Heiner Brückner: Vom Himmlischen (Literatur-Essay)

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Vom Himmlischen

Synoptische Betrachtung dreier motivähnlicher Lyrikpublikationen

von Heiner Brückner

I. Einführung, Motivation

Nach­dem ich „Bau­stel­len des Him­mels“, den aktu­el­len Gedicht­band von Harald Grill, ent­deckt hatte, war mir die Asso­zia­tion zu Jan Wag­ners „Pro­be­boh­rung“ sofort prä­sent. Zwei unter­schied­li­che Lyri­ker, was Alter, Spra­che und The­men betrifft, zeich­nen ein offen­sicht­lich motiv­ähn­li­ches Bild. Der eine 2001 als Debü­tant, der andere 2017 nach über 60 Jah­ren, in denen er „ein­fach“ (in des Wor­tes dop­pel­ter Bedeu­tung) gelebt hat, indem er mit dem Ruck­sack ohne Hotel­bu­chun­gen auf bei­den Bei­nen auf Lan­d­er­kun­dung gegan­gen ist und in Rund­funk­re­por­ta­gen und Ein­zel­ver­öf­fent­li­chun­gen seine Weg­poe­sie zum Aus­druck brachte: „ein­fach gehen“, „auf freier stre­cke“ und so wei­ter waren seine Titel. Ich wollte dahin­ter­stei­gen, wie poe­tisch füh­lende Autoren das Thema bear­bei­tet haben.

Harald Grill - Baustellen des Himmels - Gedichte - Pongratz - Glarean MagazinIch denke bei Him­mel an: Glau­ben, Got­tes Ort, Hori­zont, Erde und Him­mel, Reli­gion, Kir­che. Bei Reli­gion an Erklä­rungs­expe­ri­mente für die Bin­dung des Men­schen zu sei­nem Urhe­ber, sei­nem Ursprung, sei­ner Her­kunft, zu der er natur­ge­mäss in einer Art gene­ti­schem Bezug ste­hen wird. An die Bezie­hung und das Ver­hält­nis der Span­nung zwi­schen dem All­mäch­ti­gen und den Sterblichen.
Bau­stel­len sind für mich vor­ran­gig etwas Vor­han­de­nes, das repa­riert oder kor­ri­giert wird. (Selbst­ver­ständ­lich sind Bau­stel­len auch dort, wo ganz neu gebaut wird. Aber das geschieht in der Regel auf vor­han­de­nem Grund.) Die Pläne wer­den von Indi­vi­dua­lis­ten gefer­tigt, die daran Anstoss neh­men, nicht vom ursprüng­li­chen Ver­ur­sa­cher oder Schöp­fer. Lücken sind zu schlies­sen, Löcher zu fül­len, abzu­dich­ten, Mau­ern, Hal­te­run­gen neu zu errichten.

Jan Wagner - Probebohrung im Himmel - Gedichte - Berlin Verlag - Glarean MagazinUnter Dich­tung ver­stehe ich vor­ran­gig eine Beschrei­bung des Umfas­sen­den im All­täg­li­chen, Klein­tei­li­gen, das mich umgibt. So gese­hen sind beide mensch­li­chen Urbe­dürf­nisse verschwistert.
Ich hoffe bei mei­nem Ver­gleich eine Erkennt­nis über die Ver­su­che zu fin­den, wie man sprach­lich der tran­szen­den­ten Dimen­sion mensch­li­chen Seins näher kom­men könnte. Wie ist es bei den bei­den genann­ten Schrift­stel­lern der Fall?
Bei Harald Grill scheint der reli­giöse Hin­ter­grund ohne Umschweife offen sicht­lich in Wort und Bild durch.
Beim Lyrik­de­büt Jan Wag­ners ging es dage­gen in ers­ter Linie um sprach­li­che Bil­der als Impuls­me­ta­phern zum Wei­ter­den­ken. Offen­bar spricht er von sich selbst, doch seine Bil­der des „Lyri­schen Still­le­bens“ (siehe „nature morte“: ein Fisch auf Zei­tungs­pa­pier) zei­gen auch für uns Wie­der­erkenn­ba­res. Das weckt Lust zum Ver­glei­chen, regt an zum Mitdenken.
Ich beschränke mich bei die­ser Betrach­tung auf sein titel­ge­ben­des, drit­tes Kapi­tel des Ban­des „Pro­be­boh­rung im Himmel“.

