Neue Lyrik-Bücher – kurz belichtet

Nico Bleutge: «Nachts leuchten die Schiffe» – Gedichte

Wortreich, reflexiv, sprachkräftig, experimentell, bildgewaltig, prosa-isch – das sind nur ein paar der vielen (völlig unzureichenden) Adjektive, die sich dem Leser von Bleutges jüngstem Lyrik-Band aufdrängen. Mit assoziationsreicher, aber gleichwohl instinktsicherer Motivik umkreist der vielfach ausgezeichnete, 1972 geborene Berliner Autor in seinem zehnteiligen Zyklus sein facettenreiches Titel-Thema «Nachts leuchten die Schiffe». Durchaus treffend umschreibt der verlagseigene Werbe-Waschzettel die Intention des Bandes: «Echos und Lesefetzen, eigene und fremde Stimmen, die sich zu einem Dritten formen. Solche Sprachfunde sind für Nico Bleutge wie Kraftfelder, die seine Aufmerksamkeit bündeln… Der Bosporus als Sprungbrett: Öltanker und Containerschiffe, die etwas davon erzählen, wie der weltweite Handel die überkommenen Vorstellungen von Zeit, Transport und Geschwindigkeit verändert hat».

Bleutges Lyrik liest sich nicht (und las sich noch nie) einfach: Lange Wort- und Satz-Ketten, die an ver- bzw. gekappte Kurzprosa erinnern; mehrschichtige Zeitspuren; collagierte «Schauplätze»; abrupte Rhythmuswechsel; exzessive Sprachspiel- und ungebändigte Fabulier-Lust an Wortfarben und Binnenformen – das alles macht die Lektüre anstrengend, lässt die thematischen Fäden immer wieder entgleiten. Doch der Aufwand des Lesers wird belohnt. Es ist unglaublich, welcher sprachliche und inhaltliche Kosmos diesem Lyriker verfügbar ist. «Nachts leuchten die Schiffe» sind keine Gedichte – das ist eine Sinfonie. (we)

Nico Bleutge, Nachts leuchten die Schiffe, Gedichte, 92 Seiten, C.H.Beck-Verlag, ISBN 978-3-406-70533-5

Irène Bourquin: «Schaukelnd im grünen Atem des Meeres» – Gedichte

Die Schweizer Dichterin, Theater-Autorin und Kulturjournalistin Irène Bourquin (*1950) hat schon seit vielen Jahren in dem exqusiten Waldgut-Verlag eine besondere verlegerische Heimat gefunden. Dabei bildet das Gedicht einen Schwerpunkt ihrer Arbeit: «Patmos» (2001), «Angepirscht» (2007) und «Türkismänander» (2011) hießen da ihre lyrischen Stationen. Und nun ein neuer Band Gedichte, wieder der pastellfarbene Süden-Sonne-Meer-Topos ganz zentral: «Lago d’Iseo», «Grotte die Toirano», «Bordighera», «Porquerolles», «Cap Taillat», «Tudela» oder «Aiguamolls» nennen sich etwa die Texte, geographisch angesiedelt in Ligurien, der Cote d’Azur, der Provence und in Katalonien.

Sprachlich wird das Niveau unterschiedlich durchgehalten; Vergilbt-konturlose Banalitäten wie: «Noch immer das Meer / in jedem denkbaren Blau / am Horizont / die Schatten der Tanker / wachsen» stehen neben wundervoll melodischen Sprachbildern: «Wie Rauchfahnen / schwarzsilbern / steigt / kahler Wald / ins Licht / Ockergold / die letzten Fackeln».
In seiner bekannt sorgfältigen Art nahm sich der Waldgut-Verlag auch hier sehr liebevoll der Buchherstellung an, indem im Bodoni-Druck mit Bleisatz und Handpressendruck bis hin zur händischen Fadenheftung gearbeitet wurde – ein bibliographisches Unikum heutzutage. Schade nur, dass das zu dünn gewählte Papier jeweils die Rückseiten-Texte durchschimmern lässt. Davon abgesehen: Eine schöne, sowohl literarisch wie drucktechnisch sehr qualitätsvolle Ausgabe, in der zu blättern und zu lesen so etwas wie bibliophile Wellness erzeugt. (we)

Irène Bourquin, Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Gedichte, 64 Seiten, Waldgut Verlag, ISBN 978-3-03740-655-7

