Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher

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Die Geschichten hinter den verschwundenen Geschichten

von Sigrid Grün

Der Autor und Leiter des italienischen Kulturinstituts in New York, Giorgio van Straten, widmet sich in seinem „Buch der verlorenen Bücher“ acht literarischen Werken, die es zwar mal gab, aber nicht mehr gibt. Es sind unveröffentlichte Bücher bekannter Autoren, die in der prä-digitalen Ära aus verschiedenen Gründen verschwunden sind. Meist durch tragische Umstände, etwa den Brand einer Hütte (Malcolm Lowry), den Verlust eines Gepäckstücks (Ernest Hemingway, Walter Benjamin) oder durch Zensur (Lord Byron).

Umfangreiches Manuskript ins Feuer geworfen

Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher - Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens - Insel VerlagBeispielsweise Nikolai Gogol, der eine Fortsetzung der „Toten Seelen“ verfasst hatte. Er war derart perfektionistisch, dass er – so lautet die Aussage eines Dieners – ein umfangreiches Manuskript, das nicht den eigenen Ansprüchen genügte, zehn Tage vor seinem Tod dem Kaminfeuer überantwortete. Diese „Göttliche Komödie“ der Steppe wird also keiner von uns jemals lesen können.
Sylvia Plaths Werk „Double Exposure“ (‚Doppelbelichtung‘) und Romano Bilenchis „Il viale“ (‚Die Allee‘) wurden vermutlich von den (Ex-)Partnern der Autoren vernichtet.
„Der Messias“ des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz ist einfach verschwunden, und es ranken sich heute noch Mythen um den Verlust dieses Meisterwerks. Angeblich soll das Manuskript einmal aufgetaucht und an einen schwedischen Diplomaten verkauft worden sein, der auf der Rückreise vom Übergabetermin tödlich verunglückte – der Wagen brannte völlig aus und alle Insassen starben. Cynthia Ozick hat dem Verschwinden des Buches sogar einen ganzen Roman gewidmet: „Der Messias von Stockholm“.

Spannend wie Krimi-Stories

Giorgio van Straten (Geb. 1955)
Giorgio van Straten (Geb. 1955)

Die „Geschichten der verlorenen Bücher“ sind teils spannende Stories, die an Kriminalfälle erinnern und teils Texte, die uns die Tragik mancher Künstler noch einmal drastisch vor Augen führen. Der Sylvia-Plath-Text beginnt beispielsweise mit ihrem Selbstmord.
Van Straten erzählt unterhaltsam und bisweilen wirkt sein Stil auch ein wenig geschwätzig, wobei er selbst betont, dass er Klatsch liebt. Mir persönlich ist es ab und an etwas zu viel Namedropping, bei dem der Autor aufzeigen möchte, mit welchen Grössen des Literaturbetriebs er Kontakte pflegte bzw. immer noch pflegt. Aber darüber kann man leicht hinwegsehen. „Das Buch der verlorenen Bücher“ ist eine kurzweilige Lektüre, die den Leser vor allem gut unterhält.
Ich habe schon mehrere Bücher über vergessene Meisterwerke der Weltliteratur gelesen, die mein Interesse an Texten weckten, die zwar von der Bildfläche verschwunden, aber immer noch da sind. „Das Buch der verlorenen Bücher“ macht besonders neugierig, jedoch ohne Aussicht, diese Neugierde jemals zu stillen. Das ist natürlich ein bisschen frustrierend; In der Fantasie mag man sich ausmalen, welche Meisterwerke dem Leser da entgangen sind.

Fundgrube für literarische Entdeckungen

Giorgio van Straten hat mit seinem "Buch der verlorenen Bücher" eine unterhaltsame Textsammlung geschafft, die sich hervorragend als Geschenk für Literaturbegeisterte eignet. Er kann interessante Inhalte spannend vermitteln und schliesst mit seinem Buch eine Lücke im Bereich der Literaturgeschichte. Wer Anekdoten mag, ist hier goldrichtig. ♦
Giorgio van Straten hat mit seinem „Buch der verlorenen Bücher“ eine unterhaltsame Textsammlung geschafft, die sich hervorragend als Geschenk für Literaturbegeisterte eignet. Er kann interessante Inhalte spannend vermitteln und schliesst mit seinem Buch eine Lücke im Bereich der Literaturgeschichte. Wer Anekdoten mag, ist hier goldrichtig.

Aber manchmal sind Bücher vielleicht auch einfach nicht veröffentlicht worden, weil sie tatsächlich nicht so grossartig waren, wie sie hätten sein sollen. Interessant ist die Sache allemal! Mich hat das Buch auch dazu veranlasst, Autoren zu lesen, die ich bislang noch nicht kannte: Romano Bilenchi und Bruno Schulz. Dankenswerterweise enthält der Anhang eine Bibliografie mit den ins Deutsche übersetzten Werken. „Das Buch der verlorenen Bücher“ ist also auch eine Fundgrube für alle, die an literarischen Entdeckungen interessiert sind. ♦

Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher – Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens, 164 Seiten, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17728-9

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Giorgio van Straten: Das Buch der verlorenen Bücher

Bachtyar Ali: Die Stadt der weissen Musiker (Roman)

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Über die Macht und Magie der Musik

von Sigrid Grün

1970 wird in einer nicht näher identifizierten Stadt ein Kind geboren, das sich als musikalisches Ausnahmetalent entpuppt. Auf der Flöte eines Selbstmörders bringt es schon früh die wundersamsten Melodien hervor und verzaubert damit seine Mitmenschen. Auch sein Freund Sarhang Qasm ist ausgesprochen talentiert. Eines Tages taucht ein alter Musiklehrer namens Ishaki Lewzerin in der Stadt auf. Er nimmt die beiden Jungen mit, um sie zu unterrichten. In den Bergen lehrt er sie, „die Sprache der Welt [zu] verstehen“. Die Jungen lernen, dem Regen zu lauschen und dem Wind, sie nehmen die Sonne in sich auf und reifen zu Musikern heran, deren Kunst nicht von dieser Welt scheint.