100 Gedichte über den Himmel

Anton Leitner - Der Himmel von morgen - Gedichte - Reclam Verlag - Glarean MagazinZwi­schen­zeit­lich bin ich auf eine aktu­elle Publi­ka­tion mit dem Titel „Der Him­mel von mor­gen“ gestos­sen. Sie ist in gewis­ser Weise die Summe zu mei­nem Motto. In der von Anton G. Leit­ner her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie wird das Thema in circa 100 Gedich­ten behan­delt. Sie gewährt einen Blick in die dies­be­züg­li­che zeit­ge­mässe Lyrik.
Darin über­wiegt pro­fa­nes, lai­en­haf­tes, lite­ra­ri­sches Spre­chen. Der Mensch wird als wert­of­fe­nes, anthro­po­lo­gisch schöp­fe­ri­sches Wesen auf­ge­fasst, das sowohl sein inne­res wie sein äus­se­res Erle­ben und Erlei­den dar­stel­len und mit­tei­len möchte. Ich habe den Ein­druck gewon­nen, dass auch das Wort „Schöp­fung“ eher ver­mie­den wird, um sich nicht womög­lich als Krea­tio­nist abstem­peln oder fest­le­gen zu lassen.
Im christ­li­chen Ver­ständ­nis wäre Reden von und mit Gott ein Schritt mehr, näm­lich die in Gedan­ken und Wor­ten geäus­serte Beja­hung mit allen Fasern des per­so­na­len Exis­tie­rens dem Tran­szen­den­ta­len anver­trauen zu kön­nen, weil es ihm zuge­wandt erfah­ren wird. Ver­stärkt würde die­ses beken­nende Gefühl durch die Teil­habe an der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen und die Aner­ken­nung der ver­heis­se­nen Zuwen­dung des Schöpfers.
Ich stelle die drei Bücher ein­zeln vor und fasse dann zusammen.

II. Harald Grill: „baustellen des himmels“

Harald Grill - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Harald Grill

Der Titel „Bau­stel­len des Him­mels“ ver­heisst ein sel­ten bedich­te­tes Thema. Die Gedichte selbst beinhal­ten die­sen Titel kein ein­zi­ges Mal expres­sis ver­bis, wie das ansons­ten gegen­wär­tig gän­gige Pra­xis der Ver­lage zu sein scheint. Aber der Him­mel wölbt sich über jedes Gedicht und spricht den Leser aus nahezu jedem an. Das nenne ich eine gekonnte The­men­ge­stal­tung. Jedes ein­zelne beschränkt sich mehr oder weni­ger auf ein rea­les Bild, das Harald Grill gelun­gen meta­pho­risch nach vie­len Sei­ten durch­leuch­tet und fein­sin­nig for­mu­liert. Und zwar in einer prä­gnan­ten und prä­zi­sen Spra­che, direkt und gefühlt immer aus dem Her­zen des Men­schen gese­hen. Gedichte sind nach sei­ner Anschau­ung ange­lehnt an Träume. Das ken­nen wir von sei­nen Dia­lekt­ge­dich­ten, aber auch hier in der Hoch­spra­che führt seine spar­ta­ni­sche Knapp­heit, lenkt sein dezen­tes Andeu­ten, das sanfte Antip­pen zu neuen, tie­fe­ren Denk­tipps und Gefühlsschichten.
Aus­sa­gen, die the­ma­tisch nach mei­nem Ver­ständ­nis am deut­lichs­ten the­men­re­le­vant sind:
Bereits das erste „Besuch im Klos­ter“: Drei­ei­nig­keit ver­mensch­licht: Die Gött­lich­keit muss vor den Fuss­gän­gern am Zebra­strei­fen, den das Licht in den Kreuz­gang des Klos­ters wirft, anhal­ten. Neben die­ser frap­pie­ren­den Meta­pher fällt die sin­nige Fol­ge­rung auf: Gott Vater, Sohn und Geist sind offen­bar in einer Limou­sine unter­wegs, also auf den Stras­sen die­ser Erde. Aber eben auch nicht bar­fuss in Sandalen.In „Schick mir ein Foto“ wird der Him­mel als eine „andere Art von Hölle“ bezeichnet.