Andreas Krohberger: «Ein Strauß schwarzer Rosen», Gedichte über Sehnsucht, Sex und Liebe

Gewiss, dem studierten Germanisten Andreas Krohberger (*1952 in Schorndorf/D) merkt man die stetige Beschäftigung mit eigenen und fremden Gedichten an. Nicht nur, dass der umtriebige Koch-, Wein- und Gartenbuch-Autor in div. Verlagen einiges an Lyrik publizierte; ein Text wie: «Scharf wie ein Raubtier / riecht die Luft / nahe bei dir / und meine Zunge kostet / den öligen Tau / im blühenden Klee / vielblättriger, saftiger Klee / ein Zittern / und raue, kehlige Laute / treffen auf salzige Haut / Unfassbar / was Liebe / für dich ist / für mich» hat durchaus Imagination und Rhythmus.

Aber dann wieder in der gleichen Sammlung «Ein Strauß schwarzer Rosen» sehr viel Herz-/Schmerz-Langeweile, haarscharf am Kitsch vorbeischrammende Verse, oft gelesene Worthülsen, Unspektakuläres im schlechtesten Sinne. Als Beispiel für Ähnliches: «Immer wenn du gehst / du / die ich nicht liebe / bleibt doch von deiner Wärme / etwas zurück unter der Decke / von deinem Duft / auf meinen Lippen / im Herzen ein wenig / von deinem Lächeln / und wie ein feiner Stich / die Angst / du könntest nie / gar nie / mehr kommen» – das ist Deutscher-Schlager-Zeugs, vorgetäuschte Plakat-Emotionen, an der gebrochenen Komplexität des Untertitel-Themas peinlich vorbeigeschrieben. Trotz schöner Bilder ab und zu: Ein entbehrliches Buch. (we)

Andreas Krohberger, Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht Sex und Liebe, 52 Seiten, Edition Fischer Verlag, ISBN 978-3864550881

Rainer Wedler: «einen Fremden grüßt man nicht», Gedichte (2011-2016)

Wer die literarische Arbeit des 75-jährigen deutschen Schriftstellers Rainer Wedler längere Zeit verfolgte, dem fällt die zentrale Bedeutung auf, die dem Lyrischen im Schaffen dieses Autors zukommt. Roman, Novelle, Erzählung: die größeren Formen der Belletristik sind das ureigene Gebiet Wedlers – aber dem kurzen Wenigzeiler, dem kleinen Text-Bild, dem unscheinbaren Zehn- oder Zwanzig-Sätzer gilt seine besondere Liebe, auch seine sprachlich nochmals gesteigerte Achtsamkeit.
«einen Fremden grüßt man nicht» breitet auf üppigen 144 Gedichte-Seiten als Zusammenfassung der letzten fünf Jahre ein lyrisches Kleinod nach dem anderen aus, ein packendes Sprach-Blitzlicht neben dem nächsten, aufs Wesentliche zurechtgefeilte Konzentrate allesamt, deren Handschrift sehr akkurat, sehr virtuos, sehr überlegt – und sehr unbestechlich ist. Da findet sich null Geschwätzigkeit, immer Klarheit und Notwendigkeit, jedem Gedicht haftet ein zwingendes So-und-nicht-anders an.

Wobei ja nicht von einem knöchern-klappernden Handwerk – komme es noch so virtuos daher – die Rede ist, das dem Dichten alles Blut austreibt zugunsten reibungslosen Betriebs, sondern von der sauberen Ernsthaftigkeit im Umgang des Künstlers mit dem Material Sprache. Dass im Schreiben Wedlers kein Leben, sondern hauptsächlich Professionalität sei, ist eh keine Gefahr. Denn einem wie ihm, der einst als Schiffsjunge durch türkische, algerische und afrikanische Meere fuhr, später als Historiker, Germanist und Philosoph ausgerechnet über Burleys «liber de vita» promovierte, um anschließend jahrelang vor Generationen moderner Schuljugendlicher über Literatur nachzudenken, einem solchen stieß genug Leben zu, um eben dieses zu guter Letzt als geschliffenes Gedicht, als ausgefeiltes Sprachgebilde, gegossen in präzis abgewogene Sätze, also in ganz anderer Form auferstehen zu lassen.

