In Zeiten wie diesen
Peter Biro
… sind gute Nachrichten eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Deshalb wollen wir jene raren Exemplare würdigen, die es tatsächlich schaffen, an die Oberfläche unseres von Dauerkrisen durchpflügten Bewusstseins zu treiben. Man muss sie suchen wie Trüffel am Waldrand – aber es gibt sie.
So gelang es etwa Günter M. aus H., die notorische Einbahn-Baustelle auf der Seestraße in Zürich exakt in dem Moment zu erreichen, als die Grünphase aufleuchtete. Ohne nennenswerte Verzögerung glitt er durch die Engstelle – sein ungestümer Vorwärtsdrang in Richtung Feinkostladen kaum gebremst, wo frischer Seelachs seiner harrte.
Doch Fortuna hatte an diesem Mittwoch offenbar Dienst: Direkt gegenüber dem Ladeneingang wurde ein Parkplatz frei. Während ein halbes Dutzend motorbrummender Seelachs-Aspiranten in stoischer Lauerstellung verharrte, setzte Günter entschlossen zum Manöver an und sicherte sich das Terrain.
Es kam noch besser. Er erstand die letzten vier Seelachsfilets, just bevor die Fischtheke mangels Ware vorzeitig schloss. Als Krönung gewährte die lächelnde Fischereifachverkäuferin 25% Rabatt und legte die letzte Portion Sahne-Meerrettich als marketingstrategisch durchdachtes Präsent obendrauf. Günter bedankte sich staatsmännisch und schritt hoch erhobenen Hauptes davon.
Im Überschwang gönnte er sich beim Getränkehändler nebenan eine Flasche Champagner der besseren französischen Provenienz – zufällig ebenfalls zum halben Preis im Angebot. Man darf an dieser Stelle aufgrund der auffälligen Häufung von Glücksmomenten von einer statistischen Anomalie sprechen.
Mit nach frischem Dill riechender Beute und Selbstzufriedenheit bewaffnet, erstand er beim Floristen noch ein Bouquet für seine Gattin Lieselotte M. aus H. – Maiglöckchen in ausreichender Zahl, damit der Frühling auch optisch nicht widersprechen konnte. Aus dem Augenwinkel betrachtete er die weiterhin wartenden Parkplatz-Aspiranten, die noch nicht ahnten, dass das Objekt ihrer Begierde bereits ausverkauft war. Lauter Opfer des Zufalls und des begrenzten Seelachsbestands.
Frohgemut trat Günter die Heimfahrt an. Auf dem Beifahrersitz: fangfrischer Seelachs und vorgekühlter Champagner, sanft schwappend wie ein Versprechen auf gastronomisch-ehetechnischen Genuss. Zu Hause wartete Lieselotte – heute war der sechzehnte Hochzeitstag. Ein Anlass, der deutlich über das alltägliche Niveau von Leberknödel mit Fertigsoße und Aprikosenkompott aus der Dose hinauswies.
Lieselotte hatte keine Mühen gescheut: Die Schmetterlings-Velours-Tischdecke aus der untersten Kommodenschublade, ein Kristallleuchter mit fabrikneuer rosa Kerze, kunstvoll auf dem Esstisch verstreute Rosenblätter vom leicht ermatteten Strauch der Vorwoche. Das Abendlicht brach sich an den Kanten des Glases und malte verheißungsvolle Spektren auf die Raufasertapete. Ein Spätnachmittag wie bestellt.
Beseelt vom Gelingen seines Daseins erhöhte Günter die Geschwindigkeit marginal. Ein Lied perlte von seinen Lippen – jenen Lippen, die in absehbarer Zeit vom kühlen Champagner benetzt werden wollten. Auch die Begegnung mit Seelachs in Sahne-Meerrettichsauce erschien in greifbarer sinnlicher Nähe.
Um den optimistischen Grundton dieses Berichts nicht mehr als unbedingt nötig zu trüben, sei nur knapp vermerkt, dass Günter ausgerechnet vor besagter Baustelle in die bei Rot wartende Fahrzeugkolonne krachte. Einen Tag zuvor hatte er die Vollkasko aus Sparsamkeit gekündigt. Der Airbag funktionierte tadellos; sein Gehör weniger. Nasenbluten trat hinzu. Der Seelachs blieb unversehrt. Der Champagner hingegen verteilte sich in demokratischer Gleichmäßigkeit über den Fahrzeuginnenraum.
Im heimischen Esszimmer stand Lieselotte derweil neben dem festlich gedeckten Tisch und fragte sich, warum ihr Gatte noch nicht eingetroffen sei. Es wurde Zeit für das Auftischen der erwarteten Köstlichkeiten. Sie erwog, ob die Kerze bereits zu entzünden sei oder ob dies voreiligen Optimismus signalisieren würde.
Was lernen wir daraus? Vielleicht, dass vollständiges Glück eine thermodynamische Unmöglichkeit darstellt. Sicher ist nur: Der Mittwoch von Günter und Lieselotte aus H. war ein lehrbuchmässiger Fall des unvermeidlichen Gleichgewichts zwischen Unglück und Glück im Alltag – oder, je nach Perspektive, ein Glück mit abruptem Verfallsdatum. ♦
Geb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, von 1987 bis 2021 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, inzwischen pensioniert; schreibt kulturhistorische Essays und humoristisch-satirische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH
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