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Willkommen beim GLAREAN MAGAZIN und viel Spass auf dem Trip durch die ganze Welt der Literatur, des Schachs, des Rätsels und der Musik!


Chessbase (Hrsg): Vasily Smyslov – Master Class Band 14 (Schach-DVD)

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Die „Suche nach Harmonie“

von Mario Ziegler

Wassili Wassiljewitsch Smyslow (bzw. Vasily Smyslov) war der siebte Weltmeister der Schachgeschichte – und eine der vielfältigsten Persönlichkeiten des internationalen Schachsports. Man attestierte dem Spiel dieses russischen Großmeisters (und studierten Bariton-Sängers) ein besonderes Streben nach harmonischen Figurenstellungen. Diese „Harmonie“ sorgte allerdings nicht dafür, dass sein Leben und Schaffen im breiten Schach-Feuilleton überdurchschnittliche Aufmerksamkeit zugestanden wurde. Eine neue DVD aus dem Hause Chessbase will da etwas nachbessern.

Vasily Smyslov - Wassili Smyslow - Master Class Vol. 14 - Chessbase (Fritz-Trainer)Ich muss gestehen, dass ich vor der Anfertigung dieser Rezension viel zu wenig über Wassili Wassiljewitsch Smyslow (1921-2010) wusste. Natürlich, er war Weltmeister von 1957 bis 1958, nachdem er in seinem ersten Anlauf 1954 Titelverteidiger Botwinnik bei einem Endstand von 12:12 denkbar knapp nicht entthronen konnte. Auf dem Weg zu seinen beiden Titelkämpfen gewann er zwei der wichtigsten Turniere der Schachgeschichte, die Kandidatenturniere von 1953 und 1956, denen in Form der Turnierbücher herausragende literarische Denkmäler gesetzt wurden.

Die „Master Class“ – Reihe von Chessbase

Denkt man an Smyslow, so schwingt sogleich das Wort „Harmonie“ mit – lag doch dem 7. Weltmeister, der auch ausgebildeter Baritonsänger war, ein besonderes Streben nach harmonischer Figurenstellung am Herzen, wie bereits der Titel seines 1979 erschienenen Werkes nahelegt: „Auf der Suche nach Harmonie“. Und doch sind das nicht eben viele Informationen über eine der herausragenden Gestalten der Schachgeschichte. Umso gespannter war ich auf die DVD, die vor wenigen Wochen im Hause ChessBase als 14. Band der Reihe „Master Class“ herausgegeben wurde. Damit fehlen in der illustren Reihe der besprochenen Schachgiganten von den Weltmeistern lediglich noch Wilhelm Steinitz und Max Euwe.

Schach-Weltmeister und Bariton-Sänger: Wassily Smyslow (1921-2010))
Schach-Weltmeister und Bariton-Sänger: Wassily Smyslow (1921-2010))

Nach einer Kurzbiographie wird Smyslows Schaffen in den Bereichen Eröffnung, Strategie, Taktik und Endspiel untersucht. Jedes Kapitel enthält mehrere Videos, sehr oft mit Trainingsfragen versehen. Im Kapitel über die Eröffnung stellt Yannick Pelletier Smyslows die These auf, dass die Auseinandersetzung mit Botwinnik, mit dem sich Smyslow in drei Weltmeisterschaften maß, großen Einfluss auf seine Eröffnungen, insbesondere sein Schwarzrepertoire, gehabt habe. Interessant und in gewisser Weise bezeichnend für Smyslows Stil ist das zweite Video, in dem das Konzept des Doppelfinanchettos behandelt wird, das von Smyslow mit großem Erfolg gewählt wurde, um theoretische Debatten zu vermeiden. Er versuchte mit Weiß von vorneherein nicht, aus der Eröffnung heraus deutlichen Vorteil zu erzielen, sondern spielbare Stellungen zu erhalten.

„Untheoretisches Vorgehen“ in der Eröffnung

Mit diesem Ansatz kommt Smyslow dem Vorgehen heutiger Spitzenspieler erstaunlich nahe. Dass dieses „untheoretische“ Vorgehen auch gegen sehr starke Gegner Früchte trug, zeigt eine Schlüsselpartie im Kandidatenturnier 1956 gegen einen seiner Hauptkonkurrenten, nämlich David Bronstein. Allerdings deckt diese Partie auch eine kleine Schwäche der DVD auf, nämlich die (meiner Ansicht nach) gelegentlich etwas zu pauschalen Bewertungen:

Smyslow-Bronstein - Amsterdam 1956

Enge Verbindung von Strategie und Taktik

Peter Hammer - Rätsel - Denksport - Insertion GLAREAN MAGAZIN - Oktober 2021
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Smyslows Strategie im Mittelspiel nähert sich in sieben Videos Mihail Marin an. Er betont die enge Verbindung von Strategie und Taktik: Smyslow sei kein echter Positionsspieler, als welcher er oft gesehen wird, sondern ein kompletter Spieler, der seine Gegner erst positionell überspielte, um die Partie danach taktisch zu entscheiden. In dieser Hinsicht zieht Marin den überraschenden Vergleich zu Aljechin – sicher nicht der Spieler, an den man am ehesten denken würde, wenn man Smyslow vor Augen hat. Sehr interessant ist die Analyse dreier „Spätwerke“ – Partien, die Smyslow im Herbst seiner langen Karriere im Alter von 52, 62 und 72 Jahren gegen andere Weltklassespieler gewinnen konnte. Marin bezeichnet Smyslows Partien im Alter sogar als „schöner und reiner“ als diejenigen zu seiner Glanzzeit.

Smyslows Endspiel-Schaffen

Karsten Müller - Schach-Endspiel-Experte - GLAREAN MAGAZIN
Endspiel-Experte Dr. Karsten Müller

Mit Karsten Müller widmet sich ein ausgewiesener Endspielexperte dem Schaffen Smyslows in der letzten Partiephase. Auch in den gewählten 6 Beispielen (darunter drei Turmendspielen) wird das vielbeschworene Streben nach Harmonie bemüht. Die Beispiele sind durchgehend eindrucksvoll und werden von Müller gut erklärt, wenngleich man sie, wie auch Müller selbst betont, viel eingehender studieren sollte als lediglich in Form des Videos.
Neben dem Endspiel gehören die taktischen Fähigkeiten zu Smyslows herausragenden Eigenschaften. In 25 interaktiven Taktikaufgaben widmet sich Oliver Reeh diesem Bereich.

Fehlende Datenbank mit Smyslow-Studien

Als Bonus enthält die DVD alle 2856 von Smyslow gespielten Partien (teilweise mit Kommentaren versehen), weitere von Oliver Reeh aufbereitete Trainingsfragen sowie ein aus den Partien des Exweltmeisters generiertes Eröffnungsbuch.

Screenshot Vasily Smyslov - DVD Chessbase - Marin (Strategie) - GLAREAN MAGAZIN
Screenshot aus „Vasily Smyslov – Master Class Band 14“: Strategie-Analysen von M. Marin

Während sich mir der Nutzen dieser Eröffnungsbücher, die sich auch in anderen Publikationen finden, nicht recht erschließt, hätte ich die eine oder andere Zugabe nützlich gefunden. Eine Übersicht über Smyslows Erfolge mag vor allem aus Sicht eines an Schachhistorie Interessierten wünschenswert sein, doch sind es nicht gerade Fans der Schachgeschichte, die als Käufer solcher DVDs in Frage kommen? Ebenso hätte eine Datenbank mit den ca. 150 von Smyslow komponierten Studien die DVD abgerundet.

Interessante Gesamtschau

Wohlverstanden: Das ist Mäkeln auf hohem Niveau. Wenn man die DVD als das begreift, als was sie konzipiert wurde, erfüllt sie die Erwartungen vollkommen: Es wird eine interessante, kompetente Zusammenschau des Smyslow’schen Schaffens in den verschiedenen Partiephasen geboten und dem Zuschauer die Möglichkeit eröffnet, an Schlüsselstellen selbst den Entscheidungen des Meisters nachzuspüren. ♦

K. Müller / M. Marin / O. Reeh / Y. Pelletier: Vasily Smyslov – Master Class Band 14, Chessbase Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Weltmeister auch über André Schulz: Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit (Roman)

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Simenon und Glauser im Roman vereinigt

von Alexandra Lavizzari

In ihrem zweiten, ebenfalls im Limmat Verlag erschienenen Roman „Die schiere Wahrheit“ gewährt die Schaffhauser Autorin Ursula Hasler Einblick in die Schreibwerkstatt zweier grosser Krimischriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Charakter und Lebensläufe unterschiedlicher nicht hätten sein können: Des Belgiers Georges Simenon, dessen mit leichter Feder hingeworfene Maigret-Romane ihm schon früh eine finanziell gut gepolsterte Existenz ermöglichte, und des glück- und ruhelosen Schweizers Friedrich Glauser, der sich, von Morphiumssucht geplagt, seine Studer-Romane unter schwersten psychologischen Bedingungen abringen musste.

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit - Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman - Limmat VerlagSie hätten einander im wahren Leben begegnen können, Georges Simenon und Friedrich Glauser, denn zufälligerweise weilten beide im Sommer 1937 unweit voneinander an der westfranzösischen Atlantikküste. Glauser war mit seinem Roman Matto regiert endlich der Durchbruch gelungen, und er hoffte, an der Seite von Berthe Bendel in einem kleinen Badeort südlich von Nantes seine inneren Dämonen bändigen zu können, um verschiedene literarische Projekte zu Ende zu führen.

Georges Simenon - Glarean Magazin
Vater der legendären Maigret-Romane: Georges Simenon (1903-1989)

Zur gleichen Zeit flüchtete sich Simenon mit seiner schwer depressiven Frau vom Pariser Trubel in die Nähe von La Rochelle, wo er sich nach den erfolgreichen Maigret-Romanen endlich der wahren Literatur zu widmen gedachte. Dieses zeitlichen und geografischen Zufalls hat sich Ursula Hasler in ihrem Roman bedient, um einen Krimi zu schreiben, der die literarischen Eigenheiten beider Autoren miteinander verknüft. Eine Fusion sozusagen, bloß dass Glausers Wachtmeister Studer nicht Simenons Maigret zur Seite steht, sondern eine alte Jungfer namens Amélie Morel, die sich Simenon spontan als Ersatz ausdenkt, weil er 1937 noch im Ernst glaubte, seinen populären Kommissar endgültig in den Ruhestand geschickt zu haben.

Prosa mit Helvetismen

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Buch-Autorin Ursula Hasler sagt es jedoch selbst: Die schiere Wahrheit ist eine Spielerei, als herkömmlicher Krimi nicht wirklich ernst zu nehmen. Und tatsächlich ist nicht so sehr der von Simenon und Glauser während ausgedehnten Strandspaziergängen erfundene Plot um einen am Strand tot aufgefundenen Amerikaschweizer interessant, sondern die Zwischenkapitel, in denen die beiden sich über ihr Schreiben, das Konzipieren von Kriminalfällen, ihre Figurenzeichnung und Evozierung bestimmter Milieus und Atmosphären unterhalten.
Man spürt, dass diesen fiktiven Gesprächen ausgedehnte Recherchen der Autorin zugrunde liegen. Hasler hat nicht nur Leben und Werk von Simenon und Glauser minutiös unter die Lupe genommen, sondern auch deren jeweiligen Schreibstil, den sie sich im eigenen Roman auch aneignet. So streut sie gern Helvetismen in ihre Prosa, wenn Glauser – oder Monsieur Glosère, wie Simenon seinen Kollegen nennt – an der Reihe ist, ein Kapitel des Kriminalfalls beizusteuern. Bisweilen klingen diese Helvetismen etwas forciert, aber während der Lektüre auf Wörter wie „Lismete“, „blutt“, „Chabis“, „z’Bern“ und dergleichen zu stoßen, ruft einen immerhin in Erinnerung, dass man es bei diesem in einem französischen Seebad angesiedelten Roman doch letztlich mit einem Schweizer Text zu tun hat.

Glausers exakt beobachtete „Sächeli“

Friedrich Glauser - Studer Manuskript und Schreibmaschine - Glarean Magazin
Friedrich Glausers „Studer“-Manuskript mit Schreibmaschine (Szenen-Foto aus dem Film „Glauser“)

Simenons und Glausers Postulat, wonach der Autor sich für die Erzeugung von Spannung nicht unbedingt eine verzwickte Handlung ausdenken muss, beherzigt die Autorin leider etwas zu wörtlich. Mitte des Romans lässt sie Glauser sagen: „Eine Handlung kann unglaublich langweilig sein, statisch möchte ich sagen, und eine Erzählung, in der schier nichts passiert, kann spannend sein und voll Dynamik. Nämlich mit exakt beobachteten Sächeli…“
Stimmt. Man denke an Proust Monumentalwerk, in dem über Seiten nichts passiert außer einem Lächeln oder dem von einer Frauenschulter Gleiten eines Schals. Prousts exakt beobachtete „Sächeli“ sind indessen nicht bloße Beschreibungen, sondern mit Erinnerungen, Assoziationen und Emotionen befrachtete Wahrnehmungen, die auf die momentane Befindlichkeit des Beobachtenden zurück reflektieren. In Haslers Prosa sind diese „Sächeli“, die eine Atmosphäre schaffen und die Eigenart der Figuren herauskristallisieren sollten, jedoch meist nur unnötiger Wortballast.