ABachtyar Ali - Die Stadt der weissen Musiker - Roman - Unionsverlagls der Krieg ausbricht, werden der Lehrer und seine beiden jugendlichen Schüler gefangengenommen und getötet. Doch wie durch ein Wunder erwacht Dschaladat in einer Stadt in der Wüste, die eigentlich gar nicht existiert. An einem Verkehrsknotenpunkt haben sich Prostituierte niedergelassen, die die Soldaten und andere Reisende befriedigen. Dalia Saradschadin ist eine von ihnen, und sie pflegt Dschaladat mit Hilfe des Arztes Musa Babak wieder gesund.

Zum Überleben die Musik verlernt

Um zu überleben, muss der begabte Musiker die Musik verlernen, denn die Klänge von überirdischer Schönheit würden ihn im Krieg nur verraten. Dschaladati Kotr tötet also den Musiker in sich, um nicht aufzufallen. Der Arzt Musa Babak zeigt ihm eines Tages sein Museum, das er in einem riesigen Keller angelegt hat. Er sammelt die Werke zeitgenössischer Künstler, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Dschaladat verliebt sich unsterblich in Dalia und verbringt mehrere Jahre in der gelben Stadt der Prostituierten.
Als ein ehemaliger Offizier namens Samir auftaucht, der intensiv nach Orangen riecht und eine grausame Vergangenheit hat, erfährt der junge Musiker erst, dass er bereits tot war und wieder zum Leben erwachte. Sein Mörder, der auch Sarhang Qasm und Ishaki Lewzerin getötet hat, war gleichzeitig sein Retter. Er freundet sich mit Samir von Babylon an und verlässt mit ihm die Stadt, als diese den Flammen anheimfällt. Die beiden reisen gemeinsam in den Norden, in Dschaladats alte Heimat, die ihm fremd geworden ist. Er kommt in einem Obdachlosenheim unter und verdingt sich mit Gelegenheitsarbeiten – doch die Kunst lässt ihn niemals los. Und der Musiker, den er einst getötet hat, erlebt seine Wiederauferstehung in der Stadt der weissen Musiker…

Poetische Sprache von opulenter Schönheit

„Die Stadt der weissen Musiker“ ist ein Roman von überwältigender poetischer Schönheit. In einer Rahmenhandlung berichtet der Schriftsteller Ali Sharafiar, der gerade eine Sinnkrise erlebt, von einer mysteriösen Begegnung am Flughafen von Amsterdam. Ein Wildfremder überreicht ihm einen Beutel mit Musikaufnahmen und Noten. Er soll sie nach Kurdistan bringen und einer ganz bestimmten Person überreichen. Auf diese Weise lernt der Erzähler schliesslich Dschaladati Kotr kennen, einen legendären kurdischen Musiker...
„Die Stadt der weissen Musiker“ ist ein Roman von überwältigender poetischer Schönheit. In einer Rahmenhandlung berichtet der Schriftsteller Ali Sharafiar, der gerade eine Sinnkrise erlebt, von einer mysteriösen Begegnung am Flughafen von Amsterdam. Ein Wildfremder überreicht ihm einen Beutel mit Musikaufnahmen und Noten. Er soll sie nach Kurdistan bringen und einer ganz bestimmten Person überreichen. Auf diese Weise lernt der Erzähler schliesslich Dschaladati Kotr kennen, einen legendären kurdischen Musiker…

Bachtyar Ali, 1966 im nordirakischen Sulaimaniya geboren, lebt heute in Köln. In den frühen 80er Jahren nahm er an den Studentenprotesten der Kurden gegen die irakische Zentralregierung unter Diktator Saddam Hussein teil. Er brach sein Studium ab und widmete sich der Poesie. Bisher sind lediglich zwei seiner Romane in deutscher Sprache erschienen: „Der letzte Granatapfel“ (2016) und „Die Stadt der weissen Musiker“ (2017). Bachtyar Ali bekommt in diesem Jahr den Nelly-Sachs-Preis 2017 verliehen.

Der Autor schreibt über das Selbstverständnis eines Künstlers, über die Unsterblichkeit des Kunstwerks, und über einen Musiker als Vermittler zwischen den Welten. Dschaladat ist ein Qaqnas, ein Phoenix, der aus der Asche wiedergeboren, ein Grenzgänger, der zur mythologischen Gestalt wird.
Die Sprache ist durchgehend poetisch, von einer opulenten Schönheit, die den Leser in eine andere Welt entführt. Selbst die Grausamkeit des Krieges wird in Kunst transformiert und damit unsterblich. Mich hat der Stil an den grossen serbischen Erzähler Milorad Pavic erinnert. Bachtyar Ali ist ein Autor, den ich den Liebhabern poetischer Literatur nur ans Herz legen kann. ♦

Bachyar Ali: Die Stadt der weissen Musiker, Roman, 432 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00520-4

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Emma Goldman: Anarchismus (Essays)

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„Um von Tauben gehört zu werden, braucht man eine laute Stimme“

von Sigrid Grün

Emma Goldman gilt als Ikone der anarchistischen Bewegung. Sie wurde 1869 im damals russischen (heute litauischen) Kowno geboren und setzte sich Zeit ihres Lebens für Frieden und Gerechtigkeit ein. Im Alter von 16 Jahren floh sie aus Russland, um im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ einer von ihren Eltern arrangierten Ehe zu entgehen. Doch in den USA fand sie ebenso unhaltbare politische Zustände vor, die anzuprangern sie nicht müde wurde. Von ihren Gegnern mehrfach als Aufrührerin und Unruhestifterin, die unter anderem auch für politisch motivierte Morde mitverantwortlich sein sollte, verurteilt, verbüsste sie in den USA mehrfach Gefängnisstrafen und wurde schliesslich nach Russland deportiert. Nach Aufenthalten in England, Frankreich und Spanien verstarb sie 1940 im kanadischen Toronto.

