Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei (Roman)

Zwischen Sinnfrage und Obsession

von Isabelle Klein

Deutschland am 13. August 1961: Mauerbau und Schließung der Grenze. Die Ereignisse überschlagen sich: Die NVA steht in Ostberlin, das Potsdamer Abkommen ist gebrochen, die Sowjetzone mutiert zum KZ. Janus Emmeran, Medizinstudent aus Tübingen und Protagonist des Romanes „Frei“ von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel, hört diese Nachrichten fassungslos während seiner Semesterferien in Westberlin. Er geht neugierig, ob dies möglich wäre, ungehindert in den Osten und wieder zurück. Es reift ein Plan in dem jungen ambitionierten Mann: Menschen aus dem Osten, wie beispielsweise seinem Studienkollegen Pospiech, zur Freiheit zu verhelfen.

Roswitha Quadflieg - Burhart Veigel - Frei - Roman-Rezension Glarean MagazinZu Beginn seiner Fluchthelferkarriere ist alles ganz easy. Man verwendet Pässe von Westdeutschen, schmuggelt sie über die Grenze – problemlos ist man aus Ostberlin in die Freiheit gelangt. Die Pass-Tour wurde geboren, Janus in seinem Höhenflug beflügelt. Ein studentisches Netzwerk zur Fluchthilfe entsteht, und Janus wird zu einem ihrer genialsten Köpfe, der zwischen 1961 bis 1968 über 600 Menschen zur Flucht verhilft. Effektiver Kopf und Staatsfeind Nummer Eins der Bauernrepublik, der raffiniert weitere Wege in die Freiheit ersinnt, in Form der ausgeklügelten Cadillac- und Franzosen-Tour. Gerade letztere bereitet für zahllose DDR-Bürger den Weg in den Westen.

Extrem spannender Beziehungsreigen

Zeitsprung: Berlin 2016. Nach einem geruhsamen Leben, das nicht mehr viel mit der aufregenden studentischen Fluchthelferzeit gemein hat – orthopädische Praxis im beschaulichen Schwabenländle, zuvor Intermezzo in den USA, Kind, Kegel und Familie (immerhin vier Töchter) – möchte es der junggebliebene 68er, immerhin seinen 80 nahe, noch mal wissen. Geschieden, alleinstehend, mit einem recht bewegten Beziehungsreigen in der kurzen Zeit nach der Trennung, antwortet er auf die Annonce einer wesentlich jüngeren Frau, die – jetzt kommt es zu einem sehr geschickten Kunstgriff des Autorenpaares Quadflieg/Veigel) – aus dem Osten der Republik stammt…
Und so wird der Leser mitten in einen extraordinären, extrem spannend zu lesenden Beziehungsreigen hineingezogen, der die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt, und in dem eines ganz schnell klar wird: Janus (der Name ist Programm, denn der eine Abschnitt seines Lebens scheint zum anderen nicht zu passen, sowohl in Vergangenheit als auch der Gegenwart) hat auch nach vielen geruhsamen Jahren sein Freiheits-Gen nicht abgelegt. Er brennt noch immer für die Freiheit, während die rund 30 Jahre jüngere Colette, die einen Verlag leitet und zwei Kinder in den 20ern hat, sich ganz auf die Paarbeziehung beschränken will.

Kampf gegen das Mittelmaß

Todesstreifen der Berliner Mauer 1961 - Glarean Magazin
Taghell beleuchtet, es wird scharf geschossen: Teil des berüchtigten „Todesstreifens“ an der Berliner Mauer 1961

Wer Freiheit nicht kennt, vermisst sie auch nicht, so in etwa Colettes Einstellung zum Thema Meinungsfreiheit und Freiheit der Person. So kann sie in den heißen August-Sommertagen nicht nachvollziehen, dass Janus, von seinem alten Fluchthelferkumpel Harry um Hilfe gebeten, einer jungen Frau mit Migrationshintergrund eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Angst und Repressalien ermöglichen will. Und dafür eben die traute, leidenschaftliche Zweisamkeit von Berlin in das Schweizer Bergpanorama verlegen will.
Janus, aktuell mit der Aufarbeitung seiner Stasi-Akten beschäftigt, sucht immer noch nach Möglichkeiten, anderen die Freiheit zu ermöglichen, ist allerdings inzwischen zu alt für aktive Flüchtlingshilfe. Anisa und das beschauliche, vermeintlich romantische Alpenidyll werden zur Bewährungsprobe für die junge, bis dato problemlos zu stemmende Liebesbeziehung dieser beiden so unterschiedlichen Menschen, die eines verbindet: „Den Kampf gegen das Mittelmaß“ (Seite 147) und die Suche nach erfüllter Liebe.

Burkhart Veigel - DDR-Fluchthelfer - Glarean Magazin
Einer der findigsten DDR-Fluchthelfer: Burkhart Veigel (Geb. 1938 in Eisfeld/D)

Jedoch: Frei nach „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ stellt gerade diese Aktion die aufkeimende große Liebe vor eine große Frage: Kann die Sozialisation in zwei konträren politischen Systemen, zu völlig unterschiedlichen Zeiten und Ausgangsbedingungen gelingen? Wachsen sich zunächst nette Kabbeleien und spitze Sticheleien zur ausgewachsenen Systemkritik aus – z.B durch Colettes kritische Äußerungen über die USA und den Kapitalismus zu Ende des Buches – und wird die Freiheit zum handfesten Hindernis, das einer gemeinsamen Zukunft entgegensteht?

Unterschiedliche Bedeutung von Freiheit

Die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg (Geb. 1949 in Zürich)
Die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg (Geb. 1949 in Zürich/CH)

Äußerst geschickt erzählen Quadflieg und Veigel diese Geschichte, die lapidar, doch ebenso gewichtig „Frei“ heißt. Sie schlagen wie im lockeren und leichten Flug Brücken zwischen hier und jetzt, zwischen Vergangenheit und verheißungsvoller Zukunft, die wiederum zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings mit dem Wind verwehen mag. Burkhart Veigel erfindet eine Liebesgeschichte, verwebt mit Roswitha Quadflieg äußerst raffiniert Fakten aus seiner Vergangenheit mit Fiktion. So sind Janus und Veigel in vielem eines und doch ganz anders. Veigel erschafft mit Janus Emmeran eine lebendige, virile und sehr vielschichtige Persönlichkeit, die eben nicht einfach einzuordnen ist, zwei Gesichter hat und ein eigenes Alter Ego. Mit der großen Liebesgeschichte am Lebensabend gelingt es ihnen mühelos und höchst effektiv, die unterschiedliche Bedeutung der Freiheit im Leben zwischen Ost und West zu thematisieren und spannungsgeladen das Glück – man fiebert wirklich mit – seinen Lauf nehmen zu lassen.

Ein Buch mit Mehrwert

FAZIT: Der Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel ist ein wunderbares Buch, dem es mühelos gelingt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Einen Bann um Janus Emmeran und dessen Freiheitskampf, sowohl im heißen Sommer 2016 und natürlich im Berlin der 1960er Jahre. Ein Buch mit Mehrwert, aus dem der Leser je nach Jahrgang ganz Unterschiedliches schöpfen mag.

Der Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel ist ein wunderbares Buch, dem es mühelos gelingt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Einen Bann um Janus Emmeran und dessen Freiheitskampf, sowohl im heißen Sommer 2016 und natürlich im Berlin der 1960er Jahre. Ein Buch mit Mehrwert, aus dem der Leser je nach Jahrgang ganz Unterschiedliches schöpfen mag. So kann es (wie für Burkhart Veigel) zugleich Aufarbeitung und Bewältigung sein, für mich (Jahrgang 75) ist es die erstmalige intensive Auseinandersetzung und hautnahe Begegnung mit der Geschichte der deutsch-deutschen Fluchthilfe. „Frei“ ist zugleich aber auch ein Denkanstoß, dass es mehr solcher außergewöhnlichen Menschen und solcher Engagements wie Veigels bedarf, um Freiheit auch für jene verwirklichen zu können, die sie im Jahre 2018 nicht als selbstverständlich zu erfahren vermögen. ♦

Roswitha Quadflieg, Burkhart Veigel: Frei – Roman, Europa Verlag, 338 Seiten, ISBN 98739589018

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Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

… sowie zum Thema Deutschland:
Gerhard Oberlin: Deutsche Seele – ein Psychogramm

Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei (Roman)

Alan Schweingruber: Simona (Roman)

Sommerliebe à la France

von Günter Nawe

Simona, Titelheldin des Debütromans von Alan Schweingruber, flieht aus ihrer Schweizer Ehe in die Arme des Barmanns Antoine an der Côte d’Azur. Beide Protagonisten tragen eine gehöriges Päckchen von Verletzlichkeit mit sich: Ehekrisen, wechselnde Männerbekanntschaften, der Tod der geliebten Frau Claire. Zwei „Unbehauste“. Simona ist der Enge ihrer Familie und dem Alltag entflohen, Antoine versucht sich in Trauerarbeit. Der Weg zueinander in der flirrenden Sommerhitze Südfrankreichs jedoch führt erst über eine Reihe von Umwegen. Und Glück und Unglück liegen nahe beieinander.

Alan Schweingruber - Simona - Roman-Rezension im Glarean MagazinBeide sind auf ihre Art Teil einer Gesellschaft von Mittdreißigern, die sich selbst ein Rätsel bleiben – auch wenn sie versuchen, dieses Rätsel durch Alkohol, Sex und Drogen – jeder für sich – zu lösen. Es sind die fatalen Abgründe unserer Zeit, die sich hier manifestieren bis hin zum Terroranschlag in Nizza im Juli 2016, der im Hintergrund dieses kleinen Liebesromans eine Rolle spielt. So hat dieser Roman Simona auch eine gesellschaftskritische Dimension.
Hinter dieser Geschichte verbirgt sich die Intension des Alan Schweingruber, der zeigen will, dass es ein Glück ist zu lieben – selbst wenn alles schiefläuft. Wie im Leben von Simona. Und dass dieses Glück nicht geplant, nicht vorhersehbar ist, sondern ein Produkt des Zufalls.

Unterschiedlich gelungene Buchkapitel

FAZIT: Alan Schweingruber, Schweizer Journalist und jetzt auch Autor eines literarischen Werks, lädt mit „Simona“ den Leser ein, eine Sommerliebe in Südfrankreich mitzuerleben. „Simona“ ist sein erster Roman, in dem er von Glück und Unglück erzählt und von der Liebe und ihren Unwägbarkeiten in einem gesellschaftskritischen Kontext. Eine spannende Sommergeschichte mit kleinen Mängeln, was die literarische Umsetzung betrifft, aber spannend und von gewisser Nachhaltigkeit.

Alan Schweingruber, Jahrgang 1972, lebt in Kilchberg bei Zürich. Er arbeitet als Journalist für verschiedene Medien. Mit seinem Romandebüt stellt er schon einmal hohe Anforderungen an sich selbst. „Es war mir von Anfang an wichtig, dass jedes Kapitel in meinem Buch spannend und unterhaltsam ist“, so die Selbstauskunft des Autors. Das allerdings ist ihm nicht immer gelungen. Manchmal erschließen sich die Zusammenhänge nicht, wenn einzelne Episoden mehr oder wenig zufällig aufeinanderfolgen, wenn Traum und Realität, wenn Ort und Zeit oft nicht voneinander zu unterscheiden sind.
Dennoch eine spannende Sommergeschichte – unterhaltsam und von gewisser Nachhaltigkeit. Wie gesagt: ein Romandebüt. Und es dürfte deshalb interessant sein, was wir von Alan Schweingruber künftig an Literatur erwarten können. ♦

Alan Schweingruber: Simona – Roman, 218 Seiten, Verlag Weissbooks, ISBN 978-3-86337-170-8

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Weitere Internet-Links zum Thema:

Alan Schweingruber: Simona (Roman)

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip (Roman)

Ein feministisches Erweckungserlebnis

von Günter Nawe

Wer glaubt, nach der Lektüre dieses Buches zu wissen, was das „weibliche Prinzip“ sei: Fehlanzeige. Vielleicht gilt das aber nur für Männer, die den neuen Roman von Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip gelesen haben. Frauen wissen darüber sicher mehr.

Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip - Roman - Rezension im Glarean Magazin

Meg Wolitzer weiß darüber auf jeden Fall eine ganze Menge. Als die berühmte amerikanische Autorin – sie hat unter anderem den großartigen Roman Die Interessanten geschrieben, für den sie als „one of America’s most ingenious and important writers“ bezeichnet wurde – einmal gefragt wurde, worüber sie schreibe, lautete die Antwort: „von Ehe, Familien, Sex, Begehren, Eltern und Kindern“. Und über den Feminismus. Er ist die Blaupause für die Geschichte, besser: die Geschichten, die Meg Wolitzer in Das weibliche Prinzip erzählt.
Wolitzer erzählt also die Geschichte des Feminismus – allerdings in Form einer Rückblende, was darauf schließen lässt, dass trotz augenblicklicher #MeToo-Debatten und des Trump’schen Machismo der Feminismus – der Roman endet im Jahre 2019 – erst einmal Geschichte zu sein scheint. Wie Feminismus allerdings geht, besser: wie er ging – Meg Wolitzer versucht es in ihrem dickleibigen Roman ausführlich zu beschreiben.

