Robert Ris: Calculation Training – Sharpen your Game (Schach-DVD)

Rechentraining für Fortgeschrittene

von Mario Ziegler

Der nie­der­län­di­sche IM Ro­bert Ris (Jahr­gang 1988) ge­hört zu den pro­duk­tivs­ten Schach-Au­toren der letz­ten Jah­re. Er ver­öf­fent­lich­te drei Bü­cher („Cru­cial Ch­ess Skills for the Club Play­er“ Band 1 und 2, „The Mo­der­ni­zed Svesh­ni­kov“) und elek­tro­ni­sche Schach­kur­se für Ch­essa­ble und Gin­gerGM. Vor al­lem aber ist er für Ch­ess­Ba­se tä­tig, wo er nicht nur für die lang­le­bi­ge „Fast and Furious“-Reihe der Ch­ess­Ba­se-Me­dia­thek ver­ant­wort­lich zeich­net, son­dern zahl­lo­se DVDs pu­bli­zier­te. Ei­ner sei­ner Schwer­punk­te liegt im Be­reich Tak­tik und Va­ri­an­ten­be­rech­nung, und zu die­sem The­men­kom­plex ge­hört auch sei­ne neu­es­te Ar­beit, der Fritz­trai­ner „Cal­cu­la­ti­on Trai­ning – Shar­pen your Game“.

Fritz Schach-Trainer - Robert Ris - Calculation Training - Sharpen Your Game - Cover DVD - Glarean MagazinRis hat für sei­ne DVD 73 Übungs­auf­ga­ben aus­ge­wählt, die oft aus dem Schaf­fen sei­ner Schü­ler stam­men. Da­her – und da es sich aus­nahms­los um ak­tu­el­le Bei­spie­le han­delt (von ei­ner Aus­nah­me ab­ge­se­hen ist kei­nes äl­ter als Herbst 2021) – be­steht eine gro­ße Chan­ce, dass sie dem Lö­ser noch nicht be­kannt sind.
Die Auf­ga­ben ver­tei­len sich auf vier Blö­cke in auf­stei­gen­der Schwie­rig­keit (in der Da­ten­bank, die alle Bei­spie­le mit Ana­ly­sen zum Nach­spie­len be­reit­hält, sind die Bei­spie­le un­ter den sie­ben Schwer­punk­ten „Simp­le Ta­c­tics“, „Trap­ped Pie­ces“, „Don’t Be­lie­ve Op­po­nent“, „Cal­cu­la­ting Short Li­nes“, „Spot the We­ak­ne­ss“, „De­fend“ und „Brain Teasers“ angeordnet).

Kurzzügige Taktik

Der ers­te Block ent­hält kurz­zü­gi­ge (oft ein­zü­gi­ge) Tak­ti­ken, die auf Zwi­schen­zü­gen, Über­las­tun­gen und ähn­li­chen Mo­ti­ven ba­sie­ren. Bei die­sen recht ein­fa­chen Bei­spie­len be­steht die Kunst nicht sel­ten dar­in, der Ver­füh­rung durch plau­si­bel aus­se­hen­de Va­ri­an­ten zu wi­der­ste­hen, die an ei­nem De­tail der Stel­lung schei­tern. Hier­zu ein Beispiel:

Gukesh-Praggnanandhaa 2022 - Glarean Magazin

Gu­kesh (2637) – Praggn­a­nandhaa (2624), Reykja­vik 2022
Schwarz zieht und gewinnt

Der Ge­winn­zug ist 37…Sd1!, was ein un­deck­ba­res Matt vor­be­rei­tet (38.h3 Sxf2+ 39.Kh2 Dg3#). Hin­ge­gen führt das gleich­falls sehr stark aus­se­hen­de 37…Se2? nach 38.h3! Dh4 39.Tf1 zu ei­ner wei­ßen Gewinnstellung.

Inkorrekte Kombinationen

Im zwei­ten Block gilt es, kur­ze Va­ri­an­ten zu be­rech­nen. Da­bei wird der Lö­ser auch vor die Her­aus­for­de­rung ge­stellt, geg­ne­ri­sche Kom­bi­na­tio­nen zu hin­ter­fra­gen und wenn mög­lich zu wi­der­le­gen. Eine sol­che in­kor­rek­te Kom­bi­na­ti­on kam in der fol­gen­den Groß­meis­ter­par­tie aufs Brett:

VanForeest- Shirov 2022 - Glarean MagazinVan Fo­reest (2715) – Shirov (2695), Maas­tricht 2022
Weiß zieht

