Zum Tode des Schach-Grossmeisters Jan Timman (1951-2026)

Der letzte Rockstar am Schachbrett

von Walter Eigenmann

Die Schach­welt in den spä­ten 1970er Jah­ren: Al­les grau, al­les so­wje­tisch, und al­les ver­dammt ernst. Doch dann kam der Hol­län­der Jan Tim­man. Er war der ein­zi­ge, der in je­nen Ta­gen – nach dem Ame­ri­ka­ner Bob­by Fi­scher – die­sen „ro­ten Block“ er­neut ins Wan­ken brach­te. Tim­man starb am 18. Fe­bru­ar 2026 in Arn­hem, Be­rich­ten zu­fol­ge war er zu­vor be­reits seit ei­ni­ger Zeit schwer erkrankt.

Jan Timman - Schach-Hippie 1978 - Nachruf 2026 - Glarean Magazin - Walter Eigenmann
Schach-Hip­pie Jan Tim­man (1978)

Jan Hen­drik Tim­man wird 1951 in Ams­ter­dam ge­bo­ren, als Sohn von Rei­nier Tim­man und Anna Pe­tro­nella De Lee­uw, bei­de aka­de­misch aus­ge­bil­de­te Ma­the­ma­ti­ker. Ei­gent­lich hät­te auch Jan Ma­the-Pro­fes­sor wer­den sol­len, aber die­ser hat­te an­de­re Plä­ne. Denn der frei­heits­lie­ben­de Ju­gend­li­che schmiss sein Stu­di­um; of­fen­bar wuss­te er früh, dass er die Welt lie­ber vom Schach­brett als von der Krei­de­ta­fel aus erobert.

1974 wur­de er mit 23 Jah­ren Groß­meis­ter, und zwar nicht ir­gend­wie, son­dern mit ei­nem Stil, der so frisch und an­griffs­lus­tig war, dass die al­ten Her­ren in Mos­kau ner­vös wur­den. Er war der Typ, der nach ei­ner har­ten Par­tie in Ams­ter­dam erst mal in die Knei­pe ging, ein Bier trank, eine rauch­te und trotz­dem am nächs­ten Mor­gen den nächs­ten Welt­klas­se-Spie­ler zer­leg­te. Er hat al­len ge­zeigt: Du musst kein as­ke­ti­scher Mönch sein, um teuf­lisch gut Schach zu spielen.

The Best Of The West“

Kasparov - Karpov - Timman in Amsterdam 1987 - Glarean Magazin
Kas­pa­rov, Kar­pov und Tim­man in Ams­ter­dam 1987

In den 80ern gab es im Grun­de ein un­ge­schrie­be­nes Schach-Ge­setz: Die Welt­meis­ter­schaft ma­chen die So­wjets un­ter­ein­an­der aus. Aber 1982 schüt­tel­te ein 31-jäh­ri­ger Hol­län­der mit Afro-Look das Im­pe­ri­um durch: Tim­man schoss auf Platz 2 der Welt­rang­lis­te hoch, hin­ter WM Kar­pov, und war da­mit of­fi­zi­ell der bes­te Spie­ler des Wes­tens. „The Best Of The West“ mag wie ein Trost­preis klin­gen, aber es war das gröss­te Kom­pli­ment über­haupt: Jan Tim­man war der An­füh­rer der frei­en Schach­welt ge­gen die staat­lich ge­för­der­te Schach-Ma­schi­ne­rie der UdSSR.

Fight gegen Anatoly Karpov

Der Mo­ment, da Tim­man in die Ge­schichts­bü­cher ein­ging, kam 1993. Gar­ry Kas­pa­rov und Nigel Short spal­te­ten sich von der FIDE ab, und plötz­lich hiess das of­fi­zi­el­le WM-Fi­na­le: Tim­man vs Kar­pov. Der Hol­län­der ver­lor zwar mit 8,5:12,5, muss­te sich Kar­povs Ge­nie (und des­sen Un­ter­stüt­zung durch die ge­sam­te rus­si­sche Gross­meis­ter-Gil­de) beu­gen, aber er zog das Match mit ei­ner Cool­ness und Fair­ness durch, die ihn un­sterb­lich mach­te. Jam­mern und Aus­re­den su­chen hör­te man von Tim­man nie – ganz im Ge­gen­satz zu an­de­ren, frü­he­ren oder spä­te­ren WM-Ver­lie­rern. Tim­man spiel­te ein­fach, weil er das Spiel liebte.

Der Ästhet, der Autor und die ewige Legende

New In Chess - 2025 - Glarean Magazin
Jahr­zehn­te­lang das schach­pu­li­zis­ti­sche Zen­trum von Jan Tim­man: New In Chess

Was Jan Tim­man von vie­len an­de­ren Pro­fis un­ter­schei­det? Er war ein ech­ter In­tel­lek­tu­el­ler und ein Künst­ler. Und als er merk­te, dass die ganz jun­gen Hüp­fer mit ih­ren Com­pu­tern schnel­ler rech­ne­ten, hat er sich nicht frus­triert zu­rück­ge­zo­gen, son­dern be­gon­nen, die schöns­ten Schach­bü­cher sei­ner Zeit zu schreiben.
Und sein Ein­fluss in der Schach­welt war, trotz WM-Nie­der­la­ge, un­ge­bro­chen: Als Chef­re­dak­teur der be­rühm­ten Schach-Ga­zet­te „New In Ch­ess“ ge­stal­te­te er die in­ter­na­tio­na­le Schach-Be­richt­erstat­tung we­sent­lich mit. Sei­ne Ana­ly­sen dort und in sei­nen Bü­chern wa­ren auch mit­nich­ten tro­cke­ne Va­ri­an­ten-Wüs­ten. Wenn Tim­man über eine Par­tie schrieb, dann konn­te das zu Li­te­ra­tur ge­ra­ten. Er such­te die See­le des Spiels, nicht nur sei­ne Ge­winn­we­ge, und er er­klär­te uns, war­um ein Zug „schön“ ist, nicht nur war­um er funktioniert.

Der rätselvolle Schach-Komponist

Jan Timman - Weiss gewinnt - 2015
Jan Tim­man 2015: Weiss setzt matt – 1. Dg3 a5 2. d5 Sd3+ 3. Dxd3 exd3 4. O-O f4 5. d6 exd6 6. g4 fxg3 7. f4 g2 8. Kxg2 d5 9. f5 d4 10. f6 d2 11. f7 d3 12. f8=S d1=D 13. Txd1 d2 14. Se6 a4 15. Sd4 a3 16. Sc2#

In sei­nen letz­ten Jah­ren wand­te sich Tim­man – an­ders als sein gros­ser hol­län­di­scher Vor­gän­ger WM Max Euwe – fo­kus­siert der Kom­po­si­ti­on von End­spiel­stu­di­en zu. Da­bei ge­lan­gen ihm Schach-Rät­sel, die wie klei­ne Kunst­wer­ke wir­ken –  Äs­thet bis zum Schluss.
War­um ein Tim­man feh­len wird? Jan Tim­man war kein „Schach-Ro­bo­ter“, er war ein Mensch mit Feh­lern, mit Lei­den­schaf­ten – und ei­nem un­bän­di­gen Frei­heits­drang. Für ihn war ganz of­fen­sicht­lich das Schach­spiel nicht nur Sport, son­dern Teil der mensch­li­chen Kul­tur. Und er war der le­ben­di­ge Be­weis, dass man ganz oben mit­spie­len kann, ohne sei­nen Cha­rak­ter an der Gar­de­ro­be abzugeben. ♦

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