Vorreiterin der Friedensbewegung

Emma Goldman: Anarchismus & andere EssaysBereits in den 1890er Jahren hielt Emma Goldman glühende Reden in deutscher und englischer Sprache und erreichte mit diesen Vorträgen tausende Anhänger. Die in diesem Band vorliegenden Essays stammen überwiegend aus dem Jahr 1910. Bereits vier Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkrieges analysierte die Vorreiterin der Friedensbewegung die stark um sich greifenden Phänomene des Patriotismus und Militarismus. Die Essays zeugen von einem messerscharfen Verstand und umfassender Bildung – einer Melange, die die Herrschenden verständlicherweise nervös machte. Sie versteht es hervorragend Zusammenhänge zu erklären und Rückschlüsse zu ziehen, die zum damaligen Zeitpunkt ganz klar auf die sich anbahnende Katastrophe mehrerer Kriege hindeuteten. Der Ton ist selbstbewusst, die Stimme laut, denn wie Goldman in ihrem Essay „Die Psychologie politischer Gewalt“ konstatiert: „Um von Tauben gehört zu werden, braucht man eine laute Stimme.“ Sie ruft zum radikalen Umsturz auf, zur absoluten Befreiung vom Joch der Herrschaft und Unterdrückung. Selbst nach ihren Haftstrafen investiert sie ihre gesamte Kraft in die agitatorische Arbeit.

Erschreckend aktuelle Texte

Emma Goldman (1869-1940)
Emma Goldman (1869-1940)

Die zentralen Themen der Texte sind Eigentum, Regierung, Militarismus, Rede- und Pressefreiheit, Kirche, Liebe und Ehe sowie Gewalt. Im Mittelpunkt steht – wie sollte es im Anarchismus auch anders sein – stets der freie Mensch. Manche Essays mögen dem Leser zunächst befremdlich und gewagt erscheinen, etwa „Gefängnisse – Inbegriff gesellschaftlichen Verbrechens und Versagens“, folgt man jedoch der Argumentationslinie, wird deutlich, wie kläglich ein System, das auf einer stetigen Negativspirale des Verbrechens basiert, versagt.

Emma Goldmans Essay-Sammlung "Anarchismus" ist eine beeindruckende Lektüre. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Texte heute noch sind – und wie wenig sich eigentlich geändert hat. Die Aufsätze sind auf alle Fälle Klassiker der Sozialrevolte, die man gelesen haben sollte.
Emma Goldmans Essay-Sammlung „Anarchismus“ ist eine beeindruckende Lektüre. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Texte heute noch sind – und wie wenig sich eigentlich geändert hat. Die Aufsätze sind auf alle Fälle Klassiker der Sozialrevolte, die man gelesen haben sollte.

Hier, wie in sämtlichen anderen Texten, wird schnell klar, welches Menschenbild hinter solchen Systemen steckt. Andererseits macht die Friedensaktivistin aber auch Mut, denn sie widmet sich in einigen Essays auch Vorreitern auf dem Gebiet der Friedensbewegung und des Anarchismus. Etwa dem katalanischen Reformpädagogen Francisco Ferrer, der wie viele andere Anarchisten zum Tode verurteilt wurde, weil ihm die Verwicklung in einen Aufstand unterstellt wurde. Entlastende Zeugenaussagen wurden nicht gehört, und obwohl bereits seine Unschuld erwiesen war, wurde der Begründer der „Escuela Moderna“ (Modernen Schule) hingerichtet. Von seinem und dem Tod vieler anderer Aktivisten berichtet Goldman in zahlreichen Essays und zeigt damit, welche Furcht die Herrschenden vor dem Anarchismus gehabt haben müssen.
Emma Goldmans Essays sind eine beeindruckende Lektüre. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Texte heute noch sind – und wie wenig sich eigentlich geändert hat. Die Aufsätze sind auf alle Fälle Klassiker der Sozialrevolte, die man gelesen haben sollte. ♦

Emma Goldman: Anarchismus & andere Essays – Klassiker der Sozialrevolte (22), 256 Seiten, Unrast Verlag, ISBN 978-3-89771-920-0

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Peter Ahrendt: Zum 10. Todesjahr von Grete Weil

Emma Goldman: Anarchismus (Essays)

Miriam Kanne: Andere Heimaten (Germanistik)

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Moderne weibliche Heimat-Konzepte

von Sigrid Grün

Die Heimat ist gerade in der deutschen Literatur ein sehr häufiger Topos, doch die enorme Bedeutung des Heimat-Sujets beschränkte sich im 20. Jahrhundert nicht nur auf die Blut-und-Boden-Dichtung des Dritten Reiches. Auch danach spielte die Heimat in der deutschsprachigen Literatur eine herausragende Rolle. Die Anti-Heimatliteratur, v.a. in den Siebziger Jahren, bildete einen Gegenentwurf zu den idyllisierenden Darstellungen, die vorher dominiert hatten. Transformationen klassischer „Heimat“-Konzepte stellt Miriam Kanne in ihrer Untersuchung „Andere Heimaten“ vor.

Miriam Kanne - Andere Heimaten - Transformationen klassischer "Heimat"-Konzepte bei Autorinnen der Gegenwartsliteratur - Ulrike Helmer VerlagIm vorliegenden Buch begibt sich die promovierte Literaturwissenschaftlerin Miriam Kanne auf die Spur des Konstruktes Heimat, das nicht nur in räumlicher, zeitlicher, kultureller und sozialer Hinsicht von Bedeutung ist, sondern auch in der feministischen Forschung eine wichtige Rolle spielt. Während die Frauen nämlich in den „klassischen“ Heimatromanen männlicher Autoren entweder als Subjekte marginalisiert bzw. als Verkörperung von Heimat dargestellt werden oder dann als das Fremde, Andersartige in Erscheinung treten, die das männliche Gegenüber gefährden, kommt der Frau in der Literatur weiblicher Autorinnen meist eine andere Rolle zu. Miriam Kanne beantwortet hier also Fragen wie: Welches Heimatbild wird in der zeitgenössischen, weiblichen Literatur entworfen?  Wie unterscheidet es sich von den Heimatkonzepten, das Männer konstruieren? Welche Rolle kommt den weiblichen Protagonistinnen zu?

