Peter Biro: Die Liebe zu den drei Organen (Satire)

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Die Liebe zu den drei Organen

oder

Wie es Herz-Terz, Leber-Kleber und Milz-Pilz im Spital erging

Peter Biro

Sorg­fäl­tig tupfte Schwes­ter Thekla die hohe Den­ker­stirn des uner­müd­lich im Dau­er­ein­satz ste­hen­den Chir­ur­gen Dr. Swe­ren-Nöthen, der diese kom­plexe, drei­fa­che Organ­trans­plan­ta­tion auf sich genom­men hatte, obwohl ihm alle davon abzu­ra­ten ver­sucht hat­ten – ver­ge­bens natürlich.
„Das kann nicht gut­ge­hen, Wil­helm“, hatte ihm tags zuvor seine treue Ehe­frau, Dr. Elfriede Nöthen, die Sache aus­zu­re­den ver­sucht, ihrer­seits als erfah­rene Prok­to­lo­gin mit den ope­ra­ti­ven Schwie­rig­kei­ten einer Trip­pel-Trans­plan­ta­tion ver­traut. Sie wusste nur zu gut, was damit für ihren Mann auf dem Spiel stand. Aber sie kannte ihn zur Genüge um zu wis­sen, dass sie ihn nicht auf­hal­ten konnte, wenn er schon mal einen der­art schwer­wie­gen­den Ent­schluss gefasst hatte. Wenn es jeman­den gab, der das Unge­machte machen, das Unge­wagte wagen und das Unge­heu­er­li­che geheu­ern würde, dann käme nur einer dafür in Frage: ihr cou­ra­gier­ter Gatte, der bewun­derte und umstrit­tene, neue Star­chir­urg des Uni­ver­si­täts­spi­tals Zürich.
„Tun Sie es lie­ber nicht“, waren die letz­ten Worte sei­nes Chefs, des Pro­fes­sors Pro­ko­fiew, bevor die­ser in sei­nen impro­vi­sier­ten Kari­bi­k­ur­laub auf­brach, nach­dem er davon erfah­ren hatte, dass ein beson­ders risi­ko­rei­cher Ein­griff geplant war. Er wollte lie­ber nicht zuge­gen sein, wenn das Vor­ha­ben nicht gut aus­ging, und erst recht nicht, wenn die Presse über den geschei­ter­ten Mit­ar­bei­ter sei­ner bla­mier­ten Abtei­lung her­fal­len und die ris­kante Aktion in Frage stel­len würde.

An jenem schick­sal­haf­ten Tag, als Dr. med. Dr. h.c. Wil­helm Swe­ren-Nöthen die ein­same Ent­schei­dung traf, den noch nie durch­ge­führ­ten Ein­griff der gleich­zei­ti­gen, drei­fa­chen Organ­trans­plan­ta­tion, näm­lich von Herz, Leber und Milz in einer vor­aus­sicht­lich 33-stün­di­gen Ope­ra­tion am offe­nen Fens­ter des Ope­ra­ti­ons­saals Nr. 3 durch­zu­füh­ren, war das Ent­set­zen in sei­nem Umkreis rie­sen­gross. Seine Sekre­tä­rin und heim­li­che Geliebte, Fräu­lein Knie­bel, von deren Dop­pel­rolle alle aus­ser Elfriede Bescheid wuss­ten, flehte ihn buch­stäb­lich auf Knien an, es nicht zu tun.
„Du gehst ein zu gros­ses Wag­nis ein, Willi“, sagte sie ein­dring­lich, nach­dem sie sich aus sei­ner kräf­ti­gen Umar­mung gelöst hatte. „Nach dei­nem Raus­wurf aus der Schwarz­wald­kli­nik ris­kierst du nun das­selbe hier noch­mal“, jam­merte das „kecke Knie­b­lein“, wie er sie manch­mal zärt­lich nannte.
Sie bestürmte ihn mit nicht nach­las­sen­dem Eifer: „Bedenke nur, mein Liebs­ter, wenn es zu einer fata­len Trans­plan­tat­ab­stos­sung kommt und dich das Uni­spi­tal in Schande ent­lässt, dann kannst du deine Kar­riere end­gül­tig begra­ben. Und unsere sorg­fäl­tig geplante Kon­gress­reise zu zweit im Nacht­zug nach Bux­te­hude kön­nen wir auch vergessen“.

