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Willkommen beim GLAREAN MAGAZIN und viel Spass auf dem Trip durch die ganze Welt der Literatur, des Schachs, des Rätsels und der Musik!


Umm-El-Banine Assadoulaeff (Banine): Kaukasische Tage (Autobiographie)

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Emanzipation auf kaukasisch

von Sigrid Grün

In „Kaukasische Tage“ erzählt Umm-El-Banine Assadoulaeff, die unter dem Pseudonym Banine publizierte, von ihrer Kindheit in Aserbaidschan. Banine, 1905 in Baku geboren, gehörte einer der wohlhabendsten Familien des Landes an. Ihre Großväter waren Erdölmillionäre. Banine und ihre älteren Schwestern wuchsen in einem islamisch geprägten Umfeld auf, erhielten aber eine westliche Erziehung. „Kaukasische Tage“ erschien erstmals 1946 im französischen Original, 1949 in deutscher Übersetzung. Nun wurde das Buch erneut übersetzt – und es ist erstaunlich, wie modern die 1992 in Paris verstorbene Autorin schreibt.

Banine - Kaukasische Tage - dtv VerlagDie Geschichte Aserbaidschans dürfte den wenigsten von uns bekannt sein. Das islamisch geprägte Land am Kaspisee erlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Umwälzungen und wurde schließlich eine Sowjetrepublik. Banine, die in eine Familie von Ölbaronen hineingeboren wurde, beginnt ihre Erinnerungen mit folgendem Satz: „Wir alle kennen Familien, die zwar arm sind, aber als achtbar gelten. Meine hingegen war außerordentlich reich und alles andere als achtbar.“ Diese Abwandlung des ersten Satzes von Tolstois „Anna Karenina“: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ fasst das, was kommt, perfekt zusammen. Und dabei erzählt Banine derart lebendig und unterhaltsam, dass es eine wahre Freude ist, der Geschichte ihrer Kindheit und frühen Jugend zu folgen.

Islamische Tradition und westlicher Einfluss

Baku - Erdölstadt - Aserbeidschan - Glarean Magazin
Zwischen islamischer Tradition und westlichem Einfluss: Die Metropole Baku im Erdöl-Land Aserbaidschan

Umm-El-Banine Assadoulaeff wächst gemeinsam mit ihren älteren Schwestern Leyla, Suleyka und Süreya in Baku auf. Ein deutsches Kindermädchen kümmert sich um die Sprösslinge der Familie, die durch das Erdöl auf ihren Feldern zu unglaublichem Reichtum gelangt sind. Die Sommer verbringt die weitläufige Familie auf einem riesigen Landsitz, wo die Kinder Streiche aushecken und eine unbeschwerte Abenteuerlust ausleben. Doch es gibt auch ständig Streit – meistens geht es um Geld oder um Traditionen. Eine streng muslimische Großmutter ist angesichts des Verfalls der Sitten oft am Fluchen, gestresste Ehefrauen wünschen sich endlich eine Nebenfrau, damit sie nicht mehr so alleine sind, wenn der Mann unterwegs ist – und die Pokersucht greift um sich. In diesem Spannungsfeld aus islamischer Tradition und westlichen Einflüssen wächst das Mädchen auf.

Das Verlangen zu lieben

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Als Kind erlebt die Autorin, wie das Land unabhängig und der Vater Minister wird. Wenig später kommen die Sowjets und enteignen die Ölbarone, sperren den Vater ein und verdrehen den aserbaidschanischen Mädchen den Kopf. In Aserbaidschan war es damals üblich, mit 14 zu heiraten, was viele junge Frauen auch als Befreiungsschlag erlebt haben, denn ab diesem Zeitpunkt mussten sie nicht mehr auf ihre Jungfräulichkeit achten und konnten endlich so viele Affären haben, wie sie wollten. Auch die Erzählerin berichtet von ihren frühreifen Sehnsüchten: „Seit meinem zehnten Lebensjahr plagte mich das Verlangen zu lieben: Im Dauerzustand der Verliebtheit war mir das Objekt der Romanze gleichgültig, Hauptsache, ich fand Verwendung für mein großes Gefühl.“ (S.186) Und so verliebt sie sich gemeinsam mit ihren Schwestern immer kollektiv in diverse Männer, die stets um die zehn Jahre älter sind als sie selbst.

Sexuelle Freizügigkeit kontra Vorurteile

Banine - Glarean Magazin
Umm-El-Banine Assadoulaeff alias Banine (1905-1992)

Wer die Geschichte einer verklemmten Muslima erwartet, täuscht sich gewaltig. Hier wird herrlich lebendig von sexueller Freizügigkeit, Spielsucht und fluchenden Alten erzählt, die den Sound der Geschichte bestimmen. Dabei ist „Kaukasische Tage“ aber keineswegs ein Skandalbuch, sondern eine authentisch erzählte Geschichte, die uns mit unseren eigenen Vorurteilen konfrontiert und geeignet ist, uns davon zu befreien.
In dem Buch gibt es zahlreiche urkomische Stellen, etwa, als die Erzählerin und ihre Cousine, die sich dem Kommunismus der Besatzer verschrieben haben, bei der Inventarisierung der Häuser ihrer Nachbarn helfen sollen. Ein echtes Kabinettstückchen, bei dem sich die Mädchen den Umstand zunutze machen, dass die älteren aserbaidschanischen Frauen kein Russisch sprechen und die Russen kein Aserbaidschanisch verstehen. Auch die Figuren werden wunderbar charakterisiert, etwa ein Onkel, der immer Fliegen mitisst, wenn er ein Eis verzehrt.

Herrlich lebendiges Schreiben…

Ernst Jünger - Glarean Magazin
Enger Freund und Vertrauter im Geiste: Ernst Jünger

Im Alter von 14 Jahren ist die Kindheit der Erzählerin vorbei. Der Vater landet im Gefängnis und der Mann, der sich um seine Freilassung bemüht, soll ihr Ehemann werden, obwohl sie nicht ihn, sondern einen Russen leidenschaftlich liebt. Trotzdem nimmt sie es hin, mit ihm verheiratet zu werden, denn so ist es üblich. Die Geschichte endet mit einer Fahrt im Orient Express. Die junge Frau lässt ihren ungeliebten und spielsüchtigen Mann in der Türkei zurück und fährt in die Stadt, die für sie bereits als Kind ein Sehnsuchtsort war: Paris. Dort verbrachte Banine auch den Rest ihres Lebens, wo u.a. auch der grosse Schriftsteller Ernst Jünger zu ihrem engsten Freundeskreis zählte.
Banine kehrte kein einziges Mal in ihre Heimat zurück, obwohl sie sogar von den Sowjets eingeladen worden war. Diese Entscheidung bereute sie kurz vor ihrem Lebensende.

… mit Witz und Intelligenz

Fazit: Was für ein herrlich lebendig und modern geschriebenes Buch! Ich konnte gar nicht mehr aufhören, den Familiengeschichten der Erzählerin zu folgen. Witzig und intelligent wird hier von einer untergegangenen Welt berichtet, die so ganz anders war, als viele von uns sich das vermutlich vorstellen. Es sind keine strikten moralischen Vorschriften, die das Leben der Menschen bestimmten, sondern die gleichen Bedürfnisse, die (junge) Menschen seit jeher überall auf der Welt haben: Zu lieben und geliebt zu werden. Oftmals auf gänzlich unmoralische Art und Weise.
„Kaukasische Tage“ ist das unterhaltsamste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Ich kann es nur wärmstens empfehlen!

Banine: Kaukasische Tage (aus dem Französischen übersetzt von Bettina Bach), dtv Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-423-28234-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Emanzipation auch über Angelika Schaser (Hrsg.): Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

Gedicht des Tages von Peter Huchel: Wintersee

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Wintersee

Peter Huchel

Winter-See mit Schilf und Himmel - Gedicht des Tages - Dezember 2021 - Glarean Magazin Wintersee

Ihr Fische, wo seid ihr
mit schimmernden Flossen?
Wer hat den Nebel,
das Eis beschossen?

Ein Regen aus Pfeilen,
ins Eis gesplittert,
so steht das Schilf
und klirrt und zittert.

Lesen Sie im Glarean Magazin auch das Gedicht des Tages von Raoul Hausmann: Nichts

… sowie zum Thema Winter das Gedicht des Tages von Walter Gross: Dezembermorgen

Das Musik-Weihnachtsrätsel (Dezember 2021)

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Weihnächtliches Christbaum-Kreuzwortworträtsel

Laden Sie das Musik-Weihnachtsrätsel herunter und drucken Sie es aus. Wir wünschen viel Spaß und Erfolg beim Knobeln des letzten Puzzles in diesem Jahr 2021!

Christbaum-Musik-Kreuzworträtsel - Dezember 2021 - Christmas Puzzle - Rätsel - Glarean Magazin

Hier geht’s zur Lösung des Kreuzworträtsels

Knobeln Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die weiteren Musik-Kreuzworträtsel

Gennadi Sosonko: Genna Remembers (Schach-Erinnerungen)

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Spannende Schach-Geschichte(n)

von Thomas Binder

Gennadi Sosonko schildert in „Genna Remembers“ vor allem die Lebensgeschichten von (vorwiegend sowjetischen) Schachmeistern, denen er in seinem Leben dies- und jenseits des „Eisernen Vorhangs“ begegnet ist. So entstehen farbige Lebensbilder, die uns bekannte und weniger bekannte Personen der Schachszene mit ihren Stärken und Schwächen näher bringen.

Gennadi Sosonko: Genna RemembersGroßmeister Gennadi Sosonko war einer der ersten sowjetischen Schachspieler, die in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges einen Turnieraufenthalt nutzten, im Westen zu bleiben. War er in der UdSSR einer unter vielen, gehörte er später in seiner holländischen Wahlheimat lange zur nationalen Spitze, vertrat die Niederlande z.B. bei elf Schacholympiaden.

