Super-Schach aus China: Das GM-Turnier in Danzhou

Chinesische Blüten in Remis-Wüsten

von Walter Eigenmann

Bilck auf das urbane Danzhou in der chinesischen Provinz Hainan mit ca. einer Million Einwohner
Bilck auf das urbane Danzhou in der chinesischen Provinz Hainan mit ca. einer Million Einwohner

Vorgestern endete im chinesischen Danzhou (Provinz Hainan) das achte Super-Großmeister-Turnier 2017 mit Teilnehmern der Welt-Spitzenklasse. Neben wenigen Europäern (und keinem Amerikaner) registrierte man im exquisiten 10-köpfigen Spielerfeld sechs Spieler aus China und Vietnam. Welchen Aufschwung das chinesische Schach in den letzten Jahren hingelegt hat, zeigt ein Blick auf die aktuelle Rangliste des erlauchten Kreises der sog. Super-Großmeister (= 2700 ELO-Punkte und mehr), wo sich jetzt gleich drei Spieler aus dem Reich der Mitte in den Top-15 tummeln.

Fulminanter Sieg des Youngsters

Und diese drei, nämlich Ding Liren, Yu Yangyi und Wei Yi ließen es sich denn auch alle nicht nehmen, hier quasi mit Heimvorteil an den Start zu gehen – und prompt dominierte einer von ihnen das gesamte Gegnerfeld doch deutlich. Denn Sieger Wei Yi, notabene der jüngste in der Runde mit seinen 18 Jahren, verlor kein einziges der neun Games, gewann aber vier Partien und setzte sich mit einem klaren Plus-Punkt bei 6,5 Gesamtpunkten vor den Vietnamesen Le Quang Liem und Chinas Spitzenmann Ding Liren.

Die Schlussrangliste des GM-Turnier Danzhou 2017 (Wertungen: Wtg1 = Direkte Begegnung, Wtg2 = Sonneborn-Berger-Wertung, Wtg3 = Größere Anzahl Siege)
Die Schlussrangliste des GM-Turniers von Danzhou 2017 (Wertungen: Wtg1 = Direkte Begegnung, Wtg2 = Sonneborn-Berger-Wertung, Wtg3 = Größere Anzahl Siege)

Wei Yi gilt als „Schach-Wunderkind“ und Chinas größte Hoffnung auf einen Platz ganz zuoberst in der Weltspitze. Zurecht, wenn man sich den zeitlich erst extrem kurzen, aber schachlich extrem weit zurückgelegten Weg dieses Talentes anschaut. Bereits als 14-Jähriger wird er Internationaler Großmeister, gewinnt 2015 das B-Turnier in Wijk aan Zee, kurz darauf die Einzelmeisterschaft seines Heimatlandes (als jüngster Sieger in der Geschichte dieses Turniers), und im März vorigen Jahres erreichte er eine Wertungszahl von 2706 Elopunkten, womit er der jüngste Spieler seit Einführung des Elosystems durch die FIDE ist, der die bereits angesprochene Super-Wertungszahl von 2700 erlangt hat.

Viele Punkteteilungen, wenige Entscheidungen

Wei Yi (rechts) am Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee im Januar 2017 gegen Wesley So (die aktuelle Nummer Zwei der Welt hinter WM Magnus Carlsen)
Wei Yi (rechts) am Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee im Januar 2017 gegen Wesley So (die aktuelle Nummer Zwei der Welt hinter WM Magnus Carlsen)

Das 8. Danzhou-Turnier 2017 war schachlich geprägt durch teils hochklassige, diesem Spitzenfeld durchaus würdige Partien. Wer allerdings die zahlreichen Unentschieden sieht, die die zehn Ausnahme-Könner generierten, ist versucht auf ein besonders langweiliges Turnier zu schließen. Nun, an das Bild von blutlosen Remis-Wüsten nach Abschluss 9-rundiger Turniere hat man sich ja längst gewöhnt; das schachliche Niveau an der Weltspitze ist mittlerweile derart hoch, die spielerische Differenzierung so knapp, die Eröffnungsvorbereitung so professionell, auch die großmeisterliche Endspiel-Technik derart ausgefeilt, dass inzwischen sogar ausgesprochene Kampfpartien längst nicht mehr zwangsläufig in einer definitiven Entscheidung enden müssen, so wie das in früheren Schach-Jahrzehnten normalerweise der Fall war. Gerade an diesem Danzhou-GM-Turnier 2017 sieht man einmal mehr deutlich den schon von Capablanca oder Fischer visionär angekündigten „Remis-Tod des Schachs“ winken. Buchstäblich sinnbildlich verdeutlicht dies übrigens auch das Foto links oben: Inmitten weiter Beton-Flächen ein paar Grün-Streifen…)

