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Willkommen beim GLAREAN MAGAZIN und viel Spass auf dem Trip durch die ganze Welt der Literatur, des Schachs, des Rätsels und der Musik!


Zitat der Woche über das Lernen aus Fehlern (Karl Popper)

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Über das Lernen aus Fehlern

Karl Popper

Karl Popper - Zitat der Woche - Lernen aus Fehlern - Glarean Magazin

Wir können aus unseren Fehlern lernen; darum ist es unsere Pflicht, aus unseren Fehlern zu lernen.

aus Karl Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 1965

Lesen Sie zum Thema Lernen auch unser Zitat der Woche von Felix Stalder: Kultur der Digitalität


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Das neue leichte Sudoku-Quartett im Juli 2022

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Der unbeschwerte Zahlen-Puzzle-Spass

von Walter Eigenmann

Ein bisschen Logik, ein bisschen Vorstellungskraft, ein bisschen Erinnerungsvermögen – mehr ist nicht nötig, um in Sachen Sudoku-Rätsel eine Menge Denksport-Spaß zu haben.
Das GLAREAN MAGAZIN wünscht viel Erfolg beim Knobeln des Sudoku-Quartetts im Juli 2022!

Neue leichte Sudoku-Puzzles - Juli 2022 - Glarean Magazin - Aufgaben
Das neue leichte Sudoku-Quartett im Juli 2022

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Sudoku – die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind.
Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin zum Thema Rätsel auch das Sudoku-Quartett vom Juli 2019

… sowie das Sudoku-Quartett vom Oktober 2017 mit unterschiedlich schwierigen Rätsel-Aufgaben

Auflösung der 4 Rätsel —> (weiterlesen)

Weiterlesen

Walter Eigenmann: Sechs Jazz-Stücke für Klavier

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Sechs Jazz-Stücke für Klavier

Sechs Jazz-Stücke für Klavier - Walter Eigenmann„Sechs Jazz-Stücke für Klavier“ entstanden im Frühjahr 2021. Sie kreisen alle um den Ton C als melodisch-motivisches, aber nicht-tonales Zentrum.
Neben je charakteristischer, bevorzugt aus dem Jazz stammender Rhythmik sind die formale Durchsichtigkeit und die relativ einfache Nachvollziehbarkeit der vertikalen Strukturen für den Hörer die zwei wichtigsten Intentionen des Komponisten.
Spezifische Jazz-Standards werden keine verwendet, eher arbeiten die Stücke mit motivischen und harmonischen Annäherungen an ein grundlegendes „Jazz-Fluidum“, indem gewisse Jazz-Charakteristika stilisiert werden.
Die Schwierigkeitsgrade erstrecken sich von leicht bis sehr schwierig. ♦

Walter Eigenmann: Sechs Jazz-Stücke für Klavier, 24 Seiten, ISBN 978-3-347-33632-2


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Peter Biro: Die wahre Natur der Entenvögel (Humoreske)

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Die wahre Natur der Entenvögel

Peter Biro

Lange Zeit hat man den Mantel des Schweigens bzw. das Grabtuch der Verleugnung über die wahre Natur der Entenvögel gebreitet. Sehr lange sogar, wenn man bedenkt, dass bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert erste Vermutungen darüber angestellt wurden, dass diese Wasservögel von außerirdischer Provenienz sein könnten.

Humoreske: Die wahre Natur der Entenvögel - Konspiratives Ententreffen (Collage von Peter Biro)
Konspiratives Ententreffen (Collage von Peter Biro)

Der erste, der diese Feststellung handschriftlich auf einer Serviette des Bistros „L´Aubaine en Ville“ aufgezeichnet und anderntags bei einer Zusammenkunft der Pariser Beutelrattenforscher – sogar nonverbal mittels pantomimischer Darstellung – ausgesprochen hatte, war kein Geringerer als Antoine Horst D´Oevre, der berühmteste Astralornithologe seiner Zeit, namentlich der Epoche der ausgehenden Gasbeleuchtung.
Aufgrund seiner jahrelangen Beobachtungen am Rande des benachbarten Weihers hatte er jene bahnbrechende Einsicht gewonnen, und gleich da, im feuchten Röhricht beschlossen, etwas gegen die sich abzeichnende Bedrohung zu unternehmen. Er brachte den Mut auf, seine Theorie über die spektakuläre Herkunft und den heimtückischen Auftrag des Entenvolkes im Kreise seiner Zunftkollegen bekanntzumachen. Die Allgemeinheit hingegen wurde geflissentlich übergangen und über das unheimliche Wesen der globalen Entenschaft im Unklaren gelassen. Im Gegenteil, man unternahm von Seiten der Eingeweihten alles, um diese Vögel zu verharmlosen und sie lediglich als Quelle von Fleisch, Eiern und Daunen zu portraitieren.

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Kurz zusammengefasst, so führte D´Oevre mittels ausdrucksstarker Gestikulation aus, handelte es sich bei Enten um eine raffiniert getarnte und vorsorglich eingeschmuggelte Art von Aliens, die den Planeten Erde auskundschaften und für eine spätere Übernahme durch die außerirdische Zivilisation der Paraktoplygischen Blefulanten – eine Antoine bestens bekannte, außergalaktische Lebensform – vorbereiten sollten. Unsere so harmlos ausschauenden Enten vermögen dank ihrer Mobilität in alle Winkel sämtlicher irdischen Klimazonen vorzudringen, diese gründlich zu erforschen und ihre Erkenntnisse an die außerirdischen Auftraggeber weiterzuleiten.
Dank ihrer Vielseitigkeit können sie sich überall ungeniert fortbewegen: An Land nennt man das „watscheln“, auf dem Wasser tun sie „paddeln“, und in der Luft sieht man sie gruppenweise „flattern“. Die lustig taumelnde Fortbewegung an Land gestalten sie als ein geschicktes Täuschungsmanöver, um die Menschen von Vermutungen abzuhalten, sie könnten eine Gefahr für die menschliche Zivilisation darstellen. Sie bauen dabei auf das weit verbreitete menschliche Vorurteil, dass jemand, der mit dem Bürzel wedelt, ein harmloser Zeitgenosse sein muss.

Verdeckte Ermittlungen: Abgetauchte Ente

Dergestalt in alle Himmelsrichtungen beweglich, also a) watschelnd, b) paddelnd und c) flatternd, haben die Enten und ihre willigen Kollaborateure alle Einzelheiten der Erdoberfläche samt Flussauen, Binnenseen, essbaren Materialien, Bodenschätzen und geeigneten Landeplätzen ausgekundschaftet. Ihre Erkenntnisse wiederum leiteten sie mittels eines Geheimcodes – den wir naiverweise als unverständliches „Geschnatter“ wahrnehmen – an ihre böswilligen Auftraggeber weiter. Letztere wiederum verarbeiten die ankommenden Entenrufe zu nützlichen Informationen zuhanden ihrer Militärstrategen, die damit die Eroberung der Erde bestens planen können.

Außerirdische Strategen: Flugente
Außerirdische Strategen: Flugente

Auf ihren riesigen Pipekalumpischen Schautafeln und mittels dreidimensionaler Animationen bringen die außerirdischen Strategen ihre Invasionspläne zur interplanetaren Darstellung. So können die Alien-Verantwortlichen ihre Vorgehensweise üben und in mannigfachen Variationen durchspielen.
Wann der Zugriff auf unseren Planeten erfolgen wird, das wissen wir natürlich nicht, denn die Wege des Herrn Cthulkus, des obersten Ovulators im paraktoplygischen Himmelreich des Exoplaneten P.H.1890 Craftlove, sind unergründlich. Dies zumindest gemäß dem gelenkigen Horst D´Oevre, der obendrein meint, dass die Invasion unmittelbar bevorsteht. Oder mit anderen Gesten ausgedrückt, dass es sich dabei nur noch um Jahrhunderte handeln kann.

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Es ist schon befremdlich, wie falsch wir betreffend der Anatidae genannten Entenvögel lagen. Laut „Brehms Tierleben“ sind diese in 47 Gattungen und 150 Arten unterteilt. Die bekanntesten darunter sind die Stockenten, Krickenten, Tangenten und Pekingenten. Während die Stockenten sich in städtischem Umfeld bewegen und höhere Gebäude nach geeigneten Beobachtungsposten untersuchen, studieren Krickenten die Eignung von Sportstadien als mögliche Versammlungsorte für Alien-Kommandos. Die Tangenten kennen sich besonders gut mit kurvenreichen Gewässern aus, die hervorragende Versteckmöglichkeiten für heimlich gelandete Landefähren bieten. Pekingenten wiederum haben sich auf das Auskundschaften von asiatischen Restaurants spezialisiert, die bekanntlich überall vorkommen, und als unauffällige Eintrittspforten für die außerirdische Invasion dienen können. Die ersten alienischen Landungstruppen würde man gut und gerne für chinesisches Küchenpersonal halten, und ihnen auf diese Weise einen erleichterten Zugang zu unseren sensiblen Installationen ermöglichen. Erst wenn es zu spät ist, werden die hinter den Reiskochern hervorkriechenden Enterkommandos ihre Tarnung als chinesische Gastronomen abwerfen, und unsere aus ihrer Perspektive lächerlich veralteten Waffen mit ihren fortschrittlichen Glutamatkanonen verschmoren.

Die vier wichtigsten Entenarten: Stockente, Krickente, Pekingente und Tangente
Die vier wichtigsten Entenarten (von oben nach unten): Stockente, Krickente, Pekingente und Tangente

Nun stellt sich die Frage: was können wir dagegen unternehmen? Die Enten gnadenlos bejagen, sie bis in die entferntesten Weiher verfolgen und nacheinander abschießen? Das ist gewiss eine Möglichkeit – aber wie sich das bei früheren Kampagnen zur Schädlingsbekämpfung herausgestellt hat, doch keine nachhaltige Lösung. Es würden selbst bei größtem Jagderfolg einige Exemplare übrigbleiben und als unentdeckte sog. „Kundschafter des kosmischen Friedens“ die Invasoren mit nützlichen Informationen beliefern.
Oder sollten wir uns mit unserem Schicksal abfinden und weiterhin so tun, als wüssten wir nichts? Sollten wir uns nur hie und da eine Entenmahlzeit gönnen, uns auf deren Daunen ausruhen und ihre Eier zu Ostern bemalen, gerade so als wären sie nichts weiter als harmlose Wasservögel? Ich sage, nein, und nochmals nein! Das dürfen wir nicht tun! Damit würden wir unsere Nachkommen dem wildfremden kosmischen Gesindel ausliefern und sie einem ungewissen Schicksal überlassen. Also was dann?

Da wir vom technischen, zivilisatorischen und gastronomischen Standpunkt aus betrachtet im Hintertreffen liegen, müssen wir die Sache schlau angehen. Unsere menschliche, verschlagene Raffinesse ist den Paraplygischen Blefulanten völlig unbekannt. Sie können sich die menschliche Hinterlist, die während der Entwicklungsgeschichte der Primaten evolutionär entstand und zur höchsten Vollendung verfeinert wurde, nicht vorstellen. Damit könnten wir den Invasoren beikommen, indem wir im Vorfeld den einen Oberbefehlshaber der weltweiten Entenvögel erwischen, festnehmen und ihn nach angemessener Behandlung umdrehen. Das heißt, ihn mit abwechselnder B´nB (das ist Belohnung und Bestrafung) gefügig machen und ihn veranlassen, falsche Informationen an den Blefulanten-Generalstab zu schnattern.

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Die beste, für Enten geeignete kombinierte B´nB besteht gemäß Horst D´Oevre aus der abwechselnden Anwendung von Zuckermais und Peitsche, am besten durch zwei versierte Verhörende im Sinne eines Good-Cop-Bad-Cop-Duos. Es gibt nichts Schlimmeres für eine Ente als ihren glattrasierten Bürzel mit einer eingefetteten Fuchssehnenpeitsche bearbeitet zu bekommen – da würde selbst der zäheste Friedenskundschafter alles gestehen und bereitwillig mitmachen. Und der Verlockung durch lauwarmen Zuckermais können sie allesamt nicht widerstehen.

Das Problem ist nur: Wie können wir herausfinden, wer dieser Oberbefehlshalber des Entenvolkes, das heißt, wer wohl der Buntgefiederte Omnipot(e)nte Großerpel ist? Hierfür müssen wir eine konzentrierte, groß angelegte Suchaktion organisieren, bei der alle verfügbaren Astralornithologen als lizenzierte Entenanalysten zum Einsatz kämen. Sie müssten dann vorderhand mit einer App ausgestattet sein, welche selbst die unscheinbarsten Merkmale des Großerpels erkennen und deren unzweideutige Entdeckung – eigentlich Ent(e)deckung – anzeigt. Diese auf der Kombination von Qualitätsoptik und Künstlicher Intelligenz basierende Technologie ist durch mehrere Pat(e)nte geschützt und funktioniert zuverläßig selbst auf größere Ent(e)fernungen.

