Interessante Buch-Novitäten – kurz vorgestellt

Marion Bönsch-Kauke: «Schach im Kindergarten»

Schach-im-Kindergarten-Marion-Boensch-Leibniz-Verlag-CoverDie ostdeutsche (Schach-)Psychologin Dr. Marion Bönsch-Kauke hatte sich schon vor Jahren mit meta-schachlichen Studien zum Spiel der Könige beschäftigt: In ihrem Band «Klüger durch Schach» untersuchte sie grundsätzliche Aspekte der Schachpädagogik. Letztere steht auch im Zentrum ihrer jüngsten Publikation: In «Schach im Kindergarten» will sie mit Co-Autor Ralf Schreiber «eine Forschungsreportage mitten aus dem pulsierenden Leben im Alltag des Kindergartens» liefern, wobei die Monographie basiert auf umfangreichem Erfahrungsmaterial von schachspielenden 3- bis 6-jährigen Kindern. Das euphorische Fazit der Autorin: «Schüchterne Kinder wagten, den Mund aufzumachen. Tobende, lärmende, unruhestiftende Kinder wurden ruhiger beim Spiel. Entwicklungsauffällige, „gestörte“, kaum führbare, relativ schwierige Problemkinder besserten sich. Unterschätzte Kids zeigten ein neues Gesicht. Stille Begabungen wurden transparent.» Kurzum: das schachwissenschaftliche Projekt habe gezeigt, dass sich das Schachspiel im Kindergarten als hervorragendes pädagogisches Hilfsmittel bewährt habe und die Entwicklung der Kinder spürbar stimuliere. – Bemerkenswertes Experiment. (we)

Marion Bönsch-Kauke / Ralf Schreiber: Schach im Kindergarten – Ein pädagogisches Hilfsmittel zur Förderung der kindlichen Entwicklung, 408 Seiten, Leibniz Verlag (St. Goar), ISBN 978-3931155056

Johanna Heutling: «Wörterbuch Musik / Dictionary of Music»

Musik-Woerterbuch-Johanna Heutling-Breitkopf-CoverMit ihrem «Wörterbuch Musik» in den sechs weltumspannenden Sprachen Englisch, Chinesisch, Russisch, Deutsch, Japanisch und Koreanisch offeriert die Autorin eine weitgehende Abdeckung des internationalen Grundwortschatzes Musik. Angesprochen fühlen von den Kompendium sollen sich vor allem ausländische Musikstudierende an Musikhochschulen, -akademien, -konservatorien und -universitäten, aber auch grundsätzlich die Institutionen, die sich mit der Vermittlung von Musik beschäftigen: «Um eine erfolgreiche Eingliederung in den Studien- und Berufsalltag zu ermöglichen, ist es erforderlich, auch die fachspezifische Terminologie zu vermitteln».
Aufgeteilt wurden die Musikthemata in die Kapitel Allgemeines (Musikleben, Studium, Institutionen etc.), Musiktheorie, Musikgeschichte/ Formenlehre, Musikpädagogik, Instrumental-/ Gesangsunterricht, Instrumentenkunde und Vortragsbezeichnungen.
Der Band ist lexikalisch-übersichtlich gegliedert, jeder Terminus wird 6-sprachig und 1-zeilig auf Doppelseiten hinweg übersetzt, ebenfalls in den sechs Sprachen wird schließlich der gesamte Begriffsapparat in die einzelnen Sprach-Register aufgeschlüsselt. – Nützlich. (we)

Johanna Heutling: Wörterbuch Musik, 388 Seiten, Breitkopf & Härtel Musikverlag, ISBN 978-3-7651-0397-1

Weitere Rezensionen im Glarean Magazin

Peter Mitschitczek: «Fang den König!» (Schach für Kinder)

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Neue Ideen in der Vermittlung des Kinder-Schachs

Thomas Binder

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Schach-Rezensionen-Fang-den-König-Cover-Glarean-MagazinAls langjähriger Schach-Nachwuchstrainer war der Rezensent gespannt, mit Peter Mitschitczeks «Fang den König» ein neues Kinderschach-Lehrbuch in der Hand zu halten. Die Neugier stieg, weil sich der Autor nicht als Schachmeister vorstellt, sondern als Opernsänger. Zwischen diesen beiden Bereichen – seinem Beruf und seinem Hobby – sieht er vielfältige Parallelen, wovon er den Kindern in einem der einführenden Kapitel auch erzählt. Schon dort spürt man, worin Mitschitczeks großes Potential liegen kann: Er spricht die Kids unterhaltsam und erzählerisch an. Man spürt in jedem Satz, dass der Autor Spaß gehabt hat am Formulieren und am spielerischen Entwickeln seiner Ideen.
Auf 136 kleinformatigen Seiten und von Jürgen Schremser sehr hübsch illustriert will das Buch den Kindern die Grundregeln des Schachspiels nahe bringen. Das Ziel ist auf dem Rücktitel formuliert: «So bist du bestens gerüstet für die erste Schachpartie mit deinen Freunden, Eltern oder Geschwistern!» Damit steckt das Werk wohl einen Anspruchsrahmen ab, der weit unter den möglichen Konkurrenzprodukten liegt. Würde man nämlich «Fang den König!» an der Serie «Fritz & Fertig» des Marktführers messen, so hätte Mitschitczek schon vor dem ersten Zug keine Chance. Jene Produktreihe mit DVDs, Büchern, Rätselblöcken usw. setzt im Angebot für Kinder im Grundschulalter eine ganz andere Marktmacht und Autoren-Kompetenz ein, als es ein Einzelkämpfer leisten kann.