Top Chess Shots aus dem Reich der Mitte

Knöpft man sich die spärlichen Danzhou-Gewinnpartien mal mit modernen Taktik-Monstern, sprich der neuesten Generation von Schachprogrammen wie Stockfish, Komodo oder Houdini vor, so fördert das bei allem Remis-Frust durchaus herrliche Top Shots ans Tageslicht. Wobei auf diesem Niveau selten die Rede ist von Hauruck-Opfern oder sonstigen Überfällen aus heiterem Himmel. Es geht vielmehr um die nachhaltige Stichelei, um filigrane Florettkunst, um den nur zentimeterweisen, aber bleibende Schäden hinterlassenden Grabenkampf. Das ist mitunter bewundernswerter als die 7-zügige Mattkombination.
Nachstehend sei darum eine kleine Auslese präsentiert von derartigen gloriosen Zügen aus dem Reich der Mitte – einem China, das nicht nur als führende Wirtschaftsmacht längst dem Rest der Welt davonzog, sondern sich auch gerade anschickt, die Welt der 64 Felder zu erobern… ♦

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50-Euro-Musik-Preisrätsel (Juli 2017)

Der neue Preisrätsel-Spaß

In regelmäßigen Abständen schreibt das Glarean Magazin ein Preisrätsel aus – diesmal wieder aus der Welt der Musik. Wer als erste/r die vollständige Lösung des untenstehenden Musik-Kreuzworträtsels einreicht, erhält 50 Euro (Ausland) bzw. 50 Franken (Schweiz).
Das neue 50-Euro-Musik-Kreuzworträtsel kann (via Druck-Funktion des Browsers) ausgedruckt, ausgefüllt und anschließend als Scan-Grafik mit einem Link via „Kommentar“ eingereicht werden.
Weitere Möglichkeit: Alle Lösungswörter werden mit ihren passenden Waagrecht-/Senkrecht-Nummern via „Kommentar“ geschrieben. – Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Einsende-Schluss ist am 15. Juli 2017 (13 Uhr)

Viel Spaß und Erfolg!

Das neue 50-Euro-Musik-Kreuzworträtsel (Juli 2017)
Das neue 50-Euro-Musik-Kreuzworträtsel (Juli 2017)

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Wer bin ich? – Woman Power (Lösungen)

Lösungen der Aufgaben in der Rubrik „Wer bin ich? – Woman Power“

Woman Power 01:   Tea Lanchava
Woman Power 02:   Vesna Rozic
Woman Power 03:   Elisabeth Pähtz
Woman Power 04:   Rusudan Goletiani
Woman Power 05:   Alisa Maric
Woman Power 06:   Grazyna Bacewicz
Woman Power 07:   Felicitas Kukuck
Woman Power 08:   Konstantia Gourzi
Woman Power 09:   Renate Birnst
Woman Power 10:   Natalia Pogonina
Woman Power 11:   Luise Adolpha Le Beau
Woman Power 12:   Lilit Mkrtchian
Woman Power 13:   Maria Theresia von Paradis
Woman Power 14:   Nazi Paikidze
Woman Power 15:   Louise Farrenc

Wer bin ich? (Women Power 15)

Kampfansage gegen süßliche Salonmusik

von Walter Eigenmann

Women Power - Wer bin ich - Komponistin - Personen-Raetsel - Glarean Magazin
Wer bin ich?

Dass ich eine der bedeutendsten Komponistinnen in der Mitte des romantischen 19. Jahrhunderts werden würde, wurde mir alles andere als schon in der Wiege gesungen. Meine Eltern lebten quasi «illegal» getrennt, ich ward also in einer moralisch «zweifelhaften» Umgebung großgezogen, und obendrein war ich noch als Teenager entsetzlich schüchtern.
Doch immerhin entdeckte man meine Hochbegabung, wonach ich erst den bekannten Mozart-Schüler Reicha, dann den einflussreichen Pianisten Hummel als erste Lehrer erhielt.
1821 heiratete ich, widmete mich u.a. auch intensiven kontrapunktischen Barock-Techniken und gab zusammen mit meinem Mann ein monumentales 20-bändiges Sammelwerk alter und neuer Klaviermusik heraus, das in seiner wissenschaftlich-philologischen Orientierung eine eigentliche Kampfansage gegen die damals grassierende süßlich-sentimentale Salonmusik des mondän-versnobten Pariser Publikums darstellte.

