Franz Trachsel: Vom Sturmgeläut zur Totenglocke

Klang-Wolken

Franz Trach­sel

Klin­gende an­stelle der üb­li­chen stum­men, al­len­falls don­ner­rol­len­den Wol­ken über un­se­rem Kopf? Was soll’s be­deu­ten? Dem bi­bli­schen Him­mel ab­ge­lauscht, oder so­zu­sa­gen je­ner Wie­ner Ope­rette auf­ge­ses­sen, wo der Him­mel vol­ler Gei­gen hän­gen soll? Oh! Wäre sol­cher­lei in pri­vi­le­gier­ten Au­gen­bli­cken aber ge­eig­net, lau­ter Be­ha­gen aus­zu­lö­sen oder in auf­ge­schrie­be­ner Form stille Sonn­tag­nach­mit­tage oder lange Win­ter­abende zu be­see­len!

Regenbogen über der Rengg im Entlebuch (Kt. Luzern/Schweiz)
Re­gen­bo­gen über der Rengg im Ent­le­buch (Kt. Luzern/Schweiz)

Nur, was soll’s be­deu­ten für den hand­fest ge­schäf­ti­gen All­tag? Für ei­nen Bau­ern zum Bei­spiel, hier im Falle Lud­wig Rengg­lis auf der am vor­al­pi­nen nörd­li­chen Pilatus–Fuss ge­le­ge­nen Ent­le­bu­cher Rengg?
Wol­ken sind nun ein­mal da, oder aber es sind keine da. Seine Er­fah­rung lehrt ihn je­doch, dass Wol­ken, auf der Rengg er­lebt, höchst stim­mig sein kön­nen. Stim­mig, wenn sie er­sehn­ten Re­gen ver­spre­chen, stim­mig für ihn vor al­lem aber dann, wenn er sie zum glück­li­chen Zeit­punkt als Klang­wol­ken mit Si­gnal­wir­kung da­her­kom­men hört.
«Wet­ter zum Heuen» heisst die­ses auf der Rengg ei­nes Früh­som­mer­mor­gens ab­ge­lauschte Si­gnal in der Spra­che Meis­ter Rengg­lis. So denn auch seine Bot­schaft an die bei Rösti und Milch­kaf­fee zum Früh­stück ver­sam­melte Fa­mi­lie. Zu­rück von ers­ten früh­mor­gend­li­chen Ver­rich­tun­gen in Feld und Stall gibt er sich be­ru­higt über­zeugt da­von, und die äl­te­ren un­ter sei­nen fünf Nach­kom­men har­ren auch schon sei­ner Er­klä­rung: «Man hört Em­men läu­ten». Wie­der mal ganz nach Wunsch ein­ge­stellt hatte sich an­fangs Juni über Nacht der will­kom­mene Klang-Wol­ken-Ver­frach­ter, der Ost­wind.
Ost­wind zum Juni – Be­ginn auf der Rengg: Die Ge­währ, den Heuet ei­nem Vor­schuss-Ern­te­se­gen gleich ge­si­chert be­gin­nen zu kön­nen! Fürs Auge, von bis­wei­li­gen dün­nen Schlei­er­wol­ken ab­ge­se­hen, der som­mer­lich sanft­blaue Him­mel; fürs Ohr, wenn Em­men Dorf zum Got­tes­dienst ruft, die Klang­wol­ken; und in der Nase den in we­ni­gen Ta­gen sich in Haus und Hof aus­brei­tende Duft fri­schen Heus.
Mag den Bau­ern drun­ten im Tal im Hin­blick auf den er­for­der­li­chen Be­triebs­haupter­trag aus Wei­zen-, Obst-, Ge­müse- oder Kar­tof­fel­ernte die vor­ran­gige Be­deu­tung zu­kom­men, hier oben ist‘ s der Lage ge­mäss der Milch­er­trag, der zählt, und dem­zu­folge für seine zwan­zig Kühe die Weide im Som­mer und das Heu im Win­ter. «Je­des Ge­schöpf lebt von der Frucht der Erde», be­singt ein be­kann­tes Kir­chen­lied. Be­greif­lich, dass den dank Ost­wind hier­her ver­frach­te­ten Klang­wol­ken ein we­nig der Nim­bus ei­nes Fa­mi­li­en­schick­sals zu­kommt.