Was lernen wir also auf den 136 Seiten aus der Perlen-Reihe? Es sind wirklich nur die Grundregeln des Schachspiels. Nach 36 Seiten sind wir immerhin so weit gekommen, dass wir das leere Schachbrett richtig vor uns hinlegen und die Figuren in Grundstellung bringen können. Dann folgt die Erklärung der Spielregeln, beginnend mit der Gangart der Figuren. Rochade und en-passant-Schlag sowie die grundlegenden Remis-Regeln bilden schon den krönenden Abschluss. Das Material wird sehr unterhaltsam präsentiert, immer wieder unterbrochen von netten kleinen Abschweifungen. Auch die unvermeidlichen Geschichten der Schach-Folklore wie die Weizenkornlegende und Kempelens Automat dürfen nicht fehlen.
Sehr gut gefällt mir, dass Mitschitczek schon in die frühen Abschnitte immer wieder kleine Aufgaben und Spielideen einbaut – selbst in einem Moment, wo das Kind noch gar keine vollständige Schachpartie spielen kann. Genannt seien etwa die Aufgabe, mit dem Springer von einer Ecke zur anderen zu gelangen oder ein Duell zwischen acht Bauern auf jeder Seite. Besonders gefallen hat mir das Spielchen mit zwei Türmen gegen acht Bauern. Als «running gag» ziehen sich Übungen durch das Buch, bei denen der junge Schachspieler Gummi-Bärchen als Belohnung verdienen kann.
Soweit zu den Stärken des vorliegenden Buches. Etwas schwieriger wird für mich die Bewertung, wenn es um den schachlichen Gehalt geht. Da habe ich nämlich so meine Zweifel, ob der oben formulierte Anspruch «…gerüstet für die erste Schachpartie…» gehalten werden kann. Das schachliche Niveau bleibt doch auf sehr bescheidenem Level stehen. Als höchste Schule bekommen wir das «Schäfermatt» präsentiert, sowie das Treppenmatt mit zwei Türmen.

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Opernsänger, Komponist, Schach-Autor: Peter Mitschitczek

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Wo liegt die Zielgruppe für dieses Buch? Der Klappentext bemisst sie mit «… ab 8 Jahren», bei einem großen Online-Händler habe ich «8 – 10 Jahre» gefunden. Das alles ist wohl dem Gedanken geschuldet, dass die Kinder natürlich des Lesens und des selbständigen «Arbeitens» mit dem Buch mächtig sein müssen. Aber – selbst als Schachanfänger dürften Kids in diesem Alter mehr erwarten als ihnen »Fang den König!» bieten kann.
Zumindest teilweise scheint mir das Herangehen des Autors eigentlich auf eine noch jüngere Zielgruppe zu fokussieren, was dann aber am Selbst-Lesen scheitert. Es gibt heute für Kinder dieses Alters (und jüngere!) ein reichhaltiges Schachangebot: AGs in Grundschulen und Kindergärten, spezialisierte Schachschulen für die Jüngsten und spezielles Trainingsmaterial in Hülle und Fülle. Ja, selbst die Turnierlandschaft der Altersklassen U8 und U6 (ja, wirklich) ist heute schon unüberschaubar, ganz zu schweigen von der U10. Schließlich machen Kinder in diesem Alter heute ihre ersten Erfahrungen mit dem Computer und finden auch dabei altersgerechte Einstiege in das königliche Spiel.
Um die Kids wirklich für eine erste Schachpartie zu rüsten, hätte Mitschitczek deutlich weiter ausholen sollen. Bei den elementaren Mattführungen wäre das Matt mit einer Schwerfigur (Dame oder Turm) unerlässlicher Lernstoff. Aus der Endspielwelt wäre sicher noch Elementares über Bauernumwandlungen (Opposition, Quadratregel) denkbar. Mehr Raum als nur eine einfache Aufzählung hätten zudem die grundlegenden Eröffnungsprinzipien (Entwicklung, Rochade, Zentrum) verdient. Stattdessen wird das Schäfermatt präsentiert, was die üblichen Lernziele im Anfängertraining geradezu unterläuft.

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Der Autor bringt auf erfrischende und kindgerechte Weise, mit lockerem Sprachstil und guter Bebilderung, neue Ideen in die Vermittlung der Grundregeln des Schachspiels ein. Die Zielgruppe der 8-10-jährigen hätte allerdings deutlich mehr schachliche Substanz vertragen.