Nach der Ab­len­kung 23.Sxb5 Dxb5 24.De5 steht Schwarz vor ei­ner schwe­ren Ent­schei­dung. Der Turm hängt und al­lent­hal­ben dro­hen Matt­mo­ti­ve (24…Ke7?? 25.Dd6+ Ke8 26.Dd8#; 24…Th6?? 25.Dg5 Dxb2+ 26.Td2+-). Shirov fand den Schwach­punkt der geg­ne­ri­schen Idee:
24…c3! 25.bxc3
25.Dxf6 De2+ 26.Kh3 Dxd1
25…Db2+ 26.Kg1 (Dia­gramm rechts):

VanForeest- Shirov 2022 (2) - Glarean Magazin26…Th6!
Der ein­zi­ge Zug. Hin­ge­gen hät­te 26…Sd3? 27.Dxf6 Df2+ 28.Kh1 De2 29.Tb1 Sf2+ 30.Kg1 (30.Kg2? Sg4+ -+) 30…Sh3+ 31.Kh1 Sf2+= den Ge­winn aus der Hand ge­ge­ben und 26…Sd7?? 27.Txd7 Kxd7 28.Dxf6 so­gar die Par­tie kom­plett eingestellt.
27.h4 27.Dxc5 Dxh2+ 28.Kf1 Dh1+ 29.Ke2 Th2+ 30.Ke3 Dxd1 mit Mehrturm.
27…Sd7–+

Feedback des Trainers

Na­tür­lich ist we­der das Kon­zept der DVD (eine Samm­lung von Kom­bi­na­tio­nen zum Sel­ber­lö­sen) noch die emp­foh­le­ne Denk­wei­se (Er­mitt­lung der geg­ne­ri­schen Dro­hun­gen, Auf­fin­den der Kan­di­da­ten­zü­ge, Prio­ri­sie­rung der Ge­walt­zü­ge) in­no­va­tiv. Den­noch ist die Zu­sam­men­stel­lung von ak­tu­el­len Bei­spie­len an­spre­chend und er­hält ei­nen deut­li­chen Mehr­wert durch das in­ter­ak­ti­ve Vi­deo­for­mat. Ris geht nicht nur auf die kor­rek­te Lö­sung, son­dern auch auf plau­si­ble fal­sche Ant­wor­ten ein. Au­ßer­dem stellt er nicht sel­ten wei­ter­füh­ren­de Fra­gen, die die Stel­lung noch bes­ser ver­ständ­lich ma­chen. So äh­nelt die Ar­beit mit der DVD ei­nem ech­ten Trai­ning, bei dem der Trai­ner ein Feed­back gibt und tie­fer­ge­hen­de Nach­fra­gen anschließt.

Breite Käuferschichten anvisiert

Robert Ris - Glarean Magazin
Pro­duk­ti­ver Schach-Au­tor: Ro­bert Ris (geb. 1988)

Die Fra­ge, für wen die DVD ge­eig­net ist, be­ant­wor­tet Ris selbst in der Ein­lei­tung, wenn er von Spie­lern um 1400 Elo bis hin zu Ti­tel­trä­gern spricht. Hier sehe ich ein kon­zep­tio­nel­les Pro­blem der DVD: In vie­len Trai­nings­bü­chern und -DVDs ver­su­chen die Au­toren, ei­ner mög­lichst gro­ßen Ziel­grup­pe ge­recht zu wer­den. Man kann dies über eine gro­ße An­zahl an Auf­ga­ben ver­schie­de­ner Ni­veau­stu­fen ver­su­chen, aber bei nur 73 Auf­ga­ben ist es aus mei­ner Sicht kaum mög­lich, bei­de Ende der Ska­la – 1400 wie auch deut­lich über 2000 Elo – an­ge­mes­sen zu wür­di­gen. Die 20 Auf­ga­ben des ers­ten Blocks sind für ein Ni­veau von 1400 Elo mit Si­cher­heit an­ge­mes­sen, doch was soll ein stär­ke­rer Spie­ler da­mit an­fan­gen? Ris be­zeich­net sie als „warm­ing up“ und meint, auch stär­ke­re Spie­ler soll­ten die­se ein­fa­chen Bei­spie­le lö­sen: „I think it’s al­ways im­portant to be sharp and force yours­elf to train that.“ Da­ge­gen spricht grund­sätz­lich na­tür­lich nichts, doch ist es ei­nem stär­ke­ren Spie­ler zu­min­dest schwer zu ver­mit­teln, wie­so in ei­ner DVD für im­mer­hin 34,90 € mehr als ein Vier­tel der Auf­ga­ben so leicht sind, dass er sie in we­ni­gen Se­kun­den lö­sen kann.

