Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur (Essay)

Tendenzen der neueren Schweizer Literatur

von Mario Andreotti

Die neuere Schwei­zer Lite­ra­tur hatte sich, vor allem im Nach­gang der 68er Bewe­gung, in ers­ter Linie als “lit­té­ra­ture enga­gée” ver­stan­den, als eine Lite­ra­tur, in der Dich­tung und Poli­tik eng mit­ein­an­der ver­floch­ten sind. Für die Autoren die­ser Lite­ra­tur, für einen Max Frisch, einen Peter Bich­sel, einen Jörg Stei­ner, einen Adolf Muschg, einen Niklaus Mei­en­berg, einen Franz Hoh­ler, einen Otto F.Walter, einen Hugo Loet­scher, einen Otto Mar­chi mit sei­ner “Schwei­zer Geschichte für Ket­zer” und vie­len andern, war die stür­mi­sche Hass­liebe zur Hei­mat noch so etwas wie die zen­trale Trieb­kraft ihres Schrei­bens. Der Hei­mat­dis­kurs – Hei­mat stets ver­stan­den als “Enge”, die Schweiz als “Gefäng­nis”, aus dem man aus­bre­chen musste – gehörte fast zwin­gend zu ihrem lite­ra­ri­schen Reper­toire. Dazu gehörte auch ein mehr oder weni­ger deut­li­cher Hass auf die Armee, die man als Instru­ment einer spät­ka­pi­ta­lis­ti­schen, auto­ri­tär-repres­si­ven Gesell­schaft, aber auch als Inbe­griff einer mythisch ver­stan­de­nen Son­der­stel­lung der Schweiz emp­fand. Max Frischs letz­tes, 1989 erschie­ne­nes Werk, viel­leicht über­haupt das letzte einer schwei­ze­ri­schen “lit­té­ra­ture enga­gée”, sein in Dia­log­form gehal­te­ner Pro­sa­text “Schweiz ohne Armee? Ein Pala­ver” war für diese armee­kri­ti­sche Hal­tung einer gan­zen Schrift­steller­ge­nera­tion gera­dezu das Paradebeispiel.

Weder für noch gegen das “Vaterland”

“Lit­té­ra­ture enga­gée” im Schwei­zer Nach­gang der 68er Bewe­gung: Max Frisch, Niklaus Mei­en­berg, Otto F. Walter

Anfang der 90er Jahre setzte in der Schwei­zer Lite­ra­tur ein fol­gen­schwe­rer Para­dig­ma­wech­sel ein. Eine neue Gene­ra­tion von Schrift­stel­lern mel­dete sich zu Wort, eine Gene­ra­tion, der es nicht mehr um die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Schweiz, um die Hei­mat als poli­ti­sche Kate­go­rie, son­dern höchs­tens noch als epi­sche oder dra­ma­ti­sche Kulisse für die Ent­wick­lung der Figu­ren geht. Das lite­ra­ri­sche Herz die­ser nach­rü­cken­den Gene­ra­tion schlägt weder für noch gegen das Vater­land; es schlägt viel­mehr für die eigene Bio­gra­phie, die eigene pri­vate Welt. Lan­des­gren­zen spie­len keine Rolle mehr; die schwei­ze­ri­sche Iden­ti­tät – und das ist neu – hin­ter­lässt daher in den Roma­nen der Schwei­zer Autoren immer gerin­gere Spu­ren. Das äus­sert sich kon­kret auch an den jähr­lich statt­fin­den­den Solo­thur­ner Lite­ra­tur­ta­gen: Bis 1991 war die Teil­nahme an die­ser gröss­ten Schwei­zer Lite­ra­tur­schau den hel­ve­ti­schen Lite­ra­tur­schaf­fen­den vor­be­hal­ten. Nach 1991, vor allem im Zusam­men­hang mit der Wende in Deutsch­land, dem Zusam­men­bruch des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus im Osten und mit der Frage nach einem EU-Bei­tritt der Schweiz öff­nete man das Solo­thur­ner Lite­ra­tur­tref­fen auch für die nicht­schwei­ze­ri­schen Autoren aus allen Län­dern und Kontinenten.