Besonders attraktiv für die angesprochene Zielgruppe wären einfache taktische Motive (Springergabel, Fesselung, Abzug, Patt-Tricks, Mattbilder…) gewesen.  Gerade solche «action»-lastigen Elemente können die betreffende Altersgruppe für das Schachspiel enorm begeistern.  Hier hätte Mitschitczeks Buch seine Stärken in der kindgerechten Erzählweise und der lebendigen Illustration besonders gut ausspielen können. Ich wäre sehr gespannt, wie der Autor diese Themen vermitteln würde.
Aus eigener Erfahrung weiß der Rezensent, dass Kinder der angesprochenen Altersklasse schon sehr bald nach dem Erlernen der Grundregeln weit mehr und Anspruchsvolleres an schachlichem Know-How wollen, brauchen und auch verstehen, eben um wirklich für die erste Schachpartie oder gar das erste Kinderschach-Turnier gerüstet zu sein. ■

Peter Mitschitczek: Fang den König! – Schach für Kinder, Verlag Perlen-Reihe, 136 Seiten, ISBN 978-3990060261

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Weitere Schach-Rezensionen im Glarean Magazin

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Martin Weteschnik: «Schachtaktik – Jahrbuch 2011»

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Aufgabensammlung mit breitem Anwendungsgebiet

Thomas Binder

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FIDE-Meister Martin Weteschnik hat sich auf dem deutschen Schachbuch-Markt vor allem durch Trainingsbücher zur Schachtaktik einen Namen gemacht. In seinem neuesten Werk «Schachtaktik – Jahrbuch 2011» macht er den interessanten Versuch, die Kombinationssammlung mit einem Jahrbuch des weltweiten Schachgeschehens zu verbinden.
Das Buch beginnt mit einem äußerst informativen Blick um 100 Jahre zurück auf das Schachjahr 1910. Im Mittelpunkt steht dabei der WM-Kampf zwischen Lasker und Schlechter. Einige sehenswerte Kombinationen von damals runden den einführenden Beitrag ab. Unmittelbar danach widmet sich Weteschnik den wichtigsten Ereignissen des aktuellen Jahrgangs, laut Kapitelüberschrift also dem «Schachjahr 2010». Allerdings handelt es sich genau genommen um die Saison 2009/2010, weshalb man z.B. die Schach-Olympiade in Russland vermisst. Die Darstellung ist umfassend und geht auf alle wichtigen Wettkämpfe des Zeitraums ein. Auch einige Opens sowie Jugend- und Senioren-Meisterschaften werden gestreift.

Dass dabei die Schwerpunktsetzung diskutierbar ist, liegt in der Natur der Sache. Über den WM-Kampf zwischen Anand und Topalow in Sofia hätte ich – gerade mit dem Abstand eines halben Jahres – gern deutlich mehr gelesen als über einen Länderkampf zwischen Russland und China. Sehr verdienstvoll ist hingegen das Eingehen auf Themen abseits des Schachbretts, wie die Schachpolitik und Regeländerungen der FIDE. Freilich fehlt auch hier die Aktualität, wenn auf die anstehenden Wahlen der FIDE und der ECU im Vorausblick eingegangen wird.
Zwei Nachrufe auf verstorbene Meister (Edith Keller-Herrmann und Wassili Smyslow) runden den Rückblick ab. Campomanes wird noch erwähnt, mindestens Andor Lilienthal hätte eine ausführliche Würdigung verdient. Insgesamt wünscht sich der Rezensent, dass in künftigen Jahrgängen dieser Jahrbuch-Charakter noch mehr ausgeprägt wird, die Textbeiträge etwas umfangreicher werden.

Kernstück des Buches sind die Kombinationssammlungen aus den verschiedenen Wettkampfebenen, wobei jeweils ein informativer Text voran gestellt ist. Im Einzelnen sind das folgende Bereiche:
Bundesliga und ausländische Ligen (42 Aufgaben)
Deutsche Meisterschaften (18 Aufgaben)
Schach International (48 Aufgaben)
Open-Turniere (54 Aufgaben)
Deutsche Jugendmeisterschaften (42 Aufgaben)
Jugendschach International (30 Aufgaben)
Seniorenschach (36 Aufgaben)
Ergänzt werden diese Kapitel durch zwei Einschübe, bei denen die Kombinationen gleich im Kommentar vorgestellt und erläutert werden:
Ein- und Reinfälle (17 verblüffende Kombinationen)
«Schachtaktik zum Mitmachen» (ein Kombinationswettbewerb der Deutschen Schachjugend, 5 Beispiele)

Meisterhafte Schach-Taktik: Martin Weteschnik

Die enorme Vielfalt der Kombinationsmotive unterschiedlichster Schwierigkeit ist die große Stärke der Sammlung. Viele der gezeigten Partien wären ohne dieses Buch völlig unbeachtet geblieben.
Die Aufgaben sind jeweils als kommentarloses Diagramm gegeben. Dem Leser fehlt also zunächst jeder orientierende Hinweis. Gerade dies macht Weteschniks Taktik-Buch aber als Trainingsmittel so reizvoll.
Im Anschluss an die Aufgaben eines Kapitels folgen die Kurzlösungen (tabellarisch, jeweils nur der Schlüsselzug) und dann die kommentierten Lösungen, bei denen wir auch die Namen der Spieler erfahren. In komplexen Fällen wird hier noch ein Diagramm eingefügt.
Bei den ausführlichen Lösungen findet Weteschnik das richtige Maß an Besprechungs- und Variantentiefe, so dass man seinen Varianten in aller Regel noch «vom Blatt» folgen kann. Der Sprachstil ist flüssig und gut verständlich. Inhalt und Form der Lösungsbesprechung liegen nach meinem Empfinden deutlich über dem Durchschnitt ähnlich gelagerter Arbeiten. Hier wird offenbar praktische Trainererfahrung besonders angenehm spürbar.
Auf die Aussage, alle Kombinationen seien gewissenhaft überprüft, verlässt sich der Rezensent mal, ohne sie im Detail nachzuprüfen. Ernsthafte Zweifel kommen jedenfalls nicht auf.