Genese des literarischen Heimat-Begriffs

Anhand von acht Werken weiblicher Schriftstellerinnen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts wird diesen (und weiteren) Fragen nachgegangen, wobei folgende Autorinnen bzw. Werke analysiert werden: Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ (1962), Ingeborg Bachmanns Erzählung „Drei Wege zum See“ (1972), Helga Maria Novaks Doppelwerk „Die Eisheiligen“ (1979) und „Vogel Federlos“ (1981), Waltraud Anna Mitgutschs „Die Züchtigung“ (1985), Barbara Honigmanns Erzählung „Eine Liebe aus nichts“ (1991), Erica Pedrettis Roman „Engste Heimat“ (1995), Emine Sevgi Özdamars Narration „Die Brücke zum Goldenen Horn“ (1998), und Judith Kuckarts Roman „Lenas Liebe“ von 2002.

Dem Analyseteil stellt Miriam Kanne allerdings eine ausführliche Genese des Heimatbegriffes in der Literatur des 20. Jahrhunderts voran. So lassen sich die Entwicklung und die Unterschiede, etwa in puncto Zeit, Raum und Geschlecht sehr gut nachvollziehen. Bezeichnend für die weiblichen Heimatentwürfe ist – im Gegensatz zur traditionellen Heimatliteratur – der Topos des in der Beheimatung Deplatzierten, Heimatlosen. Die Heimat wird den Protagonistinnen fremd oder wirkt befremdlich und ist nicht mehr Schutz- oder Kompensationsraum. Der bisherigen Ordnung wird die Verwirrung entgegengesetzt. Brüche und Dissonanzen werden sichtbar. Und die Rolle der Frau verändert sich. Stereotypisierte Rollenvorstellungen werden aufgebrochen – die Frau wird nicht mehr als Subjekt marginalisiert oder als Verkörperung von Heimat gedeutet. Stattdessen wird das überkommende System hinterfragt und unterminiert.

Heimat auch als Fremdes und Anderes

Miriam Kanne ist mit
Miriam Kanne ist mit „Andere Heimaten“ eine fundierte Analyse zeitgenössischer weiblicher Heimatliteratur gelungen, die die Augen für die Wandlung des tradierten Heimatbildes öffnet. Auch für Literatur- und Kulturwissenschaftler eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Miriam Kanne zeigt auf, welche Transformationsprozesse des traditionellen Heimatverständnisses in der zeitgenössischen weiblichen Literatur stattgefunden haben: Weg von der Deutung der Heimat als Ort des Eigenen, Bekannten und Vertrauten – hin zur Heimat, der das Fremde und Andersartige selbst innewohnt und nicht nur als deren Gegenteil begriffen wird. In den analysierten Texten geht es also darum, dass Heimat das Fremde und Andere beinhaltet und generiert. Oder um es mit den Worten Martina Ölkes zu sagen, die den Heimatbegriff bei Anette von Droste-Hülshoff näher untersuchte: „Das Fremde liegt nicht in der Ferne, sondern (auch) im heimatlichen Innenbereich.“ ♦

Miriam Kanne: Andere Heimaten – Transformationen klassischer „Heimat“-Konzepte bei Autorinnen der Gegenwartsliteratur, Ulrike-Helmer-Verlag, 480 Seiten, ISBN 978-3897413344

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Miriam Kanne: Andere Heimaten (Germanistik)

Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

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Von der weiblichen Lust am Liebesleid

von Sigrid Grün

Schon bevor der deutsche Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing den Begriff des Masochismus, der sich auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch bezieht, in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, beschrieben zahlreiche Autoren Frauen, die eine gewisse Lust an der Unterwerfung und am Leiden in der Liebe empfanden. Sowohl Goethe als auch die Geschwister Bronte oder Nathaniel Hawthorne beschrieben solche Figuren. Eine neue Untersuchung „Ohnmachtsrausch und Liebeswahn“ von Regine U. Schricker widmet sich explizit dem weiblichen Masochismus in Literatur und Film.

Besonders populär wurde die Darstellung der in Leid umgeschlagenen Leidenschaft im 20. und 21. Jahrhundert. Dies hat nicht zuletzt mit der „pornographication of the mainstream“ zu tun, die Brian McNair und Susan Sontag Mitte der 1990er Jahre postulierten. In einer Zeit, in der Sexualität nicht „glücklich, sondern allenfalls süchtig“ macht (Georg Seesslen) und die mediale Darstellung nackter Körper nicht mehr ungewöhnlich, sondern ganz alltäglich ist, erscheint der Sadomasochismus als interessantes „Lusterlebnis“.

Kulturelle Besetzung der weiblichen Unterwerfung

Regine U. Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn - Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. JahrhundertsDie Autorin Regine U. Schricker nähert sich in ihrer Dissertation „Ohnmachtsrausch und Liebeswahn“ dem Thema „Weiblichkeit und Masochismus“ an, wobei sie der Frage nachspürt, wie „weibliche Unterwerfung kulturell besetzt ist“, und wie die mediale Inszenierung vonstatten geht. Dabei analysiert sie fiktionale literarische und filmische Texte des 20. und 21. Jahrhunderts (aus den Jahren 1954-2004). Vor allem nordamerikanische, französische und deutschsprachige Texte werden herangezogen. Den Textanalysen stellt die Autorin einen einleitenden Teil voran, in dem sie zunächst ein Theoriegebäude entwirft, in dem psychoanalytische, literarische, feministische und rezeptionstheoretisch ausgerichtete Diskurse berücksichtigt werden. Ausgehend von Ricahrd von Krafft-Ebings, Sigmund Freuds und Theodor Reiks psychonalytischen Arbeiten zeigt die Autorin auf, wie Masochismus und Weiblichkeit in Relation zueinander gestellt werden können.