Klassische weibliche Entwicklungsgeschichte

Es ist ein fast klassische Entwicklungsgeschichte, die die junge Greer Kadetzky durchmacht. Als blausträhnige Studentin wird Greer von einem Kommilitonen blöd angemacht, indem er sie unerwartet an die Brust fast und sie auch noch, als sie sich dagegen wehrt, beschimpft: „Hier fickt dich keiner außer mir, Blausträhnchen. Und wenn, nur aus Mitleid.“ Ein feministisches Erweckungserlebnis, das ihren weiteren Lebensweg maßgeblich bestimmen wird.
Greer wird zur Feministin, zur Aktivistin unter Anleitung der älteren Faith Frank, einer Ikone des Feminismus, deren Buch Das weibliche Prinzip als eine Art Manifest gilt. Sie bringt sich in eine von Faith Frank gegründete Organisation ein, die sich ganz der Sache der Frauen widmet – in Form von Events, Vorträgen und Diskussionsrunden und von Fall zu Fall auch direkter Hilfe. Schnell wird Greer sozusagen zur rechten Hand der großen Faith.

Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY) - Glarean Magazin
Meg Wolitzer (geb. 1959 in Long Island /NY)

Zu diesem engagierten Leben, das sich als eine Art Selbsterfahrungsprozess darstellt, zu diesem „Kampf“ für die Rechte der Frauen gehört auch das Leben mit ihrem Freund, mit dem sie partnerschaftlich-befriedigenden Sex hat; eine gute Freundin, die ihre Freundin trotz einer großen Enttäuschung bleiben wird; zu diesem Leben gehört die Mutter, mit der sich irgendwann aussöhnen wird. Und natürlich ihre Mentorin, der sie treu ergeben ist. Soweit, so gut!
Faith Frank ist auf dem Höhepunkt ihrer feministischen Karriere. Ihr Buch hat Furore gemacht. Mit einer groß angelegten Stiftung will sie ihrer Arbeit die Krone aufsetzen. Dass sie sich dazu des Einflusses und des Geldes eines schwerreichen Mannes, mit dem sie einst einen One-Night-Stand hatte, bedient, macht sie allerdings angreifbar und korrumpierbar.

Wie Feminismus (nicht) geht

FAZIT: Die renommierte amerikanische Autorin Meg Wolitzer schwimmt mit ihrem Roman Das weibliche Prinzip etwas auf der Welle von #Me Too – und erzählt in einem groß angelegten Gesellschaftsplot die Geschichte des Feminismus. Mit den beiden Protagonistinnen Greer und Faith hat sie zwei eindringlichen Figuren geschaffen, die doch sehr unterschiedliche Facetten des Feminismus vertreten. Am Ende bleibt allerdings offen, was das weibliche Prinzip ist. Vor allem, wenn sich herausstellt dass Feminismus wie Machotum nach den gleichen Spielregeln geschieht – auf der Suche nach Macht und Erfolg. Männer und Frauen werden den Roman aus unterschiedlicher Perspektive lesen. Und das ist es, was diesen Roman so spannend und interessant macht.

Meg Wolitzer erzählt die beiden sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe in einer Art und Weise, die wir es aus vielen amerikanischen Romanen großer Autoren kennen, sozusagen als Great America Novel. Und sie macht es brillant, auch wenn sie oft weitschweifig wird, Umwege geht. Es gibt Szenen, die sich nur schwer in das Gesamtgefüge des Narrativen einordnen lassen, und Figuren, die plötzlich verschwinden, ohne dass ihre Bedeutung für die Geschichte erkennbar wird.
Schaut man hinter die Kulisse des zugegebenermaßen süffig zu lesenden Romans, stellt man fest: Das weibliche Prinzip ist – wie jedes männliche Prinzip – Macht. Die Art und Weisen, wie zur Macht zu kommen, sind sich mehr als ähnlich. Dabei ist es absolut irrelevant, ob Frauen auf andere Weise Macht zu erreichen versuchen als Männer. Das gilt auch für die Sucht nach Erfolg. Feminismus bedeutet also, dass Frauen „ein faires und gutes Leben“ (Meg Wolitzer) wollen – wie immer es letztlich auch aussehen mag.
Und weil dem so ist, können wir herauslesen, dass Feminismus eigentlich nicht geht. Vielleicht ist das nur der männliche Blick, und Frauen mögen das anders sehen. Aber genau das ist das Schöne an diesem Roman. – diese verschiedenen Sichtweisen, die er zulässt. Und vielleicht ist das Ende des hier beschriebenen Feminismus der Beginn einer neuen Welle. ♦

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip – Roman, 495 Seiten, DuMont Verlag, ISBN 978-3-8321-9898-5

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Donat Blum: Opoe

… sowie über die Novelle von
Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip (Roman)

Donat Blum: Opoe (Roman)

In Teilen gelungen, im Ganzen gescheitert

von Isabelle Klein

Die hohen Erwartungen, die Donat Blum mit seinem Roman „Opoe“ durch den Verweis – Zitat im Vorwort – auf Herzogs Film „Fitzcarraldo“ und dessen Opernbau erweckt, nämlich die Grenzen des Erreichbaren zu sprengen, das Verrückte zu verwirklichen, alles zu wollen, diese Erwartungen erfüllt das beinahe lapidare Ende nicht. Damit ist hier das Buch von hinten aufgerollt, da diese Betrachtung am sinnvollsten erscheint. Ein Buch, eine Sinnsuche: Wider Banalitäten, Schwarzweißmalerei; gegen Dualität und verbundene Einordnungen – so das Anfangsversprechen.

Ein vergebliches Leben

Donat Blum - Opoe - Roman-Rezension - Ullstein Verlag - Glarean MagazinSehr gelungen beginnt der Autor seinen Erstling, in dem alles im Fluss scheint, in dem die schwer fassbare Suzanne, die niederländische Oma (Opoe), in ihrer Schweizer Wahlheimat sich jeder Kategorisierung entzieht. Eine introvertierte Frau, die die Oper liebt, genau wie sie Wien liebt, ohne jedoch jemals eines von erlebt zu haben. Ein sinnloses Leben, urteilt der Enkel. „Diese Trauerfeier war das Tüpfelchen auf dem i eines vergebenen Lebens. Der Deckel zum Töpfchen der Sinnlosigkeit“ (Seite 11). Mitten in die Geschichte geworfen, erwartet man durch Fitzcarraldo Famoses, ist in Bann gezogen. Karl Lagerfeld hat einmal gesagt, der Sinn des Lebens sei … ja, was?! Simpel die Antwort: Zu leben!
Insofern polarisiert Blums Anspruch, das Leben einer Frau, die er so gut wie nicht kennt, „aburteilen“ zu können. Acht Jahre sind seit dem Tag vergangen, als er vorübergehend zu Studienzeiten bei der Oma in Bern lebte. Sporadisch der Kontakt seitdem. Man kennt sich nicht wirklich, bleibt einander fremd.

Im Beziehungsgeflecht verflacht

Im Jetzt: die Beerdigung. Beziehungsgeflechte des Enkels, Sinn- und sexuelle Identitätssuche entfalten sich unvermittelt. Der Autor, der wohl zugleich Enkel und Protagonist ist, will Querverbindungen aufzeigen, hat das Gefühl, die Erforschung der Vergangenheit der Oma helfe ihm, sich selbst zu finden.
Deswegen begibt er sich vom Ursprung des Rheins an dessen Ende. Ein widersprüchliches und gerade deswegen gewinnbringendes Bild entfaltet sich vor dem Auge des Lesers, bis das Ganze m.E. in zu viel Beziehungssinnsuche des Enkels ausartet und dadurch verflacht, wobei leider auch Opoe auf der Strecke bleibt.

Perspektiven-Wechsel und Zeitsprünge

Perspektiven-Verschiebungen, Zeitsprünge, Dinge im Fluss, das alles macht das Lesen durchaus interessant. Aber kurze, abgehakte 1-2-Seiten-Kapitel bringen keine Dynamik in „OPOE“.
Blum übernimmt sich, läuft beim Seelenstriptease auf Sand und begeht den Fehler, dass er sich gegen Ende etwas zu sehr in Sex versteigt. Während das Feuilleton bei letzterem gerne über „Altherrensexphantasien“ ätzt, die so keiner braucht, bin ich diesbezüglich der Meinung, dass weniger mehr ist und explizite Erwähnungen einen gewissen Müdigkeitsfaktor erzeugen.
Harsche Worte? Vielleicht, aber nach einem überaus vielversprechenden Beginn, der geradezu kafkaesk anmutet in seiner elliptischen Erzählperspektive, mit Rückblenden und Perspektivwechseln sowie kurzen, sporadischen Episoden und Kapiteln hin und her springt und dem Leser einiges abverlangt, wird das Versprechen, dass eine besondere Beziehung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Menschen bestünde, nicht gehalten.
Nach also exzellentem Beginn, in dem man voller Fragen ist und sich diese auch im Hinblick auf die eigene Erfahrung mit den Großeltern, samt verpassten Chancen und Auswirkungen, zu stellen bereit ist, verflacht „Opoe“ im Mittelteil zusehends. Man nähert sich der wenig greifbaren Frau, die zu Beginn so gelungen charakterisiert wird, eben nicht weiter an. Oberflächliche Erzählung von Stationen ihres Lebens, Schilderungen fast schon banaler Gegebenheiten lassen Erwartetes zurücktreten. Stattdessen zu viel Sinnsuche in sexueller Erleichterung.

Identitätsfindung auf halbem Wege

Blum schafft es leider nicht ansatzweise, die geweckte Faszination dieser merkwürdigen Großmutter, die so (wunderbar) schwer greifbar und fassbar erscheint, die ihren Enkel siezt und so wenig großmütterlich wirkt, auszubauen. „Geweckte“ Erwartungen sollten auch in einem Erstlingswerk erfüllt werden. Der Klappentext: „[…] mit verblüffender Leichtigkeit erzählt Donat Blum in seinem Debüt […] von den großen Fragen des Lebens.“ Wirklich?
Große Fragen beschränken sich eben nicht, dachte ich zumindest, weitestgehend auf Identitätsfindung durch Beziehungssuche bzw. auf die Frage, ob man mit einem Partner oder mehreren glücklich werden kann. Sondern sie betreffen alle Aspekte des Lebens. Aber vielleicht hat sich mir auch ganz einfach der Sinn von „Opoe“ nicht erschlossen, wer weiß…

Zwischen Bedeutsamkeit und Beliebigkeit

Kurz und bündig: Gerade im letzten Drittel weitet sich das, was sich schon im Mittelteil abzeichnet, ganz enorm aus. Begebenheiten werden gestreift, verkommen durch Kürze und mangelnde Tiefe in ihrer Bedeutsamkeit zur Beliebigkeit und lassen eines fehlen: Intensität und Sinn. Auch unter scheinbar Oberflächlichem lässt sich eben keine Tiefe und Bedeutsamkeit finden. Das Fluide, das Sein selbigens im Urlaub; mit wechselnden bzw. gleichzeitigen Partnern, im Sein der offenen Beziehung; im Austesten des Ertragbaren – dies alles führt eben nicht dorthin, wo es scheinbar soll, nämlich zu tieferem Sinn, zum Erkenntnisgewinn.

In Teilen gelungen, im Ganzen gescheitert

FAZIT: Das Roman-Debüt „Opoe“ von Donat Blum ist ein ambitionierter Versuch, in Teilen gelungen, im Großen gescheitert. Nichtsdestotrotz ein bereicherndes Leseerlebnis, in dem viele Fragen geweckt werden, wenngleich Donat Blum die Erwartungen nicht ganz befriedigen kann

Warum ist beispielsweise diese vergangene Frau plötzlich so wichtig für ihn? Warum fühlt er sich ihr posthum so nah? Was ist davon die Quintessenz, außer dieser: mit kleinen Dingen zufrieden sein? Und leider wird auch das Unzuordenbare ab der Mitte viel zu dual. Die einen sagen, Opoe sei eine Lebefrau, eine Verschwenderin gewesen, wohingegen sie doch auch an andere dachte, selbst Geld verdiente, sich aber nie emanzipierte. All das ist letztlich weit weg vom hehren Anspruch des Beginns, dass Unfassbare zu fassen, Grenzen zu sprengen, multikausal das Schubladendenken ad acta zu legen.

Das Roman-Debüt „Opoe“ von Donat Blum ist ein ambitionierter Versuch, in Teilen gelungen, im Großen gescheitert. Nichtsdestotrotz ein bereicherndes Leseerlebnis, in dem viele Fragen geweckt werden, wenngleich Donat Blum meine Erwartungen nicht befriedigt hat. Zuviel Joel, Yuri und Levin (Männer im Leben des Enkels) gegen Roman-Ende lassen das Sujet leider blass aussehen. ♦

Donat Blum: Opoe – Roman, 176 Seiten, Ullstein Verlag, ISBN-139783961010127

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Roman-Rezension von
Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen

Donat Blum: Opoe (Roman)

Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen (Roman)

Krimi mit philosophischem Tiefgang

von Karin Afshar

„Wenn ein Buch, das zu besprechen ich gebeten wurde, mich nach 40 Seiten nicht angesprochen hat … bespreche ich es nicht.“
Diesen Satz hatte ich mir vor beinahe mehr als 10 Jahren hinter die Ohren geschrieben. Mindestens 30 Bücher marschierten in dieser Zeit vor mir auf, um von mir gelesen und anschließend wohlwollend besprochen zu werden. Unter ihnen ungefähr fünf „Verrisse“. Ich habe mich eben doch nicht immer an meinen Leitsatz gehalten…
An drei Verrisse kann ich mich ziemlich genau deshalb erinnern, weil es mir extrem unangenehm ist, einem Buch, dem Schreibstil oder der Behandlung eines Themas die Empfehlung an ein weiteres Lesepublikum nicht auszustellen. Doch sehe ich es als meine verdammte Pflicht, Etikettenschwindel, große Ankündigungen und schwache Umsetzungen aufzudecken. Zum aktuellen Buch: Auch der als „philosophischer Roman“ angekündigte Titel „Der Tod in Potenzen“ von Simone Stölzel ist bei mir durchgefallen.