Die Sammlung von nahezu 300 kombinatorischen Schachaufgaben kann Spielern und Trainern auf jeder Leistungsebene kurzweilige Unterhaltung und Lerneffekt bieten. Martin Weteschnik präsentiert ein Jahrbuch, bei dem man sich bereits auf die Fortsetzung in den Folgejahren freut.

Weteschniks Aufgabensammlung eröffnet sich ein breites Anwendungsgebiet. In der vorliegenden Form kann man sie zum schnellen «Zwischendurchlösen» im Zug ebenso gewinnbringend verwenden, wie als Trainer für den Einsatz im Kinder- und Jugendschach.
Die Fülle der Namen und Zahlen in einem solchen Buch erfordert vom Autor wie vom Lektorat besondere Sorgfalt. Leider ist hierbei doch eine ganze Reihe von Schreibfehlern durchgerutscht. Dass der Deutsche U10-Meister Raphael Lagunow als «Lagonow» vorgestellt wird, ist vielleicht nur dem Rezensenten aufgefallen, der diesen jungen Schachmeister zu seinen Schützlingen zählen darf. Fehlschreibungen wie «Chanty-Mansijks» und «Tischbiereck» sind hingegen ebenso peinlich wie ein falsches Geburtsjahr im Nachruf auf Edith Keller-Herrmann. Dem schachlichen Gebrauchswert des Buches tun sie keinen Abbruch, passen aber nicht gerade zum guten Gesamteindruck. ■

Martin Weteschnik, Schachtaktik – Jahrbuch 2011, Jugendschach-Verlag Dresden, 160 Seiten, ISBN 978-3000324314

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Leseproben (Scans)


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Wettbewerb des deutschen «JugendSchach»-Verlages

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Gesucht: Taktische Ein- und Reinfälle

Schachvereine, -gruppen und überhaupt alle Freunde des Königlichen Spiels sind von dem deutschen Jugendschach-Verlag eingeladen, ihre «taktischen Einfälle, Reinfälle oder auch verpassten Gelegenheiten der Saison 2009/2010» einzusenden. Vorgesehen ist die regelmäßige Veröffentlichung ausgewählter Einsendungen in der Zeitschrift «JugendSchach», «bei großem Erfolg könnte auch ein Schachbuch des Verlages daraus entstehen». Unter den Einsendern wird monatlich in den vier Rubriken «Springer» (bis 1200 DWZ), «Läufer» (bis 1500 DWZ), «Turm» (bis 1800 DWZ) und «Dame» (ab 1800 DWZ) je ein Büchergutschein im Wert von 20 Euro ausgelost. Die Aktion läuft von April bis August 2010. Einsende-Schluss ist der jeweils 10. des Folgemonats, die weiteren Details finden sich hier. ■

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Marion Bönsch-Kauke: «Klüger durch Schach»

Das Schachspiel als universelles
Bildungs- und Entwicklungsgut

Walter Eigenmann

Boensch_Klueger durch Schach_Leibniz Verlag_Cover«Während es einen nahezu unübersehbaren Schatz an kommentierten Partien, Turnierbulletins und technischen Schachbüchern gibt, die, interessiert an der Herausbildung von Theorie und Praxis des Schachspiels an sich, Erfahrungen über Eröffnungen, Mittel- und Endspiel enthalten sowie verhältnismäßig viele Werke, die Lehrweisen und Trainingsmethoden propagieren, fehlt es vollständig an einem profunden interdisziplinären Überblickwerk zu den wissenschaftlich gesicherten Fakten, was das Schach bewirkt; was es bedeutet, warum es über die Jahrhunderte hinweg Menschen aus aller Welt fasziniert und nicht zuletzt, welche Erziehungs- und Bildungswerte es birgt.»
Diese weiträumige spielkulturelle und soziopädagogische Fragestellung nimmt die deutsche Schach-Psychologin und Mentaltrainerin Dr. Marion Bönsch-Kauke zum Ausgangspunkt ihrer großangelegten Meta-Studie: «Klüger durch Schach» präsentiert thematisch breit und methodisch sehr differenziert eine Fülle von «Forschungen zu den Werten des Schachspiels»; der 400-seitige Band fasst den gesamten aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zum weltweiten Kulturphänomen «Schach» zusammen.

Dass dem Schach in der riesigen Arena menschlicher Sport- bzw. Freizeit-Aktivitäten eine nur höchst marginale Bedeutung zukommt, darüber macht sich die Autorin Bönsch-Kauke keinerlei Illusionen, und dass schätzungweise 550 Millionen Menschen zumindest die Regeln des «Königlichen Spiels» kennen, abermillionen ihm organisiert frönen, könne nicht darüber hinwegtäuschen, «dass Schach zu den Randsportarten gehört und aus Mangel an visueller Show kein Publikumsmagnet» sei. Doch dieser Marginalität steht, wie Bönsch-Krauke detailliert anhand zahlreicher wissenschaftlicher, historischer wie experimentalpsychologischer Untersuchungen bzw. Studien nachweist, eine mittlerweile kaum mehr überblickbare Fülle an primär- wie sekundärwissenschaftlicher Literatur zu allen denkbaren kulturellen, pädagogischen, philosophischen, neurowissenschaftlichen, sportmedizinischen, kunstästhetischen und sozialpsychologischen Aspekten dieses Spiels gegenüber.