Pfarrkirche Emmen/Schweiz
Pfarr­kir­che Emmen/Schweiz

Ah­nungs­los zu sein dar­über, was das Ge­heim­nis de­rer aus­macht, wel­che die Klang­fülle aus dem Kirch­turm zu Em­men dem Ost­wind mit auf seine Reise ge­ben, war nicht die Art der Fa­mi­lie Reng­gli. Auf­fal­lend am an Klang­farbe und -fülle rei­chen Ge­läute nun ein­mal der stark her­aus­zu­hö­rende, füh­rende Un­ter­ton: Ein Ak­kord wie dazu be­stimmt, auf der vom je­wei­li­gen Ost­wind be­flü­gel­ten 20-Ki­lo­me­ter-Schwin­gungs­reise zu 800 Me­tern Hö­hen­un­ter­schied vom Reus­s­tal zur Rengg em­por, die Auf­gabe der ak­kus­ti­schen Trag­flä­che wahr­zu­neh­men. So eine der Be­son­der­hei­ten ei­nes in der Tra­di­tion Em­mens ver­wur­zel­ten und ge­wach­se­nen Kir­chen­ge­läu­tes. Erst­mals ver­brieft fin­det man Em­men Dorf so ge­se­hen, noch vor der Grün­dung der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft, näm­lich im Jahre 1257. Eine Tra­di­tion, wel­che 1828 frü­here Kir­chen­bau­ten durch die heu­tige Dorf­kir­che er­setzt hat, und die in ih­rem Turm seit 1880 aus­ser drei frü­he­ren Glo­cken neu gleich noch vier wei­tere, seit­her also de­ren sie­ben be­her­bergt.
Be­greif­lich im Hause Reng­gli, dass nicht gleich alle fünf Nach­kom­men An­spruch dar­auf er­ho­ben, die nächste Ge­ne­ra­tion auf der Rengg zu stel­len. Willy zum Bei­spiel wandte sich nach gründ­li­cher Le­bens- und Be­rufs­bil­dung in der Hei­mat­pfar­rei Ent­le­buch dem Sa­kris­ta­nen-Be­ruf zu. Das Apar­teste, was er dort we­nige Jahre spä­ter er­fah­ren konnte, war, Em­men Dorf be­dürfe für sei­nen al­ters­hal­ber zu­rück­tre­ten­den Sa­kris­tan ei­nes Nach­fol­gers. Dar­auf hin­ge­wie­sen zu wer­den war ihm eine ein­zige Ver­ge­gen­wär­ti­gung des­sen, auf wel­chem Weg ihm Em­men seit frü­her Ju­gend her­auf­ge­däm­mert war. Und das im Ver­trauen – falls, was er nicht aus­zu­schlie­ßen ge­dachte, er der Be­wer­bungs­fa­vo­rit sein sollte – dar­auf, et­was Gu­tes ins Auge ge­fasst zu ha­ben.
Em­mens neuer Sa­kris­tan war 1975 nie­mand an­ders als Willy Reng­gli. Er kam sich vor wie von ei­ner rei­chen Ern­te­an­kün­di­gung be­güns­tigt. Ein­mal im Le­ben die grosse Ernte ein­fah­ren, wer möchte das nicht!  Fast steht die Re­dens­art ne­ben dem ge­zo­ge­nen gros­sen Los. Dem­nach müsste, wer von Be­ru­fes we­gen hand­greif­lichst grosse Ern­ten ein­fährt, der Glück­lichste sein auf Er­den. Dem wi­der­spricht, dass Bau­ern sel­ten auf Heu al­lein ge­bet­tet und die Ab­hän­gig­keit wie auch die Ri­si­ken viel­fäl­tig sind. Auf ur­ei­gene, si­gnal­haft ver­läss­li­che Klang­wol­ken am Him­mel müsste ih­nen wie den Rengg­lis auf der Rengg Ver­lass sein.
Keine Frage, dass ihn sein ers­ter Be­such in Em­men die stei­len, en­gen Holz­trep­pen hin­auf in die Glo­cken­stube des Kirch­turms führte, denn die As-Glo­cke zu sie­ben Ton­nen Ge­wicht und je zwei Me­tern in Höhe und Durch­mes­ser un­ter den üb­ri­gen sechs Ge­fähr­tin­nen musste er ge­se­hen ha­ben. Man sagt, er sei fortan ein we­nig in sie ver­liebt ge­we­sen.
Mö­gen ei­nige Jahr­hun­derte für eine Glo­cke auch im Turm zu Em­men kein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Al­ter dar­stel­len, sie bleibt sich, ob neu oder alt, treu und be­zieht ihre Ton­qua­li­tät aus dem sorg­fäl­tig aus Kup­fer und Zinn le­gier­ten Bron­ze­guss, ih­rer Di­men­sion und Wand­stärke, so­wie aus den kunst­ge­recht auf eine ent­spre­chend ge­stimmte Ton­lage nach­ge­schlif­fe­nen Rip­pen.