Klischierung von Figuren

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Die dermassen aufs bloße Beschreiben reduzierte Sprache führt bald einmal zur Klischierung der Figuren und Situationen. Vor allem die tüftelnde Amélie Morel verkommt dabei zur blassen französischen Karikatur von Agatha Christie’s Miss Marple. Dass sie eine alte Jungfer ist, wird einen bei jeder Gelegenheit – und ausführlichst – in Erinnerung gerufen, so auch, dass Glauser arm und Simenon reich ist. Aber auch die Prosa selbst ist bis auf den flotten und einladenden Anfang oft überladen und zeitigt bisweilen arg missglückte Stilblüten: „…der zierliche Korbsessel knackte entsetzt und entsetzlich…“ oder: „An ihrem Tisch hockte bockig das Schweigen…“
Was nach der Lektüre dieses Romans bleibt, ist eine Mischung von Ärger und Enttäuschung. Die grundlegende Idee mitsamt überraschendem Schluss à la Pirandello ist brillant und der Schauplatz – Strand, Dünen, Seebad – mit sichtlicher Liebe evoziert, aber eine halbierte Seitenzahl hätte es auch getan, sowohl der Zeit und Geduld des Lesers als auch den beiden hervorragenden Krimiautoren zuliebe, die Hasler hier zum Leben erwecken wollte. ♦

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman, Roman, Limmat Verlag, 342 Seiten, ISBN 978-3-03926-020-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Krimi auch über Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux

M. Schäfer (Tenor) & M. Ungureanu (Klavier): Hommage à Dinu Lipatti

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„Losgelöst von jeder Erdenschwere“

von Jakob Leiner

Mit seiner jüngst erschienenen „Hommage à Dinu Lipatti“ gelang dem Duo Markus Schäfer (Tenor) und Mihai Ungureanu (Klavier) eine Einspielung von musikalischer wie historischer Bedeutung.

Hommage a Dinu Lipatti - George Enescu - Violeta Dinescu - Dinu Lipatti - Markus Schäfer, Mihai UngureanuMit einer verklärten, von chromatischen Parallelbewegungen unterlegten Melodie im Klavier beginnt der Liederzyklus „Cinq Chansons de Verlaine“, eingeleitet von der Sonett-Vertonung „À une femme“ aus den „Poèmes Saturniens“. Bald weicht der zarte tremolierende Anfangsgestus einer gewissen melodiösen Brutalität, von den beiden Interpreten wunderbar entwickelt. Große Bewegtheit, Eifersucht und inneres Drama werden über eine erweiterte Tonalität ausgedrückt, nur um in der vierten Strophe in reine Anbetung zu verfallen. Es ist das Zerren eines Verliebten, der seiner Muse ausgeliefert ist wie ein Suchtkranker, und eine bemerkenswerte Vertonung des Stoffs.

Der Pianist als Komponist

Dinu Lipatti - Klavier - Glarean Magazin
„Losgelöst von jeder Erdenschwere“: Lipatti während seines legendären letzten Recitals 1950 in Besancon/F

Dinu Lipatti – Dinu ist die Koseform von Constantin – wird bis heute in singulärer Einigkeit als einer der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts bewundert. Bekannt ist das Wort Karajans über ihn: „Es war nicht mehr Klavierspiel, es war Musik, losgelöst von jeder Erdenschwere“.
Neben seiner ruhmreichen konzertanten Karriere trat sein kompositorisches Schaffen allerdings doch in den Hintergrund. Mit dieser Aufnahme wird also musikhistorische Aufarbeitung betrieben und das Bild des tragisch-früh verstorbenen rumänischen Künstlers damit vielfältiger und echter.
In „Le Piano qui baise une main frêle“ (Das Klavier, das eine schmale Hand küsst) nimmt ein berückender Dialog zwischen den beiden Interpreten seinen Anfang. Durch eigenständige Deutungsrollen, die Lipattis teils freie Textinterpretationen abbilden, und eine dem gesteigerten Realismus zugeneigten Tonsprache wird der „feine, unsichere Refrain“ Verlaines nochmals dupliziert. Die hier omnipräsente Anforderung einer hochgehaltenen Flexibilität in Ausdruck und Technik erfüllen Schäfer wie Ungureanu auf bemerkenswerte Weise.

„Quatre Mélodies“ von Dinu Lipatti

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Der zweite zu Lebzeiten vollendete Liederzyklus Lipattis, die „Quatre Mélodies“, basieren auf Texten von Arthur Rimbaud, Paul Valéry und Paul Éluard. Hier trifft hermetisch-surrealistische Dichtung auf eine reduziertere musikalische Ausgestaltung. So ist der Klavierpart deutlich zurückgenommen und fungiert mit wiederkehrenden rhythmischen Zellen als post-impressionistisch zu verortende Basis. In „Les pas“ (Die Schritte) entwickelt Schäfers eindringlich tastende Stimmführung eine geradezu bannhafte Wirkung, von beklemmenden Achtelbewegungen im Klavier ge- bwz. verleitet: Die albtraumhafte Szenerie eines zum Lauschen Verdammten tut sich auf.

Markus Schäfer - Tenor - Glarean Magazin
Tenor Markus Schäfer

Gefördert wurde Dinu Lipatti (1917-1950) unter anderem von einem Landsmann internationaler Bekanntheit: George Enescu. Dessen „Sept Chansons de Clément Marot“ bereichern die Aufnahme um eine Reihe außergewöhnlicher Stimmungsbilder. Lautenähnliche Arpeggio- und Akkordfolgen in der Klavierbegleitung untermalen die Renaissance-Texte, die minnetypisch das Leiden eines Liebhabers behandeln und von Schäfer angemessen affektreich teils gesungen, teils quasi-rezitiert werden.

Sphärisches Melodrama von Violeta Dinescu

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Die Klammer um die Stücke auf dieser kurzweiligen CD bildet Violeta Dinescus Gesangsszene „Mein Auge ist zu allen sieben Sphären zurückgekehrt…“ – einerseits als Hommage an Lipattis 100. Geburtstag, andererseits als auskomponierter Enescu-Bezug. Als Textgrundlage diente der 1953 in Bukarest geborenen und heute an der Universität Oldenburg lehrenden Künstlerin Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ aus dem frühen 14. Jahrhundert.
Das knapp 17-minütige Werk besticht durch seinen melodramatischen Charakter und die mehrdimensionale Verarbeitung der „paradiesischen“ Verse. Die expressive sängerische Improvisation durch auftaktige und ins Unendliche fragende Wortmelodien bei fast orchestraler Klavierbegleitung gelingt dem Duo Schäfer/Ungureanu auch hier derart ausgewogen und aufeinander abgestimmt, dass der Hörgenuss zuverlässig über die Zeit trägt. Alles in allem ein programmatisch wie musikalisch faszinierendes Album! ♦

Markus Schäfer (Tenor) & Mihai Ungureanu (Klavier): Hommage à Dinu Lipatti, Audio-CD, 54 Min, Label Dreyer Gaido 2021

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Lied-Kompositionen auch über „Bright Is The Ring Of Words“ für Bariton & Klavier

… sowie über Rikard Nordraak: Songs and Piano Music (CD)

Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

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Der Fluch der Aphrodite

Peter Biro (Text und Fotos)

„Ich kam, sah und siechte“

So hatte ich mir meine aktuelle Ferienreise auf Zypern nicht vorgestellt. Was ursprünglich als ein kleiner, zweiwöchiger Ausflug auf die mediterrane Sonneninsel geplant war (und als solcher auch anfing), endete mit einem Aufenthalt in einem heruntergekommenen Aussätzigenasyl. Ein denkbar steiler Abstieg für einen qualitätsbewussten, fröhlichen Weltenbummler. Aber beginnen wir von vorn.

Aphrodites wunderbare Reisepläne

Meine äußerst reisekundige Gemahlin kam mit der Idee, meine bevorstehenden zwei Ferienwochen im September auf Zypern zu verbringen. Das sei eine ideale Destination in dieser Jahreszeit: Sonniges Wetter, warmes Meer und eine mit Pinien und Zypressen gesprenkelte Landschaft ganz nach unserem Geschmack. Und als besonders verlockende Dreingabe für Wohlgeimpfte wie wir: Die Befreiung von Covid-Tests bei der Einreise.
Für uns mit unserer bewährten Langstreckenerfahrung bedeutete der Flug von weniger als vier Stunden einen vergleichsweise gemütlichen Hüpfer. Nach kurzer Debatte über die Details der Unterbringung einigten wir uns auf eine Woche in einer angemieteten Villa im Nordwesten, gefolgt von einem Hotelaufenthalt im Südosten. Bis zum Wechsel des Aufenthaltsortes würden wir uns außerdem ein Auto mieten, welches der örtlichen Gepflogenheit entsprechend, spiegelverkehrte Innereien aufweist (in der Medizin heißt dieser seltene, angeborene Umstand situs inversus). In Zypern herrscht nämlich Linksverkehr. Auch diese Herausforderung quittierte ich mit nur einem Achselzucken, was, wie sich später herausstellte, doch nicht so einfach war wie theoretisch angedacht. Aber auch damit ging es nachher gut, insbesondere nachdem ich mir fest vorgenommen hatte, mich nach jedem Rechtsabbiegen bewusst links zu halten; es war schon erstaunlich, wieviel Aufmerksamkeit und Willenskraft die konstante Einhaltung dieses guten Vorsatzes erforderte.

Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns
Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns

Guten Mutes und mit allen Requisiten eines Strandurlaubs ausgestattet traten wir die wohlgeplante Reise an. Zwar ist die Insel in etwa von Ost nach West durch eine Waffenstillstandslinie zwischen dem griechischen Süden und dem türkisch besetzten Norden geteilt. Aber der nordwestliche Zipfel mit der naturbelassenen Akamas-Halbinsel gehört noch zum griechischen Teil. Und dort, am wogenden Busen der Natur, fanden wir die „Latchi Luxury Villa“, in der wir unsere erste Urlaubswoche verbrachten. Der geräumige Bungalow mit Garten und Pool war eine angemessene Unterbringung für uns zwei verwöhnte Weltreisenden. Die kleine Hafenstadt bei Neo Chorio war pittoresk und bot ausgedehnte Strände und Verpflegungsmöglichkeiten mit reichlich Lokalkolorit. Der Akamas-Naturpark mit seinen Pinienwäldern ist von holprigen Naturpfaden durchzogen, auf denen man nur mit Quads oder Buggys verkehren kann – grundsätzlich nur in halsbrecherischem Tempo; eine Tätigkeit, der wir auch zwei ganze Ausflugstage widmeten.

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Natürlich war uns die mythologische Geschichte um Aphrodites Schaumgeburt an den Gestaden der Insel bekannt. Was wir nicht wussten, war, dass die prominente Dame, das Urbild aller Kosmetikerinnen, überall auf Zypern ihre Spuren hinterlassen hatte – sehr zum Wohlgefallen der lokalen Geschäftswelt. Nahezu fast alles, was sehens- oder bemerkenswert ist, trägt ihren werbewirksamen Namen. Das sind unzählige Tavernen, Pizzerias, Ausflugsboote und allerlei Seifen und Waschpulver. Und natürlich sind diverse Sehenswürdigkeiten und Naturphänomene mit ihrem Namen verbunden.

Auf der Akamas-Halbinsel besichtigten wir „Aphrodite‘s Bath“, eine Süßwasserquelle in einer nischenförmigen Vertiefung im wild überwucherten Berghang, allerdings mit Planschverbot für Normalsterbliche. Unweit davon gibt es das „Aphrodite Beach“, wo wir uns, der mythologischen Bedeutung des Ortes vollkommen bewusst, in die warmen Fluten stürzten, um ihnen anschließend in dramatischer Manier wieder zu entsteigen. Irgendwie gelangen diese Ausstiege meiner Frau weit überzeugender als mir.
Dann weiter im Süden ist noch „Aphrodite‘s Rock“, eine Felsformation im türkisblauen Meer, die postkartenartige Motive für Fotoaufnahmen von Damen bietet, die, ihrer berühmten Geschlechtsgenossin nacheifernd, sich vor der grandiosen Kulisse in laszive Posen werfen. Weitere Aphrodisiaka hatten wir nicht mehr ins Programm genommen, dafür war unsere Ferienzeit zu kurz.

Keine Frage, die zypriotische Gastronomie ist besonders wohlschmeckend und infolgedessen berühmt. Sie beruht zum großen Teil auf frisch gefangenen Meeresfrüchten, inseleigenem Gemüse und von uralten Bäuerinnen bei Sonnenaufgang gezupften Kräutern. Darüber hinaus wird fast alles mit Krümeln von Fetakäse bestreut. Das ebenfalls autochthone Olivenöl mitsamt eingelegten ganzen Früchten rundet das Ganze ab. Man bleibt nicht hungrig auf Zypern. Im Gegenteil. Ich musste mir allerdings im Verlauf des Zypernaufenthalts neue Hosen zulegen.

