Interview mit dem Schriftsteller René Oberholzer

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 12 Minu­ten

Der Mann mit dem Schalk im Lächeln

oder

Strawberry Fields Forever!.

von Karin Afshar

Baum­schule

Die Bäume gehen zur Schule
Ler­nen wie man wächst und gerade steht
Ler­nen wie man sich biegt und wie­der aufrichtet
Ler­nen nicht wie man der Axt entkommt

(René Ober­hol­zer in der Antho­lo­gie „…bis an die Baum­grenze“,  Khor­s­hid Ver­lag 2009)

René Oberholzer (*1963 in St. Gallen)
René RO (*1963 in St. Gallen)

Der Mann“ ist Schwei­zer Schrift­stel­ler und Per­for­mer, lebt und arbei­tet seit 1987 in Wil. Gebo­ren ist er 1963 in St. Gal­len. Seit 1986 schreibt er Lyrik, seit 1991 auch Prosa. – So in etwa lau­te­ten die an uns geschick­ten Zei­len, die mit drei Gedich­ten ein­tra­fen. „Uns“ bzw. „Wir“ – das waren meine Her­aus­ge­be­rin und ich – wir hat­ten Anfang 2009 eine Antho­lo­gie mit dem Thema „Bäume“ aus­ge­schrie­ben. Die drei ein­ge­sand­ten Gedichte setz­ten wir sofort auf die Haben-wol­len-Liste. Das Buch erschien im Sep­tem­ber 2009; inzwi­schen sind mehr als sechs Jahre ins Land gegan­gen. Fra­gen Sie nicht, warum es erst jetzt ein Inter­view (haben wir per Mail geführt) mit René Ober­hol­zer gibt!
Legen Sie sich am bes­ten zum Lesen eine gute alte LP von den Beat­les auf, und genies­sen Sie.

Karin Afs­har: René, woran arbei­test du gerade?

René Ober­hol­zer: Momen­tan arbeite ich an Tex­ten zum Thema „Urlaub“. Diese wer­den dann in eine sze­ni­sche Lesung mit der Autoren­gruppe Ohren­höhe mün­den, mit der ich seit Jah­ren immer wie­der neue The­men bear­beite und auf die Bühne bringe. Das ist mein mit­tel­fris­ti­ges Ziel für nächs­tes Jahr. Län­ger­fris­tig arbeite ich an einem neuen Kurz­pro­sa­band, der the­ma­tisch völ­lig unge­bun­den sein wird.

KA: Autoren­gruppe? Auf­füh­ren? Stimmt, ich hatte es im Hin­ter­kopf, und auf dei­ner Web­seite kann der Besu­cher auch eini­ges dazu sehen. Das sieht nach Pro­ben, nach sehr viel Zeit fürs Schrei­ben und fürs Krea­tive aus? Bist du freier Schrift­stel­ler und Künst­ler, oder gibt es noch einen ande­ren Broterwerb?

RO: Ich bin kein freier Schrift­stel­ler und Künst­ler, mein haupt­säch­li­cher Brot­er­werb ist das Unter­rich­ten als Ober­stu­fen­leh­rer an einer Ost­schwei­zer Schule. Und das ist auch gut so. Ich könnte mir nicht vor­stel­len, nur zu schrei­ben und vom Schrei­ben auch noch leben zu müs­sen. Das würde mich einer­seits zu stark unter krea­ti­ven und öko­no­mi­schen Druck set­zen, und ande­rer­seits würde es meine Frei­heit, das zu schrei­ben, wonach ich Lust habe, zu stark ein­schrän­ken. Durch mei­nen Brot­be­ruf habe ich in lite­ra­ri­scher Hin­sicht Nar­ren­frei­heit und kann ohne Rück­sicht auf Ver­luste schrei­ben und stehe auch unter kei­nem Ver­öf­fent­li­chungs­druck. Zudem kann ich mir nicht vor­stel­len, den gan­zen Tag an einem Com­pu­ter oder vor einem Heft zu sit­zen und zu schrei­ben. Ich muss zuerst nach draus­sen gehen, das Leben leben und das Unter­be­wusst­sein mit Bil­dern und Geschich­ten fül­len, damit ich wie­der lite­ra­risch etwas Neues kre­ieren kann nach dem Prin­zip: Leben – Schrei­ben – Leben – Schrei­ben. Und dafür ist ein Brot­be­ruf, der einen krea­tiv nicht unter Druck setzt, sehr nütz­lich. Zudem müsste ich extrem gut und extrem pro­duk­tiv sein, um in der Schweiz vom Schrei­ben leben zu kön­nen. Sogar ganz grosse Autoren wie Kafka u.a. haben ja nicht allein vom Schrei­ben gelebt und sind einem „bür­ger­li­chen Beruf“ nachgegangen.