Musikalische Emanzipation vom Zeitgeist

Zwar komponierte ich selber in meinen Anfängen so einiges an üblichem Repertoire meiner Zeit, aber im Gegensatz zu vielen damaligen Salonlöwen wie Herz oder Hünten vermied ich eitles Klavier-Passagenwerk ebenso wie tränenseliges Sentiment und parfümierte Phrasen. Noble Zurückhaltung, kontrolliertes Engagement, durchdachte Satztechniken, weit umspannendes Kalkül sowohl in der Kammer- wie in der großräumigen sinfonischen Musik  – das wurden im Laufe der Jahre meine eigentlichen Markenzeichen. So sehr, dass sich bald auch die Genies jener Tage allmählich über mein Schaffen höchst lobend äußerten – zum Beispiel ein Schumann, der über meine Klaviervariationen op. 17 schrieb: «… so sicher im Umriss, so verständig in der Ausführung, so fertig mit einem Worte… und dies alles leicht und gesangreich!»

Women Power - Wer bin ich - Komponistin - Personen-Raetsel - Notenbeispiel - Glarean Magazin

Solches und weiteres Lob aus berufenem Munde führte schließlich dazu, dass auch kleinere, aber einflussreiche männliche Geister des damaligen Kultur- und Konzertbetriebes das Problem «Frau und Komposition» nicht mehr länger chauvinistisch bewirtschaften konnten, sondern meine Karriere sogar mit einer Professur am heilig-berühmten Pariser Conservatoire beförderten.

Wer bin ich? Banner-Grafik
Die Lösung dieses Personen-Rätsels kann via Kommentar- Funktion «eingesandt» werden. Die Kommentare werden einige Tage später freigeschaltet.

Es ist bedauerlich, dass mein umfangreiches kompositorisches Schaffen inzwischen zwar im französisch sprechenden, auch im osteuropäischen Kulturraum Anerkennung und Konzertaufführungen erlebt, ja teils gar auf Schallplatten eingespielt wurde – aber leider im deutschsprachigen Teil des kulturellen Europa immer noch in quasi feministischer Isolation verharren muss…

Also:
Wer bin ich?

Neue Lyrik-Bücher – kurz belichtet

Vier Gedicht-Novitäten

von Walter Eigenmann

Nico Bleutge: Nachts leuchten die Schiffe

Nico Bleutge, Nachts leuchten die Schiffe, GedichteWortreich, reflexiv, sprachkräftig, experimentell, bildgewaltig, prosa-isch – das sind nur ein paar der vielen (völlig unzureichenden) Adjektive, die sich dem Leser von Bleutges jüngstem Lyrik-Band aufdrängen. Mit assoziationsreicher, aber gleichwohl instinktsicherer Motivik umkreist der vielfach ausgezeichnete, 1972 geborene Berliner Autor in seinem zehnteiligen Zyklus sein facettenreiches Titel-Thema «Nachts leuchten die Schiffe». Durchaus treffend umschreibt der verlagseigene Werbe-Waschzettel die Intention des Bandes: «Echos und Lesefetzen, eigene und fremde Stimmen, die sich zu einem Dritten formen. Solche Sprachfunde sind für Nico Bleutge wie Kraftfelder, die seine Aufmerksamkeit bündeln… Der Bosporus als Sprungbrett: Öltanker und Containerschiffe, die etwas davon erzählen, wie der weltweite Handel die überkommenen Vorstellungen von Zeit, Transport und Geschwindigkeit verändert hat».

Nico Bleutge
Nico Bleutge

Bleutges Lyrik liest sich nicht (und las sich noch nie) einfach: Lange Wort- und Satz-Ketten, die an ver- bzw. gekappte Kurzprosa erinnern; mehrschichtige Zeitspuren; collagierte «Schauplätze»; abrupte Rhythmuswechsel; exzessive Sprachspiel- und ungebändigte Fabulier-Lust an Wortfarben und Binnenformen – das alles macht die Lektüre anstrengend, lässt die thematischen Fäden immer wieder entgleiten. Doch der Aufwand des Lesers wird belohnt. Es ist unglaublich, welcher sprachliche und inhaltliche Kosmos diesem Lyriker verfügbar ist. «Nachts leuchten die Schiffe» sind keine Gedichte – das ist eine Sinfonie.