Wedlers Befund ist dabei eindeutig: «das Verschwinden der Wörter / ist nicht aufzuhalten / wenn wir sie nicht mehr schmecken / können / ihr Fleisch verdorrt / fällt ab / wo soll da die Seele wohnen / die neuen Wörter kommen / als Fabrikware / für den schnellen Gebrauch», und überhaupt: «die Bilder schiebt der Automat / ein Euro / vier Bilder / die Tänzerin tanzt / der Turner turnt / die Sängerin singt / der Jongleur jongliert / das Licht geht aus / du meinst / das ist das Leben». Denn «die Zeichen der Kunst» sind mittlerweile auch nur Mahnmale des Todes: «der Pilot / des Jagdbombers / versteht sich / als Künstler / das Ich herausnehmen / Distanz gewinnen / die Bombe platzieren / dass die Menschenmenge aufplatzt / wie ein bunter Klecks». Manches in Wedlers Lyrik hat einen melancholischen Touch, der leer schlucken lässt, und der weniger der sog. Altersweisheit denn doch einiger Resignation zu entspringen scheint.
Andererseits, wenn es eine Konstante im literarischen Schaffen dieses Autoren gibt über all die Jahre hinweg, dann ist es dieses wohlmeinende Augenzwinkern, diese verständnisvolle Verschmitztheit, dieser lächelnde Na-sowas-Humor, den nicht mal diese jüngste, grundsätzlich dem Nachsinnen gewidmete Lyrik-Sammlung auszutreiben vermochte. Zu Lachen gibt es nichts in Wedlers Gedichten – aber wenigstens das (versteckte, ja zuweilen verschleierte) Erkennen der Lächerlichkeit des «homo homini lupus»: «mit dem Thorazeiger / den schwermütigen Vorhang lüften / an den Fransen hängen Glöckchen / im Wind / betet der Hodscha / im Osten / geht die Sonne auf / heute umarmen / die Beschnittenen den Vorhäutigen / Abraham dreht sich um und kann endlich ruhig schlafen». Denn wie heißt es in einem der Buch-Kapitel, das lauter «Liebesgedichte» enthält? «am Ende / lasse ich den Tag / grußlos stehen / und geh ins Haus / wo mich die Dinge nicht erwarten / sie sprechen nicht mehr / mit mir / ich lass die späte Nacht herein / kann man die Liebe aus dem Fernster werfen?»

Die Romane des Schriftstellers Wedler und die Lyrik des Dichters Wedler sind keine Mainstream-Literatur, und sie werden nie in einer «Spiegel-Bestenliste» auftauchen. Aber schön, dass dieser nachdenkliche, blitzgescheite, voller exquisiter Überraschungen steckende, mit allen Wassern des sprachlichen Handwerks gewaschene, darob trotzdem quirlig-agil schreibende, immerzu reflektierende und gleichwohl lebensvolle Autor schreibt und schreibt. Nicht unverdrossen – aber unbeirrt. Eine wertvolle, nötige literarische Stimme, die zurecht in dem innovativen Ludwigsburger Pop-Verlag einen ständigen Sitz gewonnen hat. Empfehlung! (we)

Rainer Wedler, einen Fremden grüßt man nicht, Gedichte (2011–2016), 142 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3-86356-176-5

Georges Perec: «Was für ein kleines Moped…» (Erzählung)

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«Na schön, sagten wir, es ist gelaufen»

Dr. Rainer Wedler

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Perec-Moped-CoverWenn es nicht so abgedroschen wäre, würde der Rezensent jetzt schreiben: Nach dem zweiten Buch, spätestens, kann man süchtig werden nach Perec. Nun ist Georges Perec schon einige Jahre tot, also nichts Neues mehr von ihm zu erwarten. Jetzt also habe ich mir das kleine Moped reingezogen. Ein Text, nicht einmal 80 Seiten, im Grunde nicht übersetzbar, ist von Eugen Helmlé kongenial ins Deutsche übertragen worden. Dem Diaphanes-Verlag ist zu danken, dass er mit «Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?» bereits den fünften Titel dieses unverwechselbaren Franzosen neu auflegt. Gerade in diesem schmalen Buch ist der Einfluss zu erkennen, den der Kreis Oulipo um Raymond Queneau auf Perec gehabt hat.

