Arnold Leifert: Wozu Literatur? (Essay)

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Der literarische Text als Geschehnis

Arnold Leifert

Wozu Lite­ra­tur?“- Was denn ver­steht der Fra­gende unter „Lite­ra­tur“?1) Und selbst wenn mit dem Stich­wort „Bel­le­tris­tik“ geant­wor­tet wird – dies ist beru­hi­gend, denn für alle andere, pri­mär und nur unter­hal­tende, viel­leicht auch tri­viale Lite­ra­tur beant­wor­tet sich die Frage selbst, – „Bel­le­tris­tik“ also, poe­ti­sche und pro­sa­ische Lite­ra­tur: Der Roman, die Novelle, die kur­zen For­men der moder­nen Prosa, das Drama, das Hör­spiel, das Gedicht…
Auf den ers­ten Blick könnte man ver­sucht sein, für die ver­schie­de­nen Gat­tun­gen auch ver­schie­dene Ant­wor­ten fin­den zu wol­len. Allein: in der deut­schen Lite­ra­tur von 1945 bis heute ver­wei­gern sich alle Gat­tun­gen die­ser Frage, und beken­nen sich zugleich ebenso alle zu die­ser Frage: „Wozu?“

Wonach aber fragt diese Frage? Nach dem Selbst­ver­ständ­nis des Autors, im Sinne einer ihn trei­ben­den Ziel­set­zung, Inten­tion, gar Absicht der (Welt-)Veränderung? Oder ist sie gestellt aus der Über­schau-Sicht des His­to­ri­kers und Lite­ra­tur-Theo­re­ti­kers, der die Wir­kungs­ge­schichte ein­zel­ner Werke oder Epo­chen im nach­hin­ein und de facto ver­sucht aufzuspüren?

Ich schreibe für mich selbst!“

Arnold Leifert: "Literatur – mit ihrem Sitz genau zwischen Denken und Fühlen – geschieht als vielleicht höchste Form der sprachlichen Kommunikation"
Arnold Lei­fert: „Lite­ra­tur – mit ihrem Sitz genau zwi­schen Den­ken und Füh­len – geschieht als viel­leicht höchste Form der sprach­li­chen Kommunikation“

Wozu Lite­ra­tur? – Gram­ma­ti­ka­lisch sug­ge­riert dies eine Aus­kunft über den „Zweck“ die­ses etwas „ver­däch­tig nutz­lo­sen Unter­fan­gens“ namens Lite­ra­tur. Und heute diese Frage zu stel­len, in einer Zeit per­vers auf die Spitze getrie­be­nen, tech­no­kra­ti­schen wie mate­ria­lis­ti­schen Zweck­an­sin­nens an alles mensch­li­che Tun, scheint tat­säch­lich pro­vo­kant not­wen­dig. Die Zyni­ker unter den „Rea­lis­ten“ und Machern in unse­rer heu­ti­gen lite­ra­ri­schen Welt haben die Frage längst in ihrem mer­kan­ti­len Sinne beant­wor­tet: Der Lite­ra­tur­be­trieb, die gros­sen Ver­lage leben von der „gros­sen Auf­lage“; ein Buch, das sich eig­net, wird „gemacht“, die Kasse stimmt, der „Zweck“ ist erfüllt. Eine nicht zu unter­schät­zende Ent­wick­lung; denn schon heute beginnt die­ser markt­ori­en­tierte Umgang mit Lite­ra­tur das eigent­li­che Bild unse­rer lite­ra­ri­schen Jahre nach­hal­tig zu ver­zer­ren und zu verschleiern.
Immer wie­der kann man in Inter­views, Gesprä­chen, poe­to­lo­gi­schen Exkur­sen usw. erle­ben, dass – und es sind wahr­schein­lich die meis­ten von ihnen – die Autoren aller Gat­tun­gen, wenn sie gefragt wer­den: „Zu wel­chem Zweck schrei­ben Sie? Glau­ben Sie, mit Lite­ra­tur gesell­schaft­lich etwas ver­än­dern zu kön­nen?“, diese Frage ver­nei­nen: „Zunächst schreibe ich für mich selbst! Über die Wir­kungs­lo­sig­keit von Lite­ra­tur mache ich mir keine Illusionen!“
Dass bei die­sen Ant­wor­ten den­noch auch heu­ti­gen Autoren diese Frage immer wie­der gestellt wird, erklärt sich wahr­schein­lich aus der Ent­wick­lung der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur selbst. Sah es in ihr – und einige kurze Jahre sogar ganz ent­schie­den – doch eigent­lich so aus, als gin­gen eine ganze Reihe von Lite­ra­ten durch­aus von so etwas wie einer poli­ti­schen Inten­tion beim Schrei­ben aus.