Respektvoll strahlender Glanz

Harald Grill wurde 1951 gebo­ren, wuchs in Regens­burg auf und lebt seit 1978 in Wald im Land­kreis Cham in der Ober­pfalz. Er war Päd­ago­gi­scher Assis­tent und ist seit 1988 freier Schrift­stel­ler und Mit­glied des deut­schen PEN-Zen­trums. 2000/ 2001 unter­nahm er zwei Spa­zier­gänge, ein­mal vom Nord­kap her und danach von Syra­kus zu Fuss nach Regens­burg, für das Pro­jekt „Zwei­mal heim­ge­hen“. Von Juli bis Novem­ber 2015 reiste er durch Rumä­nien und Bul­ga­rien bis Odessa. Grill hat Prosa, Gedichte, Kin­der­bü­cher und Nach­dich­tun­gen publi­ziert und arbei­tet fürs Thea­ter, Radio und Fern­se­hen. Mit ver­schie­de­nen Kul­tur­prei­sen und Sti­pen­dien wurde er aus­ge­zeich­net. Eine aus­führ­li­che Biblio­gra­phie ist u. a. auf Harald Grills Home­page zu finden.

Eine Bot­schaft ohne Biss ver­mit­tel­ten „Barockkirche(n)“, weil sie in Gold­pa­pier ein­ge­wi­ckelte Pra­li­nen blei­ben. Auch das lese ich als amü­sante kri­ti­sche Anmer­kung zum halb­her­zi­gen Ver­hal­ten kirch­li­cher Gepflo­gen­hei­ten und gleich­zei­tig als nost­al­gi­sche Erin­ne­rung süs­se­rer Zeiten.
Schliess­lich noch „Vor dem Ein­schla­fen“: Es gibt am „Rand der Steil­küste mei­ner Welt“ ein Spann­tuch zwi­schen Him­mel und Erde. Die Ähn­lich­keit zum Spring­tuch, das Ret­ter in höchs­ter Not aus­brei­ten, ist vor­han­den. Jedoch das Tuch bei Grill ist bereits gespannt, auf­ge­hal­ten von unsicht­ba­ren Händen.
Harald Grill ver­leiht sei­nen lyri­schen Bil­dern einen respekt­voll strah­len­den Glanz, indem er Gott in die Welt der Men­schen inte­griert und ihm dadurch Mensch­lich­keit attes­tiert. Das gibt den Gedich­ten lan­gen Nach­hall und inten­sive Nachhaltigkeit.

III. Jan Wagner: „Probebohrung im Himmel“

Jan Wagner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Jan Wag­ner

Wag­ners Gedichte for­mu­lie­ren knapp, aber poe­tisch flüch­tige Augen­bli­cke in einer Melange aus wohl­über­leg­ter Sach­lich­keit und Erkennt­nis­fun­ken einer im All­täg­li­chen tran­szen­dent auf­blit­zen­den emo­tio­na­len Magie. In dem betref­fen­den mit der unge­nauen Orts­an­gabe titu­lier­ten Gedicht „Ham­burg – Ber­lin“ kommt für mich die­ses Dahin­ter-Sehen und darin Erken­nen-Kön­nen am deut­lichs­ten zutage. Er sieht zwei Wind­rä­der und sieht auch, dass sie „eine pro­be­boh­rung im him­mel vor“(-nehmen). Und: „gott hielt den atem an“ – und ich hielt ebenso inne, um zu stau­nen und nach­zu­den­ken. Pro­be­boh­run­gen wer­den gewöhn­lich in den Boden gerich­tet, um nach Was­ser für Brun­nen oder Öl- und Gas­quel­len zu erfor­schen. Auch Boh­run­gen zum Erd­kern hin wer­den unter­nom­men. Jeden­falls kann nur dort ein Loch erstellt wer­den, wo eine feste Grund­lage zum Durch­boh­ren vor­han­den ist. (Das „tiefste (zugäng­li­che) Loch“ auf der Erde wurde bei einem kon­ti­nen­ta­len Tief­bohr­pro­jekt [KTB] in Bay­ern bei Win­di­sche­schen­bach nörd­lich von Wei­den in der Ober­pfalz als Kon­takt­zone zweier gros­ser Kon­ti­nen­tal­schol­len erbohrt).