Die größte außerirdische Bedrohung seit dem Terminator: Als Ente getarnte Aliens
Die größte außerirdische Bedrohung seit den Predators: Als Enten getarnte Aliens

Antoine Horst D´Oevre hat inzwischen seinen ent(e)ressierten Zunftkollegen mittels Grimassensprache ausrichten lassen, dass er ent(e)schlossen sei, sich persönlich an die Spitze dieser außerordentlich wichtigen Ent(e)wicklung zu stellen. Gerne zeigt er allen interessierten Entenjägern seinen ent(e)zückenden neuen Ententöter, den er sich neulich zugelegt hat, nachdem er sich den Kaufpreis von seiner bescheidenen Leibr(e)nte abgespart hatte. Aber die Rettung der Menschheit geht vor, und Antoine drückt tanzend seine Zuversicht darüber aus, dass wir den Obererpel erwischen können. Er meint, der Trick sei, sobald dieser ent(e)tarnt wurde, ihn nicht mehr ent(e)kommen zu lassen.
Aber jetzt ist es noch zu früh für eine Ent(e)warnung. Es gibt viel zu tun, und von einer Ent(e)spannung sind wir noch weit ent(e)fernt. Hoffen wir, dass unser Plan gelingen wird, und wir im Erfolgsfall unisono verkünden können: „Ente gut, alles gut!“ ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die Humoreske von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin

Außerdem im GLAREAN zum Thema Ente über Carsten Priebe: Reise durch die Aufklärung – „Eine Ente erobert die Welt“


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Computerschach: EAS-Messung der Engine-Aggressivität

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Elo ist nicht (mehr) alles

von Stefan Pohl

Bekanntlich hat die Spielstärke der besten Schachprogramme jedes menschliche Maß und Schachverständnis schon weit hinter sich gelassen. Auch wenn bei Engines die Elo-Berechnung als Lieferant für absolute Werte nicht unumstritten ist, so ist doch klar, daß die 3’500-Elo-Marke von den besten Engines wie Stockfish u.a. mit Sicherheit bereits deutlich überschritten wurde. Auch die Programme der erweiterten Spitze liegen immer noch deutlich über 3’000 Elo, womit selbst ein menschlicher Weltmeister absolut chancenlos wäre. Ein neues Tool EAS misst demgegenüber nicht die Elo-Performance, sondern die Engine-Aggressivität.

Leader bei der Turnier-Performance, aber nicht in Sachen Aggressivität: Die Freeware-Schach-Engine Stockfish
Leader bei der Turnier-Performance, aber nicht in Sachen Aggressivität: Die Freeware-Schach-Engine Stockfish

Um der herkömmlichen Elo-Messung im Computerschach eine weitere Mess-Qualität zur Seite zu stellen, habe ich ein Tool entwickelt für schnelle Opfer-Suche in Partien – es wurde im GLAREAN MAGAZIN bereits vorgestellt. Nun liegt eine deutlich erweiterte und verbesserte Version dieses Tools vor, das Tool „Engines Aggressiveness Statistics“ EAS. Es ermöglicht die Aggressivität der Engines zu messen und dieser einen numerischen Wert – den sog. EAS-Score – zuzuweisen. Denn in Zeiten der überstarken Schachprogramme ist es für den Schachspieler interessant, möglichst aggressiv spielende Engines für Analysen oder das eigene Spiel gegen die Engines zu finden, denn das superstarke Engine-Schach wird ansonsten zwar immer besser, aber auch zunehmend steriler und damit für den Menschen auch langweiliger.

Kurz und aggressiv

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Wie funktioniert das EAS-Tool? Es sind aus dem Internet etliche Engine-Ranglisten bzw. Partien-Sammlungen downloadbar, deren Betreiber Schach-Engines gegeneinander spielen lassen und daraus eine Elo-Rangliste der Engines generieren. Ich selbst führe ebenfalls eine solche Rangliste, die sich auf die besten ca. 40 Engines konzentriert: Die sog. SPCC-Rangliste, die ca. 180’000 Partien umfasst (!) Daraus errechnet nun das EAS-Tool für jede Engine die Zahl jener Gewinnpartien, in denen die Engine ein Opfer gespielt hat, sowie die Zahl der besonders kurzen Gewinnpartien. Diese Zahlen werden dann in prozentualen Bezug zu der Zahl der insgesamt von dieser Engine erspielten Gewinnpartien gesetzt.
Damit ist es auch für schwächere Engines (mit weniger Gewinnpartien) möglich, einen hohen EAS-Score zu erreichen, da mit weniger Gewinnpartien auch weniger Opferpartien und Kurzsiege für einen hohen EAS-Score nötig sind. Dies ist sehr wichtig, da die Engine-Spielstärke ja nicht mit gemessen werden oder sonstwie in die Auswertung einfließen soll.
Zusätzlich vergibt das Tool mehr Punkte für höherwertige Opfer als für einfache Bauernopfer, und mehr Punkte für Kurzpartien, je nachdem wie kurz sie sind.

Aggressivität vs Performance

Aus diesen EAS-Scores läßt sich nun sehr einfach eine eigene EAS-Rangliste erstellen, die die Engines gemäß ihrer Aggressivität ordnet. Diese findet sich ebenfalls auf der Website des Autors, mit einer zusätzlichen Gegenüberstellung des klassischen Elo-Rankings:

Ranking Vergleich - Performance vs EAS - Glarean Magazin
Die Top-20 im Vergleich „Elo-Performance vs Engine-Aggressivität“

Wie man sehen kann, ist nun z.B. die unumstrittene Top-Engine Stockfish (SPCC-Ranking rechts) in der EAS-Rangliste (links) nur im gehobenen Mittelfeld zu finden. An ihrer Spitze steht stattdessen – mit großem Vorsprung – die nur Insiderkreisen bekannte Freeware-Engine Velvet 4.

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Enthalten ist auf der Webseite außerdem eine Beschreibung der genauen Aufschlüsselung der Punktevergabe. Die EAS-Tools sowie eine neuere, verbesserte Version des oben erwähnten Opfersuch-Tools können dort kostenlos heruntergeladen werden. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Computerschach auch: Komodo Dragon 3 bei Chessbase erschienen


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Der Wolfgang-Jacobi-Kompositionspreis 2023

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Gesucht: Neue Werke für Akkordeon

Akkordeon-Musik - Glarean MagazinDer internationale Wolfgang-Jacobi-Kompositionswettbewerb 2023 wird vom Deutschen Harmonika-Verband in Kooperation mit dem Deutschen Akkordeonlehrer-Verband für Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt. Ziel ist es, „Komponistinnen und Komponisten dazu anzuregen, sich mit dem Instrument Akkordeon zu beschäftigen. Dabei ist es wünschenswert, sich mit der Kompositionstechnik Wolfgang Jacobis auseinanderzusetzen und ein Thema oder Themenfragment Jacobis aufzunehmen“.

Die Teilnahme ist unabhängig vom Alter und von der Nationalität, es steht ein Preisgeld von 3’000 Euro zur Verfügung. Einsende-Schluss ist am 1. Oktober 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten der offiziellen Ausschreibung (PDF). ♦


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Ulrich Becher: Murmeljagd (Roman)

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Botschaft an die Menschheit

von Alexandra Lavizzari

Anlässlich des 100. Geburtstages von Ulrich Becher im Januar 2010 legte der Frankfurter Verlag Schöffling und Co. den sprachwuchtigen, 1969 erschienenen Exilroman „Murmeljagd“ nach Jahrzehnten der Vergessenheit neu auf, und nun erscheint das Buch im Taschenbuchformat beim Diogenes Verlag in Zürich mitsamt einem brillanten Nachwort von Eva Menasse.

Ulrich Becher: Murmeljagd - Roman - Taschenbuch Diogenes VerlagAls Sohn eines deutschen Rechtsanwalts und einer Schweizer Pianistin in Berlin geboren, sprengte Ulrich Becher sowohl biografisch als auch literarisch Grenzen. Selber musisch begabt wie die Mutter und auch genügend malerisches Talent beweisend, um vom anspruchsvollen George Grosz als Schüler akzeptiert zu werden, entschied sich Becher indessen für das Studium der Rechtswissenschaften und schrieb sich gleichzeitig mit dem 1932 bei Rowohlt erschienen Novellenband Männer machen Fehler in die höchsten literarischen Ränge.
Die Zeiten waren für Bechers radikale politische Gesinnung jedoch nicht günstig; sein literarisches Début fiel 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer und beendete vorläufig seine vielversprechende Schriftstellerkarriere.

Ein Leben im Exil

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Fortan war ihm auf lange Zeit keine Ruhe mehr gegönnt; der Flucht nach Österreich folgte nach dem ‚Anschluss‘ das Gesuch um eine Schweizer Aufenthaltsbewilligung, welches die Behörden aufgrund seiner militanten antifaschistischen Haltung ablehnten. Wohl oder übel musste Becher seine Exilreise fortsetzen, und zwar zuerst nach Brasilien und 1944 schließlich zu den Schwiegereltern nach New York. Erst 1954 kehrte Becher nach Europa zurück, wo er sich in Basel niederließ und bis zu seinem Tod im Jahr 1990 produktiv aber zunehmend zurückgezogen lebte.

Spannende Langatmigkeit

"Fulminant, meisterhaft, unvergesslich": Schriftsteller Ulrich Becher (1910-1990)
„Fulminant, meisterhaft, unvergesslich“: Schriftsteller Ulrich Becher (1910-1990)

Nach zahlreichen Novellen, Romanen und Bühnenstücken, die im Exil entstanden und zum größten Teil im Rowohlt Verlag erschienen, schrieb Becher in Basel sein fuminantes Meisterwerk „Murmeljagd“, eine Mischung aus Politthriller, Satire und Abenteuerroman, die Leserinnen und Leser unvergesslich skurrile Figuren und Situationen beschert und mit einer vor lauter Dialekteinsprengseln nur so funkelnden Erzählsprache verzaubert.

Ausufernde Phantasie

Bechers ausufernde Fantasie mag bisweilen unsere Geduld und Konzentration strapazieren; handkehrum liest sich die dramatische Flucht des Journalisten Albert Trebla aus dem von den Nazis besetzten Österreich ins schweizerische Engadin wie ein spannender Krimi, sterben ihm doch nach und nach Freunde und Bekannte auf unerklärliche Weise weg und tauchen auf seinem Weg immer wieder Menschen mit dubiosen Absichten auf.
Trebla (ein Palindrom für Albert) ist das Murmeltier des Romantitels; er hetzt mit seiner Frau Xane in einer Zeitspanne von nur einem Monat im Jahre 1938 durch grandios beschriebene Berglandschaften, versteckt sich, überall Gefahr witternd und – mählich in den Wahn getrieben – sogar ins harmlose Pfeifen von Murmeltieren geheime Botschaften der ihn jagenden Nazis hineinlesend.

Wider den Krieg

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Handelt es sich bei „Murmeljagd“ um eine monumentale Autobiografie? Die Passagen, die von Treblas Problemen mit der Schweizer Fremdenpolizei handeln, verleiten zu dieser Annahme, doch Becher wollte, wie er seinem Bruder schrieb, weit über sein persönliches Schicksal hinaus „die fetten sieben Jahre des Hitlerregimes“ anprangern und die verheerenden psychischen Folgen ständiger Lebensangst auf das Befinden von verfolgten Regimegegnern darlegen. Inzwischen weiß man auch, dass Becher mit Trebla nicht sich selbst porträtiert hat, sondern den Maler Axl Leskoschek, der, wie Becher selbst, nach Brasilien emigiert war.

Unvergessliche Schilderungen

Voll des Lobes über Ulrich Bechers "Murmeltier": Poetik-Dozentin Eva Manesse
Voll des Lobes für Ulrich Bechers „Murmeltier“: Poetik-Dozentin Eva Manesse

Eva Menasse ist voll des Lobes für „Murmeljagd“: „Der Zug-Transport der jüdischen und kommunistischen Häftlinge nach Dachau – unvergesslich. Unvergesslich der letzte Ritt des Roda-Roda nachgebildeten Zirkusartisten im KZ – allein für diese Szene hätte Becher den Büchnerpreis verdient, den er natürlich nie bekam; wie gesagt, es fühlte sich keiner zuständig.“
Menasse liefert damit eine der möglichen Erklärungen, weshalb „Murmeljagd“ nach Erscheinen so schnell in Vergessenheit geriet. Aufgrund seines Lebenswegs konnte dem Autor weder Deutschland noch die Schweiz oder Österreich wirklich Heimat sein; er war und blieb letztlich ein Fremder, wo immer er sich aufhielt, auch wenn sein Werk geografisch präzise verankert ist.

Universelle Botschaft

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Eine andere Erklärung mag man in der Zeit sehen, in der Becher seinen Exilroman veröffentlichte. Der zweite Weltkrieg lag bereits zu weit zurück, um die Leserschaft als literarisches Thema noch zu fesseln. Schriftsteller wie Handke und Böll schrieben zu jener Zeit sogenannte Nachkriegsliteratur, man wollte die Gegenwart protokollieren, vielleicht auch endlich vorwärts blicken, nachdem man sich, wie irrtümlicherweise angenommen, bereits bis zum Überdruss mit der Nazivergangenheit auseinandergesetzt hatte.