Worum aber geht es? Das ist schnell erzählt. Auf dem Montparnasse treffen sich Tag für Tag ein paar Spezis bei reichlich Rotwein zu tiefgründigen Gesprächen über Helicop, Hegell und andere Sonderlinge. Abends stößt der Unteroffizier Henri Pollak dazu, der mit seinem petit velo jeden Tag zwischen der Kaserne und seiner Montparnasse-Holden hin- und herpendelt. Und dann das: Der Spezi Karasonstwas soll in den Algerienkrieg, den die Franzosen erst seit einigen Jahren nicht mehr Konflikt nennen. Karamagnole aber will sich nicht dazu bequemen, in den Djebels Algeriens herumzutoben. Also tagt der schräge Verein und berät, wie man Karabambuli aus der Patsche helfen kann. Ihm den Arm brechen, ihn auf verrückt trimmen, ihn einen Selbstmord vortäuschen lassen? Alles wird mit verquerer Akribie durchdekliniert und am Ende der Pseudo-Suicid unternommen, allerdings ohne den erhofften Erfolg zu zeitigen. Am Ende sitzt Karawick im Zug zur Verschiffung an die algerische Front.

Georges Perec
Georges Perec (1936 – 1982)

All das hätte man auf einer Seite sagen können. Aber was ist Inhalt gegen die ungezügelte Sprachfantasie eines Perec? Da wird schwadroniert, bis die Schwarte kracht, und sprachgespielt, bis die Zunge zittert. Das Banale zieht das Hochgestochene zu sich herunter, dass einem schwindlich wird. Da wird tautologisiert, was das Zeug hält. Da mag es weit hergeholt sein, aber irgendwo ganz hinten im Hinterhirn klopft Rabelais an und sagt, grüß euch, ihr logorrhöen Brüder.

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Dem Diaphanes-Verlag ist zu danken, dass er mit «Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?» von Georges Perec bereits den fünften Titel dieses unverwechselbaren Franzosen neu auflegt. Nach Perec kann man süchtig werden.

Darüber und dahinter aber steht der Algerienkrieg, der die französische Jugend in Konfrontation zum Staat brachte, speziell natürlich zum Militär. Der Rezensent hat 1961 einige Wochen in einer Familie in Burgund verbracht, um seine miserablen Kenntnisse der Landessprache zu verbessern, was tatsächlich gelang, jedenfalls hat er sich viel auf der Straße, in Bistros und in Kinos herumgetrieben und erlebt, wie beim Auftauchen einer Uniform unflätige Bemerkungen gemacht, auch gepfiffen und gebuht wurde. Der Pazifismus ist das Lebensgefühl der französischen Jugend gewesen. Man darf auch nicht vergessen, dass der Indochinakrieg kaum beendet war, als in Nordafrika das Blutvergießen weiterging. Kein Wunder deshalb, dass Perec im «Vorspann» seines Buches verkünden kann: Ein von verschiedenen Militärakademien preisgekröntes Werk. Dem will der Rezensent nichts mehr hinzufügen.

Georges Perec: Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof? – Erzählung, Diaphanes Verlag, 80 Seiten, ISBN 978-3-03734-231-2

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Drei Weihnachts-Grotesken von Rainer Wedler

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Drei Weihnachts-Grotesken

Dr. Rainer Wedler

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Dieses Jahr

haben wir Weihnachten ausfallen lassen.
Jetzt hat mein Vater zwei neue Schneidezähne, meine Mutter trägt den Arm noch immer in der Schlinge, meinem Bruder sitzt die Nase schief. Warum nur ich kein bleibendes oder nicht wenigstens ein vorübergehendes Andenken ans Fest habe, das wissen die Götter. Oder das Christkind. ■

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Der Nikolaus

wird das Christkind heiraten. Eigentlich fällt sowas ja unter den Pädophilenparagraphen. Aber Promis sind  eben exempt. Oder es traut sich keiner an sie heran. Wie dem auch sei, diese Weihnachten soll die Hochzeit gefeiert werden.
Ein Störfaktor könnte allerdings Knecht Ruprecht werden, das ist der mit der furchterregenden Rute. Aber warten wir’s ab, vielleicht gibt’s ja ´nen flotten Dreier oder so. ■

