Volker Klöpsch: Chinesische Liebesgedichte

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Ostasiatische Poesie aus drei Jahrtausenden

von Wal­ter Eigenmann

Anders als die japa­ni­sche Lyrik, die in den letz­ten Jah­ren mit ihren popu­lärs­ten bei­den For­men Haiku und Tanka auch im Wes­ten einen regel­rech­ten „Boom“ erlebte, geniesst das „klas­si­sche“ chi­ne­si­sche Gedicht keine son­der­li­che Auf­merk­sam­keit bei der Lyrik-Leser­schaft unse­rer kul­tu­rel­len Brei­ten­grade – trotz Über­set­zun­gen der Werke so berühm­ter Dich­ter wie Tao Yuan­ming (Jin-Dynas­tie), Li Bai, Du Fu, Bai Juyi, Du Mu, Li Shan­gyin (alle Tang) oder Li Qing­zhao (Song). Umso grös­ser das Ver­dienst des deut­schen Sino­lo­gen Vol­ker Klöpsch – u.a. auch sei­nes „Lexi­kons der chi­ne­si­schen Lite­ra­tur“ (2004) wegen einer der füh­ren­den Exper­ten für ost­asia­ti­sche Lite­ra­tur -, der nun im Insel­/S­uhr­kamp-Ver­lag eine reprä­sen­ta­tive, über weite teile refe­ren­ti­elle Samm­lung „Chi­ne­si­scher Lie­bes­ge­dichte“ her­aus­gab. Der Band erstreckt sich zeit­lich vom bekann­ten anony­men „Buch der Lie­der“, das noch Kon­fu­zius per­sön­lich zusam­men­ge­tra­gen haben soll, über die lite­ra­risch beson­ders frucht­bare Tang-Zeit (7.-10. Jh.) sowie die Dynas­tien Yuan (13./14. Jh.) und Ming (14.-16. Jh.) bis hin zur chi­ne­si­schen Lite­ra­tur-Moderne eines Wen Yiduo oder Gu Cheng.

Gedichteschreiben als Bestandteil der Beamtenprüfung

Volker Kloepsch (Hrsg.): Chinesische Liebesgedichte (Insel Taschenbuch)
Vol­ker Kloepsch (Hrsg.): Chi­ne­si­sche Lie­bes­ge­dichte (Insel Taschenbuch)

In der „klas­si­schen“ chi­ne­si­schen Dich­tung spielte die Liebe, wie der Her­aus­ge­ber in sei­nem instruk­ti­ven Nach­wort aus­führt, nicht die domi­nie­rende Rolle, die sie in der west­li­chen Lite­ra­tur ein­nimmt: „Der Dich­ter war im alten China in der Regel Beam­ter im Dienste des Staa­tes, und die Dich­tung diente vor­ran­gig als Medium des gesell­schaft­li­chen Umgangs. Sie fand im öffent­li­chen Raum statt und genoss grosse Beach­tung. So war die Abfas­sung von Gedich­ten über Jahr­hun­derte auch Bestand­teil der lan­des­wei­ten Beam­ten­prü­fun­gen, ohne die kein Auf­stieg mög­lich war. Nach einem Aus­spruch des Kon­fu­zius ver­fügt über keine Spra­che, wer die Lie­der nicht kennt.“
Im Schat­ten der über­mäch­ti­gen Tra­di­tion die­ser „Beam­ten­dich­tung“ konn­ten sich die vie­len For­men einer eige­nen Volks­dich­tung zwar durch­aus reich ent­fal­ten, muss­ten sich aber auf die münd­li­che Über­lie­fe­rung stüt­zen. Denn das breite Volk ver­fügte zwar natür­lich über dich­te­ri­sche Stim­men, doch wie Über­set­zer Klöpsch dar­legt: „Die Beherr­schung der Schrift auf Grund ihrer Schwie­rig­kei­ten war ein noch viel grös­se­res Pri­vi­leg der ‚gebil­de­ten Stände‘ als im euro­päi­schen Mit­tel­al­ter. Das Erler­nen von vie­len tau­send chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen erfor­derte eine lang­jäh­rige Aus­bil­dung, der sich nur die wenigs­ten unter­zie­hen konnten.“

Exkurs: Übersetzen aus dem Chinesischen

Original des Gedichtes
Ori­gi­nal des Gedich­tes „Nacht­ge­dan­ken“ des bedeu­ten­den Lyri­kers Li Bai (701-762)

