Neue Lyrik-Bücher – kurz belichtet

Nico Bleutge: «Nachts leuchten die Schiffe» – Gedichte

Wortreich, reflexiv, sprachkräftig, experimentell, bildgewaltig, prosa-isch – das sind nur ein paar der vielen (völlig unzureichenden) Adjektive, die sich dem Leser von Bleutges jüngstem Lyrik-Band aufdrängen. Mit assoziationsreicher, aber gleichwohl instinktsicherer Motivik umkreist der vielfach ausgezeichnete, 1972 geborene Berliner Autor in seinem zehnteiligen Zyklus sein facettenreiches Titel-Thema «Nachts leuchten die Schiffe». Durchaus treffend umschreibt der verlagseigene Werbe-Waschzettel die Intention des Bandes: «Echos und Lesefetzen, eigene und fremde Stimmen, die sich zu einem Dritten formen. Solche Sprachfunde sind für Nico Bleutge wie Kraftfelder, die seine Aufmerksamkeit bündeln… Der Bosporus als Sprungbrett: Öltanker und Containerschiffe, die etwas davon erzählen, wie der weltweite Handel die überkommenen Vorstellungen von Zeit, Transport und Geschwindigkeit verändert hat».

Bleutges Lyrik liest sich nicht (und las sich noch nie) einfach: Lange Wort- und Satz-Ketten, die an ver- bzw. gekappte Kurzprosa erinnern; mehrschichtige Zeitspuren; collagierte «Schauplätze»; abrupte Rhythmuswechsel; exzessive Sprachspiel- und ungebändigte Fabulier-Lust an Wortfarben und Binnenformen – das alles macht die Lektüre anstrengend, lässt die thematischen Fäden immer wieder entgleiten. Doch der Aufwand des Lesers wird belohnt. Es ist unglaublich, welcher sprachliche und inhaltliche Kosmos diesem Lyriker verfügbar ist. «Nachts leuchten die Schiffe» sind keine Gedichte – das ist eine Sinfonie. (we)

Nico Bleutge, Nachts leuchten die Schiffe, Gedichte, 92 Seiten, C.H.Beck-Verlag, ISBN 978-3-406-70533-5

Irène Bourquin: «Schaukelnd im grünen Atem des Meeres» – Gedichte

Die Schweizer Dichterin, Theater-Autorin und Kulturjournalistin Irène Bourquin (*1950) hat schon seit vielen Jahren in dem exqusiten Waldgut-Verlag eine besondere verlegerische Heimat gefunden. Dabei bildet das Gedicht einen Schwerpunkt ihrer Arbeit: «Patmos» (2001), «Angepirscht» (2007) und «Türkismänander» (2011) hießen da ihre lyrischen Stationen. Und nun ein neuer Band Gedichte, wieder der pastellfarbene Süden-Sonne-Meer-Topos ganz zentral: «Lago d’Iseo», «Grotte die Toirano», «Bordighera», «Porquerolles», «Cap Taillat», «Tudela» oder «Aiguamolls» nennen sich etwa die Texte, geographisch angesiedelt in Ligurien, der Cote d’Azur, der Provence und in Katalonien.

Sprachlich wird das Niveau unterschiedlich durchgehalten; Vergilbt-konturlose Banalitäten wie: «Noch immer das Meer / in jedem denkbaren Blau / am Horizont / die Schatten der Tanker / wachsen» stehen neben wundervoll melodischen Sprachbildern: «Wie Rauchfahnen / schwarzsilbern / steigt / kahler Wald / ins Licht / Ockergold / die letzten Fackeln».
In seiner bekannt sorgfältigen Art nahm sich der Waldgut-Verlag auch hier sehr liebevoll der Buchherstellung an, indem im Bodoni-Druck mit Bleisatz und Handpressendruck bis hin zur händischen Fadenheftung gearbeitet wurde – ein bibliographisches Unikum heutzutage. Schade nur, dass das zu dünn gewählte Papier jeweils die Rückseiten-Texte durchschimmern lässt. Davon abgesehen: Eine schöne, sowohl literarisch wie drucktechnisch sehr qualitätsvolle Ausgabe, in der zu blättern und zu lesen so etwas wie bibliophile Wellness erzeugt. (we)

Irène Bourquin, Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Gedichte, 64 Seiten, Waldgut Verlag, ISBN 978-3-03740-655-7

Andreas Krohberger: «Ein Strauß schwarzer Rosen», Gedichte über Sehnsucht, Sex und Liebe

Gewiss, dem studierten Germanisten Andreas Krohberger (*1952 in Schorndorf/D) merkt man die stetige Beschäftigung mit eigenen und fremden Gedichten an. Nicht nur, dass der umtriebige Koch-, Wein- und Gartenbuch-Autor in div. Verlagen einiges an Lyrik publizierte; ein Text wie: «Scharf wie ein Raubtier / riecht die Luft / nahe bei dir / und meine Zunge kostet / den öligen Tau / im blühenden Klee / vielblättriger, saftiger Klee / ein Zittern / und raue, kehlige Laute / treffen auf salzige Haut / Unfassbar / was Liebe / für dich ist / für mich» hat durchaus Imagination und Rhythmus.

Aber dann wieder in der gleichen Sammlung «Ein Strauß schwarzer Rosen» sehr viel Herz-/Schmerz-Langeweile, haarscharf am Kitsch vorbeischrammende Verse, oft gelesene Worthülsen, Unspektakuläres im schlechtesten Sinne. Als Beispiel für Ähnliches: «Immer wenn du gehst / du / die ich nicht liebe / bleibt doch von deiner Wärme / etwas zurück unter der Decke / von deinem Duft / auf meinen Lippen / im Herzen ein wenig / von deinem Lächeln / und wie ein feiner Stich / die Angst / du könntest nie / gar nie / mehr kommen» – das ist Deutscher-Schlager-Zeugs, vorgetäuschte Plakat-Emotionen, an der gebrochenen Komplexität des Untertitel-Themas peinlich vorbeigeschrieben. Trotz schöner Bilder ab und zu: Ein entbehrliches Buch. (we)

Andreas Krohberger, Ein Strauß schwarzer Rosen, Gedichte über Sehnsucht Sex und Liebe, 52 Seiten, Edition Fischer Verlag, ISBN 978-3864550881

Rainer Wedler: «einen Fremden grüßt man nicht», Gedichte (2011-2016)

Wer die literarische Arbeit des 75-jährigen deutschen Schriftstellers Rainer Wedler längere Zeit verfolgte, dem fällt die zentrale Bedeutung auf, die dem Lyrischen im Schaffen dieses Autors zukommt. Roman, Novelle, Erzählung: die größeren Formen der Belletristik sind das ureigene Gebiet Wedlers – aber dem kurzen Wenigzeiler, dem kleinen Text-Bild, dem unscheinbaren Zehn- oder Zwanzig-Sätzer gilt seine besondere Liebe, auch seine sprachlich nochmals gesteigerte Achtsamkeit.
«einen Fremden grüßt man nicht» breitet auf üppigen 144 Gedichte-Seiten als Zusammenfassung der letzten fünf Jahre ein lyrisches Kleinod nach dem anderen aus, ein packendes Sprach-Blitzlicht neben dem nächsten, aufs Wesentliche zurechtgefeilte Konzentrate allesamt, deren Handschrift sehr akkurat, sehr virtuos, sehr überlegt – und sehr unbestechlich ist. Da findet sich null Geschwätzigkeit, immer Klarheit und Notwendigkeit, jedem Gedicht haftet ein zwingendes So-und-nicht-anders an.

Wobei ja nicht von einem knöchern-klappernden Handwerk – komme es noch so virtuos daher – die Rede ist, das dem Dichten alles Blut austreibt zugunsten reibungslosen Betriebs, sondern von der sauberen Ernsthaftigkeit im Umgang des Künstlers mit dem Material Sprache. Dass im Schreiben Wedlers kein Leben, sondern hauptsächlich Professionalität sei, ist eh keine Gefahr. Denn einem wie ihm, der einst als Schiffsjunge durch türkische, algerische und afrikanische Meere fuhr, später als Historiker, Germanist und Philosoph ausgerechnet über Burleys «liber de vita» promovierte, um anschließend jahrelang vor Generationen moderner Schuljugendlicher über Literatur nachzudenken, einem solchen stieß genug Leben zu, um eben dieses zu guter Letzt als geschliffenes Gedicht, als ausgefeiltes Sprachgebilde, gegossen in präzis abgewogene Sätze, also in ganz anderer Form auferstehen zu lassen.

