Computerschach: Komodo Dragon 3 bei Chessbase erschienen

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 18 Minu­ten

Ein Programm für alle Fälle

von Walter Eigenmann

Das moderne Com­pu­ter­schach kennt mitt­ler­weile hun­derte von ver­schie­de­nen Engi­nes unter­schied­lichs­ter Spiel­stärke – und die stärks­ten unter ihnen wür­den mit WM Magnus Carlsen und sei­nen genia­len Profi-Kol­le­gen wohl umsprin­gen wie mit Lehr­lin­gen. Dabei han­delt es sich zumeist um Free­ware, dar­un­ter mit Stock­fish auch die aktu­elle Num­mer-Eins. Seit lan­gem ist die­sem Platz­hir­schen – neben dem dritt­stärks­ten Pro­gramm Lee­laCh­ess – aber eine kom­mer­zi­elle Engine dicht auf den Fer­sen: Komodo Dra­gon. Des­sen jüngste, dritte Ver­sion wird nun eben­falls – exakt ein Jahr nach Dra­gon 2 – von der Ham­bur­ger Schach­soft­ware-Firma Chess­base unter deren haus­ei­ge­nem Inter­face „Fritz“ vertrieben.

Chessbase Komodo Dragon 3: PC-Schachprogramm mit neuronaler NetzwerktechnikDass die Komodo-Grün­der bzw. -Pro­gram­mie­rer Don Dai­ley (†), Larry Kauf­man und Mark Lef­ler ihre erfolg­rei­che Engine nicht nur in Eigen­re­gie ver­kau­fen, son­dern zusätz­lich bei Chess­base unter­kom­men konn­ten, dürfte für beide Sei­ten eine Win-Win-Situa­tion dar­stel­len: Mit dem welt­weit sehr erfolg­reich ver­trie­be­nen „Fritz“-Interface (hier: die Ver­sion 18) kann der starke Motor unter eine pro­fes­sio­nelle Haube krie­chen, wäh­rend die Ham­bur­ger neben ihrer „klas­si­schen“ Fritz-Engine noch ein zwei­tes, extrem star­kes Pro­gramm-Pferd im Stall haben.
Der Zukauf von kom­mer­zi­el­len Engi­nes hat bei Chess­base jahr­zehn­te­lange Tra­di­tion: Von „Chess­Ti­ger“ und „Junior“ über „Hiarcs“, „Shred­der“ und „Rybka“ bis hin zu jetzt „Komodo“ nahm CB immer wie­der externe Pro­gramme bzw. Pro­gram­mie­rer unter Ver­trag – natür­lich stets gleich­zei­tig mit sei­ner Haus­marke „Fritz“.

Neuer Wein in alten Schläuchen

Komodo Dragon 3 - Chessbase - Eröffnungsbildschirm - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Der Eröff­nungs­bild­schirm des neuen Komodo Dra­gon 3 von Chessbase

Über das Gra­phi­cal User Inter­face „Fritz“ in sei­ner aktu­ells­ten Ver­sion haben wir bereits berich­tet: Fritz 18. Die „Fritz“-Programmoberfläche ist seit Jah­ren – trotz eines gewis­sen Inno­va­tions-Staus, der bei den letz­ten Num­mern zu beob­ach­ten war – der unan­ge­foch­tene Lea­der unter allen kom­mer­zi­el­len GUI und bei den inter­na­tio­na­len Schach­pro­fis das meist­ver­wen­dete Schach­pro­gramm; beim Heer der Ama­teur- und Klub­spie­ler ist „Fritz“ ohne­hin seit Jahr­zehn­ten fest eta­bliert als Ana­lyse- und Datenbank-Werkzeug.
Die jüngste Komodo Ver­sion 3 von Chess­base über­nimmt die­ses Inter­face unver­än­dert – „neuer Wein in alten Schläu­chen“ also. Wen­den wir uns dem­entspre­chend der Engine sel­ber zu.