Mit 3’000 – 5’000 verkauften Büchern bereits erfolgreich

In der Tat: Eine neue Gene­ra­tion von Autoren hatte in der Schweiz die Bühne betre­ten. Ich glaube, es war Peter Weber mit sei­nem Erst­ling “Der Wet­ter­ma­cher”, 1993 erschie­nen, der Geschichte von August Abra­ham Abder­hal­den, dem Prot­ago­nis­ten und Ich-Erzäh­ler des Buches, und von des­sen Trauer über die gemein­same Kind­heit und den Selbst­mord sei­nes schwar­zen Adop­tiv­bru­ders Frei­tag, der als Ers­ter die­ser neuen Gene­ra­tion die Bühne betre­ten hat. Kurz danach folgte eine Frau, deren Auf­tritt noch wesent­lich spek­ta­ku­lä­rer war als der von Peter Weber. Von ihrem 1997 erschie­ne­nen Erst­lings­ro­man “Das Blü­ten­staub­zim­mer” wur­den bis heute weit über 300’000 Exem­plare abge­setzt. Wenn man bedenkt, dass ein Schwei­zer Autor, der 3’000 bis 5’000 Exem­plare eines Buches ver­kauft, übli­cher­weise bereits als erfolg­reich gilt, ist das ein gigan­ti­scher Erfolg. Dazu kom­men Über­set­zun­gen in 27 Spra­chen und Lese­tour­neen in alle Welt. Ich spre­che von der Bas­ler Autorin Zoë Jenny, die seit 2003 mit ihrem Part­ner in Lon­don lebt.

Abwendung von allem Politischen

Abwendung von aller politischen Literatur: Zoë Jenny
Abwen­dung von aller poli­ti­schen Lite­ra­tur: Zoë Jenny

Der Ver­kaufs­er­folg eines Buches ist bekannt­lich eines der Indi­zien für einen Wan­del. Wenn diese Fest­stel­lung auf Zoë Jen­nys Buch zutrifft, worin besteht denn hier der Wan­del, der Para­dig­ma­wech­sel, der letzt­lich für fast die ganze jüngste Schwei­zer Lite­ra­tur gilt? Ich würde mei­nen, in einem Zwei­fa­chen: Da ist zunächst die Abwen­dung von allem Poli­ti­schen, wie ich sie eben kurz beschrie­ben habe. Zoë Jenny erzählt die Geschichte einer jun­gen Frau, die sich von ihren Eltern, weil in deren Nähe für sie kein Platz mehr ist, ablöst und die am Schluss völ­lig des­il­lu­sio­niert allein hin­aus in die Win­ter­land­schaft geht. Sieht man ein­mal von Jen­nys Abrech­nung mit der 68er Gene­ra­tion, mit ihrem Stre­ben nach Selbst­ver­wirk­li­chung, ab, ist da von Poli­tik nichts mehr zu spü­ren. An die Stelle des poli­ti­schen Dis­kur­ses – ich tönte es bereits an – sind die eigene Bio­gra­phie, die Selbst­wer­dung oder Ich­fin­dung ins Zen­trum des Schrei­bens gerückt. Und da ist eine neu gewon­nene Unbe­fan­gen­heit des Erzäh­lens, die keine Erzähl­krise, keine Ten­denz, das Erzäh­len selbst zum Thema zu machen, mehr kennt. Hat­ten ein Max Frisch, ein Otto F.Walter, ein Hugo Loet­scher, eine Erica Ped­retti in ihren Roma­nen die Erzähl­ebene noch ver­dop­pelt, um Wider­sprü­che auf­zu­zei­gen, so erzäh­len die jun­gen Schwei­zer Autoren, eine Ruth Schwei­kert, ein Peter Weber, ein Peter Stamm und eben auch eine Zoë Jenny, ein­mal abge­se­hen von gewis­sen Rück­blen­den, wie­der weit­ge­hend linear. Das kommt den nor­mier­ten Erwar­tun­gen einer brei­ten Leser­schaft ent­ge­gen, was den inter­na­tio­na­len Erfolg vie­ler jun­ger Schwei­zer Autoren zu einem guten Teil erklärt. Dass dabei die Moderne auf der Stre­cke bleibt, ist die andere, weni­ger schöne Seite die­ser jun­gen Schwei­zer Lite­ra­tur. Die Gefahr, dass sol­che Lite­ra­tur, gerade weil sie auf die Errun­gen­schaf­ten der lite­ra­ri­schen Moderne mehr­heit­lich ver­zich­tet, nur ein kurz­fris­ti­ger Sai­son­er­folg bleibt, ist auf jeden Fall gegeben.