Wedlers Befund ist dabei eindeutig: «das Verschwinden der Wörter / ist nicht aufzuhalten / wenn wir sie nicht mehr schmecken / können / ihr Fleisch verdorrt / fällt ab / wo soll da die Seele wohnen / die neuen Wörter kommen / als Fabrikware / für den schnellen Gebrauch», und überhaupt: «die Bilder schiebt der Automat / ein Euro / vier Bilder / die Tänzerin tanzt / der Turner turnt / die Sängerin singt / der Jongleur jongliert / das Licht geht aus / du meinst / das ist das Leben». Denn «die Zeichen der Kunst» sind mittlerweile auch nur Mahnmale des Todes: «der Pilot / des Jagdbombers / versteht sich / als Künstler / das Ich herausnehmen / Distanz gewinnen / die Bombe platzieren / dass die Menschenmenge aufplatzt / wie ein bunter Klecks». Manches in Wedlers Lyrik hat einen melancholischen Touch, der leer schlucken lässt, und der weniger der sog. Altersweisheit denn doch einiger Resignation zu entspringen scheint.
Andererseits, wenn es eine Konstante im literarischen Schaffen dieses Autoren gibt über all die Jahre hinweg, dann ist es dieses wohlmeinende Augenzwinkern, diese verständnisvolle Verschmitztheit, dieser lächelnde Na-sowas-Humor, den nicht mal diese jüngste, grundsätzlich dem Nachsinnen gewidmete Lyrik-Sammlung auszutreiben vermochte. Zu Lachen gibt es nichts in Wedlers Gedichten – aber wenigstens das (versteckte, ja zuweilen verschleierte) Erkennen der Lächerlichkeit des «homo homini lupus»: «mit dem Thorazeiger / den schwermütigen Vorhang lüften / an den Fransen hängen Glöckchen / im Wind / betet der Hodscha / im Osten / geht die Sonne auf / heute umarmen / die Beschnittenen den Vorhäutigen / Abraham dreht sich um und kann endlich ruhig schlafen». Denn wie heißt es in einem der Buch-Kapitel, das lauter «Liebesgedichte» enthält? «am Ende / lasse ich den Tag / grußlos stehen / und geh ins Haus / wo mich die Dinge nicht erwarten / sie sprechen nicht mehr / mit mir / ich lass die späte Nacht herein / kann man die Liebe aus dem Fernster werfen?»

Die Romane des Schriftstellers Wedler und die Lyrik des Dichters Wedler sind keine Mainstream-Literatur, und sie werden nie in einer «Spiegel-Bestenliste» auftauchen. Aber schön, dass dieser nachdenkliche, blitzgescheite, voller exquisiter Überraschungen steckende, mit allen Wassern des sprachlichen Handwerks gewaschene, darob trotzdem quirlig-agil schreibende, immerzu reflektierende und gleichwohl lebensvolle Autor schreibt und schreibt. Nicht unverdrossen – aber unbeirrt. Eine wertvolle, nötige literarische Stimme, die zurecht in dem innovativen Ludwigsburger Pop-Verlag einen ständigen Sitz gewonnen hat. Empfehlung! (we)

Rainer Wedler, einen Fremden grüßt man nicht, Gedichte (2011–2016), 142 Seiten, Pop Verlag, ISBN 978-3-86356-176-5

Barbara Beuys: «Maria Sibylla Merian – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau» (Biographie)

Über die Schönheit von Raupen und Schmetterlingen

Günter Nawe

maria-sybilla-merian-beuys-cover-glarean-magazinMaria Sibylla Merian (1647 bis 1717) war alles in einem: Künstlerin, Insektenforscherin, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich – man würde heute sagen – zu vermarkten wusste. Auch das für eine Frau in dieser Zeit erstaunlich – und bewundernswert. Kurz: Maria Sibylla Merian war eine selbstbewusste und selbstständige, ja emanzipierte Frau.
Aus einem sogenannten guten Hause, Tochter des berühmten Matthäus Merian, also künstlerisch vorbelastet, entdeckte Maria Sibylla Merian früh ihre Liebe zu Raupen und Schmetterlinge, deren Schönheit sie begeisterte. Joachim von Sandrart, Maler, Kupferstecher und Kunsthistoriker, beschreibt 1665 das Interessengebiet der Maria Sibylla Merian wie folgt: Sie konzentriere ihren großen Fleiß und ihren Geist…darauf, «besonderlich auch in den Excrementen der Würmlein, Fliegen, Mucken, Spinnen und dergleichen Natur der Thieren abzubilden, mit samt dem Veränderungen, wie selbe Anfangs seyn, und hernacher zu lebendigen Thieren werden, samt dern Kräutern, wovon sie ihre Nahrung haben….».

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Aus „Das kleine Buch der Tropenwunder“

Ein «Fachgebiet», dem sie sich ausführlich widmete und in dem sie mit wissenschaftlicher Akribie forschend erfolgreich arbeitete. Sie wurde zur Expertin und ihr erstes «Raupenbuch» («Der Raupen wunderbare Verwandlung, und sonderbare Blumennahrung») war eine Pionierleistung erster Klasse. Beobachtungsgabe und unermüdlicher Forschergeist waren es, die sie in diesem Fachgebiet Bedeutendes leisten ließ. Und es war mehr: Es war ihre Liebe zur Natur, die sie zeichnerisch in Kunst verwandelte – eine reproduzierende Kunst, die sie von ihrem nicht minder berühmten Vater gelernt hatte.
Ihre Bücher fanden Freunde, nicht zuletzt dank ihrer Fähigkeit zur Beschreibung ihre Forschungsergebnisse von Pflanzen und Insekten. Weil dabei immer ihr Herz mitspielte. Als Beispiel die Beschreibung einer Pampelmuse: «Die große und herrliche Frucht wird in Surinam Pampelmuse genannt. Die Bäume wachsen so hoch wie Apfelbäume.Sie hängen sehr voll von Früchten, so dass die Zweige oft Gefahr laufe, wegen des Gewichtes der Früchte zu brechen… Hierauf befinden sich Raupen mit blauen Köpfen, deren Körper voller langer Haare ist, die so hart sind wie Eisendraht.»

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Maria Sybilla Merian

Ihr Erkenntnisse hat sie auch künstlerisch umgesetzt. Ihre Stiche, sie war auch eine hervorragende Kupferstecherin, zählen bis heute zu den den bedeutendsten und schönsten Naturbildern, zu den schönsten Blumen- und Insektenbildern der Barockzeit.
Über all dies schreibt Barbara Beuys in ihrer wunderbaren Biographie. Sie zeichnet dabei nicht nur ein faszinierendes Lebensbild einer ebenso faszinierenden Frau, sondern gleichzeitig ein Bild der Gesellschaft, in der Maria Sibylla Merian gelebt, geforscht und gearbeitet hat. In einer Zeit, die von den reformatorischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Selbstbewusst hat sie sich als Frau in einer weitgehend männerdominierten Welt, die dennoch neue Spielräume für Frauen eröffnete, durchgesetzt.
Kursorisch der Lebenslauf: Kindheit und Jugend in Frankfurt/Main, dann Nürnberg, Heirat und Kinder, wieder nach Frankfurt, Eintritt in eine radikal religiöse Gemeinschaft in Holland, nach zwanzigjähriger Ehe Trennung von ihrem Mann, Umzug mit ihren Töchtern nach Amsterdam, Gründung des Merian-Studios. Und letztlich – im Alter von zweiundfünfzig Jahren – eine Forschungsreise in die tropische Inselwelt von Surinam. Sie war, sie wurde nun endgültig berühmt, nicht immer geliebt, aber anerkannt und gerühmt von Gottfried Wilhelm Leibniz.

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Wohl niemand vor ihr hat die Natur so prächtig gemalt und beschrieben wie Maria Sibylla Merian – eine außergewöhnliche Frau, Künstlerin und Forscherin, deren Biographie Barbara Beuys nicht zuletzt aus Anlass des 300. Todestages vorlegt. Die Kölner Autorin Barbara Beuys, bekannt geworden durch zahlreiche Bücher – so über Sophie Scholl, über Paula Modersohn-Becker und über die finnische Malerin Helene Schjerfbeck – beweist mit ihrer jüngsten Publikation einmal mehr großes erzählerisches Vermögen und profunde Kenntnis. Kommt hinzu, dass der Biografin bei aller kritischer Distanz eine große Nähe zu Frau Merian zuzuschreiben ist.

Natürlich beschreibt Barbara Beuys sehr akribisch Lebenslauf und Lebenswelt der Maria Sibylla Merian. Doch der Autorin geht es um mehr. Sie versucht, sich mit weiblichem Blick der Gefühlswelt dieser Frau zu nähern, sie zu erkunden. Und das gelingt Barbara Beuys hervorragend.
Wenn es ein Geheimnis um des erfüllte Leben der Maria Sibylla Merian gegeben haben sollte – sie selbst hat es gelüftet. Im Vorwort zu ihrem surinamischen Insektenbuch schreibt sie, warum sie für dieses Buch die besten Kupferstecher und das beste Papier gewählt habe: «…damit ich sowohl den Kennern der Kunst als auch den Liebhabern der Insekten Vergnügen und Freude bereite, wie es auch mich freuen wird, wenn ich höre, dass ich meine Absicht erreicht und gleichzeitig Freude bereitet habe.» Sie hat – ebenso wie uns Barbara Beuys mit dieser Biographie. ■

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau, Biographie, 284 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-36180-0

Simone Frieling: «Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreisträgerinnen für Literatur»

Mysteriöse Gender-Aspekte des Literatur-Nobelpreises

Prof. Dr. Markus Winkler.

