Boris Kálnoky: Ahnenland (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen“

von Gün­ter Nawe

Viel­leicht ist es meine Auf­gabe, Hugós Geschichte zu erzäh­len… Hugó, ich ver­spre­che Dir, mein Bes­tes zu geben… Es müsste, wenn es Dir recht ist, zugleich die Geschichte des Para­die­ses auf Erden sein… und die Geschichte Dei­ner Fami­lie, auch jener, die vor Dir waren und nach Dir kamen.“

Boris Kalnoky: Ahnenland - oder die Suche nach der Seele meiner FamilieWer dies sagt und schreibt, ist der Autor eines gross­ar­ti­gen Epos’ über eine 800-jäh­rige Fami­li­en­ge­schichte; eine euro­päi­sche Geschichte, die sich im Gebiet des frü­he­ren Öster­reich-Ungarn-Sie­ben­bür­gen abge­spielt hat und noch abspielt. Boris Kál­noky ist Nach­fahre des legen­dä­ren Urahn Ben­cenc, der 1252 vom unga­ri­schen König, als Beloh­nung für den Kampf gegen die Tar­ta­ren, ein Stück Land geschenkt bekam. Und damit gehör­ten die Kál­no­kys zu den Szé­k­lern, den unga­ri­schen Grenz­wäch­tern. Sie spiel­ten – oft auf ver­schie­de­nen Sei­ten – wich­tige Rol­len in den gros­sen Glau­bens­kämp­fen des Mit­tel­al­ters, in den poli­ti­schen Ver­wick­lun­gen der Zeit. Sie wer­den irgend­wann ein­mal Gra­fen. Einer von ihnen wird spä­ter, am Ende des 19.Jahrhunderts, k.u.k.-Aussenminister der öster­reich-unga­ri­schen Dop­pel­mon­ar­chie. Eine höchst bewegte Geschichte in immer wie­der sehr beweg­ten Zeiten.

Geschichts- und Geschichtenbuch über Familienereignisse und Weltgeschehen

Boris Kálnoky - Glarean Magazin
Boris Kál­noky

Davon also erzählt Boris Kál­noky, der 1961 in Mün­chen gebo­ren wurde. Auf­ge­wach­sen ist er in Deutsch­land, in den Nie­der­lan­den, in Frank­reich. Er lebte in Ungarn und lebt heute in der Tür­kei, wo er als  Nah­ost-Kor­re­spon­dent für die „Welt“ arbei­tet. Welt­läu­fig geschult und mit jour­na­lis­ti­schem Spür­sinn aus­ge­stat­tet hat er sich nicht nur auf die Suche sei­ner „Hei­mat“, sei­ner Fami­lie gemacht, son­dern auch nach deren Seele. „Frü­her war Hei­mat dort, wo man lebte. Heute in einer glo­ba­li­sier­ten Welt, in der man nur noch wohnt, aber nicht mehr zu Hause ist, da ist sie viel­leicht eher ein inne­rer Ort: Nicht nur wohin man gehö­ren, son­dern wer man sein will. Wem es gege­ben ist, an einen Gott zu glau­ben, der wird die Hei­mat der Seele fin­den – eine Hei­mat, die man auch dann nicht ver­lässt, wen man durch die Welt zieht wie einst die alten Szé­k­ler durch die Steppe.“ So der etwas pathe­ti­sche Schluss des Buches.
Bis zu die­ser Kál­noky-Erkennt­nis ist es ein wei­ter Weg durch die­ses aben­teu­er­li­che Geschichts- und Geschich­ten­buch über Fami­li­en­er­eig­nisse und Welt­ge­sche­hen, durch Kriege und Kämpfe und Ver­luste. Der Leser fin­det wit­zige bis aber­wit­zige Ereig­nisse, trifft auf Hasa­deure und Rebel­len, begeg­net Lite­ra­ten und Rich­tern. Und fühlt sich wohl in die­sem Pan­aroma auf­re­gen­der Erzäh­lun­gen. Denn der Autor ver­steht es auf aus­ge­zeich­nete Weise, his­to­ri­sche Fak­ten, pri­vate Ereig­nisse, belegt durch eine Viel­zahl sehr inter­es­san­ter Briefe, essay­is­ti­sche Pas­sa­gen und per­sön­li­che Ein­schät­zun­gen und Wer­tun­gen mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Dar­aus ergibt sich ein geschlos­se­nes Bild einer bestimm­ten Epo­che in einem defi­nier­ten geo­gra­fi­schen Raum, in der und in dem euro­päi­sche Geschichte geschrie­ben wurde – mit Nach­wir­kun­gen bis in unsere Zeit.

Acht Jahrhunderte europäischer Geschichte

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Der Jour­na­list Boris Kál­noky hat sich in „Ahnen­land“ auf die „Suche nach der Seele“ sei­ner Fami­lie bege­ben. Die Spu­ren­su­che ist ihm zu einem fas­zi­nie­ren­den Geschichts- und Geschich­ten­buch geraten.

