Oruç Güvenç: «Heilende Musik aus dem Orient»

Harmonisierung von Körper und Geist

von Wal­ter Ei­gen­mann

Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient - Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sullis zur Anwendung altorientalischer MusiktherapieAl­ter­na­tive the­ra­peu­ti­sche Ver­fah­ren wie bei­spiels­weise die (bei uns kaum be­kannte) sog. «Alt­ori­en­ta­li­sche Mu­sik­the­ra­pie» sub­su­miert der west­li­che Ra­tio­na­list oft, wenn er wohl­wol­lend ist, un­ter «Ethno», viel­leicht auch na­se­rümp­fend un­ter «Eso­te­rik» – oder über­haupt gleich un­ter «Schar­la­te­ne­rie». Wis­sen­schaft­lich ge­stützte Mu­sik­the­ra­pie ja – aber Scha­ma­nen-Ge­sänge, Uighu­ri­sche Tänze, Was­ser­mur­meln und Trom­mel­rhyth­men?
Wenn da bloß nicht die un­leug­ba­ren Er­folge der al­ter­na­ti­ven Heil­me­tho­den wä­ren – und das Vo­tum zahl­rei­cher, sehr wohl ernst zu neh­men­der Wis­sen­schaft­ler wie bei­spiels­weise des Di­rek­tors des In­sti­tuts für Me­di­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie am Kli­ni­kum der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg. Er schreibt: «In der wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Heil­kunde Mit­tel­eu­ro­pas wol­len sich die Men­schen dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass das, was man The­ra­pie nennt, nach­weis­lich wirkt. Man will wis­sen, bei wel­chen ge­sund­heit­li­chen Stö­run­gen wel­che In­ter­ven­tio­nen die Hei­lung för­dern. Dazu wer­den eine dif­fe­ren­zierte Dia­gnos­tik und Ver­suchs­pläne ge­for­dert, die es er­mög­li­chen, die spe­zi­fi­schen Wir­kun­gen the­ra­peu­ti­scher In­ter­ven­tio­nen im Ver­gleich zu un­be­han­del­ten Kon­troll­grup­pen her­aus­zu­fin­den. […] Mei­ner Mei­nung nach ist es bei den Be­mü­hun­gen um me­di­zi­ni­sche Ex­akt­heit sinn­voll, zwi­schen eher kör­per­li­chen und eher see­li­schen Wir­kun­gen von Mu­sik zu un­ter­schei­den, auch wenn man das letzt­lich nicht von­ein­an­der tren­nen kan. Ich werde skep­tisch, wenn mir Mu­sik auf Ton­trä­gern an­ge­bo­ten wird, die spe­zi­fisch auf Ge­lenke, Ent­zün­dun­gen, Ein­ge­weide, Ge­schlechts­teile oder Kopf und Au­gen wir­ken soll. […] Et­was an­de­res ist das An­lie­gen der Hei­lung im see­li­schen Be­reich zu be­wer­ten. Zu­ver­sicht, Le­bens­freude, Ent­span­nung, das Er­le­ben von De­mut oder in­ne­rem Frie­den ge­hö­ren in je­dem Falle zur Hei­lung und zur Le­bens­qua­li­tät – und zwar un­ab­hän­gig da­von, was im Kör­per krank ist und viel­leicht auch krank bleibt.»

Das Wissen aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt

Oruç Güvenç mit dem schamanischen Kilkopuz, Andrea-Azize Güvenç mit der altorientalischen Kopuz
Oruç Gü­venç mit dem scha­ma­ni­schen Kil­ko­puz, An­drea-Azize Gü­venç mit der alt­ori­en­ta­li­schen Ko­puz

Diese Sätze von Rolf Ver­res lei­ten eine neue AOM-Pu­bli­ka­tion mit dem Ti­tel «Hei­lende Mu­sik aus dem Ori­ent» ein. Au­tor ist der Is­tan­bu­ler Psy­cho­loge, Mu­sik­the­ra­peut und Sufi-Meis­ter Dr. Oruç Gü­venç, der ge­mein­sam mit sei­ner Frau, der deut­schen Er­go­the­ra­peu­tin An­drea Gü­venç – sie am­tiert im Buch als Au­to­rin wie als Tür­kisch-Über­set­ze­rin – ei­nen üp­pig aus­ge­stat­te­ten Text- und Bild­band (mit Com­pact-Disc) in Sa­chen Alt­ori­en­ta­li­sche Mu­sik­the­ra­pie (AOM) prä­sen­tiert.

