Hans Sahl: Die Gedichte (Gesamtausgabe)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

…was sonst jeder Beschreibung spottet“

von Walter Eigenmann

Ein Mann, den man­che für weise
hiel­ten, erklärte, nach Auschwitz
wäre kein Gedicht mehr möglich.
Der weise Mann scheint
keine hohe Meinung
von Gedich­ten gehabt zu haben –
als wären es Seelentröster
für emp­find­same Buchhalter
oder bemalte Butzenscheiben,
durch die man die Welt sieht.
Wir glau­ben, dass Gedichte
über­haupt erst jetzt wie­der möglich
gewor­den sind, inso­fern näm­lich als
nur im Gedicht sich sagen lässt,
was sonst jeder Beschrei­bung spottet.

Hans Sahl - Die Gedichte - Luchterhand VerlagHans Sahl, der Autor die­ses Gedich­tes „Memo“, schrieb so in sei­nem zwei­ten zu Leb­zei­ten eigen­hän­dig redi­gier­ten Lyrik-Band „Wir sind die Letz­ten“ (1933-1975). Und die Zei­len fokus­sie­ren pro­gram­ma­tisch, was mit Sahl einer der frucht­bars­ten und zugleich am wenigs­ten bekann­ten Exil- und Nach­kriegs-Lyri­ker deut­scher Spra­che zu sagen hatte.
Sein lyri­sches Schaf­fen legt nun der Luch­ter­hand Ver­lag in einer Gesamt­aus­gabe „Die Gedichte“ vor – und doku­men­tiert damit erst­mals voll­stän­dig eine Lyri­ker-Stimme von hoher Inten­si­tät und Authentizität.

Lyrik als lebenslängliche Konstante

Es scheint, als wäre die­sem Schrift­stel­ler, Über­set­zer, Thea­ter­kri­ti­ker und Kul­tur­kor­re­spon­dent ein­fach alles zu Lyrik geron­nen, was an Bio­gra­phi­schem zuge­stos­sen ist – Poe­sie als lebens­läng­li­che Konstante.
Schon 1926 schreibt der 24-Jährige:

Ich wäre gern in einer Zeit geboren
Mit Blu­men­mus­tern, bunt gestick­ten Decken
Gedämpf­tem Sai­ten­spiel von Schlossemporen
Und Schä­fer­spie­len hin­ter Taxushecken.
[…]
Doch weil ich nun in diese Zeit verschlagen,
will ich sie auch mit Anstand für mich brauchen
und seine Mei­nung zu den Din­gen sagen
und zu ihr stehn und meine Pfeife rauchen.

Dann Jahre spä­ter, 1943 in New York, als Geflüchteter:

Ja, ich bin allein, und ich weiss es
Viele sind wie ich, aber es küm­mert sie nicht
und sie zeu­gen Kin­der nach altem Brauch
sit­zen in eis­ge­kühl­ten Palästen
gehen umher und tra­gen bunte Krawatten
wie das Gesetz es befahl
Ich aber bin gefan­gen im Stein

Hans Sahl (1902-1993)
Hans Sahl (1902-1993)

Schließ­lich 1973 der zurück­ge­kehrte Mahnende:

Wir, die wir unsre Zeit vertrödelten
aus begreif­li­chen Gründen
sind zu Tröd­lern des Unbe­greif­li­chen geworden
Unser Schick­sal steht unter Denkmalschutz
Unser bes­ter Kunde ist das
schlechte Gewis­sen der Nachwelt
Greift zu, bedient euch
Wir sind die Letzten
Fragt uns aus
Wir sind zuständig

Und end­lich ganz zum Schluss, unge­fähr ein Jahr vor sei­nem Tod:

Ich gehe lang­sam aus der Zeit heraus
in eine Zukunft jen­seits aller Sterne
und was ich war und bin und immer blei­ben werde
geht mit mir ohne Unge­duld und Eile
als wäre ich nie gewe­sen oder kaum.

Nein, For­ma­lis­mus, Her­me­tik, abs­trakte Ästhe­tik oder beson­dere Artis­tik sind dem Schaf­fen die­ses zeit­le­bens mora­lisch wie poli­tisch hoch­be­tei­lig­ten Bekennt­nis-Lyri­kers nicht zuzu­ord­nen. Wohl aber bil­der­reichste, fast sinn­lich greif­bare Meta­pho­rik – und immer seine Omni­prä­senz der Auf­rich­tig­keit und der Unbestechlichkeit:

Gib dich zufrie­den mit dem
was du noch hast
dei­nen Mund, deine Gebeine
freue dich darüber
weine.
Zähle nicht bis drei.
Eins genügt.
Viel­leicht auch zwei
Bei drei wird’s schon wer
bei drei gibt’s dich nimmermehr.
Da fres­sen dich die Raben.
Amen.

