R. Albrecht: Die Funktions-Kompetenzen der Literatur

Literatur als Erinnerungsarbeit und geschichtliche Zeitzeugenschaft

von Dr. Ri­chard Al­brecht

I.

«Wenn es […] Wirk­lich­keits­sinn gibt, und nie­mand wird be­zwei­feln, dass er seine Da­seins­be­rech­ti­gung hat, dann muss es auch et­was ge­ben, das man Mög­lich­keits­sinn nen­nen kann. Wer ihn be­sitzt, sagt bei­spiels­weise nicht: Hier ist dies oder das ge­sche­hen, wird ge­sche­hen, muss ge­sche­hen; son­dern er er­fin­det: Hier könnte, sollte oder müsste ge­sche­hen; und wenn man ihm […] ir­gend et­was er­klärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahr­schein­lich auch an­ders sein. So ließe sich der Mög­lich­keits­sinn ge­ra­dezu als die Fä­hig­keit de­fi­nie­ren, al­les, was eben­so­gut sein könnte, zu den­ken, und das, was ist, nicht wich­ti­ger zu neh­men als das, was nicht ist.» (Mu­sil: «Der Mann ohne Ei­gen­schaf­ten», 1934).

Ro­bert Mu­sils epo­chal-exis­ten­tiale Re­fle­xion ei­ner «schöp­fe­ri­schen An­lage» halte ich in der Tat für eine an­ge­mes­sene Be­schrei­bung der «uto­pi­schen Me­thode« mensch­li­chen Den­kens, al­ler hu­ma­nen Krea­ti­vi­tät und da­mit auch li­te­ra­ri­schen Ver­fah­ren. Denn wenn Li­te­ra­tur mehr sein will und soll als Strindberg’scher «ge­druck­ter Un­sinn», dann geht es um Fik­tio­nen, Bil­der, Ima­gi­na­tio­nen. Und nicht um wirk­li­ches Le­ben. Son­dern um ein mög­li­ches Le­ben – Le­ben-Noch-Nicht und Nicht-Mehr-Le­ben ein­ge­schlos­sen – in und als Mög­lich­keit.
Da­mit auch: Li­te­ra­ri­sche Texte als krea­ti­ves Er­geb­nis ha­ben es mit zwar Noch-Nicht-Ge­wor­de­nem, aber Mög­li­chem, frei­lich nicht not­wen­dig Wahr­schein­li­chem zu tun. Was keine Ant­wort auf Jean-Paul Sar­tres be­rühmte Dop­pel­frage «Was ist Li­te­ra­tur?» und «Was kann Li­te­ra­tur?» ist, son­dern nur ein mir zen­tral er­schei­nen­der Hin­weis sein soll auf eine Be­son­der­heit des­sen, was wir «Li­te­ra­tur» – also äs­the­tisch pro­du­zierte Texte – zu nen­nen uns an­ge­wöhnt ha­ben.

II.

Li­te­ra­tur steht in zahl­rei­chen Span­nungs­fel­dern und hatte im­mer schon flie­ßende Gren­zen und aus­ge­franste Rän­der. Be­kannt: Fact&fiction und ihr post­mo­der­ner Bas­tard: Fac­tion. Frei­lich soll nicht über­se­hen wer­den, dass auch die schein­bar do­ku­men­ta­rischs­ten For­men, so­fern nicht bloße Rea­li­täts­du­pli­zie­rung, Re­sul­tate an­ge­wand­ter krea­tiv-äs­the­ti­scher Fan­ta­sie- und Kom­po­si­ti­ons­ele­mente sind, etwa Rap­por­tier­texte der Wan­der und Kirsch (M. Wan­der: «Gu­ten Mor­gen, du Schöne», Frauen in der DDR, Ber­lin 1977 / S.Kirsch: «Pan­ther­frau», Un­fri­sierte Er­zäh­lun­gen, Ber­lin 1973).
Ei­nes die­ser Span­nungs­fel­der, in dem (funk­ti­ons­his­to­risch) Li­te­ra­tur und über­haupt äs­the­ti­sche Texte ste­hen, ver­weist auf et­was, das stets in je­den li­te­ra­ri­schen Wir­kungs­pro­zess ein­ge­la­gert ist: die Zeit-Deu­tungs­kom­pe­tenz – ge­rade in die­ser un­se­rer Zeit zu­neh­men­der Bin­dungs­lo­sig­keit und ver­lus­tig­ge­hen­der (auch mo­ra­li­scher) Ur­teils­maß­stäbe (schlag­wort­ar­tig als «In­di­vi­dua­li­sie­rung» be­zeich­net). Also: wie soll(t)en, könn(t)en, wol­len wir le­ben?
Dies ist, wie mir scheint, eine der ers­ten Funk­ti­ons­kom­pe­ten­zen zeit­ge­nös­si­scher Li­te­ra­tur im Span­nungs­feld und in der Kon­kur­renz mit ei­ner­seits der Re­li­gion (dem ge­schicht­lich äl­te­ren) und an­de­rer­seits der Wis­sen­schaft (dem ge­schicht­lich neue­ren). Hier ist und bleibt Li­te­ra­tur (nicht zu­letzt ih­rer be­son­de­ren äs­the­tisch-sub­jek­ti­ven An­eig­nungs- und Dar­stel­lungs­wei­sen von Welt we­gen) un­er­setz­lich – und als sprach­lich prä­sen­tier­ter Sinn für Mög­lich­kei­ten, Al­ter­na­ti­ven und «kon­krete Uto­pie» (Bloch) un­er­reich­bar auch und ge­rade von ei­ner (Sozial)Wissenschaft, die nicht nur im deutsch­spra­chi­gen Wir­kungs­be­reich zu­neh­mend pro­sti­tu­tiv auf­tritt und schon auf der Ober­flä­che kaum mehr das ein­ho­len und prak­tisch wer­den las­sen kann, was noch Max We­ber als grund­le­gende Me­thode al­ler (Kultur-)Wissenschaft galt: das Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment (We­ber: «Die Ob­jek­ti­vi­tät so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher Er­kennt­nis», 1904).