Die klang-, tanz- und farb­be­seelte Well­ness-Reise des Ehe­paa­res Gü­venç be­ginnt tief in der Ver­gan­gen­heit, bei 14’000 Jahre al­ten Fels­zeich­nun­gen im Aser­bai­dscha­ni­schen Go­bustan, wo tan­zende Fi­gu­ren auf die ur­alte Tra­di­tion hei­len­der Be­we­gungs­ri­tuale hin­wei­sen. Ein an­de­rer wich­ti­ger «ur­zeit­li­cher», noch heute spru­deln­der Quell ur­alter Heil­sys­teme sind – nach Au­tor Gü­venç – die Scha­ma­nen Zen­tral­asi­ens, die Baksi: «Bei ih­ren Ri­tua­len imi­tie­ren die Baksi mit der ei­ge­nen Stimme oder In­stru­men­ten Tier­stim­men und an­dere Klänge aus der Na­tur. Zu­dem ah­men sie die Ge­bär­den, Hal­tun­gen und Be­we­gun­gen der Tiere nach. Da­bei ver­wen­den sie In­stru­mente wie Trom­meln, Kil­ko­puz, Dom­bra und an­dere, die sie aus Na­tur­ma­te­ria­lien her­stel­len.»

Reise nach innen“ als Voraussetzung des therapeutischen Erfolges

Kudüm_AOM_Musiktherapie
Ei­nes der Haupt­in­stru­mente der Alt­ori­en­ta­li­schen Me­di­zin (AOM): Die tür­ki­sche Ku­düm-Trom­mel

Aus­ge­hend von sol­chen Ur-Heil­ri­tua­len er­ar­bei­tete sich die AOM ihre ei­ge­nen, Rhyth­mus-, Ton- und Be­we­gungs-ge­stütz­ten mu­sik­the­ra­peu­ti­schen Ver­fah­ren. Da­bei ba­siert die Me­thode von Gü­venç und an­de­ren scha­ma­nisch ori­en­tier­ten «Hei­lern» auf ei­ni­gen zen­tra­len, meis­ten­teils durch­aus auch für west­li­che «Oh­ren» (mitt­ler­weile) nach­voll­zieh­ba­ren Axio­men. Dazu Gü­venç: «Die AOM ver­steht sich nicht als di­rek­ter scha­ma­ni­scher Heil­weg, wenn­gleich Ele­mente und Ideen aus scha­ma­ni­schen Prak­ti­ken Zen­tral­asi­ens an­ge­wen­det wer­den. Bei­spiels­weise: a) Der Glaube, dass sich frühe ‚Tech­ni­ken‘ wie Klänge, Me­lo­dien, Rhyth­men und Im­pro­vi­sa­tio­nen über Jahr­tau­sende be­währt ha­ben und auch heute noch ihre Wir­kung ent­fal­ten; b) Die Be­wer­tung des in­ne­ren Er­le­bens, der in­ne­ren Er­fah­rung, als Er­gän­zung zur äu­ße­ren Welt; c) Die Vor­stel­lung, dass es ne­ben den tech­no­lo­gi­schen Fä­hig­kei­ten auch ein nicht-tech­no­lo­gi­sches Wis­sen des mensch­li­chen Geis­tes gibt; d) Die An­nahme, dass der Mensch von den Pflan­zen, Stei­nen und Tie­ren ler­nen kann». In sol­chen spi­ri­tu­el­len An­sät­zen trifft sich of­fen­sicht­lich das ori­en­ta­li­sche Den­ken mit je­nem aus dem fern­öst­li­chen Kul­tur­raum; Die «Reise nach in­nen» ist grund­le­gende Vor­aus­set­zung bei­der Kon­zepte.

Trance-Zustände als Grundfähigkeit des Menschen

Das Element Wasser: Emotionaler Träger von Spiritualität und Beruhigung, gleichzeitig Reinigungsritual
Das Ele­ment Was­ser: Emo­tio­na­ler Trä­ger von Spi­ri­tua­li­tät und Be­ru­hi­gung, gleich­zei­tig Rei­ni­gungs­ri­tual

Ein paar In­gre­di­en­zien der AOM sind zen­tral in der mu­sik­the­ra­peu­ti­schen Ar­beit Gü­vençs: Der phy­si­sche und «mu­si­ka­li­sche» Ein­satz des Was­sers; der Ein­be­zug der mensch­li­chen Stimme; die ur­alte Sufi-In­stru­men­tal­kul­tur; der Aus­drucks­tanz. Der kom­bi­nierte Ein­satz die­ser vier in­di­vi­du­ell ver­mit­tel­ten und er­fah­re­nen, ge­zielt un­ter Be­glei­tung des AOM-Lei­ters ein­ge­setz­ten Prak­ti­ken kann laut Ehe­paar Gü­venç durch­aus zu Trance und Ek­stase füh­ren: «Diese Tran­ce­zu­stände wa­ren den Men­schen in der öst­li­chen Kul­tur durch­aus ver­traut. Sie wa­ren ge­leb­ter Be­stand­teil der Ri­ten und Ri­tuale im Scha­ma­nen- und Su­fi­turm. […] Die heu­tige Wis­sen­schaft sagt, dass Be­wusst­seins­ver­än­de­rung und Trance zu den Grund­fä­hig­kei­ten des Men­schen ge­hö­ren. Die Me­di­zin des Ori­ents kennt ihre hei­lige und hei­lende Wir­kung schon seit lan­gem. Erst nach und nach er­kennt auch die mo­derne Me­di­zin, wie sie sich diese Me­cha­nis­men zu­nutze ma­chen kann, um Schmer­zen zu lin­dern und Hei­lungs­pro­zesse zu för­dern.»