(aus „Dann“, 1985)

Schick­sal, Liebe, Nacht, Gott, Ich, Zeit, Herz, Lust, Tod – sol­che Jahr­tau­sende alt-mäch­ti­gen Wör­ter auch am Ende des kata­stro­pha­len 20. Jahr­hun­derts noch mit­ten in den Lauf der eige­nen und aller Dinge zu stel­len scheute sich Sahl nie. Er wusste um ihre Wir­kung aus dem Munde eines Dich­ters, der sie haut­na­her als die meis­ten zu spü­ren bekom­men hatte:

De Pro­fun­dis

Ich bin der Zeit und ihrem Reim entfremdet,
Es hat die Zeit mir mei­nen Reim entwendet.

Wo Wel­ten stür­zen, Völ­ker sich vernichten,
Kann sich das Wort zum Reim nicht mehr verdichten.

Wer wagt es noch, das Grauen zu besingen,
Dem Unge­reim­ten Reime zu entringen,

Wer, der noch Worte hat, im Wort zu wildern,
Den Kno­chen­frass der Spra­che zu bebildern

Und leich­ten Sinn’s, wo alle Worte fehlen,
Den Toten­tanz nach Sil­ben abzuzählen?

Ich bin dem Reim in die­ser Zeit entfremdet,
Es hat die Zeit mir mei­nen Reim entwendet.

Schwer ist mein Mund, und meine Lip­pen finden
Die Kraft nicht mehr, die Sätze zu verbinden.

Hier liege ich, ver­wor­fen von Epochen,
Es ist das letzte Wort noch nicht gesprochen,

Es ist der letzte Reim noch nicht gefunden
Auf die­sen Jam­mer und auf diese Wunden.

Der tiefste Schrei, den je ein Mensch vernommen,
Er wird von uns, aus unse­rem Schwei­gen kommen.

Frühjahr 1933: In allen Städten verbrennt Deutschland die Werke seiner besten Dichter und Denker
Früh­jahr 1933: In allen Städ­ten ver­brennt Deutsch­land die Werke sei­ner bes­ten Dich­ter und Denker

Der 31-jäh­rige Sahl muss, als Sohn eines jüdi­schen Indus­tri­el­len in Dres­den gebo­ren, vor der Hit­le­rei flie­hen – auf einem Flucht­weg, den so man­cher Emi­grant vor ihm schon gegan­gen war: Frank­reich, Por­tu­gal, dann an die ame­ri­ka­ni­sche Ost­küste, nach New York. Hier ent­ste­hen – und wer­den gar gedruckt! – die „Hel­len Nächte“, sein Lyrik-Erst­ling. Die­ser erscheint aller­dings erst 1942, auf­grund des über­zeug­ten Ver­le­gers Bar­thold Fles – da ist Autor Sahl (bis anhin „nur“ Kul­tur­kor­re­spon­dent, Feuil­le­to­nist und Kurz­pro­sa­ist) bereits ein 40-jäh­ri­ger, doch nahezu unbe­kann­ter Literat.
Unge­ach­tet der miss­li­chen Situa­tion der Publi­ka­ti­ons­mög­lich­keit für Lyrik in Ame­rika schreibt und schreibt Sahl jedoch wei­ter, ein­fach für die Schub­lade, Gedicht an Gedicht, zum Beispiel:

Selbst­por­trait

Was blei­ben wird von mir? Nur Dunkelheiten,
Und ein Gesicht, das manch­mal schüch­tern lachte
Und sich Gedan­ken über dies und jenes machte
Und in den Abend sah und zu gewis­sen Zeiten

Sich über fremde Züge lie­bend neigte
Und Worte sagte, die man ihm nicht glaubte,
Und nichts ver­stand und manch­mal sich erlaubte
Ein Mensch zu sein und keine Reue zeigte.

Was blei­ben wird? Nur dies. Ein Unterfangen,
Zu gross begon­nen und dann abgebrochen,
Ein Wort, ver­wun­dert in die Nacht gesprochen
Und mit den andern in die Nacht gegangen.

New York in den 40er Jahren: Der Union Square
New York in den 40er Jah­ren: Der Union Square

Gleich­zei­tig ist der Dich­ter Sahl ein bedeu­ten­der Über­set­zer, wid­met sich viel­be­ach­tet ins­be­son­dere den Ame­ri­ka­nern Max­well Ander­son, Arthur Mil­ler, Thorn­ton Wil­der und Ten­nes­see Wil­liams. Schließ­lich geht er 1953 nach Deutsch­land zurück – wo der Sozia­list Sahl im rechts­kon­ser­va­ti­ven Ade­nauer-Klima, aber auch wegen Zer­würf­nis­sen mit links­ideo­lo­gisch Bor­nier­ten zu einer lite­ra­ri­schen Unper­son wird, von der das kul­tu­relle Europa kei­ner­lei Notiz nimmt. Sahl ist aber­mals Emi­grant, dies­mal im eige­nen Land.
Wie hatte er damals in „Mar­seille III“ geklagt?