Frustration bei schwächeren Spielern

Mit dem zwei­ten Block steigt das Ni­veau merk­lich an: Nun sind die stär­ke­ren Spie­ler in ih­rem Ele­ment, wäh­rend Spie­ler von 1400 ELO schnell an ihre Gren­zen sto­ßen könn­ten. Ris sieht in der Art der Be­ar­bei­tung eine Mög­lich­keit zur Dif­fe­ren­zie­rung: Wird ein schwä­che­rer Spie­ler sich erst ein­mal Zug für Zug an die Lö­sung her­an­tas­ten und sich durch die Fra­gen des Au­tors lei­ten las­sen, kann ein stär­ke­rer Spie­ler ver­su­chen, die Auf­ga­be aus der Aus­gangs­stel­lung „in ei­nem Rutsch“ kom­plett zu durchblicken.
Doch wäre es nicht stim­mi­ger ge­we­sen, von vor­ne­her­ein nur eine hö­he­re Spiel­stär­ke ins Auge zu fas­sen und die ein­fa­chen Auf­ga­ben des ers­ten Blocks kür­zer zu hal­ten oder ganz weg zu las­sen? In der vor­lie­gen­den Form könn­te bei Spie­lern un­ter 1400 Elo Frus­tra­ti­on auf­kom­men, wenn sie sich mit ei­ner Auf­ga­be wie der fol­gen­den aus­ein­an­der­set­zen sollen:

Shevchenko-Mekhitarian 2022 - Glarean MagazinShev­chen­ko (2654) – Mek­hi­ta­ri­an (2542), Olym­pia­de Chen­nai 2022
Schwarz zieht und gewinnt

In der Par­tie ließ Schwarz mit 44…Tg3+? den Ge­winn aus.
45.Kf1!
Es ist leicht zu se­hen, dass an­de­re Züge so­fort ver­lie­ren: 45.Kh1?? De1+; 45.Kh2?? Th3+.
45…Dd3+ 46.Tce2!
Auch hier­zu gibt es kei­ne Al­ter­na­ti­ve: 46.Ke1?? Tg1+ 47.Tf1 Txf1#; 46.Tfe2?? Df3+ 47.Tf2 Dd1#.
46…Dd1+ 47.Te1 Dd3+ 48.Tee2 Db1+ 49.Te1 Dd3+
½–½

Die bes­te Fort­set­zung in der Dia­gramm­stel­lung war aber 44…Sh3+!. Nun schei­tert 45.Kg2? of­fen­kun­dig an 45…Txf2+ 46.Txf2 Dxf2+ 47.Dxf2 Sxf2 mit ei­nem für Schwarz ge­won­ne­nen Bau­ern­end­spiel. Doch Weiß ver­fügt über die gif­te Res­sour­ce 45.Dxh3!. Die Dame ist we­gen 45…Txh3?? 46.Tc8+ Ke7 47.f8D+ und Matt tabu, 45…Tg3+? 46.Dxg3 Dxg3+ 47.Kf1 Dd3+= führt nur zum Dau­er­schach. Um zu ge­win­nen muss Schwarz küh­len Kopf be­wah­ren und die Fort­set­zung 45…Dxf2+! fin­den: 46.Txf2 Txh3 -+.

Angenehme Art der Präsentation

Cal­cu­la­ti­on Trai­ning – Shar­pen your Game“ ist eine schö­ne Samm­lung neu­er Tak­tik­auf­ga­ben. Ro­bert Ris hat eine an­ge­neh­me Art der Prä­sen­ta­ti­on und geht auf die wahr­schein­li­chen Lö­sungs­vor­schlä­ge der Le­ser ein. Dass man mit solch ei­nem For­mat nicht das Rad neu er­fin­den kann, ver­steht sich von selbst, und die Ge­stal­tung des Auf­ga­ben­ni­veaus hät­te aus mei­ner Sicht kon­se­quen­ter auf fort­ge­schrit­te­ne Spie­ler aus­ge­rich­tet wer­den kön­nen. Aber dies ist nur ein klei­ner Wer­muts­trop­fen in ei­ner emp­feh­lens­wer­ten Trainings-DVD. ♦

Ro­bert Ris: Cal­cu­la­ti­on Trai­ning – Shar­pen your Game, Schach-DVD-Rei­he Fritz-Trai­ner, Ch­ess­ba­se Hamburg

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