Sax Allemande: Ein Kagel-Schubert-Projekt (CD)

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Symbiose zweier Musik-Sphären

von Walter Eigenmann

Wen ori­gi­nelle (und „klas­si­sche“) Saxo­phon-Musik (auf höchs­tem tech­ni­schem Niveau) inter­es­siert, der dürfte längst auf „Sax Alle­mande“ gestos­sen sein, ein vor rund 10 Jah­ren gegrün­de­tes Trio, das sich aus den Solo-Saxo­pho­nis­ten Frank Schüss­ler, Arend Hastedt und Mar­kus Maier zusam­men­setzt, und das neben sei­nen Live-Kon­zer­ten bis jetzt mit zwei exqui­si­ten, ja exo­ti­schen Ein­spie­lun­gen auf­merk­sam (oder betrof­fen?) machte: Bachs „Gold­berg-Varia­tio­nen“ und Opern-Num­mern… Sti­lis­ti­sche bzw. ästhe­ti­sche Berüh­rungs­ängste haben die drei Blas­vir­tuo­sen also keine, dafür offen­sicht­lich eine unver­hoh­lene Lust an sol­chen Expe­ri­men­ten, die sie weit­aus höher musi­ka­lisch denn mone­tär befrie­di­gen dürf­ten  – was sie nun auch mit ihrer jüngs­ten und sicher ambi­tio­nier­tes­ten CD-Auf­nahme unter Beweis stel­len: einem „Kagel-Schu­bert-Pro­jekt“.

Auftrag an Mauricio Kagel für ein Saxophon-Trio

Sax Allemande - Ein Kagel-Schubert-Projekt - Farao-ClassicsDenn im Früh­ling 2003 trat man, wie das CD-Book­let über die Ent­ste­hung die­ser Disc zu berich­ten weiss, an einen der renom­mier­tes­ten Kom­po­nis­ten neuer Musik heran, an Mau­ricio Kagel, der bitte prü­fen möge, ob er ein Stück für Saxo­phon­trio kom­po­nie­ren könne… Nach anfäng­li­chem Zögern hätte dann Kagel reagiert und eines sei­ner frü­he­ren, nur im Kla­vier­aus­zug bestehen­den sze­ni­schen Werke („La Tra­di­tion orale“ / spä­ter: „Der münd­li­che Ver­rat“) zur Grund­lage einer Suite mit ver­schie­de­nen kur­zen „Cha­rak­ter­stü­cken“ gemacht. Diese seine je abge­schlos­se­nen klei­nen „Musik­num­mern“ – „lite­ra­risch“ lie­gen der Samm­lung Legen­den und Fabeln über Gott und den Teu­fel zugrunde, und sie wur­den ursprüng­lich für drei Schau­spie­ler und sie­ben Musi­ker geschrie­ben – nun von drei Saxo­pho­nen gespielt zu sehen hatte Kagel dabei kei­ner­lei Beden­ken, wie er schreibt: „Eine der wesent­lichs­ten Leh­ren, die wir aus der Roman­tik zie­hen kön­nen, ist das Pri­mat der musi­ka­li­schen Sub­stanz über eine spe­zi­fi­sche Klang­farbe: Wenn die Vor­stel­lungs­kraft ein­präg­sam genug ist, dann kann sie mit aus­tausch­ba­ren Klang­mit­teln einen ihr gerech­ten Aus­druck finden.“

Kagel-Schubert-Kagel-Schubert…

Mauricio Kagel (*1985)
Mau­ricio Kagel (1932 – 2008)

Soweit die eine Seite die­ser Disc; die andere liegt um sti­lis­ti­sche Wel­ten zurück und heisst Franz Schu­bert. Wie bitte? Doch eher Kagel gegen denn Kagel mit Schu­bert, oder? Mit­nich­ten. Meis­ter Kagel selbst schlug den genia­len Roman­ti­ker vor als „Gegen­über“ für diese Pro­duk­tion, denn von „Sax Alle­mande“ gefragt, mit wel­cher Musik sein Werk im Kon­zert kom­bi­niert wer­den könnte, habe Kagel geant­wor­tet: „… Gesu­aldo wäre mög­lich oder auch etwa Schu­manns ‚Gesänge der Frühe’… oder Schu­bert. Viel­leicht eine Abfolge von Kagel-Schu­bert-Kagel-Schu­bert…“ Wonach Schüss­ler, Hastedt und Maier die bei­den Schu­bert­schen Streich­trios D471 und D581 integrierten.
„Sax Alle­mande“ sel­ber über ihre Erfah­run­gen beim Erar­bei­ten die­ser bei­den Kom­po­nis­ten: „Im Zuge unse­rer Annä­he­rung an das ‚Kagel-Schu­bert-Pro­jekt‘ war es bei­nahe unheim­lich zu erle­ben, wie sich die bei­den musi­ka­li­schen Sphä­ren auf­ein­an­der zu beweg­ten. Über­gänge und Schnitt­stel­len erzeug­ten eine gegen­sei­tige Durch­drin­gung des Mate­ri­als, lies­sen Schu­bert in Kagel, Kagel durch Schu­bert hör­bar werden.“