KA: Dar­aus ergibt sich natür­lich gleich die nächste KA: Wel­che Fächer unter­rich­test du, wel­ches davon ist dein Lieblingsfach?

RO: Ich unter­richte die sprach­lich-his­to­ri­schen Fächer, d.h. Deutsch, Fran­zö­sisch, Eng­lisch, Räume & Zei­ten (eine Kom­bi­na­tion von Geschichte und Geo­gra­fie), Bild­ne­ri­sches Gestal­ten und Indi­vi­duum & Gemein­schaft. Lieb­lings­fä­cher habe ich gleich meh­rere – Deutsch, Eng­lisch und Geschichte (ist in Räume & Zei­ten integriert).

KA: Apro­pos Eng­lisch, Fran­zö­sisch: Wie­viele Spra­chen sprichst du?

RO: Ich spre­che in mei­ner Umge­bung Schwei­zer­deutsch, beim Unter­rich­ten in der Schule Hoch­deutsch, ansons­ten in den ent­spre­chen­den Fächern Fran­zö­sisch und Englisch.

KA: Stich­wort „mehr­spra­chige Schweiz“ – Ich habe vor Jah­ren ein Buch bespro­chen, in dem es dann hiess, ja – die Schweiz sei mehr­spra­chig, die Ein­woh­ner seien es jedoch nicht zwangs­läu­fig (sehr ver­kürzt gesagt) … Sprichst du einen Dialekt?

RO: Ich spre­che den St. Gal­ler Dia­lekt, von dem man in der Schweiz sagt, dass er rela­tiv neu­tral im Ver­gleich zu ande­ren Dia­lek­ten sei.

KA: Mich als Lin­gu­is­tin inter­es­siert und fas­zi­niert die­ses Thema immer wie­der. Ich frage die bilin­gua­len und mul­ti­l­in­gua­len Kin­der in mei­ner Umge­bung, wenn es sich ergibt, und erhalte erstaun­li­che Ant­wor­ten. Wie ist es bei dir: hast du eine Gefühls- und eine Denk­spra­che? Ver­schie­den oder identisch?

RO: Dadurch dass ich in der Schule Hoch­deutsch als Unter­richts­spra­che spre­che, viel in Büchern, in Zeit­schrif­ten und im Inter­net lese, ist mir die deut­sche Hoch­spra­che sehr ver­traut gewor­den. Ich denke in der Hoch­spra­che. Obwohl ich mit der Schwei­zer Mund­art auf­ge­wach­sen bin, die eigent­lich meine Gefühls­spra­che ist, ist die deut­sche Hoch­spra­che mitt­ler­weile zu einer gleich­wer­ti­gen Mut­ter­spra­che wie die Mund­art gewor­den, nicht zuletzt auch, weil ich einige Freunde und Bekannte im benach­bar­ten deutsch­spra­chi­gen Aus­land habe. Und dann ist da natür­lich mein eige­nes Schrei­ben, das mich nicht in der Mund­art, son­dern in der Hoch­spra­che den­ken und dann spä­ter auch reflek­tie­ren lässt. Wenn ich den Fern­se­her anma­che, schaue ich mir lie­ber deut­sche Sen­dun­gen in der Hoch­spra­che an, das hat dann einen eigen­ar­tig pro­fes­sio­nel­le­ren Anstrich.
Füh­len und Den­ken sind bei mir nicht zwei Schub­la­den, son­dern grei­fen inein­an­der, des­halb ist die hoch­deut­sche Denk­spra­che mitt­ler­weile auch zu einer Gefühls­spra­che geworden.