Ein Roman wie „Murmeljagd“ mag eine Zeit lang in der Flut von Publikationen untergehen; es ist aber eines dieser Bücher, die still und geheim ihren Weg ins Bewusstsein der Bevölkerung zurückfinden, weil sie bei aller Groteske und Skurrilität eine universelle Botschaft an die Menschheit übermittelt. Dem Schöffling und Diogenes Verlag sei Dank dafür, Bechers Botschaft zur weiteren Verbreitung zu verhelfen; sie ist heute mehr denn je von brennender Aktualität. ♦

Ulrich Becher: Murmeljagd – Roman, Diogenes Verlag, 708 Seiten, ISBN 978-3-89561-452-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Nachkriegsliteratur auch über den Roman von Christian Berkel: Ada


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Harald Schneider-Zinner: Strategieschule (Schach)

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Die Kunst, das Spiel zu planen

von Mario Ziegler

Die Frage stellt sich jedem Schachspieler in jeder Partie: Wie ist eine gegebene Stellung zu beurteilen? Soll man sie eher strategisch spielen oder stehen taktische Überlegungen im Vordergrund? Diesen Fragen widmet sich der österreichische Internationale Meister Harald Schneider-Zinner in seinem zweibändigen Werk „Strategieschule“ auf DVD.

Strategieschule Band 1+2: Die Kunst des Tauschens - Fritztrainer: Interaktives Video-Schachtraining) DVD-ROM – Harald Schneider-Zinner„Strategie ist die Kunst, das Spiel zu planen. Strategie befasst sich mit den allgemeinen Plänen zum siegreichen Abschluss der Partie oder zum Erreichen eines Zieles in einem Partieteil. Strategische Züge sind gewöhnlich positionell; sie helfen, eine Stellung zu schaffen, in der der Plan ausgeführt werden kann.“ Mit diesen Worten fassen Ex-Weltmeister Max Euwe und Walter Meiden in ihrem Klassiker „Meister gegen Amateur“ das Wesen der Strategie im Schachspiel zusammen. Ist der lernwillige Schachenthusiast erst einmal über die Anfangsgründe des Spiels hinweggeschritten, so kommt unweigerlich der Moment, wo er sich auf das Gebiet der Strategie wagen muss. Im Vergleich zur Taktik, wo die Ideen offensichtlicher sind und das Ziel im Gewinn von Material oder dem Angriff gegen den gegnerischen König besteht, sind strategische Überlegungen subtiler: Existieren langfristige Schwächen? Empfiehlt sich der Abtausch der einen oder anderen Figur? Kann man ein bestimmtes Endspiel anstreben? Und noch grundsätzlicher: Wie ist eine gegebene Stellung zu beurteilen? Soll man sie eher strategisch spielen oder stehen taktische Überlegungen im Vordergrund?

International renommierter Trainer

Harald Schneider-Zinner - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
International gefragter Schach-Trainer: Harald Schneider-Zinner

Der Autor der vorliegenden „Strategieschule“ Harald Schneider-Zinner (geb. 1968) zählt zu den profiliertesten Schachtrainern des deutschsprachigen Raums. Zu seinen Schülern gehören die österreichischen Spitzenspieler Valentin Dragnev und Felix Blohberger, und als Trainer der Frauen-Nationalmannschaft führte er das ÖSB-Team zu herausragenden Resultaten (4.-9. Platz bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2015, 2. Platz beim Mitropa-Cup 2018).
Seit 2010 leitet er die Trainerausbildung in Österreich. Kurz gesagt: Schneider-Zinner kann auf eine reiche Erfahrung von der Grundlagenarbeit bis hin zum Leistungssport zurückgreifen.

„Stehe ich besser oder schlechter?“

Wie oft steht man in einer Partie vor der Frage, wie genau man eine Stellung angehen soll! Stehe ich besser oder schlechter? Soll ich die Position statisch oder dynamisch behandeln? Wie soll ich meine Bedenkzeit investieren? Diesen und weiteren Fragen geht Schneider-Zinner an Hand von Klassikern, aber auch sehr vielen neueren Beispielen aus der Weltspitze und dem österreichischen Schach nach.
Aus der Vielzahl der nützlichen Themen (Hebel, Planfindung, typische Springer- und Läufermanöver, Prinzip der überzähligen Figur) möchte ich mit der „Schwerfiguren-Regel“, ein vielleicht etwas weniger bekanntes Prinzip herausgreifen. Sie besagt, dass im Fall einer ungleichen Anzahl von Schwerfiguren derjenige Spieler mit mehr Schwerfiguren einen Abtausch dieser Figuren vornehmen sollte. Die verbleibenden Schwerfiguren können sich dann besser entfalten.

Hier ein Beispiel aus einer Blitzpartie des Autors:

bast (2448) – Harald Schneider-Zinner (2455)
Internet-Blitzpartie 3+2

Bast - Schneider-Zinner Harald - Internet-BlitzMateriell ist die Stellung etwa gleich, aber die schwarzen Türme sind optimal postiert. Nach besagter Schwerfiguren-Regel muss Weiß nun den Tausch seines letzten Turms vermeiden: 30.Td3+ Ke7 und nun sollte 31.Te3 erfolgen, wonach der Bauer c2 wegen des Abzugsschachs 32.Lb3+ natürlich tabu ist. Schwarz steht auch hier wohl besser, muss aber noch sehr lange hart arbeiten. Nach dem Partiezug 31.Txd8? Kxd8 32.c3 Tc5 konnte Schwarz seinen Turm weiter aktivieren und stand auf Gewinn.

Aspekte des Abtausches

Im 2. Band stehen die verschiedenen Aspekte des Abtauschs (Wann soll man überhaupt tauschen? Welche Richtlinien gilt es zu beachten? Wie kann man durch Abtausch offene Linien oder schwache Felder ausnutzen? usw.) im Mittelpunkt. Jede DVD wird durch 20 Aufgaben zur eigenständigen Bearbeitung abgerundet.

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Wie bei den Trainings-DVDs von ChessBase üblich präsentiert der Autor seine Themen in Form eines Videos. An geeigneten Stellen wird der Zuschauer aufgefordert, das Video anzuhalten und sich eigene Gedanken zu machen. Schneider-Zinner hat eine angenehme Art des Vortrags. Er versetzt sich in den „Gesprächspartner“ und bezieht ihn soweit möglich ein. Das Material ist gut ausgewählt und wird überzeugend präsentiert.

Engines – ja oder nein?

Inwieweit ein stärkeres Eingehen auf die Vorschläge der Engines notwendig gewesen wäre, ist eine schwierige Frage. In einer früheren Rezension verweist GM Prusikin darauf, „dass einige Beispiele der strengen Computerprüfung nicht standhalten – wobei es sich freilich darüber streiten lässt, ob bzw. inwiefern das von Bedeutung ist.“

Hierzu ein Beispiel:

Loek van Wely – Magnus Carlsen
Wettkampf Schragen 2006, 3. Partie

Van Wely Loek - Carlsen Magnus (35...Kf5) - 1.DiagrammSchneider-Zinner zeigt diese Partie unter der Fragestellung, wie viele Züge ein starker Spieler vorausrechnet. Seiner Meinung nach musste Carlsen in der folgenden Partiephase nur kurze Sequenzen kalkulieren, die er an die Spielweise seines Gegners anpasste. Prägnant formuliert Schneider-Zinner: „Schach spielt sich in Teilplänen ab“. Es folgte: 22…a5 23.La3 a4 24.Sb5 axb3 25.axb3 Sc5 26.Tb1 Se4 27.Td7 h5 28.Lc1 Td8 29.Txd8+ Txd8 30.Le3 Sd2 31.Lxd2 Txd2 32.h4 Kh7 33.Kf1 Kg6 34.Kg2 Le7 35.Sc3 Kf5

Van Wely Loek - Carlsen Magnus (35...Kf5)Carlsen hat seit dem letzten Diagramm offenkundig viele Fortschritte gemacht: Durch den Hebel …a7-a5–a4 wurde die weiße Struktur am Damenflügel geschwächt, Schwarz konnte seinen König und seinen Turm aktivieren und die verwundbaren weißen Bauern ins Visier nehmen. Dabei gelang es dem künftigen Weltmeister – damals noch ein Teenager – meisterlich, weißes Gegenspiel im Keim zu ersticken.

An dieser Stelle spielte van Wely mit 36.Sa4 einen Zug, der nach Meinung der Engines (verwendet wurden Fritz 15, Houdini 6.02 und Stockfish 14.1) nicht im Entferntesten die beste Fortsetzung darstellt. Sie favorisieren statt dessen 36.Te1, 36.b4 und 36.Kf1. Schneider-Zinner geht auf keinen dieser Züge ein, sondern legt lediglich dar, dass 36.Kf3?? natürlich an der Gabel 36…Td3+ scheitert und 36.Td1 ebenfalls nicht besonders attraktiv ist: 36.Td1 Txd1 37.Sxd1 Ke4 „und der viel aktivere König und der Läufer, der im Spiel an beiden Flügeln stärker ist als der Springer, entscheiden die Partie“ (Schneider-Zinner im Video). Die Partie ging weiter mit 36…Lf6 37.Sxb6 Ld4 38.Sc8 Kg4 39.Tf1 Lc5 40.b4 Lxb4 41.Sb6 Lc5 42.Sa4 Ld4 43.c5 Tc2 und Schwarz stand auf Gewinn.

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An diesem Partieverlauf wird deutlich, worin das Potential der Computervorschläge im 36. Zug liegt:
1) 36.Te1 mit der Idee Te1–e3 setzt den Turm zur Deckung des verwundbaren Bauern b3 ein und bringt die Möglichkeit Te3–f3+ ins Spiel.
2) 36.Kf1 ist ein „unmenschlicher“ Zug, der den eigenen König passiver stellt und dem gegnerischen Monarchen den Weg nach f3 freimacht. Aber er ermöglicht auch das Manöver Sc3–e2, das den Druck des schwarzen Turms auf den Bauern f2 abfedert.
3) Mit 36.b4 möchte Weiß seine Bauernmehrheit in Gang setzen. Die taktische Rechtfertigung ist, dass nach 36…Tc2 37.Sd1 der Bauer c4 wegen der Gabel auf e3 tabu ist.

Denken in (Teil-)Plänen

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Nach allen diesen Möglichkeiten steht Schwarz besser, aber nach keiner so gut wie in der Partie. Hätte man also im Detail auf sie eingehen müssen? Wenn eine umfassende Analyse der Partie vorgenommen werden soll, muss die Antwort natürlich „ja“ lauten. Doch darum geht es dem Autor nicht, er möchte ja gerade zeigen, dass in dieser Partie nicht die konkrete Variantenberechnung, sondern das Denken in (Teil-)Plänen im Vordergrund stand. Unter diesem Aspekt lenken vielleicht Computerzüge, die auf taktischen Details wie der Gabelmöglichkeit auf e3 basieren, vom Kern des Themas ab. Wie in vielen anderen Bereichen der Lehr- und Trainingstätigkeit steht hinter allem die Frage der didaktischen Reduzierung.

Etwas verwundert hat mich die hohe Zahl der Schreibfehler in den Analysen. Auch wenn sie den Wert des Trainingsmaterials nicht beeinträchtigen, wären sie doch mit geringem Aufwand zu vermeiden gewesen.

Grundlegende Themen der Schachstrategie

Die „Strategieschule“ hat mich überzeugt. Dem Zuschauer werden viele grundlegende Themen der Schachstrategie präsentiert, wobei die praktische Relevanz an vorderster Stelle steht. Als Zielgruppe sehe ich fortgeschrittene Spieler mit einer Spielstärke ab ca. 1500 DWZ. Zudem finden selbstverständlich Trainer eine Vielzahl von durchweg prägnanten Beispielen. Über die Notwendigkeit, in den Analysen noch weiter ins Detail zu gehen, kann man streiten – ohnehin ist jeder Benutzer natürlich angehalten, sich zu den Beispielen eigene Gedanken zu machen und diese durch Analyse mit dem Computer zu überprüfen. ♦

Harald Schneider-Zinner: Strategieschule – Band 1 & 2, DVD Chessbase Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema „Fritztrainer“ auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14


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Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg

von Sigrid Grün

70 Jahre syrische Geschichte erzählt der 1964 in Aleppo geborene Autor Khaled Khalifa. Er ist während des Krieges in Damaskus geblieben und publizierte seine Werke im Ausland, um der Zensur zu entgehen. In „Keiner betete an ihren Gräbern“ erzählt er von der symbolträchtigen Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg und berichtet von der Geschichte eines Landes, das zunächst Teil des Osmanischen Reiches war, anschließend unter französischer Kontrolle stand und 1946 schließlich vollständig unabhängig wurde.