Viel gewollt, wenig gekonnt

Simone Stölzel - Der Tod in Potenzen - Philosophischer Roman - Herder Verlag - Rezension Glarean MagazinIch entsinne mich des Buches einer Iranerin, die in Deutschland mit ihrer Lebens- und Leidensgeschichte gepuscht wurde [siehe die Rezension im Glarean Magazin über Ameneh Bahrami: Auge um Auge]. Abgesehen davon, dass der Text vermutlich von einem Ghostwriter (gar nicht mal von ihr selbst) verfasst war, wimmelte es nur so von emotionalen Klagereien – sowohl schlecht aus dem Persischen übersetzt, als auch mit interkulturellen Irrtümern behaftet. Anstatt zu einem solchen Buch rate ich dann doch lieber gleich zu einer Hedwig Courths-Mahler-Schmonzette. Wer sich auf dem Literatur-Markt auskennt, weiß, wie das Geschäft mit der modernen Betroffenheitsliteratur läuft. Dass hier unter dem Deckmantel der Aufklärung über sogenannte wahre Begebenheiten Klischees bedient werden, ist nicht ungefährlich.
Eine zweite Negativ-Besprechung erhielt das Werk einer Französin (vielleicht liegt es ja an misslungenen Übersetzungen, dass ich keinen Zugang zum Thema oder zum Protagonisten finde) – in diesem Fall war es die eindeutige Verhackstückung der Sprache, die mir gegen den Strich ging [siehe die Rezension im Glarean Magazin über Hélène Cixous: Manhattan]. Vorwerfen kann ich der Autorin ihren Dekonstruktivismus nicht, aber ich persönlich mag es nicht, wenn ich als Leserin für eine Mission eingespannt werde. (Das mögen natürlich andere Leser anders sehen, aber nun gut – auch Buchbesprecher sind Menschen.)
Ein drittes Buch – Gedichte! Also, Lyrik muss man im Blut haben. Lyrik heißt nicht zwangsläufig, dass es sich reimen muss – aabb oder abab oder abba (die noch raffinierteren anderen Reimformen lasse ich beiseite). Lyrik bedeutet vielmehr Rhythmus und Melodie. Und selbst wenn die „Auflösung“ derselben gedichtet wird, ist „Dichten“ eine hohe Kunst, die ich erst einmal beherrscht haben muss, um sie hinter mir zu lassen. Aber wenn da kein Gespür für das Wort ist, … ich maße mir an, dergleichen zu erkennen. In jenem Gedichteband sah ich sowohl mein Sprachempfinden als auch die Rhythmik der deutschen Sprache beleidigt.
Nahezu jedes Buch indes gewinnt mein Herz, wenn ich einen „Genius“ darin entdecke. Jenen Funken Wirklichkeit, den man nicht wollen kann, der außerhalb unserer Absicht west. Und der steckt bereits in den ersten Seiten und strahlt! Glauben Sie mir.

Ein philosophischer Moloch

Der als „philosophischer Roman“ angekündigte Titel „Der Tod in Potenzen“ von Simone Stölzel ist bei mir durchgefallen. Bereits nach spätestens 40 Seiten. Ein philosophischer Moloch … viel gewollt, wenig gekonnt.
Doch zunächst: eine Inhaltsangabe. Um mir nicht die Finger wundzutippen, kopiere ich einfach aus der Verlags-Ankündigungsseite:

In „Der Tod in Potenzen“ sucht Privatdetektiv Walter Hertz nach dem Homöopathen Dr. Simon Geiger, der seit Wochen spurlos verschwunden ist, und stößt auf vielerlei Seltsamkeiten. Geiger begegnet ihm wiederholt in seinen Träumen, merkwürdige Gegenstände und Symbole tauchen auf, von einem Tag auf den anderen erhält er anonyme Drohanrufe. Hertz muss sich mit versponnenen Homöopathen und aggressiven Schulmedizinern, enttäuschten Frauen und immer wieder mit der Frage auseinandersetzen, was für abgründige Forschungen Geiger eigentlich betrieben hat. Dabei scheint alles um zwei Themen zu kreisen: Was ist eigentlich die Zeit? Und: Was geschieht mit uns, wenn wir auf vernünftige Fragen keine plausiblen Antworten erhalten? Hier geht es um ein hintersinniges Spiel mit verschiedenen Reflexions- und Bedeutungsebenen, um schwarzromantische Motive wie um philosophische Ideen, die mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Und dabei dürfen die Leser dem Detektiv beim Denken stets über die Schulter schauen.

Homöopathisch in die Länge gezogen

Ich begann interessiert zu lesen, immerhin war der Hinweis auf die Homöopathie der Anlass gewesen, mich des Titels überhaupt anzunehmen. Ich war gespannt darauf, wie Simone Stölzel den Spagat hinbekäme. Sagt Ihnen „Arsenicum album“ etwas? Abgesehen davon, dass dieses Mittel eines der bekanntesten Konstitutionsmittel in Samuel Hahnemanns heilkundlichem System darstellt, ist es das Thema im ersten Kapitel. (Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass jedes Kapitel den Namen eines Mittels trägt, und dieses im Text sehr deutlich und aufdringlich als Mittelbild dargestellt wird. Nachlesen kann der Leser die Mittelbilder zusammengefasst am Ende des Buches.)

Die deutliche Beschreibung, ja, die übergenau gezeichnete Arsenicum-album-Persönlichkeit mag für einen Homöopathie-Eleven faszinierend sein, für die Exposition eines Krimis ist sie tödlich. Die Arsenicum-Album-Persönlichkeit in ihrer unerlösten Form ist eher jemand, der Türen schließt, statt sie zu öffnen. Das erste Kapitel zieht sich in die Länge.
Die Autorin schreibt wortverliebt und steckt ambitioniert auch in ihre weiteren Handlungsbeschreibungen viele Details hinein. Der Protagonist beginnt seine Ermittlung, etwas zwischen einem „stream of consciousness“ und körpersprachlichen Details ist das Ergebnis. Der Leser – in diesem Fall ich – vermag kaum mehr Luft zu bekommen, so dicht und voll ist der Raum zwischen den Zeilen.

Ein noch nicht spannender Krimi

Im zweiten Kapitel wird der Detektiv in die Wohnung des Verschwundenen geschickt; wiederrum wird detailreich jede Bewegung seinerseits geschildert. Nun wird es eine Mischung aus Schnitzeljagd, Erkenntnisweg und (noch nicht spannendem) Krimi.

FAZIT: Es hätte der Homöopathie gut getan, wenn Simone Stölzel in ihrem „Tod in Potenzen“ zu den ausgewählten homöopathischen Mitteln Kurzgeschichten verfasst hätte. Es hätte dem Kriminalfall gut getan, wenn die Autorin vielleicht allenfalls dem Protagonisten und dem Homöopathen ein Mittel zugewiesen und diese als „Gegenspieler“ oder Antidote gezeichnet hätte, subtiler aber bitte, nicht so derart augenfällig. Es hätte der Philosophie gut getan, wenn man sie ganz rausgelassen hätte, zumindest aus der Ankündigung und auf dem Bucheinband…

Was ist hier los? Dreierlei – schätze ich:
• Es haben sehr viele Leute mitgewirkt, gegengelesen, lektoriert (liest man in der „Danksagung“!) – und das ist vermutlich auch das Verderben. Keiner hat aber gemerkt, dass man kürzen, straffen müsste… Vor allen Dingen hätte es ein Fokus getan: Entweder über die Zeit philosophieren, oder über die Homöopathie schwätzen.
• Auch ich kenne den Wunsch, ein altes, wiedergefundenes Manuskript wieder zu beleben. Mensch, man war doch damals mit Herzblut dabei! Das Neuschreiben ist ein schwieriges Unterfangen und verlangt konzentrierte Selbstkenntnis. Es ist sehr schwer, von unreiferen Schreibgewohnheiten herunterzukommen. In diesem Fall ist es nicht gelungen. Die Autorin ist von ihrem früheren Stil (den ich nur erahne – z.B. hat sie schulaufsatzmäßig zu viele Adjektive dort eingesetzt, wo diese eher stören als weiterbringen) nicht zu einer neuen, gewachsenen, erwachsenen Form gelangt. Entstanden ist eine fleißig gesammelte und „richtig“ recherchierte Arbeit – aber sie liest sich langweilig. Es fehlt der Geistesfunke.
• Ich weiß, wovon ich spreche – denn soooo habe ich auch mal geschrieben, vor 20 Jahren. Im Rausch der eigenen, subjektiven Begeisterung, einer Welterkenntnis und dem Wissen über ein interessantes, faszinierendes Randgebiet auf der Spur zu sein, habe ich viel zu viel gewollt, doziert und damit die Erzählung ermordet.

Bitte subtiler!

Kurz zusammengefasst: Es hätte der Homöopathie gut getan, wenn Simone Stölzel in ihrem „Tod in Potenzen“ zu den ausgewählten homöopathischen Mitteln Kurzgeschichten verfasst hätte. Es hätte dem Kriminalfall gut getan, wenn die Autorin vielleicht allenfalls dem Protagonisten und dem Homöopathen ein Mittel zugewiesen und diese als „Gegenspieler“ oder Antidote gezeichnet hätte, subtiler aber bitte, nicht so derart augenfällig. Es hätte der Philosophie gut getan, wenn man sie ganz rausgelassen hätte, zumindest aus der Ankündigung und auf dem Bucheinband. Die Leser kommen schon von selbst darauf. Si tacuisses, philosophus mansisses. ♦

Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen – Philosophischer Roman, 320 Seiten, Herder Verlag, ISBN 978-3-495-48977-2


Dr. Karin Afshar

Karin Afshar - Glarean MagazinGeb. 1958 in der Eifel/D, Studium der Sprachwissenschaft, Finn-Ugristik und Psychologie, Promotion, zahlreiche belletristische und fachwissenschaftliche Publikationen, lebt in Bornheim/D

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Simone Stölzel: Der Tod in Potenzen (Roman)

Edgar Rai: Halbschwergewicht (Roman)

Vom Opfer zum Täter

von Christian Busch

„Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei. […] Der schreckliche Augenblick war gekommen (schrecklich, Franze, warum schrecklich?), die vier Jahre waren um. Die schwarzen, eisernen Torflügel, die er seit einem Jahr mit wachsendem Widerwillen betrachtet hatte [Widerwillen, warum Widerwillen?), waren hinter ihm geschlossen. Man setzte ihn wieder aus. […] Die Strafe beginnt…“

…und mit ihr die Geschichte des Franz Biberkopf in Alfred Döblins populärem, bahnbrechendem Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahre 1927.

Knapp 90 Jahre später befindet sich der halbschwergewichtige Boxer Lucky alias Stefano Ferrante in der gleichen Situation, als er nach Verbüßung seiner dreieinhalbjährigen Haftstrafe wegen angeblicher Ermordung einer Edelprostituierten die Berliner Justizvollzugsanstalt – allerdings mit elektronischer Fußfessel – verlassen darf. Und so präsentiert sich der neue Roman „Halbschwergewicht“ von Edgar Rai, dem vielseitigen und immer für literarische Überraschungen guten, in Berlin lebenden Autors, zunächst als – allerdings lebendig und unterhaltsam gestaltete – Sozialstudie.

Nicht ohne Klischees, aber in sich stimmig

Edgar Rai - Halbschwergewicht - Roman - Cover - Piper Verlag - Rezension Glarean MagazinLuckys ein wenig klischeehaftes, aber stimmiges Schicksal ist das eines früh enttäuschten, vom Vater verlassenen und aus Arbeiterverhältnissen stammenden Jungen, der sein Aggressionspotential und sein Talent im Boxen entdeckt und trotz fürsorglicher Betreuung durch seinen Trainer Helmut in falsche Kreise und Milieus gerät. Als er sich in Yvonne verliebt, verliert er vollends die Übersicht, so dass seine kriminelle Umgebung in Gestalt von Nino und Marcello ihn aufs Kreuz legt, indem sie ihm Yvonne ausspannen und ihm einen Mord an der attraktiven, halbseidigen Djamila anhängen. Zu allem Unglück hatte er sich in seinem letzten Kampf eine auch noch abgesprochene Niederlage durch K.O. eingehandelt. So Lucky Loosers erster Weg zu Helmut, von dem er sich Hilfe und Aufklärung der Ereignisse von damals erhofft. Doch bevor es zum Gespräch kommt, liegt Helmut von einer Kugel getroffen tot auf dem Tisch – und steht Lucky mit seiner verbeulten Visage und stotterndem Wesen als dringend Tatverdächtiger schon wieder in äußerster Bedrängnis.

Zwischen Roman und Krimi

FAZIT: Der neue Roman von Edgar Rai: Halbschwergewicht knüpft nur im ersten Teil an Döblins epochalen Großstadtroman und Sittengemälde an, dennoch gelingt ihm ein unterhaltsamer, fesselnder, verschiedene Genres gekonnt mischender Roman, der besonders aufgrund seiner cineastischen Visualität und menschlichen Nähe zu seinen Figuren überzeugt.

Doch wenn der personale Erzähler dann in die Rolle des 27-jährigen Kriminalassistenten Florian Seibold schlüpft, verwandelt sich der Roman in eine Kriminalgeschichte. Seibold und seine deutlich ältere, aber ungemein attraktive Chefin Frau von Engelbrecht beschäftigen sich nun mit der Fahndung nach Lucky und den in der Folge passierenden Ereignissen, deren Aufklärung sie auch – und das ist vielleicht das gelungenste am Roman – persönlich einander immer näher kommen lässt. Diese geschickte Doppelperspektive lässt den Leser nun immer schwanken zwischen der Sorge um das Schicksal des armen Preisboxers und dem Gefallen an den sympathischen, um die Lösung des mysteriösen Falles bemühten Kriminalbeamten.

