Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

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Bemerkenswerte Musik- und Schach-Novitäten

von Walter Eigenmann

Nikola Komatina: Inspiration – Accordion (CD)

Beim Laien, zumal beim Liebhaber sogenannter „Volksmusik“ haftet dem Akkordeon noch immer der Nimbus des Hummtata-Handorgelns oder des schmalz-kitschigen Shanty-Schifferklaviers an. Als konzertant-virtuoses Solo-Instrument wird es in der breiten Öffentlichkeit noch immer zu wenig wahrgenommen – allenfalls noch in seiner Funktion als Bestandteil von mehr oder weniger ambitiösen „Harmonika“-Orchestern.

Akkordeon-Musik vom Barock bis zur Moderne

Anzeige Amazon: Nikola Komatina (Akkordeon): Inspiration - Werke von Scarlatti, Bach, Moszkowski, Aho und Zabel (GWK-Records)
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Welche facettenreichen Spieltechniken dem Handzug-Instrument Akkordeon jedoch innewohnen, welche vielfältigen Klangspektren es zu realisieren vermag, das beweisen solche Ausnahme-Virtuosen wie der serbische Akkordeonist Nikola Komatina. Bei dem Label GWK-Records hat der 29-jährige, bereits in jungen Jahren mit vielen Preisen ausgezeichnete Virtuose nun sein CD-Debüt erhalten mit der Produktion „Inspiration“ – einer stilistisch sehr heterogenen Zusammenstellung von D. Scarlatti über J.S. Bach und M. Moszkowski bis hin zu Kalevi Aho (1949) und Frank Zabel (1968).
Moderne Musik auf dem Akkordeon: ja – aber auch Barock und Spätromantik? Komatina lässt allen musikgeschmacklichen Puritanismus hinter sich und führt sein Instrument durchaus stilsicher durch die Epochen – dank phrasierungs- und artikulationsreicher Meisterschaft, die den betreffenden Werken weitere Klangoptionen eröffnen.

Dynamische Möglichkeiten des Instruments ausgeschöpft

Komatina weiss dabei genau um die Vorzüge des Akkordeons, wenn er (im Booklet) betont, dass sein Instrument bei barocken Stücken eben Dynamik-Abstufungen realisieren kann, über die das „originale“ Cembalo nicht verfügt(e). Bei Scarlattis Toccata d-Moll K 141 kontrastiert Komatina „stark rhythmisch geprägte“ Passagen mit „gesanglich-weichen“, bei Bachs Englischer Suite Nr. 5 e-Moll BWV 810 wollte er „die einzelnen Töne mit Creschendo und Decrescendo gestalten und die Spannung über mehrere Takte halten“.

Die spieltechnischen Grenzen erreicht

Bis an die spieltechnischen Grenzen des Akkordeons geht Interpret Komatina nicht nur im Caprice Nr. 1 von Frank Zabel, sondern insbesondere auch bei Kalevi Ahos 2. Sonate für Akkordeon „Black Birds“; sogar Virtuose Komatina attestiert diesem Stück, „eines der komplexesten, aufregendsten und schwierigsten Werke der modernen Akkordeonliteratur“ darzustellen. Und sowohl bei Zabel als auch bei Aho kann dabei der Akkordeonist, dessen technische Virtuosität sowohl im rechtshändigen Diskant- wie im linkshändigen Bass-Bereich des Instruments ihresgleichen sucht, hinsichtlich der Klang-Register aus dem Vollen schöpfen: Komatina spielt auf einer grossen Konzert-Bugari, deren weites Spektrum der Klappen-Register den klanglichen Anforderungen gerade moderner Komponisten gerecht wird. Von der Imitation von Vogelstimmen (in Ahos „Black Birds“) bis hin zu den komplexen Klangschichten in Zabels „Caprice“ deckt der serbische Künstler eine faszinierend vielfältige und in dieser Intensität noch selten gehörte Spannungsweite moderner Akkordeonmusik ab. ♦

Nikola Komata (Accordion): Inspiration – Werke von Domenico Scarlatti, Kalevi Aho, Johann Sebastian Bach, Frank Zabel und Moritz Moszkowsi, Spieldauer 53:45, GWK-Records

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Akkordeon-Musik auch über die CD des Salon-Orchesters Prima Carezza: Pourquoi, Madame?