frieling-ausgezeichnete-frauen-coverDer Literaturnobelpreis, den die Schwedische Akademie seit 1901 jedes Jahr vergibt (Ausnahmen waren die Kriegsjahre 1914, 1918 und 1940-1943), wurde bislang 98 Schriftstellern und 14 Schriftstellerinnen zugesprochen. Die Gründe für dieses Ungleichgewicht sind vielfältig, wie Simone Frieling im Nachwort zu ihrem neuen Buch «Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreis-Trägerinnen für Literatur» darlegt: Bis zum Jahr 1914, als Selma Lagerlöf, selbst Preisträgerin des Jahres 1909 (und die erste Frau, die mit dem Preis ausgezeichnet wurde), in die Akademie eintrat, hatte diese kein weibliches Mitglied, und selbst heute arbeiten nur vier Frauen aktiv in ihr mit. Seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts allerdings wird der Preis in kürzeren Abständen an Frauen vergeben, und seit 2015 ist eine Frau, die Literaturwissenschaftlerin Sara Danius, Vorsitzende der achtzehnköpfigen Jury, die für die Preisvergabe verantwortlich ist – eine einschneidende Veränderung, wie Frieling unterstreicht. Dergleichen Veränderungen seien in den Jahrzehnten bis 1990 gewiss dadurch erschwert worden, dass die Mitgliedschaft in der Akademie lebenslang ist. Und schließlich seien die Normen der Bewertung von Gegenwartsliteratur bekanntlich überaus abhängig vom jeweiligen «Zeitgeist». Dementsprechend bleibe die Arbeit des Nobelpreiskomitees in vielerlei Hinsicht «Ein Mysterium» (so der Titel von Frielings Nachwort, der eine Äußerung von Horace Engdahl, dem langjährigen Akademie-Sekretär, aufgreift). Der Eindruck des Mysteriös-Intransparenten stellt sich in der Tat beim Rückblick auf manche der Entscheidungen ein: Warum wurde z.B. 1926 «die rückwärtsgewandte Grazia Deledda» ausgezeichnet und 1938 «die literarisch weniger bedeutende Pearl S. Buck», während Virginal Woolf «nicht einmal in Erwägung gezogen worden ist» (S. 286-287)? Und warum, so möchte man im Hinblick auf die Zeit seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts hinzufügen, wurde die große französische Schriftstellerin Nathalie Sarraute, eine bedeutende Repräsentantin des «nouveau roman», nicht ausgezeichnet, wohl aber im Jahre 2004 Elfriede Jelinek – eine bekanntlich überaus kontroverse Entscheidung, die u.a. zum Rückzug eines der Juroren aus der Akademie führte?

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Beleuchtet die mysteriöse Tatsache, warum kaum Frauen den Literatur-Nobelpreis erhalten: Autorin und Künstlerin Simone Frieling

Frieling versucht, Licht in solche ‚Mysterien‘ zu bringen: zunächst in ihrem einleitenden Kapitel über Alfred Nobel und die Geschichte der Nobelpreis-Verleihung, dann in jedem der vierzehn, chronologisch angeordneten essayistischen Porträts der Nobelpreisträgerinnen. Dabei berücksichtigt sie die Argumente, mit denen die Akademie die jeweilige Auszeichnung begründete, und die Reaktionen der literarischen oder auch politischen Öffentlichkeit ebenso wie den Lebensweg und schriftstellerischen Wedergang der Ausgezeichneten und die spezifischen Kontexte ihres Schreibens (Anfeindungen seitens einer männlich dominierten Kritik, Konflikte mit der Mutterrolle, Exil etc.). Vor allem aber zeichnet sie in jedem Kapitel ein prägnantes literarisches Profil der jeweiligen Autorin.

Die eigenen sehr kunstvollen Scherenschnitte, die sie den Kapiteln voranstellt, stimmen das Lesepublikum ebenso auf diese Vorgehensweise ein wie die jeweiligen Untertitel. «Die streitbare Chronistin des schwarzen Amerika», lautet z.B. derjenige des Kapitels über Toni Morrison, deren Scherenschnitt vor Augen führt, dass diese Chronistinnen-Arbeit immer auch eine Auseinandersetzung mit der «whiteness» beinhaltete (die schwarze Silhouette wird hier verdoppelt durch den weißen Ausschnitt). In jedem Kapitel gewinnt das literarische Profil dadurch an Deutlichkeit, dass zwar das gesamte Oeuvre zumindest ansatzweise Erwähnung findet, aber einige herausragende Werke genauer charakterisiert werden. In dem Kapitel über Selma Lagerlöf z.B. sind es insbesondere Gösta Berling und Nils Holgerson, in dem über Nelly Sachs das Gedicht «Schmetterling», in dem über Nadine Gordimer, die ihre Schreiben ganz in den Kampf gegen die Apartheid gestellt habe, der Roman July’s People, in dem sich das Herrschaft-Dienerschaft-Verhältnis verkehre, und der «Entwicklungsroman» Burger’s Daughter; in dem Kapitel über Toni Morrison der ist es der Generationenroman Song of Solomon und in dem über Elfriede Jelinek der Roman Lust, den Jelinek selbst als vergeblichen Versuch eines «weiblichen Pornos» ankündigte, der sich aber durchaus so lesen lasse.

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Simone Frielings Monographie «Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreisträgerinnen für Literatur» ist ein sehr kenntnisreicher, engagierter und ansprechender Beitrag zu einem wichtigen Aspekt der Geschichte des Literaturnobelpreises.

Simone Frielings Porträts der ‚ausgezeichneten Frauen», zu denen außer den bereits Genannten die Autorinnen Sigrid Undset, Gabriela Mistral, Wisława Szymborska, Doris Lessing, Herta Müller, Alice Munro und Swetlana Alexijewitsch zählen, sind immer nuanciert, aber auch wertend: So bemerkt sie z.B., dass Nadine Gordimer anders als ihr Freund J.M. Coetzee in künstlerischer Hinsicht «keine neuen Anstöße gegeben» habe, sondern den «Konventionen realistischen Erzählens treu» geblieben sei (S. 151); in Toni Morrisons neuestem Roman Home wiederum schwäche die «Anhäufung der Grausamkeiten» (S. 167) die Geschichte, die erzählt werde. Das Lesepublikum muss diese und andere Wertungen nicht teilen, wird sie aber als Leseanregungen ebenso zu schätzen wissen wie die Offenlegung von Widersprüchen und Ungereimtheiten im Schreiben und Leben der Autorinnen (etwa die Tatsache, dass Selma Lagerlöf, Frauenrechtlerin und Pazifistin, eindeutige Stellungnahmen gegen die Nationalsozialisten vermied). Nützlich sind schließlich die weiterführenden Angaben zur deutschsprachigen Forschungsliteratur am Ende jedes Kapitels.

Frielings Monographie ist ein sehr kenntnisreicher, engagierter und ansprechender Beitrag zu einem wichtigen Aspekt der Geschichte des Literaturnobelpreises. Zur guten Lesbarkeit des Buches tragen u.a. die Querverweise zwischen den Kapiteln, die Skizzen rezeptionsgeschichtlicher Zusammenhänge und vor allem der gepflegte Schreibstil der Autorin bei. Das Buch wendet sich sowohl an ein breites literaturinteressiertes Lesepublikum als auch an Komparatistinnen und Komparatisten, die ihm z.B. die Frage entnehmen können, inwiefern der Literatur-Nobelpreis zur Genese einer spezifisch weiblichen Weltliteratur beigetragen hat. ♦

Simone Frieling: Ausgezeichnete Frauen – Die Nobelpreisträgerinnen für Literatur, Verlag LiteraturWissenschaft.de, 280 Seiten, ISBN 978-3936134513

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markus-winkler-glarean-magazin Prof. Dr. Markus Winkler Geb. 1955, Studium der Romanistik, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Bonn, Paris und Lausanne, Lehrtätigkeit an den Universitäten Genf und Pennsylvania/USA (1992–1998), 2002-2014 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, seit 1998 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Genf, zahlreiche fachwissenschaftliche Buch-Publikationen und herausgeberische Arbeiten

Elisabeth Raabe: «Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche» – Verlegerinnenleben

Die Geschichte einer Leidenschaft

Günter Nawe

Eine Arche ist eine Arche - Raabe - Glarean Magazin - Buch-CoverZürich 1982 – zwei Frauen bewerben sich um den von Peter Schifferli 1944 gegründeten, renommierten  Schweizer Verlag «Verlags AG Die Arche»: Elisabeth Raabe, Lektorin und Verlagsfrau, und Regine Vitali, Gründerin des Züricher Kinderbuchladens. Was ihnen nur wenige zugetraut haben – sie führten den Arche Literatur Verlag Raabe+Vitali zu einem der bedeutendsten Verlage im deutschen Sprachraum. 2008 – nach 25 Jahren – zogen sich die Damen zurück, um ‹nur noch» den Arche Kalender Verlag zu führen – ebenfalls mit großem Erfolg.
Über das, was zwischen diesen beiden Eckdaten liegt, erzählt Elisabeth Raabe in ihrem Buch «Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche – Verlegerinnenleben».  Sie erzählt die Geschichte einer Passion, von einem Leben mit Büchern für Bücher. Sie erzählt spannend, engagiert und mit Herz von Erfolgen und Misserfolgen, von den Freuden des Verlegerinnenlebens und seinen Leiden.

Elisabeth Raabe - Arche Verlag - Rezensionen
Elisabeth Raabe

Am Beginn standen als Autoren des legendären Schweizer Verlags Ezra Pound und Gertrude Stein (die auch den Titel dieses Buches «lieferte»), Friedrich Glauser und die Dadaisten, Friedrich Dürrenmatt und viele andere renommierte Autoren. Ein anspruchsvolles Erbe, das die neuen Verlegerinnen zu neuem Leben erwecken wollten – und sollten. Und auch dies: bald gab es einen Bestseller: In der Reihe der Arche-Bücher erschien Eine Insel finden – Gespräch zwischen Otto F. Walter und Silja Walter.
Die Rämistrasse in Zürich wurde zu einer Art literarischem Zentrum. Die Autoren gaben sich die Klinke in die Hand, neue Autoren fanden hier eine Heimstatt. Gedenktage großer und berühmter Autoren konnten verlegerisch gefeiert werden. Der Verlag wuchs, der Luchterhand Verlag wurde gekauft. Und so stand der Arche Verlag nun auch mit einem Bein in Deutschland.