Literatur als Tendenz, in die Zeit zu wirken

Erst Zeitschrift für Dichtung, dann Zeitschrift für Literatur: Hans Benders "Akzente"
Erst Zeit­schrift für Dich­tung, dann Zeit­schrift für Lite­ra­tur: Hans Ben­ders „Akzente

Sicher­lich ist es nicht zufäl­lig, dass aus­ge­rech­net im Jahr 1968 der von da an allei­nige Her­aus­ge­ber der wich­tigs­ten deut­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift, Hans Ben­der, den „Akzen­ten“ einen neuen Unter­ti­tel gab. Hatte sie von ihrer Grün­dung 1954 bis 6/67 „Zeit­schrift für Dich­tung“ geheis­sen, hiess sie nun „Zeit­schrift für Lite­ra­tur“. Ben­der for­mu­lierte als Begrün­dung u.a.: „Lite­ra­tur ist […] der wei­tere Begriff […] Wei­ter, weil Lite­ra­tur die Ten­denz, in die Zeit wir­ken zu wol­len, nicht ver­neint, son­dern bejaht“ (Hans Ben­der: An die Leser, Akzente 1/68).
Fünf Jahre spä­ter sieht Ben­der sich in der Ein­schät­zung die­ser Ten­denz bestä­tigt und schreibt im ers­ten Heft des 20. Jahr­gangs: „Heute gibt es kaum noch einen Wider­spruch, wenn nach­ge­wie­sen wird, wodurch die west­deut­sche Lite­ra­tur in den letz­ten Jah­ren mehr Beach­tung und Wirk­sam­keit erzielt hat. Vor allem doch durch die Mit­spra­che in der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung“ (H. Ben­der: Von der Dich­tung zur Lite­ra­tur, Akzente 1-2/73).
Gemeint waren damit sicher­lich nicht allein, aber vor allem die Autoren der ers­ten Gene­ra­tion der „Gruppe 47“. The­men und Stoffe der Aus­ein­an­der­set­zung mit erleb­tem Faschis­mus und Krieg, dann aber zuneh­mend Kri­tik an der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung der neuen Repu­blik. Wich­tig in unserm Zusam­men­hang: Die neuen deut­schen Autoren hat­ten ihren Weg gefun­den von der apo­li­ti­schen, zurück­ge­zo­ge­nen Dich­tungs­tra­di­tion hin zur Lite­ra­tur der poli­ti­schen Einmischung.