Mädchenschach
Interessantes Eröffnungssystem der 8-jährigen Melsa Demir… (von den «Schachfreunden Hannover»)

Die vom Deutschen Schachbund initiierte und herausgegebene Metaexpertise der Psychologin gründet sich auf mehr als 100 umfangreiche Pilotstudien, Großfeldversuche, Stammuntersuchungen, Quer- und Längsschnittprojekte und Originalexperimente, ihre Recherche bezog neben hunderten bekannter Publikationen auch aktuellste Dissertationen, wissenschaftliche Qualifikations-, Diplom-, Magister- und Seminararbeiten sowie zahlreiche eigene schachrelevante Untersuchungen ein. Bönsch-Kaukes fulminante Tour d’horizont durch die wissenschaftliche Schach-Literatur belässt es dabei nicht bei westeuropäischen und amerikanischen Publikationen, sondern repliziert besonders aufschlussreiche, bislang hierzulande kaum beachtete, teils auch schwer zugängliche Forschungsergebnisse aus der Sowjetunion und der ehemaligen DDR, aber auch aus Ungarn und Tschechien – aus Ländern also, die bekanntlich dem Schachspiel als Spitzen- und als Volkssport einen außerordentlichen Stellenwert einräumten, und in denen Schach – teils auch als staatlich verordneten propagandistischen Gründen – schon seit Jahrzehnten Gegenstand systematischer, auch interdisziplinärer Forschung war und ist.

Leseprobe 1

Boensch_Klueger durch Schach_Leseprobe1Angesichts der Fülle des Materials – die nur schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Bandes dokumentiert – ist es hier natürlich unmöglich, in dem Maße auf auch nur einzelne der gewichtigsten Studien bzw. Ergebnisse in «Klüger durch Schach» einzugehen, das ihrer Bedeutung angemessen wäre. Stattdessen beschränke ich mich fokussierend im Folgenden auf die grundlegendsten, durch vielfache und weltweite Forschung verifizierten «Thesen», wie sie die Autorin im Schlusskapitel dieser ihrer beeindruckenden, auch mit zahlreichen Illustrationen erläuternden Meta-Studie formuliert, wobei Bönsch-Kauke von der Zielsetzung geleitet wurde, diese «Thesen» könnten ihrerseits «zum Kern einer Meta-Schachtheorie werden, falls ihre Inhalte geistreiche Forscher anregen, wissenschaftliche Beweise für die Tragkraft dieser Thesen beizusteuern.»

1. «Schach ist zutiefst lebensnah!»

Schachunterricht Glarean MagazinSchach symbolisiere, so die Autorin, «was uns im Leben widerfährt»: Im Kern seien es Entwicklungsaufgaben von wiedersprüchlicher Art, und es sei zu eng, im Schach nur Problemlösen sehen zu wollen: «Wir sind vor die Wahl gestellt, unsere Ansprüche aufzugeben oder uns der Aufgabe zu stellen, zu kämpfen auch um selbstkritische Einsichten und nicht zu resignieren.»

2. «Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf!»

Für Marion Bönsch-Kauke fungiert das Schachspiel als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben, die kompromisslos zu lösen sind, und die uns vor Situationen stellten, die zwar «neu, ungewiss, kompliziert und problemträchtig» seien, sich aber nicht zu (unlösbaren) Problemen auswachsen müssten: «Gewissermaßen aus spieltheoretischer Sicht gilt das Schachspiel als ein Zwei-Personen-Nullsummenspiel. Es ist für jene Lebenslagen gültig, in denen eine Seite verliert, was die andere gewinnt.»

3. «Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung!»

Diese These habe, wie die Wissenschaftlerin ausführt, Fragen der «Lebensplanung» wie beispielsweise: «Was droht? Was tun? Wo soll es hingehen? Was ist der nächste Schritt?» zur Grundlage, und dabei bürge das Schachmodell für stichhaltigen Rat: «Schach kann zurückgreifen auf 2’500 Jahre Erfahrung, wie Ziele gegen Widerstände zu erreichen sind. […] Aus schachlicher Symbolsprache ist zu erfahren, wie Menschen […] dachten und wie sich das Wollen und Denken kulturgeschichtlich entfaltete zu immer wirksameren Strategemen.» Dabei wären die besten Strategien, nach Bönsch-Kauke, im Kampf der Charaktere in der Kulturgeschichte des Schachs ausgefiltert worden und würden nun als bewährte «Orientierungsgrundlagen für erfolgreiche differentielle Entwicklungen von sozialen Beziehungen, Charakteren und kulturellen Werken im Lebenslauf» zur Verfügung stehen.

4. «Schach macht klug!»

