­gra­phi­schen Kon­tu­ren. Dabei weist jedes Gedicht über sich hin­aus, indem es sich der Begrenzt­heit von Spra­che bewusst ist und sich ihrer doch bedient. So wie jemand, der lebt, weiss, dass sein eige­nes Leben nur begrenzt ist und die Mög­lich­keit unend­lich vie­ler Leben unge­nutzt in sich trägt.

Todes-Visionen und die Suche nach dem Sinn

Im ers­ten Zyklus sind es zunächst Todes-Visio­nen (“nicht zu hei­lende Krank­heit”; “der Tod hat sich bei mir ein­ge­hakt”), die als Aus­lö­ser für die Suche nach dem Sinn und einem Weg figu­rie­ren. Da hel­fen die ver­staub­ten Bücher nur wenig. Unwill­kür­lich fällt einem da ein berühm­tes Stu­dier­zim­mer ein, in dem jemand ver­zwei­felte. Beklagt wer­den die bei Tages­licht bis zur Unkennt­lich­keit gebleich­ten Nacht­ge­dan­ken und das Joch der Zivi­li­sa­tion (“Nach­ge­bo­re­ner”). Mis­an­tro­phisch (“zuwei­len”; “Attrap­pen”) schwingt er nicht nur mit Blick auf die Medi­en­welt die gesell­schafts­kri­ti­sche Keule (“…zap­pen wir mit dem ner­vö­sen Dau­men /Und geben die­ses Zucken für Leben aus”) im Ange­sicht der exis­ten­ti­el­len Ein­sam­keit des Men­schen (“Die grosse Ein­sam­keit”), die an der Welt­ord­nung rüt­telt. Von der Sehn­sucht nach einem erfüll­te­ren, wahr­haf­ti­ge­ren Leben, nach Selbst­er­kennt­nis und Iden­ti­tät, nach einem fes­ten Punkt im ewi­gen Fort­schrei­ten der Zeit. Kurz: vom Men­schen. Gekonnt spielt er mit der Schiffs-Meta­pho­rik, in der er den Aus­druck für das rast­lose und nim­mer­müde Her­um­ir­ren und -trei­ben des Men­schen fin­det (“das Meer ist eine Frau”). Spricht hier noch der Schiffs­junge Wed­ler, der nach der Schule nach Afrika fuhr?

Zeugend von aufrichtiger Ernsthaftigkeit

Rainer Wedler erweist sich in seinem Lyrik-Band
Rai­ner Wed­ler erweist sich in sei­nem Lyrik-Band “Unter der Hitze des Zie­gel­dachs” ein­mal mehr als vir­tuo­ser, mal ver­wir­ren­der, Augen zwin­kern­der, mal scho­ckie­ren­der, pro­vo­zie­ren­der Sprach­jon­gleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann sei­ner Betrach­tun­gen zu zie­hen. Seine Gedichte doku­men­tie­ren eine unbän­dige poe­ti­sche Expe­ri­men­tier­lust und die phi­lo­so­phi­sche Lust auf das Leben.

So weit und noch wei­ter gehen diese hei­ter-spie­le­ri­schen und doch meist von auf­rich­ti­ger Ernst­haf­tig­keit zeu­gen­den Gedichte, Ergeb­nis unbän­di­ger poe­ti­scher Expe­ri­men­tier­lust und der phi­lo­so­phi­schen Lust auf das Leben. Egal, ob es die Ameise, der Lie­bes­akt oder das Abend­mahl ist: Immer spie­geln sie das Leben in sei­nen man­nig­fal­ti­gen Wirk­lich­kei­ten wider, vari­ie­ren ver­schie­dene Iden­ti­tä­ten, die des Schiffs­jun­gen, des Begeh­ren­den, Abschied neh­men­den, des Ehe­part­ners oder auch lie­ben­den Vaters. Da erschre­cken die Lie­ben­den vor der “gefähr­li­chen Schlucht in ihren Augen”. Doch immer gilt: “die Wör­ter befreien sich / und tan­zen frech / mit den Gedan­ken / die aus­ge­bro­chen sind / aus ihrem Zuchtgehäuse.”
Rai­ner Wed­ler erweist sich hier ein­mal mehr als vir­tuo­ser, mal ver­wir­ren­der, Augen zwin­kern­der, mal scho­ckie­ren­der, pro­vo­zie­ren­der Sprach­jon­gleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann sei­ner Betrach­tun­gen zu zie­hen. Die spie­le­risch-hei­te­ren und doch meist von auf­rich­ti­ger Ernst­haf­tig­keit zeu­gen­den Gedichte doku­men­tie­ren eine unbän­dige poe­ti­sche Expe­ri­men­tier­lust und die phi­lo­so­phi­sche Lust auf das Leben. ▀

Rai­ner Wed­ler, Unter der Hitze des Zie­gel­dachs – Lyrik, 136 Sei­ten, Pop-Ver­lag, ISBN 978-3-86356-010-2

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