Das gesellschaftspolitisch orientierte „Wozu Literatur?“

Ein deut­lich erkenn­ba­res, gesell­schafts­po­li­tisch ori­en­tier­tes „Wozu?“ war Bekennt­nis für lite­ra­ri­sches Arbei­ten. Heinz Lud­wig Arnold poin­tiert: „So war die Gruppe 47 auch eine mora­li­sche Insti­tu­tion, nicht nur eine lite­ra­ri­sche Cli­que“ (H. L. Arnold: Die drei Sprünge der west­deut­schen Lite­ra­tur, Akzente 1-2/1993). Breite Über­ein­stim­mung im Selbst-Ver­ständ­nis und in der Formu-lie­rung neuer Auf­ga­ben zeit­ein­ge­bun­de­ner Lite­ra­tur. Hans Magnus Enzens­ber­ger 1962: „Des­halb halte ich dafür, dass die kri­ti­sche Posi­tion unteil­bar ist. Sie hat nicht Bewäl­ti­gung oder Aggres­sion im Sinn; Kri­tik, wie sie hier ver­sucht wird, will ihre Gegen­stände nicht abfer­ti­gen oder liqui­die­ren, son­dern dem zwei­ten Blick aus­set­zen: Revi­sion, nicht Revo­lu­tion ist ihre Absicht“ (H. M. Enzens­ber­ger: Ein­zel­hei­ten, Frankfurt/Main 1962).
Die radi­kalste Zuspit­zung aller­dings erfuhr die­ses Wozu?-Bekenntnis schon wei­tere fünf Jahre spä­ter, als der glei­che H. M. Enzens­ber­ger mit Beginn der Stu­den­ten­pro­teste gerade die­sen revi­sio­nis­ti­schen Ansatz geis­selt und als Gebot der Stunde 1967 for­mu­liert: „Tat­säch­lich sind wir heute nicht dem Kom­mu­nis­mus kon­fron­tiert, son­dern der Revo­lu­tion. Das poli­ti­sche Sys­tem in der Bun­des­re­pu­blik lässt sich nicht mehr repa­rie­ren. Wir kön­nen ihm zustim­men, oder wir müs­sen es durch ein neues Sys­tem erset­zen. Ter­tium non dab­itur. Nicht die Schrift­stel­ler haben die Alter­na­tive auf die­ses Extrem begrenzt; im Gegen­teil, seit 20 Jah­ren bemü­hen sie sich, das zu ver­mei­den. Die Macht des Staa­tes selbst sorgt dafür, dass die Revo­lu­tion nicht nur not­wen­dig wird (sie wäre 1945 not­wen­dig gewe­sen), son­dern auch denk­bar“ (H. M. Enzens­ber­ger: Schrift­stel­ler und Poli­tik, Times Lite­rary Sup­ple­ment, 1967).

Von der Gruppe 61 bis zur Wiener Schule

"Eine zivilisatorische Notwendigkeit": Die Studenten-Revolte von 1968
„Eine zivi­li­sa­to­ri­sche Not­wen­dig­keit“ (Enzens­ber­ger): Die Stu­den­ten-Revolte von 1968

Eine ganze Gene­ra­tion damals begin­nen­der jun­ger Autoren – nicht zuletzt im Kreis auch um Erich Fried – nahm die­sen Auf­ruf zum eige­nen Pro­gramm: Lite­ra­tur musste vor allem poli­tisch rele­vant sein! Eine fast unüber­seh­bare Menge – auch klei­ner und kleins­ter – Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten aus die­ser Zeit zeugt davon. Und es ent­stand eine Tra­di­tion poli­ti­scher Lite­ra­tur, die – bei allen noch so unter­schied­li­chen for­ma­len und inhalt­li­chen Aus­for­mun­gen – bis heute ange­hal­ten hat. Von der „Gruppe 61“ über Werk­kreis-Lite­ra­tur, Repor­tage-Lite­ra­tur, die poli­ti­sche Lyrik mit ihrem brei­ten Spek­trum, das poli­ti­sche Lied, das Drama, bis zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der deutsch-deut­schen Pro­ble­ma­tik bei DDR- und BRD-Autoren und hin zu den jüngs­ten Jah­ren lite­ra­ri­scher Arbei­ten über die bei­den deut­schen Gesell­schaf­ten und ihre Wie­der­ver­ei­ni­gung. Dass dane­ben gerade auch seit „68“ eine zweite lite­ra­ri­sche Strö­mung – apo­li­ti­scher, for­ma­lis­ti­scher, bis hin zu kon­kre­ter Poe­sie und Wie­ner Schule – ent­steht und an Bedeu­tung gewinnt, sei hier nur angemerkt.
Das anfangs gefragte „Wozu?“, somit von sei­ten der „Autoren­in­ten­tion“ beant­wor­tet, – in der glei­chen geschicht­li­chen Ent­wick­lung beginnt auch die Ant­wort auf die Frage nach dem „Wozu?“ im Sinne einer tat­säch­li­chen „Wir­kung“ von Lite­ra­tur, fin­det sich hier doch – zumin­dest für die deut­sche Nach­kriegs­ge­schichte – ein kaum wider­spro­che­nes Bei­spiel für die gesell­schaft­li­che Wir­kung (auch) von Literatur.