«Hörst Du die Glocken von Stella Maria?»
«Hörst Du die Glo­cken von Stella Ma­ria?»

Es fehlt so ge­se­hen auch am Glo­cken­him­mel nicht an Ster­nen. Wie sonst wäre das so­pra­nis­tisch hehr aus­ho­lende «Hörst Du die Glo­cken von Stella Ma­ria?» in sei­ner schier un­ver­gleich­li­chen Weite und Schön­heit, ja fast Er­ha­ben­heit zu er­klä­ren, oder das von stimm­ge­wal­ti­gen Mos­kauer Män­ner­chö­ren ge­ra­dezu ein­drück­lich wie­der­ge­ge­bene «Ein­same Kir­chen­glöck­chen in der Taiga»!
Ver­ein­zelte Glo­cken ver­mö­gen aber auch von sich aus welt­weit zu im­po­nie­ren. So nicht zu­letzt im ita­lie­ni­schen, oh­ne­hin me­lan­cho­li­schen Dorf­kir­chen­ge­läute, wo eine ein­zelne dar­aus je­weils die To­ten­glo­cke zu mar­kie­ren hat. Und fernab mo­der­ner Glo­cken-Jo­che und -La­ge­run­gen im Kirch­turm, elek­tro­ni­scher Zeit­schal­tun­gen und Steue­run­gen, nicht zu­letzt auch di­ver­ser An­triebs­tech­ni­ken wirkt eine ein­same Glo­cke auf ei­ner afri­ka­ni­schen Mis­si­ons­sta­tion ge­ra­dezu ar­cha­isch ein­fach; ein ur­tüm­lich be­helfs­mäs­si­ger Stamm in die Ast­ga­beln je ei­nes an Ort und Stelle ge­wach­se­nen und zu­recht ge­stutz­ten Bau­mes ge­legt, und die Glo­cke hängt, zwecks ei­nes statt­li­chen Klangs mit ei­nem Hand­seil dran, un­ter freiem Him­mel.