Das alles ging nicht ohne Mühen ab, aber auch nicht ohne Freuden. Der Kampf um Rechte, immer wieder die Abwägung zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und verlegerischer Ambition, Umzüge mussten bewältigt werden, zuletzt nach Hamburg: Die beiden Verlegerinnen leisteten ganze Arbeit. Die Mühen aber wurden aufgewogen durch die Zusammenarbeit mit den Autoren, durch Erfolge im Buchmarkt, durch das Interesse der Leser. Die unruhigen Zeiten in Deutschland, der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung – sie blieben nicht ohne Folgen für den Verlag.
Über allem aber stand die Leidenschaft am Büchermachen, die die beiden Verlegerinnen auszeichnete. Kathrin Aehnlich hat es auf den Punkt gebracht: «Ich war an zwei Besessene geraten, die das lieben, was sie tun.»

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Die Geschichte des Züricher-Hamburger Arche Verlags – geschrieben von der Verlegerin Elisabeth Raabe. Sie erzählt von der wechselvollen, aber durchweg erfolgreichen Geschichte dieses Verlag – und das höchst unterhaltsam und mit viel Herz und Passion. Herausgekommen ist ein Buch über Bücher und Autoren – und eine kleine schweizerdeutsche Literatur- und Verlagsgeschichte.

Immer wieder begegnen uns so in diesem interessanten Buch  glanzvolle Namen: Margaret Forster, Maarten’t Hart oder Fabrizia Raimondino. Auch der berühmte Bruder Paul Raabe fand bei der Schwester seine verlegerische Heimat, Peter Stamm wurde von Elisabeth Raabe entdeckt, ebenso Viola Roggenkamp und Kathrin Aehnlich, Sréphane Hessel, Michael Lüders, Jürg Amann – sie alle haben ein Stück Literaturgeschichte mitgeschrieben.
So ist auch das Buch von Elisabeth Raabe eine kleine schweizerdeutsche Literatur- und Verlagsgeschichte. ■

Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche – Verlegerinnenleben, edition momente, 240 Seiten, ISBN 978-3-9524433-1-6

Efrat Gal-Ed: «Niemandssprache: Itzig Manger – ein europäischer Dichter»

Prinz der jiddischen Ballade

Günter Nawe

Niemandssprache - Itzik Manger – ein europäischer Dichter - Suhrkamp - Cover«Jiddische Literatur gehört den kleinen Literaturen an und weist einen ungewöhnlichen Reichtum an literarischen Genres auf». So steht es in dem außergewöhnlichen interessanten, wichtigen und schönen Buch der Malerin, Autorin und Jiddistik-Professorin Efrat Gal-Ed. Zu diesem «ungewöhnlichen Reichtum» dieser Literatur hat der jiddischen Dichter Itzik Manger (1901-1969) mit seinem Werk Wesentliches beigetragen. Seine Biografie – «der erste Versuch einer kritischen Biografie» – hat Efrat Gal-Ed jetzt unter dem Titel «Niemandssprache: Itzig Manger – ein europäischer Dichter» veröffentlicht.
Außergewöhnlich ist dieses Buch auf vielerlei Weise. Einmal ist es der Dichter, dem diese Biografie gewidmet ist, zum anderen die typografische «Konstruktion» dieses Buches, die sich an den Talmud anlehnt. «Auf Seitenmitte steht der Haupttext,… um ihn herum, in einer anderen, kleiner gesetzten Schrift, stehen Erörterungen und Auslegungen aus späteren Jahrhunderten…», so erklärt die Autorin ihr typografisches Konzept. Und so war auch der Gestaltungsmodus der jiddischen Bücher, den sich Efrat Gal-Ed für dieses Buch zu Eigen gemacht hat. Die jiddischen Texte werden – wie seinerzeit üblich – zudem in hebräischer Schrift zitiert. Allerdings dann ins Deutsche (in lateinischer Umschrift) «übersetzt». Für den Leser eine Herausforderung, der er sich allerdings gern stellt.
Ist doch das Thema, das auf diese Weise präsentiert wird, von größtem Interesse. Die jiddische Kultur, die Sprache – sie waren doch lange Zeit für viele Menschen von größter Bedeutung. Noch im vorigen Jahrhundert war «Jiddischland» innerhalb Europas ein säkularer Kulturraum – eine Kultur und eine Sprache, die weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Heute sind es leider nur noch etwa 1.5 Millionen Menschen, die Jiddische sprechen.

Itzik Manger
Itzik Manger

Ein Vertreter dieser Kultur war Itzik Manger. Geboren wurde er in Czernowitz, in einer multi-ethnischen Stadt in der Bukowina. Für ihn waren deutsche Kultur und Sprache – wie für viele andere auch: Paul Celan und Rose Ausländer u.a. – der Maßstab, an dem er sich und sein Schaffen orientierte. Dennoch entschied er sich, wie Efrat Gal-Ed schreibt, für das Jiddische als seine «Dichtersprache». Für ihn war sie «herrenlos», war «Jiddisch… «Niemandsprache», war sie «Niemandsliteratur» in einer «Niemandswelt».
In dieser «Niemandswelt» lebte der Itzik Manger. «Der exzentrische Dichter mit seinen originellen Versen, seinen rumänisch-zigeunerischen Weisen, mit seinen Träumen und selbst mit seinen Skandalen erweckt in Warschau großes Interesse, auch über die literarischen Kreise hinaus.», schreibt Efrat Gal-Ed. Er gehörte der einen und anderen literarischen Gruppe an – und war doch irgendwie isoliert. Immer mal wieder denkt er an Selbstmord.
Und er reist: Warschau, wo die zweitgrößte jüdische Gemeinschaft der Welt lebte, und wo er seine wohl glücklichste Zeit verlebte, und Wilna, Krakau und Bukarest, Riga und Berlin und endlich auch nach Paris. Ein unstetes Leben, oft auch abenteuerlich-gefährliches Leben in Kriegs- und Nachkriegszeiten. Und weiter – nach England, nach New York und schließlich nach Israel. In Israel, in Gedera sollte der wohl größte und bedeutendste jiddische Dichter  am 20. Februar 1969 sterben. Israel mit einem großen Begräbnis als einen Helden der jiddischen Literatur.

Efrat Gal-Ed
Efrat Gal-Ed

Als Dichter war Itzik Manger unverwechselbar. In unzähligen Gedichten und Balladen hat er eine Welt beschrieben, die mit dem Holocaust untergegangen ist. Vor allem die Welt des osteuropäischen, des nichtassimilierten Judentums. Auf diese Weise wurde er berühmt – zumindest bis zur Zeit seines Exils. Danach verlor sich seine Stimme, trotz großen Erfolgs in Amerika.
Nicht nur von Efrat Gal-Ed zitierten Gedichte und Balladen belegen seine literarischen Qualitäten. Ergänzend zu dieser großartigen Biografie empfiehlt sich die Lektüre des ebenfalls von der Biografin herausgegebenen und übertragenen Bandes «Dunkelgold: Gedichte» (Jiddisch und deutsch).
Der Sohn eines Schneiders wurde zum jiddischen Troubadour, zum «Prinzen der jiddischen Ballade». Volkspoesie war die Quelle seines Schaffens. Auf diese Weise blieb Manger erdgebunden, blieb er mit seiner Poesie im Hier und Jetzt. Zuhause, als Kind hatte er die Volkslieder gehört. «Was für eine Orgie an Farbe und Klang. Ein verlassenes Erbe, Gold, das als Niemandsgut mit Füßen getreten wurde.» Er hat diesen Schatz gehoben.
Und so «klingt» es dann bei ihm:
«Stiller Abend. Dunkelgold. / Ich sitz beim Gläschen Wein. / Was ist geworden aus meinen Tagen? / Ein Schatten und ein Schein – / ein Augenblick von Dunkelgold / soll in mein Lied hinein.»

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Mit der Biografie des jiddischen Dichters Itzik Manger hat die Autorin Efrat Gal-Ed einen vergessenen europäischen Autoren des 20. Jahrhunderts ins literarische Gedächtnis zurück geholt. Und sie hat mit ihrem außergewöhnlichen Buch nicht nur eine spannende Lebens- und Autorengeschichte erzählt, sondern auch eine kleine, aber bedeutsame Literatur- und Kulturgeschichte geschrieben.