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Willi wollte auf die kri­ti­schen Stim­men nicht hören, weder auf die sei­ner Frau, noch auf die sei­ner Gelieb­ten, die beide in die­ser Sache aus­nahms­weise der glei­chen Mei­nung waren. Er fühlte einen star­ken inne­ren Drang, die Gren­zen der Schul­me­di­zin eigen­hän­dig zu spren­gen und das bis dahin Unge­wagte zu wagen: Die drei durch Alko­hol, Ziga­ret­ten­rauch und Nou­gat­créme schwer geschä­dig­ten Organe zu erset­zen, wel­che dem Leben des Pati­en­ten W.J. aus Z. bald ein Ende set­zen wür­den, wenn nichts Radi­ka­les unter­nom­men wird.
Nein, Dr. Swe­ren-Nöthen konnte gar nicht anders. Er glaubte an die schick­sal­hafte Fügung, die sich durch einen Zufall erge­ben hatte: Auf der einen Seite ein Pati­ent, der an der unheil­ba­ren „Schwe­di­schen Papa­gei­en­grippe“ erkrankt war, und ande­rer­seits die zeit­glei­che Ein­lie­fe­rung von drei hirn­to­ten Berg­wan­de­rern, die viel zu eng ange­seilt, gemein­sam in eine Glet­scher­spalte gestürzt waren und aus­ge­rech­net die pas­sen­den Organe vor­rä­tig hat­ten. Oben­drein bewahrte die Kälte des Glet­scher­ei­ses die Spen­der­or­gane in bes­tem Zustand. Das alles war auf ein­mal da – und Swe­ren-Nöthen war am rich­ti­gen Ort zur rich­ti­gen Zeit, um es zum ers­ten Mal zu ver­su­chen. Er musste diese Gele­gen­heit beim Schopf ergrei­fen und die bis dahin als undurch­führ­bar gel­tende Trip­pel-Trans­plan­ta­tion wagen.