Personalities für jeden Geschmack

Komodo Dragon 3 - Neun Schach-Personalities - Rezensionen Glarean Magazin
Die neun Per­so­na­li­ties des Komodo Dra­gon 3

Nach der Instal­la­tion der neuen Komodo-Aus­gabe von Chess­base hat der Anwen­der plötz­lich neun wei­tere Engi­nes in sei­nem Pro­gramme-Ord­ner. Denn wie schon bei der Vor­gän­ger-Ver­sion 2.6 diver­si­fi­ziert auch Komodo-Dra­gon 3 seine Default-Engine in sog. „Per­so­na­li­ties“.
Damit knüp­fen die Macher des Schach-Warans – wenn­gleich in sehr viel gerin­ge­rem Aus­maß – an das legen­däre Schach-Paket „Chess­mas­ter“ (1991-2007) an, das sei­ner­zeit viele Dut­zende sol­cher vor­pro­gram­mier­ter „Spie­ler-Per­sön­lich­kei­ten“ für ein mög­lichst abwechs­lungs­rei­ches Spiel des Users gegen das Pro­gramm mit­lie­ferte und damit einen der wich­tigs­ten Kauf­an­reize für diese damals weit­ver­brei­tete Soft­ware dar­stellte. (Ein wei­te­res, kos­ten­lo­ses Schach­pro­gramm, bei dem die Per­so­na­lity unter­schied­lich gewählt wer­den kann, ist z.B. Pro Deo von Ed Schrö­der. Zu nen­nen ist außer­dem das spiel­starke Stock­fish-Deri­vat ShashCh­ess mit meh­re­ren sol­cher Personalites).

Vom Anfänger bis zum Weltmeister

Unter dem Chess­base-GUI konn­ten schon immer all jene, die „Fritz“ nicht zum Ana­ly­sie­ren, son­dern zum Sel­ber­spie­len nut­zen, die Engine-Stärke dros­seln. Bei Komodo-Dra­gon wählt der Anwen­der nun fix pro­gram­mierte Vari­an­ten aus, die da hei­ßen: Dra­gon 3 (Default), Dra­gon Active, Dra­gon Aggres­sive, Dra­gon Beg­in­ner, Dra­gon Defen­sive, Dra­gon End­game, Dra­gon Human, Dra­gon MCTS, Dra­gon Positional.

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Zitie­ren wir dies­be­züg­lich hier kurz aus dem Beschrieb von Chess­base, wo die Pro­gramm-Macher fest­hal­ten, dass sich die Spiel­stärke bei Komodo Dra­gon 3 grund­sätz­lich „belie­big nach der gewünsch­ten Elo-Stärke von 1 bis maxi­mal 3500 ein­stel­len“ lasse. „Die Elo-Werte bezie­hen sich dabei auf mensch­li­ches Spiel im Schnell­schach und eig­nen sich z.B., um für ein aus­ge­gli­che­nes Match zu sor­gen. Denn bei redu­zier­ter Spiel­stärke unter­lau­fen der Engine die Feh­ler, die von Men­schen mit der ein­ge­stell­ten Wer­tungs­zahl zu erwar­ten sind.
Die Elo-Ein­stel­lun­gen von Komodo Dra­gon 3 sind gegen viele mensch­li­che Spie­ler unter­schied­lichs­ter Spiel­stärke getes­tet und abge­stimmt wor­den, ins­be­son­dere im GM-Bereich in zahl­rei­chen Schnell­schach­par­tien gegen GM Alex Len­der­man, der zum Ent­wick­ler­team von Komodo gehört.“


Exkurs: Die Personality „Endgame“

Wel­che der acht zusätz­li­chen Dra­gon-Per­so­na­li­ties nun genau wie in wel­chem Schach-Seg­ment spielt, müss­ten wei­ter­ge­hende Tests und Ana­ly­sen zei­gen. Der Autor hat sich bis jetzt mit zweien die­ser Dra­gon-Deri­vate näher beschäf­ti­gen kön­nen, näm­lich mit „End­game“ und mit „Aggres­sive“.

