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Atmosphärische Musik-Erotik
von Walter Eigenmann
Der 22. Dezember 1894 markiert einen Wendepunkt in der europäischen Kunstmusik: Unter Gustave Doret führt die Pariser Société nationale de Musique Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ auf. Vielleicht ist es die historische Distanz, die uns heute vergessen lässt, welch tiefen Bruch, ja welchen Kulturschock dieses Werk bedeutete.
Debussys Faun-Musik, explizit auf Mallarmés symbolistisches Gedicht von 1876 bezogen, verweigert sich jeder damaligen klassischen Narrativität: Es will, wie der Komponist selbst betonte, keine Geschichte nacherzählen, sondern vielmehr jene „atmosphärische Verdichtung“ evozieren, in der sich die Sehnsüchte und Träume eines lüsternen Satyrs in der flirrenden Mittagshitze verlieren (Debussy, Programmhefttext zur Uraufführung). Es ist, wenn man so will, die totale musikalische Hingabe an den Moment der „possession complète de la nature entière“. (ebd.)
Zwischen Ablehnung und Assimilation

Dass ein solches Stück, das mit seinen kaum zehn Minuten Dauer und einer geradezu exotischen Besetzung daherkommt, die Zeitgenossen spalten musste, scheint fast zwangsläufig. Während der Konservative Camille Saint-Saëns das Fehlen jeglicher „Logik“ geisselte (Wikipedia DE, „Prélude à l’après-midi d’un faune“) und der US-Musiktheoretiker und -kritiker Louis Elson nach einer Aufführung in Boston gar verächtlich von „modern ugliness“ und „erotischen Spasmen“ schrieb (Boston Daily Advertiser, Februar 1904), erkannte der junge Ravel die Tragweite dieser Orchester-Novität sofort: „Noch auf dem Sterbebett möchte ich dieses Prélude hören“, soll er geäussert haben. (Ravel, Interview; zit. nach: Henle Verlag) Eine Begeisterung, die sich später nachweislich in der orchestertechnischen Raffinesse seiner eigenen Partituren niederschlagen sollte.
Die Emanzipation des Schwebens
Hört man das Stück heute, versteht man sofort, warum Pierre Boulez meinte, mit der Flöte des Fauns habe die moderne Musik überhaupt erst zu atmen begonnen. (zit. nach: Wikipedia EN) Doch worin liegt diese Radikalität konkret begründet?
Es ist wohl primär die Lossage von der formalen Entwicklungslogik der deutschen Sinfonik: Wo ein Beethoven oder Brahms auf motivische Arbeit und die zwingende Auflösung von Dissonanzen setzten, kultiviert Debussy einen Zustand des Schwebens, des Verharrens beim klanglichen Moment.

Freie Beschwörung
Das dokumentiert schon zu Beginn die berühmte, chromatisch absinkende Flötenmelodie, die sich jeder eindeutigen tonalen Verortung entzieht; sie ist kein „Thema“ im klassischen Sinne, das verarbeitet werden will, sondern eine freie Beschwörung, die den Schwerpunkt nicht besetzt, sondern umspielt.

Die Harmonik folgt diesem Prinzip der Unbestimmtheit: Septimen- und Nonenakkorde werden zu autonomen Klangwerten, die nicht mehr nach Auflösung verlangen, sondern in Ganztonfeldern und modalen Wendungen gleichsam organisch verfließen.
Gerade diese lockere Form macht den Faun so folgenreich: Nichts wirkt streng gebaut, alles bewegt sich eher in Wellen – etwas tritt hervor, verschwindet wieder und kehrt verändert zurück. Die Musik hat hier aufgehört, zu schildern – sie hat begonnen, zu suggerieren, und damit ein neues Kapitel der europäischen Kunstmusik aufgeschlagen, das bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. ♦
… sowie zum Thema Orchestermusik auch über Antonín Dvořák: Aus der Neuen Welt
