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Chaos und Ordnung
Jannik Giger befragt von Jakob Leiner
Ein zentraler Fokus des Basler Komponisten und Video-Künstlers Jannik Giger liegt auf der Auseinandersetzung mit künstlerischen Inszenierungsritualen. Ein bedeutendes Thema sind hierarchische Beziehungen und Interaktionen zwischen Akteuren und Artefakten des Kulturbetriebs.
Glarean Magazin: Herr Giger, wo befinden Sie sich gerade für dieses Schrift-Interview?
Jannik Giger: Zur Zeit in Berlin. Wir experimentieren gerade mit der australischen Cellistin Judith Hamann im Studio, um den richtigen Sound für einen neuen Filmscore zu finden.
Sie studierten Komposition an den Hochschulen in Bern, Luzern und Basel. Wie war Ihr musikalischer Werdegang in Kindheit und Jugend?

Mein intensives Interesse für die Musik begann in meiner frühen Jugend. Mit meinen damaligen Schulfreunden gründeten wir Rockbands und verbrachten jede freie Minute damit, Songs zu schreiben und Konzerte zu spielen. Über die experimentelle Rockmusik entdeckte ich dann die Minimal Musik und später auch die zeitgenössische Klassik.
Neben Ihrer kompositorischen Tätigkeit arbeiten Sie beispielsweise auch als Videokünstler, Regisseur und Drehbuchautor. Grenzgänger und/oder Multitalent?
Im besten Falle beides. Das ist Teil meiner eingefleischten künstlerischen Praxis, in verschiedene Milieus und Medien ein- und auszutauchen, um mein inneres drittes „outside-eye“ zu kultivieren und neue interessante Formen der Zusammenarbeit mit anderen KünstlerInnen auszuprobieren.
Neue Formen der Zusammenarbeit
Was reizt Sie an der Verschränkung von Bild und Ton, von Filmkunst und Komposition in Ihrer eigenen Arbeit?
Das Arbeiten mit diesen beiden Sinnlichkeiten (Aug & Ohr) hat ein grosses Potential. Gerade die Kontraste und Asynchronitäten interessieren mich. Also, dass man nicht sieht, was man hört, und nicht hört, was man sieht.
Sind Sie eigentlich eher der auditive oder der visuelle Typ? Oder synästhetisch veranlagt?
Synästhetisch veranlagt bin ich überhaupt nicht. Ob auditiv oder visuell kann ich gar nicht so klar trennen, denn auch eine Partitur zu schreiben, ist ein visueller Prozess. Ebenso wie im Konzert zu sitzen und MusikerInnen beim Spielen zuzusehen.
Im Jahr 2023 waren Sie zusammen mit Tobias Koch für den Schweizer Filmpreis in der Kategorie Beste Filmmusik nominiert (Film: „Drii Winter“) und wurden mit dem Prix Georges Delerue ausgezeichnet. Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit?
Nebst Drii Winter haben wir bereits für einen weiteren Spielfilm die Score realisiert und arbeiten jetzt gerade am nächsten Film von Michael Koch (Drii Winter). Die Zusammenarbeit ist eine Art Co-Composing. Wir sprechen viel miteinander, experimentieren im Studio mit MusikerInnen, bis wir eine eigenständige Sprache und eine adäquate Form für einen Film finden. Es ist eine Art Ping-Pong von Skizzen und Materialstudien, welches wir dann in einem empirischen Prozess soweit weiter verdichten und schärfen, bis alles da ist.

Transformations-Prozesse
Gibt es ein kreatives Prinzip, das Ihre Arbeit durchzieht?
Ich arbeite sehr oft mit Fragmenten (Found-Footage und Samples/Versatzstücken), das heisst am Anfang stehen oft Klänge, aus denen mittels Überschreibungs- und Transformationsprozesse neue Realitäten geschaffen werden. Sobald die Arbeit auf dem Papier beginnt, vermischt sich die innere Klangvorstellung mit konkreten und digital bearbeiteten Klängen.
David Lynch wird der Appell zugeschrieben: „Die Zuschauer müssten stärker ihrer Intuition vertrauen.“ Stimmen Sie zu?
Da ist schon was dran. Zumindest, wenn man ein gutes und gesundes Vertrauen zur eigenen Intuition hat. Ich selbst arbeite oft sehr intuitiv, aber immer mit einer Vision oder konzeptuellen Ansätzen. Strategien existieren, sie werden aber auch immer wieder durchbrochen und sabotiert, um mich immer wieder aufs neue herauszufordern. Es ist ein vertrautes Ineinander zwischen Chaos und Ordnung.
Wer kann besser sampeln, eine KI oder Sie?
Sampeln ist ja grundsätzlich keine grosse Kunst. Ich habe über die letzten 20 Jahre ein ganz grosses Samplearchiv aus Klängen und Texturen angelegt. Dieses Archiv ist wahrscheinlich nur für mich selbst interessant und für alle anderen wertlos, weil es eine Chronik meiner ganz individuellen Präferenzen und Erfahrungen ist.
Subversiv, kritisch, frei
Was sind Ihre laufenden oder anstehenden Projekte?
Ein neuer experimenteller Film namens Lamento, eine Art Musical-Soap-Opera, den ich mit dem Szenografen Demian Wohler realisiert habe. Oder ein Performance-Stück für ein Bläserquintett und ein Soundsystem, welches im Tinguely Musuem und Helmhaus aufgeführt wird. Oder eine neue Komposition für Saxophon, Elektronik und Stimme für das Festival Rümlingen.
Was löst das Wort „Kulturbetrieb“ in Ihnen aus?
Heute gibt es so viele KünstlerInnen wie Sand am Meer, und KünstlerInnen sind abhängig von Institutionen, Institutionen wiederum von Politik, und Politik von der Gesellschaft. Ganz abseits steht eine KünstlerIn – sofern er oder sie gesehen und gehört werden will – also nie in diesem komplexen Geflecht aus Abhängigkeiten und Erwartungen. Trotzdem ist es heute (noch) möglich, subversiv, kritisch und frei Kunst zu artikulieren.
Herr Giger, wie klingt eigentlich die Musik der Zukunft?
Das Schöne an der Zukunft ist, dass man sie höchstens ein wenig erahnen, aber nicht prognostizieren kann. Ich bin offen für alles und werde mein Bestes geben, einen spannenden Beitrag für die Musik der Zukunft beizusteuern. ♦
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Thank you very much for this wonderful interview! The YouTube example of Mr Giger’s string quartet sounds really impressive! When will there be a concert in Germany or in the north with works by Mr Jannik Giger? Would be great…! I would attend 🙂 Laura S