Aphrodites gastliche Herbergen

Felsformation namens “Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel
Felsformation namens „Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel

Obwohl es heißt, dass man am siebten Tage ruhen soll, sattelten wir stattdessen unseren Fiat und fuhren an das diametral entgegengesetzte, südöstliche Ende der Insel, das wesentlich touristischer erschlossen ist und entsprechend auch mehr Komfort bietet. Wir zogen in unser sehr schickes, brandneues Adults Only-Hotel im sicheren Bewusstsein dessen, dass nun die zweite, noch luxuriösere Hälfte unserer Urlaubsreise anbrechen würde.
Zunächst sah es danach auch aus. Das Zimmer mit Prachtbalkon und Panoramablick zum azurblauen Meer, ausgedehnte Poollandschaft sowie Service vom Besten versprachen einen tadellosen Aufenthalt. Direkt neben der angrenzenden Klippe gab es eine kleine, kieselsandige Bucht, in der man ins körperwarme Meer waten und zwischen Fischen und Schildkröten herumschwimmen konnte. Es war einfach zu perfekt, um so zu bleiben.

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Und ebendarum blieb es nicht so. Am dritten Tag verspürte ich eine gewisse Unpässlichkeit, später kam ein dumpfer Kopfschmerz dazu, das sich bei jedem Hustenstoß verstärkte. Letztere beruhten auf einen ständigen Hustenreiz, der die Trias der häufigsten Covid-Symptome dekorativ abschloss. Mit einem Wort, die gefürchtete Erkrankung war bei mir scheinbar ausgebrochen, und das trotz erfolgter, doppelter Impfung sieben Monate zuvor. Von unziemlichen Befürchtungen geplagt hielt ich mich etwa zwei Tage lang vornehmlich im Hintergrund, und hegte die Hoffnung, dass sich das alles geben würde. Es gab sich aber nicht, die Kopfschmerzen schrien förmlich nach Tabletten.
Dann entschloss ich mich zur Klärung des Sachverhalts. In der benachbarten Apotheke absolvierte ich einen sogenannten Rapid Test, der in fünf Minuten die Gewissheit brachte: Ich hatte einen sog. Impfdurchbruch und war an Covid erkrankt. Durch den Test tauchte mein Name automatisch in den Annalen der Gesundheitsbehörde auf, und da das Ergebnis eindeutig positiv war, begann mein drastischer Abstieg vom luxusverwöhnten Reisenden zum als allgemeingefährlich geltenden Aussätzigen, der vom Rest der Menschheit fernzuhalten ist.
Hätte ich den Test nicht durchgeführt, wäre mir die Ächtung wahrscheinlich erspart geblieben, aber ich wäre gleichzeitig eine wandernde Ansteckungsquelle für ahnungslose Mitmenschen geworden – eine Schuld und Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen wollte.

Aphrodites herzzerreißende Verzweiflung

Das positive Testergebnis löste eine ganze Reihe bürokratischer Aktivitäten aus: Ich wurde noch einmal getestet, anschließend musste ich eine detaillierte Liste meiner Begegnungen der letzten Tage erstellen und mich fürs Abholen in ein besonderes Isolationshotel bereitmachen. Meine Frau, die nachweislich Covid-negativ war und das auch glücklicherweise blieb, schwankte in ihrer Haltung mir gegenüber zwischen Tröstung und blutigen Lynchphantasien. Ich versuchte ihre Balance mehr in Richtung der ersteren zu lenken und nahm herzzerreißend Abschied von ihr, als ich von einem grimmig dreinblickenden Talibankämpfer abgeführt wurde. Sie hätte anderntags nach Hause fliegen können, entschloss sich aber zu bleiben und meine zehntägige Isolation abzuwarten.

Ich nahm also Abschied von allem, was mir lieb und teuer war: Lieb war die Frau, teuer war das vorzeitig verlassene Adults Only-Hotel. Allein schon die Fahrt in die „Eden Ressort“ genannte, behördlich geführte Abschottungs-Institution gab mir schon einen Vorgeschmack auf den nun unaufhaltsam einsetzenden sozialen Absturz: Der Kleintransporter, mit dem man mich wegkarrte, war ein unbequemer, schäbiger Gefängnisbus, mit dem man wahrscheinlich zum Tode Verurteilte zur Hinrichtung zu fahren pflegte. Vom Fahrer komplett abgetrennt saß ich allein in einer isolierten Passagierkabine und konnte durch die kleinen Fenster die entsetzten Gesichter von Passanten am Straßenrand beobachten, die mich mit betroffenem Gesichtsausdruck wahlweise voller Mitleid oder vor Entsetzen anguckten. Sie schienen das beige Gefährt zu kennen, mit dem man die Insel von gefährlichen Subjekten zu reinigen pflegte.

Einziger Lichtblick im "Eden Resort": Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich
Einziger Lichtblick im „Eden Resort“: Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich

Bei der Ankunft ins abgelegene Isolationshotel wurde ich von einer nach Astronautenart vermummten Gestalt in Empfang genommen und in mein Zimmer geleitet. Der Alien sprach kein Wort mit mir, machte nur unmissverständliche Gesten und ließ mich allein und etwas ratlos in meiner tristen Kemenate zurück. Welch ein Unterschied zur servilen Katzbuckelei des Bedienpersonals im Hotel! Unterwürfiges Verhalten mir gegenüber konnte ich noch nie ausstehen, jetzt aber begann ich mich geradezu danach zu sehnen. Das ganze Ambiente meiner neuen Bleibe verströmte den Charme einer sibirischen Jugendherberge zu Zeiten Nikita Chrustschows. Für das Notwendigste war gesorgt, aber auch nicht mehr: Bettwäsche, Handtuch, Seife und ein Wasserkocher. Die drohend aufgelegte Hausordnung klang nicht viel angenehmer als diejenige eines Instituts für schwererziehbare Kleinkriminelle. Das karge, ziemlich abgewetzte und lieblos eingerichtete Doppelzimmer durfte ich alleine bewohnen, was ein Privileg war, wie man mir anschließend versicherte. Andere Insassen mussten sich zu zweit ein Zimmer teilen.

Aphrodites trostlose Siechengruft

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Damit begann mein zehntägiger Aufenthalt in einer Institution, die allem Anschein nach auf einer Romanvorlage von Kafka beruhte: Lange, schummrig beleuchtete Korridore, keinerlei Schmuck an den Wänden, aber überall Kameras an der Decke. Gelegentlich huschten miesgelaunte Gestalten aus oder ins Zimmer. Die überwiegende Mehrzahl der Hotelgäste waren russische Reisende, die nach der Ankunft getestet und für positiv befunden wurden. Die wenigsten waren wie ich während des Aufenthalts erkrankt. Wer während der Isolation nicht an Covid sterben würde, dem drohte der Tod durch Langeweile und Vereinsamung. Man sollte sich möglichst nur im Zimmer aufhalten, konnte aber auch auf den Flur hinausgehen und mit anderen Insassen seine Erfahrungen und nebenbei auch seine Viren austauschen. Draußen vor dem Haus war ein kleiner, höchst dilettantisch abgesperrter Bereich zum Luftschnappen bereitgestellt. Dort traf ich die anderen Delinquenten, deren wichtigste Beschäftigung das Rückwärtszählen der Tage war – auf Russisch natürlich. Ein Glück, dass wir einen halbwegs funktionsfähigen WIFI hatten, so dass der wacklige Kontakt zur Außenwelt einigermaßen aufrechterhalten werden konnte.

Drei Mal am Tag klopfte es kurz an der Tür, und wenn man öffnete, baumelte an der Klinke bereits eine Tüte mit der nächsten Mahlzeit. Diese war mengenmäßig in Ordnung, aber über die Qualität und Schmackhaftigkeit gingen die Meinungen auseinander; zumindest für diejenigen, die noch schmecken und riechen konnten. Diese schwankten zwischen „scheußlich“ und „erträglich“. Immerhin, Zypern ließ seine in Ungnade gefallenen Besucher nicht verhungern. Allerdings ließ es sie deutlich spüren, dass sie als Virusträger höchst unwillkommen waren, und dass man sie nur aus humanistischen Gründen am Leben halten würde.

Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im “Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl
Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im „Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl

Die sich in der Isolation entfaltenden Probleme waren vielerlei Art: Ausgeliefertsein, Vereinsamung, Ameisenprozession entlang des Bettrands, ein Schlangenfraß von einer Verpflegung, und natürlich allem voran die zähfließend um sich greifende Langeweile. Diese Umstände wechselten sich in verschiedensten Kombinationen ab. Alleine die Vorstellung, dass dieses Elend zehn ewigwährende Tage und Nächte andauern würde, lieferte insbesondere am Anfang reichlich Rohstoff für eine zünftige Depression.
Aber man darf auch nicht die angenehmen Seiten der Abschottung vergessen: man konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Allerdings, spätestens nach zwei Stunden hatte ich sämtliche meine Gedanken aufgebraucht, und es kam nichts Neues mehr hinzu. Ich beschloss meine Erlebnisse aufzuschreiben, als investigativer Journalist direkt am Ort des Geschehens gewissermaßen. Ich würde sie dem Feuilleton der New York Times anbieten, oder noch besser, sie als Beitrag für den Pulitzer-Preis einreichen. Aber die kostbaren Eingebungen versiegten schnell, und es fielen mir nur diese larmoyanten Jammerzeilen ein.

Abends vor dem Einschlafen wünschte ich mir als Erstes, anderntags woanders aufzuwachen. Meinetwegen inmitten einer Autobahnkreuzung, oder in der Wüste Gobi, auf einer Müllhalde, in einem Schlachthaus, oder sogar inmitten eines dieser neuartigen Gyms von schwitzenden Männern umlagert – egal wo, nur nicht wieder hier. Doch es half nichts, ich erwachte jeden Morgen in den nassgeschwitzten Laken des „Eden Resorts“ wie an einem sich fortwährend wiederholenden Murmeltiertag. Natürlich ventilierte ich insgeheim so meine Ausbruchsphantasien. Am besten sollte ich analog zum Sklaven Jim einige Abschiedsworte mit Blut auf Klopapier hinterlassen, aber woher die streichfähige Blutwurst nehmen? Die Aufpasser danach zu fragen, hätte meine Absichten aufgedeckt.

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Nein, wie sich bald herausstellte, aus dem streng überwachten Komplex war kein Entkommen möglich. Die elende Behausung, welche passenderweise besser Aphrodites Siechengruft hätte heißen sollen, hielt seine positiv getesteten und negativ gestimmten Insassen mit den muskulösen Armen einer fürsorglichen Brachialschwester aus der geschlossenen Psychiatrie fest. Wohin hätte man auch ausreißen sollen? Wenn man zufälligerweise keinen Oligarchen zum Freund hatte, der einen in einer heimlichen Aktion aus einer abgelegenen Bucht abholen und auf seiner Jacht davonsegeln würde… Tja, dann könnte man dem Martyrium ein vorzeitiges Ende setzen. Mein bester Freund ist leider kein Oligarch, nicht mal stellvertretender Assistenzbuchhalter auf Stundenbasis, und eine Jacht hat er auch nicht. Nur ein abgewetztes Surfboard. Was blieb: weiterhin die Zeit rückwärts zählen.

Aphrodites bedauernswerte Jünger

Werfen wir nun einen Blick auf die Insassen, die im gleichen Schlamassel steckten wie ich. Auf den drei Etagen waren dem Vernehmen nach an die 130 Verurteilte einquartiert, aber den meisten von ihnen begegnete ich nicht. Meine benachbarten Flurkollegen waren mit wenigen Ausnahmen lauter Russen: Einzelpersonen oder Familien mit Kindern aller Altersgruppen. Alle versuchten den Kleinen den Zwangsaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und versorgten sie mit eingeschmuggelter Eiscreme oder unterhielten sie mit improvisierten Spielen wie Bowling mit einem Gummiball und leeren Wasserflaschen.
In dem kleinen Viereck draußen vor dem Haus liefen unendliche Diskussionsrunden zwischen den Insassen, die sich vermutlich stets um dasselbe drehten: unserem Schicksal als weggesperrte Aussätzige. Das allerdings ist aus sprachlichen Gründen nur eine Vermutung. Unter den Russen gab es eine Mehrzahl, die keine andere Sprache beherrschte, und eine Minderheit, die passabel Englisch konnte. Zu den Letzteren gehörte ein armenisches Pärchen aus Georgien. Sie wurden von den Ereignissen auf ihrer Hochzeitsreise eingeholt, die ihnen wohl in denkwürdiger Erinnerung bleiben dürfte. Die einzigen Nicht-Russen waren ein junges Paar mit Kleinkind aus Birmingham, er Lastwagenfahrer, sie Hebamme und selber hochgradig schwanger. Dann gabs noch einen Inder und zwei Syrer, die ununterbrochen an ihren Handys hingen.

Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt
Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt

Als Isolations-Anfänger musste ich den nach und nach erfolgenden Abgang meiner alteingesessenen Kameraden erleben, die langsam durch neue Einlieferungen ersetzt wurden. Mit einer gewissen Befriedigung nahm ich meine Entwicklung vom ansteckenden Grünschnabel zum Quarantäne-Veteranen zur Kenntnis und versorgte meinerseits die Neuankömmlinge mit wertvollen Tipps. Einer davon war der virtuelle Einkauf von komfortverbessernden Dingen im nahegelegenen Ramschladen. Das spielte sich so ab, dass der Ladenbesitzer, ein gewisser Demetrios, einem per WhatsApp über hundert Bilder von seinen Ladenregalen zuschickte. Darauf konnte man in mühsamer Sucharbeit die gewünschten Produkte lokalisieren, deren griechische Aufschriften einen jedoch oft zum Rätselraten veranlassten: Waren das nun geröstete Pistazien in Wasabikruste oder assortierte Pfeilspitzen aus Bronze für die Belagerung von Troja? Wahrscheinlich erstere.

Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen
Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen

Wenn man das Gewünschte endlich erkannt und lokalisiert hatte, dann sandte man das entsprechende Regalbild wieder zurück mit einem Hinweis wie „2 pcs of the strange looking yellow item on the upper row in third position from left, please. And a banana“. Außerdem schickte man dem geschäftstüchtigen Demetrios – nach Überwindung stärkster innerer Hemmnisse – seine Kreditkartendetails und wartete auf die Lieferung. Letztere traf meist am Nachmittag ein, und man wurde von der Rezeption angerufen, um das Bestellte bei der Pforte entgegen zu nehmen. Diese öffnete sich für einen Sekundenbruchteil und fiel nach der Entgegennahme der Sendung gnadenlos schnell wieder ins Schloss. Danach stand man erneut einsam und verlassen vor dem wieder hermetisch versperrten Himmelstor und zog mit seinen Antidepressiva schwermütig von dannen.

Einmal am Tag kam ein Vermummter vorbei und hielt einem eine Pistole an den Kopf. Okay, sein Thermometer sah nur wie eine Pistole aus. Aber auf dem Display erschienen unmittelbar die Zeichen der Zeit: „36,4°C“ oder „Sterblicher, dein Leben nähert sich seinem Ende“.
Meine Temperatur war glücklicherweise stets normal, aber um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, buchte ich für den Tag meiner vorgesehenen Entlassung schon mal vorsorglich den Rückflug. Das hielt ich für ein wirksames Mittel, die Zukunft vorwegzunehmen bzw. gezielt zu meinen Gunsten zu beeinflussen. Wenn der Trick klappt, könnte sich das als lebensverlängernde Maßnahme erweisen. Dann werde ich schon mal ein Ticket zum Silvesterball von 2076 buchen – zu meinem 120. gewissermaßen, den ich am liebsten mit Kaviar, Champagner und einem Dutzend Gogo-Tänzerinnen mit rosa Federboas verbringen möchte.

Aphrodites keimende Hoffnung

Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner
Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner

Inzwischen korrespondiere ich in Bild und Ton mit meiner von der Infektion verschonten Frau. Meine Idee vom Silvesterball im 2076 fand sie sehr gut, bis auf die Sache mit den rosa Federboas. Zwölf davon seien einfach zu viel für einen Hundertzwanzigjährigen. Sie hat sich aus Kummer über mein Schicksal eine kleine Luxussuite gemietet mit direktem Poolzugang und nicht weit vom Strand. Dort versucht sie das Strandleben stellvertretend für mich zu genießen.
Im Gegensatz zu mir muss sie sich selbst versorgen, während ich hier alle Annehmlichkeiten der Vollpension in Anspruch nehmen darf. Nichts wünscht sie sich so sehr wie ebenfalls Mahlzeiten in grünen Plastiktüten außen an den Türknopf gehängt zu bekommen. So ist nun mal das traurige Schicksal des alleingelassenen Luxusreisenden: man/frau kann nicht alles haben. Aber sie weiß auch, dass sie auf keinen Fall ins „Eden Resort“ rein darf. Sie muss stark sein und die Wartezeit auf meine Freilassung in der Einsamkeit ihrer Luxuswohnung mit Meerblick aushalten. Arme Marina!

Die 10 Tage begannen zunächst unmerklich, danach ganz sachte abzuperlen. Noch sieben Tage, noch sechs Tage, noch fünf Tage (gleich Halbzeit)! Noch vier Tage, noch drei Tage, noch zwei Tage (gleich Lagerkoller). Dabei habe ich einen neuen Rekord aufgestellt: 30 geradezu ungenießbare Mahlzeiten, die in grünen Tüten am Türknopf hingen, aufgegessen und verdaut.
Dann blieb nur noch ein Tag, d.h. weniger als 24 Stunden! Ich bekam ein Austrittszertifikat, welches mir bescheinigte, dass ich wieder ein Mensch wie jeder andere war und kein Staatsfeind mehr. Man fragte sogar, auf welche Uhrzeit ich das Taxi bestellen wolle, welches mich abholen sollte. Oh! Ein „Taxi, taxi, oder besser ταξί!“, welch ein wundervolles Wort aus der klassischen Antike, ursprünglich wohl der Kriegswagen von Menelaos – dachte ich zumindest. Stimmt leider nicht, es kommt vom lateinischen taxa für die Berechnung eines Fahrpreises. Mir egal, Hauptsache es bringt mich geschwind weg von hier.

Aphrodites spürbare Erleichterung

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Während Sie diese Zeilen lesen, die mit garantiert virusfreien Tränen der Rekonvaleszenz geschrieben wurden, bin ich bereits in der Schweiz bei der Arbeit und blicke mit Erstaunen und Dankbarkeit auf meine Reise nach Zypern zurück. So ein Abenteuer ist nicht jedermanns Sache. Auf die ängstlich vorgetragene Frage des französischen Schriftstellers Arthur Rimbaud an seinen Freund und Berufskollegen Arthur Schnitzler, was er denn tun sollte, antwortete dieser mit dem vielzitierten: „Du fragst mich, was Du tun sollst? Ich sage Dir, lebe wild und gefährlich!“ Ich halte es mit dem Österreicher. Der übervorsichtige Rimbaud ignorierte den freundlichen Rat seines Kollegen und starb jung im Bett. Mir kann das, jetzt mit dem baldigen Erreichen des 65. Lebensjahrs, wohl nicht mehr passieren…
Ich bitte um Nachsicht für den plötzlichen Abbruch dieses Diskurses an dieser Stelle. Soeben habe ich herausgefunden, dass es sehr verlockend wäre, eine Flusskreuzfahrt auf dem Oberen Nil zum Tanganjika-See zu unternehmen. Die Malaria schert mich wenig bis gar nicht, schließlich habe ich einen Mückenspray. Und Ebola – Schnebola… ist mir Wurst! ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN außerdem die Satire von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin

Edgar Rai: Ascona – Romanbiographie über E. M. Remarque

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Elend und Zuflucht im Schweizer Exil

von Christian Busch

In seinem neuen biographischen Roman „Ascona“ schildert Edgar Rai sechs Jahre aus dem Exilleben des deutschen Bestsellerautors E. M. Remarque – und seinen Kampf mit den äußeren und inneren Dämonen seiner Zeit.

Edgar Rai: Ascona (Roman-Biographie über E.M. Remarque) - Piper VerlagEs ist der Abend des 18. März 1939. Die Queen Mary steht am Hafen von Cherbourg – bereit zur Überfahrt nach New York. Als sie ablegt, sind 6’000 Passagiere an Bord des Luxuskreuzers, der für 2000 Menschen ausgelegt ist – alle auf der Flucht vor der drohenden, braunen Schlammlawine, die sich anschickt, Europa und die ganze Welt zu überrollen.
Vor ihnen liegt eine ungewisse, ferne Zukunft in Amerika. Als einer der letzten Schiffsgäste erreicht ein Mann das Schiff, der in einem stotternden Lancia über 1000 Kilometer aus dem Schweizer Exil Ascona zurückgelegt hat: Erich Maria Remarque, ein überzeugter Pazifist, der Autor des Welterfolgs und Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“, die Stimme der „verlorenen Generation“, die „vom Krieg zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam“. Sechs Jahre zuvor hatte er nach Hitlers Machtergreifung Berlin und seine jüdische Exfrau bei Nacht und Nebel zurücklassen müssen.

Ascona – Zufluchtsstätte für Künstler im Exil

Erich Maria Remarque - Roman-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Weltberühmter Autor des Antikriegs-Romanes Im Westen nichts Neues: Erich Maria Remarque (1898-1970)

Edgar Rai, der – vom Film kommend, nach Abstechern in verschiedenen literarischen Gattungen – zuletzt sehr erfolgreich im Genre des biographischen Romans heimisch geworden ist, hat sich (nach seiner jüngsten Darstellung der deutschen Befindlichkeit in den 20er Jahren und der Filmwelt um Marlene Dietrich) nun auf die Spuren von Erich Maria Remarque begeben.
In seinem Roman „Ascona“ erweckt er die sechs Jahre, die der angefochtene Exilschriftsteller in seiner Villa am Laggio Maggiore verbracht hat, zum Leben. Er erzählt in vierzig locker verknüpften Kapiteln zunächst von der illustren, aber auch leicht skurrilen Exilgemeinde, zu der emigrierte Künstler (Emil Ludwig, Else Lasker-Schüler, Ernst Toller, la Nonna), aber auch um die Kunst buhlende Industrielle gehören (Max Emden, Eduard von der Heydt). Man trifft sich im Café Verbano, wo man sich von der attraktiven Fede verzaubern lässt – Schmelztiegel einer brüchigen Welt mit ungewisser Zukunft. Auch Remarque gehört zu diesen heimatlosen, entwurzelten Künstlerseelen. Alle kämpfen um ihre Existenz, aber auch um ihren Stolz.

Erlösung durch die Liebe

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Doch dann widmet sich der Erzähler mehr und mehr dem unsteten, ausschweifenden Liebesleben Remarques, jedoch nicht aus Neu- oder Sensationsgier, sondern weil der Liebe nicht nur in dessen Romanen, sondern auch in dessen Leben Erlösungsfunktion zukommt. Immer wieder muss Remarque bei den Begegnungen mit Emil Ludwig von dessen Produktivität hören, während er – von Selbstzweifeln durchdrungen – jahrelang um die Umgestaltung seines Romans „Pat“ (später „Three Comrades“ / Drei Kameraden) ringt.
Remarque bleibt – im Werk wie im Leben – ein von seinen Kriegserlebnissen traumatisierter, beziehungsunfähiger Einzelgänger, der sich nicht öffnen kann.
Auf rauschende Feste und sexuelle Eskapaden folgen Phasen der Ernüchterung und Impotenz. Schließlich begegnet er in Venedig Marlene Dietrich, die er in ihrer selbstzerstörerischen Affäre „das Puma“ nennt und ihr und ihrem Clan doch in aller Ausweglosigkeit zunächst nach Paris, dann sogar nach Amerika folgt. „Wenn ich danach Ihre Lesbienne sein darf“, sagt er zu ihr.

Sorgfältig recherchierte Episoden

Edgar Rai - Schriftsteller - Glarean Magazin
Romancier Edgar Rai (hier bei einer nächtlichen Lesung in Aachen)

Zweifellos ist Edgar Rai hier in seinem Element, er hat ausführlich recherchiert und es gelingt ihm, in seiner filmszenisch und episodenhaft orientierten Darstellung dieser Zeit und vor allem dem nicht leicht zugänglichen Literaten Leben einzuhauchen, ohne zu überzeichnen oder allzu sehr zu psychologisieren. Rai hat ein sicheres Gespür für die Auslegung und Grenzen seiner Quellen. Er heftet sich seiner Figur aufmerksam, dicht und doch diskret an die Fersen, ohne ihr zu nahe zu treten. Lediglich die angedeutete Parallele zwischen Jutta und Remarques Protagonistin Pat kann nicht überzeugen und ist misslungen – zu unterschiedlich sind die beiden Charaktere.
Auch stockt im Mittelteil die Handlung etwas. Manche Kapitel wirken seifenopernartig, durch vage Paukenschläge miteinander verknüpft. Fulminant dagegen der letzte Teil mit einer intensiven Darstellung der „Liaison dangereuse“ zwischen der voller Allüren und Egozentrik steckenden gefeierten Film-Diva und dem von Selbstzweifel gebeutelten und dem Alkohol allzu sehr verbundenen Schriftsteller. Der Leser spürt: Hier ist nichts ausgebreitet, nichts erfunden, sondern alles wahr.

Kurzweilige Roman-Biographie

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Damit gelingt dem in Berlin lebenden Autor Rai sogar das, was auch Remarques Antriebsfeder war: Ein Sittengemälde seiner Zeit und das Porträt eines tragischen Helden. Auch wenn Wilhelm von Sternburgs großartige Remarque-Biographie umfassend, sehr erhellend und verdienstvoll geraten ist, bietet Rais Romanbiographie eine verdichtete, lebendigere und kurzweiligere Alternative. Auch sein Roman ist ein erschütterndes Dokument deutscher Vor- und Nachkriegsgeschichte – und eines Romanhelden, der den ersten Weltkrieg erlebte und den zweiten dennoch nicht verhindern konnte. Dessen Leiden an dieser Zeit erscheint uns lebendiger denn je. ♦

Edgar Rai: Ascona (Roman-Biographie über E.M. Remarque), Piper Verlag, ISBN 978-3492-070683

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R.