Der Autorin vierte, bereits im Buchtitel apodiktisch vorweggenommene These ist die schulpädagogisch bzw. -psychologisch brisanteste, wenngleich hier natürlich nicht zum ersten Mal gehörte Zusammenfassung zahlreicher diesbezüglicher Forschungen. Das Kernergebnis der von Bönsch-Kauke recherchierten, teils sehr umfangreichen internationalen Studien: «Für Schach muss man nicht mit überdurchschnittlicher Intelligenz starten, jedoch ist mit fortgesetzter Ausübung ein beträchtlicher Zuwachs im Rahmen des intellektuellen Potentials zu erwarten.» Wie die einschlägigen Experimente nachwiesen, sei für hohe und höchste Spitzenleistungen im Schachspiel eine große Bandbreite von kognitiven Erkenntnisprozessen gefragt: «Exaktes Wahrnehmen, Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, Problemlösen, schlussfolgerndes, kritisches und kreatives Denken.» Und auch hier wieder schlägt die Sozialpsychologin eine Brücke von der Theorie zur Praxis: «Analoge Aktionen, die sich in Schachpositionen bewährten, können als Verhaltenspotentiale auf Bewährungssituationen im Leben mit ähnlichen Merkmalen übertragen werden und das Hinzulernen erleichternd stimulieren.»

5. «Schachspielen fördert schöpferisches Denken!»

Konzentrationsfähigkeit_Schach_GlareanEin in der Sekundärliteratur ebenfalls immer wieder gelesener bzw. vielfältig verifizierter Denkansatz ist Bönsch-Kaukes fünfte These, wonach das Schach die Konzentrationsausdauer und das schöpferisch-originelle Denken fordere und fördere. Hier seien drei «Basiskomponenten» im Blick zu behalten: «Organisation der Kräfte, Angriff und Verteidigung», wobei die Autorin auf das schachphilosophische Werk des Weltmeisters Emanuel Lasker und seine «überschachliche Lehre» referiert. «Einfälle, die stichhaltig sind, und Pläne, die aufgehen, sind rar in unserem modernen Leben der firmierenden Global Players und gefragten Schlüsselqualifikationen. Geistige Güter sind zu akkumulieren, um Innovatinsdefizite zu überwinden.»

6. «Schach mobilisiert Innovationen und Change-Management!»

Bönsch-Kauke: «Aus Biographien zahlreicher weltbekannter Gelehrter, Philosophen, Dichter, Schriftsteller, Manager, einflussreicher Politiker, Regisseure, Schauspieler, Entertainer, Journalisten, Trainer und Athleten erhellt, dass sie sich auf das Schachspiel verstanden und es schätzten.» Aber nicht nur einen «Kreis Auserwählter» vermöge das Spiel «von der Person zur Persönlichkeit zu profilieren»; Frühförderung und Anreicherung der geistigen Herausforderung für hochbegabte Kinder sei schachspielerisch möglich: «Ein Schachtest für Hochbegabte als Screening-Verfahren erscheint aussichtsreich. Mehr noch rücken die Möglichkeiten des Schachs für gegenwärtig erschreckend viele hyperaktive, im Lesen, Schreiben und Rechnen schwache oder schulverdrossene Kinder als spielerisches Faszinosum ins Blickfeld von Schulverantwortlichen.»

7. «Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft!»

Als Metasportart berge, führt die Verfasserin weiter aus, das schachliche Modell wertvolle Grundlagen «für eine allgemeine Kampftheorie»: «Schach stärkt den Kampf- und Siegeswillen», weil durch findiges strategisches und taktisches Denken «die schwersten Kämpfe des Lebens zu gewinnen» seien. Dabei erlangten theoretisch-geistige Konzepte im Trainingsprozess und Wettkampf angesichts der zunehmenden Intellektualisierung des Sports eine verstärkte Bedeutung. «Immer mehr spielen sich planbare Aktionen vorher modellartig im Kopf des Aktiven ab. In diesem Sinne bewährt sich Schach als strategisch-taktische Leitsportart.»

8. «Schachliches Können verschafft Wettbewerbsvorteile!»

Bönsch-Kaukes achtes Forschungsergebnis: «Wie es gelingt, Positionen nicht nur zu verbessern, sondern die anstrebenswerte Stellung wirklich zu erobern, lehrt das königliche Spiel diejenigen, die sich bemühen, meisterliches Können für Spitzenpositionen zu erwerben. Im welchselseitigen Herausfordern und intellektuellen Kräftemessen werden anspruchsvolle Lebensziele und Selbstbehauptungen wahr. Situationsgerechte Pläne bleiben keine visionäre Utopie.»

9. «Schach ist ein universelles Bildungs- und Entwicklungsgut!»

Schach im Kindergarten_Glarean MagazinEine weitere These der Wissenschaftlerin zielt auf den vielfach und breit nachgewiesenen pädagogischen Nutzen in der Schule einerseits und andererseits auf die moderne Schlüsselqualifikation «Medienkompetenz» ab. Während die Tatsache, dass methodisch gelehrtes Schach ein breites Spektrum von positiven Persönlichkeitskomponenten wie «Konzentriertheit, Geduld, Beharrlichkeit, emotionale Stabilität, Risikofreudigkeit, Objektivität, Leistungsmotivation» inzwischen in ein breiteres Bewusstsein der schulpädagogischen Entscheidungsträger gedrungen ist, dürfte die von Bönsch-Kauke angesprochene «Medienkompetenz» bisher ein weitgehend unberücksichtigter, aber wesentlicher Aspekt der Diskussion sein: «Ein bedeutsames gesellschaftliches- und bildungspolitisches Ziel ist die Befähigung, die Vorzüge neuer Informations- und Kommunikationstechniken gezielt nutzen zu können.»

10. «Schach trainiert psychische Stabilität!»

