Mihai Neghina: Damen-Schachstudie (Urdruck)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Die zwei Damen im Spiegel

von Peter Martan

Die Schach­freunde unter der „Glarean“-Leserschaft wer­den sich noch an die Stu­die von Mihai Neg­hina erin­nern, die unter dem Titel „Dame im Gol­de­nen Käfig“ vor kur­zem hier als Urdruck ver­öf­fent­licht wurde. Deren Kom­po­nist ist ein ganz beson­de­res Talent im Erdenken von Stu­dien, die Schach­pro­gramme auch heute noch über­for­dern – über­for­dern nicht nur hin­sicht­lich stel­lungs­ad­äqua­ter Bewer­tung, son­dern auch hin­sicht­lich ihrer „Belehr­bar­keit“.

Spezialist für komplexe Schach-Studien: Mihai Neghina
Spe­zia­list für kom­plexe Schach-Stu­dien: Mihai Neghina

Denn erken­nen Pro­gramme heut­zu­tage in der Regel zumin­dest rasch ihre Feh­ler, wenn man ihnen die Züge, an denen sie zunächst vor­bei­rech­nen, ein­gibt, wonach sie dann die rich­tige Bewer­tung im Hash zur Aus­gangs­stel­lung mit zurück neh­men, hat Neg­hina mit die­ser zwei­ten Stu­die – die eben­falls hier als Urdruck erscheint – neu­er­lich ein Meis­ter­werk voll­bracht, das die Pro­gramme (sogar mit  bekann­tem Lösungs­weg an frü­hen Ver­zwei­gun­gen) immer wie­der in die alten Fehl­be­wer­tun­gen zurück­fal­len lässt.

Weiss zieht und gewinnt

Mihai Neghina: "Die zwei Damen im Spiegel" - Schach-Studie (Urdruck) 2009 - 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/7K/P7/1q1n1Q2/5n2 w
Mihai Neg­hina: „Die zwei Damen im Spie­gel“ – Schach-Stu­die (Urdruck) 2009 – 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/7K/P7/1q1n1Q2/5n2 w

.© Mihai Neg­hina, Stu­die 2009, Urdruck Glarean Magazin

1. Rxf5 gxf5 2. Nh6 Nf3+ 3. Kh5 Qa2 4. a4 a5 5. Qg2 b6 6. Qf2 b5 7. axb5 cxb5
8. Qg2 a4 9. Qf2 a3 10. Qg2 b4 11. Qf2 Qb3 12. Qxf1 Nd2 13. Qg2 Ne4 14. Nhxf5
a2 15. Qxe4 a1=Q 16. Kh6 Qh3+ 17. Nh4 Qxh4+ 18. Qxh4 Qe5 19. Qh1 Qb8 20. Nf5 b3
21. Ng7 Kg8 22. Qe4 Kf8 23. Nh5 b2 24. g6 hxg6 25. Kh7 Qd8 26. Ng7 b1=Q
27. Qxb1 Qd6 28. Qa2 Qxf6 29. Qa3+ Qe7 30. Qa8+ Qe8 31. Qxe8# 1-0

(Ana­ly­sen: Mihai Neg­hina & Peter Martan)

Hier können Sie die Züge interaktiv nachspielen


Exkurs: Wenn Schachprogramme Stellungen bewerten…

Die alte Frage, was ein gutes Schach­pro­gramm mehr aus­macht: Suche oder Bewer­tung, lässt sich an Stel­lun­gen wie der obi­gen am bes­ten ad absur­dum füh­ren. Sie ist so sinn­los wie die Frage, ob Ei oder Henne zuerst da war. Wie soll ein Pro­gramm rich­tig bewer­ten, was es nicht in der Suche fin­det – und wie soll es wis­sen, was es in sei­nem Such­baum als nutz­los abwer­fen kann, wenn die Bewer­tung der Vari­an­ten nicht stimmt?
Fast alle guten Pro­gramme favo­ri­sie­ren hier den Lösungs­zug sofort, die Alter­na­tive 1.Sxf5? wird als schwä­cher erkannt. Der Grund für die Bewer­tung, die bei den meis­ten um 0,00 Cen­ti­pawn herum liegt, ist der Zug 3.Dxf3, nach dem eine for­cierte Stel­lungs­wie­der­ho­lung durch Dau­er­schach gefun­den wird. Dass es nach 3.Kh5! einen siche­ren Gewinn­weg gibt, bleibt im Dun­keln, weil die­ser dritte Zug gar nicht erst so weit berech­net wird, dass er in die Bewer­tung eingeht.