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere hat es sich „Genna“ zur Aufgabe gemacht, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen und die Eindrücke jener Zeit für die Nachwelt zu erhalten. Mit „Genna Remembers“ liegt nunmehr bereits das fünfte Werk dieser Art vor. Dabei von einer Autobiographie zu sprechen, wäre zu knapp gefasst. Sosonko berichtet zwar sehr wohl „aus erster Hand“, also aus eigenem Erleben – er bleibt aber immer nur Randfigur und stellt andere Persönlichkeiten in den Mittelpunkt.

Hervorragend in der Szene vernetzt

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Um es vorweg zu nehmen: Die Lektüre von „Genna Remembers“ hat bei mir den Wunsch geweckt, nach und nach die vier vorherigen Titel lesen zu wollen.
Sosonko ist offenbar hervorragend in der Schachszene vernetzt – gleichermaßen unter den in den Westen emigrierten Meistern, wie unter jenen, die in der Sowjetunion verblieben waren. Seine persönliche Integrität und Menschenkenntnis eröffnet ihm detaillierte Einblicke in die Lebensgeschichte seiner Gesprächspartner, die er stets mit einem gesunden Maß von Nähe und Distanz aufbereitet. Selbst dort, wo die Nachrichten nicht ganz so schmeichelhaft sind – es soll auch Schachgroßmeister mit Alkoholproblemen geben – bleibt er immer würdevoll, wird nie verletzend oder bloßstellend. Dabei profitiert unser Autor davon, dass er sowohl die schachliche als auch die alltägliche Lebenswirklichkeit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs kennengelernt hat.

Umfassendes Wissen

Gennadi Sosonko - Genna Remembers - Beispiel-Seite - Thinkers Publishing - Rezension Glarean Magazin
Beispiel-Seite aus „Genna Remembers“ von Gennadi Sosonko (S. 196)

Eine (wohl unfreiwillige) Dokumentation seines Ansehens wie seines umfassenden Wissens enthüllt die folgende kleine Anekdote:
Die sowjetischen Großmeister wurden auf Auslandsreisen von einem „Aufpasser“ des Geheimdienstes KGB begleitet. Beim Bankett nach einem Turnier näherte sich der große Andor Lilienthal diesem Mann: „Ich denke, ich bin hier mit jedermann bekannt, außer – entschuldigen Sie – mit Ihnen. Sind Sie ein Großmeister?“
Der KGB-Major antwortete: „Warum fragen Sie nicht Genna? Er hat schon darüber geschrieben. Er wird mich kennen.“
Selten ist wohl ein Sowjet-Dissident vom KGB selbst so geadelt worden…

Breites Spektrum bekannter Namen

Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)
Entspannte Sowjet-Protagonisten im amerikanischen Exil: Alburt, Gulko, Shamkovich (New York 1988)

Im Mittelpunkt der 15 Kapitel steht meist eine einzelne Persönlichkeit. Einige Beispiele sollen zeigen aus welchem breiten Spektrum bekannter bzw. weniger bekannter Namen hier geschöpft wird:
• Igor Iwanow (1947 – 2005), der sich 1980 nach Kanada absetzte
• Leonid Schamkowitsch (1923 – 2005), seit 1974 im Westen
• Arnfried Pagel (gest. 2015), umtriebiger niederländischer Schachmäzen
• Sergej Nikolajew (1961 – 2007), jakutischer Schachmeister und Unternehmer, 2007 ermordet
• Juri Rasuwajew (1945 – 2012)
• Wiktor Kupreitschik (1949 – 2017)
• Mark Taimanow (1926 – 2016)

Sosonko stellt uns diese und weitere Personen in facettenreichen Porträts vor, meist aus unmittelbar erlebtem Kontakt und angereichert mit vielen kleinen Geschichten. So entsteht vor uns ein lebendiges Bild vom ganzen Wesen dieser Schachspieler mit all ihren Stärken und Schwächen – viel besser, als es eine auf Vollständigkeit bedachte Biographie leisten könnte. Die rein schach-sportlichen Aspekte treten dabei zurück, Turnierergebnisse werden nur am Rande gestreift, wo sie das Geschehen direkt beeinflussen. Partiefragmente sind sehr selten. Sie werden wirksam präsentiert, aber schachanalytisch nur sparsam kommentiert. Selbst hier tritt der Schachspieler hinter den Menschen zurück.

Vor dem Vergessen bewahrt

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Gennadi Sosonko selbst nimmt sich nicht so wichtig. Dennoch entrollt sich aus den vorgestellten Geschichten natürlich ganz nebenbei ein Lebensbild des Autors. Das ist ein zusätzlicher Gewinn, den man aus der Lektüre zieht: Man fühlt sich nicht nur den Porträtierten verbunden, sondern auch dem, der sie für uns vor dem Vergessen bewahrt.
Zwei Highlights mit direktem Bezug zu Sosonko möchte ich erwähnen: Er hat wohl das einzige Vorschaubuch zum WM-Kampf zwischen Fischer und Karpow 1975 geschrieben. Das heißt, geschrieben hat er es natürlich nicht, denn wie wir wissen, fand der Wettkampf nie statt. Einband und „Mockup“ des Buches sind aber erhalten und wurden seinerzeit sogar schon auf einer Messe präsentiert.
2017 erwarb Sosonko bei einer Versteigerung ein ganz eigenes Dokument schachlicher Zeitgeschichte: Jenes Flugticket, von Amsterdam nach Moskau, das Viktor Kortschnoi am 27. Juli 1976 eben nicht benutzte, weil er damals im Westen blieb. Der Sinn für solche Details zeichnet „Genna“ aus und macht sein Werk für jeden an Schachgeschichte und speziell der Epoche des Kalten Krieges interessierten Leser besonders spannend.

Englische Sprachkenntnisse nötig

Was ist noch zu ergänzen? Das Buch ist in angemessenem Umfang bebildert, wobei es sich fast durchweg um Fotos handelt, die auch kundigen Schachhistorikern bislang unbekannt sein dürften.
Die Bilder und die Untergliederung in 15 Kapitel und weiter in kleinere Abschnitte erleichtern auch demjenigen das Lesen, für den die englische Sprache möglicherweise eine gewisse Hürde darstellt. Hier muss man natürlich die Messlatte recht hoch legen. Wir haben einen reinen Prosa-Text vor uns, der uns weit in aus dem schachlichen Bereich hinaus führt. Das übliche Schach-Englisch, mit dem wir auch als Nicht-Muttersprachler bei normaler Schachliteratur gut zurechtkommen, hilft hier nicht weiter. Gute englische Sprachkenntnisse sind also absolut notwendig. Doch auch dies wird meinen eingangs geäußerten Wunsch nach der Lektüre der vier anderen Sosonko-Bücher nicht bremsen. ♦

Gennadi Sosonko: Genna Remembers, Thinkers Publishing 2021, 256 Seiten (engl.), ISBN 978-9464201178

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachpersönlichkeiten auch über Karsten Müller & Luis Engel: Spielertypen im Schach

Christmas Tree Chess Puzzles (Weihnachts-Schachrätsel)

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16 Schach-Christbäume wünschen ein frohes Fest!

von Walter Eigenmann

Schon immer haben die Schach-Problemkomponisten und -Studienautoren nicht nur ernsthafte, tiefsinnige oder komplexe Schach-Aufgaben erfunden, sondern auch ihrer Kreativität und Originalität mit allerlei Nachbildungen von „realen“ Gegenständen Ausdruck verliehen. Zum Beispiel mit ganz speziellen Christmas Tree Chess Puzzles.

Christmas Tree Chess Puzzles - 05 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
16 Schach-Christbäume wünschen frohe Weihnachten!

Überraschender Witz auf dem Brett schlägt dem Schachfreund entgegen, wo immer er solchen kunstvollen Konstellationen der Steine begegnet, sei es dass ihre Schöpfer die Buchstaben des Alphabets modellieren, oder ob sie Tiere, Kerzen, Ostereier, Häuser u.a. nachbilden.
Eine besonders schöne und häufig gepflegte Form dieser Studien-Ausprägung sind die vielen Christmas Trees, die insbesondere von angelsächsischen Schachkomponisten im Laufe der letzten 100 Jahre geschaffen wurden. Die Vielfalt dieser Weihnachtsbäume on the board ist erstaunlich und fast ebenso groß, wie sie sich zuhause in der festlich geschmückten Weihnachtsstube präsentiert…

„Weiß am Zuge: Matt in n Zügen“

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Die folgenden 16 Aufgaben sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherche in diversen Studien-Datenbanken und im Internet; sie sind repräsentativ, aber beileibe nicht die einzigen. Und sie alle kommen in der bei Schachstudien bekannten Aufgabenform „Weiß zieht und setzt in n Zügen matt“ daher.
Manche der Puzzles sind verblüffend einfach – und doch zuweilen nicht auf den ersten Blick zu lösen. Und bei einigen kann die weihnächtliche Form so sehr ablenken, dass man vor lauter (Christ)Bäumen den Wald nicht mehr sieht…

Merry Christmas Everyone !