Fixierung auf den Autor und nicht auf das literarische Werk

Literarisches Fräulein-Wunder: Julia Franck
Lite­ra­ri­sches Fräu­lein-Wun­der: Julia Franck

Und da ist schliess­lich noch ein Drit­tes, ein bestimm­ter Trend des Lite­ra­tur­be­trie­bes, der sich nicht nur in der Schwei­zer Lite­ra­tur, aber in ihr beson­ders deut­lich aus­ma­chen lässt: die zuneh­mende Fixie­rung des Inter­es­ses nicht sosehr auf das lite­ra­ri­sche Werk als viel­mehr auf die Per­son des Autors oder noch bes­ser gesagt, der Autorin. Im Zen­trum die­ses Inter­es­ses steht dabei das attrak­tive und pho­to­gene äus­sere Erschei­nungs­bild, das in den Medien markt­ge­recht auf­ge­baute jugend­li­che und damit Absatz för­dernde Image. Es dürfte kein Zufall sein, dass die meis­ten Ver­tre­ter der jüngs­ten Autoren­ge­ne­ra­tion ihre Erst­lings­ro­mane in rela­tiv jun­gen Jah­ren ver­öf­fent­licht haben: Zoë Jenny war 23, als ihr Erst­ling “Das Blü­ten­staub­zim­mer” erschien, Peter Weber mit sei­nem “Wet­ter­ma­cher” 25, Ruth Schwei­kert 29, als sie an den “Solo­thur­ner Lite­ra­tur­ta­gen” 1994 erst­mals mit ihrer Erzäh­lung “Christ­mas” auf­trat. Vom “Tri­umph der Jugend­idole” haben die einen Lite­ra­tur­kri­ti­ker Ende der 90er Jahre gespro­chen, andere, wie der Kri­ti­ker Vol­ker Hage in einem Spie­gel-Arti­kel im März 1999, vom lite­ra­ri­schen Fräu­lein­wun­der. Er ver­stand dar­un­ter junge Autorin­nen, die gerade ihre ers­ten Bücher ver­öf­fent­licht hat­ten und die durch ihr attrak­ti­ves äus­se­res ihren lite­ra­ri­schen Markt­werk stei­gern kön­nen. Zu ihnen gehört, neben einer Julia Franck, einer Judith Her­mann, einer Alexa Hen­nig, einer Karen Duve, zwei­fel­los auch die Schwei­ze­rin Zoë Jenny. Und dies so sehr, dass man zeit­weise den Ein­druck hat, die Lite­ra­tur­kri­ti­ker wür­den sich mehr für das Gesicht Jen­nys als für ihre Bücher interessieren.

Vom Literaturbetrieb zur Eventkultur

Der Lite­ra­tur­be­trieb hat sich seit Mitte der neun­zi­ger Jahre, gerade auch in der Schweiz, gewal­tig gewan­delt, gewan­delt hin zu einer Event­kul­tur. Gefragt sind nicht mehr sosehr Autoren, die ihre Lite­ra­tur als mora­li­sche Gegen­macht zur herr­schen­den Gesell­schaft ver­ste­hen, gefragt ist, etwas über­spitzt for­mu­liert, was kom­mer­zi­el­len Erfolg ver­spricht, was unter­halt­sam und mög­lichst unpo­li­tisch ist. Gefragt sind dem­entspre­chend auch Autorin­nen und Autoren, die sich “markt­ge­recht” ver­hal­ten, die nicht sosehr ihr Werk, son­dern durch eine mög­lichst hohe Medi­en­taug­lich­keit sich selbst insze­nie­ren kön­nen. Der Lite­ra­tur­be­trieb wird so zum geziel­ten Mar­ke­ting. Die Lite­ra­tur sel­ber ver­klei­nert sich dabei zum harm­lo­sen Ver­gnü­gungs­häpp­chen und büsst so ihren ursprüng­lich auf Stö­rung, Irri­ta­tion und Refle­xion aus­ge­rich­te­ten Cha­rak­ter ein. Ich weiss, das sind harte Worte. Aber sie sind not­wen­dig, will die Lite­ra­tur, und gerade die schwei­ze­ri­sche, nicht zum bil­li­gen Vehi­kel unse­rer post­mo­der­nen Spass- und Zer­streu­ungs­ge­sell­schaft verkommen.