„Venus im Pelz“: Sado-masochistische Illustration von Franz von Bayros

Sehr interessant ist auch die Analyse von „Venus im Pelz“, Leopold von Sacher-Masochs Novelle, in der ein männlicher Masochist im Zentrum der Darstellung steht. Schliesslich geht Regine Schricker der Frage nach, ob der Masochismus eine spezifisch weibliche Angelegenheit sei, wie es etwa die Konzepte der Psychoanalytikerinnen Helene Deutsch, Marie Bonaparte und Jeanne Lampl-de Groot nahe legen. Welche Positionen sind im feministischen Diskurs vorherrschend? Und welche Rolle spielt der weibliche Masochismus in der feministischen Film- und Literaturtheorie?

Der weibliche Masochismus im Feminismus

Im Hauptteil der Arbeit widmet sich die Autorin dann ausführlich elf literarischen und filmischen Texten, die sie nach unterschiedlichen Kriterien zusammenfasst. Luis Bunuels Film „Belle de jour“ aus dem Jahre 1967 und Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm „Martha“ aus dem Jahr 1974 etwa setzen sich intensiv mit dem Bürgertum und seinen Abgründen auseinander. Der voyeuristische weibliche Blick wird anhand von David Lynchs Film „Blue Velvet“ (1986) und Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ (1983) thematisiert.

Erotik und Literatur - Weiblicher Masochismus - Geschichte der O - Histoire d'O - Glarean Magazin
„Geschichte der O“: Inszenierung der Zerstörung weiblicher Körper

In den Analysen von Elizabeth McNeills Erzählung „Nine and a Half Weeks“ von 1978 (später sehr erfolgreich von Adrian Lynes mit Kim Basinger in der Hauptrolle verfilmt) und von Ingeborg Bachmanns 1971 erschienenem Roman „Malina“ wird schliesslich der Zusammenhang von Sprachlosigkeit und Begehren in den Mittelpunkt gestellt. Wie weibliche (zerstörte) Körper inszeniert werden, kann man gut anhand von Pauline Reages Roman „Geschichte der O“ (1954) und Marina de Vans Film „In My Skin“ (2002) nachvollziehen. Religiöse Opfer stehen in Lars von Triers „Breaking the Waves“ (1996) und in M. Night Shyamalans „The Village“ (2004) im Mittelpunkt. Zuletzt geht es um den Coming-out-Film einer Masochistin, Steven Shainbergs „Secretary“ von 2002.

Gut gegliederte Untersuchung

Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn
Die neue Studie „Ohnmachtsrausch und Liebenswahn“ von Regine Schricker bietet fundierte Analysen zahlreicher literarischer und filmischer Texte, die man nach der Lektüre dieses Buches neu lesen kann. Mit ihrer Arbeit sensibilisiert sie für ein Thema, das in den Medien eine immer wichtigere Rolle spielt. Sprachlich klar und inhaltlich gehaltvoll bietet die Autorin dem Leser eine sehr gute Möglichkeit, sich ausführlich mit einem spannenden Thema auseinander zu setzen.

Regine U. Schricker geht dem Phänomen des weiblichen Masochismus in der Literatur und im Film sehr eingehend nach und zeigt fundiert die verschiedenen Ansätze auf, die hinter der Deutung des Zusammenhanges von Weiblichkeit und Masochismus stecken. Welche Rolle spielt eine labile Persönlichkeitsstruktur? Was bedeutet die Darstellung des weiblichen Masochismus für die weibliche Identität? Regine Schrickers Buch ist sehr gut gegliedert, und ihren wissenschaftlichen Ausführungen lässt sich hervorragend folgen. ♦

Regine U. Schricker, Ohnmachtsrausch und Liebeswahn – Weiblicher Masochismus in Literatur und Film des 20. und 21. Jahrhunderts, 236 Seiten, Königshausen&Neumann Verlag, ISBN 9783826045165

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Frauen in der Literatur“ auch über: Liebesbriefe berühmter Frauen (Anthologie)
… sowie zum Thema Psychische Abhängigkeit über den Sekten-Report von Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology
ausserdem im Glarean Magazin zum Thema Feminismus: Gleiches Recht für alle
Regine Schricker: Ohnmachtsrausch und Liebeswahn

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé (Biographie)

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Die Frau, die Nietzsche den Schlaf raubte

von Sigrid Grün

Lou Andreas-Salomé war eine der ungewöhnlichsten Frauen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Nietzsche, Rilke, Wedekind und Freud lagen ihr zu Füssen. Schliesslich heiratete die emanzipierte Lou aber den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, der sich für seine Angebetete sogar ein Messer in die Brust gerammt hatte, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass er es ernst meinte. (Die Ehe mit Andreas wurde allerdings nur unter der Bedingung akzeptiert, mit dem 15 Jahre älteren Mann nie das Bett teilen zu müssen… ) Nietzsche und dessen Freund Paul Rée verzehrten sich nach der jungen Intellektuellen, die zahlreiche Bücher (u.a. über Ibsen, Nietzsche und Rilke) sowie Essays verfasste und sich als Psychoanalytikerin betätigte.

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé - Der bittersüsse Funke IchWer war diese Frau, die exakt am 12. Februar vor 150 Jahren in St. Petersburg das Licht der Welt erblickte? Die promovierte Philosophin Kerstin Decker, die zuletzt eine Biographie über Else-Lasker Schüler verfasst hat, nähert sich in diesem hervorragend recherchierten und sprachmächtigen Buch der Ausnahmeerscheinung und „Sammlerin seltener, kostbarer Ichs“, Lou Andreas-Salomé.