Ein Hauch von Gaunerromantik

Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung (Glarean Magazin)
Autor Edgar Rai in einer öffentlichen Bücherlesung

Es folgt Luckys turbulente und manche Überraschung bietende Großstadtodyssee, die zunächst zum seelenverwandten Mauerblümchen Babsi, dann aber in Box- , Rotlicht- und Goldkettchen-Milieu führt. Luckys wundersame Wandlung vom passiven Opferlamm zum kühl kalkulierenden Akteur erlebt der Leser parallel zur holprigen, von gegenseitigen Anziehungskräften flankieren Untersuchungsarbeit des Kommissar-Duos. Das ist stets unterhaltsam und – wie man es vom Autor längst gewohnt ist – bestens in szenisch-visueller Manier aufbereitet, so dass man sich als Leser wie im Kino fühlt. Das Ganze kulminiert in der orgiastischen Szene, in welcher dem von Koks, Viagra und Alkohol vollgepumpten Marcello beim befohlenen Vögeln von Yvonne eine Kugel die Gehirnmasse aus dem Kopf quillen lässt. Längst ist aus dem als Sozialstudie beginnenden und als Krimi fortgesetzten Roman ein Action-Thriller geworden, dessen flott komponiertes Ende durchaus moralische Bedenken aufkommen lassen könnte.
Am Ende weht jedoch ein Hauch von Gaunerromantik über dem Roman, welcher den Leser die Grenzen seiner Freiheit ein Stück weiter setzen lässt als vielleicht moralisch üblich – Tschick lässt grüßen!

Edgar Rai: Halbschwergewicht – Roman, 272 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05885-8

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Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

Edgar Rai: Halbschwergewicht (Roman)

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman)

Ein Leben ohne Gedächtnis

von Günter Nawe

Vor wenigen Wochen ist sie 80 Jahre alt geworden: Joyce Carol Oates, amerikanische Schriftstellerin von Rang, Autorin großer und bedeutender Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten. Mehrfach würde sie bereits für den Literaturnobelpreis nominiert.

Joyce Carol Oates Der Mann ohne Schatten Roman-Literatur-Rezension Glarean Magazin„Die Liste meiner Bücher ist überwältigend“, hat sie einmal gesagt. Und in der Tat, vor dem Leser liegt ein Lebenswerk. Als wäre das nun mit 80 immer noch nicht genug, legt die Autorin ein neues Buch vor. Und nicht nur das: Joyce Carol Oates hat – wie schon so häufig – für ihren Roman „Der Mann ohne Schatten“ einen ungewöhnlichen Stoff gewählt und daraus eines der aufregendsten Bücher der Saison geschrieben.

Neurowissenschaft im Roman

Protagonist dieses Romans ist Elihu Hoppes, ein renommierter Wirtschaftsprofi, der im Alter von 37 Jahren sein Gedächtnis verliert. Die medizinische, die neurologische Diagnose: „Während er allein auf einer Insel im Lake George, New York, zeltete, infiziert er sich mit eine besonderen virulenten Form der Herpes-simplex-Enzephalitis, die sich in der Regel als Fieberbläschen auf einer Lippe manifestiert und innerhalb weniger Tage wieder vergeht; in seinem Fall wanderte die Virusinfektion durch den Sehnerv bis ins Gehirn, wo sie ein protrahiertes hohes Fieber auslöste, das sein Erinnerungsvermögen schädigte.“ –
Der Leser wird sehr viele Passagen dieser Art lesen, mit denen wissenschaftlich untermauert, die seltene Erkrankung des Patienten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen verdeutlicht werden. Diese Passagen sind wesentlicher Bestandteil dieses Romans, ohne dass die Lesbarkeit leidet.

Ein Erinnerungsvermögen von 70 Sekunden

Zurück zum Geschehen. Elihu Hoppes ist seither ein Fall für die Neurowissenschaft. Erinnert er sich noch an das eine und andere vor der Erkrankung, ist er ,obwohl mittlerweile um einiges älter, auf dem Niveau des Siebenunddreißigjährigen geblieben. Und dessen Erinnerungsvermögen aktuell genau 70 Sekunden beträgt.

FAZIT: Erinnerung für 70 Sekunden – und ein Fall für die Wissenschaft. Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates hat mit „Der Mann ohne Schatten“ einen überzeugenden Roman geschrieben – einen Roman auch über einen Gedächtnisverlust und eine unmögliche Liebe, über den Widerstreit von Gefühl und Verantwortung, über Einsamkeit und Nähe. Thematisch wie sprachlich gelungen.

Ein Fall, mit dem sich die renommierte Neurowissenschaftlerin Margot Sharpe intensiv beschäftigt. Über Jahre hinweg beobachtet sie den Probanden, unterzieht ihn verschiedenen Tests, veranlasst laufende Untersuchungen, um hinter das Geheimnis des Gedächtnisverlustes zu kommen. Ihn, „der in ewiger Gegenwart gefangen“ ist. „Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten“. Elihu vergisst immer sehr schnell, wer er ist. Auf einen Nenner gebracht: Elihu Hoppes führt ein Leben ohne Gedächtnis. Ein Leben, das auch bestimmt wird durch ein Erlebnis in früher Kindheit, bei dem es um die Ermordung seiner elfjährigen Cousine geht. Es begleitet ihn fragmentarisch auch in der Zeit nach dem Gedächtnisverlust und wirkt wie eine Art Fluch.

Wechselnde Erzählperspektiven

Joyce Carol Oates - Glarean Magazin
Joyce Carol Oates

Dann aber passiert etwas, was nicht sein darf – und Margot Sharp weiß das: Zwischen der Wissenschaftlerin und dem Patienten entwickelt sich eine Beziehung. Käme das heraus, wäre ihr Ruf ruiniert. Dennoch: Sie „lebt“ mit ihrem Probanden über dreißig Jahre sozusagen als Geliebte, gaukelt ihm vor, sie wäre seine Frau. Die Frau eines Mannes, der trotz seines Gedächtnisverlustes attraktiv und vital ist, Tennis spielt und auch sexuell aktiv ist. Eine unmögliche Beziehung also. Margot ist sich der Problematik ihrer Beziehung bewusst, kann aber von ihr zunehmend weniger lassen und gerät auf diese Weise immer stärker in Gewissensnöte bis hin zu einer veritablen Lebenskrise.
Immer wieder ändert Joyce Carol Oates die Erzählperspektive und schafft so, nicht zuletzt durch eine eingebaute Krimistory, Spannung. Mal erzählt Hoppes, mal Margot, dann wieder Dritte. Auf diese Weise gelingt des der Autorin, ein heikles, wissenschaftlich grundiertes Thema lesergerecht aufzubereiten. Sie tut es in diesem Roman über die Liebe, die Erinnerung, über die Einsamkeit und Nähe mit großem Einfühlungsvermögen in die Psyche ihrer Figuren.

Authentizität durch Realität

Der Mann ohne Gedächtnis ist ein Roman. Dass ihm ein tatsächlicher Fall zugrunde liegt, erhöht die Authentizität der meisterhaften Schilderung der Autorin, die auch gekonnt auf der komplexen Klaviatur von Psychologie und Neurologie spielt. Joyce Carol Oates: „Ich wollte einen Roman schreiben über eine sehr intensive Beziehung zwischen einer weiblichen Wissenschaftlerin und ihrem männlichen Forschungsobjekt“ und „Darüber, wie ihre intensive Freundschaft zu einer erotischen und gleichzeitig zutiefst emotionalen Beziehung wird.“ – Das ist ihr überzeugend sowohl von der Thematik her als auch sprachlich gelungen. ♦

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten (Roman), 378 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397276-4

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Patrick Worsch: Fotomord (Roman)

Ein Täter wider den Trend

von Horst-Dieter Radke

Eine alleinerziehende Mutter in Wien verliert ihren Job an einer Tankstelle, weil sie einer Prominenten untersagt hat, Bilder aus dem Kindergarten, auf denen auch ihr Sohn zu sehen ist, zu posten. Ein stiller Verehrer, der von Anfang an als Sonderling gezeichnet wird, bekommt das mit und will Rache nehmen für die Angebetete. Die Tochter der Familie, die für die Entlassung verantwortlich ist, will er entführen und so auf das Problem aufmerksam machen, dass Eltern Bilder ihrer Kinder öffentlich machen ohne dass diese eine Chance haben, sich dagegen zu wehren. Der Gatte ist außerdem noch ein Politiker, der gerade im Wahlkampf steht und auf Populismus setzt. Die ganze Sache läuft aber aus dem Ruder und endet schlimmer als geplant.

Die Hässlichkeit unserer Onlinekultur

Patrick Worsch - Fotomord - Roman - Amazon Cover - Glarean MagazinLeser, die einen Thriller mit zeitaktuellem Thema lesen wollen, bekommen diesen in dem neuen Roman „Fotomord“ von Patrick Worsch auch geliefert, aber anders als erwartet. Spannungsmomente sind dünn gesät, stattdessen gibt es seitenlange Dialoge, in denen Meinungen und Vorstellungen ausgebreitet werden, auch von Personen, die nur am Rande auftauchen und keine handlungstragenden Rollen spielen. Das Thema selbst – Veröffentlichen von privaten Fotos, insbesondere von Kindern, in aller Öffentlichkeit – wird zwar immer wieder aufgegriffen, aber meistens in extremer, von der Normalität abweichender Form.

Das Figurenpersonal ist meist grob verzerrt gezeichnet: Stillvogel, der alte Nachbar des Sonderlings Trommler, den dieser freiwillig und unentgeltlich zur Dialyse fährt, ist ein negativer, schimpfender, sich in Zoten ausdrückender und überheblicher Mitbürger, wie wir ihn uns alle auch in der gemäßigten Form nicht wünschen. Der Bruder jener arbeitslos gewordenen Frau ist ein assimilierter Serbe, der wunderbar das Negativbild der Balkaneuropäer spiegelt. Als sich später die Presse und die ganze Gesellschaft gegen ihn wendet, weil er plötzlich verhaftet wird und als Täter gilt – was er nicht ist –, wird dieses Bild noch gröber. Im zweiten Teil gibt es Einschübe mit Hashtag, die die Onlinekultur unserer Zeit in all ihrer Hässlichkeit zeigen. Einzig hierbei geht es aber letztendlich harmloser zu als in der Realität.

Stilistisch entwicklungsfähig, aber facettenreich

FAZIT: Der Roman „Fotomord“ von Patrick Worsch reißt ein höchst aktuelles Problem unserer Web-2.0-Welt an: Sind Kinderbilder in den Social Medias als Ausdruck elterlicher Liebe zu werten? Oder sind sie bereits Kindesmissbrauch? Self-Publisher Worsch schreibt zwar psychologisch nachvollziehbar und differenziert über den Täter und sein Umfeld – wenn auch manchmal grob überzeichnet -; schrammt das Thema selbst aber nur am Rande. Wer einen puren Spannungsthriller erwartete, wird enttäuscht, wer eine literarische Beschäftigung mit dem Problem der Tätermotivation sucht, kommt auf seine Kosten.

Kein richtiger Thriller, keine spannende Lektüre, übertriebene Darstellung des Romanpersonals – lohnt es sich denn, diesen Roman zu lesen? Doch, das lohnt sich durchaus, nämlich vor allem dann, wenn man sich auf diesen „anderen Thriller“ einzulassen bereit ist. Man legt den Thriller „Fotomord“ vielleicht öfters aus der Hand, als man es bei diesem Genre gewöhnt ist, aber man denkt möglicherweise auch mehr über die einzelnen Facetten der Übertreibungen – bei Personen und Handlung – nach. Der anfangs sehr im Trüben bleibende Trommler, den man sich zunächst gar nicht richtig vorstellen kann, gewinnt nach und nach Kontur, bis er zum Schluss in seiner ganzen Zerrissenheit, aber deutlich vor dem inneren Auge des Lesers steht. Dies ist gut gelöst worden, zumal er, obwohl Täter, der Protagonist des Romans ist. Antagonist ist jemand anderes.
Zu raten ist dem Autor aber für seine folgenden Bücher, bei den überlangen Dialogen lieber etwas zu kürzen. Und das Lektorat sollte sein Augenmerk vielleicht ein wenig auf die umgangssprachlichen Details richten. Es ist zum Beispiel so oft von „Schnallen“ die Rede, das man dann doch hier und da irritiert ist… ♦

Patrick Worsch: Fotomord (Roman), 632 Seiten, CreateSpace Publishing (Kindle Edition – Amazon), ISBN 978-3-200-05609-1

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Patrick Worsch: Fotomord (Roman)

Philip Teir: So also endet die Welt (Roman)

Ein Urlaub am Meer

von Günter Nawe

Ein Urlaub am Meer, in der Einsamkeit Finnlands. Ein altes, schon etwas verfallenes Ferienhaus. Diese Landschaft, dieses Haus wird im Roman von Philip Teir: So also endet die Welt zum Kristallisationspunkt einer dramatischen Familiengeschichte – eher noch: von vier sehr unterschiedlichen Beziehungsgeschichten.

Philip Teir - So also endet die Welt - Roman - Blessing Verlag - CoverEine ganz normale Familie zieht in dieses Ferienhaus: Julia, mittelmäßig erfolgreiche Schriftstellerin, leidet unter einer Schreibblockade, mehr aber noch unter ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. Ihr Mann Erik allerdings „konnte nicht wissen, wie es war, sie zu sein. Zu fühlen, wie sie. Er konnte ihr die Einsamkeit nicht nehmen.“ Genauso wenig wie Julia sich in die seelische Verfassung ihres Mannes versetzen kann. Erik, gerade entlassen und nun arbeitslos, verschweigt den Rauswurf aus seiner Firma, ist aber auch nur bedingt bereit, sich um einen neuen Job zu bemühen. Stattdessen trinkt er und versucht so, seine Frustration und Depressionen und nicht zuletzt seine Einsamkeit zu bekämpfen.
Längst versuchen auch die beiden Kinder Alice und Anton, sich dieser bedrückenden Atmosphäre zu entziehen. Sie gehen eigene Wege. Anton ist ein stiller, aber sehr genauer Beobachter des Dramas, das sich um ihn herum abspielt. Und Alice findet in Leo einen Partner für die junge Liebe und einen verlässlichen Freund.