Fruchtbarer Schweizer Boden für subkulturelle Literatur

Nun würde in mei­nen Aus­füh­run­gen Ent­schei­den­des feh­len, wollte ich nicht noch ein paar Worte zu jener Lite­ra­tur am Rande des offi­zi­el­len Lite­ra­tur­be­trie­bes sagen, die wir gerne mit dem Begriff der “Sub­kul­tur” in Ver­bin­dung brin­gen und die seit den 1990er Jah­ren auch in der Schweiz einige Bedeu­tung erlangt hat. Es sind dies vor allem Pop, Beat, Rap und vor allem die Slam Poetry. Es kann hier nicht darum gehen, die eben genann­ten Gen­res im Ein­zel­nen zu bespre­chen; das habe ich im Buch Die Struk­tur der moder­nen Lite­ra­tur (im Kapi­tel über moderne poli­ti­sche Lyrik) recht aus­führ­lich getan. Hier geht es mir ein­zig um die Frage, warum gerade in der Schweiz Pop, Beat, Rap und Slam Poetry, ganz anders als etwa in Öster­reich, der­ar­tige viele Anhän­ger gefun­den haben. Man denke nur an die zahl­rei­chen Fans, die etwa die Mund­art­rock-Kon­zerte eines Polo Hofer oder eines Peter Reber zu mobi­li­sie­ren vermögen.

Schweizer Literatur-Pop-Romancier: Christian Kracht
Schwei­zer Lite­ra­tur-Pop-Roman­cier: Chris­tian Kracht

Es dürfte zudem kein Zufall sein, dass der Begrün­der und Über­va­ter des jün­ge­ren deut­schen Pop-Romans ein Schwei­zer ist, zumin­dest schwei­ze­ri­sche Wur­zeln hat, auch wenn er sich sel­ber gerne als Kos­mo­po­li­ten sieht. Ich spre­che von Chris­tian Kracht, der in sei­nem 1995 ver­öf­fent­lich­ten Erst­ling “Faser­land” den Ich-Erzäh­ler fast sym­bo­l­ar­tig per Bahn, Flug­zeug und Auto von der Insel Sylt über Ham­burg, Frank­furt, Hei­del­berg, Mün­chen und den Boden­see in die Schweiz rei­sen lässt. Und es dürfte eben­falls kein Zufall sein, dass es in der Schweiz wohl von ganz Europa ver­hält­nis­mäs­sig am meis­ten Poetry Slams gibt; und dies obwohl die Slam Poetry aus Ame­rika, wo sie bekannt­lich 1986 von Marc Kelly Smith in einem Jazz-Club in Chi­cago begrün­det wor­den war, erst nach Deutsch­land etwa ab 1999 in die Schweiz kam. Man werfe einen Blick ins Inter­net, um zu erfah­ren, wie reich die Slam-Szene in der Schweiz, etwa in Bern, aber auch in Zürich und St. Gal­len war und immer noch ist. Ähn­li­ches wäre vom Rap, vor allem vom Mund­art-Rap zu sagen.