Die «Tsar-Kolokol» Glocke in Moskau
Die «Tsar-Ko­lo­kol» Glo­cke in Mos­kau

Für so­zu­sa­gen zum Schwei­gen ab­be­ru­fen hält der Be­su­cher im Kreml zu Mos­kau die dor­tige «Ko­lo­kol», den mehr als 200-Ton­nen-Rie­sen un­ter den welt­gröss­ten. Und dann die von Sei­ten der Be­su­cher sich ge­ra­dezu auf­drän­gende Frage nach dem Glo­cken­turm, worin die­ser Gi­gant hänge – und wel­che bau­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ihn schad­los schwin­gen las­sen und zum Klin­gen brin­gen. Nun, die Aus­stel­lung da­selbst macht kein Ge­heim­nis dar­aus, dass der Glo­cke beim Gies­sen vor 275 Jah­ren ein Gross­brand zum Ver­häng­nis ge­wor­den ist. Ihm zu­folge drang Lösch­was­ser, so sagt man, in die noch nicht er­kal­tete Form und sprengte ein Stück von 12 Ton­nen ab. Aus der Erde ge­ho­ben und aus­ge­stellt hat man sie erst 1836, hun­dert Jahre spä­ter, ohne dass sie je­mals ei­nen Klöp­pel zum Schwin­gen und vo­lu­mi­nö­sen Schla­gen ge­bracht hätte.
In ei­nem preis­ge­krön­ten Süd­ti­ro­ler Lied grüs­sen die Glo­cken «die Glet­scher und das ewige Eis» – ver­gleichs­weise be­schei­den er­füllt der be­rühmte Big Ben im Lon­do­ner West­mins­ter-Uhr­turm die ihm zu­ge­dachte Auf­gabe ohne An­spruch dar­auf, da­bei von aus­sen be­ob­ach­tet wer­den zu kön­nen. Der mäch­tige Stun­den­schlag si­chert dem 13-Tön­ner die Pu­bli­kums­gunst auf im­mer auch hin­ter sei­nen Turm­lu­cken-La­mel­len.
Glo­cken­ge­läute: Ihm ver­dankt eine Ge­mein­schaft, am klang­lich hoch­ko­lo­riert ra­tio­na­len, emo­tio­na­len oder re­li­giö­sen Puls­schlag ei­ner Ge­sell­schaft, ja ei­ner Na­tion (hier­zu­lande vor­nehm­lich aus An­lass der Bun­des­feier), aber auch ge­mein­sa­mer christ­li­cher Fest- und Fei­er­tage zu ste­hen. Ka­nada zum Bei­spiel liess die Welt ihre 400-Jahre-Stadt und lan­des­weit grösste Pro­vinz Que­bec durch sei­nen vom At­lan­tik bis zum Pa­zi­fik ver­ein­ten Glo­cken­klang ver­neh­men, am 1. Juli 2008. Und das Cha­rak­ter­bild ei­ner un­ver­kenn­bar Jahr­hun­derte al­ten Glo­cke mar­kierte im Früh­jahr 2008 das Ti­tel­bild ei­ner be­kann­ten Je­sui­ten-Zeit­schrift; ge­weiht ist sie, ih­rer In­schrift ge­mäss, «in no­mine Jesu» dem hei­li­gen Pe­trus («San Pe­dro»). Sie steht für die im 17./18. Jahr­hun­dert wäh­rend 150 Jah­ren im Pa­ra­gua­ya­ni­schen Ur­wald ge­führte und in­zwi­schen wie­der fort­ge­setzte In­dia­ner-Gua­rani-Mis­sion. Un­über­seh­bar daran, dass sie die 250 Jahre Zwi­schen­zeit et­was mit­ge­nom­men ha­ben, aber auch, dass sie all die lange Zeit dazu über­stan­den hat, die Mis­si­ons-Pio­nier­ar­beit heute erst recht wie­der zu be­flü­geln. Ihr im Busch ver­brach­tes Vier­tel­jahr­tau­send kommt der zwei­ten Di­men­sion ih­rer Bot­schaft gleich…

Die berühmte Bourdon Bell in der River-Side-Church Manhattan
Die be­rühmte Bour­don Bell in der Ri­ver-Side-Church Man­hat­tan