Komodo-Dragon-3 - Optionen-Fenster - Endgame Einstellungen - Fritz18 - Glarean Magazin
Die „Endgame“-Einstellungen von Komodo-Dra­gon-3 unter Fritz-18, wie sie für das unten­ste­hende Tur­nier benützt wurden

Per­formt die Per­so­na­lity End­game tat­säch­lich bes­ser als die Default-Ein­stel­lung? In einem Stel­lungs­test mit 100 mit­tel­schwie­ri­gen bis sehr schwie­ri­gen End­spiel-Auf­ga­ben schnitt die „Endgame“-Option kei­nes­wegs bes­ser ab – im Gegen­teil. Das hat aller­dings sei­nen Grund weni­ger in ihrer End­spiel-Per­for­mance als viel­mehr in der Tat­sa­che, dass bei Dra­gon nur „Default“ die starke NN-Bewer­tung nutzt, alle ande­ren Per­so­na­li­ties nicht. Damit ist deren Spiel­stärke per se mas­siv gedros­selt. Nähe­res dazu fin­det sich in der offi­zi­el­len Readme-Datei von Komodo. (Das Pro­blem bestand natür­lich auch bei der Dra­gon-Ein­stel­lung „Aggres­sive“, wel­che im unten­ste­hen­den Tur­nier zum Ein­satz kam und dort ent­spre­chend schlecht abschnitt).

Trotz­dem war es inter­es­sant, die End­spiel-Per­for­mance der entspr. Dra­gon-Per­so­na­lity zu untersuchen.
Das Ergeb­nis war aller­dings ernüch­ternd: Zahl­rei­che Lösun­gen, die andere Spit­zen-Engi­nes innert 15 Sekun­den ent­deck­ten, schaffte diese Ein­stel­lung auch nach Minu­ten nicht. Umge­kehrt kam es nur sehr sel­ten vor, dass sie als ein­zi­ges Pro­gramm eine Auf­gabe löste.

Hier stell­ver­tre­tend einige Stel­lun­gen, wel­che von den meis­ten Pro­gram­men in Sekun­den gelöst wer­den, aber für „End­game“ von Komodo-Dra­gon-3 eine Num­mer zu hoch sind.
(Der Autor tes­tete auf einem AMD-Ryzen-7 / 16Threads & 5-men-Syzygy). Ein Maus­klick auf irgend einen Par­tie-Zug öff­net das entspr. Ana­lyse-Fens­ter inkl. Download-Option:

Die obi­gen vier Stel­lun­gen sind natür­lich nicht reprä­sen­ta­tiv, umfang­rei­chere Tests könn­ten andere, posi­ti­vere Ergeb­nisse zeitigen.


Exkurs: Die Personality „Aggressive“

Eine wei­tere hoch­in­ter­es­sante Dragon-„Persönlichkeit“ ist die Ein­stel­lung „Aggres­sive“. Aktu­ell dürfte es kein Pro­gramm des moder­nen Engine-Zir­kus‘ geben, das nur annä­hernd so ein­falls­reich, so opfer­freu­dig und so angriffs­lus­tig spielt wie diese Komodo-Personality.
Dabei ist die Gesamt-Tur­nier-Per­for­mance von „Aggres­sive“ haar­sträu­bend schlecht – aus dem oben bereits erwähn­ten Grunde, und wie auch die Tur­nier-Tabelle unten doku­men­tiert, wo „Aggres­sive“ ohne einen ein­zi­gen Par­tien-Gewinn die Schluss­la­terne trägt. „Aggres­sive“ – das bedeu­tet Angriffs­schach zuwei­len mit der Brech­stange, und gegen der­art starke Kon­kur­renz mit ihrer gna­den­los prä­zi­sen Ver­tei­di­gungs­ar­beit, wie sie die moder­nen NN-Pro­gramme an den Tag legen, hat es solch „roman­ti­sches“ Schach einen schwe­ren Stand.

Michael Tal - Schachweltmeister - Glarean Magazin
Weilt das legen­däre Angriffs-Genie Michael Tal inko­gnito wie­der unter uns – in Gestalt des Com­pu­ter­schach-Komodo-Warans „Dra­gon“?