Wenn das kein Wink des Him­mels war?“, räso­nierte Schwes­ter Thekla, wäh­rend sie dem kon­zen­triert arbei­ten­den Chir­ur­gen folg­sam die bestell­ten Instru­mente vor­be­rei­tete. Nor­ma­ler­weise pflegte sie an der Seite des Star­chir­ur­gen einen eher harm­lo­sen Small­talk zu füh­ren und immer wie­der drauf­los zu plap­pern. Dies­mal war ihm jedoch über­haupt nicht nach den übli­chen Wort­wech­seln über Feri­en­rei­sen, Son­der­an­ge­bote und dem obli­ga­ten Kli­nik­tratsch zumute. Zu sehr war er in seine Gedan­ken ver­tieft, die unent­wegt um seine innig gelieb­ten drei Organe kreis­ten. Drei offene Kör­per­höh­len gleich­zei­tig bedeu­te­ten drei von­ein­an­der unab­hän­gige Risi­ken, die sich gegen­sei­tig ver­stärk­ten. Konnte das gutgehen?
Er ballte seine behand­schuh­ten Hände zu blut­lee­ren, weis­sen Fäus­ten und rich­tete die alles ent­schei­den­den Worte an seine treue Instru­men­tier­schwes­ter und frü­here Gespie­lin aus den alten Schwarz­wäl­der Zei­ten (noch lange vor dem kecken Knieblein):
„Sind Sie parat, Schwes­ter Thekla, kön­nen wir den Instru­men­ten­check durch­füh­ren?“, wobei er sorg­fäl­tig dar­auf ach­tete, die frü­her so nah ver­traute Mit­ar­bei­te­rin zu sie­zen, wenn andere zuhö­ren konnten.
„Jawoll, mein Dok­tor. Alles ist vor­be­rei­tet“, ver­si­cherte die Ange­spro­chene mit einem leich­ten Anflug von vor­ge­täusch­ter Sicher­heit in der Stimme.
„Na dann wol­len wir mal“, legte er los und begann mit der stan­dar­di­sier­ten Auf­zäh­lung der essen­zi­el­len Instru­mente, die für den Aus- und Ein­bau der drei Organe erfor­der­lich waren:
„Sind Herz-Terz, Leber-Kle­ber und Milz-Pilz ein­satz­be­reit, gela­den und geschmiert?“, fragte er, ohne aus den hal­len­den Tie­fen des offe­nen Brust­korbs von W.J. aus Z. auf­zu­bli­cken. Thekla beeilte sich, ihm die Bereit­stel­lung des Gewünsch­ten zu ver­si­chern, wobei eben­falls kleine Schweiss­per­len auf ihrer ähn­lich hohen Stirn auf­tauch­ten. Nur war nie­mand da, die ihren abzutupfen.
Er begann die Punkte der Check­liste ein­zeln durch­zu­neh­men: „Die Herz-Terz?“
„Herz-Terz – rand­voll gefüllt und im Tri­lo­bit-Retrak­tor mit je drei Gefäss­klam­mern gela­den. Die Kla­pun­zel­spalte ist offen und schliesst rei­bungs­los“ ver­kün­dete sie mit einem gewis­sen Übereifer.
„Leber-Kle­ber?“
„Leber-Kle­ber steht parat. Drei Patro­nen sind prall gefüllt und die Zähig­keit des Mate­ri­als ist auf den aktu­el­len Baro­me­ter­druck und die Luft­feuch­tig­keit abge­stimmt. Wir haben 313 Öchs­le­grade im Reser­voir“, beeilte sie sich zu versichern.
„In Ord­nung“, brummte Swe­ren-Nöthen zufrie­den, „und als Letz­tes der neu­ar­tige Milz-Pilz?“
„Nagel­neuer Milz-Pilz ist soeben aus Karls­ruhe ein­ge­trof­fen und frisch aus der Packung ent­nom­men. Die Repun­zier­schraube wurde bereits her­stel­ler­seits auf Null gestellt und erlaubt Aus­wuch­tung in alle drei Ebe­nen. Sie kön­nen jeder­zeit anfan­gen“, schloss Schwes­ter Thekla den Check erleich­tert ab.

Swe­ren-Nöthens Gesichts­züge ent­spann­ten sich ein wenig, und er begann mit der Aus­wuch­tung des kaum noch sicht­bar schla­gen­den Her­zens. Es war nun wirk­lich höchste Zeit.
„Tup­fer!“, raunte er ihr nach einer Weile zu, wäh­rend er eine sprit­zende Blu­tung mit sei­ner Nasen­spitze abdrückte. „Noch einen Tup­fer“, näselte er dies­mal lau­ter, „und schnell noch einen, bitte, Schwes­ter Thekla, drei Stück wie immer wenn’s kri­tisch wird, Hei­li­gedrei­ei­nig­keit!“, erschallte es dies­mal etwas ener­gi­scher und gereiz­ter als sonst. „Wenn’s spritzt, müssen’s immer drei sein. Das wis­sen Sie doch!“ In sol­chen Fäl­len konnte es ihm nicht rasch genug gehen. Seine bei­den Ope­ra­ti­ons­as­sis­ten­ten erwar­te­ten nun wei­tere Wutausbrüche.
„Herr Truf­fal­dino, den Rip­pen­sprei­zer mehr anspan­nen – bitte!“, schnauzte er sei­nen ers­ten Assis­ten­ten an, wäh­rend der zweite, der ita­lie­ni­sche Gast­arzt Dr. Far­fa­rello unauf­ge­for­dert den Leber­ha­ken kräf­tig zu sich zog. Ein kur­zer, dank­ba­rer Blick sei­tens Dr. Swe­ren-Nöthers bestä­tigte dem besorg­ten Nea­po­li­ta­ner die Rich­tig­keit sei­ner Massnahme.
„Und jetzt bitte den Milz-Pilz, mit ent­si­cher­ter Repun­zier­schraube“, schleu­derte er sei­ner Instru­men­ta­lis­tin ent­ge­gen, die ver­zwei­felt den gefor­der­ten Zusatz­teil in ihrem Ste­ri­li­sier­sieb suchte. Unter lau­tem Geschirr­ge­klap­per fand sie schliess­lich das Gesuchte und reichte es erleich­tert dem unge­dul­dig seine drei Fin­ger sprei­zen­den Operateur.