Werner Kaufmann: Zwingende Züge (Schach)

Wer nach einem bibliographisch schön aufbereiteten, mit sauber gestaltetem Layout versehenen, mit gut strukturierten Kommentaren bestückten und mit vielen Diagrammen gespickten Schachbuch sucht, wird bei Werner Kaufmanns „Zwingenden Zügen“ nicht fündig. Noch nicht mal eine Print-Ausgabe gibt es von dieser jüngsten Publikation des in der Zentralschweiz recht bekannten Nationalliga-Spielers und Fide-Meisters. Schach-Puristen mit jahrelanger Gewöhnung an den ästhetischen Mainstream der konventionellen Schachbuch-Herstellung lassen also am besten die Finger von diesen „Zwingenden Zügen“.

Schachpädagogisch originäre Denkansätze

Wer aber ausgeleierte, häufig austauschbare Pseudo-Kommentierung verabscheut, stattdessen sehr originäre, mit Eigenleistung generierte Denkansätze schätzt, die schachpädagogisch für Spieler bis ca. 2000 Elo wirklich nützlich sind, der liegt bei Kaufmann goldrichtig. Kaufmanns E-Book nimmt das uralte Evans-Gambit zum Ausgangspunkt modernster On-the-Board-Überlegungen und propagiert Denkwege, die gänzlich ohne (häufig einfach nachgeplapperte bzw. sinnentleerte) Worthülsen wie „Mustererkennung“ oder „Strategie“ auskommen. Anstelle solcher schachpädagogisch meist nebulöser „Anleitungen“ setzt „Zwingende Züge“ auf praktikable und am Brett vom Spieler situativ umsetzbare Anregungen für das Berechnen wirkungsvoller Schachzüge.

„Keine Pläne!“

Werner Kaufmanns Credo, das er bereits in seinem „Keine Pläne!“, dem Vorgänger-Band der „Zwingenden Züge“ proklamierte und nun anhand zahlloser konkreter Lehrpartien und -stellungen des für diesen Zweck optimalen Evans-Gambits dokumentiert, verkündet allen Lernenden:

„Im Schach geht es um drei Sachen:

  1. Drohung ansehen
  2. Alles angreifen
  3. Nichts einstellen“

Am besten zitieren wir Kaufmann ausführlicher:

Patzer glauben viel eher als Grossmeister zu wissen, was gerade zu tun ist, und ordnen ihre Züge irgendwelchen positionellen oder strategischen Zielen unter. Dem gegenüber prüft der GM, was gerade in der Stellung drin ist, versucht sich über seine Optionen Klarheit zu verschaffen und wählt eine dieser Optionen. Kurzum, der Patzer spielt abstrakt, der GM konkret. Ich bin überzeugt, dass ich im Schach nur Fortschritte machen kann, wenn ich mich daran gewöhne, mich von Zug zu Zug um Drohungen und Gegendrohungen zu kümmern, ohne irgendwelche strategischen Ziele zu verfolgen.
Der durchschnittliche Schachspieler hat ungefähr 1600 Elo, was bedeutet, dass die Hälfte aller Spieler weniger Elo hat. Über 1800 kommen 20%, über 2000 10% und über 2200 noch 3% der Spieler. Über 2400 sind es noch ein paar Promille, aber richtig gutes Schach wird erst ab 2600 gespielt. Überlassen wird doch das Planen denjenigen, die Varianten auch korrekt berechnen können…

Eine Kurz- bzw. Zusammenfassung der Kaufmann’schen „Gesetze“ bietet der Autor selber auf seiner Webseite.
Jedenfalls aber ist „Zwingende Züge“ des erfolgreichen Innerschweizer Nationalliga-Spielers und Fernschach- sowie Computerschach-Experten Werner Kaufmann sehr pointiert und auch witzig geschrieben, seine Zuganalysen sind mit modernster Software verifiziert (und korrigieren oftmals auch „fehlerhafte“ Programm-Vorschläge…), die Denkansätze sind äusserst unkonventionell, aber auch äusserst einleuchtend.
Für Turnierspieler, die sich für einmal abseits der üblichen „strategischen“ Verallgemeinerungen bewegen und sich konkret auf die schachlichen Notwendigkeiten einlassen wollen, ist dieses E-Book eine lehrreiche Hilfe im Dschungel des Varianten-Dickichts – und insgesamt eine originelle Ergänzung des Schach-Bücherschrankes. Empfehlung! ♦

