Sax Allemande: Ein Kagel-Schubert-Projekt (CD)

Symbiose zweier Musik-Sphären

von Wal­ter Ei­gen­mann

Sax Allemande - Ein Kagel-Schubert-Projekt - Farao-ClassicsWen ori­gi­nelle (und «klas­si­sche») Sa­xo­phon-Mu­sik (auf höchs­tem tech­ni­schem Ni­veau) in­ter­es­siert, der dürfte längst auf «Sax Al­le­mande» ge­sto­ßen sein, ein vor rund 10 Jah­ren ge­grün­de­tes Trio, das sich aus den Solo-Sa­xo­pho­nis­ten Frank Schüss­ler, Arend Has­tedt und Mar­kus Maier zu­sam­men­setzt, und das ne­ben sei­nen Live-Kon­zer­ten bis jetzt mit zwei ex­qui­si­ten, ja exo­ti­schen Ein­spie­lun­gen auf­merk­sam (oder be­trof­fen?) machte: Bachs «Gold­berg-Va­ria­tio­nen» und Opern-Num­mern… Sti­lis­ti­sche bzw. äs­the­ti­sche Be­rüh­rungs­ängste ha­ben die drei Blas­vir­tuo­sen also keine, da­für of­fen­sicht­lich eine un­ver­hoh­lene Lust an sol­chen Ex­pe­ri­men­ten, die sie weit­aus hö­her mu­si­ka­lisch denn mo­ne­tär be­frie­di­gen dürf­ten  – was sie nun auch mit ih­rer jüngs­ten und si­cher am­bi­tio­nier­tes­ten CD-Auf­nahme un­ter Be­weis stel­len: ei­nem «Ka­gel-Schu­bert-Pro­jekt».

Auftrag an Mauricio Kagel für ein Saxophon-Trio

Mauricio Kagel (1985)
Mau­ricio Ka­gel (1985)

Denn im Früh­ling 2003 trat man, wie das CD-Book­let über die Ent­ste­hung die­ser Disc zu be­rich­ten weiß, an ei­nen der re­nom­mier­tes­ten Kom­po­nis­ten neuer Mu­sik heran, an Mau­ricio Ka­gel, der bitte prü­fen möge, ob er ein Stück für Sa­xo­phon­trio kom­po­nie­ren könne… Nach an­fäng­li­chem Zö­gern hätte dann Ka­gel re­agiert und ei­nes sei­ner frü­he­ren, nur im Kla­vier­aus­zug be­stehen­den sze­ni­schen Werke («La Tra­di­tion orale» / spä­ter: «Der münd­li­che Ver­rat») zur Grund­lage ei­ner Suite mit ver­schie­de­nen kur­zen «Cha­rak­ter­stü­cken» ge­macht. Diese seine je ab­ge­schlos­se­nen klei­nen «Mu­sik­num­mern» – «li­te­ra­risch» lie­gen der Samm­lung Le­gen­den und Fa­beln über Gott und den Teu­fel zu­grunde, und sie wur­den ur­sprüng­lich für drei Schau­spie­ler und sie­ben Mu­si­ker ge­schrie­ben – nun von drei Sa­xo­pho­nen ge­spielt zu se­hen hatte Ka­gel da­bei kei­ner­lei Be­den­ken, wie er schreibt: «Eine der we­sent­lichs­ten Leh­ren, die wir aus der Ro­man­tik zie­hen kön­nen, ist das Pri­mat der mu­si­ka­li­schen Sub­stanz über eine spe­zi­fi­sche Klang­farbe: Wenn die Vor­stel­lungs­kraft ein­präg­sam ge­nug ist, dann kann sie mit aus­tausch­ba­ren Klang­mit­teln ei­nen ihr ge­rech­ten Aus­druck fin­den.»

Kagel-Schubert-Kagel-Schubert…

Franz Schubert (1797-1828)
Franz Schu­bert (1797-1828)