Volksnahe Schweizer Literatur

Jeremias Gotthelf und Conrad Ferdinand Meyer
Jere­mias Gott­helf und Con­rad Fer­di­nand Meyer

Wo also könn­ten die Gründe lie­gen, dass in der Schweiz die ver­schie­de­nen For­men sub­kul­tu­rel­ler Lite­ra­tur auf rela­tiv frucht­ba­ren Boden fal­len? Ich würde mei­nen, dass es vor allem zwei Gründe sind, die hier genannt wer­den müs­sen. Da ist zum einen die Tat­sa­che, dass in der Schweiz die Tren­nung zwi­schen einer hohen Lite­ra­tur und einer Lite­ra­tur, die eher unter­hal­ten­den Wert besitzt, nie so stark war wie etwa in Deutsch­land oder in Öster­reich. Das mag unter ande­rem mit der star­ken Stel­lung der schwei­zer­deut­schen Mund­art, die der Lite­ra­tur stets eine gewisse Volks­nähe ver­lie­hen hat, zusam­men­hän­gen. Man denke da etwa an die Romane Gott­helfs, aber auch an die ganze Hei­mat­ly­rik bis weit in die 1950er Jahre hin­ein und nicht zuletzt auch an die stark beach­tete Bewe­gung der “modern mund­art” seit den sech­zi­ger Jah­ren, worin sich avant­gar­dis­ti­sche Expe­ri­men­tal-Lyrik und Dia­lekt in über­ra­schen­den Kom­bi­na­ti­ons­for­men ver­bin­den. Es ist und bleibt eine Tat­sa­che, dass in der Schweiz, übri­gens wie in den angel­säch­si­schen und den roma­ni­schen Län­dern auch, die Lite­ra­tur immer weni­ger eli­tär erlebt wurde als etwa im deutsch­spra­chi­gen Aus­land. Wir hat­ten in der Schweiz, anders als in Deutsch­land, kei­nen Gott­sched, der für die Dich­tung, vor allem für das Schau­spiel, die Ver­wen­dung eines hohen Stils ver­langte, kei­nen Ste­fan George, bei dem der Dich­ter zum Pries­ter wird, der seine Gedichte nur für einen engen Kreis emp­fäng­li­cher See­len schafft. In der Schweiz hat die Dich­tung stets etwas Volks­na­hes bewahrt. Nur so erklärt es sich, dass im Jahre 1997 der 200.Geburtstag von Jere­mias Gott­helf schweiz­weit mit ver­schie­dens­ten Events gefei­ert wurde, wäh­rend man ein Jahr spä­ter den 100.Todestag von Con­rad Fer­di­nand Meyer, dem der Ruf eines eher abge­ho­be­nen, eli­tä­ren Dich­ters anhaf­tet, in der brei­te­ren Öffent­lich­keit kaum zur Kennt­nis nahm. Apro­pos Gott­helf darf ich ein klei­nes per­sön­li­ches Erleb­nis anfü­gen, das einen gewis­sen anek­do­ti­schen Wert besitzt. 1997 hatte ich in einer klei­ne­ren Schwei­zer Stadt einen Vor­trag über Jere­mias Gott­helf zu hal­ten. In die­sem Vor­trag ver­suchte ich Gott­helf vom gän­gi­gen Kli­schee des Volks- und Bau­ern­dich­ters gründ­lich zu befreien. Kaum hatte ich mei­nen Vor­trag, fast etwas sie­ges­be­wusst, been­det, tra­ten eine Jod­ler­gruppe und ein Hand­or­gel­duo auf die Bühne. Wenn das nicht Volks­nähe der Schwei­zer Lite­ra­tur ist…

Rückzug der Schweizer Literatur ins Private

Literatur als geistreiche Spass-und-Fun-Kultur: Poetry Slam in der Schweiz
Lite­ra­tur als geist­rei­che Spass-und-Fun-Kul­tur: Poetry Slam in der Schweiz