Sein poetisches Credo: «Der Künstler muss in menschlichen Kategorien denken, er muss nicht nur Mitgefühl mit dem Opfer haben, sondern in menschlichen Kategorien den Mörder verstehen, seine Motive, seine Pathologie, sein gesamtes Nervensystem». Auch das ist Itzik Manger.
Sein vielfältig verflochtenes, sein abenteuerliche und immer gefährdetes Leben hat die Autorin Gal-Ed in ihrem Buch beschrieben. Eigentlich sind es zwei Bücher. Denn Efrat Gal-Ed hat nicht nur die Biografie des Dichters geschrieben, den sie – und das wird in diesem Buch ganz deutlich – als europäischen Dichter begreift; sie hat diese Lebensgeschichte verwoben mit der Literatur- und Kulturgeschichte einer Zeit, in der die jiddisch-säkulare Kultur Osteuropas eine bedeutende Rolle spielte.
Der vergessene Dichter Itzik Manger – Efrat Gal-Ed hat ihn der Vergessenheit entrissen, ihm mit Empathie, profunder Kenntnis und wissenschaftlicher Akribie ein wunderbares Denkmal gesetzt. ■

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter, Suhrkamp Verlag, 784 Seiten, ISBN 978-3-633-54269-7

Dominik Riedo: «Nur das Leben war dann anders»

Von der Suche nach dem Sinn des Leidens

Dr. Karin Afshar

Dominik Riedo - Nur das Leben war dann anders - CoverDominik Riedo hat ein Buch geschrieben.  Schriftsteller tun bisweilen und mit Vorliebe ebensolches – sie schreiben über fiktive Figuren, die sich Gedanken machen, die etwas erleben, etwas zu verarbeiten, die etwas verbrochen und gut zu machen haben. Schriftsteller schreiben auch Biographien und Autobiografien, und manchmal brechen sie mit ihren Geschichten ein Schweigen und ein Tabu. In seinem Buch «Nur das Leben war dann anders» schreibt Dominik Riedo über seinen Vater und dessen Geheimnis, dessen Anders-Sein. Er schreibt darüber, was es mit einem Sohn macht, wenn er auf den Spuren eines Verzweifelten wandelt, um zu verstehen, was da geschehen ist. Diesen Punkt greife ich gleich noch einmal auf.
Gemeinschaften – schutzbietende, denn dazu sind es Gemeinschaften – dulden und sichern ein gewisses Maß an Anderssein in ihrer Mitte. Wird jedoch dieses Maß nur um einen winzigen Schritt überschritten, kippt die Duldung, und der Einzelne, der für diesen Übertritt als zuständig ausgeschaut wird, wird als Gefahr bezeichnet. Es gilt ihn auszuschalten. Dieser Einzelne – eben noch ermutigt, seine Besonderheit, sein Anderssein zu leben – findet sich ausgeschlossen wieder.  Und versteht die Welt nicht mehr. Gemeinschaft ist Gemeinschaft eben auch dadurch, dass sie geschlossen ist und mithin statisch. Offene Gemeinschaften sind dagegen instabil, sie müssen immer wieder für diese Offenheit und gegen ihre Feinde kämpfen. Das ist unbequem. Freiheit ist unbequem. Im Kleinen ist das nicht anders als im Großen: Karl Popper wäre in diesem Jahr 114 Jahre alt geworden – und hat verstanden, warum Menschen bis zur Unmenschlichkeit gegen die offene Gesellschaft kämpfen.

Transgenerationelle Übertragungen in der Literatur

Familien sind die Elementarzelle unserer Gemeinschaft – in ihnen gelten Gesetze und Regeln, jede Familie hat ihre geschriebenen und ungeschriebenen Glaubenssätze und Haltungen, die sie von anderen Familien unterscheidet.  Und in nicht wenigen Familien scheint es etwas wie einen Fluch zu geben. Über Familien und ihre Geschichten gibt es reichlich Literatur. Transgenerationelle Übertragungen, lese ich, spielen in der Literatur traditionell eine ganz große Rolle. Man könnte sogar sagen, dass die Literatur fast auf dieses Phänomen spezialisiert ist. Seit der Antike werden Geschlechterfolgen, Generationen, Familienflüche, Weitergabe von Schicksal, von Verbrechen durch die Generationen hindurch in der Literatur thematisiert, und das in ganz unterschiedlicher Form.
Die Verschwiegenheit gehört zu diesem Komplex  – es darf nicht darüber geredet werden, denn es könnte die ganze Familie in Verruf geraten. Das, worüber nicht gesprochen wird, wirkt jedoch im Leben dieser (zunächst kindlichen) Nachkömmlinge weiter und kann für seine Erfahrungen und seine Wahrnehmungen bestimmend werden.
Heinrich Böll schrieb 1959 mit «Billard um halb zehn» einen Generationen-umspannenden Roman, der die NS-Zeit reflektierte. Spätere Familienromane griffen die mangelhafte Kommunikation über die Naziherrschaft und die eigene Verstrickung auf. In vielen deutschen Familien geistern noch immer Geheimnisse, über die die heimkehrenden Männer nie sprachen. Inzwischen sind die Enkel ins Leben entlassen und haben Fragen über Fragen, weil irgendetwas immer nicht zu gelingen scheint… An diesem Punkt beginnen viele, in der Vergangenheit zu suchen – und neben der Suche nach dem Ursprung wird die Frage nach Umwelt und Anlage laut.

Sucht hat mit Suchen zu tun

Die vom Vater wieder und wieder gestellte Frage («Warum müssen Menschen eine Veranlagung haben, die nicht akzeptiert wird?»)  nach Anlage oder Umwelt bleibt offen bzw. führt, wie im Falle auch von Dominik Riedos Vater dazu, dass er sich überall nach Orientierung umschaut: Bei Astrologen, in der Esoterik, bei Kartenlegern, in buddhistischen Weisheiten, bei Mystikern und noch vielem anderen.
Ein Schlüsselerlebnis  – und dies im wahrsten Sinne des Wortes – fällt dem Sohn ein, während er sich mit Prozessakten, Presseartikeln und Tagebucheinträgen in Fragmenten auseinandersetzt: Ein Blick durchs Schlüsselloch auf seinen Vater, der im Schmerz über sich selbst und der Sucht ausgeliefert, in seinem Zimmer wütet und Gegenstände zerstört. Wer es nicht kennt, kann nicht annähernd nachempfinden, was da aus einem Menschen heraus will, wie es heraus bricht als kaum noch menschlicher Ton. Verstörend, einen Menschen in einem solchen Zustand zu sehen – als Sohn noch mehr, denn den Menschen, der einem doch Schutz bieten soll, dem man ausgeliefert ist, so derart hilflos zu sehen – macht Angst. Sucht hat immer (auch wenn es trivial und weit her geholt als Wortspiel daherkommt) mit Suchen zu tun. Egal welche Sucht es ist: ihr nicht zu entkommen, sie nicht in den Griff zu bekommen, sie jeden Tag wieder in sich hochsteigen zu spüren – erodiert und treibt schwächere Menschen nicht selten in den Wahnsinn und in den Selbstmord. Und was machen stärkere Menschen?
Ob es eine Anlage ist, bzw. was «es» ist, wenn es keine Veranlagung ist, bleibt zunächst unbeantwortet – ist aber eben das Thema schlechthin in diesem Buch. Doch worum geht es nun genau? Was ist dieses ES, das den Sohn dazu bringt, einen Nekrolog auf seinen Vater zu schreiben? Die Bezeichnung, die die Gesellschaft seiner Veranlagung gibt, ist Pädophilie.

Die zentralen Warum-Fragen

In unseren offenen Gesellschaften, die gleichgeschlechtliche Liebe inzwischen legalisiert (ob inzwischen auch in der Schweiz entzieht sich gerade meiner Kenntnis) und damit von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft geholt haben, gilt die erotische Liebe zu Kindern, der Sex mit Jungen bis kurz vor der Pubertät, als Verbrechen. So wurde denn der Vater behandelt und angesehen: als Verbrecher, der einer Strafe zugeführt werden muss. Dass diese dann doch vergleichsweise mild ausfiel, half dem Vater wenig. Nachdem er in Thailand einem Partner, der ihn nach Strich und Faden ausnahm und ihn um sein Altersgeld brachte, aufgesessen war, empfand er vielmehr dies als «seine gerechte Strafe».  – An dieser und an anderen Stellen fragt er sich: «…warum fast alles, was ich gut gemeint tue, aufbaue und zu vollenden versuche, mir meistens Unheil bringt.» Die Warum-Fragen sind die zentralen Fragen in diesem Zusammenhang.
Zu einem Monster macht keiner sich selbst – die Gesellschaft macht ihn dazu, indem sie mit dem Finger auf ihn zeigt. Dass etwas nicht «in Ordnung» ist, hat der Träger des entsprechenden Stigmas längst selbst bemerkt. In John Steinbecks «East of Eden» sind die Verwerfungslinien zwischen dem Guten und dem Bösen, dem nicht nur Bösen und dem nicht nur Guten eindrucksvoll beschrieben. In «Jenseits von Eden» wird Cathy Ames, Antagonistin zu Adam Trask, als dämonisches Monster beschrieben – als ein «psychic monster» with a «malformed soul». Physisch eher zierlich, blond, hübsch, sind ihre Augen kalt und ohne Emotionen. Charismatisch ist  sie – von klein an hat sie Wirkung auf Menschen, die, wenn sie naiv genug sind, sich auf sie einlassen. Dass sie Prostituierte wird und schließlich die Leiterin eines Etablissements, ist wenig überraschend. Kate ist der Satan in Person.
Aber sie ist auch eine Pandora: Wohin immer sie geht, und was immer sie tut – sie tut nicht, was ihr gesagt wird, sondern öffnet die Büchse, sie setzt das Böse in die Welt, das Unheil. Nun ist Kate alias Cathy seelisch grausam gegen die, die sich auf sie einlassen – womit ich jetzt eintrete in eine Art Psychogramm. Sarah Aguiar schreibt in «No Sanctuary», Kates Verhalten sei einer Perversion menschlicher Werte zuzuschreiben, sie sei kindlich-egozentrisch, sehr bedürftig und wolle sich selbst auf Kosten anderer schützen – ja, sie rächt sich für den Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit in ihrem Leben, um nicht zu sagen: in ihrer Kindheit.

