Markus Wolf (Violine): Strauss- & Pfitzner-Sonaten (CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Verbindende Aspekte unterschiedlicher Charaktere

von Dr. Mar­kus Gärtner

Wenn das Label Farao eine Pro­duk­tion der Vio­lin-Sona­ten von Richard Strauss und Hans Pfitz­ner her­aus­bringt, dann beinhal­tet diese Gegen­über­stel­lung gleich meh­rere ver­bin­dende Aspekte. Beide Kom­po­nis­ten haben län­gere Zeit in Mün­chen gewohnt. Beide arbei­te­ten sowohl als Kom­po­nis­ten wie als Diri­gen­ten. Beide waren ver­strickt in die Herr­schafts­re­prä­sen­ta­tion der Nationalsozialisten.

Richard Strauss - Hans Pfitzner - Violinsonaten - Farao-ClassicsHinzu tritt noch die sehr bezeich­nende per­sön­li­che Ver­bin­dung: Seit einem Vor­fall im Jahr 1900 ver­fiel Pfitz­ner Strauss gegen­über in einen gestei­ger­ten Kon­kur­renz­neid, da die­ser nicht nur erfolg­rei­cher agierte, son­dern Pfitz­ner über­dies auch noch das grund­sätz­li­che Pech hatte, genau fünf Jahre jün­ger als Strauss gewe­sen zu sein, und zwar mit nur einem Monat Abstand zwi­schen den Geburts­ta­gen. Jedes Pfitz­ner-Jubi­läum wurde dem­nach von einem Strauss-Jubi­läum über­schat­tet. Der so Düpierte, über­sen­si­bel und in Erin­ne­rung des zunächst nega­ti­ven Ver­laufs sei­nes Berufs­we­ges immer wie­der dar­auf bedacht, sein Werk mög­lichst repu­ta­ti­ons­för­dernd zu posi­tio­nie­ren, geriet Strauss gegen­über in eine Art Ver­fol­gungs­wahn – wenn auch nicht in persona.

Klarer Strauss, verschleierter Pfitzner

Strauss als Dirigent der Bayrischen Staatsoper 1949
Strauss als Diri­gent der Bay­ri­schen Staats­oper 1949

Fragt man nun nach den Wer­ken selbst, so ste­hen sich die künst­le­ri­sche Rea­li­sa­tion eines noch ganz jun­gen Man­nes (Strauss war 1887 erst 23 Jahre alt) und einer der gros­sen kam­mer­mu­si­ka­li­schen Würfe eines gereif­ten Kom­po­nis­ten (Pfitz­ner beging im Jahr der Urauf­füh­rung sei­nen 49. Geburts­tag) gegen­über. Strauss war noch nicht ganz aus Brahm­sens Bann her­aus­ge­tre­ten; sehr deut­lich zeich­nen sich die For­men sei­ner Kon­struk­tion ab. Pfitz­ner stand nur wenige Jahre vor dem Höhe­punkt sei­ner per­sön­li­chen Annä­he­rung an die Ato­na­li­tät, die er im Streich­quar­tett op. 36 pha­sen­weise rea­li­sie­ren würde. Was die Har­mo­nik anbe­langt, lie­gen beide Vio­lin­so­na­ten eng zusam­men. Dabei strebt Strauss nach Klar­heit – Pfitz­ner hin­ge­gen nach Ver­schleie­rung. Auf diese in den Kom­po­si­tio­nen ange­leg­ten unter­schied­li­chen Sach­la­gen gilt es für die Inter­pre­ten zu reagieren.

Schwärmerischer Zugang zu klassizistischen Strukturen

Das gelingt dem Gei­ger Mar­kus Wolf in vor­lie­gen­der Ein­spie­lung der Straus­schen Es-Dur-Sonate sehr geschmack­voll. Er ver­folgt den Ansatz, dass die noch klas­si­zis­ti­schen Struk­tu­ren einen schwär­me­ri­schen Zugang durch­aus ver­kraf­ten kön­nen, was, unter­stützt durch die bril­lante Auf­nah­me­tech­nik, zu einem dicken Ton und einem inten­si­ven Dar­stel­lungs­stil führt. So gewinnt der in sei­ner frü­hen Kam­mer­mu­sik trotz aller Altera­ti­ons­har­mo­nik immer etwas kühl daher­kom­mende Strauss an Wärme und Innig­keit, die der Kom­po­si­tion gut tun.

Dirigent Pfitzner (Historische Aufnahmen 1929-1933)
Diri­gent Pfitz­ner (His­to­ri­sche Auf­nah­men 1929-1933)

Das Kon­zept der Inten­si­vie­rung wen­den Wolf und mit ihm sein Kla­vier­be­glei­ter Julian Riem aller­dings auch auf die Vio­lin­so­nate von Pfitz­ner an. Doch hier muss die­ser Zugang als Ver­dopp­lung des bereits in der Kom­po­si­tion Ange­leg­ten ver­sa­gen. Ver­führt von der Satz­be­zeich­nung „Alle­gro espres­sivo“ legen die Musi­ker dem an sich schon hoch­ner­vö­sen Werk eine wei­tere Schicht Emo­ti­ons­schminke an und ver­lie­ren sich in Über­zeich­nungs­ges­tik. Das omni-prä­sente Vibrato lässt dabei bis­wei­len Ein­zel­töne nicht mehr klar erken­nen. Ein wei­te­res Manko: beson­ders bei Pfitz­ner ver­stärkt sich Wolfs Spiel­weise, Ein­zel­töne durch Glis­sandi zu ver­bin­den. Ins­ge­samt wäre ein zurück­hal­ten­de­rer Dar­stel­lungs­mo­dus weit­aus ange­mes­se­ner gewe­sen. Dass dadurch nicht not­wen­dig auf Span­nung und Atmo­sphäre ver­zich­tet wer­den muss, haben schon vor Jah­ren Ulf Wal­lin und Ronald Pön­ti­nen bei ihrer Ein­spie­lung der Pfitz­ner-Sonate für cpo bewie­sen, wel­che in die­sem Sinne wei­ter­hin als Stan­dard gel­ten darf. ♦

Mar­kus Wolf (Vio­line), Julian Riem (Kla­vier): Richard Strauss, Hans Pfitz­ner, Vio­lin­so­na­ten, Farao B108034 (2007)

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