Das nach oben, in die Luft, in unfes­ten Stoff gerich­tete Boh­ren im Gedicht von Jan Wag­ner ist für den ers­ten Ein­druck ein Sto­chern im Nebel – oder mensch­li­ches Bemü­hen, in die Nähe des „Him­mels“ zu gelan­gen. Dabei ist es nicht ent­schei­dend, ob das zu öko­lo­gi­schen Zwe­cken oder aus sons­ti­gen Grün­den geschieht. Beim zwei­ten Gedan­ken erschliesst sich eine völ­lig neue Dimen­sion, die unsicht­bare Bohr­kerne zutage för­dern könnte – wenn man sich auf sie einlässt.
Wäh­rend einer Zug­fahrt an der Stre­cke zwi­schen Ham­burg und Ber­lin hat der Autor diese Beob­ach­tung gemacht. Wind­rä­der als Zei­chen für Besin­nung auf natür­li­che Ener­gie­ge­win­nung, Reduk­tion der Aus­beu­tung, nega­tiv: zu über­di­men­sio­niert, nicht land­schafts­ge­mäss etc. Es muss gear­bei­tet wer­den, öko­lo­gisch. Das ist eine dop­pelte Baustelle.

Firmament und Himmel gehören zur Erde

Jan Wag­ner wurde gebo­ren 1971 in Ham­burg und lebt seit 1995 in Ber­lin. Er ist Lyri­ker, Über­set­zer eng­lisch­spra­chi­ger Lyrik sowie Essay­ist. Mit dem Gedicht­band „Pro­be­boh­rung im Him­mel“ debü­tierte er 2001. Für seine Gedichte, die für Aus­wahl­bände, Zeit­schrif­ten und Antho­lo­gien in über dreis­sig Spra­chen über­setzt wur­den, erhielt er unter ande­rem den Preis der Leip­zi­ger Buch­messe (2015) und den Georg-Büch­ner-Preis (2017). Er ist Mit­glied der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung, der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Schö­nen Künste, der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und der Lite­ra­tur Mainz, der Freien Aka­de­mie der Künste in Ham­burg sowie des P.E.N.-Zentrums Deutschland.

Hier ist eine der bei­den Stel­len auf circa 70 Sei­ten, an der Jan Wag­ner das Wort „Gott“ gebraucht. Man kann die Wind­rä­der also durch­aus reli­giös deu­ten. Wes­we­gen auch immer der Schöp­fer die Luft anhal­ten mag. Aus Furcht vor dem Ein­grei­fen der Men­schen ins All? Aus Stau­nen über den Ein­falls­reich­tum mensch­li­chen Geistes?
Spä­tes­tens beim dar­auf fol­gen­den Gedicht „Qued­lin­bur­ger Capric­cios“ wird die Denk­weise logisch legi­ti­miert. Bei Stark­re­gen in der Qued­lin­bur­ger Gegend sieht er Tau­ben auf dem First  des Qued­lin­bur­ger Doms, eine Ver­knüp­fung zum Him­mel erscheint im dop­pel­ten Grau. Fir­ma­ment und Him­mel gehö­ren zur Erde und zum Men­schen, sie bewe­gen ein­an­der und soll­ten zusam­men­ge­hal­ten wer­den als „Nie­ten“ für „… schie­fer­dach und himmel …“
Das gelingt mei­nes Erach­tens nur einem, der das Stau­nen über die all­um­fas­sende Dimen­sion des Über­ir­di­schen im Welt­li­chen nicht ver­lernt, son­dern neu bezie­hungs­weise anders ent­deckt hat. Indi­rekt, durch die Wör­ter, ist Wag­ners Dich­tung eine Ver­nei­gung vor den Natur­ge­wal­ten, die wis­sen, dass Men­schen sie nie fas­sen wer­den. Diese Macht bleibt indif­fe­rent, sie wird kei­ner Ursa­che und kei­nem Ver­ur­sa­cher zuge­ord­net. Doch jene scheint stär­ker als die der Kreatur.
Eine sanfte Kri­tik am Bestehen­den kommt im Gedicht „Im Nor­den“ auf: Die Kir­chen bli­cken dort „… trot­zig in den himmel,/wartend dar­auf, dass gott als ers­ter blinzelt“.