Psychogramm eines pädophilen Menschen

Warum diese ausführliche Herleitung? In Dominik Riedos Nachruf auf den Vater geht es eben auch um das Psychogramm eines (pädophilen) Menschen. Nicht der Sohn stellt es, sondern er nimmt uns mit in die Gutachten, die seinem Vater zu drei verschiedenen Lebenszeiten gestellt wurden. In den drei «Sexgutachten» im Buch mag der Leser nachlesen, was in unterschiedlichen Zeitepochen beobachtet und gewichtet wurde. Zum Beispiel: «…der Pädophilie liegt eine ausgeprägte neurotische Fehlentwicklung mit starker Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls zugrunde…», «…der Explorand bleibt in seiner narzissistisch selbstbezogenen Welt gefangen und vermag als Erwachsener keine reifen partnerschaftlichen Beziehungen einzugehen», «…Er weicht auf Knaben aus, denen er körperlich wie intellektuell überlegen ist…», «…ist nicht in der Lage, aggressive Gefühle zu reifer Verarbeitung zu führen.»
Würde ich gefragt, ich würde sofort antworten: derlei «Gutachten» sind Beschreibungen von etwas, das ja offensichtlich ist – wir sehen es doch bereits, und die schriftliche Fixierung derselben ist alles andere als eine Therapie. Eine Therapie – als Verhaltensänderung (denn das sind Therapien immer) – ist aber nicht möglich. Ein hoffnungsloser Fall? Zumindest haben wir einen Menschen vor uns, der schon bei seiner Geburt ein Gezeichneter ist. – Auch das schildert der Sohn: den Weg, den sein Vater über das Waisenhaus zu den vielen verschiedenen Interessen und Berufsentwürfen nahm, ein begabter junger Mann, fleißig, beflissen, mit guten Manieren und nicht unangenehmem Auftreten – wo viel Licht ist, ist viel Schatten?! Nun ist hier einer mit vielen Begabungen – aber sie alle wiegen offensichtlich nicht den einen Schatten auf, den er zu tragen hat. Daran konnte auch Sylvia Tanner (Gründerin der Schweizer Beratungsstelle für Pädophile ITP-Arcados mit Internet-Präsenz, im Oktober 2010 verstorben) nicht wirklich helfen. Von ihr stammt u.a. der Satz: «Der junge Pädophile muss verstehen lernen, dass das Kind ihn lieben kann – es sich aber in der Regel nicht verliebt und kein erwachsenenähnliches Begehren zum Tragen kommt.»

Sinnsuche als Rückkehr zum Punkt Null

Die Kindheit ist enorm wichtig. Jede Sinnsuche – bei Schwierigkeiten im eigenen Leben – fängt damit an, dass man an den Punkt Null – und wenn es gar sehr ernst wird – sogar vor den Punkt Null zurückgeht. Ich kenne das von mir selbst – ich kenne es von etlichen anderen. Die Phänomene sind alle unterschiedlich, die Fragen meistens dieselben: Wer bin ich? Und: Bin ich das, was meine Eltern sind? Auf dem Weg zu sich selbst liegt die totale Verweigerung wie eben auch die schrittweise Annäherung an die Eltern. Wohl dem, der Eltern hat, die dabei helfen, indem sie als Zeugen von einer von uns als Kind unbewusst erlebten Zeit berichten. Natürlich sucht Dominik Riedo als jüngerer wie auch als älter werdender Mann stellvertretend für seinen Vater und in eigener Sache den Faden zum Ursprung. Im Kapitel «Ordnungen und Störungen» durchforstet er das Familienleben auf Hinweise – hat die Suche seines Vaters auch auf ihn einen Einfluss? Die Mutter kommt nicht davon – ja, auch eine Mutter ist im Leben eines heranwachsenden Jungen wichtig.
Sobald klar wird – und im Laufe des Lebens und zwangsläufig in der Auseinandersetzung mit einer unheilbaren Krankheit, die einen selbst erwischt, wird es klar -, dass man nicht das Schicksal eines der beiden oder sogar beider Elternteile nachleben muss, sondern dass das eigene Schicksal darin besteht, sein eigenes Leben zu leben. Die geschlagenen Wunden sind nicht von den Eltern geschlagen – und es ist eben auch nicht so, dass wir in der falschen Zeit oder in der falschen Kultur leben.

Unerfülltes Bedürfnis nach Klärung

Bevor ich das letzte Kapitel lese und hier reflektiere, etwas zum Stil, zum Erzählstil des Buches. Der Leser muss sich an ihn gewöhnen (andererseits nicht, denn es ist ein typischer «Riedo»), fügt sich doch hier Ebene an Ebene, Schicht an Schicht, kenntlich gemacht in Kursiv- und Normalschrift. Mal spricht der Vater, dann der Sohn, da führt der Sohn Selbstgespräche oder richtet sich an den Leser. Mir geht bei etwa Seite 178 ein wenig die Geduld aus – noch einmal eine Runde gehen, noch einmal eine Betrachtung. Mir will scheinen, das Bedürfnis der Klärung ist für den Autor noch nicht erfüllt, während ich mir einbilde, schon ein Bild zu haben – aus je eigener Erfahrung im Durchschreiten von Unterwelten und Höllen. Ich will die nochmalige Tour nicht mitgehen. Manche Wunden heilen nicht, weil sie immer wieder aufgekratzt werden. Aber so ist das, wenn man Antworten sucht – aus Sucht. Das Thema ist eben kein geschmeidiges, das schon mal überhaupt nicht. Wenn man sich einlässt, dann führt uns Dominik Riedo hier in Abgründe, deren es im Menschen eben viele gibt. «Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.» (Friedrich Nietzsche)

Keine Abrechnung mit dem pädophilen Vater

Und was meint Dominik Riedo abschließend? Wofür dieses Buch? Denk er, es könnte eine Heilung geben? Unter anderem nennt er diesen Punkt: «Es könnte bei einigen Fällen tatsächlich so sein, dass man die Pädophilie ‚heilen‘ kann.» Und wenn nicht? Sollte man eventuell die emotionale Unreife und/oder die narzisstisch bedingte, zu selbstbezogene Persönlichkeitsstruktur verändern? Sollte man das Schutzalter senken, oder das anerzogene Objekt der Lust ändern, d.h. eine Objektverschiebung vornehmen? Kastration? Sollte man die Gesellschaftsordnung ändern? – «So oder so müsste sich die Gesellschaft einmal ernsthaft und ganz bewusst durch den Kopf gehen lassen, dass die Stärke eines Tabus oft dem unbewussten Bedürfnis der Verbietenden entspricht, der damit Triebregungen abwehrt.»
Nein, dieses Buch ist keine Abrechnung mit dem Vater, es schildert uns einen Menschen mit Schattenseiten. Auch den guten Seiten ist Raum eingeräumt – allerdings unter dem drückenden Fanal der Tragik. Das Ziehen von Bilanzen beginnt zu verschiedenen Zeiten im Leben, nicht erst wenn jemand gestorben ist.
Auch ich bin ein Kind von Eltern – bin jetzt in einem Alter, in dem ich mich mit ihren Verfehlungen auseinandersetze. Ich wiederum bin Mutter, und ich werde Fehler gemacht haben, die mir die Kinder früher oder später vorwerfen werden. An beidem werde ich milde: Keiner ist ganz schlecht, niemand ist 100 % gut. Das lese ich auch aus Riedos Zeilen heraus.
Der Sohn fragt sich gegen Ende seines Gewaltmarschs: «Wie wäre ich, wenn mein Vater nicht mein Vater gewesen wäre? Es folgt der Blick in den Spiegel – den Kinder tun – wenn sie sich abgrenzen wollen und doch auch eine durchgängige Linie von sich zu ihren Vorvorderen suchen. Und? «Was bleibt?»
Unsere Gesellschaften sind frei, solange wir konform sind, aber schon bei der kleinsten «Andersartigkeit» (die in ihrer guten Ausführung auf Esoterikforen und auf Affirmationskärtchen der selbsternannten aquarianischen Weltretter als unbedingt nötig beschworen wird) umschlägt.
Was bleibt, wenn Familien einen Schandfleck aufweisen – ein Naziverbrechen, eine Vergewaltigung, einen Mord, um nur einige zu nennen – und sie schweigen müssen? Was bleibt, wenn das Geheimnis gelüftet wird, und man sich als Kind, das man immer ist und bleibt, ausliefert? Das Buch von Dominik Riedo ist keine Rechtfertigung der Pädophilie – es ist eine mutige Konfrontation eines Sohnes mit dem So-Sein seines Vaters, und wenn man so will: seiner Herkunft. Die Auseinandersetzung mit dem, wo man her kommt, ist wichtig. Nur dann hat man Perspektiven für den Weg nach vorne. ♦

Dominik Riedo: Nur das Leben war dann anders – Nekrolog über meinen pädophilen Vater, Offizin Verlag, 272 Seiten, ISBN 978-3-906276-10-6

Karin Afshar: Interview mit René Oberholzer

Der Mann mit dem Schalk im Lächeln

oder

Strawberry Fields Forever!.

Dr. Karin Afshar

Baumschule

Die Bäume gehen zur Schule
Lernen wie man wächst und gerade steht
Lernen wie man sich biegt und wieder aufrichtet
Lernen nicht wie man der Axt entkommt

(René Oberholzer in der Anthologie «…bis an die Baumgrenze»,  Khorshid Verlag 2009)

Rene Oberholzer«Der Mann» ist Schweizer Schriftsteller und Performer, lebt und arbeitet seit 1987 in Wil. Geboren ist er 1963 in St. Gallen. Seit 1986 schreibt er Lyrik, seit 1991 auch Prosa. – So in etwa lauteten die an uns geschickten Zeilen, die mit drei Gedichten eintrafen. «Uns» bzw. «Wir» – das waren meine Herausgeberin und ich – wir hatten Anfang 2009 eine Anthologie mit dem Thema «Bäume» ausgeschrieben. Die drei eingesandten Gedichte setzten wir sofort auf die Haben-wollen-Liste. Das Buch erschien im September 2009; inzwischen sind mehr als sechs Jahre ins Land gegangen. Fragen Sie nicht, warum es erst jetzt ein Interview (haben wir per Mail geführt) mit René Oberholzer gibt!
Legen Sie sich am besten zum Lesen eine gute alte LP von den Beatles auf, und genießen Sie.