Der Körper als Instrument: Aufnahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dauerte 40 Tage und Nächte.
Der Kör­per als In­stru­ment: Auf­nahme von ei­nem Sema-Ri­tual im Jahre 2008. Das Ri­tual dau­erte 40 Tage und Nächte.

Mit sol­chen Er­kennt­nis­sen aus der ei­ge­nen mu­sik­the­ra­peu­ti­schen Ar­beit schlägt das Ehe­paar Gü­venç eine Brü­cke zur nach wie vor ko­gni­tiv do­mi­nier­ten (Apparate-)Medizin des Wes­tens. Ihr Buch wird ein­ge­fleischte Ra­tio­na­lis­ten nicht über­zeu­gen, son­dern bes­ten­falls in der Schub­lade «In­ter­es­sant, aber un­be­wie­sen» kon­ta­mi­niert wer­den, denn der «Glau­bens­fak­tor» als in­di­vi­du­ell zu er­brin­gende, be­tont «ima­gini­tive» Leis­tung des «Kran­ken» spielt in der AOM wie in vie­len an­de­ren the­ra­peu­ti­schen An­sät­zen (ganz gleich wel­cher geo­gra­phi­schen Cou­leur) be­kannt­lich eine zen­trale Rolle. An­de­rer­seits ist nicht ein­zu­se­hen, warum in­tel­li­gen­tes The­ra­pie­ren ne­ben dem gan­zen ok­zi­den­ta­len me­di­zi­ni­schen «Ar­se­nal» nicht auch (nach­weis­lich er­folg­rei­che) al­ter­na­tive Prak­ti­ken in­te­grie­ren soll; hier be­käme «Ganz­heit­lich­eit» noch­mals ei­nen neuen in­ter­es­san­ten Be­deu­tungs­as­pekt.

Eine Reise hin zum „paradiesischen Ursprung der Musik“

Jen­seits al­ler Theo­rie be­kommt der Le­ser mit «Hei­lende Mu­sik aus dem Ori­ent» je­den­falls auch gleich den prak­ti­schen Selbst­ver­such in­klu­sive de­tail­lierte An­lei­tung mit­ge­lie­fert: Der reich­hal­tig be­bil­derte, bi­blio­gra­phisch schön ge­stal­tete Band ent­hält eine 60-mi­nü­tige Au­dio-CD der tür­ki­schen Gruppe «Tümata» (Abk. = «Tür­ki­sche Mu­sik in wis­sen­schaft­li­cher Er­for­schung und Prä­sen­ta­tion») mit ei­ner Aus­wahl ori­en­ta­li­scher Mu­sik, vom scha­ma­ni­schen Tanz bis zu Sufi-Ge­sän­gen. Da­mit ge­rät des Ehe­paars Gü­venç‘ «Hei­lende Mu­sik aus dem Ori­ent» zu ei­ner sinn-li­chen, seine The­ma­tik sehr at­trak­tiv prä­sen­tie­ren­den Reise durch «alle Zei­ten und Räume» hin zum «pa­ra­die­si­schen Ur­sprung der Mu­sik» (Gü­venç). Li­te­ra­tur­hin­weise, Sach- und Na­mens­re­gis­ter so­wie ein An­hang mit Kon­takt­adres­sen und Hin­wei­sen zu In­sti­tu­tio­nen und Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten run­den den Band ab. ■

An­drea und Oruç Gü­venç: Hei­lende Mu­sik aus dem Ori­ent – Vom tra­di­tio­nel­len Wis­sen der Scha­ma­nen und Su­fis zur prak­ti­schen An­wen­dung alt­ori­en­ta­li­scher Mu­sik­the­ra­pie, mit Au­dio-CD, 148 Sei­ten, Süd­west Ver­lag, ISBN 978-3-517-08535-7

Leseproben

Gesundheitliche Effekte des Gesangs: "In der AOM singen wir für den Patienten, um ihn anzuregen, ihn zu beruhigen, ihn aufzumuntern oder ihn zu stärken."
Ge­sund­heit­li­che Ef­fekte des Ge­sangs: „In der AOM sin­gen wir für den Pa­ti­en­ten, um ihn an­zu­re­gen, ihn zu be­ru­hi­gen, ihn auf­zu­mun­tern oder ihn zu stär­ken.“
Das Leben als schwingendes System: "Musik übt auf das Gehirn starke Reize aus. [...] Musik bewirkt im limbischen System die Ausschüttung bestimmter Botenstoffe, die zusätzlich wiederum die Wahrnehmungsbereitschaft steuern."
Das Le­ben als schwin­gen­des Sys­tem: „Mu­sik übt auf das Ge­hirn starke Reize aus. […] Mu­sik be­wirkt im lim­bi­schen Sys­tem die Aus­schüt­tung be­stimm­ter Bo­ten­stoffe, die zu­sätz­lich wie­derum die Wahr­neh­mungs­be­reit­schaft steu­ern.“

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