Rüdiger Görner: Bruckner (Musiker-Biographie)

Die Sprengkraft eines Biedermanns

von Christian Busch

Pünkt­lich zum 200. Ge­burts­jahr des Ju­bi­lars, des ös­ter­rei­chi­schen Kom­po­nis­ten An­ton Bruck­ner (1824-1896) er­schien im Zsol­nay-Ver­lag eine gro­ße Bio­gra­phie aus der Fe­der des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Rü­di­ger Gör­ner, der be­reits ei­ni­ge Ver­öf­fent­li­chun­gen (u.a. über Ril­ke, Tra­kl und T. Mann) vor­ge­legt hat, die Bruck­ners Le­ben und Werk auf ger­ma­nis­tisch neu­ar­ti­ge, er­zäh­le­ri­sche Wei­se in den Blick nimmt, kom­men­tiert und deutet.

Rüdiger Görner - Bruckner - Der Anarch in der Musik - Biographie - Glarean MagazinEine Bio­gra­phie über An­ton Bruck­ner zu schrei­ben ist kein leich­tes Un­ter­fan­gen, ver­lief des­sen Le­bens­weg doch so gänz­lich ohne Skan­da­le, mys­te­riö­se Lieb­schaf­ten, zer­rüt­te­te Ver­hält­nis­se, Feind­schaf­ten, An­fech­tun­gen oder gar po­li­ti­sche Ver­fol­gung. Denn der 1824 im ober­ös­ter­rei­chi­schen Ans­fel­den ge­bo­re­ne Leh­rer­sohn gilt als eher bie­de­re, ein­fäl­ti­ge, schwer zu­gäng­li­che Ge­stalt. Bruck­ners Le­ben war das ei­nes ge­wis­sen­haft sei­ne Pflich­ten der Lehr­tä­tig­keit er­fül­len­den, schlecht be­zahl­ten Be­am­ten, des­sen schöp­fe­ri­sche Kraft sich ganz auf sei­ne Kunst, das Im­pro­vi­sie­ren auf der Or­gel und das Kom­po­nie­ren lit­ur­gi­scher und sym­pho­ni­scher Wer­ke er­streck­te. Erst in ho­hem Al­ter ge­lang es ihm, aus dem ge­sell­schaft­li­chen Ab­seits zu tre­ten, Be­ach­tung und Wert­schät­zung für sein vi­sio­nä­res Werk von un­ge­heu­rer Spreng­kraft zu erlangen.

Von Ansfelden bis nach Wien

So hef­tet sich Bio­graph Rü­di­ger Gör­ner von Be­ginn an (Ge­burt in der ös­ter­rei­chi­schen Pro­vinz, Le­ben in Ar­mut und be­schei­dens­ten Ver­hält­nis­sen, frü­her Tod des Va­ters) an die Fer­sen des heu­te hoch­ge­schätz­ten Kom­po­nis­ten, um sei­nen be­schwer­li­chen Wer­de­gang zum Le­ben zu er­we­cken. Da­bei hat er im­mer wie­der Zu­sam­men­hän­ge von Bio­gra­phie und Werk im Blick, tas­tet mög­li­che Be­find­lich­kei­ten durch sug­ges­ti­ves Fra­gen ab – auf dem schma­len Grat zwi­schen re­spekt­vol­ler Di­stanz und er­ken­nen­der Nähe wandernd.

Pfarrkirche Ansfelden - Bruckner-Statue - Österreich
Länd­li­cher Aus­gangs­punkt ei­nes gläu­bi­gen Chris­ten und ek­sta­ti­schen Sym­pho­ni­kers: Bruck­ners Ge­burts­ort Ansfelden/A mit Pfarr­kir­che und Sta­tue (Wi­ki­me­dia)

In sei­ner aus drei Tei­len und sechs Ka­pi­teln be­stehen­den, chro­no­lo­gisch auf­ge­bau­ten Bio­gra­phie ar­bei­tet Gör­ner sehr sorg­fäl­tig die Ste­tig­keit, aber auch die Lang­sam- und Müh­se­lig­keit des künst­le­ri­schen Wegs Bruck­ners her­aus – von Ans­fel­den über St. Flo­ri­an und Linz nach Wien. Aus ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen stam­mend, ist der Erst­ge­bo­re­ne von elf Kin­dern zu­nächst ein aus­wen­dig ler­nen­der „Stre­ber“, der ir­gend­wann „nicht mehr mit den Be­diens­te­ten es­sen“ will, sich auf der Or­gel „frei­spielt“ und ohne jeg­li­ches Auf­be­geh­ren, in fes­tem Glau­ben le­bend, den­noch in sei­ner Kunst da­nach strebt, die Zwän­ge der Lit­ur­gie zu durch­bre­chen; der zu­nächst durch Im­pro­vi­sa­tio­nen auf der Or­gel Auf­merk­sam­keit er­weckt, mit 31 Jah­ren, als er end­lich von St. Flo­ri­an nach Linz be­ru­fen wird, aber erst am An­fang da­von steht, was man als Kar­rie­re be­zeich­nen könn­te. Zum Ver­gleich: in dem Al­ter war Mo­zart in sei­nen letz­ten Jah­ren, Franz Schu­bert be­reits tot. Der Weg vom ge­prüf­ten Ge­hil­fen zum Ge­for­der­ten und Ge­schätz­ten ist stei­nig und von vie­len Rück­schlä­gen begleitet.