Außerdem zum Thema Roman-Biographie: Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth

Weitere Internet-Beiträge über E.M. Remarque:

Hannes Bahrmann: Rattennest – Argentinien und die Nazis

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

NS-Ungeziefer in Südamerika

von Isabelle Klein

Mit „Rattennest“ ist dem Historiker und Journalisten Hannes Bahrmann ein großer Wurf gelungen. Er bringt erstmals populärwissenschaftlich zusammen, was im Alltagsbewusstsein bereits fest verankert ist: Argentinien hat ein besonderes Verhältnis zur NS-Diktatur und ihren Größen. Wie und warum genau das so ist, zeigt er uns eingängig und ausführlich. Nicht immer fesselnd, aber akribisch recherchiert.

Mengele, Eichmann, Priebke – Fakt ist, dass mit dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges viele bedeutende Ratten über Rattenlinien das gelobte Land Richtung Südamerika verließen. Dass dies aus gutem Grund geschah und genau dieses unüberschaubare Land in den südamerikanischen Weiten gewählt wurde, ergibt sich aus der Geschichte des Einwanderungslandes Argentinien. Bahrmanns große Leistung liegt darin, all diese Entwicklungslinien, die zugrunde liegenden Strömungen und den damals vorherrschenden Zeitgeist in eins zu bündeln und fest zu verschnüren.

Argentinisches Netzwerk von Nazi-Verbrechern

Hannes Bahrmann - Autor - Glarean Magazin
Akribische Recherche zu den argentinischen Nazi-Ratten: Autor Hannes Bahrmann

So erklärt er scheinbar ganz nebenbei, aber um so nachdrücklicher den Geist der argentinischen Einwanderung. Dieser Geist, der von Anfang an (nach Erlangen der Unabhängigkeit) an Rassismus und weißer Einwanderung (in Verbindung mit der Ausrottung Indigener und Afroamerikaner) gekoppelt ist, verleiht Argentinien einen ganz „besonderen“ Platz unter den Ländern Südamerikas.
Dies führte unter wechselnden Regierungen, gepaart mit einem besonderen Verhältnis zum Deutschen Militär, der damaligen Reichswehr sowie einer ausgeklügelten Organisation der NS-Regimes in Ortsverbänden, in den Zwanzigern dazu, dass generell und damals im Besonderen Deutsche und Deutschtum in Argentinien im Alltag nicht wegzudenken bzw. eben ganz normal omnipräsent waren. So entsteht auch im Weiteren das Bild eines weitverzweigten Spinnennetzes, in dessen Mitte schließlich Perón – über dem Atlantik – mit seinen braven Deutsch-Argentiniern thront.

Überdosis an Faktenwissen

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Bahrmanns Buch verliert, trotz akribischer Recherche, zwei Dinge aus den Augen. Erstens überschwemmt er den interessierten Laien mit geschichtlichem Faktenwissen  – heute würde man sagen, der Leser wird zugespammt. Darüber hinaus übermüdet Bahrmann mit viel zu vielen Namen. Und so verschenkt er das, was das Buch über die gelungene (mitunter eben ausufernde) Zusammenschau der Geschichte hinaus zu etwas sehr Anschaulichem und Eingängigem hätte machen können: Den stärkeren Einbezug von Einzel-Schicksalen, die den Geist der Alltagskultur erwecken und die Lektüre – so wie im ebenfalls kürzlich erschienenen „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ von Uwe Wittstock – damit zu etwas ganz besonders Eindringlichem gemacht hätte.
Denn zwar wird z.B. der Einzelperson Eichmann ein ganzes Kapitel gewidmet, und einige andere wie Tank werden ebenfalls ausschnittsweise eingebunden. Ansonsten geht es aber viel zu sehr um Perón, dessen Entscheidungen, dessen Politik, und um seine Evita.

Fehlende Schilderung der NS-Einzelschicksale

Leider versäumt also Bahrmann das oben bereits Eingeforderte, obwohl er gekonnt mit einer Begebenheit aus dem Leben einer argentinischen Schauspielerin aus dem Jahre 1965 in das Buch einsteigt und so das „Statische“ zum Leben erweckt. Gut gelungen auch die Episode um das deutsch-argentinische Ehepaar Eichhorn, das in Argentinien ein Hotel betreibt und in Deutschland gar den Führer trifft.

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Damit stellt sich sowohl im ersten als auch im letzen Drittel beim Leser leichte Ernüchterung ein, wenn man im überfrachteten Geschichtswissen um Graf Spee feststeckt und sich spätestens nach dem Kapitel „Rattenlinien“ ein Mehr an Ratten wünschte – sprich die Fokus-Verschiebung weg von Argentinien hin zu den NS-Ratten, ihren Gepflogenheiten, ihrem Alltag und ihren weiteren Befindlichkeiten – kurz zu dem, was ein solches Buch eben lebendiger machte. Also: Nicht nur Namen wie Priebke, Barbie, Roschmann, Braun, Kammler, Thalau, Müller, Alvensleben, von Oven, usw. in den Ring werfen, sondern einigen genauer nachspüren. Man möchte mehr über Fritz Mandl/Hedy Lamarr, über die Eichmanns und deren Alltagsbegegnungen erfahren, das wäre meines Erachtens aufschlussreicher als der durchgängige Argentinien-Fokus.
Doch immerhin versöhnt dann wieder der Epilog, wo virtuos eine Verbindung zum heutigen Argentinien und dessen aus dem Perónismus resultierenden Problemen gezogen wird. ♦

Hannes Bahrmann: Rattennest – Argentinien und seine Nazis, 270 Seiten, Ch.-Links Verlag, ISBN 978- 3-96289-128-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literatur und Nationalsozialismus auch über Jürg Amman: Der Kommandant

Außerdem zum Thema NS-Verbrechen über H.J. Neumann & H. Eberle: War Hitler krank?

Gedichte- und Prosa-Wettbewerb der Literatur-Zeitschrift ZUGETEXTET

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Altruismus und Egozentrismus

Zugetextet - Literaturzeitschrift - LogoDie jährlich zweimal erscheinende Literaturzeitschrift ZUGETEXTET, ein „Feuilleton für Poesie-Sprache-Streit-Kultur, schreibt für 2022 erneut einen internationalen Literatur-Wettbewerb aus. Diesmal stehen die beiden psychosozialen Begriffe „Altruismus“ und „Egozentrismus“ als Themen im Zentrum.

Altruismus: Gesucht werden zu dieser Thematik „Geschichten und Gedichte, die diese Fragen nicht nur aufgreifen, sondern weiterdenken oder ihnen etwas vorwegnehmen. Wie fängt eine altruistische Selbstaufgabe an, wo endet sie? Je kreativer das Thema betrachtet wird, je weniger Protagonisten im Selbstmitleid zerfließen, desto interessanter kann das Spektrum werden.“

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Egozentrismus: „Erfasst werden damit die heutigen jungen Erwachsenen, die sich unterhalb und rund um die Dreißig tummeln. Aber ist es wirklich nur diese Generation, die egotaktisch agiert? Oder nehmen egotaktische Manöver nicht schon immer einen Platz im Leben von uns Menschen ein?“

Zu beiden Themata können je Lyrik- und Kurzprosa-Texte eingesandt werden. Einsende-Schluss ist am 31. Mai 2022, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch andere Ausschreibungen zu Literaturwettbewerben

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Weitere Internet-Beiträge zum Thema:

Gedicht des Tages von Eifuku MonIn: Herbststurm (Tanka)

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Herbststurm

Wie der Herbststurm braust

und die Föhren vor dem Tor

zaust und niederbiegt!

Aber hoch am Himmel steht

unbewegt der helle Mond.

Eifuku Mon-In

Gedicht des Tages von Eifuku MonIn: Herbststurm (Tanka)

 

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Voller Zauber und Kraft

von Jakob Krajewsky

Georg Langenhorst (*1962) ist Professor für katholische Religionspädagogik an der Universität Augsburg und veröffentlicht u.a. wissenschaftliche Monographien. In seinem Band „Altes Testament und moderne Literatur“ gibt er einen systematischen Überblick auf den intertextuellen und polyphonen Dialog zwischen Bibelnarrativen und moderner deutscher Literatur.

Prolog: Die morgenländische Gedankenwelt

Der Titel mutet ein bisschen wie aus dem letzten Jahrhundert an. Christliche Theologen bleiben gleichwohl darin verhaftet, von der Hebräischen Bibel nur als von dem A.T. zu sprechen. Von den Evangelien und Briefen etc. wird dann als vom N.T. gesprochen. Also: A.T. gleich Alter Hut und N.T. gleich neuer Hut? Das ist ein immer noch gängiges Konstrukt, doch ist es auch noch zeitgemäß?

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur - Motive, Stoffe, Figuren, FormenNatürlich stammen die drei abrahamitischen Religionen samt heiligen Texten ursächlich aus dem Morgenlande und haben sich schrittweise geistesgeschichtlich über das Abendland ergossen. Dies geschieht zunächst durch das frühe Christentum und das diasporische Judentum in ihrer jeweiligen Verbreitung über das Römische Reich. Ebenfalls vollzieht sich das durch den Islam über das spanisch-maurische Al-Andalus mit der Alhambra, schließlich im 20. Jahrhundert durch diverse Migrationsprozesse in (West-)Europa. Diese morgenländischen Gedankenwelten manifestieren sich selbstredend auch in der Kunst, Kultur und Literatur Europas bis hin zur (Post-)Moderne.
Auf letztere hebt der Augsburger Theologieprofessor Georg Langenhorst in seiner Darlegung ab. Er untersucht systematisch die literarische Moderne und analysiert Schreibende, die wortgewaltig Sujets und Themenkreise der implantierten hebräischen Gedankenwelt in deutschen Texten präsentieren.

Hinführung: Die Wirkung auf die Lebenswirklichkeit

In Langenhorsts Eingangskapitel „Hinführung“ beklagt er das abnehmende Bibelwissen und betont zugleich die Schrift(en) als Inspirationsquellen zeitgenössischer Literatur. So analysiert er „je ein Gedicht aus dem geistigen Hallraum von Katholizismus, Protestantismus, Islam, Judentum und Religionsfernen. Wie wird die Bibel in der Lyrik unserer Zeit aufgegriffen und dichterisch fruchtbar gemacht?“
Der Autor stellt fest, dass biblische Geschichten Leerstellen und Fragezeichen enthalten. Sie rufen auf zu „Aktualisierungen sowie Aus- und Umdeutungen“. Genau dieses hätten die Exponenten des Literaturbetriebes getan. Ansatzweise erwähnt er, dass rabbinische Literatur in ihrer Deutungsdialektik mit dem Midrasch dieses ebenfalls bewerkstelligt.

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Unerwähnt bleibt, dass Forscher wie Daniel Boyarin und David Flusser sich mit den intertextuellen Verbindungen von „heiligen“ Texten beschäftigten. Jedoch gilt das Interesse hier dem Kanon der allgemeinen deutschen Literatur. Der Fokus liegt in „Grundlegungen“ (2. Kapitel) auf der Interpretation von biblischen Texten und ihrer Wirkung auf die Lebenswirklichkeit der Schreibenden. So (ver-)dichteten z.B. SAID, Christian Lehnert und Ludwig Steinherr die Psalmen teilweise neu aus ihrer eigenen Perspektive.
Langenhorst zeigt fachgerecht auch die Intertextualität und Polyphonie des biblischen Textmaterials und den Dekonstruktivismus der schreibenden Rezipienten. Erwähnt wird der fast unbekannte Lyriker Matthias Hermann, der stellvertretend für (s)eine dritte Generation nach der Shoa eine „neue Jüdischkeit“ mit einer „neuen Präsenz von Judentum“ postulieren würde.
Das lässt nun an aktuelle „innerjüdische Konflikte“ denken, etwa die Kontroverse zwischen Maxim Biller und Max Czollek: Wer darf als jüdische intellektuelle Stimme öffentlich auftreten? Bestimmt das der Oberrabbi mit der Halacha oder doch eher das schriftstellende Selbst mit der (vagen) jüdischen Abkunft? Hermann wird geschildert als jemand, der sich auf eine „ererbte Erinnerung“ beruft.

Durs Grünbein - Glarean Magazin
„Wirkmächtigster deutschsprachiger Lyriker“: Durs Grünbein

Abschließend wird Durs Grünbein als „der wirkmächtigste deutschsprachige Lyriker seiner Generation“ benannt. Der säkulare Ostdeutsche beschreibt die Unbehaustheit des Individuums in der modernen Großstadt. Doch wendet er sich in seinem Gedicht „Paulus wechselt die Schiffe“ auch biblischen Motiven zu. Der Apostel wird zum Vorbild auf seiner letzten großen metaphorischen Schiffsreise vom Leben in den Tod, die uns irgendwie letztlich alle ereilen wird.