Karin Afshar: René, woran arbeitest du gerade?

René Oberholzer: Momentan arbeite ich an Texten zum Thema «Urlaub». Diese werden dann in eine szenische Lesung mit der Autorengruppe Ohrenhöhe münden, mit der ich seit Jahren immer wieder neue Themen bearbeite und auf die Bühne bringe. Das ist mein mittelfristiges Ziel für nächstes Jahr. Längerfristig arbeite ich an einem neuen Kurzprosaband, der thematisch völlig ungebunden sein wird.

Frage: Autorengruppe? Aufführen? Stimmt, ich hatte es im Hinterkopf, und auf deiner Webseite kann der Besucher auch einiges dazu sehen. Das sieht nach Proben, nach sehr viel Zeit fürs Schreiben und fürs Kreative aus? Bist du freier Schriftsteller und Künstler, oder gibt es noch einen anderen Broterwerb?

Oberholzer: Ich bin kein freier Schriftsteller und Künstler, mein hauptsächlicher Broterwerb ist das Unterrichten als Oberstufenlehrer an einer Ostschweizer Schule. Und das ist auch gut so. Ich könnte mir nicht vorstellen, nur zu schreiben und vom Schreiben auch noch leben zu müssen. Das würde mich einerseits zu stark unter kreativen und ökonomischen Druck setzen, und andererseits würde es meine Freiheit, das zu schreiben, wonach ich Lust habe, zu stark einschränken. Durch meinen Brotberuf habe ich in literarischer Hinsicht Narrenfreiheit und kann ohne Rücksicht auf Verluste schreiben und stehe auch unter keinem Veröffentlichungsdruck. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, den ganzen Tag an einem Computer oder vor einem Heft zu sitzen und zu schreiben. Ich muss zuerst nach draußen gehen, das Leben leben und das Unterbewusstsein mit Bildern und Geschichten füllen, damit ich wieder literarisch etwas Neues kreieren kann nach dem Prinzip: Leben – Schreiben – Leben – Schreiben. Und dafür ist ein Brotberuf, der einen kreativ nicht unter Druck setzt, sehr nützlich. Zudem müsste ich extrem gut und extrem produktiv sein, um in der Schweiz vom Schreiben leben zu können. Sogar ganz große Autoren wie Kafka u.a. haben ja nicht allein vom Schreiben gelebt und sind einem «bürgerlichen Beruf» nachgegangen.

Frage: Daraus ergibt sich natürlich gleich die nächste Frage: Welche Fächer unterrichtest du, welches davon ist dein Lieblingsfach?

Oberholzer: Ich unterrichte die sprachlich-historischen Fächer, d.h. Deutsch, Französisch, Englisch, Räume & Zeiten (eine Kombination von Geschichte und Geografie), Bildnerisches Gestalten und Individuum & Gemeinschaft. Lieblingsfächer habe ich gleich mehrere – Deutsch, Englisch und Geschichte (ist in Räume & Zeiten integriert).

Frage: Apropos Englisch, Französisch: Wieviele Sprachen sprichst du?

Oberholzer: Ich spreche in meiner Umgebung Schweizerdeutsch, beim Unterrichten in der Schule Hochdeutsch, ansonsten in den entsprechenden Fächern Französisch und Englisch.

Frage: Stichwort «mehrsprachige Schweiz» – Ich habe vor Jahren ein Buch besprochen, in dem es dann hieß, ja – die Schweiz sei mehrsprachig, die Einwohner seien es jedoch nicht zwangsläufig (sehr verkürzt gesagt) … Sprichst du einen Dialekt?

Oberholzer: Ich spreche den St. Galler Dialekt, von dem man in der Schweiz sagt, dass er relativ neutral im Vergleich zu anderen Dialekten sei.

Frage: Mich als Linguistin interessiert und fasziniert dieses Thema immer wieder. Ich frage die bilingualen und multilingualen Kinder in meiner Umgebung, wenn es sich ergibt, und erhalte erstaunliche Antworten. Wie ist es bei dir: hast du eine Gefühls- und eine Denksprache? Verschieden oder identisch?

Oberholzer: Dadurch dass ich in der Schule Hochdeutsch als Unterrichtssprache spreche, viel in Büchern, in Zeitschriften und im Internet lese, ist mir die deutsche Hochsprache sehr vertraut geworden. Ich denke in der Hochsprache. Obwohl ich mit der Schweizer Mundart aufgewachsen bin, die eigentlich meine Gefühlssprache ist, ist die deutsche Hochsprache mittlerweile zu einer gleichwertigen Muttersprache wie die Mundart geworden, nicht zuletzt auch, weil ich einige Freunde und Bekannte im benachbarten deutschsprachigen Ausland habe. Und dann ist da natürlich mein eigenes Schreiben, das mich nicht in der Mundart, sondern in der Hochsprache denken und dann später auch reflektieren lässt. Wenn ich den Fernseher anmache, schaue ich mir lieber deutsche Sendungen in der Hochsprache an, das hat dann einen eigenartig professionelleren Anstrich.
Fühlen und Denken sind bei mir nicht zwei Schubladen, sondern greifen ineinander, deshalb ist die hochdeutsche Denksprache mittlerweile auch zu einer Gefühlssprache geworden.

Rene Oberholzer - Der RunnerFrage: Dass Dialekte als «unprofessionell» herüberkommen, ist ihrer Domäne geschuldet. Man muss eben wissen, wo man sich bewegt. Ich habe nie den Dialekt meiner Mutter sprechen gelernt (wiewohl ich auch kein Hochdeutsch sprach, was ich dachte, und was sich beim Umzug in den Norden dann als Irrtum herausstellte), d.h. ich habe mich nie so weit zu dieser Familienseite gehörig gefühlt, um mich mit ihr zu identifizieren. Wir waren im letzten Jahr im Dorf, besuchten Freunde meiner Mutter, und es war ein großes «Fest» – alle sprachen im Dialekt, denn das war die Sprache ihrer Zugehörigkeit. Irgendwann kam einer auf die Idee zu fragen, ob ich sie denn verstehe. Die Sprache ist beides: einerseits Gefühl-/Denksprache und andererseits eine Identitätsstifterin und Schafferin des sozialen Zusammenhalts. Das bringt mich zu einem sozialen Netzwerk, in dem wir auch miteinander vernetzt sind. – Da sehe ich dann immer wieder Fotos vom Oberholzer: in dieser Pose (siehe dein eigenes Foto rechts) an den verschiedensten Orten. Was hat es mit den Fotos auf sich? Gibt es eine Geschichte dahinter, was die Bewegung und ihre Richtung angeht?

Oberholzer: Es gibt keine konkrete Geschichte zu meinen «Runner»-Bildern. Ich habe vor langer Zeit gemerkt, dass es nebst dem Grinsen in die Kamera oder dem mehr oder weniger guten Posieren vor einer Kamera noch eine andere Pose geben könnte, und so habe ich die Figur des «Runners» kreiert. Sie gibt einem statischen Bild Bewegung, suggeriert natürlich auch, dass ich ständig in Bewegung bin, manchmal mit dem Betrachter-Bildstrom von links nach rechts schwimme, manchmal gegen das Auge des Betrachters von rechts nach links anrenne. Mittlerweile sind diese «Runner»-Bilder zu einem Markenzeichen von mir geworden. Es gibt bereits vereinzelt Menschen, die mich in derselben Pose begrüssen, sie anderweitig imitieren oder mich auf sie ansprechen. Auf jeden Fall löst sie bei allen ein Schmunzeln aus.

Frage: Schmunzeln – Schmunzeln muss ich oft, wenn auf meiner Startseite Oberholzer-geteilte Posts auftauchen. (So ein Netzwerk ist ein herrliches Medium zum Mitlesen, oder?) Sehe ich das richtig, dass du surreale Malerei oder überhaupt das Surreale magst?

Oberholzer: Der Surrealismus ist tatsächlich die Kunstrichtung in der Malerei, die mich am meisten interessiert und fasziniert, weil ihre geheimnisvolle Poesie mich zum Denken anregt. Es sind Bilder von René Magritte, Salvador Dali oder Wolfgang Lettl und anderen Surrealisten, die es mir angetan haben. Surrealistische Bilder sind auch nach Jahren nie langweilig, verlieren nichts von ihrem Geheimnis oder ihrem «Mysterium», wie René Magritte den Inhalt seiner Bilder einst beschrieben hatte. Zudem spült der Surrealismus durch die Verbindung zum Unterbewussten und zu den Träumen Inhalte hervor, die das Denken normalerweise nicht hervorbringt. Der Surrealismus liefert mir eine Metaebene, die ich zu verstehen versuche. Und das macht ihn für mich interessant, weil ich vor surrealistischen Bildern verweilen kann. Das passiert mir bei realistischen oder abstrakten Bildern nicht. Aber ich mag auch Bilder von Van Gogh oder Claude Monet, auf denen ich erkennen kann, was abgebildet ist, unabhängig von der jeweiligen Kunstrichtung.