René Oberholzer ("Der Runner")
René RO („Der Runner“)

KA: Dass Dia­lekte als „unpro­fes­sio­nell“ her­über­kom­men, ist ihrer Domäne geschul­det. Man muss eben wis­sen, wo man sich bewegt. Ich habe nie den Dia­lekt mei­ner Mut­ter spre­chen gelernt (wie­wohl ich auch kein Hoch­deutsch sprach, was ich dachte, und was sich beim Umzug in den Nor­den dann als Irr­tum her­aus­stellte), d.h. ich habe mich nie so weit zu die­ser Fami­li­en­seite gehö­rig gefühlt, um mich mit ihr zu iden­ti­fi­zie­ren. Wir waren im letz­ten Jahr im Dorf, besuch­ten Freunde mei­ner Mut­ter, und es war ein gros­ses „Fest“ – alle spra­chen im Dia­lekt, denn das war die Spra­che ihrer Zuge­hö­rig­keit. Irgend­wann kam einer auf die Idee zu fra­gen, ob ich sie denn ver­stehe. Die Spra­che ist bei­des: einer­seits Gefühl-/Denk­spra­che und ande­rer­seits eine Iden­ti­täts­stif­te­rin und Schaf­fe­rin des sozia­len Zusam­men­halts. Das bringt mich zu einem sozia­len Netz­werk, in dem wir auch mit­ein­an­der ver­netzt sind. – Da sehe ich dann immer wie­der Fotos vom RO: in die­ser Pose (siehe dein eige­nes Foto rechts) an den ver­schie­dens­ten Orten. Was hat es mit den Fotos auf sich? Gibt es eine Geschichte dahin­ter, was die Bewe­gung und ihre Rich­tung angeht?

RO: Es gibt keine kon­krete Geschichte zu mei­nen „Runner“-Bildern. Ich habe vor lan­ger Zeit gemerkt, dass es nebst dem Grin­sen in die Kamera oder dem mehr oder weni­ger guten Posie­ren vor einer Kamera noch eine andere Pose geben könnte, und so habe ich die Figur des „Run­ners“ kre­iert. Sie gibt einem sta­ti­schen Bild Bewe­gung, sug­ge­riert natür­lich auch, dass ich stän­dig in Bewe­gung bin, manch­mal mit dem Betrach­ter-Bild­strom von links nach rechts schwimme, manch­mal gegen das Auge des Betrach­ters von rechts nach links anrenne. Mitt­ler­weile sind diese „Runner“-Bilder zu einem Mar­ken­zei­chen von mir gewor­den. Es gibt bereits ver­ein­zelt Men­schen, die mich in der­sel­ben Pose begrüs­sen, sie ander­wei­tig imi­tie­ren oder mich auf sie anspre­chen. Auf jeden Fall löst sie bei allen ein Schmun­zeln aus.

KA: Schmun­zeln – Schmun­zeln muss ich oft, wenn auf mei­ner Start­seite RO-geteilte Posts auf­tau­chen. (So ein Netz­werk ist ein herr­li­ches Medium zum Mit­le­sen, oder?) Sehe ich das rich­tig, dass du sur­reale Male­rei oder über­haupt das Sur­reale magst?

RO: Der Sur­rea­lis­mus ist tat­säch­lich die Kunst­rich­tung in der Male­rei, die mich am meis­ten inter­es­siert und fas­zi­niert, weil ihre geheim­nis­volle Poe­sie mich zum Den­ken anregt. Es sind Bil­der von René Magritte, Sal­va­dor Dali oder Wolf­gang Lettl und ande­ren Sur­rea­lis­ten, die es mir ange­tan haben. Sur­rea­lis­ti­sche Bil­der sind auch nach Jah­ren nie lang­wei­lig, ver­lie­ren nichts von ihrem Geheim­nis oder ihrem „Mys­te­rium“, wie René Magritte den Inhalt sei­ner Bil­der einst beschrie­ben hatte. Zudem spült der Sur­rea­lis­mus durch die Ver­bin­dung zum Unter­be­wuss­ten und zu den Träu­men Inhalte her­vor, die das Den­ken nor­ma­ler­weise nicht her­vor­bringt. Der Sur­rea­lis­mus lie­fert mir eine Meta­ebene, die ich zu ver­ste­hen ver­su­che. Und das macht ihn für mich inter­es­sant, weil ich vor sur­rea­lis­ti­schen Bil­dern ver­wei­len kann. Das pas­siert mir bei rea­lis­ti­schen oder abs­trak­ten Bil­dern nicht. Aber ich mag auch Bil­der von Van Gogh oder Claude Monet, auf denen ich erken­nen kann, was abge­bil­det ist, unab­hän­gig von der jewei­li­gen Kunstrichtung.