Wieso drei Fin­ger, mag man sich fra­gen? Nun, hier ein klei­ner Abste­cher in die Ver­gan­gen­heit: Swe­ren-Nöthen hatte den Dau­men und den klei­nen Fin­ger sei­ner rech­ten Hand ein­ge­büsst, als er als jun­ger Assis­tenz­arzt in der Ortho­pä­die arbei­tete und einen klei­nen Unfall mit einer drei­tak­ti­gen Kno­chen­säge hatte (er hatte irr­tüm­lich nur zwei Takte ange­nom­men). Damals dach­ten er und seine Frau, dass seine Chir­ur­gen­kar­riere damit abrupt enden müsste. Aber es kam anders; mit nur drei ver­blie­be­nen Fin­gern der rech­ten Hand erwies sich der noch junge Assis­tenz­chir­urg als allen ande­ren Kol­le­gen über­le­gen. Mit der viel schmä­le­ren Hand konnte er wei­ter und tie­fer in die hin­ters­ten der ver­win­kel­ten Kör­per­höh­len der lei­den­den Men­schen vor­drin­gen und dort wahre medi­zi­ni­sche Wun­der voll­brin­gen. Weit bes­ser als jeder andere sei­ner zahl­rei­chen Kon­kur­ren­ten – mit intak­ten Händen.