Das „Salz in der Suppe“ die­ser his­to­ri­schen Erzäh­lung ist natür­lich die Fami­li­en­ge­schichte. Aus ihr resul­tiert über­haupt erst das Inter­esse des Autors, der eigent­lich eine Bio­gra­fie sei­nes Gross­va­ters Húgo Kál­noky schrei­ben wollte. Denn „wir ste­hen auf den Schul­tern unse­rer Ahnen“. Die­ser Gross­va­ter, Jour­na­list wie der Enkel, der eben­falls auf der Suche nach der Hei­mat war, war sozu­sa­gen ein See­len­ver­wand­ter. Ihm folgte Enkel Boris durch das Land sei­ner Vor­fah­ren. Genius loci und lite­ra­ri­scher Topos ist das Dorf Körös­pa­tak am Fusse der Kar­pa­ten, wo einst auch Graf Dra­cula resi­dierte. Die­ser Húgo ist eine wahr­haft fas­zi­nie­rende Figur: ein Welt­su­cher, der bereits zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts mit einem Flug­zeug unter­wegs sein wollte. Einer, der eine Romanze erlebte. Des­sen Arti­kel für den Pos­ter Lloyd ihn bei den Nazis in Ungnade fal­len liess. Und so wei­ter – man lese selbst. Vor allem die wun­der­ba­ren Briefe, die Enkel Boris hier ver­öf­fent­licht, sind nicht nur Zeit­zeu­gen­schaft, son­dern geben Zeug­nis von per­sön­li­chem und fami­liä­rem Erleben.
Boris Kál­noky hat seine Hei­mat gesucht und die Seele sei­ner Fami­lie gefun­den. An der per­sön­li­chen Freude dar­über lässt er den Leser teil­ha­ben,  in dem er von acht Jahr­hun­der­ten euro­päi­scher Geschichte erzählt, span­nend, kom­pe­tent und sehr unter­halt­sam. „Húgo, ich ver­spe­che Dir, mein Bes­tes zu geben…“. Er hat es getan. ♦

Boris Kál­noky: Ahnen­land oder die Suche nach der Seele mei­ner Fami­lie, 490 Sei­ten, Droe­mer Ver­lag, ISBN 978-3-426-27465-1

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Fami­lien-Geschichte auch über den
Roman von Isa­belle Stamm: Schonzeit

oder über die Fami­lien-Saga von
San­dra Brö­kel: Das hung­rige Krokodil

4 Kommentare

  1. Lie­ber Herr Hatos,

    Vie­len Dank für den treff­li­chen Hin­weis. Es war natür­lich Ste­fan I. der den Titel erhielt, aber Sie haben völ­lig recht, dass Kle­mens XIII. ihn für Maria The­re­sia erneu­erte. Lei­der rutschte trotz dut­zend­fa­chen Lesens und Gegen­le­sens auch von hilf­rei­chen His­to­ri­kern diese Unge­nau­ig­keit doch noch durch. Zur Kor­rek­tur vor­ge­merkt! Und Danke Schön für ihr ermun­tern­des Lob!

    Beste Grüße, Ihr
    Boris Kálnoky

  2. Lie­ber Graf kàlnoky,
    Mit viel Ver­gnü­gen und Inter­esse lese ich Ihr Buch Ahnen­land. Ich bin gebür­ti­ger Ungar (Trans­da­nu­bien) und zwei Jahre Jün­ger als Ihr Vater. Bei der Lek­türe denke auch ich viel an meine Ahnen und an meine Ver­gan­gen­heit, die nicht so vor­nehme doch ebenso schick­sal­haft war wie die von “ Graf Hugo“.
    Erlau­ben sie mir eine kleine Kor­rek­tur. Auf Seite 185 schrei­ben Sie, dass Fer­di­nand von Habs­burg sich zum apos­to­li­schen König von Ungarn krö­nen liess. Dies ist lei­der nicht kor­rekt. Den Titel „apos­to­li­scher König“ (apos­toli Kiràly) erhielt erst Köni­gin Maria Teré­zia am 19. Aug. 1758 von Papst Kle­mens XIII. Doch sowas mer­ken wohl wenige, his­to­risch inter­es­sierte Per­so­nen. – Sonst geniesse ich Ihr Werk, auch wenn ich Ihre Ein­schät­zung von Hor­thy nicht ganz tei­len kann. Ich wün­sche den lie­be­voll geschi­rie­be­nen Buch viel Erfolg!
    Mit freund­li­chen Grüs­sen aus der Schweiz,
    Peter J. Hatos

  3. Diese Rezen­sion macht Lust auf das Buch. Ich bin zwar durch­aus ein his­to­risch inter­es­sier­ter Mensch, die Fami­lie Kál­noky ist mir bis­her aller­dings unbekannt.

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