KA: Wann hat diese Fas­zi­na­tion ange­fan­gen? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

RO: Ein Schlüs­sel­er­leb­nis, warum ich den Sur­rea­lis­mus so mag, gibt es nicht wirk­lich, es ist ver­mut­lich die Summe von ver­schie­de­nen Ent­wick­lungs­pro­zes­sen, die ich durch­lau­fen habe, und diver­sen Ein­flüs­sen. Da spielt meine Fan­ta­sie eine Rolle, die immer wie­der nach dem sucht, was nicht alle Men­schen suchen, da ist die Vor­stel­lung, dass man etwas immer auch mit ande­ren Augen anschauen kann, da ist meine Liebe zur Musik der Beat­les, die mich im Teen­ager­al­ter zu prä­gen begon­nen und mich bis heute nicht mehr los­ge­las­sen hat. Viele Song­texte der Beat­les ab 1966 haben extrem sur­reale Züge, der Trick­film „Yel­low Sub­ma­rine“ ist Sur­rea­lis­mus pur. Die­ser Film hat mich sehr beein­flusst. Da waren aber auch die Filme von Luis Bunuel, die mich inspi­riert haben, oder auch Filme, in denen Michel Pic­coli, den ich für einen der gröss­ten Schau­spie­ler halte, eine Haupt­rolle gespielt hatte.
Ein per­sön­li­ches Erleb­nis mit einem mei­ner sur­rea­lis­ti­schen Vor­bil­der, das für mich sehr prä­gend war, als ich mich ästhe­tisch schon längst dem Sur­rea­lis­mus ver­schrie­ben hatte, gibt es aber trotz­dem. Das war der Besuch bei Wolf­gang Lettl in Augs­burg. Ich war mit mei­ner dama­li­gen Lebens­part­ne­rin extra nach Augs­burg gereist, um seine Bil­der im Atrium-Museum mir anzusehen.
Dabei kam es zu einem Tref­fen mit Flo­rian Lettl, dem Sohn von Wolf­gang Lettl, der den gan­zen Nach­lass und die Museen in Augs­burg und Lin­dau betreut. Flo­rian Lettl spürte, dass ich ein ech­tes Inter­esse an der Kunst sei­nes Vaters hatte, zumal ich das halbe Museum mit Post­kar­ten und Pos­tern auf­ge­kauft hatte, und lud mich des­halb zuerst zu sich nach Hause und spä­ter zu sei­nem Vater ein. Diese Begeg­nung mit einem der gröss­ten Sur­rea­lis­ten des 20. Jahr­hun­derts war schon sehr beein­dru­ckend. Umso trau­ri­ger war die Nach­richt, dass er kurze Zeit spä­ter im Jahr 2008 ver­stor­ben war.

KA: Malst du auch selbst?

RO: Nein, ich selbst male nicht. Ich habe es vor Jah­ren ver­sucht, merkte aber, dass das nicht meine Schiene ist, obwohl ich mit der Male­rei sehr ver­bun­den bin. Zum einen konnte ich mit den weni­gen Bil­dern, die ich gemalt hatte, damals keine Geschich­ten erzäh­len, zum ande­ren fehlte mir auch der Platz und die Zeit, die Mal­sa­chen immer wie­der her­vor­zu­neh­men. Da war das Schrei­ben wesent­lich ein­fa­cher. Ich konnte einen Schreib­block und einen Kugel­schrei­ber über­all­hin mit­neh­men. Und die Repro­duk­tion mei­ner geschrie­be­nen Texte war auch wesent­lich ein­fa­cher, als das bei einem gemal­ten Bild der Fall ist. Eine Bil­der­ver­nis­sage zu orga­ni­sie­ren, ist wesent­lich auf­wän­di­ger als eine Lesung abzu­hal­ten. Heut­zu­tage ist das Repro­du­zie­ren von Kunst im Inter­net­zeit­al­ter zwar etwas leich­ter gewor­den, doch das Ori­gi­nal­bild ist immer noch das Ori­gi­nal­bild. Bei einem Text kommt es nicht auf das hand­ge­schrie­bene Ori­gi­nal an, son­dern nur auf die Worte, das Ori­gi­nal hat dem­zu­folge keine grosse Bedeu­tung, aus­ser man wird spä­ter ein­mal sehr berühmt.