So­weit die eine Seite die­ser Disc; die an­dere liegt um sti­lis­ti­sche Wel­ten zu­rück und heißt Franz Schu­bert. Wie bitte? Doch eher Ka­gel ge­gen denn Ka­gel mit Schu­bert, oder? Mit­nich­ten. Meis­ter Ka­gel selbst schlug den ge­nia­len Ro­man­ti­ker vor als «Ge­gen­über» für diese Pro­duk­tion, denn von «Sax Al­le­mande» ge­fragt, mit wel­cher Mu­sik sein Werk im Kon­zert kom­bi­niert wer­den könnte, habe Ka­gel ge­ant­wor­tet: «… Ge­su­aldo wäre mög­lich oder auch etwa Schu­manns ‚Ge­sänge der Frühe’… oder Schu­bert. Viel­leicht eine Ab­folge von Ka­gel-Schu­bert-Ka­gel-Schu­bert…» Wo­nach Schüss­ler, Has­tedt und Maier die bei­den Schu­bertschen Streich­trios D471 und D581 in­te­grier­ten.
«Sax Al­le­mande» sel­ber über ihre Er­fah­run­gen beim Er­ar­bei­ten die­ser bei­den Kom­po­nis­ten: «Im Zuge un­se­rer An­nä­he­rung an das ‚Ka­gel-Schu­bert-Pro­jekt‘ war es bei­nahe un­heim­lich zu er­le­ben, wie sich die bei­den mu­si­ka­li­schen Sphä­ren auf­ein­an­der zu be­weg­ten. Über­gänge und Schnitt­stel­len er­zeug­ten eine ge­gen­sei­tige Durch­drin­gung des Ma­te­ri­als, lie­ßen Schu­bert in Ka­gel, Ka­gel durch Schu­bert hör­bar wer­den.»

Eindrückliche Spannweite in Dynamik und Emotionalität

Sax Allemande
Sax Al­le­mande

In­wie­weit dies doch eher Kon­zep­tion als Hör­rea­li­tät, eher Idee als Re­sul­tat blieb, muss je­der Hö­rer sub­jek­tiv ent­schei­den. Ob­jek­tiv hin­ge­gen ist, dass «Sax Al­le­mande» diese ins­ge­samt 21 Ti­tel mit tech­ni­scher Per­fek­tion, mit ein­drück­li­cher Spann­weite in Dy­na­mik und Emo­tio­na­li­tät, im­mer doch ge­kop­pelt mit sen­si­bler kam­mer­mu­si­ka­li­scher In­ti­mi­tät mu­si­zie­ren. Hier eine in Duk­tus und Struk­tur ganz und gar «un­auf­ge­regte», auch un­er­war­tet pro­blem­los nach­voll­zieh­bare Mo­der­ni­tät, und da Schu­berts emp­find­sa­mes, zu­wei­len klas­si­zis­ti­sches Ro­man­tik-Me­los – dar­aus re­sul­tiert teils der ab­rupte Kon­trast, teils tat­säch­lich ein flie­ßen­des Ver­schmel­zen – als dies­be­züg­lich nur ein be­son­ders frap­pan­tes Be­spiel sei der Über­gang von Stück 14 zu 15 er­wähnt – zweier ei­gent­lich in­kom­pa­ti­bler Stil­wel­ten.
Kurzum: Für Sa­xo­phon-Gour­mets ist dies «Ka­gel-Schu­bert-Pro­jekt» von «Sax Al­le­mande» ein Muss im CD-Re­gal, für je­den Mu­sik­freund aber eine her­aus­for­dernde – im bes­ten Sinne pro­vo­kante – Be­rei­che­rung sei­nes «Stil-Ho­ri­zon­tes». Und die Schu­bert-Lieb­ha­ber? Sie wer­den er­fah­ren, in welch auf­re­gen­dem mu­si­ka­li­schem Spek­trum sich das «klas­si­sche» Sa­xo­phon be­we­gen kann – und darob den Strei­cher­klang nicht mehr ganz so sehr ver­mis­sen…
Al­ler­dings ist jen­seits die­ser spe­zi­fi­schen CD-Pro­duk­tion (aber an eine ih­rer Vor­aus­set­zun­gen an­knüp­fend) eine kri­ti­sche Be­fra­gung an Mau­ri­zio Ka­gels Dik­tum sel­ber zu rich­ten, dass näm­lich aus­ge­rech­net in der Ro­man­tik «das Pri­mat der mu­si­ka­li­schen Sub­stanz über eine spe­zi­fi­sche Klang­farbe» herr­sche. In Re­nais­sance und Ba­rock, mei­net­we­gen auch noch in der (Spät-)Klassik: ja, mit Vor­be­hal­ten – aber aus­ge­rech­net im Mu­sik-Zeit­al­ter der fi­li­grans­ten Or­ches­trie­run­gen bzw. des klang­lich dif­fe­ren­zier­tes­ten Aus­drucks? Hier hätte ein neuer Dis­kurs an­zu­he­ben – und ei­gent­lich auch diese span­nende Denk­ani­mie­rung ein will­kom­me­nes Ver­dienst des Pro­jekts der drei «Sax-Allemande»-Bläser. ■

Sax Al­le­mande: Ein Ka­gel-Schu­bert-Pro­jekt, Werke für Sa­xo­phon­trio, Fa­rao Clas­sics, ASIN B001MWWSB4

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