Wörter und Sätze voller Zauber und Kraft

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Dem Forscher Langenhorst geht es nicht allein um Inhalte, sondern auch um die Form, also die Sprache dieser biblisch inspirierten deutschen Literatur. Er untersucht im Folgekapitel „die kulturprägende Bedeutung der Literatur der Bibel“ an zeitgenössischen Schreibenden, u.a. an Texten von Ingo Schulze, Ulla Hahn, Arnold Stadler, Anna Katharina Hahn und Patrick Roth. Es echoten die „Juwelen des Prediger Kohelet und im Hiob-Buch, die Weihnachtserzählung, der Johannes-Prolog, die Bergpredigt, die Passionsgeschichte des Markus… als literarische Kernstücke und Teil jeder Literaturgeschichte der westlichen Zivilisation.“ Es sei schlicht unsere Bildungsgrundlage, unabhängig davon, ob der Offenbarungsanspruch der monotheistischen Religionen als gültig angesehen wird.
So gibt es monumentale Nacherzählungen biblischer Narrative durch den Vorarlberger Michael Köhlmeier auf 550 Seiten, auch der Israeli Meir Shalev und der polnische Autor Leszek Kolakowski finden Erwähnung. Zudem gäbe es eine „ganze Reihe historischer Romane mit biblischer Motivik.“ Nach einem Forschungsüberblick rekurriert Langenhorst (in III.) auf „Motive, Stoffe, Figuren, Formen“, u.a. 1. Noah und die Sintflut, 2. Babylon, 3. Sodom und Gomorra, 4. Israels Könige, 5. Esther, 6. Jeremia, 7. Hiob in literarischer Gestalt, 8. Kohelet (Prediger) im Spiegel moderner Literatur, 9. Sprechversuche „nach tonloser Zeit“ – also Nachdichtungen der Psalmen durch Literaten.

Ausblick: Die Hoffnung auf Inspiration

Georg Langenhorst - Glarean Magazin
Begeistert von der Bibel wie von der Moderne: Georg Langenhorst

Das alles wird spannend und wohlwollend in klarer Sprache erörtert. Dabei rekurriert Georg Langenhorst auf Sammelwerke wie Sol Liptzins „Biblical Themes in World Literature“, die „Paradeigmeta“ des Amerikanisten Franz Link und Schmidingers Werk sowie auf dessen Schülerin Magda Motté. Dann purzeln uns die wohlbekannten Namen Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer, Hilde Domin im gleichen Atemzug mit Günter Grass, Heinrich Böll, Stefan Heym, Anna Seghers, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Grete Weil und Christine Lavant über die Seiten. Weiterhin wird mit Thomas Mann, Joseph Roth und Elie Wiesel, Barlach, Heine, Hesse, Brecht und Kafka Tacheles geredet sowie mit Zweig, Döblin, Dürrenmatt und Christa Wolf und Nelly Sachs u.v.a.
Der Autor selbst stellt bei den Schreibenden ungewohnte Sichtweisen heraus und bürstet die Texte gegen den Strich. Vielen erscheint die Bibel als Reservoir voller Sex&Crime Stories. Im Ausblick (4. Kapitel) wird die Hoffnung formuliert, dass das A.T., also die Hebräische Bibel, im 21. Jahrhundert „als Sprachschatz weiter Erzählungen anregt, Poesie ausformt, Dramaturgie inspiriert.“

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Wiewohl mit wissenschaftlichem Anspruch geschrieben, kommt das Buch nicht staubtrocken daher. Die Lesenden erkennen Langenhorsts Begeisterung an Texten der Bibel und der (post-)modernen Spiegelung durch die zeitgenössische Literatur. Schön zu lesen ist der gewählte Großdruck, und hilfreich ist die umfangreiche Bibliographie. Zur Illustration hätten Miniaturen oder Grafiken von biblischen Motiven gutgetan. Theologen hängen oft dem Bilderverbot an. Vielleicht ändert sich das demnächst, wer weiß. Ach weh, wir wissen heute, der Messias ist eine „jüdische Erfindung“ – Jesus, Sohn Davids, war gar kein Christ, sondern blieb sogar halachisch gesehen ein Jude… ♦

Georg Langenhorst: Altes Testament und moderne Literatur – Motive, Stoffe, Figuren, Formen, 268 Seiten, Katholische Verlagsanstalt Stuttgart, ISBN 978-3-460-08634-0


Jakob Krajewsky - Glarean MagazinJakob Krajewski (Pseudonym)

Geb. 1963 in Hamburg, Gelernter Kaufmann, Studium der Anglistik, Amerikanistik und Judaistik in Heidelberg, Berlin und Boston/USA, Autor und Referent, tätig für diverse Institute und Stiftungen in Berlin und Hamburg

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion & Literatur auch über den Roman von Amélie Nothomb: Die Passion

… sowie den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

F. Chiquet & M. Affolter: Die Pazifistin (Dokumentarfilm)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Die vergessene Heldin:
Gertrude Woker

von Katka Räber

Was sagt es über die Schweizer Gesellschaft aus, wenn eine der ersten Hochschul-Professorinnen Europas und – seit Beginn des 20. Jahrhunderts – eine unerschrockene Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen und für den Frieden vollkommen von der Geschichtsschreibung und auch von der eigenen Familie vergessen worden ist? Die Rede ist von der Bernerin Gertrud Woker (1878-1968), der ersten Chemie-Professorin im deutschsprachigen Europa, der kämpferischen Pazifistin aus Überzeugung und unerschrockenen Feministin aus Leidenschaft.

Die Solothurner Filmtage 2021, an denen „Die Pazifistin“ uraufgeführt wurde, erwähnen richtig, dass Gertrud Woker zu „Unrecht aus dem historischen Gedächtnis gestrichen wurde: Sie setzte sich als eine der ersten Professorinnen Europas beharrlich für Frauenrechte und Frieden ein. Geschlechterdiskriminierung und Kriegstreibereien zum Trotz forderte sie Konventionen ihrer Epoche heraus und wurde zu einer Inspiration selbstbestimmter Frauen, dazumal wie heute.“

Die Pazifistin - Gertrud Woker - Eine vergessene Heldin - Film-Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN„Die Pazifistin“ der beiden Filmemacher Fabian Chiquet und Matthias Affolter ist ein politisch und menschlich hochbrisanter Dokumentarfilm, der eine wichtige historische Persönlichkeit, eine unangepasste, intelligente Frau aus der vollkommenen Vergessenheit filmisch aus der Versenkung der Geschichte holt. In Form einer spannenden Collage aus Animationsstücken, Interviews einer Historikerin, mehrerer Verwandter und aufgrund historischern Filmdokumente wird die ganze Epoche um die Jahrhundertwende vor während und nach dem Ersten Weltkrieg aufgerollt.

Porträt einer ganzen Epoche

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Anhand auch von schriftlichen Dokumenten, von Tagebüchern und von Gedichten aus der Feder der Chemikerin wird die damalige Gesellschaft porträtiert. Der Film ist spannend wie ein guter Krimi und genauso traurig und schockierend darin, wie unbequeme und andersdenkende Persönlichkeiten systematisch diffamiert und zum Schweigen gebracht werden können, sogar von der eigenen Familie. Wir erfahren im Film vieles über die damalige erste Frauenbewegung, die sich fürs Frauenstimmrecht und für Frauenanliegen bei der Schul- und Berufsbildung der Frauen einsetzte, insbesondere an den Universitäten. So wurde bereits damals „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gefordert – was eigentlich schockiert, denn diese Forderung ist auch heute immer noch eine nicht eingelöste…

Wissenschaftliche Pionierin

Ihr politischer Kampf verbaute Gertrud Woker zunächst die vielversprechende Universitätskarriere, denn die Männer auf den hohen Posten setzten sich gegen die fortschrittliche Frau durch. Erstere machten sich lustig über sie, auch als Woker als Wissenschaftlerin bereits 1911 das Zusammenlegen von Chemie und Biologie vorschlug. (Heute ist Biochemie ein wichtiges Fach). Es brauchte Jahrzehnte, bis sich Wokers Forderungen durchsetzen ließen; sie wurden schlussendlich dann von Männern vorgeschlagen und eingeführt….

Fabian Chiquet - Regisseur - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Regisseur Fabian Chiquet

Gertrud Woker setzte sich mutig und originell gegen den Krieg und den Einsatz von Nervengas ein. 1915, nach die Erfahrung des Ersten Weltkrieges, engagierte sie sich als Pazifistin am Internationalen Frauen-Friedenskongress in Den Haag, zu dem mehr als 1000 Frauen aus 12 Ländern anreisten. Woker wurde zur Mitbegründerin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, der auch die spätere Friedens-Nobelpreisträgerin Jane Addams (1931) und die Nationalökonomin Emily Greene Balch (1946) angehörten, beide amerikanische Soziologinnen und Feministinnen. Auch sie gerieten aus patriarchal-gesellschaftlichen Gründen praktisch in Vergessenheit.

Kritisch gegen das Militär

In den 1920er Jahren mietete die internat. Frauenliga einen Zug, in dem auch Gertrud Woker mitfuhr und zusammen mit anderen engagierten Frauen die US-Staaten bereiste, um für den Frieden zu werben. In der Schweiz wurde dieses Engagement der Gertrud Woker vom Nachrichtendienst beobachtet, und sie erhielt während des Zweiten Weltkrieges und sogar als 80-Jährige während des Kalten Krieges fichierte Einträge, weil sie sich kritisch über das Militär und die Aufrüstung äusserte.

Wollt ihr solche Frauen - Patriarchalisches Anti-Emanzipations-Plakat in den 1920er Jahren - Glarean Magazin
„Wollt ihr solche Frauen?“ Patriarchalisches Anti-Emanzipations-Plakat in den 1920er Jahren

Auch in ihrer eigenen Familie sprach man lieber nicht über die sich auflehnende Tante. Erst die Neffen, ihrerseits schon im Pensionsalter, begannen sich für das Leben ihrer totgeschwiegenen Verwandten zu interessieren. Nach dem Tode der hoch engagierten, aber verfemten Tante, Friedensaktivistin und Feministin der ersten Stunde verscharte man sogar ihre Urne heimlich, ohne Begräbnis, im Garten der Familie, wo man ihr erst später reumütig eine Gedenktafel  widmete…

Mitreißend und aufklärend

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Der Film reisst mit, er klärt politisch und gesellschaftlich auf, engagiert sich menschlich und ist auch cineastisch sehr spannend konzipiert. Er beantwortet viele Fragen wie beispielsweise: Wie konnte es so weit kommen, dass eine so hochintelligente und gebildete, moralisch engagierte und sozial kämpferische Wissenschaftlerin sogar in die Psychiatrie weggesperrt wurde? Welche patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen waren die Voraussetzung für eine derartige Diskreditierung unbequemer Frauen? Mit welchen politischen Mitteln beherrschte eine zurückgebliebene Männergesellschaft alle emanzipatorischen Bestrebungen überlegener Frauen?

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Ein wichtiger Streifen, der aufklärt und erhellt. Zugleich erhalten historisch Interessierte einen interessanten Einblick in die sozialen Mechanismen der Zeit vor 100 Jahren. Empfehlenswert. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Emanzipierte Frauen auch über Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé (Biographie)

Weitere Internet-Links zum Thema:

Kenny Garrett: Sounds from the Ancestors (Jazz)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Musik nicht nur von den Vorfahren

von Horst-Dieter Radke

Als ich die neue CD „Sounds from the Ancestors“ des Alt-Saxophonisten Kenny Garrett bekam, war ich gespannt. Der 1960 geborene amerikanische Musiker hat mit vielen anderen, die im Jazz Rang und Namen haben, gespielt. Ausgehend vom Duke Ellington Orchestra, in dem er Mitglied war, und den Combos von Freddie Hubbard, Miles David und Chick Corea hat er eigene Ensembles zusammengestellt und andere bereichert. Die Liste der Tonträger, auf denen er mitspielt ist lang. Persönlich berührt mich seine Art von Musik sehr, weil sie bis in meine frühesten Erfahrungen mit dem Jazz zurückführt. Aber nicht nur…

Jeder Musiker zählt

Kenny Garrett: Sounds From The Ancestors - Audio-CDAls ich mein eigenes Transistorradio bekam im Alter von 12 oder 13 Jahren, eröffnete sich mir eine Musikwelt, die ich vorher nicht gekannt hatte. Meine Eltern hörten hauptsächlich Musik der dreißiger und vierziger Jahre, meine Schulkameraden und Freunde das, was damals in den Hitparaden angesagt war. Mit dem Transistorradio entdeckte ich beim Suchlauf durch die Sender nicht nur die klassische Musik, sondern – vor allem abends oder nachts (heimlich) den Jazz und den Blues.
Daran begeisterte mich besonders, dass plötzlich die ausführenden Musiker hervorgehoben wurden – und zwar nicht nur der eine im Vordergrund stehende Sänger oder Solist, sondern ausnahmslos alle. „Sie hören bei der folgenden Nummer Oscar Peterson am Piano, Herb Ellis an der Gitarre, Ray Brown am Bass, J.C. Heard am Schlagzeug und Lester Young mit dem Tenorsaxophon.“ Das waren Ansagen – und schnell kannte ich eine große Anzahl von Jazz-Musikern und entwickelte langsam Vorlieben.

Im Zentrum: Das Saxophon

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Unter den Instrumenten war es nicht die Gitarre, die ich selber spielte, oder die Trompete, die mit Solisten wie Louis Armstrong, Chet Baker oder Miles Davis ziemlich populär war, sondern das Saxophon, das ich besonders schätzte. Der satte Ton des Tenor-Saxophons, das eindringliche Singen des Alt-Saxophons oder gar das in den tiefen Registern röhrende Bariton-Saxophon, das mir durch und durch ging, waren meine Favoriten.
Und vermutlich waren es genau diese Effekte, die das Instrument für den Jazz prädestinierten. Lester Young und Cannonball Adderley lagen mindestens so häufig auf meinem Plattenspieler wie die Beatles oder Bob Dylan. Mit meinem breiter werdenden Musikgeschmack der folgenden Jahrzehnte trat der Jazz dann ein wenig in den Hintergrund, wurde aber nie vergessen und sämtliche neuen Strömungen gern zur Kenntnis genommen, wenn auch nicht immer geliebt.

