Veröffentlicht am 18. Dezember 2020
Yuval Noah Harari: Sapiens: Der Aufstieg – Graphic Novel
„Sapiens ist eher wie ein aufgeplusterter Diktator, der dauerhaft Angst hat, seine Macht zu verlieren“ (S. 37)
Fans der Graphic Novel (die von Yuval Harari sowieso) dürfen sich freuen. Endlich mal wieder, mit „Sapiens – Der Aufstieg“ ein popkulturelles Werk, das Freude macht. Klug und kurzweilig, dabei anspruchsvoll und durchaus fordernd in Inhalt und Dialogen, zugleich graphisch ansprechend, packt einen „Sapiens“ von Anfang an. Insofern darf man gespannt auf die weiteren drei Teile sein, in denen das Trio Yuval Harari, David Vandermeulen (Co-Autor) sowie Daniel Casanave (Zeichnungen) hoffentlich weiterhin so glänzend unterhält und zugleich aufklärt.
In der graphischen Umsetzung dieser seiner gezeichneten/getexteten „Geschichte über die Menschheit“ gelingt es Harari und Co., einen sofort in den Bann des Konzeptes zu ziehen. Egal, ob mit Vorwissen oder blutiger Laie auf dem Gebiet der thematischen Graphic Novel: „Sapiens“ weiss zu unterhalten, einen zum Nachdenken anzuregen.
Packende Graphic Novel von Yuval Harari
Mit grossem Sachverstand gelingt hier scheinbar mühelos ein Abriss epochaler Stadien in der Evolution des Homo Sapiens. Hierzu zieht Harari zur Freude von Filmfans immer wieder Klassiker wie z. B. Chaplins „Modern Times“ heran – inklusive kühle Komplementärkontraste, ein ansprechendes, leicht der ligne claire verhaftetes Zeichenschema, und sonstige virtuose Kniffe, die einen ob der erzählerischen Raffinesse sowie des enormen Wissens staunen lassen. Das Buch hat alles, was eine gelungene Graphic Novel braucht.
Zuweilen bemüht witzig

Und doch gibt es Teile, die abfallen. Der dicke Schinken ist zwar schön fürs Regal, aber unhandlich für die gemütliche Lektüre auf der Couch oder sonst wo. Und auch wenn „Sapiens“ über weite Strecken überzeugt, es Freude macht, im Streifzug allerlei Neues oder auch Altbekanntes passend verpackt zu sehen, überfordert Harari zuweilen bzw. erzeugt eine gewisse leserische Kurzatmigkeit. Vor allem im popkulturellen Kapitel „Rebellen der Savanne“ will er zu viel, setzt dies bemüht witzig um. So erschafft man durch all die kurzen Einschübe eine gewisse nervige Überfrachtung, eine gewisse popkulturelle Anbiederung durch eine vordergründig recht witzige, aber zugleich mitunter flache Präsentation. Ganz im Gegensatz zu Glanzpunkten wie beispielsweise dem Kapitel „Meister der Fiktion“, das uns das, was wir als gegeben hinnehmen, nochmals als reine Schöpfung der menschlichen Evolution in Erinnerung ruft.
Homo Sapiens nach New York transferiert
Ähnlich holprig wie der Anfang ist leider auch der Abschluss, der den Untergang vieler Arten der Megaflora und -fauna beleuchtet – anhand eines aktuellen Falles. Ein durchaus geschickter Griff in die Inszenierungskiste, der dem Leser die Thematik nahebringen soll, dabei aber letztlich doch übers Ziel hinausschiesst. Hier sitzen dann eben Steinzeitmenschen, verkörpert durch Cindy und Bert Sapiens, und sollen den New Yorker Cops Rede und Antwort stehen.
Klug und pointiert gegen Rassismus
Alles in allem aber absolut ein Buch mit Mehrwert. Denn klug und pointiert bringen Harari und sein Team die Entwicklung, das Auf und Ab – kurz: alles, was das grosse Feld des Aufstiegs und der Ausbreitung des Homo Sapiens eben begleitet – spielerisch herüber. Und die Quintessenz ist hochaktuell und sollte gerade in Zeiten eines wiederauflebenden Rassismus von einigen endlich begriffen werden: Es gibt keine verschiedenen Rassen. Wir sind alle Homo Sapiens, und – so schnell (Ironie) wie die Sapiens sich verbreitet und weiterentwickelt haben, so schnell können sie am Ende wieder untergehen. Ergo: Rassismus ist eine per se widersinnige Sache, und Toleranz sollte nicht vor der Haustür haltmachen.
Kurzum, ein sehr kluges Buch, mit gelegentlichen Längen, das aber ein epochales Thema kurzweilig und heiter umsetzt. Dabei wird mit treffenden Seitenhieben die moderne Gesellschaft seziert, die sich gar nicht so massgeblich von der Wildbeutergesellschaft unterscheidet…♦
Yuval Noah Harari: Sapiens – Der Aufstieg (Graphic Novel), 248 Seiten, C.H. Beck Verlag, ISBN 978-3406758935
Weitere Beiträge zum Thema Graphic Novel
Das Glarean Magazin auf Instagram
Wenn Sie die Arbeit des GLAREAN MAGAZINS unterstützen möchten, können Sie dies hier tun:
👉 Unterstützung via PayPal (Walter Eigenmann)
Vielen Dank.
Entdecke mehr von Glarean Magazin
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