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Einen ganz besonders ausgefallenen Weihnachtsschmuck

hatten wir im letzten Jahr. Oder soll ich sagen, einen abgefallenen? Es geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Die Nachbarin hatte Sturm geläutet, Frohe Weihnachten allerseits, und sich dabei an einem Sektglas festgehalten. Auf die Dauer schien ihr das aber zu unsicher, also hängte sie sich mit der freien Hand an den nächstbesten Zweig, auf dem die Kerzen traulich brannten, Halleluja, dann ging sie, den Zweig festumklammernd,  dabei zwangsläufig den im Lichterglanz erstrahlenden Baum nach sich ziehend, mit Getöse zu Boden, klingelingklingeling, ein lustig Klirren und Knistern hub an,  es roch nach brennendem Tannengrün, eine Eimerkette war schnell gebildet und das Haus gerettet.
Der kurzzeitige Weihnachtsschmuck zog sich wachs-, wasser- und ruhmbekleckert in die eigenen Gemächer zurück, Frohe Weihnachten und vielen Dank für den schönen Abend. ■

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rainer-wedler-glarean-magazin.jpgRainer Wedler

Geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika; Studium der Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie, Promotion über Burleys «Liber de vita», zahlreiche Lyrik-, Kurzprosa- und Roman-Veröffentlichungen

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Joachim Zelter: «Einen Blick werfen» (Literaturnovelle)

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Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben

Dr. Rainer Wedler

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KLM_132_LAY_Zelter2.inddDass die Usancen des Kunstbetriebs längst auch die Literatur erreicht haben, ist ein offenes Geheimnis. Selbstdarstellung als wichtiger Teil des Geschäfts, auch eine aufregende bis absonderliche Biografie kann sich als «karrierefördernd» erweisen, notfalls lässt sie sich auch erfinden, zwei Wohnsitze, Berlin und Barcelona z.B. sind längst Standard.
Darüber eine Novelle zu schreiben ist neu. Joachim Zelter hat es gemacht, und man glaubt seiner kurzen Bemerkung, die er der Geschichte voranstellt: «Was hier erzählt wird, ist keine Fiktion.»

«Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben.» Er hat sich den «Herrn Schrieftsteller» ausgesucht, damit der sich für seinen «Roman» interessiere, der allerdings lediglich aus ein paar Blättern besteht. Das Deutsch ist exotisch. Der «Herr Schrieftsteller» möge doch bitte «einen kurzen Blieck» darauf werfen, bitte, bitte. Unterwürfig und anhänglich wie Klebstoff ist er, Selim Hacopian, aus Usbekistan gebürtig, über Ägypten und China und sonstwo, das wechselt und wird ständig ergänzt, schließlich im Traumland Schwaben angelangt. Überall lauert er dem «Herrn Schrieftsteller» auf, der sich schließlich kaum noch auf die Straße traut.

Joachim Zelter - Wikipedia
Joachim Zelter (*1962)

Trotzdem korrigiert und lektoriert er die wenigen Seiten, schreibt selbst immer mehr Passagen selber und beschleunigt damit seinen eigenen Niedergang als Autor. Das einzig Interessante ist aber der Lebenslauf, der mit jeder neuen Fassung spannender wird. Selim schickt an alle, die nur irgend mit Büchern zu tun haben, eine Kamelgeschichte und die gerade aktuelle Biografie, diese Kombination ist es schließlich, die einen Verlag dazu bringt, dass er ein Buch mit dem Exoten machen will, allerdings bedürfe es dazu weiterer Kamelgeschichten. Der geneigte Leser wird unschwer erraten, was geschieht: Der «Herr Schrieftsteller», der sich – erfolglos – diese Anrede verbietet, wird Ghostwriter in Sachen Kamele.
Hier brechen wir ab, weil wir nicht alles verraten wollen. Zelter ist eine Satire auf einen Aspekt des Literaturbetriebs gelungen, der zunehmend an Bedeutung zu gewinnen scheint.

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Dass die Usancen des Kunstbetriebs längst auch die Literatur erreicht haben, ist ein offenes Geheimnis – Selbstdarstellung als wichtiger Teil des Geschäfts. Auch eine aufregende bis absonderliche Biografie kann sich als «karrierefördernd» erweisen, notfalls lässt sie sich auch erfinden… Joachim Zelter ist mit seiner neuen Literaturnovelle „Einen Blick werfen“ eine Satire auf einen Aspekt des Literaturbetriebs gelungen, der zunehmend an Bedeutung zu gewinnen scheint.