Literatur-Revolte als gedroschene Phrasen

Hans-Dieter Gelfert: Was ist gute Literatur? - Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet - beck'sche reihe
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Noch ein­mal sei H. M. Enzens­ber­ger zitiert. Denn wenn er auch 1995 im Gespräch mit André Mül­ler seine eige­nen Auf­rufe von 1968 als „gedro­schene Phra­sen“ ent­larvt, ein his­to­ri­sches Ergeb­nis der dama­li­gen eman­zi­pa­to­ri­schen Bewe­gung bleibt ihm: „Die Stu­den­ten­re­volte war zivi­li­sa­to­risch eine Not­wen­dig­keit […] Sie kön­nen doch nicht weg­dis­ku­tie­ren, dass die Men­schen in die­sem Lande heute ein ganz ande­res Selbst­be­wusst­sein als damals haben. […] Die fünf­zi­ger Jahre […] muf­fig, reak­tio­när. Nichts hat sich bewegt […] 1968 ging es darum, eine auto­ri­täts­fi­xierte Gesell­schaft in eine mehr demo­kra­ti­sche zu ver­wan­deln. […] Die Bun­des­re­pu­blik, wie wir sie heute ken­nen, ist doch damals über­haupt erst ent­stan­den […] Der Obrig­keits­staat exis­tiert nicht mehr. Den hat­ten wir aber.“ (H. M. Enzens­ber­ger / A. Mül­ler, Die Zeit Nr. 4/20, 1995).
Man mag Enzens­ber­ger in die­ser Wer­tung zustim­men oder nicht, die Ver­än­de­rung – ins­be­son­dere im Umgang mit Auto­ri­tät – ist nicht zu leug­nen. Und so, wie die stu­den­ti­sche Revolte nicht zu tren­nen ist von der sie beglei­ten­den, mit vor­wärts trei­ben­den, ihr kul­tu­rel­les Fun­da­ment geben­den und sie fort­füh­ren­den ver­schie­den­ar­tigs­ten Lite­ra­tur, so ist ebenso kaum zu erfor­schen, wel­chen Anteil an die­sem Eman­zi­pa­ti­ons­schub (in Kopf und Her­zen der Men­schen) nun Demons­tra­tio­nen und Aktio­nen und wel­chen die Lite­ra­tur hatte und hat, mit ihren man­nig­fal­ti­gen Erschei­nungs- und Ver­an­stal­tungs­for­men. Dass Lite­ra­tur mit-ver­än­dert hat, wird nicht zu wider­le­gen sein.


Exkurs: Das Lyrische Ich

Aber viel­leicht soll­ten wir von soge­nann­ter „poli­ti­scher Lite­ra­tur“ ein­mal ganz absehen:

DU

am Mor­gen danach
hüpfe ich
von Pflasterstein
zu Pflasterstein
und kei­ner sieht es