Aber wer „Aggressive“-Partien näher unter­sucht, erlebt Thril­ler-Schach-Kino vom Feins­ten! Es lohnt sich, wenigs­tens die entspr. Remis-Games nach­zu­spie­len. Die Per­so­na­lity hat Mate­rial-Ein­stel­lun­gen und Stel­lungs­be­wer­tun­gen imp­le­n­tiert, die sie kom­pro­miss­los auf Angriff spie­len lässt, wobei Bau­ern- und Figu­ren-Opfer quasi zur Pflicht gehö­ren. Es ist, als wäre der legen­däre Welt­meis­ter Michael Tal wie­der auf­er­stan­den – in der Form eines noch weit­aus gefähr­li­che­ren Warans…

Hier einige Bei­spiele für die­sen attrak­ti­ven Spiel-Stil – und zwar aus Par­tien, die trotz jewei­li­ger Mate­ri­al­de­fi­zite unent­schie­den ende­ten (nota­bene gegen extrem starke NN-Engines):

„Aggres­sive“ kennt nur eine Rich­tung: Nach vorne. Dabei haben Raum­ge­winn, Linien- und Dia­go­na­len-Öff­nen inkl. Vor­pos­ten-Schaf­fung zwecks direk­tem Königs­an­griff abso­lut oberste Prio­ri­tät, auch unter Bau­ern- und Figuren-Opfern.
In dem fol­gen­den Bru­der­krieg steckt Weiß gleich zwei Bau­ern ins Geschäft, nur um den Geg­ner am am freien Figu­ren­spiel zu hin­dern bzw. den eige­nen Raum-Radius zu vergrössern: 

Die nächste Stel­lung ent­stand aus einem klas­si­schen „Fran­zo­sen“. Auch hier benützt die Engine die erste beste Gele­gen­heit, von den aus­ge­latsch­ten Eröff­nungs­pfa­den abzu­wei­chen und den Geg­ner zu Erklä­run­gen zu zwin­gen. Und auch dies­mal gelingt es dem geg­ne­ri­schen Pro­gramm nicht, diese Frech­hei­ten mit einem Sieg zu bestra­fen; die Par­tie endete spä­ter remis:

Die ganze Welt nimmt in der nach­ste­hen­den sizi­lia­ni­schen Stan­dard-Stel­lung mit Weiß den Bau­ern auf d4 – für „Aggres­sive“ ist das viel zu lang­wei­lig. Erneut ist der Drang unüber­seh­bar: Turbo-Ent­wick­lung, um bald­mög­lichst gerüs­tet zu sein für den Angriff. In der Groß­meis­ter-Szene kommt 4. Ld3 natür­lich nicht vor. Komodo-Dra­gon schreibt hier also Eröffnungs-Geschichte…


PGN-Download-Button
Down­load-But­ton im Analyse-Fenster

Der Maus­klick auf einen Zug oder eine Vari­ante in der Nota­tion öff­net das entspr. Ana­lyse-Fens­ter mit der Option des Down­loa­dens als PGN-Datei.

Alter­na­tiv las­sen sich die Stel­lun­gen hier nach­spie­len bzw. run­ter­la­den.

„Aggres­sive“ ist in ers­ter Linie eine begna­dete Gam­bit-Engine. Hier ein vier­tes Bei­spiel die­ses unbe­küm­mer­ten Kampf-Stils in einer sel­te­ne­ren Vari­ante des Nor­di­schen Gam­bits. Dies­mal ist der Geg­ner die Num­mer 2/3 der Welt – doch auch hier endete der Kampf des David (Alpha-Beta-Bewer­tung) gegen Goli­ath (NN-Bewer­tung) mit einem Remis. Roman­tik-Schach des 19. Jahr­hun­derts – mit­ten im Maschi­nen-Zeit­al­ter des 21. Jahrhunderts…


Leichter Zugewinn an Spielstärke

Komodo Dragon 3 - Logo - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Seit Jah­ren der hart­nä­ckigste Ver­fol­ger der Num­mer Eins Stock­fish: Der Komodo-Waran von komodo.chess

Natür­lich inter­es­siert pri­mär mal die Default-Spiel­stärke der neuen Dra­gon-Engine. Komodo ist wie alle füh­ren­den moder­nen Schach­mo­to­ren eine sog. Neu­ral-Net­work-Engine (NN), wobei sie ihr eige­nes, natür­lich pro­gram­mier­tech­nisch spe­zi­ell abge­stimm­tes Netz­werk „ein­ge­bet­tet“ mit­bringt und die­ses nicht wie die meis­ten ande­ren (z.B. Stock­fish) extra down­loa­den muss; letz­te­res ist optio­nal aber nach wie vor möglich.