Von allem etwas und doch eigenständig

Kenny Garrett - Saxophon - Glarean Magazin
Vertrackte Rhythmen mit unglaublicher Leichtigkeit: Saxophonist Kenny Garrett

Als nun die neue CD von Kenny Garrett in meinen Player kam, wurde ich schon nach den ersten Takten wieder an meine frühen Jazz-Hörerlebnisse erinnert. Die „Klänge der Vorfahren“ hörten sich für mich neu und alt zugleich an, klangen frisch und doch ein wenig nach Stallgeruch, so das ich aufmerksam verfolgen musste, was im Verlauf der einzelnen Titel passiert.
Eingängige Melodien, faszinierende, teilweise vertrackte Rhythmen, alles zusammen mit einer unglaublichen Leichtigkeit gespielt, und Improvisationen, die fesseln, jedoch sich niemals verlieren – so macht Zuhören Spaß, und nicht nur beim ersten und zweiten Hören. Verschiedene Stile werden genutzt, afrikanische Wurzeln werden deutlich, ohne dass es allzu sehr nach Ethno-Music klingt, Kubanisches scheint durch, und auch Rhythm&Blues sowie Gospel-Elemente werden nicht ausgelassen – aber alles nicht bloß als Zitate, sondern verinnerlicht. Klänge der Vorfahren? Durchaus, doch nicht als Plagiat, sondern als Ergebnis einer langen Tradition.

Melodien, die im Gedächtnis bleiben

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Der Kern von Garretts Truppe auf diesem Album besteht aus Vernell Brown jr. (Piano), Corcoran Holt (Bass), Ronald Bruner (Drums) und Rudy Bird (Percussion). Dann und wann greift Garrett selbst in die Tasten, man weiß aber nicht genau wann, weil immer auch noch ein anderer aktiv ist, mit Ausnahme des siebten Stücks, das auch dem Album den Titel gibt. Das Intro sowie das Outro spielt Garrett.
Auch gesungen wird von Garrett und einigen anderen Musikern (Dwight Trible, Linny Smith, Chris Ashley Anthony, Sheherazade Holmann), doch fügt sich dieser Gesang in die instrumentale Musik ein wie ein gleichwertiges Instrument und nicht wie eine Stimme, die begleitet werden muss. Die Melodien bleiben schon nach wenigen Malen des Hörens im Gedächtnis (was im Jazz nicht selbstverständlich ist). Mir ist es in der Folge einige Male passiert, dass ich einzelne Fragmente vor mich hingesummt und – ich will nicht sagen improvisiert, aber doch – variierend verändert habe.

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Was dieses herausragende und erfreuliche Album allerdings nicht braucht, ist der CD-Begleittext, der Garretts Musik einen überhöhten Wert zugestehen will. Er – und vor allem die Musik – braucht keine überhöhende Mystik. Sie klingt gut, sie lässt sich spüren und erleben – und wer mag, kann diesem hörenden Erleben auch eine persönliche Deutung geben. Mehr ist nicht nötig.
Für alle, die den Jazz und insbesondere das Saxophon lieben, eine rundum empfehlenswerte Aufnahme! ♦

Kenny Garrett (Saxophon): Sounds from the Ancestors (Jazz-Audio-CD), MackAvenue, 68 Min.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Saxophon-Musik auch über Hans-Christian Dellinger: Streaming (CD)

… sowie über Siegmeth, Hunstein, Wolf: Winterreise nach Franz Schubert (CD)

Weitere interessante Web-Links zum Thema Jazz-Saxophon:

Internationaler Brandenburger Gedichte-Wettbewerb 2022

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

Gereimte und/oder moderne Lyrik-Formen

Literaturkollegium Brandenburg - Logo - SchreibwettbewergFür den Brandenburger Literaturwettbewerb 2022 können themenfreie Gedichte eingesandt werden, wobei sowohl moderne Lyrik-Formen als auch gereimte Gedichte gesucht sind.

„Auf literarische Qualität legen wir besonderen Wert“, schreibt das federführende Literaturkollegium Brandenburg: „Landschaften, Begegnungen, Satire, Lebensstile oder gesellschaftskritische und ökologische Aspekte können unter anderem aufgegriffen werden“.

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Maximal können 20 eigene Gedichte eingesandt werden, die Teilnahme am Wettbewerb ist kostenlos.
Einsende-Schluss ist am 10. März 2022, hier geht’s zu den Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die anderen Ausschreibungen zu Literaturwettbewerben

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Weitere Internet-Beiträge zum Thema Neue Gedichte:

Ein Gedicht ist Arbeit (Wolkenbeobachterin)
Dichter (Werner Kastens)
Keinen Menschen sah ich (Wildgans)
Lyrik-Zeitung (Archiv der Lyrik-Nachrichten)

Computer-Schach: The Engines Crackers 2 (Update)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 21 Minuten

Knacknüsse für Schachprogramme

von Walter Eigenmann

(Update September 2021)

Die Spielstärke der modernen Schachprogramme hat bekanntlich ein derart hohes Niveau erreicht, dass der Mensch längst nicht mehr mithalten kann. (Dass aber abseits der Computer-Schach-Szene wie schon seit Jahrhunderten trotzdem nach wie vor ein äußerst reger Turnierbetrieb herrscht, muss nicht extra ausgeführt werden und spricht für die ungebrochene Kraft des Königlichen Spiels).
Diese Seite stellt echte Knacknüsse für Schachprogramme vor: „The Engine Crackers“. Es sind Chess Puzzles, die auch heutigen „Motoren“ mächtig viel Berechnung abverlangen…

Modern Chess - Schach-Figuren - Schach-Kunst - Glarean MagazinEs ist inzwischen zu einer großen Herausforderung geworden, neue Knacknüsse für Schachprogramme aufzuspüren. Die Engines rechnen heutzutage sehr schnell, sehr selektiv, sehr tief, und ihre Algorithmen arbeiten mit ausgeklügelten Programmiertechniken. In Verbindung mit ständig beschleunigten Prozessoren spüren sie damit auch die verborgensten Geheimnisse einer Schachstellung auf.
Aber ein paar letzte weiße Flecken auf der Engine-Landkarte gibt es durchaus auch heute noch. Sie zu entdecken erfordert allerdings etwas Knowhow über die Funktionsweise dieser „Motoren“, vor allem aber einen erfahrenen Umgang mit den Engines selber. Denn die Defizite von Schachprogrammen sind nur mit Hilfe von Schachprogrammen zu finden…

Teststellungen für 30 Sekunden Bedenkzeit/Zug

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Diese Seite ist also solchen Stellungen gewidmet, an denen die Engines überdurchschnittlich heftig zu knabbern haben. Dabei sind die Aufgaben grundsätzlich nicht unmöglich zu lösen für Schachmotoren. Auch trifft man zuweilen das Phänomen an, dass mal ein Programm genau jenes Puzzle blitzschnell löst, welches alle anderen nicht verstehen.
Apropos: Ich persönlich erachte eine Teststellung dann als schwierig, wenn die meisten starken Schachprogramme mit ihren jeweiligen Default-Einstellungen auf durchschnittlicher aktueller Hardware länger als 30 Sekunden für die Lösung benötigen.

Umfangreiche Recherchen

Woher stammen all die Crackers hier? Sie sind das Ergebnis meiner umfangreichen Recherchen der letzten Jahre in diversen Datenbanken, kommerziellen wie kostenlosen. (Darunter sind zahlreiche Puzzles, die erstmals im GLAREAN MAGAZIN publiziert wurden).

The Engines Crackers - Schach-Aufgabe - Chess-Puzzle - Nickel vs Oosterom - GLAREAN MAGAZIN
Das moderne Fernschach arbeitet mit feinsten Nuancen mittels Interaktion mit den Engines, so wie hier in einer Partie der beiden Großmeister Nickel vs Oosterom: Dh4-e1 (!)

A) Hervorragend geeignet für die Suche nach komplexen Stellungen sind v.a. die Partien von Fernschach-Meisterspielern. Correspondence Chess Players pflegen versiert mit Computerprogrammen zu arbeiten, und ihr „Forschungstrieb“ generiert Partien auf allerhöchstem Niveau. Das effiziente, ja geradezu wissenschaftliche Handling mit Engines und GUI-Analysewerkzeugen ist das Markenzeichen erfolgreicher Fernschachspieler, ohne maschinelle Unterstützung ist heutzutage ein FS-Spiel auf Top-Niveau undenkbar. (Siehe hierzu auch das Interview mit Fernschach-Grossmeister Arno Nickel) Die Fahndung nach geeignetem Material kann sich allerdings aufwändig gestalten: Das heutige großmeisterliche Fernschach arbeitet mit filigranen, nuancenreichen Zügen, die herauszufiltern rechenintensiv sein kann.

B) Weiter finden sich interessante Puzzles für Schachprogramme bei den Programmen selber. Denn die führenden Engines liefern ebenfalls ein (fast) fehlerfreies Spiel, in den einschlägigen Internet-Schach-Datenbanken nach brauchbaren Perlen zu fischen verlangt allerdings einige Erfahrung im Umgang mit Engine-Settings – und viel Geduld.

Computer-Chess vs Human-Chess

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C) Ein drittes Gebiet für die Puzzle-Recherche ist das Problemschach mit seinen Studien. Hier sind die wirklich anspruchsvollen Aufgaben für Computer zwar seltener zu finden, weil die Studien eher nach künstlerisch-ästhetischen denn nach Performance-Kriterien konzipiert sind. Dementsprechend leisten diese Wenigsteiner-Aufgaben den Programmen meist kaum Widerstand.
Dafür legt das Problemschach seinen Finger zuweilen genau in jene Wunden, die Schachprogrammen besonders weh tun. Die Stichworte sind hier der Zugzwang, der Horizonteffekt oder die vielzügige Mattführung. Wer die Engines also stark herausfordern will, sucht auch in den Studien-Sammlungen, wie sie im Internet zuhauf anzutreffen sind.

D) Last but not least ist natürlich der riesige historische Pool mit von Menschen ausgetragenen Turnierpartien zu erwähnen. Doch diese Quelle ist als Datenmaterial fürs Computerschach nur von begrenzter Attraktivität. Denn so genial manche Kombinationen all der Giganten einer vielhundertjährigen Schachgeschichte daherkommen: Unter dem unbarmherzigen Mikroskop eines heutigen Computerprogramms zerschmilzen sie fast ausnahmslos zu einer „Petit Combinaison“ a la Capablanca, die in nullkommnix Sekunden gelöst (oder dann als inkorrekt entlarvt) wird… ♦

Über Reaktionen in Form von eigenen Analysen, Engine-Ergebnissen u.a. würde ich mich freuen. Benützen Sie hierzu einfach die „Kommentar“-Funktion. Gerne werden auch Vorschläge für schwierige neue Testaufgaben geprüft und ggf. unter dem Namen des „Finders“ veröffentlicht.
Die Seite hier wird regelmässig mit neuen Puzzles bestückt; also am besten immer mal wieder vorbei schauen.

Analyse-Brett mit PGN-Download - Glarean Magazin
PGN-Download im Analyse-Fenster

Der Mausklick auf einen Zug oder eine Variante öffnet das Analyse-Fenster. Dort ist auch ein Download der entspr. PGN-Datei möglich.

Die Reihe wird fortgesetzt!

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Aufgaben auch über den Schachzug der Woche (02)

Außerdem zum Thema Schach über Robert Hübner: Schund (Ein Schachbuch von Dilettanten für Dilettanten)


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Internationaler Kompositionswettbewerb für Orgelmusik 2022

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Zeitgenössische Werke für Konzertorgel

Kirchen-Orgel - Church Organ - Musikinstrumente - GLAREAN MAGAZINAnlässlich der Einweihung der großen Konzert-Orgel in der Helsinki Music Hall im Jahre 2024 wird der internationale Kompositionswettbewerb Kaija Saariaho für Orgelmusik 2022 ausgeschrieben. Ziel des Contest ist es, neue und interessante Kompositionen für Orgel solo sowie Konzerte für Orgel und Orchester zu fördern.

Der Wettbewerb umfasst drei Sparten: Konzerte für Orgel & Sinfonieorchester, Werke für Kammerorchester, sowie Solowerke für Orgel. Die neuen Werke werden in Konzerten im Jahr 2024, dem Jahr der Einweihung der Orgel, zu hören sein. Aufgeführt werden die prämierten Stücke vom Helsinki City Orchestra und dem Radio-Sinfonieorchester sowie einem renommierten Konzertorganisten.

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Die Dauer der Solo- & Kammerorchester-Werke sollte ca. 15 Minuten, die Dauer von Konzerten ca. 20-30 Minuten betragen. Die Teilnahme ist für Komponist*innen jeglichen Alters und aller Nationalitäten offen.