Nicht belastbare Lebensentwürfe

Philip Teir: So also endet die Welt - Portrait Glarean Magazin
Philip Teir (Geb. 1980)

Philip Teir hat eine Familiengeschichte geschrieben, in der sich die Lebensentwürfe seiner Protagonisten als nicht belastbar erweisen, Verwerfungen entstehen und gesellschaftliche Normen nicht mehr gelten. Auch weil die Gesellschaft nicht mehr das ist, was sie einmal war.
So werden die Geschichten von Philip Teir zu einem Spiegelbild der Gesellschaft. Vor allem auch in den Beziehungsgeschichten der anderen Menschen, die sich in der Einsamkeit der finnischen Landschaft finden. Und das in einer aufgeladenen Atmosphäre.

FAZIT: Philip Teir hat einen großen, einen meisterlichen Roman geschrieben, eine Art Psychothriller über so ganz unterschiedliche Beziehungsgeschichten, die über das Persönliche hinaus ein Spiegelbild einer sich grundlegend verändernden Gesellschaft sind.

Roman-Stoff am Puls der Zeit

„So also endet die Welt“ legt einmal mehr – er hat bereits mit dem Roman „Winterkrieg“ 2014 ein großartige Debut hingelegt – den Finger auf den Puls der Zeit, beweist ein Gespür für menschliche und zwischenmenschliche Gefühlslagen. Immer auch im Kontext zu den gesellschaftlichen Veränderungen, die sich vor allem in einem zweiten Paar manifestieren.
Da sind Chris und Julias Jugendfreundin Marika. Auch deren Ehe leidet – in erster Linie unter dem Verhalten des sexsüchtigen Weltverbesserers und Umweltaktivisten Chris, dessen Credo es ist, „dass es keine Hoffnung gibt, dass uns nicht mehr retten kann“. Auch die Ehe von Chris und Marika nicht.
Teir beschreibt die Situation dieser beiden Paare mit psychologischer Grundierung. Wie mit einem Seziermesser und mit tiefen Gespür für die menschlichen Gefühlslagen legt Philip Teir die Schichten der seelischen Verletzungen offen. Und wie in einem Schachspiel setzt er seine Personen in Beziehungen zueinander. Er beschreibt ihre Sehnsüchte nach Sicherheit, nach Glück, nach Liebe und gleichzeitig ihre Verzweiflung. Ein meisterlicher Roman.
Eine Art Gegenpol bieten Eriks Bruder Anders, eine Art Aussteiger, der sich am Ende in dieser brüchigen, sich auflösenden Feriengesellschaft wiederfindet. Ein stiller, nachdenklicher Mensch. Er wird in der von Depressionen geplagten Therapeutin Katie eine verwandte Seele und endlich einen Halt finden.
Vier Paare in einem Sommerdrama in finnischer Einsamkeit. Über Erik schreibt Teir an einer Stelle „Es war so ein Tag, an dem er eine Wahrheit finden wollte. Gefunden hat er sie nicht“. Erik nicht und allen anderen Personen in diesem Drama nicht. Dennoch: Ganz ohne Hoffnung bleibt der Leser nicht zurück. ♦

Philip Teir: So also endet die Welt, Roman, 300 Seiten, Blessing Verlag, ISBN 978-3-89667-606-1

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Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

Weitere Links zum Thema Familie als Spiegelbild der Gesellschaft:
Ulrike Herwig: Das Leben ist manchmal woanders

Philip Teir: So also endet die Welt (Roman)

Tracy Chevalier: Der Neue (Roman)

Rassismus und Intrigen – „Othello“ auf dem Schulhof

von Sigrid Grün

Im April 2016, pünktlich zu Shakespeares 400. Geburtstag, startete in über 20 Ländern das „Hogarth Shakespeare Projekt“, bei dem es darum geht, dass zeitgenössische Autoren Shakespeare neu interpretieren. In dem Roman von Tracy Chevalier: Der Neue erzählt die Autorin die Geschichte von Othello, dem Mohr von Venedig neu.
Washington D.C., 1974. Der Diplomatensohn Osei ist mit seinen Eltern gerade von New York in die Hauptstadt gezogen und neu in der 6. Klasse der Grundschule. Einen Monat vor dem Übertritt an die High School muss er sich auf dem Schulhof und im Klassenzimmer beweisen. Das kennt er schon, denn er hat bereits in Rom, London und New York gelebt. Geboren ist er allerdings in Accra, der Hauptstadt Ghanas.

Shakespeare für die Neuzeit

Tracy Chevalier: Der Neue, Roman, Knaus VerlagAn der Washingtoner Vorstadtschule ist Osei der einzige Schwarze. Und obwohl er mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein auftritt und damit sofort das Herz der allseits beliebten Vorzeigeschülerin Dee gewinnt, ist die Atmosphäre in der Schule angespannt. Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer begegnen dem schwarzen Jungen mit Vorurteilen und Misstrauen. Durch Freundlichkeit und seine gewinnende Ausstrahlung erarbeitet sich Osei bei einigen Schülern aber rasch einen guten Ruf.
Das ist vor allem dem Schulhof-Rowdy Ian ein Dorn im Auge. Er spinnt gerne Intrigen, um ein Gefühl der Macht zu erleben. Und als sich ihm die Gelegenheit bietet, die Schülerschaft gehörig aufzumischen, nutzt er die Chance. Er spielt einen gegen den anderen aus, schürt Hass und Eifersucht. Das Ganze endet – genau wie bei Shakespeare – in der Katastrophe.

Diskriminierung schmerzhaft geschildert

Tracy Chevalier (geb. 1962)
Tracy Chevalier (geb. 1962)

Tracy Chevalier gelingt es, die Geschichte um Othello auf aufwühlende Weise neu zu erzählen. Die Diskriminierung, die geschildert wird, ist für den Leser oft äußerst schmerzhaft.
Bisweilen wirken Ians Intrigen allerdings etwas gar konstruiert. Er ist hochgradig manipulativ – und keiner merkt etwas, alles geht glatt und läuft immer nach Plan. Das Ganze scheint mir doch recht unrealistisch: Wie ist es möglich, dass ein Junge und ein Mädchen sich sofort ineinander verlieben, aber unhinterfragt alles glauben, was ein Fremder, der noch dazu äußerst verschlagen wirkt, ihnen erzählt? Und kann ein Junge in der 6. Klasse bereits derart strategisch vorgehen?

Folgenlose Abschaffung der Rassentrennung

FAZIT Der Roman von Tracy Chevalier: Der Neue ist eine gelungene Neuinterpretation von Shakespeares Othello, die vor Augen führt, welche Rolle Diskriminierung auch noch in heutiger Zeit spielt. Wenngleich kleine Schwächen auffallen, die die Story teilweise zu konstruiert wirken lassen, ist es eine Geschichte, die beeindruckt. Gut vorstellbar, dass es auch eine hervorragende Schullektüre zum Thema Mobbing und Rassismus wäre.

Doch trotz der leisen Zweifel, die bisweilen aufkommen, hat mich Chevaliers Buch tief berührt. Die Schilderung der Ungerechtigkeit, die Osei nur aufgrund seiner Hautfarbe widerfährt, macht wütend. Selbst die Lehrer, allen voran der Klassenlehrer Mr. Brabant, sind ignorant und voller Vorurteile. Obwohl Osei aus privilegierten Verhältnissen kommt, unterstellt die Direktorin, dass er aus armen Verhältnissen stammen müsste. Es ist eine Mischung aus offenem und verdecktem Rassismus, der dem neuen Schüler entgegenschlägt. Die Abschaffung der Rassentrennung durch den Civil Rights Act lag 1974 bereits zehn Jahre zurück, geändert hatte sich aber noch nicht viel.
Chevalier hält sich natürlich nicht genau an die Shakespeare-Vorlage. Mr. Brabant (Brabantio) ist der Klassenlehrer und nicht der Vater von Dee (Desdemona). Ian (Jago) ist nicht Oseis (Othellos) Untergebener, sondern ein Mitschüler. Aber strukturell ist die Geschichte der Vorlage sehr ähnlich. Chevaliers Geschichte spielt an einem einzigen Schultag und ist, wie bei Shakespeare, in fünf Akte unterteilt. ♦

Tracy Chevalier: Der Neue, Roman, 192 Seiten, Knaus Verlag, ISBN 978-3-8135-0671-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Rassismus auch über
Ann Wiesental: Antisexistische Awareness

… sowie das Gedicht von
Peter Fahr: Willkommen (Flüchtling-Gedicht)

Weitere Internet-Beiträge über Tracy Chevalier
Der Neue (Geschichtenentdecker)
Das Mädchen mit dem Perlenohrring (hak-Bregenz)
Zwei bemerkenswerte Frauen (Von Mainberg Büchertipps)

Tracy Chevalier: Der Neue (Roman)

Bernhard Schlink: Olga (Roman)

Eine außergewöhnlich gewöhnliche Frau

von Isabelle Klein

In dem Roman von Bernhard Schlink: Olga breitet der Autor eine Geschichte über eine starke Frau in stürmischen Zeiten aus, die beinahe novellenartig anmutet, derart reduziert ist dieser dreiteilige Roman, der mit seiner Kürze als auch mit schnörkelloser Sprache gleichermaßen verwundert wie fasziniert. Am Anfang das eine, zum Ende das andere.
Wir erleben in Schlinks Erzählung Olgas Kindheit, die alles andere als einfach ist und in ihrer Schlichtheit fast schon märchenhaft wirkt – kurz (bei bestimmten Ereignissen), aber auch wieder sehr ausführlich im Vergleich zu manchen Stellen des ersten Teiles, in denen viele Jahre auf wenigen Seiten umrissen werden, und dabei skurril, geradezu kafkaesk in der Schilderung der Vorkommnisse.

Im Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches

Bernhard Schlink - Olga - Roman - Diogenes Verlag (Cover)
Bernhard Schlink – Olga – Roman – Diogenes Verlag

Zur Waise geworden im Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches, wächst sie bei ihrer Großmutter auf: Liebe zu erfahren sei noch wichtiger als zu lieben, wird Olga im hohen Alter sagen. Gerade weil sie als kleines Mädchen eben dies nie erleben durfte. Die „arme“ Olga, die etwas „slawisch“ anmutet und darum abgelehnt wird, schließt Freundschaft mit den Kindern des hiesigen Grundbesitzers. Hier werden die Weichen ihres Lebens – einerseits ambitioniert und emanzipiert – gestellt (eben alles andere als arm), andererseits ist ihre Stärke zugleich Teil ihrer Schwäche, denn sie wird nie über ihren selbst gewählten festgesteckten Radius hinauskommen.
Und gerade hier zeigt sich einmal mehr, wie raffiniert Schlink diesen Roman konzipiert hat. Gerade als man denkt, Olga und ihre mangelnde Freude an Herberts  – ihre große und einzige Liebe – Welterkundung verstanden zu haben, zeigt uns der Autor im dritten Teil – der aus Briefen besteht, die Olga über viele Jahre an den Geliebten adressiert hat -, dass Olga eben doch mehr ist als die Summe ihrer Handlungen: „Dass du zurückkommst und mich all das fragst, was du mich nie gefragt hast: Wie ich leben möchte, ob ich lieber etwas anderes täte als Kinder zu unterrichten, die nicht unterrichtet werden wollen, und was das wäre und was ich von der Welt sehen, wohin ich reisen und wo ich leben möchte, wie Du mir bei alledem helfen kannst.“

Gefangene eines kolonialistischen Umfeldes

Zurück zum Anfang: Weichenstellend für ihr Leben ist die Begegnung mit den Kindern des hiesigen Grundbesitzers, Herbert und Viktoria. Welch imperialistischer Name, der zugleich für die Geisteshaltung der Deutschen zu Zeiten des Kaiserreiches steht! Kolonialismus ist Programm, vor allem in Herberts Leben, der sich dem Regiment und dem Kampf in „Deutsch-Südwest“ gegen die Herero anschließen wird. Die drei sind Gefangene ihres gesellschaftlichen Umfeldes, jeder trägt archetypische Züge in sich. So ist die, die augenscheinlich „arm“ dran ist, die kleine Olga mit dem unerwünschten Background, eben doch gerade die Starke, Ambitionierte, politisch Interessierte und Emanzipierte, kritisch Denkende. Sie alleine wird es aus eigener Kraft zu etwas bringen im Leben, ganz die Selfmade-Frau – Erfolg durch Wissen und Lehre. Und so zieht sich die vermeintliche Schwäche, an Beruf und lokaler Eingebundenheit festzuhalten auch durch das Leben der älteren Olga. – Sie verliert ihr Gehör – welch Glück, denn so muss sie den ungeliebten Nationalsozialismus und die lautstarken Auftritte nicht mit anhören.