Nun ist das beson­ders Raf­fi­nierte an der Stel­lung, dass auch nach 10 Zügen in die rich­tige Gewinn­va­ri­an­ten hin­ein zwar die Bewer­tung der Pro­gramme hoch­schnellt, die Vari­an­ten­zahl mit immer wie­der Zug­zwang-Poin­ten in grös­se­ren Halb­zug­tie­fen ist aber so gross, dass es auch im „Rück­wärts­gang“, Zug um Zug zur Aus­gangs­stel­lung ab der als Gewinn erkann­ten spä­te­ren Ver­zwei­gung kaum gelingt, den Engi­nes „bei­zu­brin­gen“, die Gewinn­be­wer­tung zu behal­ten – ein­fach weil mehr und mehr Vari­an­ten dazu­kom­men, die das Ergeb­nis hin­ter dem „Hori­zont“ ver­schwin­den lassen.
Über­tra­gen auf unsere „Zwei-Damen“-Aufgabe bedeu­tet dies, dass also ihre Zug­ge­ne­rie­rung bis zum drit­ten Zug funk­tio­niert – aber gleich­zei­tig, dass sie das Poten­tial der Stel­lung nicht rich­tig ein­schät­zen, was sich dann ab die­sem drit­ten Zug auch als Feh­ler aus­wirkt. Kurzum, die Lösung fin­den alle Pro­gramme schnell, aber aus völ­lig „fal­schen Grün­den“:  „Ope­ra­tion gelun­gen, Pati­ent gestorben“.


Die Vorform der „Damen“

Es ist aus­ge­spro­chen span­nend, sol­che Stu­dien mit dem Com­pu­ter zu über­prü­fen, und auch in den „Zwei Damen im Spie­gel“ gab es eine Vor­form, die Neg­hina und mir erst nach län­ge­rem Durch­fors­ten mit Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung als ech­tes „Loch“ klar wurde – bei den vie­len fal­schen Remis­va­ri­an­ten, die der Com­pu­ter vor­schlug, war eine echte dabei. Wie­der war die Aus­gangs­stel­lung nur mini­mal anders. (Siehe nächs­tes Dia­gramm). Beson­ders fin­dige Stu­di­en­kna­cker sind gefor­dert, die Vari­ante zu fin­den, an der die­ser kleine Stel­lungs­un­ter­schied scheiterte.

Vorform der Studie von Mihai Neghina: "Die zwei Damen im Spiegel" - Schach-Studie (Urdruck) 2009 - - 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/1P5K/8/Pq1n1Q2/5n2 w
Vor­form der Stu­die von Mihai Neg­hina: „Die zwei Damen im Spie­gel“ – Schach-Stu­die (Urdruck) 2009 – – 6Nk/pp2Np1p/2p2Pp1/2R2bP1/1P5K/8/Pq1n1Q2/5n2 w

Wider­le­gungs­va­ri­ante der ers­ten Vorform:
1.Txf5 gxf5 2.Sh6 Sf3+ 3.Kh5 Dxa2 4.Dg2 a6 5.Df2 c5 6.bxc5 [6.b5 a5 7.Dg2 a4 8.Df2 a3 9.Dg2 Dc4 10.Dxf3 Sg3+ 11.Dxg3 De2+ 12.Kh4 De4+ 13.Kh3 Dh1+ 14.Dh2 Df3+ 15.Kh4 De4+] 6…a5 7.Dg2 a4 8.c6 bxc6 9.Df2 a3 10.Dg2 Dc4 11.Dxf3 Sg3+ 12.Dxg3 De2+ 13.Kh4 De4+ 14.Kh3 Dh1+ 15.Dh2 Df3+ 16.Kh4 De4+ ½–½ ♦

Lesen Sie zum Thema Schwie­rige End­spiele auch über die Schach-Serie God­zilla End­game Chess Puz­zles (4)
Aus­ser­dem im GLAREAN MAGAZIN zum Thema End­spiel-Pro­bleme: Der Stu­dien-Kom­po­nist Evgeny Kopylov

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