Bereits als Kind gegen Zwänge aufbegehrt

Bereits als Kind begehrte Lou gegen auferlegte Zwänge auf. Die Tochter des Generals Gustav von Salomé, des Gründers der deutsch-reformierten Kirche in Russland, weigerte sich, konfirmiert zu werden! Bereits in jungen Jahren brachte sie ihre Eltern mit ihren weitaus älteren Verehrern in Verlegenheit, die sich bis zur Verzweiflung steigerte. Diese Frau konnte man offensichtlich nicht bändigen. Doch was genau war es, das die männliche Intelligenzia der Jahrhundertwende vom Hocker riss? Wie kann man die unglaubliche Faszination, die diese Frau schon als Jugendliche auf „denkende“ Männer ausübte, erklären?

Kerstin Decker lässt Lou Andreas-Salomé und die ihr Verfallenen häufig selbst zu Wort kommen. In Briefen, Tagebucheintragungen und natürlich in ihren Büchern. Und langsam wird eine Frau sichtbar, die ihrer Zeit weit voraus war, weil sie sich nicht um die bürgerlichen Konventionen kümmerte, die sie in Ketten hätten legen können. Die Tochter aus gutem Hause konnte es sich schliesslich auch leisten. Sie wuchs in einem intellektuell anregenden Klima auf, das es ihr später ermöglichte, auch mit Geistesgrössen, die weitaus älter als sie waren, souverän umzugehen. Stets war sie auf der Suche nach geistigem Austausch – im Alter von 18 Jahren war sie beispielsweise von dem protestantischen Pastor Hendrik Gillot fasziniert, mit dem sie die unterschiedlichsten Themen besprach. Und wie sollte es anders sein: Der 25 Jahre ältere Gillot verfiel seiner jungen Schülerin und wollte sogar die Scheidung von seiner langjährigen Frau einreichen, um Lou zu heiraten. Der holländische Pastor reihte sich damit als erster in eine Reihe von willigen Heiratskandidaten ein, die die gebildete junge Frau abblitzen liess.

Bekanntschaft mit prominenten Geistesgrössen

Die Philosophie vor den Wagen der Emanzipation gespannt: Lou Andreas-Salomé, Paul Reé, Friedrich Nietzsche
Die Philosophie vor den Wagen der Emanzipation gespannt: Lou Andreas-Salomé, Paul Reé, Friedrich Nietzsche

Als Lou 1882 nach Rom reiste, um im warmen Klima ein Lungenleiden zu kurieren, traf sie dort – ausgerechnet im Petersdom! – auf Nietzsche, der der Frau mit der raschen Auffassungsgabe sofort verfiel. Genau so wie schon vorher sein Freund Paul Rée. Aus diesem Jahr stammt auch eine Fotografie, die sich (neben vielen anderen Aufnahmen) im Buch befindet: Die beiden Philosophen Rée und Nietzsche sind vor einen Holzwagen gespannt, auf dem die junge Lou bewaffnet mit einer Peitsche sitzt. Die Idee für diese inszenierte Aufnahme stammte übrigens von Nietzsche!
Auch die Berliner Jahre in den 1880er Jahren brachten zahlreiche Freundschaften und Bekanntschaften mit prominenten Geistesgrössen mit sich. Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind und Maximilian Harden sind nur wenige derjenigen Männer, mit denen sie in regem geistigem Austausch stand. Und schliesslich, „das Leben als Trivialroman“ – Lou lernt in einer Pension den Orientalisten Friedrich Carl Andreas kennen, der ihr – wie könnte es anders sein – sofort verfällt. Nach einem spektakulären Selbstmordversuch vor den Augen der Angebeteten willigt sie in die Ehe ein. Die Ehe liess die junge Frau zwar etwas zur Ruhe kommen – in ihrem Haus „Loufried“ baute sie sogar Gemüse an und züchtete Hühner –, doch die geistige Betätigung blieb doch im Vordergrund. Kurz vor der Jahrhundertwende lernte Lou in München den jungen Rilke kennen und übte einen starken Einfluss auf ihn aus – so stark, dass er sein Frühwerk in den Müll warf und der grossartige Dichter wurde, den wir heute schätzen. Die Russlandreisen, die Rilke mit Lou unternahm, prägten ihn nachhaltig. Einfühlsam beschreibt Decker, wie Lou viele Jahre später den recht frühen Tod Rilkes erlebte.

Bis ins hohe Alter als Psychoanalytikerin praktiziert

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Kerstin Decker zeichnet in dieser Biographie Lou Andreas-Salomés ein differenziertes und nuanciertes Bild einer beeindruckenden Frau. Zahlreiche Zitate lassen die Stimmung der damaligen Zeit lebendig werden und werfen ein neues Licht auf das Werk zahlreicher bekannter Dichter und Denker, wie Rilke und Nietzsche.

Und dann, 1911, lernte Andreas-Salomé schliesslich Freud kennen, der ihr in ihren letzten 25 Lebensjahren zur wichtigen Bezugsperson wurde. Lou wurde Psychoanalytikerin und eröffnete 1915 in ihrem „Loufried“ die erste psychoanalytische Praxis Göttingens. Sie praktizierte bis ins hohe Alter. 1930 verstarb ihr Ehemann, sieben Jahre später, Anfang Februar 1937 erwacht sie nicht mehr. Die Welt hatte eine aussergewöhnlich Frau verloren, die viele Denker des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beeinflusste.
Kerstin Decker zeichnet in dieser Biographie Lou Andreas-Salomés ein differenziertes und nuanciertes Bild einer beeindruckenden Frau. Zahlreiche Zitate lassen die Stimmung der damaligen Zeit lebendig werden und werfen ein neues Licht auf das Werk zahlreicher bekannter Dichter und Denker, wie Rilke und Nietzsche. Eine einfühlsame Biographie, die sich der Ausnahmeerscheinung Lou Andreas-Salomé in respektvoller Weise annähert. ♦