Ei­nes mehr nord­ame­ri­ka­ni­schen Be­kannt­heits­gra­des er­freut sich das Ge­läute im Turm der Ri­ver-Side-Church im nörd­li­chen Man­hat­tan der Rie­sen­me­tro­pole New York. Das Be­son­dere daran: ihr Glo­cken­spiel. Und wenn im­mer aus An­lass ei­ner gros­sen Feier auf dem St. Pe­ters­platz in Rom dank welt­wei­ter Fern­seh­über­tra­gung ein­drück­li­che Bil­der über den Bild­schirm ge­hen, dann zum je­wei­li­gen Aus­klang aus der links­sei­ti­gen Dom­ni­schen-Höhe stets auch das im­po­sante Er­schei­nungs­bild und der voll­runde Klang der wuch­ti­gen As-Glo­cke.
Sterne am Glo­cken­him­mel: Eine Viel­zahl von Zeit­ge­nos­sen könnte sich viel­leicht vor­stel­len, ihre Lieb­lings­glo­cke, wo auch im­mer rund um die Welt, un­term zeit­ge­mäs­se­ren Star (=Lieb­ling) an­ge­führt zu er­hal­ten. Eine rei­che Viel­falt des­sen, was der In­be­griff ei­ner «Lieb­lings­glo­cke» sein kann, wäre ver­mut­lich die Folge. Vor al­lem aber sä­hen sich wahr­schein­lich, und das viel­leicht nicht zu Un­recht, in nur halb so be­rühm­ten Tür­men und Ge­läu­ten thro­nende Glo­cken oder Glo­cken­spiele, lo­kale nicht aus­ge­nom­men, zum Star er­ho­ben.
Wenn hier­zu­lande ein Wahr­zei­chen ar­chi­tek­to­nisch und klang­lich Lu­zerns stolze Tra­di­tion mit­ver­kör­pert, dann die Hof­kir­che. Noch bis vor 100 Jah­ren hat sich ihr klang­vol­les, von den bei­den Tür­men in die Stras­sen und Gas­sen hin­un­ter zum Got­tes­dienst ru­fen­des Ge­läute seit je­her mit dem Knar­ren der ver­keh­ren­den Pfer­de­fuhr­werke und dem Knat­tern der Kut­schen ver­mengt. Ob’s beim Ab­lauf ih­rer je ei­ge­nen Schall­wel­len län­ger (will sa­gen: er­kleck­li­cher) ab­lief als an­ge­sichts des heu­ti­gen un­auf­hör­li­chen Mo­to­ren­ge­dröhns sei, den Ton­meis­tern an­heim ge­stellt. Es braucht sich sol­cher­lei aber gar nicht im­mer nur an his­to­risch-kul­tu­rell be­rühm­ter Stelle ab­zu­spie­len: Wer am spä­ten Sams­tag­nach­mit­tag die Em­men Cen­ter-Re­stau­rants ver­spä­tet ver­lässt, hört sich so­zu­sa­gen im Sinne ei­ner nächs­ten Ein­la­dung draus­sen vom die See­tal-Strasse säu­men­den Kirch­turm St.Maria herab auch schon zum Sonn­tag will­kom­men ge­heis­sen.
Sage zu­dem noch je­mand, die Zeit der «Glo­cken der Hei­mat» am Sams­tag­abend über Ra­dio DRS sei nach all ih­ren Jahr­zehn­ten im Pro­gramm ab­ge­lau­fen! Nach wie vor ge­hen sie, ge­wiss nicht ohne Zu­hö­rer­schaft, re­gel­mäs­sig über den Ae­ther.
Glö­ckelein von Mu­nots Gna­den und sein Klin­gen, das, was Schaff­hau­sen und dar­über hin­aus seine Freunde lan­des­weit aus dem Her­zen singt: Zart in sei­nem klang­li­chen Auf­tritt und lie­be­voll im nicht we­ni­ger be­kann­ten Lied be­sun­gen, dürfte es je­doch, weil im «Ho­hen Turm», dem Höchs­ten sei­nes für seine Stadt his­to­risch wehr­haf­ten Mu­nots zu Hause, gleich­zei­tig aber auch als Re­spekts­si­gnal ver­stan­den wer­den.

Pfarrkirche Malters (Kanton Luzern)
Pfarr­kir­che Mal­ters (Kan­ton Lu­zern)

Un­ter an­de­ren Ster­nen am Glo­cken­him­mel wie das Ber­ner Müns­ter, die Ka­the­drale Fri­bourg, wo eine 650-Jäh­rige treue Dienste er­füllt, kann die Glo­cken­stube zu Mal­ters für sich be­an­spru­chen, ihre wohl­klin­gen­den Schütz­linge im höchs­ten ka­tho­li­schen Turm un­se­res Lan­des zu 98 Me­tern zu be­her­ber­gen.
Wie me­tal­lisch zart fi­li­gra­ni­ert kommt, wenns ebenso zart säu­seln­den Win­den ge­fällt, ein Ge­läute über ei­nen da­zwi­schen ste­hen­den Wald in Em­men­brü­cke da­her! Ger­lis­wils Glo­cken­klang (Ge­meinde Em­men) liess sich, 1924 ein­ge­weiht und in Be­trieb ge­nom­men, in der Ger­lis­wil­strasse drun­ten noch sehr wohl mit dem Knar­ren von Pfer­de­fuhr­wer­ken ver­mengt ver­neh­men, wenn er zum Ge­bet oder Got­tes­dienst rief. Auch wa­ren die von der Glo­cken­stube bis ins Turm­par­terre her­un­ter­hän­gen­den Hand­seile, wie da­mals not­wen­di­ger­weise noch nicht an­ders üb­lich, dazu da, von treuen, kräf­ti­gen Hel­fern, auf dass es kunst­ge­recht klinge, ge­zo­gen zu wer­den. Ein für man­chen heu­ti­gen Se­nior un­ver­gess­li­ches Er­leb­nis!

