Jean Kleeb: «Classic goes Jazz»

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Geschmackvolle Transformation der Klassiker

Walter Eigenmann

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Puritaner unter den Klassik-Interessierten, womöglich gar akademisch geschult an einem jahrhundertelang entwickelten Kanon fixierter musikästhetischer Vorstellungen, konventioneller Hörgewohnheiten und historisch-formalisierter Konzertmuster, dürften angesichts der folgende Klavier-Takte – aus Jean Kleeb: «Classic goes Jazz» – einigermaßen angewidert die Nase rümpfen:

Es handelt sich um die weltbekannte, tausendfach auf Schallplatten und Konzertpodien kolportierte «Träumerei» – aber wo ist Schumann? Wo ist die hochartifizielle «Naivität» aller seiner «Kinderszenen»; wo die abgründige, ganz und gar unkindliche Psychologie hinter diesen Miniaturen als «Rückspiegelung eines Älteren und für Ältere», die nur in der originalen Klavierfassung aufscheinen kann; wo die rhythmische und harmonische Raffinesse der «falschen», gleichwohl organisch wirkenden Betonungen bzw. Dynamiken des Originals; wo Schumanns romantische «Destabilisierung» des Zeitlichen; wo der ausdrücklich intendierte musik-dichterische Aspekt, manifestiert u.a. im Kontrast der schlicht-seligen Melodik und der melancholisch-«haltlosen» Harmonik; und überhaupt: wo ist der historisch begründende Kontext dieses Stückes, generiert durch biographische Entwicklung, kompositionstechnischen Reifegrad und stilistische Zeitgenossenschaft Schumanns?
Kurzum: Romantiker Schumann goes Jazz – darf man das?

Natürlich ist diese Diskussion, wiewohl immer wieder (jetzt auch hier) aufgewärmt, eine uralte, vielleicht stets von neuem notwendige, aber letztlich wohl unfruchtbare. Denn wieso sollte ausgerechnet in unseren kulturellen Zeiten des «Anything goes» die Transformation, ja Assimilierung der «Klassiker» – sie ist in der Literatur nicht weniger im Gange; siehe hier – tabuisiert werden? Und finden nicht viele Klassik-Muffel gerade durch v.a. rhythmisierende «moderne» Arrangements berühmter Melodien zurück zu den Quellen der Originale? Kann die Patina uralter Stücke nicht durch aktuelles «Auffrischen» mittels «poppiger» Rhythmik und Harmonik erfolgreich weggepustet werden? Was ist kulturell falsch daran, mittels «unterhaltenden» Stilmitteln eine Brücke zu schlagen zwischen Altem und Neuem?
Wie schon angetönt, der hehre Disput über solche «musical correctness» läuft letztlich auf die simple Geschmacksfrage hinaus – die breite, ohnehin weitgehend kommerziell determinierte Musikpraxis bzw. -rezeption heutzutage schert sich längst nicht mehr um derartige kulturhistorische, musikästhetisch interessante, mancherorts aber fast fundamentalistisch geführten Auseinandersetzungen.

Bleibt immerhin – um wieder zu Jean Kleebs neuem Klavierheft «Classic goes Jazz» zurückzukehren – die Frage nach der handwerklichen Qualität solcher Transformationen. Und diesbezüglich muss sich «Classic goes Jazz» nicht verstecken. Den 13 Jazz-Arrangements – vom barocken Bach-Menuett bis zur spätromantischen Mussorgski-Promenade – merkt man durchaus die genauere Beschäftigung Kleebs mit den Vorbildern an, etwa wenn versucht wurde, stilistisch bzw. kompositionstechnisch wichtige Elemente «hinüberzuretten».

Diesbezüglich nur drei (recht willkürliche) Beispiele:

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Imitation bei Bach… 

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…und bei Kleeb:

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Homophonie bei Mozart… 

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…und bei Kleeb:

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Figuration bei Chopin… 

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…und bei Kleeb

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Den Duktus des jeweiligen «Klassikers» also zumindest annähernd zu adaptieren war – über den reinen Wiedererkennungswert des Melodischen hinaus – offensichtlich ein Anliegen des Arrangeurs.
Davon abgesehen sind aber alle Kleebschen Klassik-Bearbeitungen durchaus «pure» Jazz-Musik (der eher traditionellen Sorte), mit allen deren typisch-standardisierten Ingredienzien, vom ternären Achtel über die exzessive Synkopierung bis zur Septimakkord-Skala. Außerdem finden sich da und dort in rhythmischer oder melodischer Hinsicht weitere Stilrichtungen wie Tango oder Salsa eingeflochten, und dieser Stile-Mix hat durchaus seinen Reiz. Selbstverständlich will Jazz-Pianist Kleeb bei alledem seine Notentexte aber nicht als sakrosankt verstanden wissen: das Jazz-ureigene Moment des Improvisierens und Variierens gibt er auch in seinem «Vorwort» ausdrücklich als zusätzlichen Spaßfaktor auf den Weg. (Natürlich wurden sämtliche Stücke von Kleeb eigenhändig auf eine Audio-CD gespielt, die dem Notenheft beliegt).

Die 13 jazzigen Klassiker-Adaptionen in Jean Kleebs «Classic goes Jazz» klingen ausgesprochen «gut», sind originell konzipiert, der Klaviersatz liegt dabei bequem in den Fingern, ist auch schlank und transparent gehalten, und die von irregulären Teilungen weitgehend befreite Rhythmik gibt auch dem «klassisch» aufgewachsenen Amateur-Pianisten keinerlei Probleme auf.

Alles in allem: Die 13 Stücke von «Classic goes Jazz» klingen ausgesprochen «gut», sind originell konzipiert, der Klaviersatz liegt dabei bequem in den Fingern, ist auch schlank und transparent gehalten, und die von irregulären Teilungen weitgehend befreite Rhythmik gibt auch dem «klassisch» aufgewachsenen Pianisten keinerlei Probleme auf. Spieltechnisch ist die Sammlung etwa auf dem Level «Untere Mittelstufe» angesiedelt, also für eine Vielzahl auch der Hobby-Spieler realisierbar. Wer die Originale kennt bzw. schon spielte, geht mit schmunzelndem Augenzwinkern an Kleebs Werk, allen anderen sei der umgekehrte Weg «zurück zu den Wurzeln» ans Herz gelegt – als heilsamer Kulturschock sozusagen… ■

Jean Kleeb, Classic goes Jazz, 13 jazzige Arrangements für Klavier, Broschur mit Audio-CD, Bärenreiter Verlag, ISMN 979-006-53873-7

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Leseprobe

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