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüsse Funke Ich, 360 Seiten, Propyläen Verlag, ISBN 978-3549073841

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Emanzipation auch über Emma Goldman: Anarchismus (Essays)
Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé (Biographie)

J. Barkhoff & V. Hefferman: Schweiz schreiben (Anthologie)

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Literarische (De)Konstruktion des Mythos Schweiz

von Sigrid Grün

Die nationalen Mythen prägen bis heute das Geschichtsbewusstsein der Schweiz und tragen damit als identifikationsstiftende Gebilde zum Zusammenhalt bei, was bei einer Nation, die vier Sprachen und vier Kulturen verbindet, ein Kunststück ist. Umso interessanter ist es deshalb auch, einen Blick auf den Konstruktcharakter der zentralen Schweizer Mythen zu werfen und die zahlreichen Dekonstruktionsprozesse zu analysieren, die v.a. in der zeitgenössischen Schweizer Literatur (insbesondere nach 1945) eine ausserordentlich wichtige Rolle spielen.

Schweiz schreiben - Anthologie - Glarean MagazinIm vorliegenden, von Jürgen Barkhoff und Valerie Hefferman herausgegebenen Band wird genau dies gemacht: „Schweiz schreiben“ ist die Zusammenfassung der Ergebnisse einer Tagung, die im Oktober 2006 in Irland (in und um Dublin) unter dem Titel „Mythos Schweiz. Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Schweizerischen in der Gegenwart“ stattfand. An drei Tagen versuchten sich Schweizer Autoren und Auslandsgermanisten dem Thema „Die Lage der Schweiz in der Literatur, und die Lage der Literatur in der Schweiz“ anzunähern.
Herausgekommen ist ein ungeheuer gehaltvolles und spannendes Buch, das identifikatorische Prozesse sichtbar macht und exakte Analysen zentraler Schweizer Mythen bietet.

Schweizer Mythen von den „Alpen“ bis zum „Sonderfall“

Im Mittelpunkt stehen folgende Mythen und deren (De)Konstruktion: Mythos Schweizerliteratur, Mythos Alpen, Mythos Eidgenossenschaft, Mythos Sonderfall, Mythos Multikulturalität, Mythos literarischer Gegendiskurs sowie der Mythos Irland. Beim Letztgenannten zielt die Bezugnahme auf die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten. Sowohl die Schweiz als auch Irland sind durch ihre Randständigkeit (in Europa) gekennzeichnet. Der Inselcharakter ist einmal geographisch, einmal politisch bedingt. Beide Staaten stehen für Unabhängigkeit – während Irland seine Eigenständigkeit gegenüber Grossbritannien allerdings in einem erbitterten Unabhängigkeitskampf immer wieder behaupten musste, sind die Ursprünge der „bewaffneten Neutralität“ der Schweiz beim Wiener Kongress von 1815 zu suchen, auch wenn diese eher auferlegte Neutralität angesichts der Gründungsmythen Bundesbrief und Rütlischwur schon viel früher vermutet werden.

Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt als Mythenzertrümmerer

Im Bereich der Literatur werden Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt als die Mythenzertrümmerer schlechthin gehandelt. Peter von Matt erklärt, welche Motive zentral sind und schlägt einen Bogen zu früheren Werken der Schweizer Literatur. Das „schuldige Kollektiv“ ist hier von grosser Bedeutung – man denke nur mal an Gotthelfs „Schwarze Spinne“ und an Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“.
Doch auch der „Mythos literarischer Gegendiskurs“ wird an anderer Stelle thematisiert. Die Schweizer Literatur greift nämlich immer wieder die Politik des Landes auf und entwickelt einen – nicht immer fruchtbaren – Gegendiskurs, wie Elsbeth Pulver betont: „Die Vorstellung einer anderen, besseren Schweiz mit den Intellektuellen als Herolden und Sachwaltern, sie löst die Beklemmung nicht; sie droht sie zu zementieren.“

„Schweiz schreiben“ ist ein facettenreicher und gehaltvoller Band, der sich auf eine äusserst interessante Weise mit der Schweiz auseinandersetzt. Hier wird das Bröckeln zentraler Schweizer Mythen aufgezeigt und ein Schweizbild entworfen, das nicht nur auf der „Heidi-Land“-Idylle basiert, sondern auch Krisen integriert. Sehr zu empfehlen!

Die jüngere Schrifstellergeneration – beispielsweise Zoe Jenny, Ruth Schweikert und Peter Stamm – scheint für eine eher „unschweizerische Schweizerliteratur“ (Valerie Hefferman) zu stehen. Doch trifft dies tatsächlich zu? Zur besonderen Beziehung Schweiz – Irland wird die Literatur der in Irland lebenden Schweizer Autorin Gabrielle Alioth aufgegriffen. Neben Alioth haben übrigens mehrere Schweizer Gegenwartsautoren auf der grünen Insel ein neues Zuhause gefunden, u.a. Rolf Lappert und Hansjörg Schertenleib.

„Schweiz schreiben“ ist ein facettenreicher und gehaltvoller Band, der sich auf eine äusserst interessante Weise mit der Schweiz auseinandersetzt. Hier wird das Bröckeln zentraler Schweizer Mythen aufgezeigt und ein Schweizbild entworfen, das nicht nur auf der „Heidi-Land“-Idylle basiert, sondern auch Krisen integriert. Sehr zu empfehlen! ♦

Jürgen Barkhoff / Valerie Hefferman (Hrsg.), Schweiz schreiben – Zu Konstruktion und Dekonstruktion des Mythos Schweiz in der Gegenwartsliteratur, 320 Seiten, De Gruyter Verlag, ISBN 9783484108127

Lesen Sie im Glarean Magazin auch den Essay von
Mario Andreotti: Tendenzen der Schweizer Literatur

J. Barkhoff & V. Hefferman: Schweiz schreiben (Anthologie)

Schmidt-Dengler: Bruchlinien (Literatur-Vorlesungen)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Das Spezifische österreichischer Literatur

von Sigrid Grün

Die Frage nach Besonderheiten der österreichischen Literatur wird in der Germanistik gerne und oft diskutiert. Der Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler spürt dieser Frage in seiner Untersuchung „Bruchlinien“ ebenfalls nach, verzichtet aber auf den ohnehin vermessenen Anspruch, sie pauschal zu beantworten.
Eine österreichische Literatur schlechthin existiert nämlich nicht. Vielmehr geht es Autor Schmidt-Dengler darum, die Besonderheiten einzelner Texte herauszuarbeiten. Das Interessante an der Literatur sind nämlich nicht unbedingt die Gemeinsamkeiten, sondern die Differenzen, eben die „Bruchlinien“.