Auf ihrem ureigenen Gebiet, der Psychologie, kommt die Autorin zum Schluss: «Schach befriedigt grundlegende Bedürfnisse, sich im anderen Wesen zu spiegeln, ernst genommen und zuverlässig begleitet zu fühlen und sich wesenseigen im Spiel selbst zu fördern. […] Schachspielen ermutigt, Angst in energiereiche Aktionen zu verwandeln, Verlustärger zielgerecht einzusetzen.» Wie dabei die Psychoanalyse zeige, entwickle Schach «eine Art realistischerer Abwehrmechanismen durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit eigenen Fehlern und Stärken».

Leseprobe 2

Boensch_Klueger durch Schach_Leseprobe211. «Schach hält geistig beweglich!»

Ins Zentrum des elften Teil-Fazits gerückt wird das Schach als Denktraining, das bis ins hohe Alter fortgesetzt werden könne: «Keine andere Sportart ermöglicht eine solche fortdauernde Wettkampfzeit, lebenslanges Lernen und leistungssportliche Betätigung auf hohem Niveau.» Bönsch-Kauke zitiert in diesem Zusammenhang neuromedizinische Resultate, wonach sich durch «spielaktive Denkbeweglichkeit» bis zu 74% dem Risiko eines altersbedingten Abbaus des Hirns (Demenz) vorbeugen lässt: «Speziell gegen die Alzheimer-Erkrankung mit der klinischen Symptomatik: hochgradige Merkschwäche, zeitliche und räumliche Orientierungsstörungen, Sprachzerfall und Verwirrtheit lassen sich durch Schach sogar neue ‚graue Zellen‘ bilden.»

12. «Schach im Internet fördert weltweite Kommunikation!»

Seniorenschach_Deutschland
«Neue graue Zellen durch Schach»: Seniorenschach in Deutschland

Die zwölfte und letzte These widmet sich dem aktuell modernsten Aspekt des Schachspiels: seiner inzwischen fulminanten und noch immer wachsenen Präsenz im Internet: «Nicht nur das hochentwickelte Computerschach, auch das Spielen im Internet brachte ungeahnte Dimensionen mit sich. So spielen nach Angaben von Chessbase 2007 auf ihrem Server täglich über 5’000 Aktive und Schachliebhber ca. 200’000 Partien. […] Diese Zahlen demonstrieren einen völlig neuen Zugang des strategischen Brettspiels in die moderne kommunikative und technisierte Spielwelt.» Hervorzuheben sei dies nicht zuletzt deshalb, weil es unwichtig sei, ob der «auf der anderen Seite sitzende Gegner jung oder alt, gesund oder krank, versiert oder ungeübt» sei. Denn zwar sei Altern ein soziales Schicksal, aber: «Durch das Schach im Internet bieten sich immer interessante Spiel- und Geistesgefährten an, zu denen nach Wunsch auch direkter Kontakt mit allen Sinnen aufgenommen werden kann.»

Zwölf fruchtbringende Denkanstöße

Wie weiland Luther seine «ketzerischen» Thesen an die Kirchenpforten schlug, so ruft also die deutsche Schachpsychologin in ihrem aufregenden «Thesen-Papier» ein Dutzend durchaus irritierende bis provozierende Denkanstöße in den Schach-Alltag, die allerdings nichts mit Glauben, dafür sehr viel mit Wissen zu tun haben. Denn im Gegensatz zu einschlägigen populärwissenschaftlichen (um nicht zu sagen: populistischen), oft mit gutgemeint-rosaroter Brille verfassten Verlautbarungen in Sachen «Schach und Pädagogik» basieren die Thesen von Marion Bönsch-Kauke auf wissenschaftlich verifizierbarer Grundlagenforschung unabhängiger Wissenschaftler und Institute.
Gewiss, Bönsch-Kaukesche Denkmotive wie z.B. «Schach als Problemrepräsentant für Entwicklungsaufgaben»; «Schach als strategisch-taktische Leitsportart» oder «Schach als Demenz-Prävention» regen bei erstem Lesen zum Widerspruch an. Aber nur so lange, wie man der Autorin akribische Recherchen zur Thematik nicht en détail kennt. Denn der 400-seitige, ein umfangreiches Literaturverzeichnis zuzüglich Psychologie-Glossar sowie Personen- und Sachregister beinhaltende Band belegt eindrücklich, wie weit die moderne Schachforschung in allen Disziplinen bereits fortgeschritten ist. Jedenfalls dürfte «Klüger durch Schach» als der zurzeit umfassendste Überblick auf die gesamte einschlägige Forschung für die nächsten Jahre die Referenz-Publikation in Sachen Schach-Metastudien bilden und die wissenschaftliche Diskussion maßgeblich mitbestimmen bzw. befruchten. Eine äußerst verdienstvolle Veröffentlichung des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schachstiftung – sowie ein nicht nur für Schach-Enthusiasten faszinierendes Kompendium, dem weiteste Verbreitung in allen involvierten «Schach-Schichten», von den Verbänden bis hinein in die Volksschulstuben weit über Deutschland hinaus zu wünschen ist.

