Andreas Wieland: Mohrenwäsche (Kurzprosa)

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Mohrenwäsche

Andreas Wie­land

I, fuge. Sed pote­ras tutior esse domi.
(Geh, flieh! Aber du könntest
zu Hause siche­rer sein.)

Mar­tial, röm. Dichter

Ich bin eine Implo­sion in einer unan­sehn­li­chen und gedrun­ge­nen Hülle, ich bin Son­nen­schein und Schat­ten zugleich, ich bin Heil und Unheil, ich bin das Zit­tern und der Schre­cken. Äus­ser­lich ein unan­sehn­li­cher Zwerg und bereits hier­für tau­send­mal für schul­dig befun­den, schul­dig gespro­chen von vie­ler­lei Her­kunft, geäch­tet, sei dies wegen ver­schlamp­ter Unter­halts­pflicht oder der Ent­las­sung mei­ner die­bi­schen Sekre­tä­rin, jeden­falls bin ich aus­nahms­los Teil von dem was pas­siert, ob in gött­li­cher Lau­ter­keit oder Wust und Moder­le­ben. Einem unge­ahnt hart zuschla­gen­den Schick­sal erle­gen, beraubt jeg­li­chen Ver­stan­des vom dröh­nen­den Gerede der Leute, fällt jeder noch so abge­feimte Ver­such einer Moh­ren­wä­sche ins Was­ser, ent­rüs­tend und schänd­lich, selbst die blut­rüns­tige Schick­sals­göt­tin anti­qua­ri­scher Her­kunft ver­ab­schie­dete sich von mir mit einem schon fast lie­be­vol­len Schmun­zeln, als ich zu Trä­nen gerührt, mich vor ihr und mei­nem Haus­al­tar ver­neigte und dar­auf vom Leben ver­schmäht und mit einer klei­nen Sport­ta­sche in der Hand meine Woh­nung ver­liess. Einem frem­den Wil­len in die Hände gespielt schaue ich kon­ster­niert und ein­ge­schüch­tert einem unauf­halt­sa­men Schau­dern ent­ge­gen, einem sich in den Ein­ge­wei­den fest­ge­bis­se­nen eisi­gen Hauch, her­aus­ge­ris­sen aus pral­lem Leben. Wohl bin ich nicht mehr der Kory­phäe, wel­chen ich jahr­zehn­te­lang mit zar­tes­ten Gefüh­len in mir wähnte, meine Ver­dienste und Ehrun­gen inter­es­sie­ren kei­nen mehr, sollte mich jetzt jemand mit Dok­tor anspre­chen, wäre dies der uner­hör­teste Affront seit Geden­ken, schlim­mer als alle jemals gehör­ten unan­stän­di­gen Worte, ein­schüch­ternd und ver­schwö­re­risch. Auf die Zehen­spit­zen empor­ge­reckt klat­sche ich meine tre­mo­lie­ren­den Hand­flä­chen auf den Bahn­t­re­sen und warte, bis sich die Schal­ter­be­die­nung mir zuwen­det, erup­tiv vom Stuhl hoch­springt und sich mei­ner annimmt, abtaucht in meine see­lisch ver­stimmte Klan­des­t­in­i­tät. Doch lässt sich der Jüng­ling bei­nahe scham­los viel Zeit, nichts­ah­nend, dass in mir Gefühle hef­ti­gen Zorns auf­stei­gen und meine Hände sich längst zu gefähr­li­chen Fäus­ten geballt haben. „Linie 350!“, bricht es aus mir her­aus und ich fühle mich ver­sucht, den Jun­gen Herrn über meine Iden­ti­tät auf­zu­klä­ren und ihm für ein und alle­mal klar zu machen, wie man sich als Arbeit­neh­mer in einem Dienst­leis­tungs­be­trieb zu ver­hal­ten hat. Doch spu­cke ich ihm aus­ser mir vor Wut, aber auch aus erzie­he­ri­schen Grün­den, ins Gesicht. Dies geschah am 25. Juni 2008.
Nur lang­sam spüre ich die sanf­ten Son­nen­krin­gel auf mei­nen geschlos­se­nen Augen und höre den Wind in Büsche und Baum­kro­nen fah­ren. Den Träu­men ent­nom­men liege ich mit Petra auf wei­chem Gras, ein­ge­hüllt in eine karierte Woll­de­cke, nebenan unser Pick­nick­korb und die Fahr­rä­der, wild ver­streut die Klei­der. Doch trete ich schon kurz dar­auf mit dem einen Fuss gegen zwei Wein­fla­schen, rau wie ein Reib­ei­sen füh­len sich meine Wan­gen an und der feuchte Boden zwingt mich aus mei­ner Kau­er­hal­tung. „Ob es gut geht, ist uns“, knat­tere ich in reich­li­cher Ent­täu­schung vor mich hin und taste mit den Hän­den nach kla­gen­den Kör­per­stel­len. Natür­lich hätte ich mir ein Zim­mer leis­ten kön­nen, mei­net­we­gen in einem Vier- oder Fünf­ster­ne­ho­tel, im DIEHL’s oder im Con­tel bei­spiels­weise, doch will ich mir mei­nen Abschied nicht neh­men las­sen, aller Ver­derb­nis zum Trotz, soll die­ser Wille stär­ker sein als jeg­li­cher Ver­stand. Von die­ser Tat­sa­che gebeu­telt fliehe ich wei­ter auf das unbe­kannte Wald­stück vor mir zu, zusam­men­zuckend bei jedem vor­bei­fah­ren­den Auto und bereits das lei­seste Rascheln im Gras lässt mich Schlimms­tes erah­nen und an den Fin­gern zähle ich auf­ge­löst die Jahre bis zu mei­ner letz­ten Starr­krampf­imp­fung zurück. Von schmer­zen­den Hun­ger­ge­füh­len geplagt peit­sche ich mich wei­ter durch unweg­sa­mes Gelände, unweit von mir höre ich auf­heu­lende Motor­sä­gen und das Kra­chen von Fich­ten und Buchen, gefasst werde ich mich als Vogel­kund­ler in eige­nem Auf­trag aus­ge­ben, soll­ten mich die bär­ti­gen Holz­fäl­ler zu Gesicht bekom­men und im Stil­len hoffe ich auf deren Bekannt­schaft, sei es auch nur um ihnen ihr Pau­sen­brot strei­tig zu machen. Die kleine Sport­ta­sche vor mich her­schie­bend pir­sche ich mich auf Ellen­bo­gen an sie heran, auch ihr Gelän­de­wa­gen konnte ich aus­ma­chen, und von die­sem aus berechne ich jetzt ver­schie­denste Radien zu den zwei Holz­fäl­lern und ziehe unter­schied­lichste lebens­ret­tende Fak­to­ren bei, um mich im Not­fall schnells­tens aus dem Staub machen zu können.
Mit stol­zer Die­bes­beute stürze ich mich wei­ter in die Wild­nis und deren unauf­halt­sa­men Aben­teuer, immer geläu­fi­ger wird mir Wald und Gelände, kar­to­gra­phiert im genia­len Geiste eines Geäch­te­ten. So man­gelt es mir nur sel­ten noch an Brot und Käse und Wurst und auch in der Zuord­nung von Vogel­stim­men habe ich beträcht­li­chen Fort­schritt gemacht.
Am 13. August 2008 stahl ich in Ber­res­heim aus einem Schup­pen ein Brech­ei­sen, dies vor­wie­gend aus prä­ven­ti­ven Beweg­grün­den denn aus bös­ar­ti­ger kri­mi­nel­ler Ener­gie. So sind die Nächte bereits kühl und in kei­nem Fall darf mich solch läp­pi­sche Natur­ge­walt zurück in die Arme der Gesell­schaft trei­ben kön­nen, in fes­tem Griff halte ich also die­ses selt­same und ver­ros­tete Instru­ment. Von den nächt­li­chen Lau­ten wie von Nadeln gesto­chen erhebe ich mich frös­telnd von mei­nem Lager und lege das Brech­ei­sen zwi­schen die in die Sport­ta­sche gestopfte Wäsche. Aus­ge­hun­gert und mit tro­cke­nem Gau­men schreite ich ziel­los in Rich­tung Ber­nards­hof, in Mayen Ost könnte ich dem 312er zustei­gen, natür­lich kann ich das tun, ob Segen oder Fluch, ein­mal werde ich mich der Zivi­li­sa­tion wie­der annä­hern wol­len, ob heute oder mor­gen, Lapis iacta est.
Mit noch klam­men Fin­gern umfasse ich zwei­hän­dig meine Sport­ta­sche, drü­cke diese gegen meine Brust wie ein Schutz­schild und mit gesprun­ge­nen Lip­pen und schmerz­ver­zo­ge­nem Gesicht frage ich mich in Mayen nach einer bil­li­gen Pen­sion durch, eine Bruch­bude wäre mir am liebs­ten, sage ich müh­sam lächelnd zu einem jun­gen Herrn und laufe unter sei­nem rich­tungs­wei­sen­den Arm hin­durch wie unter einer Bahn­schranke, auf­ge­regt nach links und nach rechts bli­ckend, die Sieg­fried­strasse über­que­rend. Seine angst­er­füllte Stimme und den ner­vö­sen Fin­ger­zeig memo­ri­siert und strikte befolgt, finde ich die Unter­kunft schnel­ler als erhofft und her­un­ter­ge­kom­me­ner als erdacht vor, und all­mäh­lich spüre ich wie Kopf und Kör­per von einer bei­nahe zu uner­träg­li­chen Leich­tig­keit durch­flu­tet wer­den. Doch aus dem Schat­ten des Back­of­fice her­aus bemerke ich den feind­lich gesinn­ten Blick der Besit­ze­rin die­ser sel­te­nen und nir­gendswo ver­merk­ten Unter­kunft, gut bera­ten ist hier der­je­nige, der keine Fra­gen stellt, der weder Zim­mer­ser­vice noch Früh­stück erwartet.
Schwere Regen­wol­ken bedeck­ten am 28. Novem­ber 2008 das Gebiet der Ost­ei­fel. Wie totes Tuff­ge­stein ste­chen meine Aug­äp­fel aus tief­lie­gen­den Höh­len und durch meine Pfund­nase atme ich den immer dich­ter wer­den­den Nebel, die fei­er­abend­li­chen Abgase und den mir ver­hass­ten Gestank von aus Hin­ter­hö­fen her­über geweh­ten Frit­tier­öl­schwa­den ein. Zum ers­ten Mal seit mei­nem Aus­bruch denke ich an mein leer­ste­hen­des Zuhause, an die Plas­tik­blu­men auf dem Altar und an meine Schick­sals­göt­tin. Mit Argus­au­gen wird sie mich wohl über­prü­fen und still­schwei­gend wie­der von mir Opfer for­dern, diese meist unter Aus­schluss mei­nes Bewusst­seins oder zumin­dest so, dass es mir schwer fällt, ihre eigen­tüm­li­che Spra­che zu ver­ste­hen. Doch weiss sie haar­ge­nau was zu einem gelun­ge­nen Leben gehört und somit will ich demü­tig ihren aus­ge­klü­gel­ten Plä­nen die­nen. Hier­von scheint meine ganze Gestalt durch­drun­gen zu sein, auf Ableh­nung auf­ge­baut, doch darin behü­tet und gepflegt wie ein kost­ba­res Juwel. Im Schutze der ein­ge­bro­che­nen Nacht und ihrer woh­li­gen Dun­kel­heit schlei­che ich Mau­ern ent­lang und durch­quere Haus­gär­ten, stampfe über brach­lie­gende Blu­men­ra­batte und bre­che alles ab, was den Anschein einer glück­lich erleb­ten Blüte hin­ter­lässt. Und sollte man mich in mei­nem Tun auf­hal­ten wol­len, würde die Kraft gött­li­chen Schick­sals die Erde erneut spal­ten und Fun­ken speien, implo­die­rend ein wei­te­res Genie gefähr­li­cher Abtrün­nig­keit, in Asche gehal­ten und ver­folgt von der Unein­sich­tig­keit und Unver­nunft tyran­ni­scher Triebe, uner­bitt­lich und böse wür­den geheime Bin­dun­gen fort­ge­setzt wer­den auf dem von mir geeb­ne­ten Weg. ♦


Andreas Wieland - Autor im Glarean MagazinAndreas Wie­land

Geb. 1969 in Chur/CH, Stu­dium an der Höhe­ren Fach­schule für Hotel- und Tou­ris­mus­ma­nage­ment, anschlies­send als diplo­mier­ter Hote­lier in den Kan­to­nen Grau­bün­den, Zürich und Luzern tätig, Kurz­prosa- und Roman-Publi­ka­tio­nen, lebt als frei­schaf­fen­der Schrift­stel­ler in Walenstadt/CH

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