Matthias Berger: Zwei Kurzprosa-Texte

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 2 Minu­ten

Zwei Kurzprosa-Texte

Die Luft, die wir atmeten, liessen wir dort

Es war eine Zeit der Korn­blu­men. Eine Insel­zeit, mit lau­ter Men­schen, die ich nie wie­der sehen würde, die mich auf nichts behaf­te­ten, da sie mich zum ers­ten Mal trafen.
Und es wurde die Zeit ihres blauen, wei­ten Blicks, ihrer rot­blon­den Locken, durch die meine Fin­ger fuh­ren und an denen sie sich hiel­ten in sel­te­ner Entschlossenheit.
Es wurde die Zeit der kla­ren Worte – roman­tisch, aber ohne Kitsch – die geschichts­los waren und blie­ben, die keine Rück­sicht kann­ten und tra­fen. Worte, die wür­zig waren wie die Luft, in die sie gespro­chen wurden.
Es war auch die Zeit der Ziga­ret­ten­küsse, der scham­lo­sen Ver­le­gen­hei­ten, der ver­we­ge­nen Schüchternheit.
„Mor­gen kommt erst Über­mor­gen“, spray­ten die Göt­ter an den blauen Him­mel, und der Wind der Ost­see ver­blies das nicht.
Die Luft, die wir atme­ten lies­sen wir dort. Das Foto von dir nahm ich mit. ♦


Kürzlich traf ich einen

Kürz­lich traf ich einen. Nun hatte ich zufäl­lig gerade Theo­lo­gie stu­diert und kam mit den Unweg­sam­kei­ten des Lebens gut zurecht.
So fragte ich den, ob ich ihn zu einer Par­tie Dog­ma­tik her­aus­for­dern dürfe.
Er wil­ligte ein. Ich schlug ihn, weil ich meine All­macht lang genug geschützt hielt. Im ent­schei­den­den Moment erst brachte ich sie aktiv ins Spiel. Dage­gen war er ohnmächtig.
Ich schlug sei­nen Sohn an mein Kreuz. Da gab er auf.
Er reichte mir die Hand, ver­ab­schie­dete sich freund­lich und zog sei­nes Wegs.
Hab’ ihn dann nicht mehr gese­hen. Net­ter Typ. Keine Ahnung, wer das war. ♦


Matthias BergerMat­thias Berger

Geb. 1961, auf­ge­wach­sen bei Bern, Stu­dium der evang.-ref. Theo­lo­gie in Bern und Nai­robi, acht Jahre Gemeinde-Pfarr­amt, 4 Jahre Psych­ia­trie­seel­sorge, seit 4,5 Jah­ren Gefäng­nis­seel­sor­ger in Pfäf­fi­kon / Kt.ZH, lebt als Spi­tal­seel­sor­ger in Zürich

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch Kurz­prosa von Daniel Mylow: Fliegen
… sowie die 8. Wort-Bild-Medi­ta­tion von Bernd Giehl über „Das schwarze Qua­drat“ von Kasi­mir Malewitsch

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)