Erfolgsautor Bernhard Schlink (hier bei einem TV-Interview) - Glarean Magazin
Erfolgsautor Bernhard Schlink (hier bei einem TV-Interview)

Während Olga mit Herbert eine Freundschaft verbindet, die zu Liebe heranwächst und Zeit ihres Lebens bis über seinen Tod hinaus anhält, ist ihr Verhältnis zu Viktoria von Anfang an belastet. Zerfressen von Standesdünkel, Borniertheit und Neid hintertreibt sie immer wieder deren Freundschaft und aufkeimende Liebe, intrigiert gegen die von Herbert gewünschte Heirat. Doch Olga wäre nicht Olga, wenn sie nicht bemerkenswert ruhig und stark bliebe, unbeirrt ihren Weg ginge. Wie sie später einmal zu Ferdinand (ihr Quasi-Enkel im Nachkriegsdeutschland) sagen wird: „So ist das Kind. Du kannst aus dem, was dir gegeben ist, nicht das Beste machen, wenn du es nicht annimmst.“ Und darin ist Olga wahrlich eine Meisterin!
Heimliche Treffen über Jahre hinweg, lange Zeiten der Abwesenheit, als Herbert zunächst Soldat wird und dann nach Deutsch-Südwest reist, um im irrigen missionarischen Eifer das angeblich überlegene Deutsche der kolonialen Welt zum Heil zu bringen – das ist Olgas Leben als junge Frau. Sie scheint zufrieden mit ihrem kleinen Wirkkreis und freut sich über Berichte von einem fernen Land.

Vom Kaiserreich zum Nazi-Größenwahn

Gekonnt greift Schlink in diversen Andeutungen das Machtstreben der Deutschen auf und an, lässt es schließlich mit der alten Olga in Schall und Rauch aufgehen. Über die Herero, das Streben nach weiteren Kolonien, den nationalsozialistischen Größenwahn durch die Erschließung von „Lebensraum“ im Osten, dem ihr Ziehsohn Eik willenlos verfällt, bis hin zu den 1960ern: Immer wollen die Deutschen alles zu groß. Und so entwirft Schlink ein Gemälde, das äußerst reduziert, schlicht in dem Durchstreifen der Abläufe ist (da werden locker mal Jahre auf 15 Seiten abgerissen), die den Leser über die größeren Zusammenhänge deutscher Geschichte sinnieren und sich ihrer bewusst werden lässt.

Fazit: „Olga“ von Bernhard Schlink ist der Roman über eine außergewöhnlich gewöhnliche Frau inmitten stürmischer Zeiten – vom Wilden Osten des Deutschen Kaiserreiches bis zum Größenwahn der deutschen Nazis. Schlink entwirft ein raffiniertes Zeiten-Gemälde und fesselt mit tragischen und zugleich aufbauenden Handlungssträngen.

Bemerkenswert ist der Stellenwert der Zahl Drei, die immer wiederkehrt. Drei Freunde aus Kindheitstagen, die ihre Lebenswege nachhaltig beeinflussen; Drei Männer, die Olga Vertraute und Weggefährten in unterschiedlichen Lebensstadien sind: Da ist der bereits genannte Herbert, über den sie Zeit ihres Lebens nicht hinwegkommen wird; dann Ziehsohn Eik, der sich genau so wie Herbert einer wahnwitzigen Idee verschreiben wird. Dritter im Bunde ist der junge Ferdinand, den Olga durch ihre Arbeit als Näherin in der jungen Bundesrepublik kennenlernen wird – ihr Vertrauter der letzten Jahre. Hier schließt sich der Kreis, denn die Zahl Drei repräsentiert auch den Aufbau des Romans, und Ferdinand kommt gerade im dritten Teil überragende Bedeutung zu.

Tragisch und aufbauend zugleich

Im ersten Teil lässt uns ein auktorialer Erzähler im Zeitraffer am Leben Olgas in Ostpreußen bis hin zur Vertreibung teilnehmen. Daran schließt ein personaler Erzähler – eben Ferdinand – an, der Olgas Leben als ältere Dame skizziert. So weit, so gut – sehr gelungen und raffiniert schließt Schlink damit den Kreis, indem er Ferdinand auf die Suche nach verschollenen Briefen gehen lässt. Und so erfahren wir endlich ein wenig mehr, als die ruhen gelassene Fassade über die Jahre hinweg preisgibt. ein gelungener und raffinierter Schachzug von Schlink, so letztlich alles wieder zueinander zu führen und dabei doch noch die eine oder andere Überraschung parat zu halten.
Olgas Geschichte ist tragisch und aufbauend zugleich. Es ist die Geschichte einer Frau, die weiß was sie will und wofür sie steht, auch wenn die Männer ihr immer einen Strich durch die Rechnung machen mit ihren Wertewelten… ♦

Bernhard Schlink: Olga, Roman, 320 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3257070156

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Roman von
Philip Pullman: Über den wilden Fluss

Bernhard Schlink: Olga (Roman)

Ernst Halter: Mermaid (Roman)

Liebe wuchert nicht für die Zukunft, sie verschwendet sich jetzt

oder

Einverleibung gleich Kommunion gleich Zeit als Ewigkeit gleich Seele gleich das Gute

von Karin Afshar

Ein Gedanke fällt mir zu, während ich das gerade eingetroffene Buch zur Hand nehme und mir seinen Einband anschaue – Amor und Psyche ineinander versinkend: Man muss merken, wann man am Ende der Hoffnung angekommen ist. Über diese Grenze hinaus verliert man Lebenszeit. – Damit beginne ich zu lesen. [K.A.]

In „Mermaid“ von Ernst Halter geht es um Liebe und Besessenheit, auch um Erotik und Leidenschaft. Ein (nicht ganz glücklich) verheirateter Mann lässt sich auf ein Abenteuer ein… Das ist miserabel banal ausgedrückt! Zweiter Versuch: Ein Mann und eine Frau verfallen einander und können nicht wieder voneinander lassen. Nomaden sind beide, Suchende (nach sich selbst), und werden aneinander zu Grenzgängern und auch -verletzern. Es geht um das Entgrenzen in der gegenseitigen Hingabe; am Ende – soviel sei verraten – um die Entfesselung des Zerstörerischen. Engelssturz – aus dem Jenseits ins Diesseits. Untergang – das Diesseits mit Kraterzugängen zur Unterwelt.

Stella alias Persephone von Rosetti

Ernst Halter - Mermaid - Roman - Cover - Glarean MagazinStella, die häufig in Deutschland zu tun hat und aus Zürich stammt, lebt in Mailand und ist Kunsthistorikerin. Sie arbeitet als Jurorin und Ausstellungskuratorin für Museen und Galerien, ist erfolgreich und auf dem öffentlichen Parkett gewandt. Eine schöne Frau, die sich zu kleiden weiß und ihre Ausstrahlung auch einsetzt. Privat – ist sie kompliziert, mal Kindfrau, mal dominierend, mal unterwürfig, zweifelnd, unsicher, kokettierend. Präraffaelitisch – ich erinnere mich, das Wort an einer Stelle gelesen zu haben. Das trifft es. Die Persephone von Rosetti – in Blond allerdings, ich glaube, Stella ist blond.
Elias, Sohn einer dänischen Mutter, ist Lektor, schreibt Bücher, übersetzt, veröffentlicht Gedichte – ein Literat, ein Mann der Worte. Er ist mit Ellen, einer Engländerin, die eine traumatisierende Kindheit hinter sich hat und an Depressionen leidet, verheiratet und bewohnt mit ihr ein Haus (wo, ist mir nicht erinnerlich). Von Elias habe ich kein Gesicht, auch kein Alter, keine Körpersprache. Er bleibt unphysisch und ein Schemen.

Erschreckend wie ein dunkler Zauber

Dante Gabriel Rossetti: Proserpine (Persephone)
Dante Gabriel Rossetti: Proserpine (Persephone)

Stella und Elias lernen sich in Frankfurt kennen (einem Ort, in dem beide fremd sind) und treffen sich von nun an in Hotels, abgelegenen Pensionen, in Burgen und Schlössern, in Wäldern, entlang von Bahnlinien, auf Bergen, in Tälern, in der Schweiz, in Deutschland, das Elias mehr entspricht, während sie mit dem schroffen Land ihre Schwierigkeiten hat. Im Laufe der Geschichte wird sie sagen: „Ecco la Cimmeria tedesco, orsi, mammuti…. Cerco di convincermi della tua realtá. Dieses Germanien – ich weiß kein besseres Wort – ist so unwiderstehlich und erschreckend wie ein dunkler Zauber…“
Verzauberung. Verwünschung. Gibt es die eine Liebe? Oder verschiedene? Eine für die eine Frau und eine für die andere? Und Frauen? Lieben sie immer gleich? Ernst Halter – in diesem April 80 geworden – lässt seinen Helden und seine Heldin dies erkunden. Er schickt sie aus, die Antwort den Tiefen des ewigen, zeitlosen Meeres zu entreißen und an den Strand der Gegenwart zu werfen. Da ist sie – die Meerjungfrau aus dem Reiche Neptuns, die, um in der Gegenwart sein zu können, sich mit einem Sterblichen verbinden muss. Natürlich nicht zufällig legt der Autor Elias als Namen für Stella Mermaid in den Mund. Aber sie ist auch Tulipan, Estelle, Regina Macondo, Madonna dell’adulterio, Stella blu, … der blauen Augen wegen. (Blau sind auch die Augen von Dämonen.) Und dann tauchen noch andere Namen auf: Venus und Ishtar. Ich kläre weiter unten auf, woher hier der Wind weht.

Im Heimlichen unheimlich nahe

Ernst Halter (*1938 in Zofingen/Schweiz)
Ernst Halter (geb.1938 in Zofingen/Schweiz)

Auf einem Meer, dessen Oberfläche sie trägt, dessen Oberfläche abwechselnd Stella und Elias selbst sind (er schreibt „auf ihr“ seine Gedichte), treibt die Beziehung, die Stella und besonders Elias zukunftstragend zu gestalten sich nicht trauen. Unter der Oberfläche dieses Meeres des Noch-nicht-Gewordenen und des Schon-wieder-Entwordenen ist die Zeit noch ungeteilt. Halt – ungeteilte Zeit ist nicht Zeit; denn Eigenschaften von Zeit sind Gegenwart und Vergangenheit. Wir bewegen uns in diesem Ozean im Ungeteilten und im Ewigen – mit uns die beiden Liebenden, die sich in ihrer ewigen und dann wieder abgrundtiefen Umarmung im ständigen Umherziehen im Heimlichen unheimlich nahe kommen und einem Schiffbruch entgegensteuern.

Das Wesen der Liebe verwebt Ernst Halter also mit Zeit: mit der Anwesenheit des Vergänglichen und der Abwesenheit des Ewigen, oder umgekehrt. Das Ewige existiert allerdings nicht, denn es west außerhalb der Zeit. Der englische Gruß: Sein unerschaffenes Licht leuchtet außer jeder Zeit, es ist mitleidlos und erlischt nach einem einzigen Nu.

Als Leser durch das Tor des Wenn geschoben

Die Grenze oder Zäsur, die wir in „Mermaid“ finden werden, wird formell durch den Briefwechsel mit einem längst toten Schriftsteller gezeichnet. Dieser weist unseren Autor auf seine Denkfehler hin, wirft ihm Scheinlogik vor, und dass er den Leser um seine Freiheit bringe. Ein ganz und gar wirksamer Kniff ist das, den der Autor Ernst Halter hier anwendet. Indem er als „Erzähler-Schreiber“ dieser außenstehenden Person (die ihn als „sich als Gott aufführenden Erzähler“ bezeichnet) antwortet, verteidigt er seinen Plot, für den er die schwierigste, nämlich die „normale Variante des Liebesthemas“ gewählt hat.
Wir als Leser (jetzt in den Fortgang der Geschichte einbezogen), die längst heraufgezogene Peripetie und Katastrophe und die Protagonisten werden durch das Tor des Wenn geschoben. Dieses Tor steht für die Schwelle zum Nie-Realisierten. Doch wir wären nicht Menschen, wenn wir für Stella und Elias nicht doch noch auf die Wendung zum Guten hofften – irgendwie. Schriftsteller wissen dergleichen, und so hält es auch Ernst Halter und schreibt uns auf die angedeuteten vier bösen Wörter hin.
Eine neptunisch-schillernde Geschichte mit Untiefen – ich schaue sie aus der strukturellen Richtung an. „Mermaid“ spricht in vielen Stimmen, deren Gegensätzlichkeiten und Dualitäten der Autor-Erzähler dem Leser zur Zusammensetzung überlässt.

Neun Stimmen, neun Handlungslinien

Neun Stimmen, neun Linien meine ich gefunden zu haben. Sie treten in Form von unterschiedlichen „Textsorten“ oder Handlungssequenzen mit verschiedenen ineinanderfließenden Erzähltempi auf.
Da ist die Stimme von Stella, die in einem Bewusstseinsstrom über die Beziehung und die Geschehnisse spricht. Daneben gibt es Auszüge aus Briefen und elektronischer Post von Stella an Elias, von ihm an sie. Es gibt eine auktoriale Linie, die hineinschlüpft in das Subjektive von Elias oder Stella (Bilder des Innen-wie Außenseins, Bei-sich-Seins und Außer-Sich-Seins wechseln sich ab). Auch Ellen, Elias‘ skizzenhaft in Erscheinung tretende Ehefrau, erhält eine Stimm-Linie. Traumsequenzen sind eine nächste Linie. Hier und da stößt aus dem Unsichtbaren eine Rahmen-Handlungslinie nach oben an die Oberfläche: Elias aus dem OFF, aus dem post mortem und in neuem Leben.
Eine offene Textstruktur, in der die einzelnen Kapitel autonom für sich stehen könnten. Könnten, denn sie bestehen durchaus nicht – ähnlich den Verbindungen in einem Rhizom – aus isolierten Einheiten. Wie komme ich denn bloß auf Rhizom? In der Biologie bezeichnet ein Rhizom einen Wurzeltyp, der morphologisch als Nebeneinander-/Ineinanderwachsen von Sprossen oder Stängeln oder Trieben beschrieben wird. Ein Rhizom kann sowohl über- als auch unterirdisch in alle Richtungen wachsen. Es wuchert. – Die Linien dieses „Gebildes“ ohne Hierarchie und Ordnung bilden ein Geflecht, in dem alles mit allem verbunden ist. An verschiedenen Stellen wächst etwas nach oben und durchbricht die grenzende Kruste. Die auf der Oberfläche sichtbaren Triebe haben nur scheinbar nichts miteinander zu tun. Autonomie – eine Illusion.