Keiner betete an ihren Gräbern - Khaled Khalifa - Roman1907: Der Euphrat ist über die Ufer getreten und die Überschwemmung zerstört das Dorf Hosch Hanna bei Aleppo. Nur wenige Menschen überleben die Flutkatastrophe. Als der Großgrundbesitzer Hanna Gregorus und der Pferdezüchter Zakaria Bayazidi aus der Zitadelle, die zu einem privaten Freudenhaus umfunktioniert wurde, in ihr Dorf zurückkehren, müssen sie den Tod ihrer Kinder und den Verlust ihres Eigentums verkraften. Auch Hannas Frau Josephine ist ertrunken. Hanna und Zakaria blieben aufgrund ihrer Vergnügungssucht verschont.

Sündiger Lebensstil

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Hanna stellt sich die Frage, ob das die Strafe Gottes für den sündigen Lebensstil ist, dem er und sein Freund frönten: „Hanna fühlte sich wie ein Kind, das gerade in ein anderes Leben ohne Vergangenheit hineingeboren worden war. Eine neue, unbeschriebene Seite, die die Erinnerung an ein Leben voller Trubel, Vergnügungen und Schmerzen hinter sich ließ, das nun sein Ende gefunden hatte. Er fühlte sich schuldig und sehnte sich nach seinem Sohn und dem Gesicht seiner lieben Frau, die ein Leben an seiner Seite ertragen hatte.“
Zakaria, der seinen Freund in einem derart verängstigten Zustand nicht ertragen kann, hilft bei der Bestattung der Toten mit: „Die Gräber der Christen lagen in einer Reihe neben denen der Muslime, daneben in einer geraden dritten Reihe die Gräber der Unbekannten und Fremden.“

Christlich-muslimisch-jüdische Freundschaft

Khaled Khalifa
Khaled Khalifa

Das zentrale Motiv dieses Romanes von Khaled Khalifa ist die religionsübergreifende Freundschaft zwischen dem Christen Hanna, dem Muslim Zakaria und dem Juden Azar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten Angehörige verschiedener Ethnien und Religionsgemeinschaften in der Region. Ähnlich wie knapp 100 Jahre später in Jugoslawien vor Ausbruch des Krieges lagen zwar Spannungen in der Luft, aber es herrschte ein Klima der gegenseitigen Akzeptanz.
Vor allem Hanna und Zakaria sind auf eine besondere Weise miteinander verbunden. Sie sind zusammen aufgewachsen, da die Eltern des Christen Hanna bei einem Massaker ums Leben kamen, als Hanna noch ein Kind war. Auf dieses Ereignis nimmt auch der Titel Bezug. Zakarias Familie nimmt das christliche Waisenkind bei sich auf.
Als Erwachsener begibt sich Hanna schließlich auf die Spur seiner Familie und stößt im Rahmen von Ausgrabungen auf die Reste einer christlichen Kirche, die noch vom Massaker zeugt, bei dem seine Angehörigen ums Leben kamen. Hanna lässt an der Stelle ein Kloster errichten, doch verklären will er sich nicht lassen: „Er wollte kein Heiliger werden. […] Stattdessen hatte er leidenschaftlich ein Leben gelebt, das voller Fehler und Dummheiten war.“

Opulentes orientalisches Erzählen

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Das Buch, das von den Jahren 1881 bis 1951 erzählt, allerdings nicht chronologisch, zeigt auf, von welchen Spannungsfeldern das Leben der Menschen in und um Aleppo geprägt war. Da ist zunächst mal das Spannungsfeld zwischen den Ethnien und Religionen, aber auch das zwischen Männern und Frauen. Während die Frauen nämlich ihre Jungfräulichkeit wie einen Schatz hüten, geben sich die Männer unbeschwert dem Vergnügen hin.

Khaled Khalifa hat einen überbordenden Roman verfasst, in dem das opulente orientalische Erzählen eine große Rolle spielt. Das ausufernde Figureninventar stellt fast durchgehend eine Überforderung dar, weshalb ich dringend empfehle, die vierseitige Auflistung der Figuren im Anhang gründlich zu studieren – am besten, bevor man mit der Lektüre überhaupt beginnt.
Wer sich nicht von der ausführlichen Erzählweise abschrecken lässt, wird hier ein spannendes Buch zur Geschichte einer Region finden, über die wir viel zu wenig wissen. ♦

Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern, Roman, aus dem Arabischen von Larissa Bender, 544 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498002046

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion auch über Umm-El-Banine Assadoulaeff (Banine): Kaukasische Tage (Autobiographie)

… sowie zum Thema Islam über Salman Rushdie: Orient versus Okzident?


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Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Neues Anfänger-Lehrbuch für Acht- bis Zehnjährige

von Thomas Binder

Drei Jahre nach „Schach spielen mit Niveau“ legt der ehemalige Schachtrainer Axel Gutjahr mit „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ein neues Schachbuch für Kinder vor.

Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Axel GutjahrDie Zielgruppe von „Schachspuk auf Ruine Rochenstein“ ist mit der Altersangabe „ab acht Jahren“ gut getroffen, dürfte allerdings auch nur wenig darüber hinaus gehen. Oberhalb von 10 Jahren sind Kinder für Bücher dieser Art sicher nicht mehr zugänglich. Dabei stellt sich ohnehin die Frage, ob in der genannten Altersgruppe ein Schachlernen durch einsame Buchlektüre noch zeitgemäß ist. Der anhaltend reiche Vorrat solcher Werke auf dem Markt scheint den Autoren allerdings Recht zu geben, und in diesem Feld gehört Gutjahrs neues Buch gewiss zu den Favoriten.

Schach-Kobold in Burgruinen

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 1 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Kingerecht vorgetragen“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Was bekommen wir also auf den gut 140 Seiten geboten? Die drei Kinder Pit, Tina und Atze erkunden die Ruine der Burg Rochenstein. Dort werden sie zunächst von einem Fußboden in Schachbrettform und dann von den einzelnen Figuren empfangen, die ihnen von Grund auf die Schachregeln erklären. Mit dem ersten Grundwissen ausgestattet, empfängt sie dann der Kobold Mattotto und erklärt ihnen die weiteren Spielregeln (umfassend bis zum en-passant-Schlagen und zu den Remisregeln) sowie einfache taktische Motive.

Die drei Partiephasen werden jeweils elementar angerissen: Die Kinder und mit ihnen der Leser erlernen die Grundbegriffe der Eröffnung, dann ein paar taktische Tricks (Fesselung, Gabel etc.) im Mittelspiel und schließlich wichtige Endspiel-Begriffe wie Quadratregel, Elementare Matts, Bauerndurchbruch, Oppositionsregel, Randbauer). Diese Aufzählung ist nahezu vollständig. Es ist also klar (und eigentlich unvermeidlich), dass hier noch sehr viel fehlt, was Kinder im betreffenden Alter über Schach lernen können und sollten.

Kindgerechte Textaufbereitung

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Enorm wichtig ist es, dass alles sehr kindgerecht vorgetragen wird. Die Texte sind übersichtlich und keine Buchstabenwüsten. Große Stellungsbilder lassen keine Frage offen, was gerade besprochen wird. Ein enormer Gewinn sind die herrlichen Illustrationen von Ralph Handmann auf praktisch allen Seiten des Buches.

Abgerundet wird der Lehrteil von immer wieder eingestreuten kurzen Fakten rund um das königliche Spiel unter dem Motto „Wusstest du…“ Dass auch solche Stereotype wie das Narrenmatt und die Reiskornlegende nicht fehlen dürfen, versteht sich fast von selbst. (Es gibt Dinge, die habe ich einfach zu oft gelesen, als dass sie mich noch begeistern würden).

Anfänger-Lehrbuch mit Update-Bedarf

Axel Gutjahr - Schachspuk auf Ruine Rochenstein - Heel Verlag (Plaza) - Beispiel-Seite 2 - Rezension GLAREAN MAGAZIN
„Tolle Bebilderung“: Beispielseite aus Axel Gutjahr: „Schachspuk auf Ruine Rochenstein

Schauen wir nun, was wir nicht geboten bekommen: Über den schachlichen Gehalt kann man streiten. Der Autor hat sich offenbar eine Grenze dessen gesetzt, was er vermitteln will. Da wird er nie so genau meinen Geschmack treffen, aber immerhin hält er diese Linie konsistent durch. Es ist ein reines Einstiegs-Lehrbuch, welches der Weiterführung – am besten natürlich in einem Verein oder in einer schulischen Schach-AG – bedarf. Leider fehlt mir auch die im Untertitel angedeutete Spannung. Die Kinder erlernen ehrfürchtig das Schachspiel. Auf alle Fragen antworten sie brav und meist auch sofort richtig. Widerstreitende Meinungen, Korrekturen unrichtiger Antworten gibt es nicht. So wird auch die Chance vertan, die handelnden Kinder als eigenständige Charaktere auszuprägen.

Fehlende Rahmenhandlung

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Eine echte Rahmenhandlung gibt es nicht, die versprochene Spannung findet nicht statt. Angesichts der sprachlichen Stärken, der tollen Bebilderung und des kindgerechten Layouts hat dieses Buch eine Fortsetzung verdient. So wie die Leser älter werden, können auch die Buchhelden mit ihnen wachsen. Eine zweite Folge würde den schachlichen Inhalt vertiefen und anspruchsvoller machen. Das könnte man dann in eine Rahmenhandlung einbinden, bei der die Kinder (sowohl Pit, Tina und Atze als auch die Leser) Schachrätsel zu knacken haben und damit insgesamt eine spannende Aufgabe lösen (sei es ein Labyrinth zu erkunden, einen Schatz zu finden oder eine Prinzessin zu befreien – sorry für die Klischees).
Das würde Gutjahrs Ansatz abrunden und dem Buch ganz neue Chancen auf dem Markt eröffnen, ja vielleicht sogar ein neues Genre innerhalb der Schachliteratur für Kinder begründen. ♦

Axel Gutjahr: Schachspuk auf Ruine Rochenstein, Das spannende Schachbuch für Kinder, 144 Seiten, Heel Verlag, ISBN 978-3-96664-365-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kinder- und Jugend-Schach auch über Graham Burgess: Chess Opening Workbook for Kids

… sowie über Circon Verlag: Schachtricks für Kinder (Lehrbuch)


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Dana Fuchs: Borrowed Time

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Knochenhart-gradliniger Southern Rock

von Horst-Dieter Radke

Das neue Album „Borrowd Time“ von Dana Fuchs fegt gleich mit dem ersten Song sämtlichen Staub aus den Regalen, in denen die Boxen stehen. Meine Güte, ein Live-Album und viel zu laut aufgenommen, ist mein erster Eindruck. Dieser täuscht! Zu laut nimmt man ja heutzutage sowieso auf, und das Album wurde im Studio fabriziert.

Die US-amerikanische Sängerin Dana Fuchs zählt hierzulande nicht zu den sehr bekannten Größen, tourt aber inzwischen auch über den europäischen Kontinent, wobei die skandinavischen Länder noch überwiegen.
Dass man dabei in den Lobpreisungen und Pressemeldungen immer Bezug nimmt zu anderen Künstlern, sie gar als legitime Nachfolgerin von Janis Joplin sieht, ist eher, wie ich meine, eine Last, die man ihr aufbürdet.

Hart und schnörkellos

Dana Fuchs: Borrowed Time (Musik-CD)Was man auf diesem Album zu hören bekommt, ist knochenharter Southern-Rock ohne große Schnörkel. Das ist Musik, die sowieso laut daherkommt – die Art der Aufnahme passt also. Jon Diamond, ihr Gitarrist seit 2003, ist so stark in den Vordergrund gemischt worden, dass die Stimme der Sängerin dagegen ankämpfen muss. Aber sie kann das – und daher auch der erste Eindruck eines Live-Albums. So klingt das garantiert auch, wenn sie mit Ihrer Band auf der Bühne steht. Schade, dass ich vorerst keine Gelegenheit haben werde, das einmal zu prüfen. Die CD weckt zumindest Lust darauf.

Abwechslungsreiche Songs

Erfreulicherweise finden sich keine gecoverten Songs auf dem Album. Sämtliche Titel wurden Dana Fuchs und Jon Diamond teilweise mit Hilfe anderer Bandmitglieder geschrieben. Bedauerlicherweise liegen dem Album keine Texte bei. Da sie bei dieser Art Musik nicht immer gut zu verstehen sind, wäre das eine Hilfe für nicht muttersprachliche Hörer gewesen.

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Die Zusammenstellung ist gut. Nach dem Opener „Double Down On Wrong“, der ein Fetzer ist, folgt etwas verhaltener „Blues Mist Road“, der jedoch ab der Mitte auch von der schmutzigen Gitarrenarbeit der beiden Gitarristen lebt.
„Call My Name“ ist eine langsame Ballade, bei der ausnahmsweise auch der Text gut verstanden wird. Bei „Save me“ wiederum ist zu hören, wie gut die Rhythmussektion (Bass und Drums) zusammen harmoniert.

