Interview mit Rebecca Gablé («Der dunkle Thron»)

«Ich erzähle euch, wie es gewesen sein könnte»

von Gün­ter Nawe

Vor ei­ni­gen Ta­gen ver­öf­fent­lichte die deut­sche Best­sel­ler-Au­to­rin Re­becca Gablé (Bür­ger­li­cher Name: In­grid Krane-Mü­schen) mit «Der dunkle Thron» ih­ren 13. «his­to­ri­schen Ro­man». Für das Glarean Ma­ga­zin fragte Gün­ter Nawe die er­folg­rei­che Schrift­stel­le­rin nach ih­ren li­te­ra­ri­schen Mo­ti­va­tio­nen und nach den Grün­den des Booms von Mit­tel­al­ter und Re­nais­sance in der mo­der­nen Li­te­ra­tur.

Rebecca GableGlarean Ma­ga­zin: Frau Gablé, vom be­rühm­ten Leo­pold Ranke stammt das Dik­tum, dass der His­to­ri­ker auf­zu­zei­gen habe, «wie es ei­gent­lich ge­we­sen» sei. Hat sich die Me­diä­vis­tin und Schrift­stel­le­rin Re­becca Gablé die­sen Satz zu­ei­gen ge­macht?

Re­becca Gablé: Nein, denn die­ser An­spruch ist un­er­füll­bar und über­holt. Ganz gleich, wie gründ­lich wir schrift­li­che Quel­len und ar­chäo­lo­gi­sche Funde aus­wer­ten, kann das, was wir dar­aus ab­lei­ten, doch im­mer nur eine Re­kon­struk­tion von Ver­gan­gen­heit sein. Ein edu­ca­ted guess, wie die Bri­ten sa­gen: eine Ver­mu­tung auf Grund­lage der be­kann­ten In­di­zien. Wie es «ei­gent­lich ge­we­sen» ist, kön­nen wir nicht er­for­schen und darum nie­mals wis­sen. So be­trach­tet, ha­ben wir Schrift­stel­ler es ein­fa­cher als die ar­men Wis­sen­schaft­ler, denn wir sa­gen le­dig­lich: «Ich er­zähle euch, wie es ge­we­sen sein könnte.» Nichts an­de­res hat üb­ri­gens auch Leo­pold Ran­kes Ur­groß­neffe Ro­bert Gra­ves ge­tan: Er hat mit Kai­ser Clau­dius ei­nen Ich-Er­zäh­ler von schein­bar gro­ßer Zu­ver­läs­sig­keit er­dacht, der be­haup­tet, er werde die Ge­schichte nun so er­zäh­len, wie sie «ei­gent­lich ge­we­sen» sei, um dann ein aben­teu­er­li­ches Kon­strukt aus In­tri­gen und Mord zu spin­nen, das zwar mög­lich, aber kei­nes­falls nach­weis­bar ist. Es kommt ei­nem vor, als habe er mit ei­nem Au­gen­zwin­kern in Rich­tung sei­nes be­rühm­ten Vor­fah­ren ge­schrie­ben.

Farbenprächtige und aussdrucksstarke Dichtung im englischen Mittelalter

GM: Sie ha­ben sich vor­wie­gend und äu­ßerst er­folg­reich am eng­li­schen Mit­tel­al­ter «ab­ge­ar­bei­tet». In ei­nem In­ter­view ha­ben Sie ein­mal ge­sagt: «Mein Herz ge­hört dem his­to­ri­schen Ro­man und dem eng­li­schen Mit­tel­al­ter». Warum ge­rade die­sem?

RG: Meine Vor­liebe für das eng­li­sche Mit­tel­al­ter geht auf mein Li­te­ra­tur­stu­dium zu­rück. Dort bin ich zum ers­ten Mal der eng­li­schen Dich­tung des 8. bis 14. Jahr­hun­derts be­geg­net, die mich seit­her fas­zi­niert und meine Fan­ta­sie an­regt, weil sie so far­ben­präch­tig, aus­drucks­stark und in vie­ler Hin­sicht auch son­der­bar ist. All diese Werke – auch wenn sie re­li­giöse oder sa­gen­hafte Mo­tive be­han­deln – er­zäh­len et­was über ihre Ver­fas­ser und de­ren Zeit. Darum er­schien es mir im­mer na­he­lie­gend, diese Li­te­ra­tur als Aus­gangs­punkt zu neh­men und mir die Le­bens­welt der Dich­ter und ih­rer Zeit­ge­nos­sen vor­zu­stel­len. Von da war der Schritt nicht mehr weit, mich an ei­nem his­to­ri­schen Ro­man zu ver­su­chen, der, wie sich her­aus­stellte, eine Li­te­ra­tur­form ist, die mir be­son­ders liegt.