Nico Bleutge, Nachts leuchten die Schiffe, Gedichte, 92 Seiten, C.H.Beck-Verlag, ISBN 978-3-406-70533-5


Irène Bourquin: Schaukelnd im grünen Atem des Meeres

Irène Bourquin, Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, GedichteDie Schweizer Dichterin, Theater-Autorin und Kulturjournalistin Irène Bourquin (*1950) hat schon seit vielen Jahren in dem exqusiten Waldgut-Verlag eine besondere verlegerische Heimat gefunden. Dabei bildet das Gedicht einen Schwerpunkt ihrer Arbeit: «Patmos» (2001), «Angepirscht» (2007) und «Türkismänander» (2011) hießen da ihre lyrischen Stationen. Und nun ein neuer Band Gedichte, wieder der pastellfarbene Süden-Sonne-Meer-Topos ganz zentral: «Lago d’Iseo», «Grotte die Toirano», «Bordighera», «Porquerolles», «Cap Taillat», «Tudela» oder «Aiguamolls» nennen sich etwa die Texte, geographisch angesiedelt in Ligurien, der Cote d’Azur, der Provence und in Katalonien.

Irène Bourquin
Irène Bourquin

Sprachlich wird das Niveau unterschiedlich durchgehalten; Vergilbt-konturlose Banalitäten wie: «Noch immer das Meer / in jedem denkbaren Blau / am Horizont / die Schatten der Tanker / wachsen» stehen neben wundervoll melodischen Sprachbildern: «Wie Rauchfahnen / schwarzsilbern / steigt / kahler Wald / ins Licht / Ockergold / die letzten Fackeln».
In seiner bekannt sorgfältigen Art nahm sich der Waldgut-Verlag auch hier sehr liebevoll der Buchherstellung an, indem im Bodoni-Druck mit Bleisatz und Handpressendruck bis hin zur händischen Fadenheftung gearbeitet wurde – ein bibliographisches Unikum heutzutage. Schade nur, dass das zu dünn gewählte Papier jeweils die Rückseiten-Texte durchschimmern lässt. Davon abgesehen: Eine schöne, sowohl literarisch wie drucktechnisch sehr qualitätsvolle Ausgabe, in der zu blättern und zu lesen so etwas wie bibliophile Wellness erzeugt.

Irène Bourquin, Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Gedichte, 64 Seiten, Waldgut Verlag, ISBN 978-3-03740-655-7


Andreas Krohberger: Ein Strauß schwarzer Rosen

Andreas Krohberger, Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht Sex und LiebeGewiss, dem studierten Germanisten Andreas Krohberger (*1952 in Schorndorf/D) merkt man die stetige Beschäftigung mit eigenen und fremden Gedichten an. Nicht nur, dass der umtriebige Koch-, Wein- und Gartenbuch-Autor in div. Verlagen einiges an Lyrik publizierte; ein Text wie: «Scharf wie ein Raubtier / riecht die Luft / nahe bei dir / und meine Zunge kostet / den öligen Tau / im blühenden Klee / vielblättriger, saftiger Klee / ein Zittern / und raue, kehlige Laute / treffen auf salzige Haut / Unfassbar / was Liebe / für dich ist / für mich» hat durchaus Imagination und Rhythmus.

Andreas Krohberger
Andreas Krohberger

Aber dann wieder in der gleichen Sammlung «Ein Strauß schwarzer Rosen» sehr viel Herz-/Schmerz-Langeweile, haarscharf am Kitsch vorbeischrammende Verse, oft gelesene Worthülsen, Unspektakuläres im schlechtesten Sinne. Als Beispiel für Ähnliches: «Immer wenn du gehst / du / die ich nicht liebe / bleibt doch von deiner Wärme / etwas zurück unter der Decke / von deinem Duft / auf meinen Lippen / im Herzen ein wenig / von deinem Lächeln / und wie ein feiner Stich / die Angst / du könntest nie / gar nie / mehr kommen» – das ist Deutscher-Schlager-Zeugs, vorgetäuschte Plakat-Emotionen, an der gebrochenen Komplexität des Untertitel-Themas peinlich vorbeigeschrieben. Trotz schöner Bilder ab und zu: Ein entbehrliches Buch.