III.

Ne­ben die­sem aus All­ge­mei­nem ab­ge­lei­te­ten Grund­hin­weis sehe ich aber eine ak­tu­elle Be­son­der­heit von und für Li­te­ra­tur und de­ren Werke heute: die emo­tio­nale Er­in­ne­rungs-Ar­beit. Denn wie Wil­liam Faulk­ner («Sol­di­ers Pay», 1926) ein­gän­gig be­tonte: Das Ver­gan­gene ist nicht tot, es ist nicht mal ver­gan­gen. In­so­fern ist – ob sie das will oder nicht – alle Li­te­ra­tur im­mer schon ein­ver­wo­ben in das, was der fran­zö­si­sche So­zio­loge Mau­rice Halb­wachs pro­gram­ma­tisch als «mé­moire collec­tive» (Das kol­lek­tive Ge­dächt­nis, 1985) aus­lo­tete – und da­mit auch Er­in­ne­rungs­ar­beit des­sen, was war, und zu­gleich Pro­jek­ti­ons­ar­beit des­sen, was nicht ist, aber wer­den könnte.
Nicht zu­letzt des­halb, weil (wie schon der klein­staat­li­che Ge­heim­rat be­reits vor zwei Jahr­hun­der­ten wusste) sich Ver­gan­ge­nes eben nicht blank «vom Halse schaf­fen lässt» (Goe­the) und Li­te­ra­tur (bei Strafe ih­res Un­ter­gangs) eben nicht zu ei­nem dümm­lich-kin­di­schen Ne­ben­ge­schäft herr­schen­der (ideo­lo­gi­scher) Ge­schichts­schrei­bung ver­kom­men mag, ist alle zeit­ge­nös­si­sche wie his­to­ri­sche Li­te­ra­tur, die die­sen Na­men ver­dient, nicht blo­ßer ideo­lo­gi­scher Text, nicht ideo­lo­gi­sches Ge­dächt­nis, son­dern viel­mehr (so z.B. Jorge Sem­prun ein­dring­lich) «una me­mo­ria his­to­rica, tes­ti­mo­nial», also: Ge­dächt­nis his­to­ri­scher Zeit­zeu­gen­schaft. Das ist Li­te­ra­tur also auch. Oder sie ist nichts. Und wenn’s keine Li­te­ra­tur ist, kann es, was im­mer es ist, äs­the­tisch nichts be­wir­ken.

IV.

Wenn ich mich im heu­ti­gen neuen Deutsch­land rück­be­sinne und so­zio­kul­tu­relle Brü­che be­werte, dann fällt mir auch und vor al­lem «68» ein. Also der ver­suchte und bis heute un­ter­grün­dig wirk­same kul­tur­re­vo­lu­tio­näre Bruch, den man als «an­ti­au­to­ri­täre Stu­den­ten­be­we­gung», «neo­ex­pres­sio­nis­ti­scher Oh-Mensch-Auf­bruch», «jun­ger Links­ra­di­ka­lis­mus», «Wie­der­täu­fer der Wohl­stands­ge­sell­schaft» (Er­win Scheuch) u.ä. eti­ket­tie­ren kann. Lese ich heute, eine Ge­ne­ra­tion spä­ter, ton­an­ge­bende Feuil­le­tons für die ideo­lo­gi­schen Stände, die als ge­bil­det gel­ten möch­ten, dann ist hier ein kol­lek­ti­ver Ak­teur gleich­sam schuld­haft aus­ge­macht, der schier al­les zu ver­ant­wor­ten hat: Von den ver­stör­ten Kin­dern in­folge li­ber­tä­rer Er­zie­hungs­stile über den Rote-Ar­mee-Ter­ro­ris­mus in­folge Schei­terns stu­den­ti­scher Ver­än­de­rungs­vor­ha­ben bis zur neuen spieß­bür­ger­li­chen Pro­mis­kui­tät in­folge part­ner­tau­schen­der Wohn­ge­mein­schaf­ten…
Auch hier wäre Li­te­ra­tur als Er­in­ne­rungs­ar­beit im Sinne oben­ge­nann­ter ge­schicht­li­cher Zeit­zeu­gen­schaft ei­ner­seits und als pro­duk­tive Pro­jek­ti­ons­ar­beit al­ter­na­ti­ver Le­bens­for­men an­de­rer­seits ein­ge­for­dert. Wenn Li­te­ra­tur als be­son­dere Form mensch­li­cher Welt­an­eig­nung neue Funk­ti­ons­kom­pe­tenz ge­win­nen soll, dann müsste sie sich (wie­der) auf alle Nie­de­run­gen pro­vin­zi­el­ler le­bens­welt­li­cher Fauna und Flora ein­las­sen und ihre Ent­de­ckungs­rei­sen mit ih­ren be­son­de­ren krea­ti­ven Mit­teln auf­ar­bei­ten und mit­tei­len. ■


Richard AlbrechtRi­chard Al­brecht

Geb. 1955 in Apolda/D; Stu­dium der Sprach- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, Dr. phil., zahl­rei­che fach­wis­sen­schaft­li­che und es­say­is­ti­sche Buch-Pu­bli­ka­tio­nen, lebt seit 1987 als Fach­buch­au­tor in Bad Münstereifel/D – (Der obige Text ent­stand 1998 in Bad Müns­ter­ei­fel)

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin auch den Sprach-Es­say von Ka­rin Af­shar: Der Ver­lust der Her­kunft

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