GM: Mit dem neuen Ro­man «Der dunkle Thron» ha­ben Sie al­ler­dings das Mit­tel­al­ter ver­las­sen. Der vierte Teil der be­rühm­ten Wa­ring­ham-Saga spielt be­reits in der Re­nais­sance, im 16. Jahr­hun­dert. War das dem In­ter­esse Ih­rer Le­ser­schaft ge­schul­det, die nach «Das Lä­cheln der For­tuna», «Die Hü­ter der Rose» und «Das Spiel der Kö­nige» ein­fach wis­sen wollte, wie es wei­ter­geht mit den Wa­ring­hams?

RG: Dem In­ter­esse mei­ner Le­ser­schaft und mei­nem. Ich wäre nicht in der Lage, mich zwei Jahre lang ei­nem Thema zu wid­men, das nicht in al­ler­ers­ter Li­nie meine ei­gene Neu­gier weckt. Ich sel­ber wollte wis­sen, wie es den Wa­ring­ham – die­sen wer­te­kon­ser­va­ti­ven Spin­nern, die im­mer noch Rit­ter sein wol­len – in ei­ner Epo­che er­ge­hen würde, die sich in vie­ler­lei Hin­sicht ra­di­kal vom Mit­tel­al­ter un­ter­schei­det.

Stammbäume und Notizen

GM: Im Mit­tel­punkt der Te­tra­lo­gie steht das Ge­schlecht de­rer von Wa­ring­ham. Mit dem Ro­man «Der dunkle Thron» ha­ben Sie die­ses Ge­schlecht in der mitt­ler­weile sechs­ten Ge­ne­ra­tion durch eine fast 200-jäh­rige Ge­schichte be­glei­tet und da­mit ei­nen re­la­tiv lan­gen Zeit­raum der Ge­schichte ab­ge­schrit­ten. Wie hält das die Au­to­rin durch, ohne den ro­ten Fa­den zu ver­lie­ren?

RG: Mit Stamm­bäu­men, sehr vie­len No­ti­zen und ei­nem halb­wegs zu­ver­läs­si­gen Ge­dächt­nis.

GM: Die «Wa­ring­hams» sind ein fik­tive Größe in Ih­rem Ro­man. Sie er­le­ben Aben­teuer, Lie­bes­ge­schich­ten, Auf­stieg und Fall. Dies al­les ein­ge­bun­den in den Fluß rea­ler Ge­schichte. Wie viel in Ih­ren Ro­ma­nen ist Fakt, wie viel Fik­tion?

RG: Das ist schwie­rig zu be­mes­sen, und wir spra­chen ja ein­gangs schon über die Pro­ble­ma­tik his­to­ri­scher «Fak­ten». Dem his­to­risch ver­brief­ten Per­so­nal mei­ner Ro­mane (das ja meist in der Über­zahl ist), dichte ich keine Ta­ten an, die sie nicht tat­säch­lich voll­bracht ha­ben, aber in dem Mo­ment, da ich sie zu Ro­man­fi­gu­ren ma­che, wer­den sie fik­tio­na­li­siert. Ich be­mühe mich, ihre Cha­rak­tere so zu be­schrei­ben, wie sie nach mei­ner Deu­tung wahr­schein­lich wa­ren, aber des­sen un­ge­ach­tet wer­den sie zu Ge­schöp­fen mei­ner Fan­ta­sie mit ei­ner ei­ge­nen Aus­drucks­weise und Kör­per­spra­che, mit Dia­lo­gen und Emo­tio­nen. Das gilt na­tür­lich erst recht für die er­fun­de­nen Fi­gu­ren, also zum Bei­spiel alle Wa­ring­ham, ob­wohl ich auch dort im­mer mein Au­gen­merk dar­auf richte, ihre Le­bens­ge­schichte so zu zeich­nen, wie sie sich in der je­wei­li­gen Epo­che hätte zu­tra­gen kön­nen.

Romangeschehen vor dem Hintergrund religiöser und politischer Umbrüche

GM: Mit Ni­cho­las Wa­ring­ham, dem Prot­ago­nis­ten des neuen Ro­mans, ha­ben sie eine starke, eine fas­zi­nie­rende Fi­gur ge­schaf­fen. Hat es eine ver­gleich­bare Per­sön­lich­keit in die­ser Zeit ge­ge­ben – oder an­ders: Hätte es die­sen Ni­cho­las Wa­ring­ham ge­ben kön­nen?

RG: Es hätte Ni­cho­las of Wa­ring­ham in dem oben be­schrie­be­nen Sinne ge­ben kön­nen, aber er hat kein his­to­ri­sches Vor­bild.

GM: His­to­ri­sche Haupt­fi­gu­ren in Ih­rem Ro­man sind Kö­nig Hein­rich VIII., Anne Bo­leyn und seine an­de­ren Frauen. Uns ist auf­ge­fal­len, dass Sie Hein­rich VIII. nicht un­be­dingt mö­gen, die Frauen – vor al­lem Mary, sei­ner Toch­ter und spä­te­ren Kö­ni­gin, da­für Ihre – sa­gen wir ein­mal so – be­son­dere Sym­pa­thie ge­nie­ßen. Ha­ben wir rich­tig ge­le­sen?