Event – ich habe bewusst die­ses Wort ver­wen­det. Unsere post­mo­derne Kul­tur, wenn ich die­sen unschar­fen Begriff gebrau­chen darf, ist zu einer fast per­fek­ten Event­kul­tur gewor­den, zu einer Kul­tur, in der Fun und Unter­hal­tung domi­nie­ren. Das ist auch an der Lite­ra­tur nicht spur­los vor­über­ge­gan­gen. In der Schweiz kommt es in den 1990er Jah­ren, wie ich bereits gezeigt habe, zu einem gewal­ti­gen Para­dig­ma­wech­sel: weg von einer gesell­schafts-, vor allem hei­mat­kri­ti­schen Lite­ra­tur, von einer “lit­té­ra­ture enga­gée”, wie sie die 68er Gene­ra­tion noch ver­stan­den hatte, hin zu einer Lite­ra­tur, die sich mehr und mehr ins Pri­vate, Indi­vi­du­elle zurück­zieht und die sich nicht durch­wegs, aber häu­fig als Unter­hal­tung, als geist­rei­che Zer­streu­ung ver­steht. Seit 1996 bil­det ein Ort in den Wal­li­ser Ber­gen gleich­sam die Kulisse für die­ses neue Lite­ra­tur­ver­ständ­nis: das Bäder­dorf Leu­ker­bad. Wäh­rend über den Solo­thur­ner Lite­ra­tur­ta­gen, die bekannt­lich ein Kind der 68er Gene­ra­tion, genauer gesagt, der “Gruppe Olten” sind, immer noch der Geist von didak­ti­scher Beleh­rung weht, lockt Leu­ker­bad mit rei­nem Ver­gnü­gen: Aus­druck eines per­fek­ten, pro­fes­sio­nel­len Event­ma­nage­ments. Mit­ter­nachts­le­sun­gen auf der Gemmi wer­den da zur roman­ti­schen Per­for­mance; Lesun­gen im Heil­bad neben spru­deln­den Quel­len, in lau­schi­gen Gär­ten und alten Hotels gehö­ren dazu. Das Fes­ti­val­pro­gramm ver­spricht zwar Lite­ra­tur, aber ebenso inspi­rie­ren­des Abtau­chen in die Ther­mal­quel­len, Spa­zier­gänge auf Blu­men­wie­sen und Aus­flüge in die Berge. Liebe Höre­rin­nen und Hörer, ein siche­res Zei­chen, dass eine neue Gene­ra­tion Lite­ra­tur auf eine neue Art konsumiert.

Poetry Slams in den Mausoleen der Literatur

Ist es da ein Zufall, dass Beat, Rap und vor allem Slam Poetry in der Schweiz gerade in den spä­ten 90er Jah­ren zu blü­hen anfan­gen? Die Poetry Slams, einst als Gegen­be­we­gung zu den eher lang­wei­lig wir­ken­den Lesun­gen des eta­blier­ten Lite­ra­tur­be­triebs ver­stan­den, begin­nen sich unter dem Druck einer all­mäch­ti­gen Event­kul­tur zu ver­än­dern. Immer mehr Slam­mer per­for­men heute nicht mehr in ehe­ma­li­gen Lager­hal­len und Schup­pen, in Bei­zen und Bars, son­dern auf gros­sen Fes­ti­vals und in Lite­ra­tur­häu­sern. Das bleibt nicht ohne Gefah­ren: Soll­ten bei uns in der Schweiz die Poetry Slams künf­tig nicht mehr dort, wo sich junge Men­schen natur­ge­mäss hin­be­ge­ben, son­dern wie­der in den Mau­so­leen der Lite­ra­tur statt­fin­den, dann wird von ihrem ursprüng­li­chen Cha­rak­ter nicht mehr viel übrig bleiben.