IV. Anton G. Leitner: „Der Himmel von morgen“

Anton Leitner - Lyrik-Schriftsteller - Glarean Magazin
Anton G. Leitner

Die Aus­wahl der 100 Gedichte in „Der Him­mel von mor­gen“ und das Thema tra­gen unzwei­fel­haft die Hand­schrift des Her­aus­ge­bers Anton. G. Leit­ner, der auch die Lyrik­zeit­schrift „Das Gedicht“ initi­iert hat. Dar­aus hat er (vor­wie­gend aus dem Band 25 „Reli­gion im Gedicht“) the­ma­tisch pas­sende Gedichte gesam­melt und gibt mit sei­nem eige­nen Bei­trag „Der Tod“ die Rich­tung vor. In sei­nen Lyrik­tex­ten schreibt er im All­ge­mei­nen so, als seien Wör­ter Asso­zia­ti­ons­wo­gen und Denk­wel­len, die er in einem bewe­gen­den Rhyth­mus schau­keln und über­schwap­pen lässt. For­mal fin­den sich nur drei gereimte und metri­sche Gedichte. Ansons­ten herr­schen locke­rer Rhyth­mus und freie den­ke­ri­sche wie gestal­te­ri­sche Viel­falt vor.
Die Antho­lo­gie ist als Quer­schnitt zeit­ge­mäs­ser Lyrik zum Thema „Gott und die Welt“ anzu­se­hen. Darin zeigt sich ein Aqua­rell­bild hin­ter ent­fer­nen­dem Schleier, eine Gene­ra­tion des Über­gangs in hof­fen­der teils ent­täusch­ter Erwar­tungs­hal­tung. Sowohl die Hof­fen­den als auch der Erhoffte seien erschöpft. Immer­hin sind das Aus­sa­gen und nicht allein Ver­mu­tun­gen oder Revolte gegen Bestehen­des. Eine theo­lo­gi­sche Samm­lung oder sol­che Ambi­tio­nen hegt die Samm­lung nicht. Es geht um Bekennt­nisse von 90 zeit­ge­nös­si­schen Lyriker/innen.
Aus­zug: Gerald Jet­zek: iro­ni­siert im „Öko­no­mi­schen Kon­zil“, dass er zu wis­sen glaube, warum „Glau­ben wich­ti­ger ist als Den­ken“. Judith-Katja Raab ist mit dem „Ket­ze­ri­schen Credo“ ver­tre­ten, Georg Lan­gen­horst mit „Tho­mas­zwei­fel“. Lutz Rathe­now will mit dem „Schöp­fer“ reden. Tanja Dückers wird sinn­lich beim „Kuscheln mit Gott“.
Wenn so der „Him­mel von mor­gen“ aus­se­hen soll, dann ist nur ein Nebel­vor­hang zu sehen, wohin­ge­gen der baro­cke Him­mel auf Erden fröh­lich und strah­lend gestal­tet wor­den ist. Der Antho­lo­gie-Titel ist dem zwei­ten Vers des Gedich­tes „Bau­plan, blass­orange“ von Sabine Mink­witz ent­lehnt. Auch hier taucht die „Bau­stelle Him­mel“ auf.
Ich will aber nicht spe­ku­lie­ren, wie das gedeu­tet wer­den könnte. Einige Kern­aus­sa­gen aus der Antho­lo­gie sol­len für sich selbst sprechen.