Der Rezensent kann es sich nicht verkneifen, auf ein Stück unfreiwilliger Komik hinzuweisen. «Ich sah das Grauen all der Sätze, die er (i.e. Selim Hacopian) bereits geschrieben hatte und die er noch schreiben würde. Falscher Kasus. Falscher Genus.» Der Oberlehrer «Herr Schrieftsteller» wählt, wie schön, das falsche Genus ausgerechnet beim Genus. Dies kann indes den Genuss der Novelle nicht schmälern.

Joachim Zelter: Einen Blick werfen – Literaturnovelle, Klöpfer & Meyer Verlag, 106 Seiten, ISBN 978-3863510619

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Leseprobe

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Nicole Zepter: «Kunst hassen – Eine enttäuschte Liebe»

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Eine enttäuschte Erwartung

Dr. Rainer Wedler

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Nicole Zepter - Kunst hassen - Tropen Verlag - CoverEine enttäuschte Erwartung ist entschieden besser zu verkraften als eine «enttäuschte Liebe», so der etwas aufgeregte Untertitel des Buches von Nicole Zepter: «Wer Kunst liebt, darf Kunst hassen», das soeben in der zweiten Auflage im Tropen-Verlag erschienen ist, und das innerhalb weniger Monate – ein Zeichen für das großes Interesse des Kunstpublikums, ein Zeichen auch dafür, dass etwas nicht stimmt in der KunstWelt.
Dem Rezensenten sind starke Wörter/Worte schon immer verdächtig, weil sie das Problem nur sehr grob spalten können. Und dann wird gerne das Beil im Schuppen gelassen, so kommt es nicht zum Spächtele, dem feinen Anfeuerholz, das erst ein richtiges Feuer entfachen kann.

Vom Bild zum Buch: Zepter kritisiert den Kunstmarkt, zu Recht, vergisst dabei gerne, dass der Titel anderes insinuiert. Natürlich wissen wir, dass Markt und Kunst unter einer Decke heftig ungeschützt Unzucht treiben, so dass immer seltsamere Kreaturen/ionen das KunstLicht der KunstWelt erblicken, um gehätschelt zu werden für den Laufsteg des Marktes: Kunst wird von wenigen Einflussreichen über den Markt kanonisiert. Ein Satz, der Eulen nach Athen trägt. Der Leser möchte mehr, er vermisst den Hinweis auf ein Remedium, das das Leiden der Kunst und das Leiden an ihr lindern könnte. Zepter bringt als schönes Beispiel die Hüpfburg, die zum White Bouncy Castle semantisch aufgewertet, in den Deichtorhallen zu behüpfen ist.

Die Autorin beobachtet gut. Sie spricht dem Rezensenten aus dem Herzen: Wenn der Shop das Interessanteste an einem Ausstellungshaus ist, muss das nicht an der nicht vorhandenen Intelligenz des Publikums liegen. Oder zur Arroganz der Kuratoren: Wer Kunst versteht, ist intelligent. Im Umkehrschluss: Wer Kunst nicht versteht, setzt sich dem Verdacht aus, doof zu sein. Und wer kennt es nicht, dieses Gefühl der totalen Überforderung angesichts willkürlich erscheinender Installationen und ähnlichem? Das hat dazu geführt, dass die Besucher glauben, nicht über genügend Sachverstand und Kompetenz (wo ist da der Unterschied? R.W.) zu verfügen, die sie befähigen würde (sic!), die Ausstellung für sich selbst zu entdecken. Der Ausstellungstourist fährt von Event zu Event, übernachtet auch mal gerne auf der Straße dafür, dabei sein ist alles. Jeder denkt sich sein Teil, alle halten schön den Mund. Die KunstWelt scheint so äußerlich in Ordnung zu sein.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Das Buch ist leider nicht frei von Abundanzien, auch hätte man sich gelegentlich eine präzisere Sprache gewünscht, die Zwischentitel erscheinen ein wenig reißerisch – dennoch ein Buch, das das Unbehagen an der zeitgenössischen Kunst und Kunstszene mit Verve beschreibt.