Selbstverständlich verbietet sich bei solchen Matt-Wenigzügern der Einsatz jeglicher Schachsoftware – den Spaß am Knobeln sollte man sich keinesfalls durch den Computer vermiesen lassen.
Wir wünschen viel Spass und Erfolg beim Lösen unserer Christmas Tree Chess Puzzles 2021 – verbunden mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Weihnachtsfest! ♦

Christmas Tree Chess Puzzles - 01 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr 01: Matt in 3 Zügen (P. Benko, Internet 2016)
Christmas Tree Chess Puzzles - 02 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 02: Matt in 2 Zügen (Thomas R. Dawson, Chess Amateur 1924)
Christmas Tree Chess Puzzles - 03 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 03: Matt in 2 Zügen (Don French, Internet 1996)
Christmas Tree Chess Puzzles - 04 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 04: Matt in 4 Zügen (Armando Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 05 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 05: Matt in 4 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 06 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 06: Matt in 2 Zügen (P. Steiner, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 07 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 07: Matt in 2 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 08 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 08: Matt in 4 Zügen (Armando Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 09 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 09: Matt in 2 Zügen (Don French, Internet 1996)
Christmas Tree Chess Puzzles - 10 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 10: Matt in 2 Zügen (Pal Benko, Chess Life 1975)
Christmas Tree Chess Puzzles - 11 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 11: Matt in 3 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 12 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 12: Matt in 2 Zügen (E. Papadrosos)
Christmas Tree Chess Puzzles - 13 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 13: Matt in 3 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 14 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 14: Matt in 2 Zügen (A. Marroqumn, Internet)
Christmas Tree Chess Puzzles - 15 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 15: Matt in 2 Zügen (N.N.)
Christmas Tree Chess Puzzles - 16 - Glarean Magazin (Walter Eigenmann)
Christmas Tree Chess Puzzles Nr. 16: Matt in 2 Zügen (N. Pergialis)

Hier geht’s zur Lösung der 16 Puzzles

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Studien auch über die Halloween-Schach-Studie 2021: Verhexte Schach-Teufelei

… sowie zum Thema Problemschach über Gerhard Josten: A Study Apiece


English Translation:

16 Chess Christmas trees wish
a Merry Christmas!

by Walter Eigenmann

Chess problem composers and authors have always created not only serious and profound chess problems, but also expressed their creativity and originality with all kinds of replicas of „real“ objects. For example, with very special Christmas Tree Chess Puzzles.

Surprising wit on the board strikes the chess lover wherever he encounters such artistic constellations of pieces, whether their creators model the letters of the alphabet, or whether they recreate animals, candles, Easter eggs, houses and others.

A particularly beautiful and frequently cultivated form of this study expression are the many Christmas Trees, which were created in particular by Anglo-Saxon chess composers in the course of the last 100 years.
The variety of these Christmas trees on the board is astonishing and almost as great as it presents itself at home in the festively decorated Christmas parlor…

The 16 puzzles above are the result of my extensive research in various study databases; they are representative, but by no means the only ones. And they all come in the familiar chess study form „White moves and mates in n moves“.
Some of the puzzles are amazingly simple – and yet sometimes not solvable at first sight. And with some of them the Christmas form can be so distracting that you can’t see the forest for the trees…
Of course, the use of any chess software is prohibited for such easy puzzles – the fun of puzzling should not be spoiled by the computer.
We wish you a lot of fun and success solving our Christmas Tree Chess Puzzles 2021 – together with best wishes for the upcoming Christmas! ♦

Deborah Levy: Ein eigenes Haus (Autobiographie)

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Fade bis lähmend langweilig

von Sigrid Grün

Virginia Woolfs 1929 erschienener Essay „A Room of One’s Own“ gehört zu den am häufigsten rezipierten literarischen Werken der Frauenbewegung – und natürlich sollte „Ein eigenes Haus“ von Deborah Levy auch als eine Adaption dieses Klassikers aufgefasst werden. Doch im Gegensatz zu Woolfs Essay, der mit viel Verve verfasst wurde, wirkt Deborah Levys autobiographische Schrift auf mich fade, um nicht zu sagen lähmend langweilig.

Deborah Levy - Ein eigenes Haus - Autobiographie - Hoffmann und Campe VerlagLiteratur von zerquälten Schriftstellerinnen ist durchaus beliebt. Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ wurde 2019 unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Schreiben ist ein hartes Brot, und als Frau ist es mitunter noch härter – immer noch. Der Titel von Deborah Levys im Herbst erschienenen Teil ihres „Living Autobiography“-Projekts hat mich neugierig gemacht, nicht nur wegen der Anklänge an Woolf, sondern auch, weil mich Autobiographien generell faszinieren.
Um es vorwegzunehmen: Ich habe für die 200 Seiten ewig gebraucht. Die Lektüre war quälend, manchmal beinahe lähmend. Die letzten 50 Seiten habe ich schließlich laut meinem Mann vorlesen müssen, um wach zu bleiben. Er ist schließlich dabei eingeschlafen.

Vor sich hinplätschernd

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Es ist mir unbegreiflich, wie eine derart gefeierte Schriftstellerin so furchtbar langweilig schreiben kann. Ich habe kein Problem mit Bewusstseinsstrom-Literatur, im Gegenteil! Aber ein dermaßen fade vor sich hinplätschernder Bewusstseinsstrom, in dem es viel zu oft um ausufernde Beschreibungen vorgeblich exquisiter Speisen geht, die die Erzählerin verzehrt, war für mich schier unerträglich.
Fast nichts von dem Gelesenen war irgendwie interessant. Es geht um Einkäufe (ein Bananenbäumchen als Kinderersatz, Schuhe und Essen), um die herbeigesehnte Immobilie, die sie sich der eigenen Auffassung zufolge ohnehin nie leisten können wird, weshalb es eine „Imaginärimmobilie“ bleibt, um Begegnungen, die keinerlei Bedeutung zu haben scheinen – und um die eigene Großartigkeit als Autorin, die etwas zu sagen hat und schließlich ein Aufenthaltsstipendium für Paris bekommt.

Keine interessanten Fragen

Deborah Levy
Deborah Levy (*1959)

Schauplätze sind London, New York, Mumbai, Paris, Berlin und eine griechische Insel. Themen sind das Älterwerden, die gescheiterte Ehe, die Kinder, die flügge werden, und der Alltag als Schriftstellerin, der weniger spannend erzählt wird, als ich es mir erhofft hatte.
Wirklich interessante Fragen, wie etwa die nach der weiblichen Selbstbestimmtheit, werden nicht wirklich aufgegriffen. Während Woolf die Bedingungen für das Entstehen großer Literatur noch in „einem Zimmer für sich allein“ und einem finanziellen Spielraum (500 Pfund im Jahr) ausmachte, träumt Deborah Levy von einem Haus mit „eiförmigem Kamin“. Stattdessen hat sie einen „Schuppen […] nicht weit von der Abbey Road“. Und das ist natürlich total romantisch.

Frustration und Lebensmittelkäufe

Es ist eine erhebliche Frustration, die ausgedrückt wird – was durchaus interessant sein kann, wenn das Ganze gut erzählt ist. Aber hier reiht sich eine Belanglosigkeit an die nächste. Das klingt dann zum Beispiel so:
„Wir gingen weiter zur Baron Rouge, wo wir Austern aßen und mit Schankwein hinunterspülten, einem ziemlich groben Wein. Die Austern wurden mit einer Maschine geöffnet, und der Bediener der Maschine arbeitete nonstop, um die Wochenendkundschaft zufriedenzustellen. […] Später schlenderten wir über den Markt und kauften Obst, einen Ziegenkäse im Aschemantel, sämtliche Pilze der Saison und einen Calvados. Im Grunde taten wir nichts anderes, als zu essen und zu trinken. An diesem Abend machten wir in meinem leeren Nest Pilzomelette, gefolgt von Salat, Käse und Obst. Der Calvados war leicht und golden und wärmte.“ (S.133ff).

Unmotiviertes Erzählen

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Ich frage mich: Wen soll das interessieren? Es ist völlig in Ordnung, wenn mal eine solche Szene in einem Buch vorkommt, aber ständige Beschreibungen von Essenskäufen verderben mir jegliche Lust auf eine Lektüre. Und nein, ich bin gerade nicht auf Diät!

Mein Fazit also: “Ein eigenes Haus“ ist das langweiligste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Mir fällt gerade kein einziger Aspekt ein, der mir daran gefallen hätte. Einige Zitate waren vielleicht interessant. Aber die unmotivierte Erzählung einer frustrierten Schriftstellerin, die ihre eigene Großartigkeit immer wieder herausstreichen muss, hat mich definitiv gelehrt, dass es auch Autorinnen und Autoren gibt, auf deren Werke ich in Zukunft besten Gewissens verzichten kann… ♦

Deborah Levy: Ein eigenes Haus (aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden), Autobiographie, Hoffmann und Campe Verlag, 212 Seiten, ISBN 978-3-455-00603-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Autobiographie auch über Arno Stocker: Der Klavierflüsterer

… sowie über Eric Baumann: Einen Sommer noch

Steffen Wolf: Der Vogelsang – Rezitationsmusik (CD)

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Kongeniales Zusammenspiel von Wort und Ton

von Christian Busch

Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang“ aus der Zeit der Spätaufklärung liegt nun in einer spannenden Rezitation mit moderner Tonuntermalung von Steffen Wolf vor. Wer etwas Schönes hat, verdient es zu haben, nur dann, wenn er auch versteht, es zu gebrauchen – heißt: durch Genuss zu würdigen.

Das Motiv des Singvogels

Steffen Wolf - Der Vogelsang - Rezitationsmusik für Sprecher und Streichquartett nach Wieland„Was bist denn du für ein Vogel?“, fragt Prinz Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ verdutzt, als er – gerade erst von den drei Damen vor der listigen Schlange gerettet – auf eine ihm fremdartig erscheinende Gestalt, den fröhlich trällernden Vogelfänger Papageno trifft. Und so ist so mancher unverstandene Künstler als exzentrischer Vogel eingestuft worden, obwohl wir ja spätestens seit La Fontaines Fabeln wissen, dass Vögel nicht einfach brotlose Künstler, sondern Träger schöngeistigen Kulturguts sind.