KA: Deine Texte – und ich denke auch an drei Gedichte in „…bis an die Baum­grenze“ – leben von dem Spiel mit der Erwar­tung der Leser. Diese Erwar­tung führst du ad absur­dum, führst den Leser in eine andere als die von ihm gedachte Richtung.

RO: Genau. So pas­sie­ren in mei­nen Geschich­ten oft Dinge, die zwar sehr real sind, doch in der Art, wie sie pas­sie­ren, nur in mei­nen Geschich­ten pas­sie­ren kön­nen. Was mich beim Schrei­ben von Geschich­ten oder Gedich­ten aber auch mit dem Sur­rea­lis­mus ver­bin­det, ist die Mög­lich­keit, damit Inter­pre­ta­ti­ons­räume für den Leser/die Lese­rin zu öff­nen. Das fängt beim Titel an und hört bei einem offe­nen Schluss auf. Der Leser/die Lese­rin soll mit­den­ken und den Inhalt wei­ter­spin­nen kön­nen. Das gelingt auch nicht immer in mei­nen Tex­ten, denn jeder Text kommt, wie er kommt, und manch­mal sind ja auch Texte, in denen mehr oder weni­ger alles gesagt ist, nicht schlecht, weil sie ein schö­nes Bild oder ein schö­nes Gefühl ver­mit­teln, das stim­mig ist. Oder aber eine knall­harte Rea­li­tät so dar­stel­len, wie sie nun ein­mal ist. Dabei ist die Poe­sie, wenn sie dann in Tex­ten vor­kommt, im Ansatz schon ein wenig sur­real, weil ja nie­mand auf der Strasse so spricht, wie z.B. oft in Gedich­ten gespro­chen wird.

KA: Wenn ich da jetzt so drü­ber nach­denke… Dann war und ist der Sur­rea­lis­mus auch eher eine Kunst­rich­tung, die mich mehr fas­zi­niert als ein blos­ser Impres­sio­nis­mus. Aber es hat vie­les einen Platz unter der Sonne und seine Abneh­mer und Lieb­ha­ber. Zur Musik! – du hast sie bereits erwähnt – als prä­gend für dich (wie sie prä­gend für eine ganze Jugend­ge­ne­ra­tion waren) – die Beat­les. Was ver­bin­det dich mit ihnen?

RO: Mit den Beat­les ver­bin­det mich zum Ers­ten eine tiefe musi­ka­li­sche Liebe. Es gibt mei­ner Mei­nung nach keine Gruppe und kei­nen Sänger/keine Sän­ge­rin, die eine der­art grosse Band­breite an Melo­dien geschaf­fen haben wie die Beat­les. Ihre Melo­dien sind zu mei­nen inne­ren Melo­dien gewor­den. Und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass ich meine grund­sätz­li­che Fröh­lich­keit auch ein Stück weit den Beat­les zu ver­dan­ken habe. Mit Beat­les-Lie­dern im Her­zen bist du eigent­lich immer auf der Sonnenseite.
Dann gibt es natür­lich auch die text­li­che Seite der Beat­les-Lie­der, die mich beein­flusst hat. Da sind z.B. Hym­nen wie „All You Need Is Love“, die in ihrer Bot­schaft so exis­ten­zi­ell sind, dass eigent­lich alles gesagt ist. Dann ist da die lebens­be­ja­hende, inhalt­li­che Seite in Songs wie z.B. in „Here Comes The Sun“, die poli­ti­sche Seite wie z.B. in „Revo­lu­tion“, in dem klar gegen Gewalt Posi­tion bezo­gen wird. Und dann ist da die sur­rea­lis­ti­sche Seite wie z.B. in „Straw­berry Fields Fore­ver“ oder die text­lich und musi­ka­lisch raf­fi­niert mon­tierte und sehr moderne Seite wie z.B. in „A Day In The Life“, um nur einige unter­schied­li­che Sei­ten der Beat­les aufzuzählen.

KA: Die inne­woh­nende Fröh­lich­keit? – Der tief­sta­pelnde Humor?

