Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Harmonisierung von Körper und Geist

von Wal­ter Eigenmann

Alter­na­tive the­ra­peu­ti­sche Ver­fah­ren wie bei­spiels­weise die (bei uns kaum bekannte) sog. „Alt­ori­en­ta­li­sche Musik­the­ra­pie“ (AOM) sub­su­miert der west­li­che Ratio­na­list oft, wenn er wohl­wol­lend ist, unter „Ethno“, viel­leicht auch nase­rümp­fend unter „Eso­te­rik“ – oder über­haupt gleich unter „Schar­la­tene­rie“. Wis­sen­schaft­lich gestützte Musik­the­ra­pie ja – aber Scha­ma­nen-Gesänge, Uig­hu­ri­sche Tänze, Was­ser­mur­meln und Trommelrhythmen?

Die Erfolge der alternativen Heilmethoden

Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient - Vom traditionellen Wissen der Schamanen und Sullis zur Anwendung altorientalischer MusiktherapieWenn da bloss nicht die unleug­ba­ren Erfolge der alter­na­ti­ven Heil­me­tho­den wären – und das Votum zahl­rei­cher, sehr wohl ernst zu neh­men­der Wis­sen­schaft­ler wie bei­spiels­weise des Direk­tors des Insti­tuts für Medi­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie am Kli­ni­kum der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg Rolf Ver­res. Er schreibt (Zitat):

In der wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Heil­kunde Mit­tel­eu­ro­pas wol­len sich die Men­schen dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass das, was man The­ra­pie nennt, nach­weis­lich wirkt. Man will wis­sen, bei wel­chen gesund­heit­li­chen Stö­run­gen wel­che Inter­ven­tio­nen die Hei­lung för­dern. Dazu wer­den eine dif­fe­ren­zierte Dia­gnos­tik und Ver­suchs­pläne gefor­dert, die es ermög­li­chen, die spe­zi­fi­schen Wir­kun­gen the­ra­peu­ti­scher Inter­ven­tio­nen im Ver­gleich zu unbe­han­del­ten Kon­troll­grup­pen her­aus­zu­fin­den. […] Mei­ner Mei­nung nach ist es bei den Bemü­hun­gen um medi­zi­ni­sche Exakt­heit sinn­voll, zwi­schen eher kör­per­li­chen und eher see­li­schen Wir­kun­gen von Musik zu unter­schei­den, auch wenn man das letzt­lich nicht von­ein­an­der tren­nen kan. Ich werde skep­tisch, wenn mir Musik auf Ton­trä­gern ange­bo­ten wird, die spe­zi­fisch auf Gelenke, Ent­zün­dun­gen, Ein­ge­weide, Geschlechts­teile oder Kopf und Augen wir­ken soll. […] Etwas ande­res ist das Anlie­gen der Hei­lung im see­li­schen Bereich zu bewer­ten. Zuver­sicht, Lebens­freude, Ent­span­nung, das Erle­ben von Demut oder inne­rem Frie­den gehö­ren in jedem Falle zur Hei­lung und zur Lebens­qua­li­tät – und zwar unab­hän­gig davon, was im Kör­per krank ist und viel­leicht auch krank bleibt.“

Vergangenes Wissen in die Gegenwart geholt

Diese Sätze Ver­res‘ lei­ten eine neue AOM-Publi­ka­tion mit dem Titel „Hei­lende Musik aus dem Ori­ent“ ein. Autor ist der Istan­bu­ler Psy­cho­loge, Musik­the­ra­peut und Sufi-Meis­ter Dr. Oruç Güvenç, der gemein­sam mit sei­ner Frau, der deut­schen Ergo­the­ra­peu­tin Andrea Güvenç – sie amtiert im Buch als Autorin wie als Tür­kisch-Über­set­ze­rin – einen üppig aus­ge­stat­te­ten Text- und Bild­band (mit Com­pact-Disc) in Sachen Alt­ori­en­ta­li­sche Musik­the­ra­pie (AOM) präsentiert.