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Auch Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang oder Die drey Lehren“ (1778) erzählt von einem wundersamen, betörend schön singenden Vogel, der im paradiesischen Garten des reichen Hans die Natur in vollem Glanz erblühen lässt. Doch leider sind Kunstverständnis und die Empfänglichkeit bei seinem feisten Besitzer nicht entwickelt („Doch dass er was empfunden hätte, / Das war nun seine Sache nicht“).
Und so endet die fabelartige Versdichtung mit dem Verschwinden des großen Künstlers und dem Verkümmern der idyllischen Gartenlandschaft, welche seinem Besitzer auch nur unverdient zugefallen war. Die Moral: Wem der feine Sinn für die Schönheit der Kunst fehlt, dem helfen auch Reichtum, Glück und Wohlstand nicht – sein Dasein muss verkümmern. So weit, so gut.

Aufklärung und Moderne

Prinz Tamino mit der Zauberflöte - Oper von Mozart - Glarean Magazin
Prinz Tamino mit der Zauberflöte, nach Mozarts gleichnamiger Oper

Der Musiker und Gesangspädagoge Steffen Wolf (*1970) hat nun zu Wielands feinsinnig gewobener Versdichtung eine Rezitationsmusik für einen Sprecher (hier: kein geringerer als der bedeutende Wieland-Forscher Jan Philipp Reemtsma) und Streichquartett (Kizuna-Quartett) komponiert. Die Aufnahme ist als CD bei Tyxart erschienen und lässt aufhorchen, wenn aufklärerische Literatur und zeitgenössische Tonsprache eine spannende Verbindung eingehen.

Gelungenes Konzept von Wort und Tonsprache

Christoph Martin Wieland - Glarean Magazin
Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Aufklärer: Christoph Martin Wieland (1733-1813)

Wielands poetische Naturschilderung, seine Ironie, sein Wortwitz und das Streitgespräch zwischen dem tumben Hans und dem subversiven Zaubervogel werden von den Instrumenten umrahmt und untermalt. Zunächst stellt Wolf dem Erzähltext eine vielschichtige Art Ouvertüre voran, in dem der Konflikt zwischen dem reichen Hans und dem Vogel-Belcanto anklingt. In der vieldeutig und verheißungsvoll klingenden, etwa fünfminütigen Einleitung verschmelzen die gegensätzlichen Positionen zu einem überzeitlichen Dilemma, das der Komposition Aktualität verleiht.

Spannende Korrespondenz

In der Folge entwickelt sich ein geschickter, spannungsvoller Dialog von Wort und Ton. Wolf widersteht dabei der Versuchung, den Vogel Liedhaftes darbieten zu lassen, sondern bleibt bei seiner, sich dem Text unterordnenden, offenen, modernen Tonsprache treu. Tänzerisch leicht, dramatisch dumpf – mal passen sich die Töne dem Sprechrhythmus des Rezitators an, mal verstärken sie die Affekte oder wirken tonmalerisch, indem sie die Vorstellungskraft des Lesers unterstützen.
Das Kizuna-Quartett musiziert füllig-klangpräsent und doch präzis, kontrastiert den Sprecher mit auftrumpfenden Einwürfen oder untermalt lyrisch und sehr empathisch. Wort und Klang korrespondieren dabei spannend. Wolfs Tonsprache ist zwar „modern“, harmonisch aber nicht extrem dissonant, sondern nachvollziehbar das literarische Geschehen unmittelbar „erklärend“.

Generalprobe zu "Vogelsang" (Wieland) mit Komponist Steffen Wolf (stehend), Sprecher Jan Philipp Reemtsma (links) und dem Kizuna-Streichquartett in der Elbphilharmonie Hamburg (Foto: Julia Hauck)
Generalprobe zu „Der Vogelsang“ (Wieland) mit Komponist Steffen Wolf (stehend), Sprecher Jan Philipp Reemtsma (links) und dem Kizuna-Streichquartett in der Elbphilharmonie Hamburg (Foto: Julia Hauck)

Ein gelungenes Konzept! So wird dann auch ein vergessener Text wieder lebendig und als Plädoyer für ästhetische Bildung selbst zu einem höchst exquisiten Kunstgenuss.
Bleibt zu wünschen, dass sich das romantischer Tradition verpflichtete Modell in Zukunft auch auf andere literarische, in Vergessenheit geratene Werke übertragen lässt. ♦

Steffen Wolf: Der Vogelsang – Rezitationsmusik für Sprecher und Streichquartett zu Christoph Martin Wielands Versdichtung „Der Vogelsang oder Die drey Lehren“, Jan Philipp Reemtsma, Kizuna-Streichquartett, TyXart Label, 47 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Streichquartett auch über Pavel-Haas-Quartet: Prokofiew – Streichquartette 1 & 2

Das Sudoku-Quartett im Dezember 2021

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Der unbeschwerte Zahlen-Puzzle-Spass

von Walter Eigenmann

Ein bisschen Logik, ein bisschen Vorstellungskraft, ein bisschen Erinnerungsvermögen – mehr ist nicht nötig, um in Sachen Sudoku-Rätsel eine Menge Denksport-Spass zu haben.
Der Schwierigkeitsgrad der vier folgenden Puzzles ist bewusst sehr einfach gehalten.
Das GLAREAN wünscht viel Erfolg beim Knobeln des Sudoku-Quartetts Dezember 2021!

Sudoku 1-4 - Dezember 2021 - sehr leichte Aufgaben - Glarean Magazin

Rätsel zum Ausdrucken (pdf)

Sudoku – die Regeln

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Ein Sudoku besteht aus 9 x 9 Feldern, die zusätzlich in 3 x 3 Blöcken mit 3 x 3 Feldern aufgeteilt sind.
Jede Zeile, jede Spalte und jeder Block soll alle Zahlen von 1 bis 9 jeweils genau einmal enthalten.
In ein paar der Felder sind bereits Zahlen vorgegeben. Bei einem Sudoku darf es nur eine mögliche Lösung geben, und diese muss rein logisch gefunden werden können.

Knobeln Sie im Glarean Magazin zum Thema Rätsel auch das Sudoku-Quartett im September 2021

… sowie das Sudoku-Quartett vom Oktober 2017 mit unterschiedlich schwierigen Rätsel-Aufgaben

Auflösung der 4 Rätsel —> (weiterlesen) Weiterlesen

Computerschach: Fritz 18 (Chessbase) erschienen

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Meist alt, teils neu

von Walter Eigenmann

Die Schach-Software Fritz der Hamburger Software-Firma Chessbase ist neu in ihrer 18. Version auf dem Markt. Inwiefern bzw. in welchem Ausmaß unterscheidet sich der jüngste Fritz vom Vorgänger? Lohnt es, Fritz 18 für sich oder als Geschenk unter den Weihnachtsbaum zu legen?

Wenn ein kommerzielles Schachprogramm über 30 Jahre hinweg mittlerweile 17 Updates hinter sich hat, wird es für die Entwickler immer schwieriger, wirklich innovativ zu bleiben. Zumal „Fritz“ in Amateur- und Profi-Kreisen längst zum Synonym von Schachsoftware überhaupt avanciert ist. Fritz ist weltweit quasi ein Selbstläufer in Sachen Schach-Oberfläche, bei zahllosen Schachspielern aller Leistungsklassen kommt er praktisch im „Abonnement“ auf die heimische Festplatte. Fritz „hat man einfach“…

Neue Analyse-Funktionen

Fritz 18 - Schachsoftware DVD - Chessbase - November 2021Denn nach wie vor (und trotz mittlerweile interessanter Alternativen auch aus dem Freeware-Bereich) ist die Fülle der Optionen dieses Graphical User Interface (GUI) für das digitale Schach unerreicht. Von seiner umfassenden Anbindung in die Welt des Internets noch gar nicht geredet.
Werfen wir also einen genauen Blick darauf, ob Chessbase wieder ein paar echte Innovationen in ihr Aushängeschild gepackt hat, oder ob die Hamburger um die beiden Chef-Entwickler Mathias Feist und Matthias Wüllenweber einfach mehr oder weniger ihren hohen Besitzstand wahrten. Letzeres wäre nicht zum ersten Mal der Fall: Dem Druck der Käufer- und Anhängerschaft nach Novitäten waren die Hamburger in den vergangenen 30 Jahren auch schon mal nicht ganz gewachsen.

Visuelle Bewertung

Vergleicht man (neben den selbstverständlich unterschiedlichen Startbildschirmen der Versionen) – erstmal die Oberflächen von Fritz 17 und Fritz 18 , fällt sofort auf, dass – einem nichts auffällt. Denn Menüstruktur, Features-Angebot, Optionen – alles wie gehabt und im Handling praktisch identisch. Die ganz große 30-Jahr-Jubiläumsfreude kommt also bei dieser 18. Ausgabe nicht auf.

Fritz 18 - Chessbase - Menüstruktur - Schachsoftware - Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN
Bezüglich Menü-Struktur nichts Neues unter der GUI-Sonne: Fritz 17 & 18 sind identisch

Doch völlig auf Novitäten verzichten wollte man denn doch nicht, allerdings muss man der Software stark unter die Haube kriechen, um sie zu entdecken. Betrachten wir zuerst den Bereich „Analyse“.
Neu wartet Fritz nun mit einer differenzierteren Visualisierung der Stellungseinschätzung auf; hier sind drei Neuerungen erwähnenswert:

Fritz 18: Die Brettdarstellung und das Engine-Analysefenster erfuhren nützliche Differenzierungen
Fritz 18: Die Brettdarstellung und das Engine-Analysefenster erfuhren kleine Erweiterungen

A) Fritz 18 bewertet die Figurenstellung nun mittels Farbskala: Rote Kennzeichnung bedeutet „schlecht“, gelb ist „mäßig“, und grün meint „gut“. Die „Flammen“ im Bewertungsfenster visualisieren die Stellung insgesamt, z.B. als „normal“, „scharf“ oder „das Brett brennt“.
B) Der Engine-Output weist nun ergänzende Hinweise hinsichtlich z.B. Drohungen auf (rote Varianten-Zeilen).
C) Fährt die Maus über die Notation eines Zuges innerhalb der Analyse-Variante(n), wird der betr. Zug auf dem Brett visualisiert; ein m.E. besonders nützliches Feature.