Ab Seite 53 wird’s dann arg journalistisch – kann man verstehen, ist doch Nicole Zepter Gründerin und Chefredakteurin des im letzten Jahr gegründeten Magazins The Germans. Statt des 14 Seiten langen Interviews hätte man sich eine knappe Zusammenfassung der wesentlichen Punkte gewünscht.
Wie sehr Kunst und «Kunstkritik» verschwägert sind, weiß jeder aus Erfahrung. Die Folge ist schön reden, vorsichtig formulieren, ins Leere sprechen, Worthülsen. Gelegentlich kann es einer klugen, distanzierten und nicht wie üblich, «einfühlsamen» Interpretation gelingen, ein Kunstwerk zu erschließen. In der Regel aber wird das Vorgestellte erst durch Interpretation zu Kunst gemacht, eben zur «Interpretationskunst», wie der Rezensent sich angewöhnt hat, diese Art von Kunst zu benennen. Freunde hat er sich damit nicht gewonnen. Jeder mag, wenn er über das entsprechende Vokabular verfügt, den Versuch anstellen, einen beliebigen Gegenstand, besser eine willkürliche zusammengefundene Menge von Gegenständen mittels des erwähnten «Fachwortschatzes» zum KunstWerk zu transformieren. Spaß macht es allemal.

Desiderat ist ein Bildmaterial als optischer Beleg für Thesen und Beispiele, die die Autorin anführt.

Das Buch ist leider nicht frei von Abundanzien, auch hätte man sich gelegentlich eine präzisere Sprache gewünscht, die Zwischentitel erscheinen ein wenig reißerisch – dennoch ein Buch, das das Unbehagen an der zeitgenössischen Kunst und Kunstszene mit Verve beschreibt.

Nicole Zepter: Kunst hassen – Eine enttäuschte Liebe, 136 Seiten, Tropen Verlag / Klett-Cotta, ISBN 978-3608503074

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Leseprobe

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Pierangelo Maset: «Wörterbuch des technokratischen Unmenschen»

Von «Beschulung» bis «Humankapital»

Dr. Rainer Wedler

Wörterbuch des technokratischen Unmenschen«Wörterbuch des technokratischen Unmenschen» – der Titel lässt aufhorchen. Ein Desiderat, denkt man, die längst fällige Fortschreibung der Tradition von Victor Klemperers «Lingua tertii imperii», Karl Korns «Die Sprache in der verwalteten Welt» und dem Gemeinschaftswerk «Aus dem Wörterbuch des Unmenschen» von Gerhard Storz, Wilhelm E. Süskind und Dolf Sternberger, den in Heidelberg zu hören der Rezensent das Glück hatte. Doch um es vorwegzunehmen: der Leser wird ein wenig enttäuscht.

Dem Technokraten, ein generalisierender Begriff, wird Unmenschlichkeit unterstellt. Niemand wird bestreiten wollen, dass ungebremstes Gewinnstreben und oft unreflektierter technologischer Fortschritt eine sichtbare Gefahr für unsere Gesellschaft darstellen, aber daraus über den Titel eine Assoziation zum totalitären System des Nationalsozialismus herzustellen, geht über das Ziel hinaus.

Dazu einzelne Stichwörter.
– alternativlos: Das kann phantasielos sein, denkfaul, unmenschlich ist es gewiss nicht.
– Benchmarking: Am Anglizismus mag man sich stören, auch daran, dass Objektivität oft nur vorgetäuscht ist, überzogen die Schlussfolgerung: Für den technokratischen Unmenschen hingegen ist das «Benchmarking» ein wunderbares Instrument «zur Optimierung der von ihm erstrebten Herrschaftsform» (S. 35).
– Engagement: Es bedarf schon einiger Gedankenwindungen, um diesen Begriff ins Unmenschenwörterbuch zu befördern. Dass mit einiger Mühe jeder Begriff ins Negative gewendet werden kann, beweist der Autor auch hier. «Engagement» wird dann nämlich zu einem Instrument, das «Ausfallerscheinungen in Staat und Gesellschaft kostengünstig korrigieren soll». (S. 59) Über diesen Satz kann man diskutieren, man sollte es, dennoch gehört «Engagement» nicht in dieses Wörterbuch.

Die Liste ließe sich leicht fortsetzen, wir wollen aber nun zwei gelungene Beispiele vorstellen.
– Audit: Ein furchtbares Wort, das zu Recht dem Unmenschen zugeschrieben werden kann.
– Beratung/Consulting: Ein camouflierender Begriff, unmenschlich wäre auch hier zu stark. «McKinsey und Konsorten haben den Umbau der Gesellschaft mitbewirkt und sehr viel Geld aus Behörden und Unternehmen herausgezogen, die nicht selten nach einer ‚Beratung‘ am Boden liegen» (S. 37). Dem ist nichts hinzuzufügen.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Wäre nicht der fatale «Unmensch» in den Titel geraten, man hätte Pierangelo Masets neues «Wörterbuch des technokratischen Unmenschen» mit ganz anderen Augen gelesen, denn den meisten kritischen Bemerkungen des Autors ist zuzustimmen. Ein schmales Buch, das manches erhellt, dem aber zu wünschen wäre, dass es für die zweite Auflage gründlich überarbeitet würde.