Lebendig und an der gesprochenen Sprache orientiert

Wendelin Schmidt-Dengler: Bruchlinien - Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990Bereits 1995 wurde „Bruchlinien“ erstmals veröffentlicht. Diese „Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990“ sind nun in einer geringfügig ergänzten Neuausgabe erschienen. Und das Buch des 2008 verstorbenen österreichischen Literaturwissenschaftlers enthält genau das, was der Untertitel verspricht: Vortragsmanuskripte zu Vorlesungen, die der ehemalige Vorstand des Instituts für Germanistik der Universität Wien und Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek zwischen 1982 und 1994 an der Universität Wien gehalten hat. Die Texte zur zeitgenössischen österreichischen Literatur sind entsprechend lebendig und an der gesprochenen Sprache orientiert. Diese Besonderheit macht das Buch zu einem unvergleichlichen Vergnügen, denn immer wieder blitzen Schmidt-Denglers feiner Humor und seine Leidenschaft für Literatur hervor.

Was unterscheidet die österreichische Nachkriegsliteratur von der deutschen?

Thomas Bernhard - Glarean Magazin
Setzte sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander: Dichter Thomas Bernhard beim Zeitungslesen

Zu Beginn führt der Autor in die Materie ein. Er begründet, warum er sich ausgerechnet dem Zeitraum zwischen 1945 und 1990 widmet. Der Beginn des Analysezeitraums liegt nahe. Der Krieg erforderte eine Neuorientierung. War das wirklich so? Und inwiefern? Was unterschied den Neuanfang von der Nachkriegsliteratur in Deutschland? Diese und viele weitere Fragen versucht der Autor zu beantworten.
In den „Bruchlinien“ wird der gesamte Literaturbetrieb beleuchtet. Neben einzelnen Büchern, die Schmidt-Dengler besonders beachtenswert erschienen, geht er auch auf einzelne Verlage, Zeitschriften (z.B. „Der Plan“, „Stimmen der Gegenwart“ etc.) und natürlich auf geschichtliche und politische Entwicklungen ein. Denn die Literaten lebten in den seltensten Fällen in einem Elfenbeinturm und setzten sich gerade in Österreich mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. Oft kritisch – Thomas Bernhard ist dafür wohl das prominenteste Beispiel. Und sein Tod im Jahre 1989 markiert schliesslich auch den Schlusspunkt von Schmidt-Denglers Ausführungen. Denn mit Bernhard ging eine Ära zu Ende.

Analyse prominenter Autoren von Artmann bis Winkler

Wendelin Schmidt-Dengler - Literaturkritiker - Glarean Magazin
Wendelin Schmidt-Dengler (1942-2008)

Neben Thomas Bernhard analysiert der prominente Literaturwissenschaftler in seinen Vorlesungen auch viele weitere bekannte Autoren, beispielsweise Elias Canetti (nicht „Die Blendung“, sondern eine seiner autobiographischen Schriften, nämlich „Die gerettete Zunge“), H.C. Artmann, Ernst Jandl, Ingeborg Bachmann, Heimito von Doderer, Marlen Haushofer, Peter Handke, Josef Winkler u.v.m.
Doch auch unbekanntere Autoren, die in seinen Augen zu wenig Beachtung geschenkt bekommen haben (z.B. Werner Kofler) werden gewürdigt. Schmidt-Dengler geht dabei chronologisch vor. So lassen sich Entwicklungen auch sehr gut nachvollziehen. Innerhalb mancher Zeitabschnitte (1970-1980) widmet er sich einem Buch pro Jahr. Die lebendig gestalteten Textanalysen regen den Leser zur weiteren Beschäftigung mit der Materie an und bieten eine gute Diskussionsgrundlage. Ich persönlich habe auf alle Fälle richtig Lust auf die Primärliteratur bekommen.
Fazit: Wendelin-Schmidt Denglers Vorlesungen sind eine wunderbare Einführung in die österreichische Nachkriegsliteratur. Sie machen Lust auf Literatur, da in jedem Satz die lebendige Leidenschaft des Autors für die Materie aufscheint. Ein Buch, das sich auf wohltuende Weise vom verschnarchten Akademikergefasel abhebt, das die Literaturwissenschaft leider immer noch im Griff hat. ♦

Wendelin Schmidt-Dengler, Bruchlinien, Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990, 560 Seiten, Residenz Verlag, ISBN 9783701731794


Sigrid Grün

Sigrid Grün

Geb. 1980 in Rumänien, Schauspielausbildung in Regensburg, Studium der Deutsche Philologie, Philosophie und Vergleichenden Kulturwissenschaft in Regensburg und Oldenburg, derzeit Promovierung in Vergleichender Kulturwissenschaft, Sachbuch-Autorin und Betreiberin eines oberbayerischen Kulturportals

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Österreichische Literatur“ auch über Thomas Bernhard: Der Wahrheit auf der Spur

… sowie zum Thema Roman-Literatur über Efrat Gal-Ed: Niemandssprache (Itzig Manger)

Schmidt-Dengler: Bruchlinien (Literatur-Vorlesungen)