Fritz für den praktizierenden Schachspieler

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Wären nur diese paar Analyse-Novitäten im neuen Fritz, könnte man die Version getrost als „Neuer Schlauch für alten Wein“, also als überflüssig ad acta legen. Doch Chessbase scheint sich in der Fokussierung seines Analyse-Flaggschiffes wieder auf den real praktizierenden Schachfreund besonnen zu haben unter dem Motto: Hin zu einem Fritz als Sparring-Partner des Vereinsspielers. Das Interface nimmt jetzt den selber spielenden Anwender bei der Hand und lässt ihn gegen und mit Fritz deutlich interessantere und lehrreichere Partien als vorher absolvieren.

Geführt – berührt

… nennt sich die wichtigste Neuerung von Fritz 18. Der User wählt ein ihm entsprechendes Niveau der Gegnerschaft aus, und Fritz spielt auf eben diesem Niveau mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz möglichst „menschliche“ Züge, die auch zweitklassig oder gar fehlerhaft sein können. Der Hersteller selber umschreibt euphorisch diese neue Funktion folgendermaßen:

Fritz 18 - Chessbase - Einfache Partie - Fritz als Vereinsspieler - Schachsoftware - Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN
Intelligentes Amateur-Verhalten mithilfe von Künstlicher Intelligenz: Fritz als Vereinsspieler

„Fritz 18 steuert sein Spielverhalten intelligent und führt Sie mit Hilfe subtiler Tipps durch die Partie. Sobald Fritz unter Druck gerät, bevorzugt er als Verteidiger Varianten, die für Sie als Angreifer gute Chancen auf Opfer oder andere Taktik bergen. Damit gelingen oft spektakuläre Angriffssiege. Gegen Fritz 18 werden Sie scharfe Gewinnpartien spielen, die es in 40 Jahren Schachprogrammierung so nicht gegeben hat. Entweder waren die Programme zu stark oder sie lassen keine Opfervarianten zu, sondern geben selbst Material, um Matt abzuwenden. […] Generell spielt Fritz im Modus ‚Geführt – Berührt‘ auf Level ‚Clubspieler‘ zwar gebremst, doch durchaus stark. Die Partien sollen nicht zu einfach sein. Dennoch kann man sehr häufig gewinnen. Dazu gibt es die erheblich verbesserten subtilen Tipps. Den wesentlichen Anteil der Partie gestalten Sie selbst, doch bei Gegenwind holen Sie sich Hilfe.“

Diese „subtilen Tipps“ kommen dann in Form von Hinweisen daher wie: „Greife eine Leichtfigur an“, „Besetze ein starkes Feld“, „Drohe Matt“, „Gewinne Material“, „Biete einen Abtausch an“.

Kaufen oder nicht kaufen?

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Fazit: Die dezidierte Hinwendung des neuen Fritz zum spielenden, nicht nur analysierenden Anwender ist grundsätzlich zu begrüßen. Es ist m.E. der einzige wirklich vielversprechende Weg eines neuen, modernen Schach-Interfaces. Die reinen (und durchaus bewährten) Analyse-Funktionen bleiben ja erhalten, und in Sachen Partien-Verwaltung gibt’s weitere spezialisierte Software (von Chessbase selber über die Freeware Scid bis hin zu anderen kommerziellen Angeboten wie z.B. Chess Assistant).

Einer der geistigen Väter von Fritz 18: Der Physiker, Programmierer und Chessbase-Gründer Matthias Wüllenweber (geb. 1961)
Einer der geistigen Väter von Fritz 18: Der Physiker, Programmierer und Chessbase-Gründer Matthias Wüllenweber (geb. 1961)

Die Frage, ob man als Schachspieler den neuen Fritz kaufen soll, hängt (wie immer und diesmal ganz besonders) von den Präferenzen des Users ab. Wer nicht selber (oder allenfalls online) mittels Software Schach spielen, sondern vorwiegend analysieren will, der braucht Fritz 18 nicht (sofern er bereits eine der Vorgänger-Versionen hat). Denn der Analyse-Sektor des Programms ist trotz der oben erwähnten grafischen Novitäten zuwenig innovativ, und diesbezüglich beschleicht einen allmählich der Eindruck, als wären Chessbase hier die Ideen ausgegangen. Kommt hinzu, dass auch die neue Fritz-Engine zwar neu programmiert wurde (diesmal von Frank Schneider), aber hinsichtlich Spielstärke keinen nennenswerten Fortschritt gegenüber Fritz17 erzielt. (Dass selbstverständlich auch die neue Fritz-Engine jeden der Top-Großmeister der Welt in einem Match in Grund und Boden spielte, braucht nicht näher ausgeführt zu werden). Wer eine absolute State-of-the-art-Engine in der Partien-Analyse einbinden will, greift zum Freeware-Programm Stockfish.

Anders sieht es aus für jene Anwender, die einen interessanten, informativen und lehrreichen Sparring-Partner fürs eigene Schachtraining suchen. Hier hat Fritz 18 seine wirklichen neuen Verdienste, und da lohnt sich durchaus ein Kauf. Für knapp 60 Euro kriegt der User ein Interface, das den „selbstständigen privaten Schachunterricht“ auf ein neues Niveau hebt. ♦

Chessbase: Fritz 18 – Schachsoftware, DVD & Download

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schachsoftware auch über Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Computerschach: The Engine Crackers

Hörbuch: Paris – Werke von Rainer Maria Rilke & Erik Satie

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Spaziergang mit Rilkes Alter Ego

von Christian Busch

In ihrem Hörbuch „Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie“ laden Marit Beyer (Sprecherin) und Olivia Trummer (Klavier) zu einem literarisch-musikalischen Spaziergang durch das Paris der Jahrhundertwende ein. Zu Rilkes Gedichten und Auszügen aus dem 1908 vollendeten Tagebuchroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ erklingen Saties „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“.

Paris - Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie - Marit Beyer und Olivia Trummer - HörbuchWer hat nicht – zu Corona-Zeiten oder auch an einem trist-trüben Novembertag – mit einem Spaziergang durch das wie keine andere Stadt zum Promenieren einladende Paris geliebäugelt? Prächtige Bauten, belebte Boulevards, reges gesellschaftliches Treiben und buntes Amusement in großzügig angelegten Parkanlagen mit verführerisch posierenden Statuen und Skulpturen. Mit der neuen CD im Diwan-Hörbuchverlag flanieren wir Seite an Seite mit Rilke, respektive dessen lyrischem Ich oder Alter Ego Malte Laurids Brigge durch die so vielfältige Impressionen bietende französische Metropole der Jahrhundertwende.

Vom Äußeren zum Inneren

Herbsttag in den Tuilerien von Paris - Glarean Magazin
Herbsttag in den Tuilerien von Paris

Es beginnt an einem sonnigen Herbsttag in den Tuilerien, der uns über zunächst über Gesichter der Menschen philosophierend zur Angst führt, die den Dichter beim Anblick einer Frau in der Rue Note-Dame-des Champs, die ihr Gesicht in den Händen verbirgt, überkommt. Auch einen an Krücken gehenden Menschen fasst des Lyrikers feine Beobachtungsgabe ins Auge, die – ausgehend von einer präzisen Wahrnehmung des Äußeren – das Innere enthüllt.
Wir streifen an den Buchhändlern an der Seine (Bouquinistes) vorbei und betrachten verzückt Rilkes „Karussell“ im Jardin du Luxembourg, das selige Lächeln der Kinder im atemlos-blinden Spiel. Im Jardin des Plantes begegnen wir Rilkes berühmten „Panter“, der uns des Dichters inneren Käfig enthüllt, und den ins Imaginäre und Erotische verweisenden „Flamingos“.

Der Dichter spricht

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Höhepunkt unserer Promenade ist jedoch der Besuch in der Bibliothèque Nationale. In der wohltuenden Umgebung von 300 in ihre Lektüre vertieften Lesern spricht Malte Laurids, der die Komödie des Ausländers mit bereits leicht verschlissenem Anzug, aber reinem Kragen bewusst spielt. Sein Gewissen ist das eines Heimatlosen, dem die ihn hartnäckig verfolgenden, zwielichtigen Passanten, die sich ihm verbunden fühlen, unheimlich sind. Hier verrät er uns – nach dem Eintritt in die literarische Welt hinter der Glastür – seinen heimlichen Traum vom Dichter, der im Giebelzimmer eines stillen Hauses im Gebirge ein glückliches Schicksal im Lehnstuhl pflegt. Dieser wisse und schreibe von Mädchen, die vor 100 Jahren gelebt hätten, in ein gelbliches, elfenbeinfarbenes Buch. Ihm dagegen regnet es – (ob)dachlos – in die Augen, denn er ist – das wird offenbar – selbst eine der vielen Großstadtrandgestalten. Der Kreis schließt sich.