Wäre also nicht der fatale «Unmensch» in den Titel geraten, man hätte mit ganz anderen Augen gelesen, denn den meisten kritischen Bemerkungen des Autors ist zuzustimmen. Gelungene Beispiele sollen genannt werden:
Beschulung, Corporate Identity/Corporate Design, Eindringtiefe, Humankapital, Kreativität/Kreativwirtschaft, Philosophie, Update/Upgrade.

Trotz aller Kritik: Ein schmales Buch, das manches erhellt, dem aber zu wünschen wäre, dass es für die zweite Auflage gründlich überarbeitet würde.

Pierangelo Maset: Wörterbuch des technokratischen Unmenschen, Radius-Verlag Stuttgart, 144 Seiten, ISBN 978-3871739491

Interessante Literatur-Novitäten – kurz vorgestellt

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Clemens Umbricht: «Museum der Einsichten»

Umbricht-MuseumSeit seiner frühen Lyrik-Veröffentlichung «Der Abstand der Wörter» vor rund 20 Jahren zählt der im Luzernischen Reiden geborene Schriftsteller und Verleger Clemens Umbricht zu den gewichtigen Poesie-Stimmen der Schweiz. Nun legt der inzwischen verschiedentlich mit Preisen prämierte Lyriker seine neue Sammlung «Museum der Einsichten» als 38. Ausgabe der Reihe «Fund-Orte» im Zürcher Orte-Verlag vor.
«Museal» waren Umbrichts Gedichte noch nie – noch nicht mal das Etikett «regional» gilt (ein die Schweizer Lyrik oft treffendes Vorurteil). Vielmehr durchmessen Umbrichts «Einsichten», poetisch verwandelt und geadelt, ein reiches Themata-Spektrum vom «Austernfrühstück» bis zum «Spaziergang in Venedig», von «Atlantis» bis zur «Osterinsel». Gegliedert ist der vom Verlag sehr qualitätsvoll realisierte Band in die fünf Abschnitte «Leer vom Hunger nach Licht» , «Der Kontinent, den niemand kennt», «Doppelgänger beim Frühstück», «Britische und andere Impressionen» und «Anwesenheit, Abwesenheit». Umbricht breitet hier eine sehr bildreiche, oft packende, manchmal still-eindringlich wirkende Palette von Poesie, lyrischen Impressionen und Aphoristischem aus. Lesenswert. (we)  ■

Clemens Umbricht: Museum der Einsichten, Gedichte, 74 Seiten, Orte Verlag, ISBN 3-85830-166-6 

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Rainer Wedler: «Es gibt keine Spur»

Literatur-Rezension-Wedler-Spur-Cover-Glarean-MagazinIm Gegensatz zu seinen früheren Prosa-Publikationen schöpft der Karlsruher Schriftsteller Rainer Wedler (geb. 1942) in seinem jüngsten Belletristik-Band «Es gibt keine Spur» nur schon äusserlich diesmal aus dem Vollen: Auf üppigen 330 Seiten fächert Wedler ein thematisch wie sprachlich beeindruckendes Kaleidoskop von ultrakurzen bis ellenlangen Prosastücken auf.
Den weit über 50 Erzählungen – sie stammen teils aus früheren Schaffensjahren – eignet durchwegs enorme sprachliche Virtuosität und eine Varianz der Diktion, die verblüfft: Vom Staccato beim Darstellen «objektiver philosophischer Zustände» bis hin zum epischen Legato beim Schildern emotionaler Untiefen findet der wort- und bildverliebte Autor den adäquaten Sprachfluss. Über bzw. unter allem schimmert dabei eine (durchaus auch selbst-)ironische Nuance durch, die alle Intellektualität literarisch durchwächst. Keine einfache, eine anstrengende Lektüre, die desto stärker fesselt, je konzentrierter man sie zu sich nimmt. Empfehlenswert. (we)

Rainer Wedler: Es gibt keine Spur, Prosastücke, 330 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3863560522

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Weitere Literatur-Rezensionen im Glarean Magazin

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