Hin­sicht­lich Spiel­stärke hat Dra­gon 3 zuge­legt – aber der Zuge­winn ist über­schau­bar, wie die bis­he­ri­gen Tur­nier-Resul­tate der ein­schlä­gi­gen Par­tien-Gene­ra­to­ren CCRL und CEGT aus­wei­sen. (Auch das eigene Pri­vat-Tur­nier des Autors – siehe unten – zeigt gegen­über Dra­gon 2.6 einen Zuwachs der Tur­nier-Per­for­mance in beschei­dens­tem Rahmen).
Unbe­strit­ten ist aber, dass der „Dra­chen“ der stärkste Kon­kur­rent des „Fisches“ war und vor­läu­fig auch blei­ben wird, auch dies zei­gen alle bis­he­ri­gen Tests und Tur­niere mit dem jüngs­ten Komodo-Zuwachs:

CCRL - Chess Engines Rating Blitz - 25. May 2022
Dem Lea­der dicht auf den Fer­sen: Dra­gon 3 gelis­tet bei CCRL in der Blitz-Rating-Liste vom 25. Mai 2022
CEGT - Chess Engines Rating 40-20 - 25. May 2022
Merk­lich hin­ter Stock­fish, knapp vor Fat­Fritz und Lee­laCh­ess: Dra­gon 3 gelis­tet bei CEGT in der 40/20-Rating-Liste vom 25. Mai 2022

Komodo Dragon 3 und die Analyse

Inter­es­san­ter als Rang­lis­ten-Ver­glei­che ist aller­dings das Unter­su­chen der Bin­nen­struk­tu­ren von Par­tien des neuen Dra­gon, aber auch das Ver­hal­ten der Engine beim Analysieren.
Um das Zweite vor­weg­zu­neh­men: Gerade hier zei­gen sich die neuen com­pu­ter­schach­li­chen Ansätze unmit­tel­bar, wie schon ein paar erste, aber reprä­sen­ta­tive Test-Stel­lun­gen demons­trie­ren. (Die fol­gen­den Ergeb­nisse wur­den auf einem AMD-Ryzen-7 mit 16Threads, 2Gb Hash und 5-men-Syzygy-TB’s unter dem Inter­face Komodo-Dra­gon-3 von Chess­base erzielt):

Kar­ja­kin vs Carlsen (Sham­kir 2019)
Schwarz am Zuge

Karjakin vs Carlsen - Shamkir 2019 - Schwarz am Zuge - 19... e4FEN: r3k2r/1pq1bpp1/p2p2n1/3Ppb1p/1QP4P/2N1B1P1/PP2BP2/R3K2R b KQkq – 0 19

Im Gegen­satz zu sei­nem direk­ten Vor­gän­ger Dra­gon 2.6.1 (und den meis­ten ande­ren Spit­zen-Engi­nes) fin­det der neue Dra­gon 3 den posi­tio­nel­len, die Ini­ti­ta­tive sichern­den Bau­ern­vor­stoss 19. – e4! des amtie­ren­den Welt­meis­ters in null­komma-fast-null Sekunden.
Sol­che blitz­schnel­len Lösun­gen las­sen meist dar­auf schlie­ßen, dass die Engine den betr. Stel­lungs­ty­pus „kennt“ und adäquat behan­deln kann.