Der Konzert-Organist

Bruckner an der Orgel - Schattenbild Otto Böhler - Glarean Magazin
Bruck­ner an der Or­gel (Schat­ten­bild von Otto Böhler)

Da­bei ist „To­nerl“ ein Ein­sa­mer. Nach dem Tod von Mut­ter und Schwes­ter ist es eine Haus­häl­te­rin, die ihm den Rü­cken frei­hält. Nur we­ni­ge Freund­schaf­ten, kei­ne ein­zi­ge part­ner­schaft­li­che Lie­bes­be­zie­hung, nur we­ni­ge kur­ze, gleich­wohl schöp­fe­risch in­spi­rie­ren­de Lie­be­lei­en ver­mag der Bio­graph zu ver­zeich­nen. Umso er­staun­li­cher da­ge­gen sein lit­ur­gi­sches und sym­pho­ni­sches Werk. Kaum vor­stell­bar und wohl auch nur we­nig be­kannt, dass Bruck­ner als Or­ga­nist – im ei­ge­nen Land (kaum ar­ri­viert) er­folg­rei­che Kon­zert­rei­sen nach Frank­reich und Eng­land un­ter­neh­men kann. Am 22. Au­gust 1871 spielt An­ton Bruck­ner in „Crys­tal Pa­lace“ vor 70’000 (!) Zuhörern.

Toccata für Orchester - Cover - Walter Eigenmann - Glarean Magazin
An­zei­ge

Doch wie auch nach sei­nem ge­fei­er­ten Auf­tritt in der Pa­ri­ser Not­re Dame kehrt er – in bo­den­stän­di­ger Hei­mat­ver­bun­den­heit – wie­der zu­rück nach Wien, wo der Brahms und Wag­ner hul­di­gen­de Mu­sik­kri­ti­ker Edu­ard Hans­lick Bruck­ners Mu­sik in selbst­ge­rech­ter Wei­se ab­qua­li­fi­ziert, und die Wie­ner Mu­sik­welt den Klang­di­men­sio­nen und mo­der­nen Brü­chen in Bruck­ners Sym­pho­nien ver­ständ­nis­los gegenübersteht.
Er­fol­ge gibt es hier und da: die Auf­füh­run­gen sei­ner drei Mes­sen, des Te De­ums und – wenn­gleich mit wech­seln­dem Er­folg – der ers­ten vier (von ins­ge­samt neun) Sym­pho­nien, Be­geg­nun­gen mit dem von ihm be­wun­der­ten Ge­gen­pol, ihn je­doch weit­ge­hend igno­rie­ren­den Ri­chard Wag­ner bei Be­su­chen in Bayreuth.
Doch auf alle Er­fol­ge fol­gen Rück­schlä­ge. Dass das in sei­nen von vie­len Brü­chen ge­kenn­zeich­ne­ten Sym­pho­nien sei­nen Nie­der­schlag fin­det, darf der Bio­graph ver­mu­ten. Im­mer wie­der muss Bruck­ner, ge­beu­telt von der Kri­tik, sei­ne Wer­ke über­ar­bei­ten, so dass eine Viel­zahl von Fas­sun­gen ent­ste­hen, wel­che ei­ner­seits Bruck­ners Selbst­zwei­fel, an­de­rer­seits aber auch sei­nen fes­ten Glau­ben und sei­ne Be­harr­lich­keit belegen.

Bruckners musikalischer Kosmos

Anton Bruckner - 8. Sinfonie - Beginn - Autograph - Glarean Magazin
Au­to­graph des Be­ginns von Bruck­ners 8. Sinfonie