Offenes, nicht polarisierendes Schreiben

"Nomadentum und Schizophrenie" des multiplen Schreibens: Cover von "Mille Plateaux - Capitalisme et schizophrénie" (Deleuze & Guattari 1980)
„Nomadentum und Schizophrenie“ des multiplen Schreibens: Cover von „Mille Plateaux – Capitalisme et schizophrénie“ (Deleuze & Guattari 1980)

Deleuzes & Guattaris „écriture nomade et rhizomatique”1) ist eine „écriture migrante” – ein offenes, nicht abgrenzendes und nicht polarisierendes Schreiben. Das Nomadische und die Nicht-Zugehörigkeit sind ein starkes Motiv in einer solchen Literatur. Nomadisches, rhizomatisches Schreiben setzt die Vielheit, das Multiple, überwindet die Dualität und „lebt“ die Aufhebung der Sukzessivität und Linearität eines Textes. Nomadentum und Schizophrenie. Ein Schizo2) ist der, der mit vielen Stimmen spricht, der mit den Maskierungen spielt und immer unterwegs ist. Er verfehlt sein Ziel, weil er keines mehr hat. Das Verfehlen selbst ist zum Ziel geworden.
Ozean einerseits und Rhizom andererseits. Das Unendliche und das Gewebe mit den vielen Eingängen. Und in dieser Unstruktur Halters Landschafts und Ortsbeschreibungen. Sie sind detailliert, Wegbeschreibungen ähnlich, so dass ich mich frage, warum er die Örtlichkeiten dermaßen redundant beschreibt und benennt. Die Antwort: Sie sind Metaphern für unsere beiden Suchenden – die Landschaften, die Orte sind die beiden Suchenden. Ihre Stimmungen korrespondieren und sind in Resonanz mit den aufgesuchten Orten. Schriftstellerische Zauberei. Sie seien dem Leser ans Herz gelegt.

Virtuoser Rückblick und Abschied

Auch auf die Anspielungen auf Ereignisse der Geschichte an Orten, an denen Elias und Stella sich aufhalten und über die sie sprechen, sei begeistert verwiesen. Allesamt Puzzleteile für das Gesamtbild. Kein Wort ist hier zufällig gesetzt. Mir will darüber hinaus scheinen, Ernst Halter bezieht sich auf eigene ältere Werke – ist nur ein Verdacht, dem ich noch nachgehen werde. Lässt mich sofort an Jean Sibelius denken, der in seiner Siebten, seiner letzten Sinfonie, seine vorherigen in Zitaten noch einmal hat Revue passieren lassen. Abschied, große Virtuosität, und die Einsicht: Alles ist miteinander verbunden, wir leben auf „1000 Plateaus“.
Bleiben wir weiter im Strukturellen: Vier Sprachen begegnen dem Leser. Deutsch als Erzählsprache ist die Sprache der Ausgesprochenheit, Deutlichkeit, sie kann nicht anders. Gleichzeitig verwendet Halter sie in lyrischster Weise als Elias‘ Trägersubstrat, die seine und Stellas Unausweichlichkeit andeutet und beschwört.

Fliehen durch Sommer und Schnee,
der Tod belagert die Straßen
zwischen Umarmung und Abschied,
Vögel löchern die Dämmerung,
die ruhelose Nacht
wimmert und graut ohne Mond.
Verschwinden unter vier Augen,
trinken einander auf einen Zug,
die Lust
siegeln mit Schweigen.3)

Ausgeprägter Zeigecharakter von Sprache

Italienisch ist Stellas Gefühlssprache, ihr Liebesgeflüster, aber auch ihre dunklen Momente, Ahnungen und ihre Drohungen. Es sind „hingeworfene Bröckchen“, meist kurze Ausrufe, Imperative, Bewertungen. Sofern der Leser nicht Italienisch spricht, findet er im Anhang des Buches ein alphabetisches Wörterverzeichnis (darin auch die anderen Sprachen). Der so unterschiedliche Klang von Deutsch und Italienisch, und die Wechsel von der einen Stimmung in die andere, signalisieren einerseits die Spaltung, die sich durch die Protagonisten, ihre Wünsche und ihre Sucht zieht, andererseits den brückenden Zeigecharakter von Sprache in seiner schönsten Ausprägung.
Hier und da wird auch auf Französisch (Sprache der Bildung und Contenance) und Englisch (Ellens Muttersprache, stiff upper lip; und ihrer Rolle entsprechend – hier für das Depressive, das Verquälte verwendet) gesprochen. Dezente Stilmittel, Anzeige der Verwobenheit, der Vielfalt.
Die „Farbe“ der Sprache der Liebenden, ihr Verhältnis zueinander und die Vielzahl der Stimmen lässt das Hohelied Salomos, jene Liebeslieder, die in nicht alltäglichen Bildern, aber mit wiederkehrenden Motiven Vereinigung und Trennung, Begehren und Erfüllung, eben Liebesgeflüster besingen, anklingen. Doch ich frage mich beim Lesen immer dringender, ob Mermaid ein Lied auf die Liebe ist. Haben wir es überhaupt mit einem Liebesroman zu tun?
„Mermaid“ ist alles andere als eine klassische Dreiecksgeschichte mit den „üblichen“ Schuldgefühlen, dem Dilemma des Mannes zwischen Geliebter und Ehefrau, der Angst vor dem Entdecktwerden oder vor eventuellen Forderungen der Geliebten – das ist allenfalls das vordergründige Thema, das in vielen Romanen mal mehr, mal weniger tiefgehend psychologisch aufgearbeitet wird.

Quadratur einer tiefgründigen Vierecksgeschichte

Schatten der literarischen Protagonisten: Die schön-zerstörerische Göttin Lilith
Schatten der literarischen Protagonisten: Die schön-zerstörerische Schwarze Venus Lilith

„Mermaid“ ist eine tiefgründige Vierecksgeschichte. Schauen wir bei Carl Gustav Jung nach: In einer Liebesbeziehung gehen Mann und Frau sowie die Anima eines Mannes (sein Frauenbild bzw. seine weiblichen Anteile in sich) und der Animus der Frau (ihr Männerbild bzw. ihr männlicher Anteil) ein überkreuzendes Quaternio4) ein. Dieses Motiv liegt im Falle von Stella und Elias anders vor. Es sind nicht Anima und Animus, sondern ihre Schatten, ihre Dämonen, die eine Verbindung eingehen.5) Venus und Ishtar, zwei Göttinnen aus unterschiedlichen Mythologien, treffen in Stella aufeinander. Venus-Maria-Eva: die guten Mutterfiguren; in Lilith allerdings findet sich mit der Göttin Ishtar/Inanna das Dunkle, Dämonische, das körperliche Begehren und das Zerstörerische. Sie ist die Schwarze Venus.6)
Wenn nun in dieser „Quadratur“ das Schattenpaar über die Zeit bestimmt, wenn das Unbewusste und Verdrängte über das bewusste Paar-Ich in seiner Verzweiflung die Vorherrschaft übernimmt, werden die beiden Liebenden aneinander böse.
Geschehen wird das, wenn sie in voranschreitender Entfremdung keine Beziehung mehr aufnehmen können. „Böse“ ist das Ungelebte, das verdrängte Gute; das Böse lockt. Die Nixen und die Undinen aus dem Wasser versprechen die verdrängte Erfüllung und wollen dafür das Leben, und nicht weniger, des Anderen. Wird es ihnen versagt, tritt Poseidon als Rächer auf den Plan.

Modern, aktuell, anspruchsvoll

Wann fängt die Obsession an, wo hört die Entfremdung auf? Komisches Wort: Entfremdung. Bedeutet doch eigentlich, dass man sich bekannter wird, weil man sich vom Fremdsein entfernt! Nach dem Moment ihrer Ent-Deckung bricht sich aus beiden dämonisch Böses seinen Weg in die Gegenwart. Das Ungeteilte zerfällt beinahe feixend, springt in die Zeit! Jetzt sind sie in der Profanität einer ganz normalen, die Endlichkeit in sich tragenden Affäre angekommen, in der das offene Ringen mit den eigenen Schatten bestimmend wird. Wie sich dies in der Geschichte ausgestaltet, verrate ich natürlich nicht.

FAZIT: „Mermaid“ von Ernst Halter ist ein Roman, der mehrfach in die Hand genommen werden will, so viele Ebenen und Verbindungen, Verweise auf die Notwendigkeit der Läuterung enthält er. Ein modernes, aktuelles, anspruchsvolles Buch – und für so manche Leser wohl nicht ungefährlich…

Jeder einzelne Leser wird mit einer anderen Antwort als sein Nachbarleser aus der Geschichte herauskommen, wenn er die letzte Zeile von „Mermaid“ gelesen hat. Habe einer Bekannten von meiner Lektüre erzählt. Sie meinte, sie wolle das Buch lieber nicht lesen – vermutlich würde es bei ihr Minen, die sie sehr tief versenkt hat, zünden. So sehe ich es auch: Für einige Leser kann es ein gefährliches Buch sein, denn es könnte sie mit all dem, was sie im Leben ausgelassen haben und das sie ruhen lassen möchten, konfrontieren. Meerjungfrauen sind nicht ungefährlich.

Über den Schweizer Schriftsteller Ernst Halter habe ich absichtlich nichts geschrieben, außer, dass er 2018 seinen 80. Geburtstag feierte. Es heißt, er lebe sehr zurückgezogen und sei ein „sträflich unterschätzter Autor“. „Mermaid“ ist sein bislang letztes Buch, und mit ihm dürfte die Unterschätzung ein für alle Mal der Vergangenheit angehören. Thema und Umsetzung sind mehr als modern und aktuell, sehr anspruchsvoll. Ein Buch, das mehrfach in die Hand genommen werden will, so viele Ebenen und Verbindungen, Verweise auf die Notwendigkeit der Läuterung enthält es.
Ich wünsche allen Lesern einen spannenden Gang durch die schönen Landschaften und die lehrreichen Abgründe… Mögen Sie gewandelt herauskommen! ♦

1) Deleuze, Gilles & Guattari, Félix : Mille Plateaux, 1980
2) Deleuze, Gilles & Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur, Berlin 1976
3) S. 149
4) C. G. Jung, Psychologie der Übertragung, in: Hurwitz, Lilith – die erste Eva, S. 163
5) Gelesen bei Siegmund Hurwitz, Lilith – die erste Eva, Daimon Verlag, 1980, 2011: In der arabischen Literatur sind der Karin und die Karina als die Schattengefährten bekannt, S. 161 ff.
6) Über Lilith und die vielfältige Literatur über sie sei auf S. Hurwitz verwiesen

Ernst Halter: Mermaid, Roman, 346 Seiten, Klöpfer & Meyer Verlag Tübingen, ISBN 978-3-86351-463-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Liebe auch über
Margaret Millar: „Liebe Mutter…“ (aus der Reihe „Vergessene Bücher“)

 

Ernst Halter: Mermaid (Roman)

Konstantin Sacher: Und erlöse mich (Roman)

Belanglose Oberflächen-Bespiegelung

von Christian Busch

„Ein Roman über die faustische Sehnsucht des Menschen, zu erkennen was die Welt im Innersten zusammen hält“; Anknüpfung an die Tradition der Bekenntnisliteratur eines Augustinus oder Rousseau mit einer gegen Gott hadernde (Hiob) und nach Erlösung strebende Hauptfigur – so wurde der Debütroman „Und erlöse mich“ von Konstantin Sacher von der Presse angekündigt, als ein „mitreißender Roman über das Dickicht eigener wie fremder moralischer Ansprüche.“
Um es gleich vorweg zu sagen: Erlöst wird am Ende höchstens der Leser – von der Lektüre eines nur oberflächliche Belanglosigkeiten auf sprachlicher Schmalspurkost servierenden, viel versprechenden, aber wenig haltenden Roman.

Snobistische Existenz

Konstantin Sacher - Und erlöse mich - CoverKeine Frage, der Romanheld führt (gemäss Verlagswerbung) eine „snobistische Oberflächenexistenz“ („Was ist das Leben denn mehr als eine Abfolge von Gedanken?“), die dem Leser ungebrochen aus der Ich-Perspektive aufgezwungen wird. Wie reagiert man, wenn man von einem Fremden gefragt wird, ob man ihn für ein „egoistisches Arschloch“ halte? Ganz einfach: Man geht weiter seines Weges, denn das über jemanden herauszufinden ist wahrlich keine Anstrengung wert. Und damit stolpert der Leser über die erste Hürde und bleibt an ihr hängen. Wen juckt’s? Dem Autor gelingt so genau das nämlich nicht, was seine ungleich berühmteren Vorgänger auszeichnet: Seine Figur für den Leser einzunehmen.

Exhibitionistische Verzweiflung

Und so reiht sich in der Folge Episode an Episode, mühsam zusammengehalten durch den völlig künstlich anmutenden roten Faden der mehr exhibitionistisch als bekenntnisbedürftig anmutenden inneren Verzweiflung. Der Leser erträgt dann die meistens in sexuelle Eskapaden mündenden Abschnitte mit wachsender Teilnahmslosigkeit und innerer Distanzierung. Keine moralische Verurteilung, kein Voyeurismus, auch keine peinliche Berührtheit empfindet man, so banal und tiefenentspannt wirkt das alles. Allenfalls ein Kopfschütteln über das kopf-, ziel- und ergebnislose Eintauchen einer belanglosen Schmalspurexistenz in die Hippie-Kommune auf einer zum Glück nicht namentlich genannten und in Verruf gebrachten spanischen Insel kann dies beim Leser hervorrufen. Dass der Held Theologie studiert, wird durch die dann doch immerhin peinliche Frage gestützt, ob sich Gott in der weiblichen Muschi offenbare. Kostprobe gefällig: „Und Gott ist wie die Muschi einer Frau das Versprechen des nicht endenden Lebens“.