Andreas Krohberger, Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht Sex und Liebe, 52 Seiten, Edition Fischer Verlag, ISBN 978-3864550881


Rainer Wedler: Einen Fremden grüßt man nicht

Rainer Wedler - Einen Fremden grüßt man nicht - GedichteWer die literarische Arbeit des 75-jährigen deutschen Schriftstellers Rainer Wedler längere Zeit verfolgte, dem fällt die zentrale Bedeutung auf, die dem Lyrischen im Schaffen dieses Autors zukommt. Roman, Novelle, Erzählung: die größeren Formen der Belletristik sind das ureigene Gebiet Wedlers – aber dem kurzen Wenigzeiler, dem kleinen Text-Bild, dem unscheinbaren Zehn- oder Zwanzig-Sätzer gilt seine besondere Liebe, auch seine sprachlich nochmals gesteigerte Achtsamkeit.
«einen Fremden grüßt man nicht» breitet auf üppigen 144 Gedichte-Seiten als Zusammenfassung der letzten fünf Jahre ein lyrisches Kleinod nach dem anderen aus, ein packendes Sprach-Blitzlicht neben dem nächsten, aufs Wesentliche zurechtgefeilte Konzentrate allesamt, deren Handschrift sehr akkurat, sehr virtuos, sehr überlegt – und sehr unbestechlich ist. Da findet sich null Geschwätzigkeit, immer Klarheit und Notwendigkeit, jedem Gedicht haftet ein zwingendes So-und-nicht-anders an.

Rainer Wedler
Rainer Wedler

Wobei ja nicht von einem knöchern-klappernden Handwerk – komme es noch so virtuos daher – die Rede ist, das dem Dichten alles Blut austreibt zugunsten reibungslosen Betriebs, sondern von der sauberen Ernsthaftigkeit im Umgang des Künstlers mit dem Material Sprache. Dass im Schreiben Wedlers kein Leben, sondern hauptsächlich Professionalität sei, ist eh keine Gefahr. Denn einem wie ihm, der einst als Schiffsjunge durch türkische, algerische und afrikanische Meere fuhr, später als Historiker, Germanist und Philosoph ausgerechnet über Burleys «liber de vita» promovierte, um anschließend jahrelang vor Generationen moderner Schuljugendlicher über Literatur nachzudenken, einem solchen stieß genug Leben zu, um eben dieses zu guter Letzt als geschliffenes Gedicht, als ausgefeiltes Sprachgebilde, gegossen in präzis abgewogene Sätze, also in ganz anderer Form auferstehen zu lassen.

Wedlers Befund ist dabei eindeutig: «das Verschwinden der Wörter / ist nicht aufzuhalten / wenn wir sie nicht mehr schmecken / können / ihr Fleisch verdorrt / fällt ab / wo soll da die Seele wohnen / die neuen Wörter kommen / als Fabrikware / für den schnellen Gebrauch», und überhaupt: «die Bilder schiebt der Automat / ein Euro / vier Bilder / die Tänzerin tanzt / der Turner turnt / die Sängerin singt / der Jongleur jongliert / das Licht geht aus / du meinst / das ist das Leben». Denn «die Zeichen der Kunst» sind mittlerweile auch nur Mahnmale des Todes: «der Pilot / des Jagdbombers / versteht sich / als Künstler / das Ich herausnehmen / Distanz gewinnen / die Bombe platzieren / dass die Menschenmenge aufplatzt / wie ein bunter Klecks». Manches in Wedlers Lyrik hat einen melancholischen Touch, der leer schlucken lässt, und der weniger der sog. Altersweisheit denn doch einiger Resignation zu entspringen scheint.
Andererseits, wenn es eine Konstante im literarischen Schaffen dieses Autoren gibt über all die Jahre hinweg, dann ist es dieses wohlmeinende Augenzwinkern, diese verständnisvolle Verschmitztheit, dieser lächelnde Na-sowas-Humor, den nicht mal diese jüngste, grundsätzlich dem Nachsinnen gewidmete Lyrik-Sammlung auszutreiben vermochte. Zu Lachen gibt es nichts in Wedlers Gedichten – aber wenigstens das (versteckte, ja zuweilen verschleierte) Erkennen der Lächerlichkeit des «homo homini lupus»: «mit dem Thorazeiger / den schwermütigen Vorhang lüften / an den Fransen hängen Glöckchen / im Wind / betet der Hodscha / im Osten / geht die Sonne auf / heute umarmen / die Beschnittenen den Vorhäutigen / Abraham dreht sich um und kann endlich ruhig schlafen». Denn wie heißt es in einem der Buch-Kapitel, das lauter «Liebesgedichte» enthält? «am Ende / lasse ich den Tag / grußlos stehen / und geh ins Haus / wo mich die Dinge nicht erwarten / sie sprechen nicht mehr / mit mir / ich lass die späte Nacht herein / kann man die Liebe aus dem Fernster werfen?»