RG: Ich muss wi­der­spre­chen: Die his­to­ri­sche Haupt­fi­gur die­ses Ro­mans ist al­lein die be­sagte Toch­ter, die spä­tere Kö­ni­gin Mary I. Ihr Va­ter Hein­rich VIII. (den ich in der Tat fürch­ter­lich finde), ihre Mut­ter und ihre fünf Stief­müt­ter sind na­tür­lich wich­tige Fi­gu­ren, aber im Grunde nur in ih­rer Be­zie­hung zu Mary oder dem Prot­ago­nis­ten Ni­cho­las of Wa­ring­ham. Ich glaube, ich würde nicht so weit ge­hen zu sa­gen, dass ich «be­son­dere Sym­pa­thie» für Mary hege, da­für wa­ren die Gräuel ih­rer Re­gent­schaft viel­leicht ein­fach zu schreck­lich. Aber es war mein An­lie­gen, diese in den Ge­schichts­bü­chern so oft ver­nach­läs­sigte Kö­ni­gin ein­mal zu ent­stau­ben, ge­nauer zu be­trach­ten und zu er­grün­den, warum sie wurde, wie sie war. Das ist es auch, was die­ser Ro­man er­zählt. Und je bes­ser ich Mary ken­nen lernte, desto grö­ßer wurde meine To­le­ranz ihr ge­gen­über.

GM: Das ganze Ro­man­ge­sche­hen spielt vor dem Hin­ter­grund der geis­ti­gen, re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Um­brü­che im 16. Jahr­hun­dert. Und das nicht nur in Eng­land, das ne­ben sei­nen Kö­ni­gen auch Per­sön­lich­kei­ten wie Tho­mas Mo­rus auf­zu­wei­sen hatte. Wir spre­chen von der Re­for­ma­tion, die auch Eng­land er­reicht, von der Los­lö­sung Eng­lands von dem Papst, von Hei­rats­po­li­tik mit po­li­ti­schen Fol­gen. Hat die lange und in­ten­sive Be­schäf­ti­gung mit die­ser Zeit auch die Sicht­weise der Au­to­rin be­ein­flusst?

RG: Na­tür­lich habe ich bei mei­ner Re­cher­che viel Neues ge­lernt und bin Per­so­nen, Ge­dan­ken und Er­eig­nis­ket­ten be­geg­net, von de­nen ich zu­vor nur ne­bu­löse Vor­stel­lun­gen hatte. Aber meine Sicht­weise hat sich nicht ge­än­dert. Ich wusste vor­her schon, dass Re­li­gio­nen und Ab­so­lut­heits­an­sprü­che in Glau­bens­fra­gen das ge­fähr­lichste Kon­flikt­po­ten­zial sind, das die Mensch­heit je er­son­nen hat.

Der historische Roman zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung

GM: Sie ha­ben ein­mal ge­sagt, Ihr vor­dring­li­ches Ziel sei zu un­ter­hal­ten. Kann das ge­rade der his­to­ri­sche Ro­man mit sei­ner Mi­schung aus Fak­ten und Fik­tion leis­ten? Und ist darin das große In­ter­esse Ih­rer stän­dig wach­sen­den Le­ser­schaft be­grün­det? Auch weil – wir kom­men noch ein­mal auf den Satz von Leo­pold Ranke zu­rück – es Ih­nen so ge­lingt, am bes­ten zu zei­gen, «wie es ei­gent­lich ge­we­sen» ist?

RG: Ich glaube nicht, dass der his­to­ri­sche Ro­man ei­nen hö­he­ren Un­ter­hal­tungs­wert hat als an­dere Gen­res. Der an­hal­tende Er­folg ist eher der Mi­schung aus Un­ter­hal­tung und Wis­sens­ver­mitt­lung ge­schul­det – «In­fo­tain­ment», um mal ein be­son­ders ab­scheu­li­ches Wort zu be­mü­hen, ist ja sehr in Mode. Viele Men­schen in­ter­es­sie­ren sich für Ge­schichte und wol­len wis­sen, wie die Welt frü­her war oder wie wir zu der Ge­sell­schaft wur­den, die wir heute sind, aber längst nicht alle ha­ben die nö­tige Zeit oder Mo­ti­va­tion, sich zur Be­ant­wor­tung ih­rer Fra­gen durch his­to­ri­sche Fach­li­te­ra­tur zu quä­len. Sie grei­fen lie­ber zu ei­nem his­to­ri­schen Ro­man.

GM: Wie wir se­hen, ist Ih­nen das bes­tens ge­lun­gen zu un­ter­hal­ten. «Der dunkle Thron» ist mitt­ler­weile Ihr 13. Ro­man. Sie sind Best­sel­ler-Au­to­rin, gel­ten als «Kö­ni­gin des his­to­ri­schen Ro­mans», sind in in Bü­cher-Charts pro­mi­nent ver­tre­ten. Was kann jetzt noch kom­men? Eine Fort­set­zung der «Wa­ring­ham-Saga» – oder et­was ganz an­de­res?

RG: Auf je­den Fall eine Rück­kehr in mein ge­lieb­tes Mit­tel­al­ter. Aber mehr wird noch nicht ver­ra­ten… ■

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