Beginn der Gymnopédie Nr. 1 für Klavier von Erik Satie
Grandiose Miniaturen der Introspektive: Gymnopédie Nr. 1 für Klavier von Erik Satie (Anfang)

Symbiose von Wort und Musik

Turm Muzot im Wallis - Wohnort von Rainer Maria Rilke - 1921-1926 - Glarean Magazin
Der mittelalterliche Turm „Muzot“ im schweizerischen Veyras, wo Rilke von 1921 bis 1926 lebte

Marit Beyer rezitiert die Texte des großen Sprachschöpfers und Mitbegründers der Moderne, der zwischen 1902 und 1925 immer wieder nach Paris gereist war, mit innerer Betroffenheit, flüsternder Spannung und beseelter Intensität. Ihr Stimme ist klar und artikuliert, ihr Vortrag von kühler Leidenschaft, die aber auch, wenn sich die Stimme senkt, die Zeit stille stehen lässt. Dann setzen Erik Saties berühmte „Gnossiennes“ und „Gymnopédies“ ein – grandiose Miniaturen der Introspektive, von Olivia Trummer mit dezenter Eindringlichkeit, niemals in den Vordergrund tretend, gespielt. Es ist kaum verblüffend, wie sie sich atmosphärisch nahtlos in die nachdenklich-melancholische Stimmung der „immensen Wirklichkeit“ von Paris einfügen und den Blick von der äußeren Beschreibung nach innen lenken.

Fazit: Ein sehr gelungenes Hörbuch eines literarisch-musikalischen Spaziergangs durch die Stadt der Kunst und der Liebe. Musik und Texte sind wunderbar aufeinander abgestimmt und spiegeln das „fluctuat nec mergitur“ einer Großstadt und ihrer einsamen Seelen stimmig wider. ♦

Marit Beyer (Sprecherin) & Olivia Trummer (Klavier): Paris – Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie, Der Diwan Hörbuchverlag, 1 CD (70 Minuten), ISBN 978-3-941009-82-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Rainer Maria Rilke auch über Jörg Schuster: Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900

… sowie zum Thema Erik Satie über Erik Satie: L´œuvre pour piano (Aldo Ciccolini)

Der GLAREAN-Herausgeber bei Instagram:

Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben (Biographie)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Wegbegleiterin oder Dame de Sartre?

von Isabelle Klein

Mit „Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben“ zeichnet Kate Kirkpatrick ein komplexes, eindringliches und eingängiges Porträt des Lebens einer Frau, die wohl wie kein anderer konsequent und bewusst falsch verstanden wurde. Mit Verallgemeinerungen und Schmälerungen des Werkes dieser Ausnahmefigur des 20. Jahrhunderts wird aufgeräumt.

Kate Kirkpatrick - Simone de Beauvoir - Ein modernes Leben - Piper VerlagSimone de Beauvoir war gemäß Kate Kirkpatrick weit mehr als Teil eines „streitbaren intellektuellen Powerpaares“ (S. 10). So räumt Kirkpatrick konsequent und umfassend mit einschlägigen Vorurteilen im Hinblick auf die Schaffens-Beziehung zu Sartre auf und zeigt, dass Beauvoirs Philosophie lange vor dem Pakt mit Sartre im Werden war, und dass Sartre ebenso von ihrem Denken profitierte wie umgekehrt.
Der Biographin gelingt eine komplexe und nicht wertende, dafür aber tiefgreifende Lebenswerkwürdigung und Neubewertung. „Ein gelebtes Leben kann nicht durch seine Nacherzählung wiederaufleben.“ (S. 452) Aber eine Annäherung an die Person Simone de Beauvoir in Form einer Biographie scheint sinnvoll, da laut Beauvoirs Philosophie Denken und Leben verbunden sind und sich verschränken.

Lebensstationen einer Polarisierenden

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Feinsinnig zeichnet Kirkpatrick über die Jahrzehnte hinweg die Lebensstationen und Entwicklungen der Frau hinter der Philosophin nach, die zu Lebzeiten vor allem polarisierte und gerne geringschätzig abgeurteilt wurde. Beginnend mit einer eindrucksvollen Beschreibung der schwierigen Kindheit, voller Enge, Ausweglosigkeit und Religion, ist es kein Wunder, dass sich die junge Simone mit ihrem unbändigen Freiheitsdrang zur großen Libertine des 20. Jahrhunderts entwickelte.

Kate Kirkpatrick - Biographie von Simone de Beauvoir - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Kenntnisreiche Biographin: Kate Kirkpatrick

Zugleich ist sie aber viel mehr als nur Feministin und Philosophin und Geliebte, die vor allem mit ihrem Pakt, ihren polyamourösen Beziehungen die Zeitgenossen polarisierte; sie war auch Weltenbummlerin, Aktivistin, Freiheitsdenkerin, Arbeitstier…
Diese lebensumfassende Entwicklung, dieses Werden (im Original heißt das Buch treffender „Becoming“) zeichnet die Biografie nach und erlaubt weitreichende Einblicke in die Psyche und den Charakter Beauvoirs. Dabei gelingt es der Autorin immer, die vielen Fehler, die Beauvoir im Laufe ihres fast 80-jährigen Lebens begeht – wie beispielsweise das kontroverse Thema der drei jugendlichen Geliebten, die Beauvoir Zeit ihres Lebens verheimlichte – eben nicht wertend zu beurteilen, sondern als solche stehen zu lassen. Dabei aber den Zeitgeist in Form der Gesellschaftskritik einfließen zu lassen.

Dringend notwendige Korrektur

Jean-Paul Sartre - Philosoph - Glarean Magazin
Kongenialer Partner: Existentialist Jean-Paul Sartre (1905-1980)

Insofern war diese neueste Beauvoir-Biographie dringend notwendig – auch, weil sie mit vielerlei weißen Flecken und Sachverhalten, die Beauvoir selber bewusst aussparte, aufräumt. Ebenso wie Kirkpatrick das Dunkel des Pakts erhellt und so die Beziehung zu Jean-Paul Sartre neu zu bewerten sich nicht scheut – sie war eher eine lebenslange Freundschaft, eine Einheit des Geistes denn des Körpers. Damit wird Beauvoir in all ihren Facetten greifbar und fast wieder lebendig; sie erfährt die Würdigung, um die sie zu Lebzeiten vergeblich kämpfte.

Doch wo Licht, da auch Schatten. So gelungen sich die Biographin ihrem Forschungsobjekt auch nähert, ist die Lektüre in Teilen etwas dröge, mitunter trocken, ebenso teils ausufernd, so z.B. in der recht umfassenden Darstellung ihrer gleichgeschlechtlichen als auch der kontingenten Beziehungen (wie zu Bost) und der dadurch entstehenden Verstrickungen innerhalb der „Familie“. Zumindest für meinen Geschmack, der die Weltenbummlerin, Philosophin und Autorin in aller Ausführlichkeit bevorzugt.

Lebensfacetten exzellent beleuchtet

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Schwerer wiegt allerdings eine immer wieder recht holprige Übersetzung, die auch mit Sinnfehlern punktet. Statt zu „Sinn ergeben“ wird „make sense“ in falscher Übersetzung zu „Sinn machen“ (S. 312). Oder auf Seite 309: „Er [Algren] warf ihr [SdB] vor, sein Leben behalten zu wollen, ohne ihres herzugeben, doch das fand sie ungerecht.“ Weitere Fehler dieser Art, die den Lesefluss hemmen und uns den Sinn anzweifeln lassen, gibt es leider öfter;s da hätte das Lektorat in Kombination mit der Übersetzung sorgfältiger arbeiten müssen.

Summa summarum eine Biographie, die sich dem Werden der Simone de Beauvoir exzellent in all seinen Facetten annähert. Man merkt, dass Kirkpatrick, ihres Zeichens Dozentin an renommierten britischen Bildungsanstalten, ihre Beauvoir und ihren Sartre aus dem FF kennt. Davon profitiert diese Biographie, die sich dem Werk durch das Leben annähert. Mehrwert fraglos inbegriffen! ♦

Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben, 522 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-07033-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Biographien auch über Edgar Rai: Ascona – Romanbiographie über E. M. Remarque

Gabriele Hofmann (Hrsg): Musik & Gewalt

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Musik im Fokus der Gewaltforschung

von Walter Eigenmann

Gewaltassoziierte Musikgenres und -formen konsumieren Jugendliche täglich. Die Musikwissenschaftlerin Gabriele Hofmann und ihr Autoren-Team gehen in ihrem Sammelband „Musik & Gewalt“ multiperspektivisch der Frage nach, wie die Relevanz von „Gewalttexten“ einzuschätzen ist. In sieben Einzelreferaten werden die aggressiven Tendenzen in musikalischen Jugendkulturen thematisiert.

In ihrem Eingangsbeitrag umreißt Stefanie Rhein den Kontext der Diskussion: „Affinitäten zu bestimmten Jugendkulturen wie auch entsprechende Distanzierungen dienen der kulturellen Selbstpositionierung und der Konstruktion kultureller Identität. Entscheidungen im Hinblick auf musik- und jugendkulturelle Zugehörigkeiten sind nicht notwendig Entweder-Oder-Entscheidungen: Jugendliche zählen sich […] oft zu keiner Szene, sondern pendeln zwischend den verschiedenen Szenen im jugendkulturellen Raum hin und her, ohne sich dauerhaft festzulegen.“ Darüber hinaus gelte: „Wenn von gewalthaltiger Musik […] die Rede ist, trifft dies in der Regel nicht die Musik an sich, sondern in erster Linie die Texte, die visuelle Umsetzung (Musikvideos) oder die Live-Inszenierung (Konzerte)“.

