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Der ganze Kosmos eines singulären Exzentrikers

Maria Lettberg: Das Solo-Klavierwerk von Alexander Skrjabin – CD

Walter Eigenmann · 20. August 2009

Wer war Alexander Skrjabinwas war er? Komponist? Symbolist? Mystiker? Revolutionär? Priester? Synästhetiker? Romantiker? Orgiastiker? Theosoph? Spinner? Über Skrjabin zu schreiben heisst über einen ganzen Kosmos zu schreiben: Die Entwicklung dieses genialen Ton-Exzentrikers vom hypersensiblen Chopin-Eklektiker (vor 1900) bis zum atonal entrückten Farb-Ekstatiker (ca. 10 Jahre später) ist beispiellos in der Musikgeschichte. Und die zentrifugale Kraft dieses Kosmos‘ ist sein Solo-Klavierwerk. Maria Lettberg hat es jüngst eingespielt.

Alexander Skrjabin und Maria Lettberg: Unschlagbares Duo

Maria Lettberg (Piano): Das Solo-Klavierwerk von Alexander Scriabin (Skrjabin) - The Solo Piano Works - Complete Recording (Capriccio)Die gleichzeitigen Verehrer (oder Adepten?)  sowohl dieses Komponisten als auch der schwedischen Skrjabin-Expertin Maria Lettberg mussten – nach deren insgesamt dreijähriger Gesamteinspielung von Skrjabins Solo-Klavierwerk, abgeschlossen im Juni 2007 – lange warten, bis die zwischenzeitlich vergriffene Gesamtaufnahme nun kürzlich von dem Wiener Klassik-Label „Capriccio“ neu aufgelegt und in einer schlicht editierten 8-teiligen CD-Box präsentiert wurde. Der instruktiv abrundende Bonus dieser (mit dem Deutschlandradio co-produzierten) Ausgabe: Eine DVD mit Interviews der (blitzgescheiten und sehr belesenen) Pianistin sowie dem Multimedia-Projekt „Mysterium“ der Computer-Farb-Designerin Andrea Schmidt.

Grosse emotionale Spannweite auf kleinstem Raum: Beginn von Skrjabins 9. Klaviersonate op.68 (
Grosse emotionale Spannweite auf kleinstem Raum: Beginn von Skrjabins 9. Klaviersonate op.68 („Die Schwarze Messe“)

Bald nach Erscheinen der Gesamtaufnahme im Herbst vor zwei Jahren stiess die Lettberg-Einspielung auf grosses Interesse in der Fachwelt: Zum einen, weil hier neben allen umfangreichen Piano-Werken Skrjabins auch alle seine kaum gespielten Petitessen (frühe „Morceaux“, „Nocturnes“, u.a.) präsentiert wurden, und zum anderen, weil eine sowohl technisch exzellente, emotional ausgereifte und dabei auch theoretisch versierte Musikerin am Werk war.

Pianistische Anwältin von Alexander Skrjabin

Skrjabins "Mystischer Akkord"
Skrjabins „Mystischer Akkord“

Die in Riga geborene, in Petersburg ausgebildete, über Skrjabin promovierte und längst mit einer fulminanten internationalen Karriere beeindruckenden Pianistin gilt inzwischen als eigentliche Skrjabin-Anwältin, welche diesem Komponisten in ihren Schallplatten- und Konzert-Aktivitäten eine zentrale Rolle einräumt. Markenzeichen Lettbergscher Pianistik ist dabei neben diffizilster Anschlagstechnik, enormem Dynamikspektrum und poetischer Ausdruckskraft vor allem eine untrügliche Notennähe, aus der präziseste Phrasierung resultiert. Hört man sich diesbezüglich beispielsweise die letzten vier Sonaten an mit der Partitur vor sich, ist die exakte Realisierung des Notentextes verblüffend. Ob das diesem poetischen Phantasten mit dem teils schier improvisatorischen Duktus im Spätwerk immer gerecht wird, ist auch eine Frage des ästhetischen Standpunktes, und es mag sein, dass vorgängige Aufnahmen eines Horowitz, Hamelin oder Sokolow die eine oder andere Stelle packender, expressiver, ja explosiver, kurz: spannender nahmen.

„Nachdichterin“ einer komplexen Persönlichkeit

Musikalische Synästhesie: Die Skrjabin-Klaviatur mit Ton-Farbe-Zuordnung ("Farbenklavier")
Musikalische Synästhesie: Die Skrjabin-Klaviatur mit Ton-Farbe-Zuordnung („Farbenklavier“)

Gleichwohl legt Maria Lettberg hier eine übers Ganze gesehen fast referentielle Arbeit vor, die uns diesen pianistisch wie musikhistorisch wohl nie ganz auszuschöpfenden, äusserst widersprüchlichen, eine extreme stilistische Spannweite aufweisenden Russen sehr authentisch nahelegt. Denn bei aller intellektuell-analytischen Durchdringung der teils an neuzeitlichste Modernität des Klaviersatzes erinnernden Linien- und harmonischen Strukturen ist Lettberg eine doch auch wirkliche „Nachdichterin“, deren pianistische Imagination in unzähligen Momenten betörend wirkt.

Alexander Skrjabin (1871-1915)
Alexander Skrjabin (1871-1915)

Kurzum, die gültige „Bewältigung“ eines Klavierwerkes, das endlich – trotz seiner teils erheblichen klaviertechnischen Hürden und v.a. seiner ständigen Forderung der „Hingabe“ an die emotionale Zerrissenheit des Komponisten – unbedingt häufigerer Gast in den Klavier-Recital-Sälen der grossen Musikhäuser sein müsste. Eine derartige Promotion wie Maria Lettbergs jahrelanges pianistisches Bekenntnis zu Skrjabin ist dabei ein überzeugendes Mittel. ♦

Maria Lettberg, Alexander Skriabin – Das Solo-Klavierwerk, Complete Recording, 8-CD-Box (inkl. 1 DVD), Capriccio Digital / DeltaMusic, ASIN B000W4E3OS

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Klaviermusik auch über Severin von Eckardstein plays Schumann

Ausserdem im Magazin: See Siang Wong spielte Klavier-Werke von Beethoven ein


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