Eindrückliche Spannweite in Dynamik und Emotionalität

Franz Schubert (1797-1828)
Franz Schu­bert (1797-1828)

Inwie­weit dies doch eher Kon­zep­tion als Hör­rea­li­tät, eher Idee als Resul­tat blieb, muss jeder Hörer sub­jek­tiv ent­schei­den. Objek­tiv hin­ge­gen ist, dass „Sax Alle­mande“ diese ins­ge­samt 21 Titel mit tech­ni­scher Per­fek­tion, mit ein­drück­li­cher Spann­weite in Dyna­mik und Emo­tio­na­li­tät, immer doch gekop­pelt mit sen­si­bler kam­mer­mu­si­ka­li­scher Inti­mi­tät musi­zie­ren. Hier eine in Duk­tus und Struk­tur ganz und gar „unauf­ge­regte“, auch uner­war­tet pro­blem­los nach­voll­zieh­bare Moder­ni­tät, und da Schu­berts emp­find­sa­mes, zuwei­len klas­si­zis­ti­sches Roman­tik-Melos – dar­aus resul­tiert teils der abrupte Kon­trast, teils tat­säch­lich ein flies­sen­des Ver­schmel­zen – als dies­be­züg­lich nur ein beson­ders frap­pan­tes Bespiel sei der Über­gang von Stück 14 zu 15 erwähnt – zweier eigent­lich inkom­pa­ti­bler Stilwelten.

Das Saxophon-Trio Sax Allemande
Das Saxo­phon-Trio „Sax Allemande“

Kurzum: Für Saxo­phon-Gour­mets ist dies „Kagel-Schu­bert-Pro­jekt“ von „Sax Alle­mande“ ein Muss im CD-Regal, für jeden Musik­freund aber eine her­aus­for­dernde – im bes­ten Sinne pro­vo­kante – Berei­che­rung sei­nes „Stil-Hori­zon­tes“. Und die Schu­bert-Lieb­ha­ber? Sie wer­den erfah­ren, in welch auf­re­gen­dem musi­ka­li­schem Spek­trum sich das „klas­si­sche“ Saxo­phon bewe­gen kann – und darob den Strei­cher­klang nicht mehr ganz so sehr vermissen…
Aller­dings ist jen­seits die­ser spe­zi­fi­schen CD-Pro­duk­tion (aber an eine ihrer Vor­aus­set­zun­gen anknüp­fend) eine kri­ti­sche Befra­gung an Mau­ri­zio Kagels Dik­tum sel­ber zu rich­ten, dass näm­lich aus­ge­rech­net in der Roman­tik „das Pri­mat der musi­ka­li­schen Sub­stanz über eine spe­zi­fi­sche Klang­farbe“ herr­sche. In Renais­sance und Barock, mei­net­we­gen auch noch in der (Spät-)Klassik: ja, mit Vor­be­hal­ten – aber aus­ge­rech­net im Musik-Zeit­al­ter der fili­grans­ten Orches­trie­run­gen bzw. des klang­lich dif­fe­ren­zier­tes­ten Aus­drucks? Hier hätte ein neuer Dis­kurs anzu­he­ben – und eigent­lich auch diese span­nende Denk­ani­mie­rung ein will­kom­me­nes Ver­dienst des Pro­jekts der drei „Sax-Allemande“-Bläser. ♦

Sax Alle­mande: Ein Kagel-Schu­bert-Pro­jekt, Werke für Saxo­phon­trio, Farao Clas­sics, ASIN B001MWWSB4

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Musik für Saxo­phon“ auch über Hans-Chris­tian Del­lin­ger: Streaming

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