Oruç Güvenç mit dem schamanischen Kilkopuz, Andrea-Azize Güvenç mit der altorientalischen Kopuz
Oruç Güvenç mit dem scha­ma­ni­schen Kil­ko­puz, Andrea-Azize Güvenç mit der alt­ori­en­ta­li­schen Kopuz

Die klang-, tanz- und farb­be­seelte Well­ness-Reise des Ehe­paa­res Güvenç beginnt tief in der Ver­gan­gen­heit, bei 14’000 Jahre alten Fels­zeich­nun­gen im Aser­bai­dscha­ni­schen Gobu­s­tan, wo tan­zende Figu­ren auf die uralte Tra­di­tion hei­len­der Bewe­gungs­ri­tuale hin­wei­sen. Ein ande­rer wich­ti­ger „urzeit­li­cher“, noch heute spru­deln­der Quell uralter Heil­sys­teme sind – nach Autor Güvenç – die Scha­ma­nen Zen­tral­asi­ens, die Baksi: „Bei ihren Ritua­len imi­tie­ren die Baksi mit der eige­nen Stimme oder Instru­men­ten Tier­stim­men und andere Klänge aus der Natur. Zudem ahmen sie die Gebär­den, Hal­tun­gen und Bewe­gun­gen der Tiere nach. Dabei ver­wen­den sie Instru­mente wie Trom­meln, Kil­ko­puz, Dom­bra und andere, die sie aus Natur­ma­te­ria­lien herstellen.“

Mit der „Reise nach innen“ zum therapeutischen Erfolg

Eines der Hauptinstrumente der Altorientalischen Medizin (AOM): Die türkische Kudüm-Trommel
Eines der Haupt­in­stru­mente der Alt­ori­en­ta­li­schen Medi­zin (AOM): Die tür­ki­sche Kudüm-Trommel

Aus­ge­hend von sol­chen Ur-Heil­ri­tua­len erar­bei­tete sich die AOM ihre eige­nen, Rhyth­mus-, Ton- und Bewe­gungs-gestütz­ten musik­the­ra­peu­ti­schen Ver­fah­ren. Dabei basiert die Methode von Güvenç und ande­ren scha­ma­nisch ori­en­tier­ten „Hei­lern“ auf eini­gen zen­tra­len, meis­ten­teils durch­aus auch für west­li­che „Ohren“ (mitt­ler­weile) nach­voll­zieh­ba­ren Axio­men. Dazu Güvenç: „Die AOM ver­steht sich nicht als direk­ter scha­ma­ni­scher Heil­weg, wenn­gleich Ele­mente und Ideen aus scha­ma­ni­schen Prak­ti­ken Zen­tral­asi­ens ange­wen­det wer­den. Bei­spiels­weise: a) Der Glaube, dass sich frühe ‚Tech­ni­ken‘ wie Klänge, Melo­dien, Rhyth­men und Impro­vi­sa­tio­nen über Jahr­tau­sende bewährt haben und auch heute noch ihre Wir­kung ent­fal­ten; b) Die Bewer­tung des inne­ren Erle­bens, der inne­ren Erfah­rung, als Ergän­zung zur äus­se­ren Welt; c) Die Vor­stel­lung, dass es neben den tech­no­lo­gi­schen Fähig­kei­ten auch ein nicht-tech­no­lo­gi­sches Wis­sen des mensch­li­chen Geis­tes gibt; d) Die Annahme, dass der Mensch von den Pflan­zen, Stei­nen und Tie­ren ler­nen kann“. In sol­chen spi­ri­tu­el­len Ansät­zen trifft sich offen­sicht­lich das ori­en­ta­li­sche Den­ken mit jenem aus dem fern­öst­li­chen Kul­tur­raum; Die „Reise nach innen“ ist grund­le­gende Vor­aus­set­zung bei­der Konzepte.

Trance als Grundfähigkeit des Menschen

Das Element Wasser: Emotionaler Träger von Spiritualität und Beruhigung, gleichzeitig Reinigungsritual
Das Ele­ment Was­ser: Emo­tio­na­ler Trä­ger von Spi­ri­tua­li­tät und Beru­hi­gung, gleich­zei­tig Reinigungsritual

Ein paar Ingre­di­en­zien der AOM sind zen­tral in der musik­the­ra­peu­ti­schen Arbeit Güvençs: Der phy­si­sche und „musi­ka­li­sche“ Ein­satz des Was­sers; der Ein­be­zug der mensch­li­chen Stimme; die uralte Sufi-Instru­men­tal­kul­tur; der Aus­drucks­tanz. Der kom­bi­nierte Ein­satz die­ser vier indi­vi­du­ell ver­mit­tel­ten und erfah­re­nen, gezielt unter Beglei­tung des AOM-Lei­ters ein­ge­setz­ten Prak­ti­ken kann laut Ehe­paar Güvenç durch­aus zu Trance und Ekstase füh­ren: „Diese Tran­ce­zu­stände waren den Men­schen in der öst­li­chen Kul­tur durch­aus ver­traut. Sie waren geleb­ter Bestand­teil der Riten und Rituale im Scha­ma­nen- und Sufi­turm. […] Die heu­tige Wis­sen­schaft sagt, dass Bewusst­seins­ver­än­de­rung und Trance zu den Grund­fä­hig­kei­ten des Men­schen gehö­ren. Die Medi­zin des Ori­ents kennt ihre hei­lige und hei­lende Wir­kung schon seit lan­gem. Erst nach und nach erkennt auch die moderne Medi­zin, wie sie sich diese Mecha­nis­men zunutze machen kann, um Schmer­zen zu lin­dern und Hei­lungs­pro­zesse zu fördern.“

Der Körper als Instrument: Aufnahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dauerte 40 Tage und Nächte.
Der Kör­per als Instru­ment: Auf­nahme von einem Sema-Ritual im Jahre 2008. Das Ritual dau­erte 40 Tage und Nächte.

Mit sol­chen Erkennt­nis­sen aus der eige­nen musik­the­ra­peu­ti­schen Arbeit schlägt das Ehe­paar Güvenç eine Brü­cke zur nach wie vor kogni­tiv domi­nier­ten (Apparate-)Medizin des Wes­tens. Ihr Buch wird ein­ge­fleischte Ratio­na­lis­ten nicht über­zeu­gen, son­dern bes­ten­falls in der Schub­lade „Inter­es­sant, aber unbe­wie­sen“ ver­sorgt wer­den, denn der „Glau­bens­fak­tor“ als indi­vi­du­ell zu erbrin­gende, betont „ima­gini­tive“ Leis­tung des „Kran­ken“ spielt in der AOM wie in vie­len ande­ren the­ra­peu­ti­schen Ansät­zen (ganz gleich wel­cher geo­gra­phi­schen Cou­leur) bekannt­lich eine zen­trale Rolle. Ande­rer­seits ist nicht ein­zu­se­hen, warum intel­li­gen­tes The­ra­pie­ren neben dem gan­zen okzi­den­ta­len medi­zi­ni­schen „Arse­nal“ nicht auch (nach­weis­lich erfolg­rei­che) alter­na­tive Prak­ti­ken inte­grie­ren soll; hier bekäme „Ganz­heit­lich­eit“ noch­mals einen neuen inter­es­san­ten Bedeutungsaspekt.

Zurück zum paradiesischen Ursprung der Musik

Jen­seits aller Theo­rie bekommt der Leser mit „Hei­lende Musik aus dem Ori­ent“ jeden­falls auch gleich den prak­ti­schen Selbst­ver­such inklu­sive detail­lierte Anlei­tung mit­ge­lie­fert: Der reich­hal­tig bebil­derte, biblio­gra­phisch schön gestal­tete Band ent­hält eine 60-minü­tige Audio-CD der tür­ki­schen Gruppe „Tümata“ (Abk. = „Tür­ki­sche Musik in wis­sen­schaft­li­cher Erfor­schung und Prä­sen­ta­tion“) mit einer Aus­wahl ori­en­ta­li­scher Musik, vom scha­ma­ni­schen Tanz bis zu Sufi-Gesän­gen. Damit gerät des Ehe­paars Güvenç‘ „Hei­lende Musik aus dem Ori­ent“ zu einer sinn-lichen, seine The­ma­tik sehr attrak­tiv prä­sen­tie­ren­den Reise durch „alle Zei­ten und Räume“ hin zum „para­die­si­schen Ursprung der Musik“ (Güvenç). Lite­ra­tur­hin­weise, Sach- und Namens­re­gis­ter sowie ein Anhang mit Kon­takt­adres­sen und Hin­wei­sen zu Insti­tu­tio­nen und Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten run­den den Band ab. ♦

Andrea und Oruç Güvenç: Hei­lende Musik aus dem Ori­ent – Vom tra­di­tio­nel­len Wis­sen der Scha­ma­nen und Sufis zur prak­ti­schen Anwen­dung alt­ori­en­ta­li­scher Musik­the­ra­pie, mit Audio-CD, 148 Sei­ten, Süd­west Ver­lag, ISBN 978-3-517-08535-7

Leseprobe

Gesundheitliche Effekte des Gesangs: "In der AOM singen wir für den Patienten, um ihn anzuregen, ihn zu beruhigen, ihn aufzumuntern oder ihn zu stärken."
Gesund­heit­li­che Effekte des Gesangs: „In der AOM sin­gen wir für den Pati­en­ten, um ihn anzu­re­gen, ihn zu beru­hi­gen, ihn auf­zu­mun­tern oder ihn zu stärken.“

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Musik & Kör­per auch über
Lutz Jän­cke: Macht Musik schlau? (Hirn­for­schung)

… sowie zum Thema Psy­cho­lo­gie und Krea­ti­vi­tät über
Wil­liam Dug­gan: Geis­tes­blitze – Wie wir Intui­tion zur Stra­te­gie machen können

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)