Moderne Lyrik des Unbeschreiblichen

Anton G. Leit­ner wurde 1961 in Mün­chen gebo­ren. Der exami­nierte Jurist ediert seit 1993 die Jah­res­schrift „Das Gedicht“. Seit 1984 aus­ser­dem mehr als 40 Antho­lo­gien vor allem für die Ver­lage dtv, Han­ser, Gold­mann, Reclam, Sankt Micha­els­bund. Neben her­aus­ge­be­ri­schen Tätig­kei­ten ver­öf­fent­lichte Anton G. Leit­ner bis­lang elf eigene Gedicht­bände, drei Hör­bü­cher, zahl­rei­che Essays, Kri­ti­ken, Kurz­ge­schich­ten, eine Erzäh­lung und ein Kin­der­buch. Er ist Mit­glied der Münch­ner Turm­schrei­ber und der Valen­tin-Karl­stadt-Gesell­schaft. Viel­fach wurde er aus­ge­zeich­net, neben ande­ren 2016 mit dem „Tas­silo-Kul­tur­preis“ der Süd­deut­schen Zeitung.

Der Him­mel von mor­gen“ ist in vier Abschnitte untergliedert.

I. Über Gott schwei­gen ein­ge­denk der Lei­den und des Unlogischen:
logisch; Kopf­ge­spinst; erschöpft vom Hof­fen; Gott sei nicht zu ändern, also schwei­gen. Kutsch hegt „Ein­sicht“; öko­no­mi­sches Kon­zil; ket­ze­ri­sches, kapi­ta­lis­ti­sches Credo; Tho­mas-Zwei­fel; Der Alpha-bete.

II. Die erin­nerte Oma-Fröm­mig­keit mit den ein­zi­gen drei gereim­ten Gedich­ten ent­spre­chend der ver­ge­hen­den Generation:
ein Tau­flied etwa (gereimt) und tie­ri­sche Gebete, ebenso das Lob der Beichte (gereimt), Was­ser­läu­fer, tie­ri­sches Arche-Gebet, Karp­fen-Weih­nachts­ge­bet (gereimt) sowie Kommunionerinnerungen.

III. Glau­bens­ein­topf mit Reli­gi­ons-Aller­lei (aller­dings ohne Rezept):
Als Gebet sei das Wort Gott allen gegönnt. Die Göt­ter sind dar­auf bedacht, sich nicht zu nahe zu kom­men. „Ein Fünf­ter“ [= theo­lo­gi­sche Bot­schaft:] Gott will Neues erfah­ren – „in mir“ (Gren­gel). Suche nach der Perle des Him­mel­rei­ches. Bekreu­zi­gung der Fuss­ball­göt­ter. Erschöpft vom Erschaf­fen (teils gereim­ter Rap) und „Der Erlö­ser schweigt“.

IV. Am Ende wird alles gut:
Sin­nie­ren; saum­se­lig medi­tie­ren. „Wer Sterne zählt, ver­zwei­felt“. „Selig, denn sie glau­ben nicht.“ Jonas Wal­fisch­bauch als Hei­mat (Jan Wag­ner). Fin­ni­sches Nord­licht scheint ins Gesicht. Nach­klang des Kreu­zes; Papier­ge­läut; Psalm über „luft gott luft“; die Gnade des Los­las­sens. Der Tod: sich mit dem „Nichts in blin­der Erwar­tung“ anfreun­den (A. G. Leit­ner). „Bau­plan, blass­orange“. Nach der Erschöp­fung sei dem Herrn eine Pause gegönnt, um neu zupa­cken zu können.

Zusam­men­ge­fasst: Die Mehr­zahl die­ser aus­ge­wähl­ten moder­nen Lyri­ker win­det sich um das Unbe­schreib­li­che, indem sie ihre reli­giöse Ana­mnese spre­chen las­sen. Eine direkte Anspra­che Got­tes, wie in der Form des Gebets, ist nicht zu fin­den, es sei denn in retro­spek­ti­vem Blick­win­kel. Man erwar­tet Got­tes Han­deln ohne eige­nes Zutun. Das mag der gän­gi­gen Denk­weise der gegen­wär­ti­gen Gene­ra­tion entsprechen.