Einsende-Schluss für die Partituren ist am 29. Oktober 2022, hier finden sich die weiteren Details der Ausschreibung. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die weiteren Ausschreibungen zu Kompositionswettbewerben

Die Schweizer Literaturschrift TÄXTZIT („Textzeit“ – Band 12)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Reichhaltige Literatur-Landschaft

von Walter Eigenmann

Neben den unzähligen Online-Literatur-Portalen jeglicher Genre- und Stil-Couleur wird oft vergessen, dass auch noch ein paar papierene Repräsentanten der Gattung „Literaturzeitschrift“ die helvetische Landschaft des künstlerischen Schreibens einfärben. TÄXTZIT („Textzeit“) ist eine dieser seltenen, beileibe nicht nostalgischen Literatur-Gazetten – ein ausschließlich von und für Schweizer Autoren geschaffenes „Präsentationsforum für Schreibende und Illustrierende“.

„TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift“ will gemäß Selbstdarstellung den „professionell Schreibenden und Illustrierenden ein kostenloses Präsentationsforum bieten, sie schweizweit bekannt und damit die Literatur- wie die Illustrationenlandschaft bereichern und vielfältiger machen“. Ein hehres und ehrenhaftes Ziel – weder originell noch neu zwar, aber wichtig und interessant, sofern die Qualität der Inhalte stimmt.

Wertschätzung der literarischen Arbeit

TäxtzIt (Textzeit) - Die Schweizer Literaturschrift - Cover Band 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZINMittlerweile sind der Initiant & Verleger Arno Seeli und seine Mitstreiter bei Band 12 (Juni 2021) angekommen, nachdem man vor rund neun Jahren (März 2012) die allererste Ausgabe vom Stapel gelassen hatte. Aktuell enthält das Heft 52 Seiten „erlesene Literatur und Illustrationen“, gedruckt wird eine Auflage von 1’000 Exemplaren.

Eine lobenswerte Besonderheit von TÄXTZIT ist, dass seit Heft 9 den Autor*innen ein Seitenhonorar von 45 Franken bezahlt wird. Das scheint nur auf den ersten Blick wenig; in Zeiten der grassierenden „Druckzuschuss-Verlage“, wo die Schreibenden für ihre Veröffentlichungen gar selbst zur Kasse gebeten werden, ist das vielmehr eine schöne Geste der Anerkennung und Wertschätzung ihrer literarischen Arbeit.

Ohne thematische Fokussierung

Arno Seeli und seine Crew arbeiten ohne thematische Schwerpunkte oder genrespezifische Vorgaben. Neben kurzprosaischen Texten findet sich ebenso das knappe Gedicht oder die literarische Buchbesprechung wie die autobiographische Notiz oder die augenzwinkernde Alpen-Satire.
Garniert und strukturiert werden diesmal alle Texte mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Zürcher Illustratorin Yasmin König. Auch sie ist zeichnerisch vielfältig zugange, aber meist gehört ihre Aufmerksamkeit dem idyllischen Stimmungsbild oder der Momentaufnahme aus Familie und Natur. Dabei stellen die ganzseitigen Illustrationen einen ungezwungenen Bezug zum vorausgegangenen Text her, in jedem Falle lockern sie die „Bleiwüste“ des Drucktextes mit schlicht-eindringlichem Zeichenstrich auf.

Ein Dutzend Schweizer Autor*innen

Melanie Gerber - Glarean Magazin
Melanie Gerber (photoandmore)

Zufall oder auch nicht: Genau zwölf helvetische Schriftsteller*innen präsentiert diese zwölfte TÄXTZYT-Nummer. Die Namen der Autor*innen sind dabei so illuster wie ihre Beiträge.
Melanie Gerber eröffnet mit „Zuhause“ den Texte-Reigen und erzählt von einer, die just zu Beginn der Corona-Pandemie und nach einer kürzlichen Trennung aus der gemeinsamen Wohnung wegzieht – und trotz ihrer vielen Umbrüche und Baustellen und der allgemeinen Endzeitstimmung die Kurve doch noch kriegt und sich auf dem Balkon ein neues inneres Zuhause erobert.
Ein zweiter Text „Was ich nicht weiß“ von Gerber ist dann sehr viel ernsterer Natur: Er thematisiert verschiedene Möglichkeiten der Begegnung mit dem Tod – auch jenem von Kindern. Angeregt wird die Schaffung von stationären Schweizer Kinderhospizen.

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Nicht fiktiv, sondern dokumentierend sind zwei Beiträge von Dominik Riedo unterwegs. Riedo reportiert zum einen gewisse Zustände bzw. Praktiken des Schweizer Gesundheits- bzw. Spitalwesens. In seinem zweiten Artikel würdigt er das literarische Schaffen von Carl A. Loosli, dem „Karl Kraus der Schweiz“, wie er diesen achtungsvoll tituliert. Und dabei einen „ganzen Kosmos ‚Loosli'“ konstatiert, den es – nun, da es im Rotpunkt-Verlag eine neue Werkausgabe in 7 Bänden gebe – noch intensiver zu erforschen gelte. Denn Loosli’s Zeit beginne jetzt erst wirklich, ist Riedo überzeugt, und seine Rezeption würde einer Schweiz guttun, „die auch heute viele der von Loosli angeprangerten Missstände weiterhin nicht behoben“ habe.

Idyllisches neben Satirischem

Lilly Bardill - Glarean Magazin - Autorin
Lilly Bardill (geb. 1935)

Die Churer Erzählerin Lilly Bardill, mit 86 Jahren die erfahrenste der hier vertretenen Autorinnen, schildert in „Jakobs Ausflug“ die Eskapaden eines leicht dementen Betagtenheim-Bewohners, der sich auf einer Reise zu seiner Tochter in schönen Augenblicken verliert und deshalb nie am Ziel ankommt.  Es geschieht, was geschehen muss: Jakob wird vermisst, die polizeiliche Suche beginnt… Der Plot der kurzen Story mag nicht neu sein, wird aber von der Autorin rührend-verschmitzt und empathisch präsentiert.
Deftiger geht’s zur Sache in Sandra Rutschis dreiseitiger Groteske „Als der Mönch nach Hawaii durchbrannte“. Das weltberühmte Berge-Trio Eiger, Mönch und Jungfrau erwacht plötzlich zum Leben, beginnt ein angeregtes Gezanke, weil die Jungfrau keine Jungfrau mehr sein möchte. Derweil sich der Mönch verärgert über den Jura hinweg davonmacht, fallen Eiger und Jungfrau stöhnend übereinander her. Während er seine Hand schon „zum Joch weiterwandern“ lässt, bekommt sie plötzlich Gewissensbisse… Was das mit Hawaii zu tun hat? Lesen Sie selbst.

Yasmin Koenig - Illustratorin - Täxtzit-Heft Nr. 12 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Die berühmten Schweizer Berggipfel Eiger, Mönch und Jungfrau als Fun-Park: Zeichnung der Illustratorin Yasmin König (TÄXTZIT Band 12 – Juni 2021)

Lyrisches und Prosaisches aus der Innerschweiz

Dolores Linggi (Schwyz) und Beat Wild (Zug) sind zwei angesehene Innerschweizer Literaten. Linggi, Preisträgerin der „Zentralschweizer Literaturförderung“,  steuerte dem neuen TÄXTZIT-Band fünf assoziationsschwere Gedichte bei, während Wild mit dem knapp vierseitigen Prosatext „Nicht fallen lassen“ vertreten ist. Darin möchte eine alte Frau ihrer Zufallsbekanntschaft Oskar, der eine Tumor-Operation hinter sich hat, die Rückkehr ins Leben erleichtern.
Eine dritte Innerschweizerin ist die 20-jährige Luzernerin Lia-Aurelia Kraft. Ihre kleine Love-Story „Frühling“ ist dicht formuliert und im besten Sinne rührend. Kraft steht trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine facettenreiche Sprache zur Verfügung – eine schöne Entdeckung der TÄXTZIT-Macher.

Beziehungen in der Ostschweiz

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In einer Zeitschrift mit deutschsprachigen Beiträgen aus Helvetien darf der östliche Teil des Landes nicht fehlen; die Ostschweizer Literaturszene ist mit Beatrice Häfliger (Hoffeld) und Philip Messmer (Sulgen) repräsentiert. Häfligers Text singt ebenfalls das Hohelied der Liebe und deren Entstehung, eingebettet in innige Waldseligkeit. Er mag in diesem Heft am deutlichsten das literatur-psychologische Klischee der „Schweizer Nabelschau“ bedienen, ist aber gleichzeitig auch ein zärtliches und genau beobachtendes, dabei sprachlich eloquentes Stenogramm einer sehr ursprünglichen Mensch-Natur-Beziehung.
Messmer geht da in seinem „Therapie“-Text eine deutlich herbere Beziehung an; sie beginnt damit, dass Ehefrau Sabine ihren Paul mit der Bratpfanne niederstreckt… Zum Schluss wird doch noch alles gut: „Sabine und Paul schafften es nicht einmal bis ins Schlafzimmer und trieben es auf der Treppe“. Auf der Strecke hingegen bleibt der behandelnde Arzt der beiden…

Originelles Literatur-Konzept

Mit Daniela Huwyler ist eine zweite Lyrikerin vertreten. Sie präsentiert drei sprachgewandte und rhythmisch interessante Gedichte namens „Agenda“, „Rabenzirkel“, „Schneeschwer“. Des Wädenswilers Peter Burkhards Kurzprosa-Beitrag schließlich titelt „Tod in der Aare“. Darin erhält Laura nächtens im Bett gespenstischen Besuch von einer Unbekannten mit „triefend nassem, schulterlangen Haar“…

Ein auch nur kurzer Blick auf die Autoren und Inhalte dieser (Deutsch-)Schweizer „Literaturschrift“ zeigt sofort das sympathische Konzept und die durchdachte Rezeptur. Wie der Herausgeber und verantwortliche Redakteur Arno Seeli in seinem „Auftakt“ festlegt, müssen die Texte „die Schweiz thematisieren, noch unveröffentlicht sowie institutionen- und werbeneutral sein“. Außerdem dürfen die Beiträge maximal vier Seiten umfassen. Trotz dieser formalen Vorgaben ist dem umtriebigen Literatur-Animator ein interessanter inhaltlicher Mix gelungen.

Gestalterisch Luft nach oben

Schweizer Literaturzeitschriften - Orte - Delirium - Narr - Mütze - GLAREAN MAGAZIN
Die kleine Schweiz als großes Land der Literaturzeitschriften, beispielsweise MÜTZE, NARR, DELIRIUM, ORTE (um nur einige zu nennen)

Herumnörgeln an solchen idealistischen Periodika lässt sich ja immer. Zum Beispiel könnte dem einen oder anderen das „Schweizer“ im Untertitel etwas großspurig erscheinen – angesichts keines einzigen französisch- oder italienischsprachigen Beitrags. Auch hinsichtlich des etwas pausbäckigen Heft-Layouts und der ruralen Typographie bestünde noch Luft nach oben; guter Inhalt schließt eine attraktive Verpackung nicht aus. Und drittens würden je ein paar bio- und bibliographische Stichworte zu allen vertretenen Autor*innen das Heft noch informativer abrunden.

Biotopische Beschaulichkeit

Der konsequente Fokus der Texte(-Auswahl) auf Helvetien bzw. das sog. „Schweizerische“ führt zwar hier nirgends zu literarischen Grenzüberschreitungen. Wer sprachliche Innovation, thematische Internationalität, das formale Experiment oder gar geopolitische Schweiz-Motive sucht, wird von TÄXTZIT enttäuscht. Das vielzitierte „Lokalkolorit“, die „Sicht nach Innen“ und eine gewisse gewollte Naivität des Narrativen sind die bestimmenden Ingredienzen dieser „Schweizer Literatur“.
Aber solche biotopische Beschaulichkeit hat sowohl ihren Reiz als auch ihre Legitimität. Denn die Provinzialität kommt hier charmant mit Unterhaltungswert daher. Und nicht jeder literarische Text muss die Welt gleich aus den Angeln heben.

Verdienstvolles Literatur-Projekt

Kurzum: TÄXTZIT ist ein verdienstvolles Literatur-Projekt, das eine sowohl erhellende wie anregende Tour d’horizont bietet durch einen wichtigen Teil des zeitgenössischen Literaturschaffens der deutschsprachigen Schweiz. Alle Texte sind sorgfältig lektoriert bzw. redigiert und die Themen-Wahl abwechslungsreich komponiert.

Dieser Autoren-Gazette ist also in diesem Sinne durchaus eine noch wachsende Leserschaft zu wünschen – hier sind ein engagierter Herausgeber und ein offensichtlich motiviertes Mitarbeiterteam am Werk. Der Schnauf möge den Machern nicht so bald ausgehen – und auch das Selbstbewusstsein nicht, das es braucht, um als Print-Medium gegen ein Heer von kostenlosen Internet-Literaturangeboten bestehen zu können. ♦

Arno Seeli (Hrsg): TÄXTZIT – Die Schweizer Literaturschrift – Band 12, 52 Seiten A5-quer-Format mit Klammerheftung, Wortzimmerer Verlag, ISBN 978-3-9524327-8-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Literaturzeitschriften auch über SCRIPTUM – Das Schweizer Literaturmagazin

… sowie zum Thema Schweizer Literatur den Essay von Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

Außerdem im GLAREAN MAGAZIN: Originale Erstpublikationen von Schweizer Schriftsteller*innen