Dana Fuchs - Glarean Magazin
Gradlinig, schnörkellos: Dana Fuchs (geb. 1976)

Das folgende „Curtain Close“ wird von den beiden Gitarristen dominiert. Der knarzende Telecaster-Sound lässt Melodie und Stimme fast in den Hintergrund treten. „Borrowed Time“ dann, der titelgebende Song, beginnt verhalten mit Akustik-Gitarre, die dann von den E-Gitarren überlagert wird, die sich aber nicht in den Vordergrund drängen. Statt Solospiel gibt es in der Mitte des Songs einen melodiösen Riff.
„Nothing You Own“ ist wieder eine Ballade, in der die E-Gitarren sich mit Arpeggien begnügen. Die Lead-Gitarre zeigt gegen Ende, dass es nicht viele Töne braucht, um ein ansprechendes Solo zu spielen.
„Not Another Second On You“ setzt da wieder ein, wo der erste Titel aufgehört hat. Bei „Lonely Lie“ zeigt Jon Diamond, dass er auch eine gute Mundharmonika spielen kann; sonst braucht es für diesen Song nur noch eine Akustik-Gitarre. „Last To Know“ rockt wieder los, als gälte es ein Publikum bis zum Überglühen einzuheizen. Das letzte Stück „Star“ dreht dann mit den verzerrten Telecaster noch einmal etwas mehr auf.

Routine und Spielfreude

The Allman Brothers Band - Glarean Magazin
Legendäre Formation des Southern Rock in den 1970er Jahren: The Allman Brothers Band

Dana Fuchs‘ rauhe Stimme ist wandlungsfähiger, als es bei den ersten Stücken den Anschein hat. Das fällt vor allem bei den Balladen auf. Die Gitarrenarbeit von Jon Anderson und dessen Partner Kenny Tudrick mag beim ersten Eindruck etwas einseitig daherkommen, bei genauerem und öfterem Hinhören merkt man aber doch, dass sie differenziert spielen können. Natürlich ist da der gradlinige, nicht sehr komplizierte Southern-Rock, aber den bringen sie mit viel Routine, Enthusiasmus und vor allem großer Spielfreude, die mit manch guten Einfällen durchsetzt ist.

Wer ein erfrischend neues, wenn auch nicht neuartiges Rockalbum hören möchte, ist bei Dana Fuchs und ihrer Mannschaft an der richtigen Adresse. Vor allem ist es kein Album, das man ein- oder zweimal hört und dann wieder vergisst. Es gewinnt vielmehr beim wiederholten Hören. Wer gradlinigen Southern-Rock mag, bei dem stellt sich hier die gute Laune automatisch ein. ♦

Dana Fuchs: Borrowed Time, Ruf-Records, Audio-CD, 50 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rock Musik auch über Birgit Fuß: Jim Morrison (Musiker-Biographie)

… sowie über Mathias Löffler: Rock & Jazz Harmony (Lehrbuch)


Computerschach: Komodo Dragon 3 bei Chessbase erschienen

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 18 Minuten

Ein Programm für alle Fälle

von Walter Eigenmann

Das moderne Computerschach kennt mittlerweile hunderte von verschiedenen Engines unterschiedlichster Spielstärke – und die stärksten unter ihnen würden mit WM Magnus Carlsen und seinen genialen Profi-Kollegen wohl umspringen wie mit Lehrlingen. Dabei handelt es sich zumeist um Freeware, darunter mit Stockfish auch die aktuelle Nummer-Eins. Seit langem ist diesem Platzhirschen – neben dem drittstärksten Programm LeelaChess – aber eine kommerzielle Engine dicht auf den Fersen: Komodo Dragon. Dessen jüngste, dritte Version wird nun ebenfalls – exakt ein Jahr nach Dragon 2 – von der Hamburger Schachsoftware-Firma Chessbase unter deren hauseigenem Interface „Fritz“ vertrieben.

Chessbase Komodo Dragon 3: PC-Schachprogramm mit neuronaler NetzwerktechnikDass die Komodo-Gründer bzw. -Programmierer Don Dailey (†), Larry Kaufman und Mark Lefler ihre erfolgreiche Engine nicht nur in Eigenregie verkaufen, sondern zusätzlich bei Chessbase unterkommen konnten, dürfte für beide Seiten eine Win-Win-Situation darstellen: Mit dem weltweit sehr erfolgreich vertriebenen „Fritz“-Interface (hier: die Version 18) kann der starke Motor unter eine professionelle Haube kriechen, während die Hamburger neben ihrer „klassischen“ Fritz-Engine noch ein zweites, extrem starkes Programm-Pferd im Stall haben.
Der Zukauf von kommerziellen Engines hat bei Chessbase jahrzehntelange Tradition: Von „ChessTiger“ und „Junior“ über „Hiarcs“, „Shredder“ und „Rybka“ bis hin zu jetzt „Komodo“ nahm CB immer wieder externe Programme bzw. Programmierer unter Vertrag – natürlich stets gleichzeitig mit seiner Hausmarke „Fritz“.

Neuer Wein in alten Schläuchen

Komodo Dragon 3 - Chessbase - Eröffnungsbildschirm - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Der Eröffnungsbildschirm des neuen Komodo Dragon 3 von Chessbase

Über das Graphical User Interface „Fritz“ in seiner aktuellsten Version haben wir bereits berichtet: Fritz 18. Die „Fritz“-Programmoberfläche ist seit Jahren – trotz eines gewissen Innovations-Staus, der bei den letzten Nummern zu beobachten war – der unangefochtene Leader unter allen kommerziellen GUI und bei den internationalen Schachprofis das meistverwendete Schachprogramm; beim Heer der Amateur- und Klubspieler ist „Fritz“ ohnehin seit Jahrzehnten fest etabliert als Analyse- und Datenbank-Werkzeug.
Die jüngste Komodo Version 3 von Chessbase übernimmt dieses Interface unverändert – „neuer Wein in alten Schläuchen“ also. Wenden wir uns dementsprechend der Engine selber zu.

Personalities für jeden Geschmack

Komodo Dragon 3 - Neun Schach-Personalities - Rezensionen Glarean Magazin
Die neun Personalities des Komodo Dragon 3

Nach der Installation der neuen Komodo-Ausgabe von Chessbase hat der Anwender plötzlich neun weitere Engines in seinem Programme-Ordner. Denn wie schon bei der Vorgänger-Version 2.6 diversifiziert auch Komodo-Dragon 3 seine Default-Engine in sog. „Personalities“.
Damit knüpfen die Macher des Schach-Warans – wenngleich in sehr viel geringerem Ausmaß – an das legendäre Schach-Paket „Chessmaster“ (1991-2007) an, das seinerzeit viele Dutzende solcher vorprogrammierter „Spieler-Persönlichkeiten“ für ein möglichst abwechslungsreiches Spiel des Users gegen das Programm mitlieferte und damit einen der wichtigsten Kaufanreize für diese damals weitverbreitete Software darstellte. (Ein weiteres, kostenloses Schachprogramm, bei dem die Personality unterschiedlich gewählt werden kann, ist z.B. Pro Deo von Ed Schröder. Zu nennen ist außerdem das spielstarke Stockfish-Derivat ShashChess mit mehreren solcher Personalites).

Vom Anfänger bis zum Weltmeister

Unter dem Chessbase-GUI konnten schon immer all jene, die „Fritz“ nicht zum Analysieren, sondern zum Selberspielen nutzen, die Engine-Stärke drosseln. Bei Komodo-Dragon wählt der Anwender nun fix programmierte Varianten aus, die da heißen: Dragon 3 (Default), Dragon Active, Dragon Aggressive, Dragon Beginner, Dragon Defensive, Dragon Endgame, Dragon Human, Dragon MCTS, Dragon Positional.

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Zitieren wir diesbezüglich hier kurz aus dem Beschrieb von Chessbase, wo die Programm-Macher festhalten, dass sich die Spielstärke bei Komodo Dragon 3 grundsätzlich „beliebig nach der gewünschten Elo-Stärke von 1 bis maximal 3500 einstellen“ lasse. „Die Elo-Werte beziehen sich dabei auf menschliches Spiel im Schnellschach und eignen sich z.B., um für ein ausgeglichenes Match zu sorgen. Denn bei reduzierter Spielstärke unterlaufen der Engine die Fehler, die von Menschen mit der eingestellten Wertungszahl zu erwarten sind.
Die Elo-Einstellungen von Komodo Dragon 3 sind gegen viele menschliche Spieler unterschiedlichster Spielstärke getestet und abgestimmt worden, insbesondere im GM-Bereich in zahlreichen Schnellschachpartien gegen GM Alex Lenderman, der zum Entwicklerteam von Komodo gehört.“


Exkurs: Die Personality „Endgame“

Welche der acht zusätzlichen Dragon-Personalities nun genau wie in welchem Schach-Segment spielt, müssten weitergehende Tests und Analysen zeigen. Der Autor hat sich bis jetzt mit zweien dieser Dragon-Derivate näher beschäftigen können, nämlich mit „Endgame“ und mit „Aggressive“.

Komodo-Dragon-3 - Optionen-Fenster - Endgame Einstellungen - Fritz18 - Glarean Magazin
Die „Endgame“-Einstellungen von Komodo-Dragon-3 unter Fritz-18, wie sie für das untenstehende Turnier benützt wurden

Performt die Personality Endgame tatsächlich besser als die Default-Einstellung? In einem Stellungstest mit 100 mittelschwierigen bis sehr schwierigen Endspiel-Aufgaben schnitt die „Endgame“-Option keineswegs besser ab – im Gegenteil. Das hat allerdings seinen Grund weniger in ihrer Endspiel-Performance als vielmehr in der Tatsache, dass bei Dragon nur „Default“ die starke NN-Bewertung nutzt, alle anderen Personalities nicht. Damit ist deren Spielstärke per se massiv gedrosselt. Näheres dazu findet sich in der offiziellen Readme-Datei von Komodo. (Das Problem bestand natürlich auch bei der Dragon-Einstellung „Aggressive“, welche im untenstehenden Turnier zum Einsatz kam und dort entsprechend schlecht abschnitt).

Trotzdem war es interessant, die Endspiel-Performance der entspr. Dragon-Personality zu untersuchen.
Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Zahlreiche Lösungen, die andere Spitzen-Engines innert 15 Sekunden entdeckten, schaffte diese Einstellung auch nach Minuten nicht. Umgekehrt kam es nur sehr selten vor, dass sie als einziges Programm eine Aufgabe löste.

Hier stellvertretend einige Stellungen, welche von den meisten Programmen in Sekunden gelöst werden, aber für „Endgame“ von Komodo-Dragon-3 eine Nummer zu hoch sind.
(Der Autor testete auf einem AMD-Ryzen-7 / 16Threads & 5-men-Syzygy). Ein Mausklick auf irgend einen Partie-Zug öffnet das entspr. Analyse-Fenster inkl. Download-Option:

Die obigen vier Stellungen sind natürlich nicht repräsentativ, umfangreichere Tests könnten andere, positivere Ergebnisse zeitigen.


Exkurs: Die Personality „Aggressive“

Eine weitere hochinteressante Dragon-„Persönlichkeit“ ist die Einstellung „Aggressive“. Aktuell dürfte es kein Programm des modernen Engine-Zirkus‘ geben, das nur annähernd so einfallsreich, so opferfreudig und so angriffslustig spielt wie diese Komodo-Personality.
Dabei ist die Gesamt-Turnier-Performance von „Aggressive“ haarsträubend schlecht – aus dem oben bereits erwähnten Grunde, und wie auch die Turnier-Tabelle unten dokumentiert, wo „Aggressive“ ohne einen einzigen Partien-Gewinn die Schlusslaterne trägt. „Aggressive“ – das bedeutet Angriffsschach zuweilen mit der Brechstange, und gegen derart starke Konkurrenz mit ihrer gnadenlos präzisen Verteidigungsarbeit, wie sie die modernen NN-Programme an den Tag legen, hat es solch „romantisches“ Schach einen schweren Stand.

Michael Tal - Schachweltmeister - Glarean Magazin
Weilt das legendäre Angriffs-Genie Michael Tal inkognito wieder unter uns – in Gestalt des Computerschach-Komodo-Warans „Dragon“?

