Dorit Böhme: Von den Freuden des Schreckens (Satire)

Von den Freuden des Schreckens

Do­rit Böhme

Frage: Wo­mit ver­schafft man ei­ner Dorf­ge­mein­schaft den größt­mög­li­chen Lust­ge­winn? Ant­wort: Mit ei­nem Er­leb­nis, das die ei­gene Fa­mi­lie be­trifft und der Vor­stel­lungs­kraft der an­de­ren ei­nen Schubs gibt, um sie zu un­ge­ahn­ten Hö­hen­flü­gen auf­stei­gen zu las­sen.
Dies rühm­li­che Werk der Nächs­ten­liebe tat ich un­längst – ohne Rück­sicht auf ei­gene Ver­luste. –
Meine Phan­ta­sie schwebte in der sechs­ten Di­men­sion. Ich häm­merte in meine Schreib­ma­schine – Ge­nia­les und Blö­des (ers­te­res ver­schwin­det lei­der im­mer im Pa­pier­korb). Da kam der Sohn von der nach­mit­täg­li­chen Schule nach Hause und un­ter­brach meine Schaf­fens­kraft mit dem Be­geh­ren, ich solle seine Auf­ga­ben kon­trol­lie­ren – eine Her­aus­for­de­rung an die An­pas­sungs­fä­hig­keit des Geis­tes!
Nach ei­ner wei­te­ren Stunde be­gann ich un­ru­hig zu wer­den: da fehlte doch et­was? Rich­tig: wo blieb die Un­ter­bre­chung durch meine Toch­ter? Ein Blick auf ih­ren Stun­den­plan be­stä­tigte mei­nen müt­ter­li­chen In­stinkt. Sie hätte schon vor sech­zig Mi­nu­ten – trö­delt sie noch: vor drei­ßig Mi­nu­ten – im für­sorg­li­chen El­tern­hause ein­tref­fen müs­sen. Nur: sie war nicht da, wie ein Kon­troll­gang durch alle Räume (ein­schließ­lich Koh­len­kel­ler) zeigte.
An­ge­regt durch viel­sei­tige Me­di­en­wahr­hei­ten ver­suchte ich das Pro­blem ein­zu­krei­sen: Mord, Kid­nap­ping, Ver­gew… – oder spielte sie see­len­ru­hig bei ei­ner Schul­ka­me­ra­din?
An­rufe wür­den zu lange dau­ern und wur­den von mir aus Kos­ten­grün­den – 1500 Ein­woh­ner – auch ab­ge­lehnt. Ich wählte den schnells­ten Weg, stürzte auf die Straße und fragte das Nach­bars­kind, ob es meine Toch­ter nach der Schule noch ir­gendwo ge­se­hen habe.
«Jes­sica ist von der Schule nicht heim­ge­kom­men!», brüllte die Kleine den mit fra­gen­den Bli­cken zu­fäl­lig her­um­ste­hen­den Frauen ent­ge­gen.
Wie eine Feu­ers­brunst brei­tete sich die Nach­richt aus, schnel­ler, als ich die Straße hin­un­ter­lau­fen konnte, um im Schul­haus bei der Leh­re­rin nach­zu­fra­gen. Er­geb­nis­los.
Wäh­rend ich wie ein auf­ge­scheuch­tes Huhn hin­ter je­dem Strauch und ne­ben je­dem Haus nach ver­scharr­ten Bei­nen forschte, sa­hen mich die spa­lier­ste­hen­den Mit­men­schen kämp­fe­risch und mit­lei­dig an. Of­fen­sicht­lich durch­zuck­ten die glei­chen Ge­dan­ken ihre Köpfe.
In mir bäumte sich mein Mut­ter­lö­wen­herz auf und suchte be­reits die pas­sende Ra­che für den Übel­tä­ter. Kopf ab, vier­tei­len, in ko­chen­dem Was­ser brü­hen, zu Hack­fleisch ma­chen – und dies nicht nur sinn­bild­lich ge­meint.
Was konnte ich noch tun? Je­der Leh­rer, Haus­wart, Jog­ger und Han­dels­rei­sende war in­zwi­schen über die schreck­lichste al­ler Wahr­hei­ten in­for­miert. Po­li­zei alar­mie­ren – oder erst mein an­ge­trau­tes Pracht­stück? Aber das war diese Wo­che ir­gendwo auf ei­ner Ge­schäfts­tour und – bei­nahe selbst­ver­ständ­lich – nicht zu er­rei­chen…
Nach­dem mein Ge­hirn alle Even­tua­li­tä­ten und Mög­lich­kei­ten er­schöp­fend ab­ge­han­delt hatte, klärte sich meine Ver­wir­rung zu der Er­leuch­tung, dass heute Diens­tag war – und Jes­sica je­den Diens­tag, di­rekt nach der Schule, zu ih­rer Bal­let-Dop­pel­stunde ging. –
Völ­lig er­mat­tet, aber zu­frie­den so wehr­haft für das Wohl mei­nes Kin­des ein­ge­tre­ten zu sein, ließ ich mich auf den Schreib­tisch­stuhl nie­der und be­ant­wor­tete alle tau­send An­rufe der be­sorg­ten Dorf­be­woh­ner. Ih­nen hatte ich ein mar­ker­schüt­tern­des Er­leb­nis ge­lie­fert, wel­ches den Grund­stock für man­ches zu­künf­tige Ge­spräch bil­den konnte.
Ich hätte ih­nen kei­nen grö­ße­ren Dienst er­wei­sen kön­nen! ■

Do­rit Böhme

Geb 1954 in Ber­lin-Kö­pe­nick; Aus­bil­dung zur Zahn­arzt­ge­hil­fin; Prosa – und Re­por­ta­gen-Ver­öf­fent­li­chun­gen in Zeit­schrif­ten; Lebt als Mas­sage- und Hyp­nose-The­ra­peu­tin in Widnau/CH

Kommentare sind willkommen! (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)