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Das muss Dir mal einer nach­ma­chen“, sagte damals Elfriede zu ihm, nach­dem er bereits bei sei­nem ers­ten Ver­such drei ein­ge­klemmte Gal­len­steine aus einem über­ge­wich­ti­gen Metz­ger­meis­ter her­aus­ge­holt hatte. Durch des­sen Schlund wohl­ge­merkt, ohne die­sen auf­schnei­den zu müs­sen. Denn auf­ge­schnit­tene Metz­ger­meis­ter hei­len bekannt­lich sehr schlecht. Jene ope­ra­tive gross­tat begrün­dete sei­nen legen­dä­ren Ruf als Aus­nah­me­chir­urg, wel­cher schluss­end­lich zu sei­ner Beru­fung nach Zürich geführt hatte. Dort pflegte man näm­lich nur die Bes­ten der Bes­ten anzustellen.
Doch in der Lim­mat­stadt musste er sich zunächst bewäh­ren, so wie das von allen neu ein­ge­stell­ten, deut­schen Ärz­ten erwar­tet wird. Erst musste Swe­ren-Nöthen für drei Monate Fett­schür­zen straf­fen und Hämor­rhoi­dal­kno­ten ent­wir­ren, bevor er an die drei wich­tigs­ten Organe her­an­ge­las­sen wurde: An Milz, Leber und (als Königs­dis­zi­plin) ans Herz. Doch er meis­terte alle Hür­den mit Umsicht und Bra­vour, er bestand alle Prü­fun­gen, die ihm auf­er­legt wur­den, und auch das obli­gate Begrüs­sungs-Mob­bing durch die ein­hei­mi­schen Kol­le­gen konnte ihm nichts anhaben.
Denn er kannte sich mit den drei Orga­nen weit bes­ser aus als alle ande­ren, ein­schliess­lich sei­nes Chefs, des feis­ten Pro­fes­sors Pro­ko­fiew, der ihm absicht­lich die schwie­rigs­ten Fälle zuschob. Zuerst liess er ihn die kom­ple­xes­ten Milz­ope­ra­tio­nen durch­füh­ren und die Hand­ha­bung des neu­ar­ti­gen Milz-Pil­zes stu­die­ren. Dann musste er sich mit den schwie­rigs­ten Leber­ein­grif­fen aus­ein­an­der­set­zen. Doch auch das bewäl­tigte er mit Erfolg, nach­dem er die Tücken des Leber-Kle­bers beherr­schen gelernt hatte.
Nur mit der Herz-Terz konnte er sich lange nicht anfreun­den. Das kleine, drei­tei­lige Gerät zur elek­tro­me­cha­ni­schen Ent­kopp­lung des Reiz­lei­tungs­sys­tems liess sich von ihm nicht gleich gefü­gig machen. Aber mit sei­ner drei­ma­lig geschick­ten, drei­fing­ri­gen Hand schaffte er es dann doch. Und zwar mit einem Trick, den er sich bei der Hämor­rhoi­dal­ent­wir­rung zuge­legt hatte: er steckte dabei den Ring­fin­ger in die offene, linke Herz­kam­mer, den Zei­ge­fin­ger in die Kla­pun­zel­spalte, so dass er die Herz-Terz mit dem ver­blei­ben­den Mit­tel­fin­ger ele­gant in die Peri­kard­höhle vor­wärts bug­sie­ren konnte. Mit die­sem Manö­ver erwarb er sich sehr schnell den Ruf, einer der bes­ten Herz­chir­ur­gen zu sein.

Kein Zwei­fel, mein lie­ber Dok­tor…“, raunte ihm Schwes­ter Thekla zu, wäh­rend sie mit einer Trid­ent­klemme die Kla­pun­zel­spalte auf­dehnte, um sei­nem Mit­tel­fin­ger Platz zu machen, „kein Zwei­fel, dass Sie einer der bes­ten Milz-, Leber- und Herz­chir­ur­gen nörd­lich der Alpen bis zum Drei­län­der­eck bei Basel sind. Aber alle drei Organe auf ein­mal trans­plan­tie­ren, das ist wirk­lich gewagt. Wenn das mal nur gut geht…“.
„Machen Sie sich keine Sor­gen, Instru­men­tier­schwes­ter Thekla“, erwi­derte er süf­fi­sant, „meine Liebe zu den drei Orga­nen lässt mich jede Schwie­rig­keit über­win­den. Das beflü­gelt mich nicht nur, das führt meine schlanke, drei­fing­rige Hand sicher zum Erfolg. Nur dür­fen die Spen­der­or­gane nicht zu früh warm wer­den, zu viel Sau­er­stoff ver­brau­chen und sich dadurch vor der Implan­ta­tion erschöpfen“.
„Und was ist mit Pro­ko­fiew?“, warf sie besorgt ein.
„Was soll schon sein? Wenn er aus der Kari­bik zurück­kommt und die Spi­tal­lei­tung die Medien zur Pres­se­kon­fe­renz lädt, dann wird er gerne wie­der dabei sein, um sei­nen Anteil am Erfolg ein­zu­heim­sen. Das war immer schon so: bei Gefahr abtau­chen, bei Erfolgs­mel­dun­gen nach vorne drängeln“.

