Vera Simon: Was macht ein gutes Gedicht aus?

Sprachliche Präzision als Qualitätsmerkmal

von Vera Si­mon

Je­der kann Ge­dichte schrei­ben. Die Frage ist nur, was ein Ge­dicht braucht, um aus­ge­zeich­net zu wer­den. Oder an­ders: Was macht ein gu­tes Ge­dicht aus? Was ist bei Ge­dich­ten zu be­ach­ten? Sen­si­bi­li­tät, Sprach­ge­fühl, be­stimmte Vers­for­men oder Reim­ar­ten mö­gen hilf­reich sein, ein Ge­dicht zu schrei­ben. Was aber führt zu ei­nem Ge­dicht, das so­gar aus­zeich­nungs­wür­dig ist?

Die poetische Sprache des Gedichts

Ge­dichte sind Texte, die in Ver­sen auf­ge­baut sind. Oder ein­fa­cher ge­sagt: Zei­len­um­brü­che sind ty­pisch für Ge­dichte. Die Verse bil­den Sinn­ein­hei­ten, wo­bei nicht der Satz­bau be­stimmt, wo ein Vers be­ginnt oder en­det. Von ei­nem Ge­dicht er­war­tet man an­dere In­halte als von Pro­sa­tex­ten. Das Ge­dicht zählt zur Ly­rik. Ly­rik über­zeugt durch die Un­mit­tel­bar­keit des Aus­drucks.  Im Ge­dicht drückt sich das Ly­ri­sche Ich aus, das er­le­bende und emp­fin­dende Ich. In­so­fern zeigt das Ge­dicht eine be­son­dere Spra­che, die so ge­nannte poe­ti­sche Spra­che, eine Spra­che, die deut­lich von der All­tags­spra­che ab­weicht. So ge­se­hen ist das Ge­dicht ein La­bo­ra­to­rium der Spra­che.
Im Ge­dicht emp­fin­det der Dich­ter und drückt seine Emp­fin­dung aus. Wenn nur Wis­sen, Den­ken oder Glau­ben zum Aus­druck kom­men, kann man also noch nicht von ei­nem Ge­dicht spre­chen. Im Emp­fin­den ist der Mensch ein­zig­ar­tig und durch den Aus­druck des Ein­zig­ar­ti­gen be­kommt ein Ge­dicht seine ei­gene Note. Beim Aus­druck ih­res Emp­fin­dens aber ma­chen viele Men­schen Feh­ler. Auch Dich­ter: Viele ver­wen­den ab­ge­grif­fene Worte, die ei­nen Sach­ver­halt nur un­ge­nü­gend tref­fen, wer­den sen­ti­men­tal, schrei­ben ge­borgte Bil­der oder schwüls­tige und un­pas­sende Ver­glei­che nie­der. Um das zu ver­hin­dern würde es manch­mal schon hel­fen, wenn so ge­nannte Dich­ter ihre spon­ta­nen Ein­fälle erst ein­mal ver­räu­men und nach Ta­gen kri­tisch be­ur­tei­len wür­den. Meist miss­lin­gen Ge­dichte auch dann, wenn man sich nicht auf den ei­ge­nen Ein­fall ver­lässt, son­dern mit frem­den Ein­fäl­len ar­bei­tet. Bes­ser die Fin­ger da­von las­sen, als an­dere Dich­ter zu pa­ra­phra­sie­ren.

Das Gedicht als Ausdruck des kleinsten Ganzen

Auch der Rhyth­mus ist wich­tig und macht ein Ge­dicht aus. Er ent­spricht nicht dem nor­ma­len Pro­sa­fluss, was man auch dann merkt, wenn ein Ge­dicht ohne Zei­len­fall wie ein Pro­sa­text ge­setzt ist. Die­ser Rhyth­mus hat dem In­halt des Ge­dich­tes zu ent­spre­chen. Der Ein­satz von Me­ta­pher und Ver­gleich ist ein wei­te­res Kenn­zei­chen von dich­te­ri­scher Spra­che. Al­ler­dings sollte man beim Ver­gleich das Wort «wie» ver­mei­den, denn es führt in die Re­gion des Er­zäh­le­ri­schen und löst die dich­te­ri­sche oder ly­ri­sche At­mo­sphäre auf.
Nicht erst den Be­griff bil­den, der aus­ge­sagt wer­den soll und dann das Bild dazu su­chen! Dies ist ein ty­pi­scher An­fän­ger­feh­ler, den Sie si­cher ver­mei­den. Theo­re­ti­sche Er­kennt­nisse las­sen sich sel­ten in ly­ri­sche Bil­der fas­sen, wes­halb die meis­ten Um­welt­schutz- oder An­ti­kriegs­ge­dichte nichts wer­den. In ei­nem Ge­dicht lässt sich nur sel­ten das große Ganze zum Aus­druck brin­gen. Das Ge­dicht for­mu­liert das kleinste Ganze. Nur im Bild­haf­ten ent­steht das Dich­te­ri­sche. Abs­trakta kön­nen leicht und schnell ein gan­zes Ge­dicht zer­stö­ren. Aber Vor­sicht: Beim Bild­haf­ten darf auch nicht der Sinn für das An­ge­mes­sene ver­lo­ren ge­hen!