Ein wich­ti­ges An­lie­gen bleibt – auch dem sich auf ger­ma­nis­ti­scher Ebe­ne nä­hern­den Bio­gra­phen – die Evo­zie­rung von Bruck­ners Klang­welt und den Di­men­sio­nen sei­nes kom­po­si­to­ri­schen Schaf­fens. An vie­len Stel­len sind er­hel­len­de, skiz­zen­haf­te Be­schrei­bun­gen von Bruck­ners Mu­sik ein­ge­fügt, die qua­si als un­ter­leg­te Film­mu­sik ver­su­chen, Zu­sam­men­hän­ge und Be­zü­ge zu Bruck­ners Le­ben, sei­nem Füh­len und Den­ken her­zu­stel­len. Die­se stets mit gro­ßer Vor­sicht vor­ge­nom­me­nen Be­schrei­bun­gen, etwa des Ada­gios sei­ner sieb­ten Sym­pho­nie in Ver­bin­dung mit dem Tod Ri­chard Wag­ners oder des Be­ginn der ach­ten Sym­pho­nie in c-moll, das den ne­kro­phi­len Cha­rak­ter Bruck­ners zum Vor­schein bringt, fol­gen der An­nah­me, dass Bruck­ners Le­ben und Werk zu­min­dest nicht ganz zu tren­nen sind, auch wenn die Di­men­sio­nen von Bruck­ners vi­sio­nä­rer Klang­welt zwei­fel­los me­ta­phy­si­scher Na­tur sind und weit über das bio­gra­phisch Sin­gu­lä­re hin­aus­ra­gen. So wird deut­lich, dass Bruck­ner in sei­nem tiefs­ten In­ne­ren un­aus­sprech­li­che Ge­gen­sät­ze ver­eint. Ei­ner­seits den in fes­tem Glau­ben ver­wur­zel­ten, gläu­bi­gen Chris­ten, der aus sei­nen lit­ur­gi­schen Wer­ken spricht, was Gör­ner an ei­ner prä­zi­sen Ana­ly­se des Te De­ums nach­weist; an­de­rer­seits den mo­der­nen, sä­ku­la­ri­sier­ten Geist, der in sei­nem sym­pho­ni­schen Wer­ken die Brü­che die­ses Welt- und Got­tes­bil­des und das Über­schrei­ten die­ser Gren­zen ver­tont. In­so­fern ist Bruck­ner ein Kom­po­nist der Ro­man­tik, aber eben auch ei­ner, der das Tor zur Mo­der­ne weit auf­stößt – ähn­lich dem Ma­ler Cas­par Da­vid Fried­rich (1774 – 1840), ei­nem wei­te­ren Ju­bi­lar in die­sem Jahr 2024.

Omnia ad maiorem (dei) gloriam

Rüdiger Görner - Bruckner-Biograph - Literaturwissenschaftler - Glarean Magazin
Grat­wan­de­rung zwi­schen re­spekt­vol­ler Di­stanz und er­ken­nen­der Nähe: Bruck­ner-Bio­graph Rü­di­ger Görner

Fa­zit: Nicht we­ni­ger und noch viel mehr (u. a. Re­zep­ti­on, poe­ti­sche Im­pro­vi­sa­tio­nen, An­mer­kun­gen, Li­te­ra­tur­ver­zeich­nis und Per­so­nen­re­gis­ter) bie­tet Gör­ners gro­ße Bio­gra­phie, in dem äu­ßerst ver­dienst­vol­len und ak­tu­el­len Bei­trag zur Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Le­ben und Werk Bruck­ners. So bleibt auch 128 Jah­re nach Bruck­ners Tod das be­trof­fe­ne Stau­nen über das Lei­den ei­nes häu­fig un­ter­schätz­ten und un­ver­stan­de­nen Künst­lers an sei­ner igno­ran­ten Zeit und Um­welt le­ben­dig. Die Sym­bio­se von Ger­ma­nis­tik und Mu­sik­wis­sen­schaft ist an­ge­deu­tet und er­scheint ein­mal mehr unerlässlich.
Rü­di­ger Gör­ners Ver­öf­fent­li­chung ist das Er­geb­nis ei­ner ge­lun­ge­nen An­nä­he­rung an den Kos­mos Bruck­ner, die, auch wenn sie am Ende doch zu un­per­sön­lich bleibt und ohne jeg­li­che Il­lus­tra­tio­nen aus­kom­men muss, dank gro­ßer Akri­bie und Sach­lich­keit den My­thos Bruck­ner in Wor­te fasst, ohne ihn zu „er­le­di­gen“. Die Fas­zi­na­ti­on für Mu­sik, die sich nicht ver­ein­nah­men und ein­deu­tig auf­lö­sen lässt, wird am Le­ben er­hal­ten, ge­nährt und so­gar ge­stei­gert. So en­det der Au­tor fol­ge­rich­tig mit dem Wunsch, dass die mu­si­ka­li­sche Welt der dras­ti­schen Dis­so­nanz Bruck­ners Mu­sik see­lisch ent­ge­gen­rei­fe. Om­nia ad maio­rem (die) glo­ri­am – oder: Al­les zu Eh­ren Bruckners. ♦

Rü­di­ger Gör­ner: Bruck­ner – Der An­arch in der Mu­sik, Bio­gra­phie, 384 Sei­ten, Zsol­nay Ver­lag, ISBN 978 3552075115

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