Zahnloses Orakeln

Auch an den weiblichen Vertreterinnen im Roman, heißen sie nun Sarah oder Christina, hat man keine Freude, sind sie doch mit einer gegen Null gehenden Tiefenschärfe gezeichnet, wenn sie ihrem Helden immer wieder bereitwillig zu Diensten sind.
Das dicke Ende bleibt nicht aus, wobei man darüber streiten kann, ob es im äußerst hemdsärmeligen und abrupten Romanschluss besteht oder in dem zahnlosen Orakeln des Helden über die Begriffe Glaube, Liebe und Hoffnung.

FAZIT

Konstantin Sachers Roman „Und erlöse mich“ enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman.

Konstantin Sachers Roman enttäuscht auf ganzer Linie, da sein Plot nur auf künstlich-oberflächlichen Säulen aufgebaut ist und auch sprachlich keinerlei Tiefgang besitzt. So taugt er allenfalls als Drei-Groschen-Roman, nicht jedoch als anspruchsvolle Literatur oder Belletristik für 20 Euro. Sein seelenloser Monolog wühlt nicht auf, weil der unglaubwürdige Charakter des Helden nur eine unechte, inszenierte Plastikpuppe ist, die von allen verwendeten Begriffen wie Liebe, Seele, Schuld oder Tod nichts versteht. ♦

Konstantin Sacher: Und erlöse mich, Roman, 240 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-00175-4

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den
Roman von Roland Heer: Fucking Friends

Konstantin Sacher: Und erlöse mich (Roman)

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil (Roman)

Vier Pässe in die Freiheit

von Günter Nawe

Persönliches ist bekanntlich immer Politisches. So verhält es sich auch in der Biographie des Dr. Pavel Vodák. Der tschechische Arzt erlebte und erlitt die dramatischen Ereignisse im Prager Frühling 1968. Mit diesem Prager Frühling verband er wie viele andere Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit, auf Demokratie. Und er verband damit sein ganz persönliches Schicksal; und das seiner Familie. Eine wahre Geschichte – im Roman „Das hungrige Krokodil“ aufgearbeitet.

Die Geschichte wird erzählt von der Schriftstellerin Sandra Brökel anlässlich der Tatsache, dass sich in diesem Jahr zum 50. Mal ein hochpolitisches Ereignis jährt: Der Prager Frühling 1968. Ein Jubiläum, das leider bei den vielen anderen Jubiläen dieses Jahres etwas unterzugehen scheint. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass sich Sandra Brökel in ihrem spannenden und berührenden Familienroman, der auf eben dieser wahren Geschichte und auf den Erinnerungen von Dr. Pavel Vodák (1920-2002) basiert, angenommen hat. Angenommen nicht nur dieser Zeit, sondern auch der Menschen in dieser Zeit und der wahren Erlebnisse des Protagonisten. Sie verbindet auf diese Weise Zeitgeschichte und persönliche Geschichte – und schreibt diesen Roman sozusagen als ein historisches Zeitdokument.

Metapher für die Gefräßigkeit

Sandra Brökel - Das hungrige Krokodil - Familienroman - Pendragon Verlag„Das hungrige Krokodil“ – der Titel des Romans ist eine Metapher für die Gefräßigkeit, für die Gefahren, die von diesem Tier ausgehen. Es steht bildhaft für die kommunistische Diktatur in der Tschechoslowakischen Republik, für Schauprozesse, für Verfolgung, für ökonomische Probleme. So sieht und erlebt es auch Pavel Vodák – vor allem, wie das „Krokodil“ immer wieder zuschnappt, wie freie Gedanken, freies Handeln schon im Ansatz erstickt werden. Auf Dauer kann und will der Arzt aus Leidenschaft, eine internationale Kapazität, diese Repressalien nicht ertragen – auch um seiner Familie und vor allem seiner Tochter willen.

Sandra Brökel
Sandra Brökel

So gehört er bald zu denen, die voller Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit und Demokratie, Widerstand leisten. Er schließt sich einer Gruppe an, die einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ fordern, die ein Dokument formuliert, das unter dem Begriff „Manifest der 2000 Worte“ Geschichte schreiben sollte. Václav Havel, wie viele anderen einer der führende Köpfe des Prager Frühlings hat es so formuliert: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Der Satz bleibt richtig, auch für Vodák, selbst wenn am 21. August 1968 russische Panzer in Prag den „Prager Frühling“ in einen eisigen politischen Winter verwandeln. Pavel Vodáks Träume von dem „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ sind ausgeträumt.

Hohes Maß an Authentizität

FAZIT

Sandra Brökel hat einen aufregenden Familienroman geschrieben, der weitestgehend auf Tatsachen beruht – und dem Leser ein wichtiges politisches Ereignis ins Gedächtnis ruft, das vor 50 Jahren die Welt in Aufregung versetzt hat: Der Prager Frühling 1968. Geschickt versteht es die Autorin viele Fakten und ein wenig Fiktion, Historisches, Politisches und Persönliches zu einem spannenden Roman zu verbinden.

Er kann und will nicht mehr in diesem Lande bleiben, er will, dass seine Tochter vor allem, aber auch die ganze Familie in Freiheit leben können. Eine abenteuerliche Reise beginnt, nachdem es Vodák gelungen ist, Pässe zu organisieren – vier Pässe in die bundesrepublikanische Freiheit. Obwohl unter Bewachung, gelingen ihm und seiner Familie eine dramatische Flucht über Jugoslawien. Auch wenn er und seine Familie später – so die wahre Geschichte – in Deutschland wieder Fuß fassen können, bleibt doch die Frage, ob der Preis, den er für die Freiheit gezahlt hat, nicht zu hoch ist.

Sandra Brökel hat ihrem Roman eine kurze biografische Notiz über Dr. Pavel Vodák vorangestellt. Dadurch ist ein hohes Maß an Authentizität gegeben. Mehr noch: Dieser Familienroman ist ein Tatsachenroman, der den Leser packt, ihm einmal mehr und notwendigerweise eine Zeit und ein Ereignis ins Gedächtnis ruft, deren Folgen heute noch spürbar sind. ♦

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil, Familienroman, Pendragon Verlag, 318 Seiten, ISBN 978-3-86532-608-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Die 60er Jahre“ auch über Rudolf Großkopff: Unsere 60er Jahre

… sowie über den Roman von Laura Steven: Speak Up

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil (Roman)

Philip Pullman: Über den wilden Fluss (Roman)

Eine Woge der Liebe für das Kind

von Isabelle Klein

Mit Prequels und Sequels im Fantasybereich ist das immer so eine Sache – fast keine Saga in Buch- oder Filmform, die nicht, in welche Richtung auch immer, fortgesetzt wird. Braucht man sie wirklich, oder ist alles nur Geldmacherei?
Philip Pullman arbeitet seit vielen Jahren an diesen neuen Bänden, die er interessanterweise als „equel“ (eben weder „Pre-“ noch „Sequel“) bezeichnet, und mit „Über den wilden Fluss“ liegt nun endlich der von Fans heißersehnte erste Teil der neuen Trilogie (im Original „The Book of Dust“ – Vol. 1) vor.

Vieles ist dabei gleich geblieben und doch wieder anders. Neu ist u.a. Malcom, ein mutiger und patenter Junge, den die Liebe zur Freiheit, Wahrheit und zu einem Kind in ein Abenteuer unbekannten Ausmaßes führen wird. Ebenso Alice, ein nüchtern-mürrisches junges Ding, das Malcolm unversehens zur wichtigen Stütze wird Daneben altbekannte Figuren, die uns in der „His Dark Materials“-Trilogie begegnen, nur eben jünger. Zudem eine Welt, die der unseren recht ähnlich ist, aber sich doch in wesentlichen Merkmalen unterscheidet. Wie schon im Hauptwerk erklärt vieles (anbarisches Licht, Gyropkopter … ) sich von selbst und bleibt doch durch das ausbleibende Glossar herrlich indifferent. Denn letztlich bleibt es ja im Vorstellungsvermögen des Einzelnen, wie er sich diese Kleinigkeiten (und Pullmans Weltenentwurf) erklärt.

Das alte Staubphänomen – verdichtet

Neu ist, dass das altbekannte Staubphänomen hier verdichtet wird. Durch den Staub ist die alles beherrschende totalitäre Kirche in Gefahr. Denn ihr zufolge ließe sich die Seele als Materie deuten und verlöre ihren göttlichen Ursprung. Man sieht bereits, auch hier verwebt Pullman wieder exzellent u.a. Blake und Milton zu einer Suche nach Wahrheiten im Kampf um Machtansprüche. Mittendrin ist Malcolm Polstead, zunächst ein elfjähriger biederer Langweiler, der den Eltern im Gasthaus und den Nonnen pflichtbewusst hilft. Durch Beobachten eines mysteriösen Vorfalls trifft er auf die Oakley-Street-Agentin Dr. Relf und sieht sich durch die Zuneigung zu Lyra, die die Nonnen in Pflege genommen haben, bald unversehens in einem dunkel-düsteren Abenteuer, als Wassermassen, sich zu einer biblischen Flut apokalyptischen Ausmaßes zusammenbrauen und man versucht Lyra zu rauben. Einzige Rettung verspricht Malcolms heißgeliebtes Boot „La Belle Sauvage“, auf das er sich samt Baby Lyra und Alice begibt, um dem reißenden Strom zu trotzen und Lyra in Sicherheit zu bringen.

„The meaning of a story emerges in the meeting between the words on the page and the thoughts in the reader’s mind.“** Es ist genau dieser Satz, der auf Pullmans Homepage zu lesen ist, der mich vor vielen Jahren für die „His Dark Materials“-Trilogie begeisterte. Und so lässt sich folglich im All-Age-Bereich für Groß und Klein, für Neueinsteiger und alte Hasen jeweils etwas anderes aus Pullmans Werk ziehen.

Spannend, düster, exzellent

Düster, eine despotische Welt abbildend, erschafft Philip Pullman in seinem Fantasy-Roman "Über den wilden Fluss" eine ungemein packende Geschichte um Lyras Babyzeit. Ein liebenswerter Junge, ein entzückendes Baby - gepaart mit Wassermassen biblischen Ausmaßes in einer Welt voller Wunder.
Düster, eine despotische Welt abbildend, erschafft Philip Pullman in seinem Fantasy-Roman „Über den wilden Fluss“ eine ungemein packende Geschichte um Lyras Babyzeit. Ein liebenswerter Junge, ein entzückendes Baby – gepaart mit Wassermassen biblischen Ausmaßes in einer Welt voller Wunder.

„Über den wilden Fluss“ ist ein spannendes, düsteres Leseabenteuer voller Fantasygestalten für die Jungen, exzellente Theokratie- und Totalitarismuskritik für die Erwachsenen, die sich zugleich an den liebenswerten Protagonisten und ihren fleischgewordenen Seelen in Dæmongestalt (wieder mal höchst entzückend) erfreuen möchten. Und so beginnt es etwas gemächlich in einer Welt, die wieder einmal der unseren so ähnlich und doch ganz anders ist. Mit der reißenden Flut, die Menschen überrascht, obwohl die Zeichen auf Warnung standen, wird aus dem pflichtbewussten Jungen ein mutiger Retter, und die Spannung nimmt Fahrt auf. Zugleich wird alles, was Pullman rational erklärt, ins Übernatürliche verkehrt. Es wimmelt von Elfen, Hexen, Wassergöttern. Genial auch die Idee mit der Insel der Vergessenden, die auf originelle Art und Weise wohl Demenz erklären soll.

Große Spielräume mit durchdachtem Weltenentwurf

Philip Pullman (Geb. 1948)
Philip Pullman (Geb. 1948)

Vor rund 15 Jahren, als ich das erste Mal als Erwachsene Pullmans „Goldener-Kompass-Trilogie“ begegnete, rissen mich Lyra und Co. nicht sonderlich vom Hocker. Zu sehr standen damals die Zeichen auf Zauberfantasy, gepaart mit Internatsromantik, gegen Faschismus. Wobei Pullmans vier Sally-Lockhart-Bücher (viktorianische Abenteuer-Mystery mit einem Hauch Steampunk) eher meinen Geschmack trafen. Heute jedoch, nach vielfältiger Jugend-Fantasy-Lektüre, schätze ich die großen Spielräume, die gute Fantasy-Autoren sich zunutze machen und eben solch einen wunderbar durchdachten Weltenentwurf wie diesen hier schaffen, in dem viel mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Vielschichtiger und gehaltvoller als reine Weltenentwürfe, die nur unterhalten sollen. Zum Glück weit weg von christlich verklärter Romantik à la „Narnia“. Insofern sollten sich auch Erwachsene, denen „Über den wilden Fluss“ vielleicht zunächst als reines Jugendbuch erscheint, nicht abhalten lassen.

Was soll man also sagen über diesen ersten Band einer neuen Trilogie, in dem einfach alles glänzend ist? Gekonnter Spannungsaufbau, eine düstere Odyssee, die vor allem junge Leser im wahrsten Sinne mitreißen wird; daneben ein schnörkelloser Erzählstil, wunderbar nüchtern auf den Punkt gebracht. Gelungene Figurenkonstellation um Lyra Bellaqua. Und für das etwas reifere Publikum jede Menge Verweise auf Pullmans Vorbilder, und die hat er als Literaturdozent wie Blake- und Milton-Verehrer ja zuhauf. Beste Coming-of-Age-Fantasy für ein Publikum von 9 bis 99. Freuen wir uns auf die Fortsetzung. ♦

Philip Pullman: Über den wilden Fluss, Roman, 566 Seiten, Carlsen Verlag, ISBN 978-3-551-58393-2

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