Der Rhythmus von Vers-Struktur und Vers-Inhalt

Kein Vers ohne Rhyth­mus! Der Rhyth­mus stellt zwi­schen Vers­struk­tur und Ver­sin­halt eine Be­zie­hung her. Wer­den be­stimmte Vers­for­men wie Knit­tel­vers, Blank­vers, Alex­an­dri­ner (jam­bi­sche Verse), fal­lende Vier­tak­ter, fal­lende Fünf­tak­ter, fal­lende Sechstak­ter (tro­chäi­sche Verse) oder vier­tak­tige Rei­hen, He­xa­me­ter oder Pen­ta­me­ter (dak­ty­li­sche Verse) ver­wen­det, so soll­ten diese Vers­for­men auch durch­ge­hal­ten wer­den und nicht ir­gendwo auf der Stre­cke wie ein lah­men­des Pferd ein­ge­hen.
Den­ken wir an ein Ge­dicht, den­ken wir zu­erst wohl an Reime. Wer­den Reime in ei­nem Ge­dicht ver­wen­det, soll­ten un­reine Reime ver­mie­den wer­den. Der Klang beim Vor­le­sen ent­schei­det dar­über, ob ein un­rei­ner Reim noch ver­wen­det wer­den kann. Ver­wen­det wer­den dür­fen alle Reim­fol­gen wie Hau­fen­reim, Kreuz­reim, Paar­reim, Schweif­reim, um­ar­men­der Reim, ver­schränk­ter Reim und so wei­ter und so fort. Al­ler­dings soll­ten diese Reim­fol­gen sorg­fäl­tig ver­wen­det wer­den und nur dann ge­gen die Reim­re­geln ver­sto­ßen, wenn das die Aus­sage des Ge­dich­tes un­ter­streicht.

Innere Konsequenz der Strophenformen

Auch bei der An­wen­dung von Stro­phen­for­men sollte Sorg­falt herr­schen. Man­che Stro­phen­form passt bes­ser als eine an­dere zum Ge­dicht­in­halt. Klas­si­sche deut­sche Stro­phen­for­men sind z.B. die Ni­be­lun­gen­stro­phe, die Hil­de­brand­stro­phe, die Chevy-Chase-Stro­phe, die Va­gan­ten­stro­phe, die Schweif­reim­stro­phe, die Fünf­zei­ler­stro­phe, die Lu­ther­stro­phe. Dazu kom­men noch ro­ma­ni­sche Stro­phen­for­men wie das So­nett, der So­nett­kranz, die Stanze, die Ter­zine, das Trio­lett und Nach­bil­dun­gen an­ti­ker Stro­phen­for­men wie Di­sti­chon, erste as­klepia­d­ei­sche und zweite as­klepia­d­ei­sche Oden­stro­phe so­wie al­käi­sche und sap­p­hi­sche Oden­stro­phe. Wurde eine Stro­phen­form aus­ge­wählt, wäre es schön, wenn sie auch durch­ge­hal­ten würde.

Regelfreies Dichten als Grenzgefahr zum Prosatext

Viele heu­tige Dich­ter ver­su­chen alle Re­geln des Dich­tens da­durch zu um­ge­hen, dass sie frei dich­ten. Freies Dich­ten ist aber nicht so leicht, wie es scheint. Man muss auch beim freien Dich­ten sprach­lich äu­ßerst prä­zis sein. Dar­über hin­aus muss auch beim freien Dich­ten noch ein Rest an Vers­struk­tur er­hal­ten blei­ben, da­mit ein Text nicht in Prosa über­geht.
Auch Son­der­for­men des Dich­tens wie Haiku, ko­mi­sche Ge­dichte, Li­me­ricks, Klapp­horn­verse, Ge­dicht­par­odien, Laut­ge­dichte oder vi­su­elle Ge­dichte ha­ben ihre Schön­heit und sind aus­zeich­nungs­wür­dig. Aber auch hier gilt na­tür­lich: Ge­dichte sol­len ein­fach und ge­nau sein und da­mit Auf­ge­bla­sen­heit, Ver­schwom­men­heit, Schwulst und Ma­nie­riert­heit aus­schlie­ßen.

Der Weg zu ei­nem gu­ten Ge­dicht muss nicht, kann aber lang sein. Nie­mals sollte sich der Dich­ter ent­mu­ti­gen las­sen. Ge­dichte schrei­ben ist im­mer eine An­nä­he­rung an das zu Be­schrei­bende. Mal ge­lingt diese An­nä­he­rung mehr, mal we­ni­ger. Wir sind nie am Ende, wenn es um gute Ge­dichte geht. ♦


Versa SimonVera Si­mon
Geb. 1973 in Grön­land, seit 1977 in der BRD, Ver­öf­fent­li­chung ver­schie­de­ner Ly­rik- und Ge­schenk­buch-Best­sel­ler

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin zum Thema „Schrei­ben“ auch den Es­say von Ma­rio An­d­reotti: Ist Dich­ten lern­bar?

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