Frage: Wann hat diese Faszination angefangen? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

Oberholzer: Ein Schlüsselerlebnis, warum ich den Surrealismus so mag, gibt es nicht wirklich, es ist vermutlich die Summe von verschiedenen Entwicklungsprozessen, die ich durchlaufen habe, und diversen Einflüssen. Da spielt meine Fantasie eine Rolle, die immer wieder nach dem sucht, was nicht alle Menschen suchen, da ist die Vorstellung, dass man etwas immer auch mit anderen Augen anschauen kann, da ist meine Liebe zur Musik der Beatles, die mich im Teenageralter zu prägen begonnen und mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Viele Songtexte der Beatles ab 1966 haben extrem surreale Züge, der Trickfilm «Yellow Submarine» ist Surrealismus pur. Dieser Film hat mich sehr beeinflusst. Da waren aber auch die Filme von Luis Bunuel, die mich inspiriert haben, oder auch Filme, in denen Michel Piccoli, den ich für einen der größten Schauspieler halte, eine Hauptrolle gespielt hatte.
Ein persönliches Erlebnis mit einem meiner surrealistischen Vorbilder, das für mich sehr prägend war, als ich mich ästhetisch schon längst dem Surrealismus verschrieben hatte, gibt es aber trotzdem. Das war der Besuch bei Wolfgang Lettl in Augsburg. Ich war mit meiner damaligen Lebenspartnerin extra nach Augsburg gereist, um seine Bilder im Atrium-Museum mir anzusehen.
Dabei kam es zu einem Treffen mit Florian Lettl, dem Sohn von Wolfgang Lettl, der den ganzen Nachlass und die Museen in Augsburg und Lindau betreut. Florian Lettl spürte, dass ich ein echtes Interesse an der Kunst seines Vaters hatte, zumal ich das halbe Museum mit Postkarten und Postern aufgekauft hatte, und lud mich deshalb zuerst zu sich nach Hause und später zu seinem Vater ein. Diese Begegnung mit einem der größten Surrealisten des 20. Jahrhunderts war schon sehr beeindruckend. Umso trauriger war die Nachricht, dass er kurze Zeit später im Jahr 2008 verstorben war.

Frage: Malst du auch selbst?

Oberholzer: Nein, ich selbst male nicht. Ich habe es vor Jahren versucht, merkte aber, dass das nicht meine Schiene ist, obwohl ich mit der Malerei sehr verbunden bin. Zum einen konnte ich mit den wenigen Bildern, die ich gemalt hatte, damals keine Geschichten erzählen, zum anderen fehlte mir auch der Platz und die Zeit, die Malsachen immer wieder hervorzunehmen. Da war das Schreiben wesentlich einfacher. Ich konnte einen Schreibblock und einen Kugelschreiber überallhin mitnehmen. Und die Reproduktion meiner geschriebenen Texte war auch wesentlich einfacher, als das bei einem gemalten Bild der Fall ist. Eine Bildervernissage zu organisieren, ist wesentlich aufwändiger als eine Lesung abzuhalten. Heutzutage ist das Reproduzieren von Kunst im Internetzeitalter zwar etwas leichter geworden, doch das Originalbild ist immer noch das Originalbild. Bei einem Text kommt es nicht auf das handgeschriebene Original an, sondern nur auf die Worte, das Original hat demzufolge keine große Bedeutung, außer man wird später einmal sehr berühmt.

Frage: Deine Texte – und ich denke auch an drei Gedichte in «…bis an die Baumgrenze» – leben von dem Spiel mit der Erwartung der Leser. Diese Erwartung führst du ad absurdum, führst den Leser in eine andere als die von ihm gedachte Richtung.

Oberholzer: Genau. So passieren in meinen Geschichten oft Dinge, die zwar sehr real sind, doch in der Art, wie sie passieren, nur in meinen Geschichten passieren können. Was mich beim Schreiben von Geschichten oder Gedichten aber auch mit dem Surrealismus verbindet, ist die Möglichkeit, damit Interpretationsräume für den Leser/die Leserin zu öffnen. Das fängt beim Titel an und hört bei einem offenen Schluss auf. Der Leser/die Leserin soll mitdenken und den Inhalt weiterspinnen können. Das gelingt auch nicht immer in meinen Texten, denn jeder Text kommt, wie er kommt, und manchmal sind ja auch Texte, in denen mehr oder weniger alles gesagt ist, nicht schlecht, weil sie ein schönes Bild oder ein schönes Gefühl vermitteln, das stimmig ist. Oder aber eine knallharte Realität so darstellen, wie sie nun einmal ist. Dabei ist die Poesie, wenn sie dann in Texten vorkommt, im Ansatz schon ein wenig surreal, weil ja niemand auf der Straße so spricht, wie z.B. oft in Gedichten gesprochen wird.

Frage: Wenn ich da jetzt so drüber nachdenke… Dann war und ist der Surrealismus auch eher eine Kunstrichtung, die mich mehr fasziniert als ein bloßer Impressionismus. Aber es hat vieles einen Platz unter der Sonne und seine Abnehmer und Liebhaber. Zur Musik! – du hast sie bereits erwähnt – als prägend für dich (wie sie prägend für eine ganze Jugendgeneration waren) – die Beatles. Was verbindet dich mit ihnen?

Oberholzer: Mit den Beatles verbindet mich zum Ersten eine tiefe musikalische Liebe. Es gibt meiner Meinung nach keine Gruppe und keinen Sänger/keine Sängerin, die eine derart große Bandbreite an Melodien geschaffen haben wie die Beatles. Ihre Melodien sind zu meinen inneren Melodien geworden. Und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass ich meine grundsätzliche Fröhlichkeit auch ein Stück weit den Beatles zu verdanken habe. Mit Beatles-Liedern im Herzen bist du eigentlich immer auf der Sonnenseite.
Dann gibt es natürlich auch die textliche Seite der Beatles-Lieder, die mich beeinflusst hat. Da sind z.B. Hymnen wie «All You Need Is Love», die in ihrer Botschaft so existenziell sind, dass eigentlich alles gesagt ist. Dann ist da die lebensbejahende, inhaltliche Seite in Songs wie z.B. in «Here Comes The Sun», die politische Seite wie z.B. in «Revolution», in dem klar gegen Gewalt Position bezogen wird. Und dann ist da die surrealistische Seite wie z.B. in «Strawberry Fields Forever» oder die textlich und musikalisch raffiniert montierte und sehr moderne Seite wie z.B. in «A Day In The Life», um nur einige unterschiedliche Seiten der Beatles aufzuzählen.

Frage: Die innewohnende Fröhlichkeit? – Der tiefstapelnde Humor?

Oberholzer: Ihr Witz – der spiegelt sich nicht nur in ihren Liedern wider, sondern vor allem auch in ihren Filmen wie «Help» oder «Yellow Submarine». Da ist viel trockener, englischer Humor drin, den ich sehr mag. Und dann mag ich auch ihre Interviews, in denen sie mit lakonischen Sätzen und surrealen Wendungen auf banale Frage:n von Journalisten geistreich und schräg geantwortet haben und damit bewiesen haben, dass man sich zwar ernst, aber das Leben um sich herum nicht immer so ernst nehmen sollte.

Frage: Als es sie dann nicht mehr… wem bist du mehr gefolgt? John Lennon, George Harrison, Ringo Starr oder Paul McCartney? Ich frage das, weil ich selbst zunächst mehr George Harrison hörte. 1979 kam «George Harrison» heraus, hab ich mir als Kassette organisiert. Paul McCartney und die «Wings» («With a little luck») – hab ich auch rauf und runter gehört.

Oberholzer: Natürlich habe ich die Solokarrieren aller vier Beatles mitverfolgt, teilweise auch rückblickend in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Heutzutage bin ich noch immer stark mit Paul McCartney verbunden, den ich gerne einmal treffen würde. Seine Musik seit der Trennung der Beatles verfolge ich sehr genau, und seine vegetarische Lebensweise, die ich auch lebe, beeindruckt mich sehr. Zudem bewundere ich, welche Energie er in seinem Alter noch hat, und wie er laufend neue Projekte realisiert. Aber auch die Soloalben und -projekte der anderen drei Beatles, vor allem die der bereits Verstorbenen John Lennon und George Harrison, sind sehr beeindruckend und haben mein Post-Beatles-Herz höher schlagen lassen.

Frage: Jetzt fallen mir doch noch etliche Fragen ein, aber ich habe mein selbstgestelltes Fragen-Limit erreicht. Eine letzte Frage aber doch noch – weg von der Musik zurück zur Literatur: Welches Buch würdest du unseren Lesern empfehlen?

Oberholzer: Da kann ich mich nur schwer auf eines fixieren. So gebe ich mal völlig unrepräsentativ aus  vier literarischen Sparten je ein Buch an.
Roman: «Der Prozess» von Franz Kafka (1925)
Kurzprosa: «Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter» von Aglaja Veteranyi (2004)
Drama: «Das letzte Band» von Samuel Beckett (1958)
Lyrik: «Buckower Elegien» von Bertold Brecht (1964)

Frage: Hier tauchen sie also auch wieder auf – die Dinge über die du sprachst. «Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen», schrieb  André Breton, und von dir könnte man vielleicht sagen: Das Leben in seinen vielen Ausprägungen ist eine so ernste Angelegenheit, dass man gut daran tut, sie nicht zu ernst zu nehmen. Mit Ungeduld, ohne sich festhalten zu lassen und in körperlicher wie geistiger Bewegung.
René, ich wünsche dir weiter viel (Bein-)Freiheit.

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

(Bertolt Brecht, Buckower Elegien)

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