Zur Pro­ble­ma­tik des Über­set­zens aus einer so kom­ple­xen Hoch­spra­che wie dem Chi­ne­si­schen führt der deut­sche Sino­loge aus: „Die sprach­li­chen Struk­tu­ren – es gibt im moder­nen Chi­ne­sisch nur etwa 400 unter­schied­li­che Sil­ben – bedin­gen eine grosse Zahl von gleich­klin­gen­den Wör­tern und ent­spre­chen­den gedank­li­chen Anspie­lun­gen und Zwei­deu­tig­kei­ten. Neh­men wir ein klei­nes Bei­spiel: Ein schlich­tes, mit ‚Betrieb­sam­keit‘ über­schrie­be­nes Lied beschreibt auf der Ober­flä­che nichts als ein­fa­che (und unschul­dige) Tätig­kei­ten im länd­li­chen Haushalt:

Der Junge soll Lotos pflanzen –
sie sieht in den Blü­ten ein Band.
Das Mäd­chen züch­tet die Raupen –
er sieht in der Seide ein Pfand.

Sie will aus dem Brun­nen schöpfen,
doch fehlt ihr das rechte Gerät.
Zu gerne schlüpfte er ein­mal hinein
in das Hemd, das sie gerade näht.

Vier Schlüs­sel­wör­ter ver­mit­teln jedoch für den geüb­ten Hörer oder Leser eine tie­fere Dimen­sion: Der Lotus (lian) lässt die vom Mäd­chen ersehnte ‚Ver­bin­dung‘ anklin­gen, die Seide (mian) deu­tet das Begeh­ren des Jun­gen an, mit dem Mäd­chen zu ’schla­fen‘; das Schöpf­ge­rät (tong) für den Brun­nen, wel­ches das Mäd­chen ver­misst, heisst auch ‚mit­ein­an­der ver­keh­ren‘, und der Wunsch des Jun­gen, in das Hemd ‚hin­ein­zu­schlüp­fen‘, ist eben­falls ein­deu­tig sexu­el­ler Natur.“ –

Tour d’horizont durch 3 Jahrtausende chinesischer Poesie

Dem inter­es­sier­ten Leser, geschult an the­ma­tisch ver­gleich­ba­rer Lyrik okzi­den­ta­len Ursprungs, erschliesst die Samm­lung eine ganz eigene dich­te­ri­sche Welt der unver­fälsch­ten Sen­si­bi­li­tät und einer selt­sam naiv anmu­ten­den Seins-Sicht, aber auch der rät­sel­haf­ten Gefühls-Chif­fren und der betont natur- bzw. tier­ver­bun­de­nen, gleich­zei­tig sehr bedeu­tungs­träch­ti­gen Bild­mo­tive. Diese beson­dere poe­ti­sche Qua­li­tät der ost­asia­ti­schen Lie­bes-Lyrik zu ver­mit­teln ist ein ver­dienst­vol­ler Aspekt die­ser Tour d’horizont durch drei Jahr­tau­sende Poe­sie aus China, und mit der Her­aus­gabe die­ser Gedichte, wel­che trotz aller fas­zi­nie­ren­den Exo­tik in Inhalt und Form doch auch die mensch­li­chen Kon­stan­ten Liebe und Lust lite­ra­risch bewäl­ti­gen und damit wesent­li­che Berüh­rungs­punkte mit der ent­spre­chen­den abend­län­di­schen Hoch­poe­sie auf­wei­sen, ver­bin­det Her­aus­ge­ber Klöpsch neben dem dich­te­ri­schen auch ein inter­kul­tu­rel­les Anlie­gen. Er hofft näm­lich, dass es gelänge, „uns die fer­nen Men­schen näher zu brin­gen und ver­ständ­li­cher zu machen, so dass das Fremde uns nicht mehr ver­wirrt, son­dern berei­chert und beglückt, weil es als ein Teil des Eige­nen begrif­fen wird.“ Nicht das schlech­teste der Motive, fremd­län­di­sche Lite­ra­tur her­aus­zu­ge­ben… Eine hoch­will­kom­mene Edi­tion, der man etwas brei­tere Leser­schaft als den übli­chen Lyrik-Nischen­markt erhofft! ♦

Vol­ker Klöpsch (Hrsg.), Chi­ne­si­sche Lie­bes­ge­dichte, Insel/Suhrkamp Ver­lag, 144 Sei­ten, ISBN 978-3458351177

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