Feco vs Jones (Corr. Game 2017)
Schwarz am Zuge

Feco vs Jones - Correspondence Chess 2017 - Schwarz am Zuge - 29... Db6 (am)FEN: 4Qnk1/1pq4p/2p3p1/p2p1p1P/P2P1P2/2PB2P1/1P3K2/8 b – – 0 29

So wie Dra­gon 2.6.1 möch­ten sich hier prak­tisch alle star­ken Pro­gramme mit 29. – Db6? am wei­ßen Bau­ern b2 delek­tie­ren, was aber den siche­ren Tod des Schwar­zen bedeutete.
Der neue „Dra­chen“ riecht den Bra­ten recht schnell und sucht statt­des­sen den Damen­tausch mit Dd7 oder Df7. Denn am Damen­flü­gel kann Schwarz zwar sei­nem Mate­ria­lis­mus frö­nen, doch auf der ande­ren Brett­seite geht’s sei­nem König an den Kragen…

R. Becker (Stu­die 2015)
Weiß am Zuge

R. Becker Studie - Weiss am Zuge - 1. Dd3FEN: 8/p2p4/r7/1k6/8/pK5Q/P7/b7 w – – 0 1

Nur wenige Spit­zen-Pro­gramme lösen die obige Stu­dien-Auf­gabe innert Sekun­den, indem sie sofort in die erfor­der­li­che Tiefe von mind. 30 Halb­zü­gen (!) kom­men. Komodo-Dra­gon 3 holt hier den Lösungs­zug 1. Dd3! unver­züg­lich auf den Bild­schirm, seine Kon­kur­ren­ten las­sen sich dem­ge­gen­über teils über eine halbe Minute Zeit.


 

Die vier Stel­lun­gen und
Ana­ly­sen las­sen sich
hier down­loa­den.

Cvak vs Kubicki (Corr.-Analyse)
Weiß am Zuge

Cvak vs Kubicki - Correspondence Chess 2019 (Analyse) - Weiss am Zuge - 31. Lxc51rb1r3/5qk1/3b2p1/1pnPp1Pp/2P1Bp2/pP6/P2NQB1P/1KR3R1 w – – 0 31

In die­ser kom­ple­xen Mit­tel­spiel-Stel­lung steht Weiß mit dem Rücken zur Wand, denn er hat genau einen Ret­tungs­an­ker, der die Par­tie knapp hält: 31. Lxc5!
Die meis­ten Engi­nes wür­den hier mit 31.cxb5? sang- und klang­los unter­ge­hen – nicht so Dra­gon 3. Nach ca. 10 Sekun­den „weiß“ der neue „Dra­chen“, dass nur der Figu­ren-Abtausch entlastet.
Über­haupt fällt beim Ana­ly­sie­ren von Dra­gon-3-Par­tien auf, wie hart­nä­ckig das Pro­gramm schlechte Stel­lun­gen zu ver­tei­di­gen ver­mag. Ins­be­son­dere Fern­schach-Spie­ler dürf­ten diese Qua­li­tät des jüngs­ten Komodo beson­ders zu schät­zen wissen…

Dragon 3 gegen den Rest der Engine-Welt

Das Ana­ly­sie­ren von eige­nen oder frem­den Games gehört bei Schach­spie­lern (gleich wel­cher Stär­ke­klasse) ohne Zwei­fel zum Haupt­ver­wen­dungs­zweck von Schach­pro­gram­men, sei es zum Auf­spü­ren von Feh­lern oder zum Trai­nie­ren des Eröff­nungs­re­per­toire. Die­ser Ziel­set­zung trägt Chess­base Rech­nung, indem neben der neuen Engine und dem zuge­hö­ri­gen Inter­face auch eine Samm­lung von über einer Mil­lion Par­tien mit­ge­lie­fert wird. Die „Data­base 2022“ ent­hält dabei auch tau­sende von Games, die pro­fes­sio­nell von Groß­meis­tern kom­men­tiert wur­den. Die jüngste Par­tie der Daten­bank datiert vom 20. Okto­ber 2021, die älteste ist eine Begeg­nung zwi­schen Bird und Anders­sen aus dem Jahre 1851.

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In spe­zi­fi­schen Com­pu­ter­schach-Krei­sen ist eine wei­tere Spiel­wiese für Engi­nes ver­brei­tet (aller­dings weni­ger aus schach­li­chen denn aus sta­tis­ti­schen Grün­den): Das auto­ma­ti­sierte Aus­spie­len von Engine-Par­tien. Die so gene­rier­ten Games zwi­schen Moto­ren unter­ein­an­der sol­len Auf­schluss geben über die Gesamt-Per­for­mance eines Pro­gram­mes, wobei meist mehr oder weni­ger aus­ge­klü­gelte „Ope­ning-Books“ sowie 5-7-Stei­ner-End­game-Tab­le­ba­ses zum Ein­satz kom­men. Die bei­den wich­tigs­ten die­ser Par­tien-Erstel­ler CCRL und CEGT wur­den oben bereits erwähnt, zahl­rei­che wei­tere pri­vate Engine-Tur­niere wer­den lau­fend von der welt­wei­ten Anwen­der­schaft generiert.