RO: Ihr Witz – der spie­gelt sich nicht nur in ihren Lie­dern wider, son­dern vor allem auch in ihren Fil­men wie „Help“ oder „Yel­low Sub­ma­rine“. Da ist viel tro­cke­ner, eng­li­scher Humor drin, den ich sehr mag. Und dann mag ich auch ihre Inter­views, in denen sie mit lako­ni­schen Sät­zen und sur­rea­len Wen­dun­gen auf banale KA:n von Jour­na­lis­ten geist­reich und schräg geant­wor­tet haben und damit bewie­sen haben, dass man sich zwar ernst, aber das Leben um sich herum nicht immer so ernst neh­men sollte.

KA: Als es sie dann nicht mehr… wem bist du mehr gefolgt? John Len­non, George Har­ri­son, Ringo Starr oder Paul McCart­ney? Ich frage das, weil ich selbst zunächst mehr George Har­ri­son hörte. 1979 kam „George Har­ri­son“ her­aus, hab ich mir als Kas­sette orga­ni­siert. Paul McCart­ney und die „Wings“ („With a little luck“) – hab ich auch rauf und run­ter gehört.

RO: Natür­lich habe ich die Solo­kar­rie­ren aller vier Beat­les mit­ver­folgt, teil­weise auch rück­bli­ckend in der zwei­ten Hälfte der 1970er Jahre. Heut­zu­tage bin ich noch immer stark mit Paul McCart­ney ver­bun­den, den ich gerne ein­mal tref­fen würde. Seine Musik seit der Tren­nung der Beat­les ver­folge ich sehr genau, und seine vege­ta­ri­sche Lebens­weise, die ich auch lebe, beein­druckt mich sehr. Zudem bewun­dere ich, wel­che Ener­gie er in sei­nem Alter noch hat, und wie er lau­fend neue Pro­jekte rea­li­siert. Aber auch die Solo­al­ben und -pro­jekte der ande­ren drei Beat­les, vor allem die der bereits Ver­stor­be­nen John Len­non und George Har­ri­son, sind sehr beein­dru­ckend und haben mein Post-Beat­les-Herz höher schla­gen lassen.

KA: Jetzt fal­len mir doch noch etli­che Fra­gen ein, aber ich habe mein selbst­ge­stell­tes Fra­gen-Limit erreicht. Eine letzte Frage aber doch noch – weg von der Musik zurück zur Lite­ra­tur: Wel­ches Buch wür­dest du unse­ren Lesern empfehlen?

RO: Da kann ich mich nur schwer auf eines fixie­ren. So gebe ich mal völ­lig unre­prä­sen­ta­tiv aus  vier lite­ra­ri­schen Spar­ten je ein Buch an.
Roman: „Der Pro­zess“ von Franz Kafka (1925)
Kurz­prosa: „Vom geräum­ten Meer, den gemie­te­ten Socken und Frau But­ter“ von Aglaja Vete­ranyi (2004)
Drama: „Das letzte Band“ von Samuel Beckett (1958)
Lyrik: „Buc­kower Ele­gien“ von Ber­told Brecht (1964)

KA: Hier tau­chen sie also auch wie­der auf – die Dinge über die du sprachst. „Ich glaube an die künf­tige Auf­lö­sung die­ser schein­bar so gegen­sätz­li­chen Zustände von Traum und Wirk­lich­keit in einer Art abso­lu­ter Rea­li­tät, wenn man so sagen kann: Sur­rea­li­tät. Nach ihrer Erobe­rung strebe ich, sicher, sie nicht zu errei­chen, zu unbe­küm­mert jedoch um mei­nen Tod, um nicht zumin­dest die Freu­den eines sol­chen Besit­zes abzu­wä­gen“, schrieb  André Bre­ton, und von dir könnte man viel­leicht sagen: Das Leben in sei­nen vie­len Aus­prä­gun­gen ist eine so ernste Ange­le­gen­heit, dass man gut daran tut, sie nicht zu ernst zu neh­men. Mit Unge­duld, ohne sich fest­hal­ten zu las­sen und in kör­per­li­cher wie geis­ti­ger Bewegung.
René, ich wün­sche dir wei­ter viel (Bein-)Freiheit.

Der Rad­wech­sel

Ich sitze am Strassenrand
Der Fah­rer wech­selt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

(Ber­tolt Brecht, Buc­kower Elegien)

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch von Rene Ober­hol­zer: Vier Berg-Short-Sto­rys (Kurz­prosa)

… sowie das Lite­ra­tur-Inter­view mit dem Ver­le­ger Beat Hüp­pin: „Das qua­li­täts­volle Buch hat Zukunft“

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