Aktivierung neuronaler Netzwerke

Gabriele Hofmann - Musik & Gewalt - Aggressive Tendenzen in musikalischen JugendkulturenWährend der Beitrag „Ist das schon Gewalt?“ von Benjamin Elser die Geschlechter-Stereotypen als Gewaltdarstellungen in Musikvideos analysiert, rücken die Autoren M. Gutscher, H. Schramm und W. Wirth den Einfluss auditiver Gewaltdarstellung auf das Aggressionsniveau in den Fokus. Ihre Studie geht der Frage nach, ob Musik mit gewalttätigen Texten einen Einfluss auf das Aggressionsniveau von Rezipienten hat. Dabei schreiben sie der Aktivierung von entspr. neuronalen Netzwerken eine bedeutende Rolle zu: Aggressive Textinhalte in Musikstücken steigern das situative Aggressionsniveau, die Interpretation von Wortbedeutungen wird durch sie beeinflusst und die Zugänglichkeit zu aggressiven Begriffen erhöht.

„Rebellen mit der Gitarre in der Hand“

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Am Anfang des Traktates von Georg Brunner, der sich der Rezeption und Wirkung von rechtsextremer Musik annimmt, wird festgehalten, dass der Musik ein gewisses Potential an Macht bzw. Beieinflussungspotential zugesprochen wird. Eine Erkenntnis, der sich nicht nur die deutschen Nazi’s und deren Propagandist Goebbels bedienten: „Musik als Kampfmittel und Waffe im Ringen um die deutsche Seele“ (Goebbels 1934). Nazi-Bands wie „Kraftschlag“, „Sturmwehr“ und „Foirstoss“, oder aktueller „Blutzeugen“, „Stahlwerk“, „Volksnah“ u.va. bewirtschaften nicht nur „But und Boden“, sondern verstehen sich als „Rebellen mit mit der Gitarre in der Hand“ (Foirstoss), die sich mit schriller Inbrunst und fetzigem Bass ihrer Feinbilder (Ausländer, Linke, Juden, Farbige u.a.) annehmen.
Brunner untersucht dabei verschiedene Bereiche und Verhaltensmuster der Konsumenten von Nazi-Musik, die Aspekte Geschlecht, Persönlichkeit, Elternhaus, Ausbildung, Sozialer Status und Selbstsozialisation werden näher aufgeführt.

Musikalische Gewalt der Metal-Bands

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Ein abschließendes Referat von Erika Funk-Hennigs nimmt sich der einflussreichen Heavy-Metal- und der rechtsextremen Skinhead-Szene an, deren Text-Manifestationen sich als eigentlicher kultureller „Code des Bösen“ interpretieren lassen, und deren Themenspektrum sich vom Satanismus, Schwarzen Messen und Tieropfern bis hin zu Friedhofsschändungen, Drogen, Vergewaltigungen und anderen menschenverachtenden Botschaften erstreckt. Das Fazit der Autorin: „Der zeitgenössische Rechtsextremismus präsentiert sich in einer Kombination von Freizeitwert, Lebensgefühl und politischen Botschaften. Jugendliche können hier eine Erlebniswelt erfahren, in der rückwärtsgewandtes Denken vorherrscht, das mit fremdenfeindlichem, rassistischem, nationalistischem und antisemitischem Gedankengut verknüpft ist. […] Musik hat in diesem Kontext keine eigenständige Funktion, sie dient vielmehr als Katalysator für rechtsextreme Aussagen“. ♦

Gabriele Hofmann (Hrsg): Musik & Gewalt – Aggressive Tendenzen in musikalischen Jugendkulturen, Forum Musikpädagogik, 140 Seiten, Wissner Verlag 2011/2021, ISBN 9783957862938

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik-Psychologie auch über Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Reise nach innen

von Alexandra Lavizzari

Peter Stamm setzt mit dem neuen Roman „Das Archiv der Gefühle“ seine Reise nach innen fort und zeigt uns unterwegs auf seine einmalig luzide Art, wie dünn und brüchig die Trennwand zwischen Wirklickkeit, Sehnsucht und Erinnerung sein kann. Stamm lässt seinen Icherzähler, einen eigenbrötlerischen Archivar, immer wieder zwischen diesen Ebenen oszillieren und reiht dabei dessen Wunschdenken nahtlos an Fakten und die erinnerten, oft idyllischen Ereignisse der Vergangenheit an eine gegenwärtige, minutiös protokollierte Vereinsamung zu Zeiten eines bloß angedeuteten Lockdowns.

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle - Roman - S. Fischer VerlagSie heißt Frankziska, die große Jugendliebe des erzählenden Archivars, und sie hat sich, lange nachdem sie einander aus den Augen verloren haben, über die Jahre so tief in seine Gedanken und Gefühle eingenistet, dass er sie überall mit sich herumträgt, wo immer und mit wem er gerade ist. Meist aber ist er allein und führt, seit ihm gekündigt wurde, spazierend und im geerbten Elternhaus weiter vor sich hin archivierend ein freudloses und eintöniges Dasein.

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Aus Franziska ist inzwischen Fabienne der Chanson-Star geworden, und als solche tingelt sie durch die Schweiz und füllt die Klatschspalten der Boulevardpresse mit ihren Konzerten und Liebschaften. Der Ich-Erzähler verfolgt von seiner Klause aus ihre Karriere und quält sich dabei mit der Frage, warum das Leben sie hat auseinanderdriften lassen. Liebte sie ihn denn nicht? Haben sie einfach aus Unachtsamkeit aneinander vorbeigeliebt? Oder hatte es an ihm gelegen? „Vielleicht war ich deshalb so überwältigt gewesen von meinen Gefühlen für Franziska, die aus dem Körper zu kommen schienen, nicht aus dem Kopf. Weil ich sie nicht verstand… Das mag der Grund gewesen sein, weshalb ich alles tat, um nicht zum Opfer dieser Gefühle zu werden.“

Ein verpasstes Leben

Peter Stamm (2) - Glarean Magazin
„Ein leiser, aber literarisch wuchtiger Text“: Peter Stamm (*1963)

Über Jahre lebt der Einzelgänger einigermaßen zufrieden zwischen Fantasievorstellungen von der Geliebten und dem Lesen, Schnippeln, Kleben und Codieren von Zeitungsartikeln. Auch über Franziska/Fabienne führt er eine Akte, und somit weiß er zu jeder Zeit über ihr Leben Bescheid. Aber die gegenwärtige Fabienne interessiert ihn weniger als seine Jugendliebe Franziska, und entsprechend sind die schönsten Passagen dieser Beziehung, die keine ist, letztlich jene, in denen ihn die Franziska von damals in fast märchenhaft gezeichneten Szenen ins Wasser lockt und dann, kaum hat er sie berührt, wie eine unfassbare Nymphe entschlüpft.

Solange Franziska in seinem Kopf wohnt, kann der Archivar mit seinen Gefühlen umgehen und auch dem obsessiven Ordnen von Fakten einen Sinn abgewinnen. Als die Umstände plötzlich ein Wiedersehen ermöglichen und er Franziska nach einem Telefongespräch schließlich in ihrer Luxusvilla mit Pool und allem Drum und Dran besuchen kann, regen sich in ihm jedoch Zweifel: „Mein ganzes Leben kommt mir plötzlich elend vor, es scheint mir, als hätte ich gar nie wirklich gelebt, als hätte ich immer nur anderen beim Leben zugeschaut und gewartet, dass etwas geschieht. Und nichts geschah.“

Das Archiv

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Das Gerüst dieses eindrücklichen und tiefgründigen Textes bildet indessen nicht die Liebesgeschichte, sondern das Archiv. Zu Beginn ist sich der Ich-Erzähler noch über dessen Zweck sicher: Das Archiv ist ein Abbild der Welt und dazu da, um in ihr Ordnung zu schaffen. Das beruhigt ihn, wenn es ihm auch in Momenten der Verweiflung wie ein Verlies vorkommt, in das er sich selbst gesperrt hat.
Allmählich kommt er sich jedoch selbst auf die Schliche und erkennt, dass das Archiv eigentlich nur ein Abbild seiner eigenen Welt ist, die er selbst gestalten und nach Gutdünken verändern kann. Sodann beginnt er es zu vernachlässigen, und es entstehen Lücken, in denen er nach dem ersten Schrecken eine Art Befreiung wittert.

Am Schluss ist er soweit, den ganzen Papierberg zu entsorgen und aus der entstandenen Leere einen Neuanfang mit Franziska zu wagen. Eine ungewisse Zukunft erwartet das Paar, doch sie sind bereit, zusammen anzupacken, was vom Leben übrig bleibt. Auf den letzten Seiten des Romans betrachten sie die Schweizer Alpen im Morgengrauen, Franziska zählt die Gipfel auf: Den Tödi, das Schärhorn, der kleine Mythen – und beendet die Geschichte mit einem atemberaubend schönen Satz, für den allein es sich lohnt, sich diesen leisen und doch wuchtigen literarischen Text zu Gemüte zu führen. ♦

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle, Roman, 188 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3103974027

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Roman-Literatur auch über Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit

… sowie über die neuen Erzählungen von Tomas Gonzales: Die stachelige Schönheit der Welt

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung (Literaturgeschichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Melange aus Anekdote und Analyse

von Sigrid Grün

Der Autor und Literaturkritiker Helmut Böttiger erhielt 2013 für sein Buch über die Gruppe 47 den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Sachbuch/Essayistik. Er hat bereits zahlreiche Werke zur Literaturgeschichte verfasst, die nicht nur trockene Analysen beinhalten, sondern ausgesprochen lebendig erzählt sind. „Die Jahre der wahren Empfindung“ bietet einen Überblick über die deutschsprachige Literatur der 70er.