Avantgarde-Literatur als Gegenpol zu nationalen Schweizer Mythen

Für die weite Ver­brei­tung ver­schie­de­ner For­men sub­kul­tu­rel­ler Lite­ra­tur in der Schweiz deu­tete ich zwei Gründe an. Einen ers­ten Grund habe ich eben kurz skiz­ziert. Ein zwei­ter, für mich wesent­li­cher Grund dürfte damit zusam­men­hän­gen, dass die Lite­ra­tur der Sub­kul­tur und der Avant­garde, also Pop, Social Beat, Rap und Slam Poetry, indem sie über­na­tio­nal sind und die soziale Rea­li­tät scho­nungs­los auf­de­cken, einen star­ken Gegen­pol zu den natio­na­len Mythen der Schweiz bil­den. Es dürfte kein Zufall sein, dass die eben genann­ten avant­gar­dis­ti­schen For­men der Lite­ra­tur in der Schweiz genau in jenen Jah­ren ihren Höhe­punkt erreich­ten, als unsere natio­na­len Mythen zu schep­pern began­nen und unser Land sich in einer gewal­ti­gen Iden­ti­täts­krise befand: einige Jahre vor und nach der Jahr­tau­send­wende. Nen­nen wir stich­wort­ar­tig einige Ereig­nisse, die zu die­ser Iden­ti­täts­krise führ­ten: Da ist zu Beginn der 90er Jahre zunächst der Fichen­skan­dal, die gro­teske Bespit­ze­lung der einen Hälfte der Schwei­zer durch die andere, dann Mitte der 90er Jahre die Tat­sa­che, dass im Zusam­men­hang mit der Debatte um die Rolle der Schweiz im Zwei­ten Welt­krieg, um ihre Geschäfts­tüch­tig­keit, ihren Umgang mit dem Nazi-Raub­gold der Mythos von der schwei­ze­ri­schen Neu­tra­li­tät arge Krat­zer erhielt, und da sind einige Jahre spä­ter das “Groun­ding” der Swis­sair, das Atten­tat im Zuger Kan­tons­par­la­ment, das die Illu­sion von Sicher­heit zer­störte, die Sta­gna­tion der Wirt­schaft, damit ver­bun­den die Zunahme der Arbeits­lo­sen­zah­len und schliess­lich die gewal­tige Ban­ken­krise, die für die Mana­ger gleich­sam über Nacht das neue Wort “Abzo­cker” gene­rierte. Alles Deba­kel, Kata­stro­phen, die den Mythos Schweiz gründ­lich zer­stör­ten. Die Schweiz hatte vom Son­der­fall des Mus­ter­schü­lers in die Nor­ma­li­tät des euro­päi­schen Mit­tel­mas­ses gewech­selt. Dass die jüngste Lite­ra­tur der Sub­kul­tur und der Avant­garde, vom Social Beat über den Rap bis zum Slam, nicht nur ein Pro­dukt unse­rer Event­kul­tur, son­dern gerade in der Schweiz auch die Reak­tion auf die­sen Wech­sel, auf eine schmerz­li­che Iden­ti­täts­krise, ja auf den Ver­lust des Hei­mat­ge­fühls dar­stellt, ver­steht sich bei die­ser Sach­lage fast von selbst.

Die Strategen des literarischen Ego-Marketings

Martin Suter - Glarean Magazin
Stra­tege des lite­ra­ri­schen Ego-Mar­ke­tings: Mar­tin Suter

Seit Mitte der 90er Jahre ste­hen sich in der Schwei­zer Lite­ra­tur, etwas über­spitzt for­mu­liert, drei grund­sätz­li­che Posi­tio­nen gegen­über: eine Gene­ra­tion, die Lite­ra­tur immer noch poli­tisch, gesell­schafts­kri­tisch, als “mora­li­sche Gegen­macht zur herr­schen­den Gesell­schaft” ver­steht. Zu ihr gehö­ren Autoren wie etwa Peter Bich­sel, Adolf Muschg, Niklaus Mei­en­berg, Jörg Stei­ner, Paul Nizon, Sil­vio Blat­ter, Urs Faes, Erica Ped­retti, Mari­ella Mehr und Eve­line Has­ler. Es waren und sind fast selbst­re­dend eher ältere Autoren, also Autoren, die schon in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren debü­tiert haben. Dane­ben fin­det sich eine mitt­lere Gene­ra­tion, die die­ses gesell­schafts­kri­ti­sche Mus­ter auf­ge­weicht hat und The­men wie Kind­heit, Tod und Bezie­hungs­de­ba­kel ins Zen­trum rückt. Dazu rechne ich etwa Tho­mas Hür­li­mann, Klaus Merz, Tim Krohn, Peter Stamm, Ruth Schwei­kert, Eleo­nore Frey, Milena Moser, Andrea Sim­men, Nicole Mül­ler, Monica Can­ti­eni, Hanna Johan­sen u.v.a. Es dürfte kein Zufall sein, dass es sich hier mehr­heit­lich um Frauen han­delt, haben wir es doch seit etwa 1970 in der Schwei­zer Lite­ra­tur recht eigent­lich mit einem Auf­bruch der Frauen zu tun. Das mag aus lite­ra­tur­ge­schicht­li­cher Sicht mit der Indi­vi­dua­li­sie­rung der Lite­ra­tur, mit der Wie­der­ent­de­ckung des ‚Ich’ im Rah­men der “Neuen Sub­jek­ti­vi­tät” und damit ver­bun­den mit der erneu­ten Beto­nung des Bio­gra­phi­schen und Auto­bio­gra­phi­schen zusam­men­hän­gen. Schliess­lich die ‚junge’ Gene­ra­tion, die sich, um es auf einen ein­fa­chen Nen­ner zu brin­gen, medien- und markt­ge­recht ver­hält, sich gerne selbst insze­niert. Zu ihr zähle ich u.a. einen Mar­tin Suter, einen Pedro Lenz, einen Hans­jörg Schnei­der, einen Charles Lewin­sky, einen Alex Capus, einen Sil­vio Huon­der, eine Simone Meier, einen Gion Mathias Cavelti, einen Ulrich Knell­wolf und ,last but not least’ eine Zöe Jenny. Es sind, um es ohne Umschweife zu sagen, ‚lite­ra­ri­sche Flie­gen­ge­wichte’. Ihre Texte sind meist unpo­li­tisch und nicht immer, aber häu­fig auf Unter­hal­tung aus­ge­rich­tet, als ,leichte Zwi­schen­mahl­zei­ten’ gedacht.