Et­was vom Gars­tigs­ten al­ler­dings, wel­ches der all­mäh­lich 100jäh­ri­gen Pfarr­kir­che Ger­lis­wil (1915-2015) wi­der­fah­ren konnte, war die Aus­ge­burt des längs­ten Ta­ges 2007 in Ge­stalt ei­nes Ge­wit­ter­sturms fast oh­ne­glei­chen. Ein in der Fach­spra­che un­ter klas­si­scher Kalt­front an­ge­kün­dig­ter Wet­ter­um­sturz hatte es in sich, Schre­cken zu ver­brei­ten und den 21. Juni 2007 zu ei­nem Schat­ten sei­ner selbst zu ma­chen. Es bot sich das Bild ei­nes wie­der zur Nacht ge­wor­de­nen Mor­gens. Eine be­droh­lich düs­tere, von Sturm­win­den, Re­gen­güs­sen, Ha­gel, Blitz und Don­ner ge­zeich­nete Wol­ken­wand wälzte sich un­ter Ge­töse ein­her, als hätte sie’s aus­ge­rech­net auf die nörd­li­chen Vor­orte Lu­zerns ab­ge­se­hen. Da sass man ohne jede Ah­nung da­von, was ihre flä­chen­mäs­sige Aus­deh­nung und das Schick­sal der Nach­bar­schaft be­tref­fen mochte, mit­ten drin in ei­nem hoch dar­über zum ge­ra­dezu ko­chen­den Ku­mu­lus-Ge­bräu ge­zeug­ten nas­s­trie­fen­den He­xen­kes­sel!

Luzern und seine Hofkirche kurz vor einem heftigen Sommergewitter
Lu­zern und seine Hof­kir­che kurz vor ei­nem hef­ti­gen Som­mer­ge­wit­ter

Un­heim­lich daran vor al­lem die mit weiss­li­chen Ha­gel­böen ver­meng­ten, sturz­bach­ähn­li­chen Re­gen­wände her­nie­der­fe­gen zu se­hen, bis nackt­tro­cke­ner Ha­gel den He­xen­kes­sel end­gül­tig zur Hölle ma­chen könnte. Dazu un­ter bers­ten­den Don­ner­kra­chern das pau­sen­lose Ja­gen der Blitze! Und dies al­les in so gro­ßer Bo­den­nähe, dass ei­nem, mög­li­cher Ein­schläge we­gen – den ins dia­bo­li­sche Wol­ken­ge­bräu hin­ein­ra­gen­den Kirch­turm Ger­lis­wils nicht aus­ge­nom­men – fast bange wurde. Dann aber ur­plötz­lich das Un­er­war­tete: Die sechs Glo­cken der Ger­lis­wi­ler Pfarr­kir­che setz­ten zum Sturm­läu­ten an! In ähn­li­chen Fäl­len seit je­her, in jün­ge­rer Zeit je­doch kaum mehr prak­ti­ziert, hatte es da­bei diese Klage zum Him­mel in sich: Das be­klem­mende Er­leb­nis ei­ner in die­ser Tem­pie­rung und Zu­sam­men­set­zung viel­leicht noch nie da­ge­we­se­nen Klang­wolke war voll­stän­dig. Blitz, Don­ner­bers­ten und -Kra­chen, Sturm­wind, sturz­bach­ähn­li­ches Re­gen­pras­seln und Ha­gel­ge­ha­cke ver­mengt nun mit die­sem kla­gen­den Ge­läute!