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung - Die 70er - eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur - Wallstein VerlagBöttiger hat sich dazu entschlossen, keine zusammenhängende Literaturgeschichte zu verfassen, sondern das Jahrzehnt in 27 Essays zu porträtieren. Die Siebziger waren ein bewegtes, von Krisen und Umbrüchen geprägtes Jahrzehnt, das auch eine facettenreiche Literatur hervorbrachte. Helmut Böttiger beleuchtet schlaglichtartig Literaturschaffende und Diskurse, die der Epoche ihren besonderen Charakter verliehen haben. Als typisch für die damalige Literatur gilt eine gewisse Selbstzentriertheit, die Böttiger in den Kontext des vielschichtigen Transformationsgeschehens bettet: „Die psychischen Anforderungen, die die gesellschaftlichen Emanzipationsprozesse mit sich brachten, der auf sich selbst zurückgeworfene Einzelne – das wurde zum großen Thema der siebziger Jahre.“

Literaturgeschichte in Geschichten

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So beschäftigt sich der Autor in „Die Narben sind die alten – Hermann Peter Piwitt, Bernward Vesper, Christoph Meckel: Die Auseinandersetzung mit den Nazi-Vätern“ beispielsweise mit der persönlichen Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Besonders tragisch ist hier das Schicksal von Bernward Vesper, dessen Vater Will Vesper ein völkischer Dichter war. In seinem „Fragment gebliebenen“ autobiographischen Roman-Essay „Die Reise“ lotet Bernward Vesper in Form eines Bewusstseinsstroms die zwiespältige Beziehungen zu seinem Vater und zu seiner zeitweiligen Lebensgefährtin Gudrun Ensslin aus. Im Mai 1971 nahm Vesper sich in der Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf das Leben. Er hatte sich bis zum Schluss nicht wirklich von seinem Vater abgegrenzt und litt auch darunter sehr.

Peter Handke und Ingeborg Bachmann

Helmut Böttiger - Literatur - Glarean Magazin
Melange aus Anekdote und Analyse: Literaturkritiker Helmut Böttiger (*1956)

In einem anderen Text geht es um Peter Handke, dem in den Siebzigern eine Verbindung von Literatur und Popkultur gelang und der damit zum intellektuellen Vorbild für viele junge Menschen in der Bundesrepublik wurde. Seine 1975 erschienene Erzählung „Die Stunde der wahren Empfindung“ inspirierte auch den Titel der vorliegenden Textsammlung, die eine Literaturgeschichte in Geschichten ist.

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann steht gemeinsam mit ihrem Roman „Malina“ im Mittelpunkt eines Textes, in dem es auch um die Beziehungen zu Max Frisch und Paul Celan geht, die eine wichtige Rolle in ihrem Werk spielten. Frisch zum Beispiel als „Urbild der Vaterfigur im Malina-Roman“ (Böttiger).
Auch die Literatur der DDR und wichtige Ereignisse, etwa die Ausbürgerung Wolf Biermanns am 16. November 1976, die eine bedeutende Zäsur darstellte, werden angemessen gewürdigt.

Literaturgeschichte, die neugierig macht

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Es ist eine abwechslungsreiche Melange aus Anekdote und Analyse, die der Autor bietet. Von Uwe Johsons Konflikt mit der Kommune I, deren Mitglieder in seiner Abwesenheit in dessen Wohnung nicht nur das Pudding-Attentat planten, über die Medienwelt (Zeitschriften, Verlage und Buchhandlungen) bis hin zu Porträts der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass schlägt Böttiger einen weiten Bogen, der ein Jahrzehnt umfasst, und das eine Menge zu bieten hat: Verspieltheit und Krise, Wandel und Festhängen in alten Strukturen, Komik und Tragik.

Literarische Aha-Momente

Es sind zahlreiche Aha-Momente, die der Autor uns beschert. Er macht neugierig auf eine Literatur, die vielleicht etwas aus dem Fokus gerückt ist, weil die Literatur der Siebziger vielen als an die Gegebenheiten der Zeit gebunden erscheinen mag. Und gerade deshalb ist es großartig, dass Helmut Böttiger neugierig auf eine Literaturepoche macht, die sehr viel mehr beinhaltet als man annehmen möchte.
Mich hat der Autor auf alle Fälle zur Relektüre einiger Texte veranlasst. Eine gewisse Kenntnis der Hintergründe kann einen völlig neuen Zugang zu literarischen Werken ermöglichen. Es ist das Verdienst von Böttiger, die Siebziger und ihre Literatur in der vorliegenden Literatur- und Kulturgeschichte zum Leben erweckt zu haben. ♦

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung: Die 70er – eine wilde Blütezeit der Literatur, Wallstein Verlag, 472 Seiten, ISBN 978-3-8353-3939-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literaturgeschichte auch über Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher

Ensemble Arabesques: Jacques Ibert – Kammermusik (CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Kapriziöse Abenteuerlust

von Jakob Leiner

Mit der neuen Einspielung kammermusikalischer Werke von Jacques Ibert setzt das Hamburger „Ensemble Arabesques“ seine Konzeptidee mit überragendem Gespür fort, sich ausgefallenen, teils in Vergessenheit geratenen Werken unterschiedlicher Besetzung zu widmen.

Ensemble Arabesques - Jacques Ibert - Kammermusik - CD Farao ClassicsDass sich das Ensemble Arabesques nach Gustav Holst und Francis Poulenc nun bei der Wahl ihres dritten Albums für Jacques Ibert entschied, scheint durchaus nachvollziehbar. So ist die Verbindung zu Poulenc über den künstlerischen Kontext der „Groupe des Six“ herstellbar, der zahlreiche Begegnungen der beiden Zeitgenossen förderte, und die zu Holst über das gemeinsame Faible für Blasinstrumente und ihre Einsatzmöglichkeiten.

Beachtliches filmmusikalisches Oeuvre

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Auch im ersten Satz der „Trois pièces brèves“ für klassische Bläserquintettbesetzung kommt Iberts ausgereifte Instrumentationstechnik klanglich schillernd zur Geltung. Eine charmante Melodik und augenzwinkernde Überraschungseffekte im ersten Satz verdeutlichen die Nähe des 1890 geborenen französischen Komponisten zur Filmmusik, die er zeitlebens in sehr ergiebiger Weise schuf.

Das Ensemble reüssiert, die unabdingbare Luftigkeit, die einem solchen Rausschmeißer-Stück gebührt, beizubehalten, wenn auch die triolischen Punktierungen der Hauptmelodie etwas einheitlicher laid-back hätten ausgeführt werden können. Ein sich sublim umspielendes Flöten-Klarinetten-Duett leitet die pastorale Stimmung des kurzen „Andante“ ein, während das abschließende „Allegro scherzando“ zwischen typisch französisch-operettenhaftem Gestus à la Offenbach und interessanten polytonalen Annäherungen changiert, was die Spielenden äußerst gewitzt einzusetzen wissen.

Eklektizistisch bis vorsichtig modern

Jacques Ibert - Glarean Magazin
Jacques Ibert beim Komponieren am Klavier (1938)

Zwar wird Ibert aufgrund seiner engen Kontakte zu Kollegen wie Poulenc, Milhaud oder Honegger von manchen Quellen als der inoffizielle Siebte der „Groupe des Six“ betitelt, jedoch ließ er sich zeitlebens keiner bestimmten Strömung oder Schule zuordnen. Diese bewusst gelebte Unabhängigkeit schlägt sich ausdrucksstark in seinen Werken, die teils traditionell tonal, teils eklektizistisch bis vorsichtig modern anmuten, sowie einer enormen Genre-Breite nieder. Auch diese Vielfalt ist auf der vorliegenden Aufnahme abgebildet.

Ästhetisch durchwegs ansprechend

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Die „Deux Mouvements“ für Holzbläserquartett entstanden nach der Zuerkennung des begehrten Prix de Rome und setzen die konzertanten Qualitäten der Instrumente gekonnt in Szene, ohne eine kammermusikalische Ausgewogenheit zu gefährden. Hier erinnert die distinktive Behandlung der Einzelstimmen bereits an spätere Werke wie z.B. das „Concerto pour flûte“, welches mittlerweile fest zum Standard-Repertoire gehört.

Das alles gelingt den Spielenden des „Ensemble Arabesques“, das sich 2011 im Rahmen des gleichnamigen deutsch-französischen Kulturfestivals gründete, ästhetisch durchweg ansprechend und mit zahlreichen Farbvaleurs auftrumpfend. In den „Deux Interludes“ für Flöte, Violine und Harfe sei vor allem die nostalgische Klangmagie hervorgehoben, die auch auf das stimmige Verhältnis von gewählten Grundtempi und ihren gestalteten Dehnungen und Raffungen zurückzuführen ist.

Besondere Gussartigkeit des „Capriccio“

Neben dem in den Kriegsjahren 1944/45 entstandenen „Trio“ für Violine, Violoncello und Harfe und der Auftragskomposition „Cinq Pièces en Trio“ für Oboe, Klarinette und Fagott erreicht das Album mit dem „Capriccio“ für 10 Instrumente seinen würdigen Höhepunkt.

Jacques Ibert - Capriccio pour dix instruments - Glarean Magazin
Beginn des „Capriccio pour dix instruments“ von Jacques Ibert

Die strenge Verwendung eines fast durchgehend konzertanten Stils bei komplexen rhythmisch-harmonischen Elementen führt zu einer besonderen Gussartigkeit dieses etwa elfminütigen Werks. So ist das Kaleidoskop der sich virtuos annähernden und imitierenden Klangfarben lustvoll zu verfolgen, wobei dem sich geschickt einfügenden Trompetenpart ein Extralob gebührt. Die Spiel- und Entdeckungsfreude eines derart gut aufeinander abgestimmten Ensembles ist es, was diese Neuerscheinung zur klaren Empfehlung werden lässt – hoffend auf mehr! ♦

Jacques Ibert: Kammermusik, Ensemble Arabesques, Audio-CD, 53 Min., Farao Classics

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