Der Gast­arzt Dr. Far­fa­rello nutzte wäh­rend der Trans­plan­tat­prä­pa­ra­tion die etwas ent­spann­tere Atmo­sphäre, um eine wich­tige Frage an sein Vor­bild zu richten:
„Dot­tore Swe­ren, wie kön­nen Sie so sicher sein, dass diese drei­fa­che Organ­trans­plan­ta­tion gelin­gen wird, wenn sie sonst noch nir­gendwo, von nie­man­dem erfolg­reich durch­ge­führt wurde?“
„Sehen Sie, Luigi“, ant­wor­tete der Ange­fragte selbst­si­cher, „alles muss ein ers­tes Mal ver­sucht wer­den, und jetzt hat sich die ein­ma­lige Chance erge­ben, dass ich es bin, der die­sen ers­ten Schritt wagt“.
„Aber wird es nicht eine sehr hef­tige, kaum beherrsch­bare Abstos­sungs­re­ak­tion geben? Immer­hin bei drei ein­ge­pflanz­ten Fremd­or­ga­nen?“, wandte der vor­dem gerüf­felte und des­halb bis dahin betre­ten schwei­gende Dr. Truf­fal­dino ein.
„Auf diese Frage habe ich gewar­tet, mein lie­ber Kol­lege“, erwi­derte der selbst­si­chere Star­chir­urg, „auch die­ses Pro­blem ist lös­bar. Ich werde nicht nur drei gesunde Trans­plan­tate ein­set­zen. Der Trick dabei ist, dass ich auch deren Posi­tio­nie­rung ver­tau­schen werde.“
Alle Anwe­sen­den, ein­schliess­lich der bis dahin sich unauf­fäl­lig im Hin­ter­grund hal­ten­den Anäs­the­sis­tin, Dr. Fatima Mor­gana, spitz­ten die Ohren ob des noch nie Gehör­ten. Mit unver­hoh­le­ner Über­ra­schung blick­ten alle in die Augen des tri­um­phie­ren­den Skal­pell­künst­lers. Nach einer ange­mes­se­nen Pause, um die ohne­hin schon gespannte Atmo­sphäre wei­ter auf­zu­la­den, lie­ferte die­ser die ver­blüf­fende Erklärung:
„Der Platz­tausch der drei Organe, näm­lich der Ein­bau der Milz ins Media­sti­num, der Leber in die Milz­loge und des Her­zens in das Leber­bett wird das Immun­sys­tem des Emp­fän­gers der­art ver­wir­ren, dass es gar nicht dazu kommt, eine Abstos­sungs­re­ak­tion anzu­fan­gen. Es ver­sucht sich über die unge­wohnte Organ­an­ord­nung klar­zu­wer­den, aber in Erman­ge­lung eines eige­nen Denk­ver­mö­gens wird es dabei zwangs­läu­fig schei­tern und andern­orts nach Fremd­ge­webe suchen. Eine bes­sere und neben­wir­kungs­är­mere Immun­sup­pres­sion kann es gar nicht geben. Das, meine Lie­ben, ist das Geheim­nis hin­ter mei­nem schein­bar hoch­ris­kan­ten Wagnis.“
Dann wandte er sich zur sicht­lich beein­druck­ten Schwes­ter Thekla, die sehr ent­zückt ob so viel Ein­falls­reich­tum war, und sagte zu ihr im beru­hi­gen­den Ton­fall eines sich sei­ner selbst abso­lut siche­ren Man­nes, der weiss, was er tut: „Las­sen Sie uns die Tücher zäh­len. Eins…, zwei… und hier kommt schon die Num­mer drei“. ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Gross­wardein (Rumä­nien), 1970 Emi­gra­tion nach Deutsch­land, Medi­zin­stu­dium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anäs­the­sist am Uni­ver­si­täts­spi­tal Zürich und Dozent für Anäs­the­sio­lo­gie, schreibt kul­tur­his­to­ri­sche Essays und humo­ris­ti­sche Kurz­prosa, lebt in Feldmeilen/CH

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… sowie zum Thema Medi­zin über den Roman von
Michael Klee­berg: Das ame­ri­ka­ni­sche Hospital

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