Umwölktes Pilatus-Massiv (Hausberg von Luzern)
Um­wölk­tes Pi­la­tus-Mas­siv (Haus­berg von Lu­zern)

Nun, in ei­nen ver­hee­ren­den Ha­gel­schlag ge­kippt, so wie an­derswo, ist das wilde Fe­gen ent­fes­sel­ter Ge­wit­ter­sturm­kräfte nun doch nicht. Aber der Mann an der Ger­lis­wi­ler Glo­cken­steue­rung war we­nig spä­ter der dar­auf An­ge­spro­chene: «Wie fühlt man sich, wie­der ein­mal zum Sturm­läu­ten her­aus­ge­for­dert ge­we­sen zu sein?» – «Das war es gar nicht; der Zeit­punkt deckte sich nur ge­nau mit ei­nem Be­gräb­nis, wozu be­kannt­lich die To­ten­glo­cken in Ak­tion zu tre­ten ha­ben», lau­tete der knappe Be­scheid. Also ein von solch in­fer­na­li­schen Pau­ken­schlä­gen an­ge­führ­ter Rie­sen­spek­ta­kel zum Ab­schied ei­nes Mit­men­schen, als habe die­ser auf sein mensch­lich End­zeit­li­ches auf­merk­sam zu ma­chen! Und zwar auf den in sei­nem 75. Al­ters­jahr zu Grabe ge­tra­ge­nen Fritz Ar­nold, der of­fen­bar ab­seits ei­nes gros­sen Be­kann­ten­krei­ses kaum von sich re­den ge­macht und zu den Stil­len im Lande ge­zählt ha­ben musste. Ge­lebte Be­schei­den­heit of­fen­bar, die sich kaum je die Frei­heit ge­nom­men hatte, zu ir­gend ei­ner aty­pi­schen Jah­res­zeit ein we­nig Fas­nacht zu spie­len, statt­des­sen die Jah­res­zei­ten mit ih­ren Be­son­der­hei­ten an­nahm und sie lebte…

Gewitterszene aus Les grandes inventions anciennes et modernes dans les sciences, l'industrie et les arts (1870)
Ge­wit­ter­szene aus Les gran­des in­ven­ti­ons an­ci­en­nes et mo­der­nes dans les sci­en­ces, l’industrie et les arts (1870)

Fra­gen, wie sie sich beim Zu­sam­men­prall sei­nes Be­gräb­nis­ses mit solch ei­nem Wit­te­rungs­eklat stel­len, und wie sie sich auch dem Ame­ri­ka­ner Bob Dy­lan in sei­nem ein­fühl­sa­men Lied «Blo­wing in the wind» stel­len: «How many times must the man look up be­fore he can see the sky?“ – «Wie viele Male muss der Mensch em­por schauen, bis er den Him­mel zu se­hen ver­mag?» – «The ans­wer my fri­end», fin­det der Sän­ger, «is blo­wing in the wind». – «Die Ant­wort, mein Freund, die treibt im Winde». – Im Wind, der im bi­bli­schen Pfingst­be­richt nie­mand an­de­res ist als Got­tes Hei­li­ger Geist, da­her­ge­fah­ren im himm­lisch ge­wal­ti­gen Sturm­ge­braus.
«How many roads must a man walk down…?» – «Wie viele Wege muss ein Mensch ge­gan­gen sein, be­vor Du ihn ei­nen Men­schen nen­nen kannst?» – «The ans­wer my fri­end is…» – «Die Ant­wort auf die Frage nach sei­ner und je­der­manns Würde, mein Freund, treibt im Winde da­hin».
Im Wind, der, Stun­den nach dem Be­gräb­nis Fritz Ar­nolds und nach­dem die in Moll auf­spie­lende Or­gel ver­stummt und der Se­gen über den Ver­stor­be­nen und die Ge­meinde er­teilt wa­ren, wie­der im Ab­flauen be­grif­fen war, auch die dä­mo­ni­sche Wol­ken­wand sich auf­löste und die Don­ner­schläge wie leer­ge­schos­sen, me­tal­lisch hohl in der öst­li­chen Ferne aus­klan­gen – «The ans­wer, my fri­end, is blo­wing in the wind»… ♦

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Franz TrachselFranz Trach­sel
Geb. 1933, lang­jäh­ri­ger Lo­kal- und Kul­tur­jour­na­list bei ver­schie­de­nen Print­me­dien, Kurz­prosa in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, lebt in Emmenbrücke/CH

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