Aber wer „Aggressive“-Partien näher untersucht, erlebt Thriller-Schach-Kino vom Feinsten! Es lohnt sich, wenigstens die entspr. Remis-Games nachzuspielen. Die Personality hat Material-Einstellungen und Stellungsbewertungen implentiert, die sie kompromisslos auf Angriff spielen lässt, wobei Bauern- und Figuren-Opfer quasi zur Pflicht gehören. Es ist, als wäre der legendäre Weltmeister Michael Tal wieder auferstanden – in der Form eines noch weitaus gefährlicheren Warans…

Hier einige Beispiele für diesen attraktiven Spiel-Stil – und zwar aus Partien, die trotz jeweiliger Materialdefizite unentschieden endeten (notabene gegen extrem starke NN-Engines):

„Aggressive“ kennt nur eine Richtung: Nach vorne. Dabei haben Raumgewinn, Linien- und Diagonalen-Öffnen inkl. Vorposten-Schaffung zwecks direktem Königsangriff absolut oberste Priorität, auch unter Bauern- und Figuren-Opfern.
In dem folgenden Bruderkrieg steckt Weiß gleich zwei Bauern ins Geschäft, nur um den Gegner am am freien Figurenspiel zu hindern bzw. den eigenen Raum-Radius zu vergrössern:

Die nächste Stellung entstand aus einem klassischen „Franzosen“. Auch hier benützt die Engine die erste beste Gelegenheit, von den ausgelatschten Eröffnungspfaden abzuweichen und den Gegner zu Erklärungen zu zwingen. Und auch diesmal gelingt es dem gegnerischen Programm nicht, diese Frechheiten mit einem Sieg zu bestrafen; die Partie endete später remis:

Die ganze Welt nimmt in der nachstehenden sizilianischen Standard-Stellung mit Weiß den Bauern auf d4 – für „Aggressive“ ist das viel zu langweilig. Erneut ist der Drang unübersehbar: Turbo-Entwicklung, um baldmöglichst gerüstet zu sein für den Angriff. In der Großmeister-Szene kommt 4. Ld3 natürlich nicht vor. Komodo-Dragon schreibt hier also Eröffnungs-Geschichte…


PGN-Download-Button
Download-Button im Analyse-Fenster

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante in der Notation öffnet das entspr. Analyse-Fenster mit der Option des Downloadens als PGN-Datei.

Alternativ lassen sich die Stellungen hier nachspielen bzw. runterladen.

„Aggressive“ ist in erster Linie eine begnadete Gambit-Engine. Hier ein viertes Beispiel dieses unbekümmerten Kampf-Stils in einer selteneren Variante des Nordischen Gambits. Diesmal ist der Gegner die Nummer 2/3 der Welt – doch auch hier endete der Kampf des David (Alpha-Beta-Bewertung) gegen Goliath (NN-Bewertung) mit einem Remis. Romantik-Schach des 19. Jahrhunderts – mitten im Maschinen-Zeitalter des 21. Jahrhunderts…


Leichter Zugewinn an Spielstärke

Komodo Dragon 3 - Logo - Mai 2022 - Schach-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Seit Jahren der hartnäckigste Verfolger der Nummer Eins Stockfish: Der Komodo-Waran von komodo.chess

Natürlich interessiert primär mal die Default-Spielstärke der neuen Dragon-Engine. Komodo ist wie alle führenden modernen Schachmotoren eine sog. Neural-Network-Engine (NN), wobei sie ihr eigenes, natürlich programmiertechnisch speziell abgestimmtes Netzwerk „eingebettet“ mitbringt und dieses nicht wie die meisten anderen (z.B. Stockfish) extra downloaden muss; letzteres ist optional aber nach wie vor möglich.

Hinsichtlich Spielstärke hat Dragon 3 zugelegt – aber der Zugewinn ist überschaubar, wie die bisherigen Turnier-Resultate der einschlägigen Partien-Generatoren CCRL und CEGT ausweisen. (Auch das eigene Privat-Turnier des Autors – siehe unten – zeigt gegenüber Dragon 2.6 einen Zuwachs der Turnier-Performance in bescheidenstem Rahmen).
Unbestritten ist aber, dass der „Drachen“ der stärkste Konkurrent des „Fisches“ war und vorläufig auch bleiben wird, auch dies zeigen alle bisherigen Tests und Turniere mit dem jüngsten Komodo-Zuwachs:

CCRL - Chess Engines Rating Blitz - 25. May 2022
Dem Leader dicht auf den Fersen: Dragon 3 gelistet bei CCRL in der Blitz-Rating-Liste vom 25. Mai 2022

CEGT - Chess Engines Rating 40-20 - 25. May 2022
Merklich hinter Stockfish, knapp vor FatFritz und LeelaChess: Dragon 3 gelistet bei CEGT in der 40/20-Rating-Liste vom 25. Mai 2022

Komodo Dragon 3 und die Analyse

Interessanter als Ranglisten-Vergleiche ist allerdings das Untersuchen der Binnenstrukturen von Partien des neuen Dragon, aber auch das Verhalten der Engine beim Analysieren.
Um das Zweite vorwegzunehmen: Gerade hier zeigen sich die neuen computerschachlichen Ansätze unmittelbar, wie schon ein paar erste, aber repräsentative Test-Stellungen demonstrieren. (Die folgenden Ergebnisse wurden auf einem AMD-Ryzen-7 mit 16Threads, 2Gb Hash und 5-men-Syzygy-TB’s unter dem Interface Komodo-Dragon-3 von Chessbase erzielt):

Karjakin vs Carlsen (Shamkir 2019)
Schwarz am Zuge

Karjakin vs Carlsen - Shamkir 2019 - Schwarz am Zuge - 19... e4FEN: r3k2r/1pq1bpp1/p2p2n1/3Ppb1p/1QP4P/2N1B1P1/PP2BP2/R3K2R b KQkq – 0 19

Im Gegensatz zu seinem direkten Vorgänger Dragon 2.6.1 (und den meisten anderen Spitzen-Engines) findet der neue Dragon 3 den positionellen, die Inititative sichernden Bauernvorstoss 19. – e4! des amtierenden Weltmeisters in nullkomma-fast-null Sekunden.
Solche blitzschnellen Lösungen lassen meist darauf schließen, dass die Engine den betr. Stellungstypus „kennt“ und adäquat behandeln kann.

Feco vs Jones (Corr. Game 2017)
Schwarz am Zuge

Feco vs Jones - Correspondence Chess 2017 - Schwarz am Zuge - 29... Db6 (am)FEN: 4Qnk1/1pq4p/2p3p1/p2p1p1P/P2P1P2/2PB2P1/1P3K2/8 b – – 0 29

So wie Dragon 2.6.1 möchten sich hier praktisch alle starken Programme mit 29. – Db6? am weißen Bauern b2 delektieren, was aber den sicheren Tod des Schwarzen bedeutete.
Der neue „Drachen“ riecht den Braten recht schnell und sucht stattdessen den Damentausch mit Dd7 oder Df7. Denn am Damenflügel kann Schwarz zwar seinem Materialismus frönen, doch auf der anderen Brettseite geht’s seinem König an den Kragen…

R. Becker (Studie 2015)
Weiß am Zuge

R. Becker Studie - Weiss am Zuge - 1. Dd3FEN: 8/p2p4/r7/1k6/8/pK5Q/P7/b7 w – – 0 1

Nur wenige Spitzen-Programme lösen die obige Studien-Aufgabe innert Sekunden, indem sie sofort in die erforderliche Tiefe von mind. 30 Halbzügen (!) kommen. Komodo-Dragon 3 holt hier den Lösungszug 1. Dd3! unverzüglich auf den Bildschirm, seine Konkurrenten lassen sich demgegenüber teils über eine halbe Minute Zeit.


 

Die vier Stellungen und
Analysen lassen sich
hier downloaden.

Cvak vs Kubicki (Corr.-Analyse)
Weiß am Zuge

Cvak vs Kubicki - Correspondence Chess 2019 (Analyse) - Weiss am Zuge - 31. Lxc51rb1r3/5qk1/3b2p1/1pnPp1Pp/2P1Bp2/pP6/P2NQB1P/1KR3R1 w – – 0 31

In dieser komplexen Mittelspiel-Stellung steht Weiß mit dem Rücken zur Wand, denn er hat genau einen Rettungsanker, der die Partie knapp hält: 31. Lxc5!
Die meisten Engines würden hier mit 31.cxb5? sang- und klanglos untergehen – nicht so Dragon 3. Nach ca. 10 Sekunden „weiß“ der neue „Drachen“, dass nur der Figuren-Abtausch entlastet.
Überhaupt fällt beim Analysieren von Dragon-3-Partien auf, wie hartnäckig das Programm schlechte Stellungen zu verteidigen vermag. Insbesondere Fernschach-Spieler dürften diese Qualität des jüngsten Komodo besonders zu schätzen wissen…

Dragon 3 gegen den Rest der Engine-Welt

Das Analysieren von eigenen oder fremden Games gehört bei Schachspielern (gleich welcher Stärkeklasse) ohne Zweifel zum Hauptverwendungszweck von Schachprogrammen, sei es zum Aufspüren von Fehlern oder zum Trainieren des Eröffnungsrepertoire. Dieser Zielsetzung trägt Chessbase Rechnung, indem neben der neuen Engine und dem zugehörigen Interface auch eine Sammlung von über einer Million Partien mitgeliefert wird. Die „Database 2022“ enthält dabei auch tausende von Games, die professionell von Großmeistern kommentiert wurden. Die jüngste Partie der Datenbank datiert vom 20. Oktober 2021, die älteste ist eine Begegnung zwischen Bird und Anderssen aus dem Jahre 1851.

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In spezifischen Computerschach-Kreisen ist eine weitere Spielwiese für Engines verbreitet (allerdings weniger aus schachlichen denn aus statistischen Gründen): Das automatisierte Ausspielen von Engine-Partien. Die so generierten Games zwischen Motoren untereinander sollen Aufschluss geben über die Gesamt-Performance eines Programmes, wobei meist mehr oder weniger ausgeklügelte „Opening-Books“ sowie 5-7-Steiner-Endgame-Tablebases zum Einsatz kommen. Die beiden wichtigsten dieser Partien-Ersteller CCRL und CEGT wurden oben bereits erwähnt, zahlreiche weitere private Engine-Turniere werden laufend von der weltweiten Anwenderschaft generiert.

Turnier mit 16 Top-Engines

Der Autor hat unter der Komodo-3-Grafikoberfläche von Chessbase ebenfalls ein solches kleines Engine-Turnier aufgesetzt für 16 der besten und häufigst verwendeten Schachmotoren, die aktuell den Engine-Zirkus bevölkern. Generiert wurden dabei insgesamt knapp 500 Partien mit der offiziellen Blitz-Bedenkzeit der FIDE von 3 Min. + 2 Sek. (= Hauptspielzeit plus Zeitbonus pro Zug).
Dies allerdings mit zwei eher selten angewendeten Optionen: Erstens wurde komplett verzichtet auf den Einsatz von Eröffnungsbüchern, um den Engines nicht vorzuschreiben, welche Eröffnungszüge sie spielen sollen. Und zweitens hatten die Programme keinerlei Endspiel-Datenbanken zur Verfügung, damit bei der späteren Partien-Analyse die eigentliche Performance einer Engine auch in dieser Spielphase objektiver untersucht werden kann. Drittens durften die Engines – via die Turnier-Option „Pondering“ – auch dann rechnen, wenn sie nicht am Zuge waren; dies ist das „natürlichste“ Verhalten beim Schachspielen…

Download-Button Turnier-Partien

Detailliert sah das Tournament Setting
folgendermaßen aus:

  • Hardware: AMD Ryzen 7 2700x ( 8CPU / 16Threads )
  • Software: Fritz 18 (Chessbase)
  • 16 Engines ( Je 4 Threads / 1024 Mb Hash )
  • Time Controlling: 3min + 2sec
  • Round Robin: 4 games each against each other
  • Opening Books: No
  • Endgame Tablebases: No
  • Pondering: Yes
  • Total Games: 480
  • Duplicated Games: 0
  • LeelaChess-Network: 783328 ( 2 Threads / RTX 2080)

Natürlich ist dieses Engine-Turnier mit seinen knapp 500 Partien statistisch nicht belastbar, trotzdem entspricht sein Ranking ziemlich genau jenen Ranglisten, die ein Vielfaches an Games pro Engine ausspielen lassen:

Top Engines - 3+2 - Turnier-Tabelle (neu)
Das Turnier der 16 Top-Engines ohne Eröffnungsbücher und Endspiel-Datenbanken

Die Liste zeigt das nunmehr schon seit vielen Monaten bekannte Bild mit dem führenden Triumvirat Stockfish/LeelaChess/Komodo, wobei die Plätze Zwei und Drei immer mal wieder wechseln können zwischen LeelaChess und Dragon. Zieht man zum Vergleich die zahlreich existierenden, diversen Computerschach-Rankings im Internet hinzu, zeigt sich ziemlich deutlich, dass sich Komodo meist auf dem Silber-Podest einreiht.