Die Frage „Wozu Lite­ra­tur?“ wurde an das vor­ste­hende, über jede poli­ti­sche Absicht erha­bene, kleine Gedicht nie­mals gestellt. Wohl aber sehr viele andere, ver­schie­denste Fra­gen wur­den sei­net­we­gen an den Autor gerich­tet, bei den unter­schied­lichs­ten Anläs­sen. Fra­gen, die, indem sie von Zuhö­rern und Lesern gestellt wur­den, auch dem Autor die­ses auf­fäl­lig klein­ge­ra­tene Kind sei­ner selbst von Mal zu Mal näherbrachten.
Ursprüng­lich wegen Zwerg­wuch­ses und viel­leicht doch zu auf­fäl­li­gen Unter­ge­wichts gar nicht erst ins Manu­skript eines neuen Lyrik­ban­des auf­ge­nom­men, tauchte es ganz plötz­lich aus der Sen­dung an den Lite­ra­tur­re­dak­teur einer Zeit­schrift wie­der auf, wurde brief­lich gestrei­chelt und fand so Ein­gang in die neue Samm­lung. Dann schliess­lich, von dem Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Tho­mas Blei­cher in einem öffent­li­chen Vor­trag als „eines der weni­gen posi­ti­ven Lie­bes­ge­dichte der 80er Jahre“ bezeich­net, behaup­tete es sich schnell im Kanon des Ban­des wie bei Lesun­gen. „Sie sollten’s als Post­karte dru­cken, damit man’s schnell bei der Hand hat, schnell ver­schi­cken kann, wenn die Nacht so war und der Mor­gen so ist!“, schlug man dem Autor vor.
„Aber sagen Sie mal: Ich habe das ges­tern abend noch mal gele­sen, habe mir heut die Pflas­ter­steine auf der Strasse ange­se­hen, die lie­gen doch recht eng bei­ein­an­der!“ Auf die etwas hilf­lose Gegen­frage des Autors: „Hätte ich ’von Platte zu Platte’ sagen sol­len?“, hilft ein Zuhö­rer: „Na also, dann über­springt er eben meh­rere Pflas­ter­steine dazwi­schen; wie viele, das hängt dann davon ab, was in der Nacht geschah! In jedem Fall ist etwas Schö­nes pas­siert. Das Gedicht strahlt Freude aus!“
„Heim­li­che Freude!? Es ist so etwas heim­lich Ver­schmitz­tes darin. Ich kann mir bei­des vor­stel­len: Also der (oder eigent­lich auch die) auf dem Heim­weg am Mor­gen ist allein auf sei­nem Weg und hüpft wirk­lich, wie ein Tan­zen aus Freude, oder er/sie geht zwi­schen vie­len Men­schen zum Bahn­hof z.B. und hüpft inner­lich, ‚und kei­ner sieht es‘.“
„Ist Ihnen das so pas­siert? Es hat so etwas unge­heuer Vita­les, fast ein Plat­zen vor Freude!“
„Das geht mir zu weit. Ihr scheint alle nur von dem einen aus­zu­ge­hen: eine schöne ero­ti­sche Nacht, zwi­schen einem Mann (er hat’s ja geschrie­ben) und einer Frau oder auch umge­kehrt (doch, ich kann’s mir auch vor­stel­len als Lie­bes­brief an mei­nen Freund, sagt das junge Mäd­chen), nein nein, mei­net­we­gen zwei Frauen nach einer Lie­bes­nacht, zwei Män­ner, aber muss es denn die Ero­tik sein, sexu­ell, könnte es nicht ein­fach nur ein schö­nes Gespräch gewe­sen sein, zwi­schen wem auch immer; ein Gespräch, so nah, so alles, dass man am Mor­gen die ganze Welt umar­men könnte?!“
„Es ist ein­fach nur ein Du! Und du kannst dir dein Du ein­set­zen! Das Erlebte auch!“
„Aber es ist auch ein klei­nes biss­chen Trauer darin. Es ist eine Anspra­che, ein Brief fast an ein Du. Aber schon in der ers­ten Zeile: ‚am Mor­gen danach’…, es ist eben schon ‚danach‘; der schöne Augen­blick ist schon vor­bei; ein Rück­blick, schon fast Erin­ne­rung! Eine bestimmte Art von Glück hält zwar noch an, er hüpft ja noch, aber das, was die­ses Glück aus­ge­löst hat, das eigent­li­che Gesche­hen ist längst vor­bei; das Glück der Nähe z.B. ist längst wie­der, zumin­dest räum­lich, Ferne. Da ist auch etwas Trau­ri­ges in dem Gedicht!“
„Aber ist das nicht gerade typisch für uns Men­schen? Ist es nicht oft so, oder viel­leicht immer, dass wir das Beson­dere eines erleb­ten Augen­blicks oder einer erleb­ten Zeit, die ganze Bedeu­tung, Inten­si­tät und Wucht erst im nach­hin­ein, erst in der Erin­ne­rung so rich­tig spü­ren!?“ – „Das scheint mir ein­fach zum Men­schen zu gehö­ren. Das macht doch auch seine spe­zi­fisch mensch­li­che Tra­gik immer wie­der aus, das hängt mit der Fähig­keit des Bewusst­seins zusam­men, dass Liebe und Schmerz, Freude und Trauer, Leben und Tod nicht von­ein­an­der zu tren­nen sind. Das macht ihn gera­dezu erst zum Men­schen, dass er dazu ver­dammt ist, bei jedem schö­nen geleb­ten Augen­blick sofort auch immer des­sen End­lich­keit im Bewusst­sein mit­le­ben zu müssen.“
„Bei allem, was jetzt über mit­schwin­gende Trauer gesagt wor­den ist, und ich finde es schön, dass das auch drin ist in die­sem klei­nen Gedicht: das domi­nie­rende Gefühl bleibt für mich die Freude, und durch den Titel wird doch dem­je­ni­gen, der das Glück aus­ge­löst oder gege­ben hat, genau die­ses Glück wie­der zurückgegeben.“
Wir wol­len hier abbre­chen; es liesse sich noch mehr aus den Gesprä­chen berichten.