Die Medien als Event-Maker der Literatur

Sie tref­fen aller­dings auf der Gegen­seite auch auf ein ver­än­der­tes Ver­hal­ten der Medien und des Leser­pu­bli­kums. Erwar­tet wird nicht der her­kömm­li­che Dich­ter, erwar­tet wird der Shoo­ting­star, der, wie etwa eine Zoë Jenny, eine Simone Meier, ein Alex Capus, um nur drei Bei­spiele zu nen­nen, die Stra­te­gie des Ego-Mar­ke­tings per­fekt beherrscht. Also bedie­nen die Medien die Neu­gierde der Leser – ein bei­nahe ero­ti­sches Phä­no­men – mit immer neuen Events. Das Publi­kum sei­ner­seits möchte nicht unbe­dingt lesen, son­dern dabei sein. Lesen will es dann frei­lich schon, um zu über­prü­fen, ob sich das Dabei­sein gelohnt hat. Das wie­derum kommt dem Ver­kauf der Bücher zugute.
Mora­lisch zu wer­ten ist das alles nicht. Frag­wür­dig wird das Ganze erst, wenn sich die Schere zwi­schen dem Getöse um ein Buch und dem, was das Buch sel­ber zu bie­ten hat, immer wei­ter öff­net. Und das ist gerade auch in der Schwei­zer Lite­ra­tur seit Simone Mei­ers “Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben”, Alex Capus’ “Glaubst du, dass es Liebe war?” und Mar­tin Suters “Lila, Lila” lei­der immer öfter der Fall. ♦

Lite­ra­tur:
– Klaus Pezold(Hrsg.): Schwei­zer Lite­ra­tur­ge­schichte, Die deutsch­spra­chige Lite­ra­tur im 20.Jahrhundert, Leip­zig 2007 (Militzke)
– Mario Andreotti: Die Struk­tur der moder­nen Lite­ra­tur, Neue Wege in der Text­in­ter­pre­ta­tion – Erzähl­prosa und Lyrik, Bern 2009 (Haupt)


Prof. Dr. Mario Andreotti - Schweizer Literatur- und SprachwissenschaftlerProf. Dr. Mario Andreotti
Geb. 1947, Stu­dium der Ger­ma­nis­tik und Geschichte in Zürich, 1975 Pro­mo­tion über Jere­mias Gott­helf, 1977 Diplom des höhe­ren Lehr­am­tes, danach Lehr­tä­tig­keit am Gym­na­sium und als Lehr­be­auf­trag­ter für Sprach- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len und an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schule Vor­arl­berg, lang­jäh­ri­ger Refe­rent in der Fort­bil­dung für die Mit­tel­schul-Lehr­kräfte und Lei­ter von Schrift­stel­ler­se­mi­na­rien, Ver­fas­ser meh­re­rer Publi­ka­tio­nen und zahl­rei­cher Bei­träge zur moder­nen Dich­tung, lebt in Eggersriet/CH

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch über Mario Andreotti: Die Struk­tur der moder­nen Literatur

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