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Zwischen Identität und Authentizität
von Christian Busch
„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus…“ – mit diesen Worten beginnt Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“, der in zahlreichen Einspielungen Künstler und Publikum immer wieder aufs Neue in seinen Bann zieht und herausfordert, aber auch vor die Frage stellt: Wer ist dieses Ich? Ist es der Dichter Wilhelm Müller, der Komponist Franz Schubert, oder identifiziert sich jeder Sänger oder auch Sängerin derart mit diesem Ich, dass es bewusst oder unbewusst dem Ich seine eigene Note verleiht oder sogar mit diesem verschmilzt? Und: Ist die Stimme des Interpreten noch seine eigene, wenn er im Konzertsaal das Musikstück anstimmt? Was ist, wenn aus Fiktion Realität wird?
Solchen grundsätzlichen Fragen hat sich der britische Tenor Ian Bostridge nach seiner vielbeachteten Abhandlung über Schuberts Zyklus, einer „Anatomy of an obsession“, nun in seinem essayistischen Werk „Das Lied & das Ich“ gestellt. Dabei kommt dem geschätzten Liedinterpreten zugute, dass er auch studierter Historiker ist und die Werke in ihrem geschichtlichen Kontext zu situieren und zu ergründen vermag. Die Betrachtungen, hier in drei Essays aufgeteilt, entstanden ursprünglich für Vorlesungen an der Universität von Chicago.
Geschlechterfragen in der Oper

Der erste beschäftigt sich mit Geschlechterfragen, welche seit Jahrhunderten in der Oper – von Kastraten bis Hosenrollen – immer wieder aufgegriffen werden. Ian Bostridge nimmt sich darin den verschwimmenden Geschlechterrollen in Claudio Monteverdis Kurzoper „Il combattimenteo di Tancredi e Clorinda“ (1624) und in Robert Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe und -leben“ an; sein Interesse liegt – das wird mehr und mehr deutlich – auf dem Aufbrechen der Tropen der Hetero-Normität, etwa wenn die Oper in karnevalesker Manier mit Gendervorstellungen in ihrer erotischen Ambiguität spielt; etwa, wenn Tancredi mit seiner als fremder Krieger verkleideten Geliebten Clorinda kämpft, sie schließlich sogar – zum Entsetzen der Zuschauer – tötet, um sie dann zu taufen.
Der Autor wäre kein Historiker, würde er nicht – zum erhellenden Vergnügen des Lesers – die komplexen, sozialgeschichtlichen Hintergründe der Oper beleuchten. Wenn Bostridge indes von seiner jüngsten Aufführung des Werkes berichtet, belässt er es bei Erwähnung der interessanten, vielschichtigen Erkundung der Fluidität von Geschlecht und Sexualität.
Polarität von Komponist und Pianistin

Bei Schumanns aus der Epoche der Romantik stammenden Liedzyklus Frauenliebe und -leben, der biographisch in die Zeit der Eroberung der geliebten Pianistin Clara Wieck fällt, ergibt sich zunächst die Polarität von männlichem Komponisten (Schumann) und Dichter (Chamisso) aus dem 19. Jahrhundert einerseits sowie der weiblichen Interpretin aus dem 21. Jahrhundert andererseits. In welchem Maße, so fragt Bostridge, kann etwa die Unterwürfigkeit der Frau in den Liedern heute dargestellt werden? Und was bedeutet es, wenn man wie der Autor mit dem Hinweis auf die komplexe Rollenverteilung der Schumanns in Robert den Protagonisten des Zyklus sieht?
Solche Überlegungen bestärken den Autor in dem Wunsch, das Werk in Zukunft vorzutragen und dabei Schicht um Schicht die Zwangsjacke der gendernormativen Interpretation zu lockern und auf die Vielfalt möglicher Welten im Stück zu reagieren. Dies gilt auch für Benjamins Britten „Curley River“, mit dem er sich am Ende dieses Abschnitts befasst und in dem ein Mann die Mutterrolle übernimmt.
Verborgene Geschichte(n)

Etwas ausführlich, aber immer auf der Höhe der Zeit bewegen sich die Betrachtungen auch im zweiten Essay, wenn es in den am Ende der französischen Kolonialpolitik entstandenen, exotistischen Chanson madécasses“ von Maurice Ravel um kulturelle Aneignung geht. Beim zweiten der drei Lieder („Aoua“) handelt sich um einen antikolonialistischen Aufschrei nach Freiheit, der allerdings 1787 von einem französischen Kolonialisten, dem Dichter Evariste de Parny, geschrieben und 1926 von Ravel vertont wurde.
Auch hier zeigt sich der Autor als akribisch recherchierender Historiker, der ein feines Gespür für komplexe, sozialgeschichtliche, aber auch kulturelle Aneignung darstellende Zusammenhänge beweist. Auch sein Hinweis auf Ravels unpolitischen, eher dandyhaften und an der Kunst interessierten Charakter führt zum differenzierten Verständnis der sich afrikanischer Elemente bedienenden Lieder hin. Dass die in Großbritannien geborene, afro-karibische Mezzosopranistin Ruby Philogene 1995 in einer Darbietung einen ungleich authentischeren Zugang zu den Liedern fand als er selbst, ist eine kostbare und wertvolle Einsicht im Umfeld von Identität und Authentizität.
Der Tod in der Musik

Der letzte Essay beschäftigt sich mit dem Thema Tod in verschiedenen musikalischen Werken des 20. Jahrhunderts. Der Tod sei dabei nach dem Philosophen Bernard Williams das sinnstiftende Element des Lebens – mit dem Verweis auf den in Janaceks Oper „Die Sache Makropulos“ auftauchenden Fluch der Unsterblichkeit. Zwar bedeute der Tod das Ende von Identität, doch sei er es, der im Leben durch die Perspektive der Sterblichkeit Sinn entstehen lasse. Im Weiteren betrachtet er mit vielen biographischen Hintergründen die häufige und vielschichtige Behandlung des Themas Tod in der Musik, angefangen von Schuberts „Winterreise“ über Brittens „Sinfonia da requiem“, „War requiem“ bis zu „Death in Venice“, bevor seine Überlegungen in eine kunstvolle, Erlösung verheißende Apotheose münden.
Authentizität der künstlerischen Interpretation
Mit seinen essayistischen Betrachtungen zum Anteil des Interpreten an der Aufführung positioniert sich der britische Star-Senor und Historiker als nachdenklicher, verantwortungsvoller, stets nach Wahrheit und Authentizität strebender Künstlerinterpret, dem es nie um Selbstdarstellung oder äußerliche Gefallsucht geht. Seine Ausführungen zeigen ein tiefes Verständnis für die Vielschichtigkeit und Komplexität der ihm anvertrauten Werke. Sein Buch gibt mehr interessante Anstöße und Impulse – auch auf die behandelten Werke – denn Antworten. Die Frage nach der Identität des Kunstwerks bleibt eine spannende, stets auch persönliche, aber immer auch offene. ♦
Ian Bostridge: Das Lied & das Ich, Musik-Essays, 142 Seiten, Beck Verlag, ISBN 978 3 406 80866 1
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zur Gender-Thematik auch über das Lexion Musik und Gender