Das Gedicht als Selbstverständigung zwischen Sprache und Realität

Immer wie­der auf­re­gend an ihnen ist zu erle­ben, wie sich das Ich des Autors und das Ich des Lesers begeg­nen im lyri­schen Ich des Gedichts. „Die Poe­sie ist eine Mög­lich­keit, über Dinge zu spre­chen, über die man eigent­lich nicht spre­chen kann.“ (ebd.) Dies ist dop­pel­deu­tig: Ent­we­der der Autor mag über Bestimm­tes, z.B. sich selbst, nicht spre­chen, höchs­tens im Gedicht (und Enzens­ber­ger meint genau dies im zitier­ten Gespräch) oder: er kann es nicht; der gewohnte Umgang mit Spra­che reicht nicht aus.

Günter Kunert - Lyriker Schriftsteller - Glarean Magazin
Gün­ter Kun­ert: „Im Gedicht muss sich der Leser mit sich sel­ber befassen“

Hein­rich Vorm­weg beschreibt 1990 das heu­tige Gedicht „als die pure mensch­li­che Selbst­ver­stän­di­gung zwi­schen Spra­che und Rea­li­tät“ (H. Vorm­weg: Ver­tei­di­gung des Gedichts, Göt­tin­ger Sudel­blät­ter, 1990). So, im Pro­zess des Schrei­bens selbst ein Suchen­der, ent­lässt der Autor sein Gedicht an den Leser, und ein wech­sel­sei­ti­ger Aus­tausch beginnt; dazu Gün­ter Kun­ert: „Der Zweck des Gedichts, glaube ich, ist sein Leser, der, indem er sich mit dem Gedicht befasst, sich mit sich sel­ber zu befas­sen genö­tigt wird: in einem dia­lek­ti­schen Vor­gang, im glei­chen, den ihm das Gedicht vor­schreibt und vor­ex­er­ziert. Das span­nungs­träch­tige lyri­sche Ich und das Leser-Ich wer­den wäh­rend des Lesens iden­tisch und gleich­zei­tig nicht iden­tisch; das eine ver­frem­det das andere und deckt es doch gleich­zei­tig. Das Gedicht färbt die Psy­che des Lesers, er wie­derum färbt nach sei­nem Eben­bild das Gedicht“ (G. Kun­ert: Warum schrei­ben, Mün­chen 1976).

Ein echter Text musste geschrieben werden“

Danilo Kis - Schriftsteller Lyriker - Glarean Magazin
Danilo Kis: „Ein ech­ter Text ist ein sol­cher, der geschrie­ben wurde, weil er geschrie­ben wer­den musste“

Neh­men wir nun noch, um von der schein­ba­ren Ein­gren­zung unse­rer Betrach­tung auf die Lyrik weg­zu­kom­men, ein kur­zes poe­to­lo­gi­sches Credo des jugo­sla­wi­schen Roman­ciers und Essay­is­ten Danilo Kis. Auf die Frage: „Was ist der schwerste Feh­ler, den ein Schrift­stel­ler bege­hen kann?“, ant­wor­tet er: „Über etwas zu schrei­ben, was ihn nicht im Inners­ten berührt. […] Ein ech­ter Text ist ein sol­cher, der geschrie­ben wurde, weil er geschrie­ben wer­den musste. Das ist aus dem Text zu spü­ren. Ist es die Wahr­heit dei­nes Wesens, die sich im Text aus­drückt, oder stammt die­ser Text von einem gewand­ten und bele­se­nen Viel­schrei­ber? Darin liegt der Unter­schied zwi­schen guten und schlech­ten Autoren […] Ein ech­ter Text ent­steht nicht aus hand­werk­li­cher Fer­tig­keit, son­dern aus Zwän­gen und Emp­fin­dun­gen, die den Autor zum Schrei­ben getrie­ben haben“ (D. Kis: Homo poe­ti­cus, Mün­chen 1994).
Wenn im vori­gen die Begeg­nung zwi­schen dem Ich des Autors, dem lyri­schen und dem lesen­den Ich auch bewusst an einem mög­lichst klei­nen, über­schau­ba­ren, unpo­li­ti­schen Lie­bes­ge­dicht dar­ge­stellt wurde, so lässt sich nach die­ser Pro­sa­poe­to­lo­gie von D. Kis die Frage „Wozu Lite­ra­tur?“ abschlies­send viel­leicht doch etwas all­ge­mei­ner beantworten:

Das „Geschehen“ eines Textes verändert Schreiber und Leser

Ein „ech­ter Text“ (Kis) – und zwar in allen Gat­tun­gen – wird nicht geschrie­ben unter dem Pos­tu­lat eines klar umris­se­nen Zwecks („Wozu?“), son­dern er geschieht, als exis­ten­ti­elle Ant­wort und Frage des Autors an die Welt und die Schein­bar­keit ihrer Rea­li­tät. Lite­ra­tur geschieht – und das zwei­mal: Ein­mal durch den Autor, der schrei­bend sich selbst begeg­net, und ein zwei­tes Mal durch den Leser, der lesend sich selbst (und mög­li­cher­weise auch dem Autor) begegnet.
Sehen wir ein­mal ab von ande­ren non­ver­ba­len For­men der Kom­mu­ni­ka­tion, die wir – viel zuver­läs­si­ger und effi­zi­en­ter als die Spra­che – bei allen höher­ent­wi­ckel­ten Lebe­we­sen heute erst lang­sam zu akzep­tie­ren und zu sehen bereit sind: Lite­ra­tur – mit ihrem Sitz genau zwi­schen Den­ken und Füh­len – geschieht als viel­leicht höchste Form der sprach­li­chen Kom­mu­ni­ka­tion, und zwar mit sich selbst und dem ande­ren. Und ein sol­cher Text ver­än­dert beide, Autor wie Leser; kei­ner von bei­den ist nach dem „Gesche­hen“ des Tex­tes – ob nun Schrei­ben oder Lesen – noch ganz der glei­che, der er vor die­sem „Gesche­hen“ war. ♦

1)Der Autor beant­wor­tet in die­sem Essay eine Frage, die der Glarean-Her­aus­ge­ber vor eini­gen Jah­ren im Zuge einer geplan­ten Buch-Antho­lo­gie an ver­schie­dene deutsch­spra­chige Schrift­stel­le­rIn­nen richtete


Arnold Lei­fert

Geb. 1940 in Soest/D, Stu­dium der Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie und Evan­ge­li­schen Theo­lo­gie, ab 1970 Reli­gi­ons­leh­rer, seit 2000 pen­sio­niert; zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen in Büchern und Zeit­schrif­ten, in Rund­funk und TV, Trä­ger ver­schie­de­ner Lite­ra­tur-Preise, seit 1994 Orga­ni­sa­tion und Mode­ra­tion der Lese­reihe „Sieg­bur­ger Lite­ra­tur­fo­rum“; lebte auf einem Bau­ern­hof im Ber­gi­schen Land in Much-Hohn; gestor­ben am 6. Sep­tem­ber 2012

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch den Essay von Richard Albrecht: Die Funk­ti­ons-Kom­pe­ten­zen der Literatur

… sowie den sprach­wis­sen­schaft­li­chen Bei­trag: Jüngste Ergeb­nisse der neu­ro­bio­lo­gi­schen Sprachforschung

Ein Kommentar

  1. Lite­ra­tur spielt sich in einer höhe­ren Dimen­sion von Raum und Zeit ab. Bewirkt wird diese Erwei­te­rung durch Form. Form = Infor­ma­tion + geis­tige Ener­gie (Schwin­gun­gen). Der exis­ten­ti­elle Aspekt des Schrei­ben-Müs­sens betrifft die (unbe­wuss­ten) Arche­ty­pen, die durch Lite­ra­tur zumin­dest par­ti­ell bewusst­seins­fä­hig wer­den. Dass die­ser Pro­zess der Bewusst­wer­dung sich über Jahr­zehnte oder Jahr­hun­derte hin­zie­hen kann, sieht man bei Georg Büch­ner, des­sen lite­ra­ri­sche Gestal­tung von Tabu­brü­chen bis in die Gegen­wart kol­lek­tiv und sys­te­ma­tisch ver­drängt wird.

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