Turnier mit 16 Top-Engines

Der Autor hat unter der Komodo-3-Gra­fik­ober­flä­che von Chess­base eben­falls ein sol­ches klei­nes Engine-Tur­nier auf­ge­setzt für 16 der bes­ten und häu­figst ver­wen­de­ten Schach­mo­to­ren, die aktu­ell den Engine-Zir­kus bevöl­kern. Gene­riert wur­den dabei ins­ge­samt knapp 500 Par­tien mit der offi­zi­el­len Blitz-Bedenk­zeit der FIDE von 3 Min. + 2 Sek. (= Haupt­spiel­zeit plus Zeit­bo­nus pro Zug).
Dies aller­dings mit zwei eher sel­ten ange­wen­de­ten Optio­nen: Ers­tens wurde kom­plett ver­zich­tet auf den Ein­satz von Eröff­nungs­bü­chern, um den Engi­nes nicht vor­zu­schrei­ben, wel­che Eröff­nungs­züge sie spie­len sol­len. Und zwei­tens hat­ten die Pro­gramme kei­ner­lei End­spiel-Daten­ban­ken zur Ver­fü­gung, damit bei der spä­te­ren Par­tien-Ana­lyse die eigent­li­che Per­for­mance einer Engine auch in die­ser Spiel­phase objek­ti­ver unter­sucht wer­den kann. Drit­tens durf­ten die Engi­nes – via die Tur­nier-Option „Pon­de­ring“ – auch dann rech­nen, wenn sie nicht am Zuge waren; dies ist das „natür­lichste“ Ver­hal­ten beim Schachspielen…

Download-Button Turnier-Partien

Detail­liert sah das Tour­na­ment Setting
fol­gen­der­ma­ßen aus:

  • Hard­ware: AMD Ryzen 7 2700x ( 8CPU / 16Threads )
  • Soft­ware: Fritz 18 (Chess­base)
  • 16 Engi­nes ( Je 4 Threads / 1024 Mb Hash )
  • Time Con­trol­ling: 3min + 2sec
  • Round Robin: 4 games each against each other
  • Ope­ning Books: No
  • End­game Tab­le­ba­ses: No
  • Pon­de­ring: Yes
  • Total Games: 480
  • Dupli­ca­ted Games: 0
  • Lee­laCh­ess-Net­work: 783328 ( 2 Threads / RTX 2080)

Natür­lich ist die­ses Engine-Tur­nier mit sei­nen knapp 500 Par­tien sta­tis­tisch nicht belast­bar, trotz­dem ent­spricht sein Ran­king ziem­lich genau jenen Rang­lis­ten, die ein Viel­fa­ches an Games pro Engine aus­spie­len lassen:

Top Engines - 3+2 - Turnier-Tabelle (neu)
Das Tur­nier der 16 Top-Engi­nes ohne Eröff­nungs­bü­cher und Endspiel-Datenbanken

Die Liste zeigt das nun­mehr schon seit vie­len Mona­ten bekannte Bild mit dem füh­ren­den Tri­um­vi­rat Stockfish/LeelaChess/Komodo, wobei die Plätze Zwei und Drei immer mal wie­der wech­seln kön­nen zwi­schen Lee­laCh­ess und Dra­gon. Zieht man zum Ver­gleich die zahl­reich exis­tie­ren­den, diver­sen Com­pu­ter­schach-Ran­kings im Inter­net hinzu, zeigt sich ziem­lich deut­lich, dass sich Komodo meist auf dem Sil­ber-Podest einreiht.

Inter­es­sant ist, dass die­ses Tur­nier keine ein­zige Par­tie-Dou­blette gene­rierte, obwohl kei­ner­lei Ope­ning Books im Spiel waren, die das Eröff­nungs­ver­hal­ten der Moto­ren gespreizt hät­ten. Trotz­dem ver­zeich­net die Eröff­nungs-Palette einen über­ra­schend wei­ten ECO-Range:

Trotz fehlenden Eröffnungsbüchern: Ein überraschender Range der ECO-Codes ohne Partien-Dubletten
Trotz feh­len­den Eröff­nungs­bü­chern: Ein über­ra­schend wei­ter Range der ECO-Codes, außer­dem ohne Partien-Dubletten

Auch hin­sicht­lich End­spiel ent­spre­chen die 480 Par­tien in etwa jenen Häu­fig­kei­ten, wie sie sich im Com­pu­ter- wie im Human-Schach zei­gen. Und auch hier machen die rei­nen Turm-End­spiele die größte und wich­tigste Kate­go­rie aus:

Top Engines - 3+2 - Endspiele-Statistik
Alle Engi­nes muss­ten ihre End­spiel-Per­for­mance ohne End­game-Tab­le­ba­ses demonstrieren

Ein Schachpaket für alle Fälle

Ist Komodo-Dra­gon-3 aus dem Hause Chess­base ein Must-have für Schach­spie­ler? Unbe­dingt – sofern man nicht zumin­dest schon das Fritz-18 oder -17-GUI hat und außer­dem mal nicht immer bloß den glei­chen Ein­heits­brei von Stock­fish & Co. aus dem Netz run­ter­la­den möchte.
Denn Dra­gon 3 hat ein deut­lich ande­res Spiel- und Ana­lyse-Ver­hal­ten als alle ande­ren NN-Engi­nes, beweist aber trotz­dem immer wie­der eine extrem starke Tur­nier-Per­for­mance. Damit ist die­ser dritte „Dra­chen“ ein ech­tes Gegen-Pro­gramm zum übli­chen Free­ware-Kuchen mit sei­nen aber­dut­zen­den von Deri­va­ten und Klo­nen, die sich inze­s­tiös oft nur in win­zigs­ten Klei­nig­kei­ten unterscheiden.
Chess­base run­det sein jüngs­tes Komodo-Paket außer­dem ab mit einer gro­ßen Par­tien-Daten­bank sowie einem 6-mona­ti­gen Pre­mium-Account mit Zugang zu den bekann­ten CB-Online-Services.

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Natür­lich emp­fiehlt sich der Kauf weni­ger für jene, die F17 oder F18 bereits besit­zen und somit die Dra­gon-3-Engine durch­aus direkt bei den Komodo-Machern kau­fen und dann ein­bin­den kön­nen. Aller­dings ist der Preis-Unter­schied minim: Bei Ama­zon z.B. kos­tet die Chess­base-DVD 74 Euro, wäh­rend die Pro­gram­mie­rer auf ihrer Komodo-Web­seite 75 Dol­lar, also ca. 70 Euro für die nackte Engine ver­lan­gen. Rech­net man bei CB noch ein paar Euro für den DVD-Ver­sand hinzu, ist der pure Engine-Down­load güns­ti­ger – aber ein­be­zo­gen wer­den soll­ten bei CB noch die kos­ten­lo­sen Goo­dies Pre­mium-Account & Data­base 2022.

Wie auch immer: Komodo-Dra­gon-3 zählt nicht nur zu den aktu­ell stärks­ten Schach­pro­gram­men über­haupt, son­dern setzt dem bun­ten Engine-Zir­kus den viel­leicht glän­zends­ten, weil schach­lich und pro­gram­mier­tech­nisch sehr alter­na­tiv auf­trump­fen­den Farb­tup­fer hinzu.
Der neue „Dra­chen“ 3.0 wird damit zum viel­fäl­tig ein­setz­ba­ren Ana­lyse- und Spar­ring-Werk­zeug – ein Schach­pa­ket also für alle Fälle. ♦

Chess­base: Komodo Dra­gon 3 & Fritz 18 GUI – Schach­soft­ware by Chess­base Ham­burg, DVD oder Download

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach­soft­ware auch über Vasily Smys­lov – Mas­ter Class Band 14 (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Com­pu­ter­schach: The Engine Crackers


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