Werner Kaufmann: Zwingende Züge – erläutert anhand von Captain William Evans‘ Gambit, e-book (Kindle Edition), 104 Seiten, Damenspringer Verlag

Lesen Sie im Glarean Magazin (quasi als Gegenentwurf) zum Thema „Schachpädagogik“ auch über Oudeweetering: Mustererkennung im Mittelspiel


Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy (CD)

Das Duo Imaginaire – das sind die Würzburger Konzert-Harfenistin Simone Seiler und der Edinburgher Solo-Klarinettist John Corbett. Gemeinsam realisierten die beiden Künstler ein ganz spezielles Musik-Projekt: „Japanes Echoes“ nennt sich ihre neue CD, die nicht weniger als sechs japanische Komponist(inn)en vorstellt, welche in ihren Werken „antworten“ auf je ein selbstgewähltes Prélude von Debussy. Diese japanische Hommage à Claude Debussy reflektiert vielfältig auch die grosse Faszination, die Japans und überhaupt die fernöstliche Musiktradition mit ihrer Klangsinnlichlichkeit auf den genialen Impressionisten ausübte.

Sechs unterschiedliche japanische Stil-Ausprägungen

Das halbe Dutzend Werke von Satoshi Minami (*1955), Yasuko Yamagucchi (*1969), Takashi Fujii (*1959), Kumiko Omura (*1970), Takayuki Rai (*1954) und Asako Miyaki (*1967) durchmisst eine weite Bandbreite an Kompositionstechniken und Klangstilen. Jedes der Debussy-Préludes als die vorangestellten Ausgangspunkte der Komponisten aus Japan wurde von dem Duo transkribiert aus dem Klavier-Original in das Klarinette-Harfe-Duett, und über die Legitimation solcher Übertragung eines doch sehr Klavier-fokussierten Impressionismus und dessen klanglich-pianistischen Spezifikationen liesse sich streiten. Doch als Experiment auch im Sinne von „West meets East“ und als Gegenüberstellung sehr unterschiedlicher melodischer und harmonischer Konzepte bei „seelenverwandschaftlichem“ Ansatz hat dies Projekt des Duo Imaginaire seine Berechtigung.

„Eine Art musikalische Haiku“

In seinem Booklet umreisst das Duo die Intention seiner „Japanese Echoes“ folgendermassen:

Wie wichtig die Tonfarbe für Debussy ist, zeigt sich in der Verwendung seiner expansiven Klangfarbenpalette, die sich auf den Raum oder Umfeld bezieht, nicht jedoch auf die Struktur. Dies geschieht analog zur Shakuhachi-Honkyoku-Tradition, bei der sich der Schwerpunkt auf die Ästhetik eines einzigen Tons konzentriert. Der Klang ist dabei wichtiger als die Struktur. […] Die musikalische Antwort der japanischen Komponist(inn)en ist eine Art musikalische Haiku oder besser Waka (Antwortgedicht). Es lässt das ausgewählte Prélude in einer neuen Perspektive erscheinen und macht dem Hörer den Bezug Debussys zur japanischen Kultur deutlich.

Dass Debussys Klangsinnlichkeit, seine lebenslange Affinität zur fernöstlichen Kultur, seine Sensibilität für Raum und Stille kein westlicher Kontrapunkt, sondern ein imaginatives Pendent zu japanischen Klangtraditionen darstellt, dokumentiert das Duo Imaginaire sehr eindringlich. Hoher Verschmelzungsgrad des Saiten- mit dem Holzblas-Instrument und buchstäblich zauberhafte Klanglichkeit zeichnen diese Ersteinspielungen aus. Dabei durchmessen sie eine vom Pentatonischem bis zum Quasi-Improvisatorischen reichende, teils meditative, teils gestenreiche, rhythmisch oft kaum nachvollziehbar strukturierte, dynamisch aber feinst abgestufte Musik-Palette, deren Kolorit bei aller impressionistischen Orientiertheit die japanische Herkunft nie verleugnet. Das Duo musiziert eindringlich, verfügt über die nötigen Techniken souverän, insbesondere der Klarinettist interpretiert virtuos. Ein sehr anregende Produktion. ♦

Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy, John Corbett (Klarinette) und Simone Seiler (Harp), Spieldauer 57:28, TYX-Art Label

Lesen Sie im Glarean Magazin auch zum Thema „Harfe und Blasinstrument“ über K. Englichova (Harfe) und V. Veverka (Oboe): Impressions, Werke von Ravel, Debussy und Sluka

Carl Philipp Stamitz: Klarinetten-Quartette (CD)

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Der Meister des Andante im Schatten Mozarts

von Michael Magercord

Der Komponist Carl Philipp Stamitz hatte ein Musikerleben geführt, wie es dem romantischen Bild eines Künstlerlebens entsprach. Er selbst war kein Romantiker, dafür lebte er 50 Jahre zu früh. Doch rastlos war er seit seinem 25. Lebensjahr durch die damalige Welt der Musik gehetzt, von Paris bis Dresden, zunächst als Violinen- und Bratschenvirtuose, dann als versierter Komponist von hochmodischer Musik, die an den fürstlichen Höfen angesagt war. Achtzig Symphonien sind so entstanden, eine erhoffte Anstellung aber verschaffte ihm das unermüdliche Werken nicht. Nach zwanzig Jahren Wanderleben heiratete er, liess sich in Greiz, dem Heimatort seiner Frau nieder, zeugte vier Kinder, die alle früh verstarben, und schliesslich starb er 56-jährig 1801 in Jena, verarmt. Drängt sich da nicht langsam ein Vergleich auf mit einem anderen Musiker seiner Zeit?

Stamitz - Klarinettenquartette - Audite - CoverMozart hatte ein ähnliches Schicksal ereilt, und ebenso wie bei dem Salzburger spiegelt sich das rastlose Leben kaum in seiner Musik wieder. Es heisst, dass so mancher Laie die Symphonien der beiden kaum von einander unterscheiden könnte, wären nicht jene des etwas jüngeren Mozarts immer noch so häufig zu hören, während die von Stamitz nur selten aufgeführt werden. Beide waren zu ihrer Zeit versierte Musikarbeiter, die aus der Aufführungspraxis all die Tricks kannten, mit denen man Eindruck schinden konnte, ohne dass sich der Ausführende dabei die Finger an seinen Instrument brechen muss.

Als Sechzehnjähriger bereits Mitglied der Hofkapelle

Frühbegabung wie Mozart: Carl Philipp Stamitz
Frühbegabung wie Mozart: Carl Philipp Stamitz

Wie Mozart, war auch Stamitz ein Frühbegabter. Als Sohn eines böhmischen Komponisten, wurde er im Alter von sechzehn Jahren bereits Mitglied der renommierten Hofkapelle im heimatlichen Mannheim. In der nordbadischen Stadt war eine der wichtigsten Schulen der damaligen Musikwelt angesiedelt. Auch Mozart ist durch diese Schule gegangen. Ihre Neuerungen haben Wesentliches geleistet bei dem Übergang vom Barock in die Klassik. Hier wurde das erste Orchester in einer Instrumentenbesatzung zusammengestellt, die noch heute als der europäisch-abendländische Orchesterapperat gilt. Und dazu gehörte zum ersten Mal auch eine Klarinette.
Stamitz war der erste Komponist, der diesem Instrument eine Solofunktion zu billigte. Elf Klarinetten-Konzerte hatte er komponiert, und eben auch die in dieser CD zusammengestellten vier Quartette. Diese Quartette haben alle drei Sätze, schnell, langsam, schnell, wobei die erste Sätze in sich schon sonatenartig angelegt sind, was ihre etwas serielle Herstellung unterstreicht. Seine Zeitgenossen lobten besonders seine hohe Kompositionskunst beim Andante, die seien „meisterhaft gerathen – eine Folge seines gefühlvollen Herzens“, schrieb etwa der Kritiker Christian Friedrich Daniel Schubart.

Genial im Schatten der Zeit verbleibend

Eingespielt sind diese Quartette gewohnt souverän von dem amerikanischen Klarinettisten Athur Campell und seinen Lehrer-Kollegen von der Grand Valley State University in Michigan. Es ist bereits seine dritte Einspielung im deutschen Label Audite. Es zeichnet einen Kenner und Könner seines Instrumentes aus, auch mit den Leerstellen, die ein Komponist wie Stamitz dem Gestaltungswillen des Instrumentalisten immer liess, etwas anfangen zu können. Somit wird selbst die doch etwas repetitive Musikform schliesslich mit einer sehr persönlichen Note versehen.

Für Klarinettenfreunde ist diese Einspielung der Klarinettenquartette von Carl Philipp Stamitz ein Muss, für Freunde des Rokoko ebenso. Für alle anderen Musikliebhaber sind sie ein weiteres Zeugnis dafür, dass jenes Zeitalter vielleicht doch nur eine musikalische Übergangsperiode war zwischen dem Bachschen Barockzauber und der wuchtigen Klassik, eine für das Ohr allerdings besonders gefällige.
Für Klarinettenfreunde ist diese Einspielung der Klarinettenquartette von Carl Philipp Stamitz ein Muss, für Freunde des Rokoko ebenso. Für alle anderen Musikliebhaber sind sie ein weiteres Zeugnis dafür, dass jenes Zeitalter vielleicht doch nur eine musikalische Übergangsperiode war zwischen dem Bachschen Barockzauber und der wuchtigen Klassik, eine für das Ohr allerdings besonders gefällige.

Das ist allerdings auch nötig, um dieser Musik noch heute etwas besonderes abzugewinnen. Ja, wäre da nicht Mozart, dann hätten wohl die Werke von Stamitz das Zeug gehabt, noch heute die Rolle der sicheren Konzertsaalfüller zu übernehmen. So aber werden sie doch eher selten gespielt oder eingespielt. Stamitz also erfüllt bis auf den heutigen Tag auf seine Weise das Bild des romantischen Künstlers: Genial, aber auch immer ein wenig im Schatten seiner und kommender Zeiten verbleibend. ♦

Carl Philipp Stamitz: Klarinetten Quartette / Quartets for Clarinet (Arthur Campell – Klarinette / Gregory Maytan – Geige / Paul Swantek – Bratsche / Pablo Mahave-Veglia – Cello), AUDITE – Audio SACD, 66 Minuten

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Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette (CD)

Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

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Drei bemerkenswerte Musik-Novitäten

von Walter Eigenmann

„Die Ärzte“: Die beste Band der Welt

Das 7. Sonderheft des „Rock Classics“ Magazins aus dem Wiener Media-Haus Slam widmet sich ausschliesslich und umfangreich der 30-jährigen deutschen Punk-Rock-Gruppe „Die Ärzte“. Das kommerziell nach wie vor erfolgreiche „Ärzte“-Trio Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González gibt dabei in verschiedenen längeren Interviews Interna und Trivia preis zu seiner Gründungszeit vor 30 Jahren, zu seiner Besetzungsgeschichte, zum menschlichen und musikalischen Umfeld der Gruppe und zu geplanten Zukunftsprojekten.

"Die Ärzte" - Die beste Band der Welt - Sonderheft
„Die Ärzte“ – Die beste Band der Welt – Sonderheft

Das Heft, inhaltlich informativ und layouterisch gelungen, enthält nicht nur zahllose Infos und Foto-Reports, sondern wird garniert mit der CD „No Fun!“, die eine Fülle an klassischen Songs der deutschen Punk- und New-Wave-Szene bietet. Der Band gestattet einen attraktiven Überblick auf die Geschichte einer Band, die sich immerhin dank ständigen Wandels und Anpassens 30 Jahre lang in die Charts spielen konnte. „Die Ärzte“ gehören zweifellos zu den innovativeren Gruppen der jüngeren Popgeschichte. ♦

Slam Media: Magazin Rock Classics / Sonderheft Nr.7 – Die Ärzte, 132 Seiten, mit Audio-CD

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Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?


Franz Hummel: Sinfonien „Hatikva“ und „Fukushima“

Franz Hummel: Sinfonien „Hatikva“ und „Fukushima“

Das erklärte Anliegen des frisch gegründeten Audio-Labels TYXart ist es, „die emotionalen, geistigen und intellektuellen Anforderungen von Musikliebhabern mit hochwertigen künstlerischen Produkten zu bedienen“ – fürwahr keine bescheidene Vorgabe, zumal in heutigen Zeiten des kommerziell maximierenden Mainstream-Betriebes.
Doch die Konzeption scheint umgesetzt zu werden – zumindest nach den drei Start-Projekten des neuen CD-Labels zu urteilen. Neben einer bemerkenswerten Klassiker-Einspielung des 15-jährigen Klavier- und Kompositions-„Wunderkindes“ Yojo Christen sowie den „Kollektiven Kompositionen“ des Klavier-Trios „Zero“ sind die beiden Sinfonien „Hatikva“ (für Klarinette und Orchester) und „Fukushima“ (für Violine und Orchester) des deutschen Komponisten und Pianisten Franz Hummel hervorzuheben. Ersterer liegt thematisch die gleichnamige israelische Hymne zugrunde, wobei „die leidvollen Erfahrungen des israelischen Volkes“ durch die „Überhöhung von Freud und Leid, Aufschrei und Tragödie“ verarbeitet werden, während „Fukushima“ ursprünglich unter dem Eindruck der atomaren Zertörung von Hiroshima entstanden sei (so der Komponist im gut dokumentierenden Booklet), jetzt aber dem Gedenken der letztjährigen Atom-Opfer Japans verpflichtet ist. Der Komponist über seine „Katastrophen-Sinfonie“: „Es bleibt zu hoffen, dass die ungeheure Tragik von Fukushima ein weltweites Umdenken im Umgang mit den Naturgewalten bewirkt“. ♦

Franz Hummel: „Hatikva“ für Klarinette&Orchester (Giora Feidman) / „Fukushima“ für Violine&Orchester (Elena Denisova), Sinfonie-Orchester Moskau (Alexei Kornienko), Label TYXart, Audio-CD: 54 Minuten

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Carl Philipp Stamitz: Klarinetten-Quartette


„stimmband“: Lieder und Songs

"Stimmband" - Lieder und Songs - Reclam & Carus Verlag
„Stimmband“ – Lieder und Songs – Reclam & Carus Verlag

Noch ein Büchlein mehr mit „Liedern und Songs“ zum „fröhlichen Singen und Beisammensein“ – nach so vielen Jahrzehnten der pausenlosen Produktion unzähliger derartiger „lustiger Liederbüchlein“?
Ja. Denn diese Zusammenstellung, knapp und knackig „stimmband“ genannt, ist von ganz anderer, ja besonderer Qualität. Denn von der landläufigen Dutzendware ähnlicher Text- und Melodien-„Reigen“ unterscheidet diese üppige Zusammenstellung aus den Häusern Reclam und Carus eine Menge. Beispielsweise die enorme stilistische und inhaltliche Spannbreite, oder die geschmacklich feine Selektion der Melodien und (Lied-)Texte, oder die Sorgfalt bei Layout und Notengrafik, oder die musikalisch sinnvollen Ergänzungen bezüglich Akkordangaben und Tonart-Wahl, oder die stabile buchtechnische Verarbeitung sowie die Handlichkeit des Formats.
Der Band versammelt, jeweils melodisch einstimmig notiert und mit allen Strophen versehen, das altehrwürdige Volkslied ebenso wie den Jürgens-Schlager, das fremdsprachige Abendlied wie die Brecht-Moritat, den Polit-Song wie den Musical-Hit. Die inhaltlichen Themenkreise sind dabei Liebe & Freundschaft, Reise & Natur, Sehnsucht & Freiheit, Glaube & Friede, Jahr & Tag, Spass & Tanz. Eine Gitarren-Grifftabelle sowie ein Titel-Register runden diese Komposition ab.
Die Herausgeber möchten „der Magie des Singens einen Raum geben“ – das ist vollumfänglich gelungen. ♦

K. Brecht & K. Weigele: stimmband – Lieder und Songs, 256 Seiten, Verlage Reclam und Carus, ISBN 978-3-15-018983-2

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Singet, klinget! – Geselliges Liederbuch für Gemischten Chor

Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette (CD)

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Qualitätsvolle Interpretation „exotischer“ Kammermusik

von Christian Schütte

Das Oktett ist eine exotische Form innerhalb der Kammermusik: Nur wenige Komponisten haben überhaupt für diese Besetzung geschrieben, und eine einheitliche Besetzungsform gibt es auch nicht.
Franz Schubert hat zwei Oktette geschrieben, eines nur für Holzblasinstrumente und Horn, und eben jenes Oktett in F-Dur für Klarinette, Fagott, Horn, Streichquartett und Kontrabass. Er knüpft damit an ein Vorbild an, nämlich Ludwig van Beethovens Septett op. 20, das bis auf die zweite Violinstimme genau so besetzt ist wie Schuberts Oktett. Bei aller Referenz an dieses Werk ist Schuberts Komposition doch ein höchst individuelles Stück, das vor allem Hinweise darauf gibt, was er mit dem Werk beabsichtigte.

Den Weg zur grossen Sinfonie angebahnt

Franz Schubert / Jörg Widmann: Oktette; Avi-Service for music, Doppel-CDForm und Dimension des Schubertschen Oktetts sind in mehrfacher Hinsicht gross. Nicht nur, dass mit einer Gesamtlänge von etwas über einer Stunde das Oktett den zur Entstehungszeit üblichen Rahmen der Dauer von Kammermusik sprengt, auch in der formalen Anlage wollte Schubert offenbar hoch hinaus. Einerseits erklärte er selbst, sich mit dem Oktett den „Weg zur grossen Sinfonie“ bahnen zu wollen – was er kurze Zeit später auch tat –, andererseits ist die Anlage in sechs Sätzen gar nicht sinfonisch, lässt äusserlich vielmehr Anknüpfungspunkte an mehrsätzige Formen wie Suite oder Divertimento vermuten. Man kann darin genauso gut ein Experimentieren mit verschiedenen Satzformen erkennen, um auf diese Weise ein wenig für die „grosse Sinfonie“ zu üben. Wie dem auch sei, das Oktett ist somit in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Stück, das kompositorisch durchweg mit hoher Raffinesse der Satzgestaltung, farbenreichem Ausloten der Instrumente, kraftvoller rhythmischer und filigraner melodischer Gestaltung für sich einnimmt. Auch mit dem Gegenüber von konzertanten und sinfonischen Formen spielt Schubert hier ausgiebig, scheint etwa der Beginn des zweiten Satzes Adagio ein Klarinettenkonzert en miniature zu sein.

„Raffinierter Satz, kraftvolle Rhythmik, filigrane Melodik“: Autograph des 1. Satzes von Schuberts Oktett in F-Dur, D 803

Jörg Widmann hat sich in seinem recht umfangreichen kammermusikalischen Schaffen immer wieder unmittelbar auf Franz Schubert bezogen. Für das Artemis-Quartett etwa, das einige seiner Streichquartette zur Uraufführung brachte, ist es schon eine kleine Tradition geworden, Widmanns und Schuberts Streichquartette in ihren Programmen miteinander zu verbinden – ganz im Sinne des Komponisten.

Erstmalige Einspielungen

Jörg Widmanns Oktett aus dem Jahr 2004 ist auf der Doppel-CD nun erstmalig eingespielt. Im direkten Vergleich zu seinen Streichquartetten etwa fällt beim Oktett sofort auf, dass Widmann sich hier wesentlich stärker an der musikalischen Welt Schuberts orientiert. Zwar lassen gleich in den ersten Takten bestimmte Harmonien erkennen, dass hier ein zeitgenössischer Komponist am Werk war, der diese wenigen Harmonien in ein Klangbild mit Reminiszenzen sowohl an Schubert als auch an nachromantische Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts einflechtet. Was beim ersten Hinhören noch verwundert, entfaltet sich im Verlauf immer mehr zu einem Eindruck gekonnter und klug kalkulierter Referenz an Schubert. Nicht um blosses Nachempfinden geht es hier, das würde dem Komponisten Widmann auch in keiner Weise entsprechen. Im Lauf des Stücks bewegt sich Widmann vielmehr immer weiter von Schubert weg, ein Ausgangspunkt zu Beginn stösst gleichsam eine Entwicklung an, das kompositorische Vorbild immer freier zu behandeln. Dabei erreicht Widmann freilich auch nicht die Schubert’schen Dimensionen. Gut 25 Minuten brauchen die fünf Sätze, deren Titel erkennen lassen, dass Widmann eine sehr viel intimere, zurückgezogenere Auffassung von seinem Stück hat. Intrada, Menuetto, Lied ohne Worte, Intermezzo, Finale – das klingt alles sehr viel spielerischer, auch einfacher als bei Schubert –, was jedoch keineswegs simpler oder schlichter bedeutet.

Das orchestral-sinfonische Moment betont

Jörg Widmann - Klarinettist - Glarean Magazin
Klarinettist Jörg Widmann

Die musikalische Ausführung beider Werke verdient grösstes Lob. Schliesslich ist das Instrumentalisten-Oktett auch mit vorzüglichen Musikern besetzt. Jörg Widmann selbst spielt Klarinette, Dag Jensen Fagott, und Sibylla Mahni Horn. Das Streicher-Quintett ist beim Widmann-Oktett zusammengesetzt aus Widmanns Schwester Caroline und Florian Donderer, Violinen, Hanna Weinmeister, Viola, Gustav Rivinius, Cello, sowie Yasunori Kawahara, Kontrabass. Das Schubert-Oktett spielen Isabelle van Keulen und Veronika Eberle, Violinen, Rachel Roberts, Viola, Tanja Tetzlaff, Cello, und Yasunori Kawahara, Kontrabass.
Bei Schubert legen die Musiker in ihrer Interpretation grossen Wert darauf, das orchestrale, sinfonische Moment des Werkes zu betonen, ohne dabei in einen zu groben, dickflüssigen Klang zu fallen – alles bleibt leicht, transparent und durchhörbar, macht in den komplexer instrumentierten Passagen dabei gleichwohl fast vergessen, dass doch nur acht Instrumente beteiligt sind.

Breitwandigen Klang angestrebt

Sowohl das Oktett von Schubert als auch jenes von Jörg Widmann wird von den ausführenden Kammermusikern auf dieser CD-Novität aus dem Hause Avi-Music sehr transparent, sehr durchhörbar interpretiert. Eine interessante Gegenüberstellung - insgesamt eine deutliche Empfehlung für Freunde der - auch etwas spezielleren - Kammermusik.
Sowohl das Oktett von Schubert als auch jenes von Jörg Widmann wird von den ausführenden Kammermusikern auf dieser CD-Novität aus dem Hause Avi-Music sehr transparent, sehr durchhörbar interpretiert. Eine interessante Gegenüberstellung – insgesamt eine deutliche Empfehlung für Freunde der – auch etwas spezielleren – Kammermusik.

Diese Interpretationsweise setzt sich in Widmanns Stück fort, wobei die Musiker hier einen wesentlich breitwandigeren Klang anstreben, der Widmanns eher horizontal angelegte Kompositionsstruktur nachempfindet. Dabei klingen die Farben der verschiedenen Instrumente ganz ähnlich wie bei Schubert. Das verlangt Widmanns Stück an den Stellen, an denen er sich gezielt auf Schubert bezieht; andere Passagen verlangen demgegenüber ganz andere Farben, solche der Musik des 21. Jahrhunderts. Die Musiker verstehen es, diesen Spagat kongenial umzusetzen. Die Einspielung ist insgesamt eine unbedingte Empfehlung für Freunde der – auch etwas spezielleren – Kammermusik. ♦

Franz Schubert & Jörg Widmann: Oktette; Avi-Service for music, Doppel-CD, Produktion im Auftrag von Deutschlandradio, (Live-Aufnahme vom Kammermusik-Festival Spannungen – Konzert im Wasserkraftwerk Heimbach / Juni 2009), LC 15080, Stereo, DDD

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Franz Schubert auch über
Sax Allemande: Ein Kagel-Schubert-Projekt

… sowie zum Thema Kammermusik über
David Gorton: Trajectories (CD)