V. Zusammenschau

Um dem Grund­te­nor auf die Schli­che zu kom­men, habe ich unter ande­rem zwei the­men­re­le­vante Begriffe kon­kor­d­anz­mäs­sig in Augen­schein genom­men. Die aus­ge­wähl­ten Ter­mini „Schöp­fung, Schöp­fer, Him­mel“ sind kei­nes­falls reprä­sen­ta­tiv zu ver­ste­hen und sie eig­nen sich nicht zual­ler­erst als poe­ti­sche Wort­wahl. Ich benutze sie ledig­lich als Zufalls­pro­ben, als Test­kri­te­rien, zumal ohne­hin kei­ner der betrach­te­ten oder zitier­ten Lyri­ker den Anspruch der Christ­lich­keit rekla­miert oder unter dem Aspekt ver­öf­fent­licht hat. Meine Recher­chen erhe­ben ebenso wenig wis­sen­schaft­li­chen Anspruch. Sie sind die Sicht­wei­sen durch die Lin­sen eines der Lyrik zuge­neig­ten Lesers. Was fin­det sich bei der Suche nach rele­van­ten Aus­sa­gen? Es sind drei Nen­nun­gen von „Schöp­fung“ in der Antho­lo­gie von Leit­ner, bei Grill keine ein­zige, bei Wag­ner eine. Der Begriff „Schöp­fer“ ist in der Antho­lo­gie zwei­mal erwähnt. Wei­ter­hin ist fol­gende Häu­fig­keit fest­zu­stel­len: In den etwa 40 Sei­ten von Harald Grills „bau­stel­len des him­mels“ kommt der Him­mel sechs- und Gott vier­mal vor. Bei Jan Wag­ners „Pro­be­boh­rung im Him­mel“ taucht auf den circa 70 Sei­ten Gott drei­mal auf, der Him­mel 18-mal. In Leit­ners circa 110-sei­ti­ger Antho­lo­gie „Der Him­mel von mor­gen“ ist der Him­mel etwa 16-mal und Gott gut 30-mal zu zäh­len. Dabei ist zu beach­ten, dass in den wenigs­ten Fäl­len Him­mel als das para­die­si­sche Jen­seits gemeint ist, son­dern meis­tens als Fir­ma­ment oder als Aus­ruf gebraucht wird. Im Ergeb­nis ist das ein eher spar­sa­mer Umgang mit den Zielbegriffen.

Vererdlichung des Jenseits

Die Autoren ver­wen­den die gän­gi­gen Wör­ter als geläu­fige Bil­der und sind im Übri­gen bemüht das Jen­seits zu ver­erd­li­chen, wobei sie es nicht nach den Mass­stä­ben des Men­schen­au­ges aus­ma­len wol­len, um es gött­lich sein oder wer­den zu las­sen, wie etwa die baro­cken Bau­meis­ter in ihren aus­ge­schmück­ten Got­tes­häu­sern. Jene hol­ten den Him­mel wesent­lich bild­kräf­ti­ger in die Welt der Men­schen hin­ein. Dadurch wird eine Viel­falt indi­vi­du­el­ler Vor­stel­lun­gen erreicht, die Tole­ranz und Demo­kra­tie sug­ge­rie­ren. Die ein­heit­li­che Linie zur ori­en­tie­ren­den Aus­ein­an­der­set­zung fehlt. Allen­falls ein Trend zu locke­ren Denk­wei­sen und Got­tes Ein­be­zie­hung als „Macher“ ist zu erkennen.
Gele­gent­lich rin­gen einige Autoren nach zeit­ge­mäs­sen Syn­ony­men. Ihre Bau­stel­len sind aber offen­sicht­lich noch lange nicht so weit fort­ge­schrit­ten, geschweige denn fer­tig­ge­stellt, dass die Ein­wei­hung eines neuen ver­bind­li­chen Sprach­ge­bäu­des von Gott im Him­mel ver­kün­det wer­den könnte.
Lyri­sches Reden von Gott und Him­mel in den genann­ten zeit­ge­mäs­sen Gedich­ten ist mit der Meta­pher „Bau­stel­len­mo­dus“ lyrisch tref­fend beschrie­ben. (Die Berei­che Eso­te­rik und Medi­ta­tion etc. wur­den hier bewusst nicht berück­sich­tigt). Der Tenor in den berück­sich­tig­ten Gedich­ten sind irdi­sche Poems, nicht himm­li­sche oder reli­giöse Psalmodien. ♦

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