Interessant ist, dass dieses Turnier keine einzige Partie-Doublette generierte, obwohl keinerlei Opening Books im Spiel waren, die das Eröffnungsverhalten der Motoren gespreizt hätten. Trotzdem verzeichnet die Eröffnungs-Palette einen überraschend weiten ECO-Range:

Trotz fehlenden Eröffnungsbüchern: Ein überraschender Range der ECO-Codes ohne Partien-Dubletten
Trotz fehlenden Eröffnungsbüchern: Ein überraschend weiter Range der ECO-Codes, außerdem ohne Partien-Dubletten

Auch hinsichtlich Endspiel entsprechen die 480 Partien in etwa jenen Häufigkeiten, wie sie sich im Computer- wie im Human-Schach zeigen. Und auch hier machen die reinen Turm-Endspiele die größte und wichtigste Kategorie aus:

Top Engines - 3+2 - Endspiele-Statistik
Alle Engines mussten ihre Endspiel-Performance ohne Endgame-Tablebases demonstrieren

Ein Schachpaket für alle Fälle

Ist Komodo-Dragon-3 aus dem Hause Chessbase ein Must-have für Schachspieler? Unbedingt – sofern man nicht zumindest schon das Fritz-18 oder -17-GUI hat und außerdem mal nicht immer bloß den gleichen Einheitsbrei von Stockfish & Co. aus dem Netz runterladen möchte.
Denn Dragon 3 hat ein deutlich anderes Spiel- und Analyse-Verhalten als alle anderen NN-Engines, beweist aber trotzdem immer wieder eine extrem starke Turnier-Performance. Damit ist dieser dritte „Drachen“ ein echtes Gegen-Programm zum üblichen Freeware-Kuchen mit seinen aberdutzenden von Derivaten und Klonen, die sich inzestiös oft nur in winzigsten Kleinigkeiten unterscheiden.
Chessbase rundet sein jüngstes Komodo-Paket außerdem ab mit einer großen Partien-Datenbank sowie einem 6-monatigen Premium-Account mit Zugang zu den bekannten CB-Online-Services.

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Natürlich empfiehlt sich der Kauf weniger für jene, die F17 oder F18 bereits besitzen und somit die Dragon-3-Engine durchaus direkt bei den Komodo-Machern kaufen und dann einbinden können. Allerdings ist der Preis-Unterschied minim: Bei Amazon z.B. kostet die Chessbase-DVD 74 Euro, während die Programmierer auf ihrer Komodo-Webseite 75 Dollar, also ca. 70 Euro für die nackte Engine verlangen. Rechnet man bei CB noch ein paar Euro für den DVD-Versand hinzu, ist der pure Engine-Download günstiger – aber einbezogen werden sollten bei CB noch die kostenlosen Goodies Premium-Account & Database 2022.

Wie auch immer: Komodo-Dragon-3 zählt nicht nur zu den aktuell stärksten Schachprogrammen überhaupt, sondern setzt dem bunten Engine-Zirkus den vielleicht glänzendsten, weil schachlich und programmiertechnisch sehr alternativ auftrumpfenden Farbtupfer hinzu.
Der neue „Drachen“ 3.0 wird damit zum vielfältig einsetzbaren Analyse- und Sparring-Werkzeug – ein Schachpaket also für alle Fälle. ♦

Chessbase: Komodo Dragon 3 & Fritz 18 GUI – Schachsoftware by Chessbase Hamburg, DVD oder Download

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachsoftware auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Computerschach: The Engine Crackers


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Jennifer Allan: Das Lied des Nebelhorns (Musik-Geschichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Monströse Klangwelten des Industriezeitalters

von Jakob Krajewsky

Die Autorin Jennifer Lucy Allan legt nach 10-jähriger Arbeit als Dissertation eine Kulturgeschichte des Nebelhorns vor. Allan stammt aus Nordengland und zählt zur Generation Y; Die Musikjournalistin schrieb über Underground und experimentelle Musik für The Guardian, The Quietus und The Wire. Sie war auch für das BBC Radio 4 als Moderatorin aktiv, außerdem betreut sie das Archiv-Plattenlabel Arc Light Editions.

Das alles klingt bei ihrem Schreiben mit an. Die Obsession für das ungewöhnliche, ausgestorbene Klangwerkzeug, das Nebelhorn, entspricht ihrer Technikfaszination und den Begegnungen mit Klängen extremer Musikbands.

Dekonstruktion eines Mythos

Das Lied des Nebelhorns - Eine Klang- und Kulturgeschichte - Jennifer Lucy Allan„Als wäre ich ein Geist, dem Nebel zugehörig, und der Nebel war der Geist des Meeres,“ heißt es bei Eugene O’Neill. Ganz am Anfang dekonstruiert Allan den Mythos, wie das Nebelhorn in die Welt kam. Auf jeden Fall entstand es als ein Produkt des Industriezeitalters um die 1850er herum und war nicht nur in Großbritannien und Nordamerika lebenswichtig. Das Signal diente der Navigationshilfe auf Schiffen und an den Küsten. Es brüllte mit seinem monumentalen Sound gegen die Klangwucht der Meere an als Schutz vor Zusammenstößen aufgrund des dichten Nebels. Aus dem Nebelhorn dringt „ein akustisches Wahnbild der industriellen Revolution, das vom Prusten und Rasseln von Dampf und Kolben, von Hitze und Fett und von maschinellen Lungen heraufbeschworen wird“ (S. 119).

Starke Sounds und nebulöse Welten

Interessante Querverweise zum Afro-Futurism des Duos Drexciya, über Dub bis zu Doom Metal und Acid House, zu den Froschkonzerten im Stile von Exotica, einer Spielart des Jazz, bis zur Minimal Music von Terry Riley, La Monte Young, Steve Reich und Philip Glass blieben bisher unerhört. „Musikalische Genres und weltbewegende Erfindungen […] sind so gut wie nie das Werk eines einzelnen Genies,“ resümiert Allan. Dennoch gibt es ein Patent für die gewaltigen Maschinen. Konzerte mit Nebelhörnern rühren das Publikum an anglophonen Küstenorten oft zu Tränen. In der San Francisco Bay Area sind noch einige der Monster aktiv.

Nebel San Francisco Bay Area - Glarean Magazin
Starke Sounds in nebulösen Welten: Die San Francisco Bay Area im Nebel

Auf der anderen Seite steht der Nebel; er dämpft Geräusche, macht unsichtbar, schärft Geruchs- und Tastsinn und zelebriert Stimmungen, z.B. in Ella Fitzgeralds Song „A Foggy Day“. Es ist symbolisch und lebensbedrohlich – natürlich auch in Stephen Kings Horrornovel „The Fog“ oder im Film „Nebel des Grauens“ von John Carpenter. Wie Smog in London gehört in San Francisco Nebel einfach dazu. So wird H. Gilliam zitiert, „dass pro Stunde bis zu einer Million Tonnen Wasser in Form von Dunst und Nebel durch die Meerenge Golden Gate wabert.“

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Allan definiert verschiedene Nebelformen und versinkt im Volksglauben zwischen den Niederlanden, Isle of Man, Chile, Peru sowie im Popol Vuh, der Schöpfungsgeschichte der Mayas. Sie sucht Tiervergleiche zu Elefanten und Bullen im Gilgamesch Epos und in der griechischen und ägyptischen Mythologie, die das heftige Brüllen des Horns symbolisieren. Ebenso erwähnt die Autorin Künstlerinnen wie Eliasson, Gormley und Nakaya, die für ihre Nebelinstallationen bekannt geworden sind.

Naturwissenschaften, Schauergeschichten, Seemannsmythen

Jennifer Lucy Allan - Glarean Magazin
Die Musik-Wissenschaftlerin Jennifer Lucy Allan

Jennifer Lucy Allan macht ein wenig selbstverliebt ihre Recherchearbeit und Forschungsreisen transparent, berichtet freimütig über die Archivarbeit, spricht über Ökologie und einstmals koloniales Handelsgeschehen. „Das Nebelhorn legt los. Nicht nur mit den Ohren höre ich es, sondern mit meinem kompletten Körper – Magen, Haut, Knochen und der Schädel geraten in Schwingungen, wenn das Nebelhorn erklingt“ (S. 105). Nebelbänke können im Krieg bewahren, es gibt Quallen im Asowschen Meer, Schiffsunglücke passieren. Andere Warnsignale wie Leuchtturmglocken, Tiefseeglocken, der Klang der Sirenen, Sprengstoff werden erwähnt.

Das Nebelhorn am St. John’s Point in Nordirland - Glarean Magazin
Ein „monströses, obszönes und melancholisches Ding“: Nebelhorn am St. John’s Point in Nordirland

Assoziativ und vielschichtig werden hier auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse eingebracht; Automatisierung in der Seefahrt, Schauergeschichten und Seemannsmythen wechseln sich in poetischem Reigen ab: Strandräuber nutzten geschickt die Vernebelung an Sandbänken, um Schiffe irrezuführen. Das so generierte Strandgut an Land bleibt dann im Besitz des Finders.
Das Buch ist ein wahres Füllhorn: Virginia Woolf, Gertrude Atherton, Ray Bradbury, Nigel Kneale, Anne Carson und Ingmar Bergmann treten auf. Allan berichtet von Symphonien der Sirenen, skurrilen Industriekompositionen von Arseni Awraamow 1927 im sowjetischen Baku und von „Fantasy for Horns“ und die „Harbour Symphony“, beide von Hildegard Westerkamp als von „Klängen in der Klanglandschaft.“ Letztere wurde 1986 zur Expo in Vancouver mit mehr als 150 Schiffen aufgeführt. Ein offizieller Abgesang auf die Nebelhörner bildet das „Foghorn Requiem“ des Komponisten Orlando Gough, ein Musikstück für fünfzig Schiffe am Tyne in Newcastle. Es war eine Auftragsarbeit des National Trust und des South Tyneside Council in 1995.

Monströs, obszön, melancholisch

Hochleistungs-Nebelhorn mit Kompressor (nach Holmes) um 1870 - Glarean Magazin
Holmes’s Fog-Horn Apparatus: Hochleistungs-Nebelhorn mit Kompressor um 1870

Die vier Teile des Buches (Attacke, Verfall, Nachhall, Befreiung) mit 20 Unterkapiteln umsäumt von Prolog und Epilog bieten ein gewaltiges und manchmal verwirrendes Crossing-Over von Technikgeschichte, Kultur, Musik und Sound, Literatur, Industrie samt Landschaft, orchestriert mit dem Maritimen. Alles das ist eng mit dem menschlichen Streben verbunden. Viele übersichtliche Zitate samt Fußnoten runden ab. Index und Bibliographie fehlen hingegen gänzlich. Es ist hier ja auch buchstäblich mehr die empirische Feldforschung von Interesse.
Eingängig ist dabei die weibliche Perspektive in männerdominierten Sphären mit Leuchttürmen, in Seemannsherbergen, Pubs und auf Schiffen. Schön wären ein paar Fotos mehr gewesen, und eine Karte Englands oder Schottlands mit Standorten, außerdem Bilder mit dem Nebelhorn samt Ambiente. Wir leben ja schließlich auch in einer visuellen Welt.
Eine fähige Übersetzung in gut verfasstem Deutsch wird aus dem Englischen von Rudolf Mast, Lektor, Segellehrer und -macher sowie Theaterwissenschaftler, vorgelegt.

Die Hauptfigur, das Nebelhorn, bleibt in den griffigen Worten der Verfasserin wahrhaft ein „monströses, obszönes und melancholisches Ding.“ Das Lied des Nebelhorns erklingt in einer digitalisierten Welt mittels Satelliten und GPS für die Navigation auf See nur noch selten für Touristen an den Küsten. In natura ertönt es mächtig, gewaltig, exzessiv, schrill und schräg wie eine fixe Idee in diesem hier vorliegenden Band mit diesem ungewöhnlichen Thema. ♦

Jennifer Lucy Allan: Das Lied des Nebelhorns – Eine Klang- und Kulturgeschichte, 336 Seiten, Mare Verlag, ISBN 978-3-86648-689-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik auch über Arno Stocker: Der Klavierflüsterer

Interview mit der Komponistin Katharina Nohl

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

„Die Musik wird wieder harmonischer werden“

Jakob Leiner mit Fragen an die Schweizer Konzertpianistin & Komponistin Katharina Nohl

Katharina Nohl wurde 1973 in der DDR geboren und lebt seit 2002 mit ihrer Familie in der Schweiz. Neben dem Komponieren und dem Konzertieren ist sie Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und widmet sich kulturpolitischen Fragen sowie gender-paritätischen Defiziten des Musik-Betriebes.

Glarean Magazin: Frau Nohl, Sie sind Pianistin, Komponistin, Kulturvermittlerin und Familienmensch. Was ist das integrierende Etwas in Ihrem Leben?

Komponistin und Pianistin Katharina Nohl - Glarean Magazin
„Neugier und Abenteuerlust“: Die Komponistin und Pianistin Katharina Nohl (*1973)

Katharina Nohl: Neugier und Abenteuerlust.

Im Jahr 2019 mitbegründeten Sie das Swiss Female Composers Festival. Wie kam es dazu?

Die Idee, etwas für Komponistinnen zu tun, ihnen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und zu verbinden, schwirrte schon länger in meinem Kopf herum. 2018 fing ich an, die ersten Vorbereitungen zu treffen, damit das erste „Call for Score“ im Januar 2019 veröffentlicht werden konnte.

Welche institutionellen Kulturlücken (in der Schweiz) sind Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass die Konzertprogramme noch immer männlich dominiert sind, auch im zeitgenössischen Bereich?

