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Der letzte Rockstar am Schachbrett
von Walter Eigenmann
Die Schachwelt in den späten 1970er Jahren: Alles grau, alles sowjetisch, und alles verdammt ernst. Doch dann kam der Holländer Jan Timman. Er war der einzige, der in jenen Tagen – nach dem Amerikaner Bobby Fischer – diesen „roten Block“ erneut ins Wanken brachte. Timman starb am 18. Februar 2026 in Arnhem, Berichten zufolge war er zuvor bereits seit einiger Zeit schwer erkrankt.

Jan Hendrik Timman wird 1951 in Amsterdam geboren, als Sohn von Reinier Timman und Anna Petronella De Leeuw, beide akademisch ausgebildete Mathematiker. Eigentlich hätte auch Jan Mathe-Professor werden sollen, aber dieser hatte andere Pläne. Denn der freiheitsliebende Jugendliche schmiss sein Studium; offenbar wusste er früh, dass er die Welt lieber vom Schachbrett als von der Kreidetafel aus erobert.
1974 wurde er mit 23 Jahren Großmeister, und zwar nicht irgendwie, sondern mit einem Stil, der so frisch und angriffslustig war, dass die alten Herren in Moskau nervös wurden. Er war der Typ, der nach einer harten Partie in Amsterdam erst mal in die Kneipe ging, ein Bier trank, eine rauchte und trotzdem am nächsten Morgen den nächsten Weltklasse-Spieler zerlegte. Er hat allen gezeigt: Du musst kein asketischer Mönch sein, um teuflisch gut Schach zu spielen.
„The Best Of The West“

In den 80ern gab es im Grunde ein ungeschriebenes Schach-Gesetz: Die Weltmeisterschaft machen die Sowjets untereinander aus. Aber 1982 schüttelte ein 31-jähriger Holländer mit Afro-Look das Imperium durch: Timman schoss auf Platz 2 der Weltrangliste hoch, hinter WM Karpov, und war damit offiziell der beste Spieler des Westens. „The Best Of The West“ mag wie ein Trostpreis klingen, aber es war das grösste Kompliment überhaupt: Jan Timman war der Anführer der freien Schachwelt gegen die staatlich geförderte Schach-Maschinerie der UdSSR.
Fight gegen Anatoly Karpov
Der Moment, da Timman in die Geschichtsbücher einging, kam 1993. Garry Kasparov und Nigel Short spalteten sich von der FIDE ab, und plötzlich hiess das offizielle WM-Finale: Timman vs Karpov. Der Holländer verlor zwar mit 8,5:12,5, musste sich Karpovs Genie (und dessen Unterstützung durch die gesamte russische Grossmeister-Gilde) beugen, aber er zog das Match mit einer Coolness und Fairness durch, die ihn unsterblich machte. Jammern und Ausreden suchen hörte man von Timman nie – ganz im Gegensatz zu anderen, früheren oder späteren WM-Verlierern. Timman spielte einfach, weil er das Spiel liebte.
Der Ästhet, der Autor und die ewige Legende

Was Jan Timman von vielen anderen Profis unterscheidet? Er war ein echter Intellektueller und ein Künstler. Und als er merkte, dass die ganz jungen Hüpfer mit ihren Computern schneller rechneten, hat er sich nicht frustriert zurückgezogen, sondern begonnen, die schönsten Schachbücher seiner Zeit zu schreiben.
Und sein Einfluss in der Schachwelt war, trotz WM-Niederlage, ungebrochen: Als Chefredakteur der berühmten Schach-Gazette „New In Chess“ gestaltete er die internationale Schach-Berichterstattung wesentlich mit. Seine Analysen dort und in seinen Büchern waren auch mitnichten trockene Varianten-Wüsten. Wenn Timman über eine Partie schrieb, dann konnte das zu Literatur geraten. Er suchte die Seele des Spiels, nicht nur seine Gewinnwege, und er erklärte uns, warum ein Zug „schön“ ist, nicht nur warum er funktioniert.
Der rätselvolle Schach-Komponist

In seinen letzten Jahren wandte sich Timman – anders als sein grosser holländischer Vorgänger WM Max Euwe – fokussiert der Komposition von Endspielstudien zu. Dabei gelangen ihm Schach-Rätsel, die wie kleine Kunstwerke wirken – Ästhet bis zum Schluss.
Warum ein Timman fehlen wird? Jan Timman war kein „Schach-Roboter“, er war ein Mensch mit Fehlern, mit Leidenschaften – und einem unbändigen Freiheitsdrang. Für ihn war ganz offensichtlich das Schachspiel nicht nur Sport, sondern Teil der menschlichen Kultur. Und er war der lebendige Beweis, dass man ganz oben mitspielen kann, ohne seinen Charakter an der Garderobe abzugeben. ♦