Die Romane des Schriftstellers Wedler und die Lyrik des Dichters Wedler sind keine Mainstream-Literatur, und sie werden nie in einer «Spiegel-Bestenliste» auftauchen. Aber schön, dass dieser nachdenkliche, blitzgescheite, voller exquisiter Überraschungen steckende, mit allen Wassern des sprachlichen Handwerks gewaschene, darob trotzdem quirlig-agil schreibende, immerzu reflektierende und gleichwohl lebensvolle Autor schreibt und schreibt. Nicht unverdrossen – aber unbeirrt. Eine wertvolle, nötige literarische Stimme, die zurecht in dem innovativen Ludwigsburger Pop-Verlag einen ständigen Sitz gewonnen hat. Empfehlung!

Rainer Wedler, einen Fremden grüßt man nicht, Gedichte (2011–2016), 142 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3-86356-176-5

Hanna Bachmann (Piano): Janacek, Beethoven u.a.

Ein pianistisch-musikalisches Versprechen

von Walter Eigenmann

Hanna Bachmann: Sonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann, SchumannWenn eine erst 24-Jährige das Klavier so spielt wie Hanna Bachmann, so nennt man das fürwahr – auch in unseren Zeiten der Inflation von «Wunderkindern» – eine Entdeckung. Die junge Österreicherin widmete sich während ihres Studiums vornehmlich Beethoven, mit dem sie am Bonner Beethovenfest 2015 debütierte – und nun präsentiert sie mit ihrer ersten CD-Einspielung Janaceks Sonate 1.X.1905, Schumanns zweite Sonate op. 22 und Beethovens «Adieux»-Sonate. In diesen «Klassiker»-Reigen stellt sie außerdem – eine Überraschung – die interessante siebte und letzte Sonate des 1898 geborenen und 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordeten österreichisch-ungarischen Komponisten und Pianisten Viktor Ullmann.

Von Beethoven über die Romantik zur Schönberg-Schule

Beginn des Trio's aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann
Beginn des Trio’s aus dem vierten Satz der Klaviersonate Nr. 7 von Viktor Ullmann

Von Beethoven über die Romantik zum Schönberg-Schüler Ullmann also – ist dies das große Spannungsfeld der Pianistin Bachmann, die offensichtlich trotz (oder wegen?) ihrer Jugendlichkeit keine stilistischen Berührungsängste kennt? Und auch keine klaviertechnischen Hürden, sei angemerkt: insbesondere Bachmanns Schumann, auch ihr letzter Ullmann-Satz zeugen von bereits enormer Brillanz, die sich paart mit sensitivem Anschlag und zugleich Klangsinn. Wenn man dieses CD-Debüt von Hanna Bachmann als pianistisches Versprechen nehmen soll, dann wird von dieser jungen Künstlerin noch sehr viel zu hören und zu reden sein.

Förderung junger und vielversprechender Künstler

Die Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite.
Die junge, aber pianistisch wie musikalisch sehr gereifte österreichische Pianistin Hanna Bachmann glänzt gleich in ihrem CD-Debüt mit profilierter Werkauswahl und stilistischer Weite. Das deutsche Label TYXart führt Bachmann als feinfühlige Künstlerin mit Sonaten von Beethoven, Janacek, Schumann und Ullmann ein und weckt damit Hoffnungen auf weitere Novitäten dieser Pianistin.

Eine Anerkennung sei an dieser Stelle noch ausdrücklich vermerkt zu dem im regensburgischen Nittendorf domizilierten, erst seit fünf Jahren aktiven Label TYXart, in dessen neuer Serie «Rising Stars» junge Musiker/innen wie eben Hanna Bachmann ein qualitätsvolles Haus für ihre Erstaufnahmen finden. Denn in dem Novitäten-gefluteten Klassik-, überhaupt dem CD-Markt immer neu auf vielversprechende Talente hinzuweisen, das birgt künstlerische und finanzielle Risiken. Diese unbeirrt und über Jahre hinweg auf editorisch hohem Niveau in Kauf zu nehmen verdient Respekt – und alle Neugier des Musikliebhabers! ■

Hanna Bachmann: Klaviersonaten von Janacek, Beethoven, Ullmann und Schumann, TYXart 2016, 73 Min. / ASIN B01NAK28ZN