Warum bin ich nicht längst schon ausgezogen
Aus die­sem Loch, wo mich die Wür­mer fressen
Und tote See­len umgehn im Gemäuer?
Fern über dem Atlan­tik ziehn Gewitter,
Es kam schon lange nichts mehr mit dem Clipper,
Man gibt mich auf, bald bin ich ganz vergessen
Und will nichts mehr und streck‘ mich nach der Decke
In dem Hotel, in dem ich hier verrecke.

Flucht vor der Ignoranz des Literaturbetriebes

Erneut flieht Sahl, dies­mal nicht ums Leben ban­gend, son­dern ent­täuscht über die Igno­ranz des Lite­ra­tur­be­trie­bes der frü­hen 50-er Jahre links wie rechts, geht 1953 zum zwei­ten Mal in die USA, wo Gedichte ent­ste­hen wie:

Schlaf­los in New York

Hörst du
sehr fern in der Nacht
die apo­ka­lyp­ti­schen Rosse
den Schlaf­lo­sen wecken?
Kamen sie,
um ihn zu erschrecken
mit dem Gedröhn
ihrer Pro­pel­ler?
Siehe,
es wird schon heller
hin­ter dem Fenster,
aber unter dem Bett
schläft noch immer
das Dun­kel,
schläft die Nacht
mit offe­nen Augen.
Und war­tet
auf dich.

1989 kehrt schließ­lich der in jeder Bezie­hung ewige Exi­lant end­gül­tig in sein Geburts­land zurück, wo er inzwi­schen erkannt und bekannt wurde. Doch der Ton des nun 87-jäh­ri­gen Dich­ters ist bit­ter und mischt sich mit Angriffs­lust. „Zu spät“, ant­wor­tet der Zurück­ge­kehrte auf die Bemer­kung, dass mitt­ler­weile doch eine Wie­der­ent­de­ckung des Ver­ges­se­nen statt­ge­fun­den habe. Seine Zei­len „Exil“ resignieren:

Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Der Staub verweht.
Ich habe mei­nen Kra­gen hochgeschlagen.
Es ist schon spät.

Die Winde kreischt. Sie haben ihn begraben.
Es ist so gar nichts mehr dazu zu sagen.
Zu spät.

Trotz Auszeichnungen keine Rehabilitation

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Das kul­tur­of­fi­zi­elle Deutsch­land ehrt zu schlech­ter Letzt den Heim­ge­kehr­ten mit ver­schie­de­nen Aus­zeich­nun­gen, u.a. 1982 mit dem Gro­ßen Bun­des­ver­dienst­kreuz und in sei­nem Todes­jahr mit dem Les­sing-Preis des Frei­staa­tes Sach­sen. Doch ange­kom­men in einem all­ge­mei­nen lite­ra­ri­schen Bewusst­sein oder gar im Deutsch­un­ter­richt ist er als einer der wich­tigs­ten Lyri­ker der Nach­kriegs­zeit noch immer nicht.

In die­ser Situa­tion leis­tet das nun vor­lie­gende, umfas­sende lyri­sche Sahl-Kom­pen­dium wert­vollste Mit­ar­beit. Der Band weist Hans Sahl aus als einen hoch­sen­si­blen Ste­no­gra­phen eines gan­zen Jahr­hun­derts, als einen, der gezwun­gen war, künst­le­risch mit­zu­schrei­ben bei all dem Vie­len, auch vie­len Unge­heu­er­li­chen, das in seine Zeit fiel.
Bleibt zu hof­fen, dass diese Edi­tion der bei­den Her­aus­ge­ber Nils Kern und Klaus Siblew­ski eine – end­lich – breite Sahl-Reha­bi­li­ta­tion einläutet. ♦

Hans Sahl, Die Gedichte, Luch­ter­hand Ver­lag, 336 Sei­ten, ISBN 978-3-630-87288-9

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch über Hans Sahl: Der Mann, der sich selbst besuchte – Erzählungen

2 Kommentare

  1. Sel­ten eine so auf den Punkt geschrie­bene und tref­fende Rezen­sion gele­sen. Es ehrt den Schrei­ber und den Dich­ter Hans Sahl. Cha­peau! Peter Poths

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