Inhaltsverzeichnis
Aus der Sicht des Amateurs
von Thomas Binder
Der „Schach-Booster“ von Michael Busse wendet sich an ambitionierte Einsteiger. Er vermittelt vielfältige Aspekte zu praktisch allen Kriterien des spielerischen Fortschritts. Die Ratschläge werden in übersichtlichen Abschnitten vorgestellt und mit einprägsamen Formulierungen nahe gebracht. Gelungenes Layout und die mustergültige Einbindung der Diagramme mit interaktiv nutzbarem QR-Code erhöhen den Nutzwert des Buches spürbar.
Das Wort „Booster“ haben wir in den letzten Jahren (zu) oft gehört. Hier haben wir es nun mit einer sympathischen Form des „Boostings“ zu tun. Das vorliegende Buch will unsere schachliche Spielstärke voran bringen, unsere Abwehrkräfte am Schachbrett stärken. Diese Impfung erhalten wir von Michael Busse, weiten Kreisen bereits bekannt als Macher des Podcasts „Schachgeflüster“. In den bisher mehr als 200 Folgen seines Podcasts bilden seine Gesprächspartner das „Who is Who“ des deutschen Schachs und darüber hinaus ab. Busse kann mit Fug und Recht als einer der einfluss- und kenntnisreichsten Schachjournalisten des Landes bezeichnet werden. Er leistet einen unschätzbaren Einfluss zur Popularisierung unseres Spiels, gibt aber auch immer wieder den Anstoß zu wichtigen Diskussionen. Sein großer Vorteil ist die Unabhängigkeit von Verbandsstrukturen oder kommerziellen Interessen.
Die Gedankenwelt von Strategie und Taktik

Nun liegt aus seiner Feder ein Buch vor, das uns – so der Untertitel – „die 10 besten Methoden zur Steigerung der Spielstärke“ vermitteln will. Dieser Untertitel, der vermutlich in der Werbeabteilung des Verlages entstand, ist insofern irreführend, als es solche einfach anzuwendenden Methoden natürlich nicht geben kann. Ein Ratschlag wie „Sei ein Super-Stratege!“ ist jedenfalls zu plakativ, als dass man ihn einfach so befolgen könnte.
Es gibt gegenwärtig unglaublich viele schachbegeisterte Menschen jeden Alters, die meist über das Onlinespiel zum Königlichen Spiel gefunden haben. Busse schreibt fernab von der Spielstärke eines Titelträgers aus der Sicht des ambitionierten Amateurs für eben diese Zielgruppe. Nach dem Erreichen einer gewissen Spielstärke fehlt ihnen nun die Orientierung, den nächsten Schritt voran zu tun. Genau dazu benötigen sie einen Booster – und sie werden von Michael Busses Werk nicht enttäuscht sein.
Der „Blunder-Check“ vor jedem Zug

Der Autor führt uns durch die drei Partiephasen Eröffnung/Mittelspiel/Endspiel, und er führt uns in die Gedankenwelt von Strategie und Taktik ein. Darüber hinaus gibt er immer wieder praktische Tipps, die über eine konkrete Situation hinausgehen. So soll man vor jedem Zug noch einen kurzen „Blunder-Check“ durchführen: Stellt der Zug etwas ein oder lässt er sogar ein Matt zu? Auch solche allgemeingültigen Denkmuster wie Nunns „Loose pieces drop off“ werden uns vorgestellt. Jede einzelne Empfehlung ist dabei klar praxisorientiert.
Die Booster-Impfung wird in sehr kleinen Dosen verabreicht. Das Werk ist klar gegliedert, jeder Tipp bildet einen kleinen Text-Happen von wenigen Zeilen. Das schafft Übersicht und Lesefreundlichkeit. In wohldosierter Auswahl unterstützen Diagramme das Gesagte anschaulich.
Einprägsame Begriffsbilder

Natürlich wurde praktisch alles schon von anderen Autoren und an anderen Stellen gelehrt. Busses Verdienst ist es, dieses Wissen attraktiv aufzuarbeiten und mit einprägsamen Begriffsbildern zu versehen. Die Lehre von der passenden Bauernaufstellung im Läuferendspiel kann man hoch wissenschaftlich bei Awerbach oder Dworezki präsentiert bekommen. Dem ambitionierten Laien prägt sich Busses „Strebe im Läuferendspiel nach Farbenvielfalt“ (durchaus mit Erläuterung der Ausnahmen von dieser Regel) einfach besser ein.
Wo passende Begriffe zu fehlen scheinen, scheut sich der Autor nicht, eigene einzuführen. So nennt er ein (in der Literatur) oft unterschätztes Springer-Motiv die „Sichel“ – durchaus treffend, auch wenn ich an anderer Stelle schon den ebenfalls passenden Begriff „Gummiband-Motiv“ gelesen habe.
Dass das Buch insgesamt auf den ersten Blick etwas textlastig ist, stellt dank der übersichtlichen Gliederung kein Problem dar. Die Zielgruppe würde ich dennoch bei Jugendlichen und Erwachsenen Schach-Einsteigern ab einem Level von ca. 1200 Ratingpunkten (ganz gleich, welches Bewertungssystem man gerade nutzt) ansetzen. Kinder unter 10 Jahren wären durch den umfangreichen Lesestoff vermutlich schwerer erreichbar.
Online-Vernetzung dank QR-Code
Jedes Diagramm ist mit einem QR-Code versehen. Dieser Service wird ja in der Schachliteratur immer mehr zum Standard. Im Schach-Booster ist er perfekt umgesetzt. Der Scan des QR-Codes führt über einen Link direkt auf die Onlineschach-Plattform „lichess“. Dort ist man sofort in der passenden Stellung und kann sie interaktiv analysieren und von der eingebauten Engine direkt bewerten lassen – der komplette lichess-Leistungsumfang steht zur Verfügung.
Natürlich muss das Werk ob der Fülle des abgedeckten Stoffes an vielen Stellen oberflächlich bleiben. Das ist aber mit Blick auf den potentiellen Leser keineswegs ein Nachteil. Er bekommt hier genau die Orientierung, die er auf der aktuellen Etappe seines Weges braucht. Inhaltlich bleiben nur wenige Wünsche offen. Vielleicht kann man dem Schach-Einsteiger noch ein paar Hinweise an die Hand geben, wie er einen passenden Schachverein findet und was ihn dort erwartet. Auch eine Einstimmung auf den Ablauf seines ersten Turniers – Turniermodi, (Verhaltens)regeln, Wertzahlen – würde er vermutlich gerne lesen.
Abschließend möchte ich noch die gelungene Typografie und das gut gemachte Layout hervorheben. Beides ist man freilich aus dem Hause Humboldt ebenso gewohnt wie das gewissenhafte Lektorat, dem kaum ein Schreibfehler entgangen ist. ♦
Michael Busse: Der Schachbooster – Die 10 besten Methoden zur Steigerung der Spielstärke, 224 Seiten, Humboldt-Verlag, ISBN 978-3842668065
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpädagogik auch über Stefan Kindermann: Der Königsplan für Kinder