Verantwortlich sind vorrangig die Veranstalter und Künstler. Viele junge Künstler wählen renommierte Komponisten, um sich zu etablieren, denn es ist ein zusätzliches Risiko, unbekannte Musik zu spielen. Der Veranstalter benötigt, wenn er nicht fremd finanziert wird, ein ausgelastetes Haus. Demzufolge wählt man bekannte Musik von Komponisten. Hinzu kommt, dass prozentual viel weniger Musikmaterial von Komponistinnen vorhanden ist, aus dem man wählen und in dem man stöbern kann, als von Männern. Dieser Umstand liegt in unserer sozial-strukturierten Geschichte begründet, denn Frauen durften maximal etwas Nettes zum Tee spielen. Das Klavier war da das bevorzugte Instrument.

Wie könnte sich die Ausbildungssituation an den Musikhochschulen im Hinblick auf Gender-Parität im Kulturbereich verändern?

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An Hochschulen und Universitäten ist es, meines Erachtens, bereits viel weniger ein Thema. Da hat man sich schon länger geöffnet. Die Schwierigkeit kommt danach, wenn man damit Geld verdienen möchte und den freien Markt erobert.

Welche Konzertinitiativen oder Förderungen existieren in der Schweiz, die sich spezifisch dem weiblichen kompositorischen Schaffen widmen?

Da gibt es einige. Einige, die sich auch gar nicht vorrangig damit betiteln, es aber gern und gut unterstützen. Bei Konzerten ist es immer wieder interessant, dem Publikum Komponistinnen auch über zusätzliches Erzählen näher zu bringen. Viele Zuhörer sind sehr interessiert, mehr über den Hintergrund, über das Leben der Komponistinnen und so über die Schweizer Frauen, über das Hier und Jetzt zu erfahren. Sie hoffen auf einen Wandel in der Musik, auf etwas Neues wieder mit Harmonie.

Katharina Nohl: "Die Musik wird wieder harmonischer werden"
Katharina Nohl: „Die Musik wird wieder harmonischer werden“

Wie sieht eigentlich ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ohje, das ist eine lustige Frage, die mich zum Schmunzeln bringt! 😉 Eigentlich gibt es keinen typischen Arbeitstag für mich. Manchmal gehen die Tage einfach bis in die Nacht hinein und am Wochenende weiter. Mein privates Leben und mein Arbeitsleben sind sehr eng miteinander verbunden.

Gibt es wiederkehrende Inspirationsquellen oder –rituale?

Ja, vor allem, weil ich zu Hause arbeite, da muss man mal raus, um den Kopf zu lüften und sich Platz für neue Gedanken zu schaffen. Die Natur, das Gärtnern, Pilze sammeln und vor allem das Kochen und Konservieren sind Hobbys und Leidenschaften von mir, die ich auch an meine Töchter weitergegeben habe.

Ihr Klavier-Soloalbum „Creating Childhood“ erschien 2016 bei Oehms Classics. Welche Musik verbirgt sich hinter diesem fast psychologisch anmutenden Titel?

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Die Musik, die sich dahinter verbirgt, kann man auf allen Streaming-Plattformen hören und herunterladen. Es ist eine Mischung von Musik, die meine Kinder besonders geliebt haben, wenn ich für Konzerte geübt habe, als sie noch klein waren. Aber meine Highlights sind die Stücke, die ich mit meinen Töchtern gespielt habe. Beispielsweise „Wintermorgen in Istanbul“, welches ich mit meiner ältesten Tochter vierhändig gespielt habe. Sie war damals zwölf Jahre alt. Und das Stück „Fantasia“, welches meine jüngste Tochter mit neun Jahren komponiert hat. Der Titel „Creating Childhood“ bedeutet, wir kreieren die Kindheit unserer Kinder! Bewusst oder unbewusst…

Sie traten im Anschluss an dieses CD-Projekts mit eigenständigen Kompositionen hervor. Was gab den Ausschlag?

Mein Freund und Kollege Fazil Say hat mich schon länger dahingehend gedrängt, ich sollte komponieren. Irgendwann nahm ich es an und die Dinge wuchsen. Auch Cyprien Katsaris war eine wichtige Person in diesem Prozess. Ausschlag sind Zuspruch und der Glaube in mein Können und Kreativität ihrerseits.

Noten-Zitat aus einem Stück für Hackbrett-Cymbalo und Klavier von Katharina Nohl
Noten-Zitat aus dem „Stück für Hackbrett/Cymbalo und Klavier“ von Katharina Nohl

Wie viel Eigeninitiative braucht es als zeitgenössische*r Komponist*in, um verbreiteter wahrgenommen zu werden?

Ja, ich sehe mich eigentlich nicht wirklich in den Reihen der zeitgenössischen Musik. Ich hätte gern eine neue Schublade! 😉
Vielleicht bin ich nur Komponistin des Jetzt. Es braucht wie so oft viel Arbeit, Durchhaltevermögen, Unterstützung der Familie, Kreativität und das ein oder andere Bier oder einen Café mit Freunden für den Austausch! Es reicht nicht aus, einfach nur Musik zu schreiben, das war früher auch nicht so. Da kommen viele andere Gebiete noch dazu wie Präsentation, Kommunikation, Austausch und digitales Updaten. Das sind nur ein paar wenige Aspekte.

Tradition und Moderne: Uraufführung des Orchesterstücks "Das Munotglöcklein" von Katharina Nohl (15.8.2019)
Tradition und Moderne: Uraufführung des Orchesterstücks „Das Munotglöcklein“ von Katharina Nohl (15.8.2019)

Was sind Ihre derzeitigen Projekte, an denen Sie arbeiten?

Neu im Entstehen ist ein Stück für Hackbrett/Cymbalo & Klavier. Das hat überraschend viel Interesse hervorgerufen. Die ersten Proben haben bereits stattgefunden. Die wunderbare Cymbalo-Spielerin Olga Mishula aus Zürich probt mit mir. Es macht uns beiden sehr viel Spaß, etwas Neues zu kreieren. Auf Hackbrett/Cymbalo wird vorrangig traditionelle Musik gespielt. Olga als auch ich mögen Rhythmus und Technique beim Spielen, und wir lieben es, das bestehende Repertoire mit neuer Musik zu erweitern. Weiterhin ist noch etwas für Klarinette und String Orchestra fertig zu stellen. Es sind drei Stücke, die ich für Reto Bieri schreibe. Und dann gibt es die vielen unvollendeten Sachen, die da auf ihren Schlusstakt warten…!

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Sie sind in der DDR geboren, mit 16 Jahren haben Sie die Wende miterlebt. Auch angesichts der aktuellen weltpolitischen Situation: Wie prägend war diese Zeit für Sie?

Ich hatte das Glück, wunderbare Jahre meiner Kindheit in der DDR zu verbringen. Sie waren für mich prägend und sind meine Heimat gewesen. Ich habe sie mit mir mitgenommen und mit anderen und neuen Lebenssituationen bereichert. Die aktuelle Situation ist sehr befremdlich für mich, da ich stets eine enge Verbindung zu Russland und den angrenzenden Staaten empfunden habe. Durch Musik, Kultur und Bildung waren wir eng verbunden.

Katharina Nohl (*1973) studierte Klavier, Performance und Musikwissenschaften in Southampton, Ferrara und London. Anschließend lebte sie einige Zeit in München und studierte dann bei Alfons Kontarsky am Mozarteum Salzburg sowie bei Werner Bärtschi.
Seit 2015 ist sie als Komponistin tätig und gibt internationale Konzerte. 2016 veröffentlichte sie ihr Debütalbum Creating Childhood. Nohl ist Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und lebt mit ihrer Familie seit 2002 in der Schweiz.

Frau Nohl, wie klingt eigentlich die Musik der Zukunft?

Das ist eine wunderbare und sehr gute Frage. Es hat mit Vision und Berücksichtigung des Publikums zu tun.
Nun denn, zuerst einmal denke ich, dass wir der Musik der Zukunft Raum für einen neuen Namen geben müssen, denn die Begriffe moderne, zeitgenössische, neue etc…. Musik sind überlastete Begriffe.

Das Publikum ist von moderner Musik gesättigt und orientiert sich bevorzugt an alter und harmonischer Musik. Wenn man diesen Umstand beachtet und ebenso an das finanzielle Management von Konzertauslastungen denkt, bin ich überzeugt, dass die Musik wieder harmonischer und rhythmischer wird.
Unsere musikalische Vorstellung ist mehrheitlich von Harmonie geprägt. Ich benutze gern eine alltägliche Szene aus dem Leben: Eine Mutter oder ein Vater singt ihr/sein Kind in den Schlaf. Ich kenne niemanden, der in dieser Situation experimentelle oder „moderne“ Musik rezitiert – man behilft sich da gern mit harmonischer und traditioneller Musik… Und diese Kinder wiederum sind unsere Zukunft. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Komposition auch das Interview mit Christian Henking: „Jeder Routine ausgewichen“

… sowie das Interview mit der Komponistin Kathrin Denner: „Kultur ist wichtiger denn je“



 

Juho Kuosmanen (Regie): Compartment No. 6 (Film)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Kammerspiel in der Transsibirischen

von Katka Räber

Der Spielfilm Compartment No. 6 („Abteilung Nr. 6“) des Regisseurs Juho Kuosmanen basiert auf dem gleichnamigen Roman der in Finnland sehr bekannten Autorin Rosa Liksom. Ein spannendes Roadmovie mit dem Zug von Moskau nach Murmansk. Und wie bei Sartre in „Huis clos“ („Geschlossene Gesellschaft“) befinden sich die Protagonisten in einem praktisch geschlossenen Raum, in einem Zugabteil…

Compartment No. 6 - Spielfilm - Glarean MagazinDer finnischen Archäologiestudentin Laura erscheint zunächst die Vorstellung, die lange Reise zusammen mit dem ungehobelten, oft groben Minenarbeiter Ljoha zu verbringen wie ein Aufenthalt in der Hölle. Laura hoffte die Reise zu den 10’000 Jahre alten Felsmalereien (Petroglyphen) zusammen mit ihrer Moskauer Geliebten erleben zu können. Doch das Zugabenteuer entwickelt sich anders als erwartet.

Ein persönliches Russland

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Und wir fahren als Publikum mit, erleben einerseits die speziellen russischen Züge, die berühmte Transsibirische Eisenbahn mit dem oft unfreundlichen, unzugänglichen Personal, die Haltestationen sehen wir mit den Augen von Laura, die mit ihrer Kamera zunächst das Alltägliche dieser für uns aussergewöhnlichen Reise filmt und uns so ein sehr persönliches Russland vorstellt.
Gerade in der aktuellen Zeit, in der wir das Verhältnis von Russland und der Ukraine so polarisiert und brutal erleben, bekommen wir einen Einblick in die russische Provinz und erhalten eine Vorstellung von einem Teil der ländlichen Bevölkerung Russlands.

Kammerspiel in einem Zugabteil

Juho Kuosmanen - Regisseur - Glarean Magazin
„Vielschichtige Facetten“: Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen

Dieses Kammerspiel in einem Zugabteil zeigt sehr vielschichtige Facetten der Wahrnehmung unterschiedlicher Bevölkerungsschichten. Auf so engem Raum spielt sich konzentriert das Leben ab. Und all das passiert, immer unerwartet, im langsamen Tempo, mit Humor, oftmals mit Melancholie – und das Herz der Protagonisten wie auch des Publikums öffnet sich. Kein Wunder, dass dieser Film als internationaler Beitrag für den Oscar-Wettbewerb eingereicht worden ist.

Unterwegs steigt ein junger, eher ziellos reisender Finne in das Abteil ein, der auch wieder Bewegung in eine andere Richtung bringt. In der Beziehung zwischen der Finnin Laura und dem Russen Ljoha kommen immer wieder Hürden vor, von denen manche spannend überwunden, manche mit Humor aufgelöst werden, auch die zu erwartende Liebesannäherung findet tatsächlich statt, wenn auch nicht mit einem Hollywood-Happyend.

Transsibirische Eisenbahn - Waggon - Zugabteil - Glarean Magazin
Roadmovie von Moskau nach Murmansk: Waggons der Transibirischen Eisenbahn

Und doch steigen wir erfüllt, beglückt, nachdenklich, aber lächelnd aus dem Zug ins Kinofoyer hinaus, aus dem eisigen Sibirien in den hiesigen Frühling. Wir haben einiges kennengelernt, erfahren – wenn auch nichts, was in einem Tourismus-Reiseführer steht.
Ergreifend, berührend, auch gelegentlich befremdlich, aber auch anders als „lost in translation“. Feurige Begegnungen in der Kälte, überraschend, ehrlich, ohne Pathos, sehr menschlich und filmisch grossartig umgesetzt. ♦

Juho Kuosmanen (Regie): Compartment No. 6, Spielfilm mit Seidi Haarla und Juri Borissow, 112 Minuten, Finnland 2021

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Spielfilm auch über Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt