Michaela Seul: Eine Liebe im Herbst (Kurzprosa)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 2 Minu­ten

Eine Liebe im Herbst

Michaela Seul

Frauke schaute ihn an. So wie sie ihn immer anschaute, wenn sie an sei­ner Schul­ter lag, danach. Er zün­dete zwei Ziga­ret­ten an, wie er es immer tat, danach.
Als sie ihm das erste Mal beim Duschen zuge­se­hen hatte, waren ihr die Beine weg­ge­sackt. Auch beim zwei­ten Mal. Beim drit­ten Mal hatte sie abge­wa­schen. Es war nichts Neues mehr für dich, hatte er fest­ge­stellt, und Frauke konnte nicht wider­spre­chen. Angst, er könnte wei­tere Bei­spiele auf­zäh­len, alles Sack­gas­sen, Beweise für ihre ver­weste Liebe, und dort enden, wo sich sein Emp­fin­den für sie ver­än­dert hätte.
Beim Zäh­ne­put­zen – sie schmus­ten nicht mehr dabei – hatte sie sei­nen Hin­tern ange­starrt und sich über­legt, wie das sein würde, wenn sie ihn nicht mehr liebte, nicht mehr ertra­gen könnte, sei­nen Geruch, alles. Ob sie es schaf­fen würde zu gehen, oder bliebe, bis sie ihre Selbst­ach­tung verlöre.
Einen Augen­blick hasste Frauke ihn für die Geste, mit der er ihr eine Ziga­rette reichte. All seine Bewe­gun­gen kannte sie aus­wen­dig, sein Gesicht, wie er sich manch­mal räus­perte, bevor er etwas sagte, sogar was er sagte, wann er wie lachte. In den letz­ten Wochen hat­ten sie zu oft über frü­her gespro­chen, ihr Ken­nen­ler­nen erin­nert, und auch das war reiz­los geworden.
Du, sagte er. Ja, sagte Frauke, so wie sie es immer sagte, wenn er du sagte.
Dein Kör­per wird mir lang­wei­lig, sagte er.

Frauke konnte sich nicht bewe­gen. Auf­sprin­gen, weg­lau­fen, schreien, ruhig lie­gen­blei­ben. Ein klei­nes Stau­nen war in ihr, weil ihr lang­wei­li­ger Kör­per noch atmete.
Dei­ner auch, könnte sie sagen. Was änderte das. Dei­ner auch, sagte Frauke.
Tja, sagte er.
Und jetzt, fragte sie.
Weisst du noch, fragte er, damals, als wir zit­ter­ten, wenn wir nur anein­an­der dachten.
So nicht, sagte Frauke.
Du, lächelte er, so wie er es immer lächelte.
Ja, lächelte Frauke zurück und spürte einen Hauch von schwind­lig in ihrem Bauch.
Frauke, sagte er, mir wird schwindlig. ♦


Michaela Seul - Glarean Magazin ("Eine Liebe im Herbst")Michaela Seul

Geb. 1962 in Mün­chen; zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen in Büchern, Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien, ver­schie­dene Lite­ra­tur-Aus­zeich­nun­gen, seit län­ge­rem tätig auch als Best­sel­ler-Ghost­wri­te­rin, lebt am Ammer­see in Bayern/D

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Ein Kommentar

  1. Kurz und knackig!
    Gehö­ren uns unsere Gefühle, sind sie flüch­tig oder haben sie Bestand, wie Kno­chen etwa? Oft sind sie das, stur und unver­rück­bar, manch­mal auch nicht.

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