Marion Bönsch-Kauke, Klüger durch Schach – Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels, Leibniz Verlag (St. Goar), 408 Seiten, ISBN 978-3-931155-03-2

Weiterführende Link-Liste

Inhaltsübersicht

Schach-Satire von Karl Gross

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Das Drama des unbegabten Schachlehrers

Karl Gross

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Seit einigen Wochen schlich ich um die Einlösung eines vermaledeiten Versprechens herum: Meine Schwägerin hatte mir im Rahmen einer Großfamilienzusammenführung (Mutters 79. Geburtstag) stolz berichtet, daß ihr Jüngster (7) angefangen habe, Schach  zu spielen und auch die Schach AG der hiesigen Grundschule fleißig besuche. wwwschachbe_benjamin.jpgSie bat mich, doch mal in Kürze gegen den Kleinen eine Partie zu spielen. Er würde sich sehr darauf freuen, und sie habe ihm auch fest versprochen., dass ich dies gerne machen würde…
Ich hatte vage – verlegen lächelnd – zugestimmt, da ich dies als meine Onkelpflicht erachtete. «Ja, ja, wenn ich mal Zeit habe, gerne, na klar, das freut mich sehr, dass der Kleine tatsächlich Schach lernen will, da kann ich ihm vielleicht ein wenig helfen» usw. Und ich fügte mit kräftiger Betonung hinzu: «Das Wichtigste beim Schach ist, dass man das Verlieren lernt!»  – Damit hatte ich – eher unbewusst – einen Kontrapunkt zu der immens verwöhnenden Erziehungspraxis des Neffenhaushalts markiert.
Nach einigen Wochen des Hinhaltens, Ausweichens, Ignorierens, erfolgreichen Verdrängens fuhr ich  unbeschwert zu meiner Mutter, die gerade aus dem Urlaub heimgekehrt war. Ich lauschte eben ihren sonnendurchtränkten Erinnerungen, als plötzlich die Haus-Sirene schrillte. Ein Kind stand vor der Tür, das aus der Nachbarwohnung  geeilt war, um den Onkel zu begrüßen. Der Kleine trug ein zusammengeklapptes Holzschachbrett in Schulterhöhe triumphierend vor sich.
«Heute spielen wir Schach!» tönte entschlossen das helle Stimmchen, und schon knallte das Brett auf den Kaffeetisch.
«Wir spielen nebenan am großen Tisch», sagte ich kapitulierend und packte die Utensilien unter den Arm. Schon öffnete sich erneut die Tür, und die Mutter des Eleven und auch  mein Bruder eskortierten das Schachkind in den Spielsaal.  Ich nahm im butterweichen Sessel Platz, so dass mein Gegner  mir tatsächlich in Augenhöhe gegenüber saß.
Das gescheit(elt)e  kleine Köpfchen mit den braunen Rehaugen hatte die Figuren regelgerecht aufgestellt – ich bekam ungefragt die schwarzen Steine – und eröffnete mit 1. e4. «Das spielen die meisten», schob er nach, bevor ich mein weiteres Vorgehen strukturieren konnte. Nachdem ich artig 1. – e5 entgegnete, folgte spontan 2. a4.
Stolz äugten die Eltern auf weitere Armbewegungen  des Schachschülers, die ich in bester Onkel-Manier mit netten Lobesworten begleitete. Er hatte alle Bauern hintereinander gezogen, und ich war gespannt, ob er auch die Offiziere ins Feld führen könne. Tatsächlich, mit leichter Hilfe des Vaters, der das Pferdchen aus dem Stall führte, und weiteren Hilfsaktionen  standen irgendwann die Figuren auf dem Schachbrett herum.

Ich bewegte meine Figuren nur bis zur Mittellinie, um keinen Schaden anzurichten. Die beiden Heere standen sich irgendwann gefahrlos gegenüber, und ich wußte plötzlich nicht mehr, wie ich die Harmonie auf dem Brett beibehalten konnte. Mein Bruder schaute mich etwas verwundert an, da ich eine Springer-Gabel mit Damengewinn «übersehen» hatte.
Rehauge hüpfte vor Freude, die Zug-begleitenden Lobesworte der Eltern zeigten ihre Wirkung, und auch ich kratzte mir sorgenvoll die Stirn, staunte und frohlockte ob der «tollen» Züge des Eleven.
‹Das Wichtigste beim Schach ist das Verlieren-Können›, schoss es mir plötzlich durch den Kopf, und schon entlud sich in mir ungeschützt der gesamte Hass auf die verwöhnten Kinder, auf die Eltern, die sich zum Personal ihrer kleinen Herrscher degradieren lassen, auf die gesamte Kindergarten-und Grundschul-Pädagogik, die jahrelang schon für das bloße Ein-und Ausatmen der Kinder Bestnoten verteilte…
Ich spielte auf einmal rücksichtlos auf Gewinn, kommentarlos. Die Eltern fingerten unbeholfen  im weißen Lager herum. Der Kleine konnte keinen einzigen Zug mehr ausführen, ohne dass ihm der Arm, dann die Hand geführt wurden. Diese Eltern würden ihr Leben geben, wenn sie dem Kind eine Niederlage ersparen könnten.

Ich kapitulierte innerlich: Mit Inbrunst führten die Eltern die kindliche Zug-Hand, um mir nachaneinder alle verbliebenen Leicht-, dann Schwerfiguren abzuluchsen. Beide Elternteile durften dann gemeinsam das Mattnetz, das wir alle zusammen für mich geknüpft hatten, zuziehen:
«Und, was ist der Onkel jetzt?» krähte der Vater.
«Matt!!» schrie das Kind. ■

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karl-gross.jpgKarl Gross
Geb. 1951 am Niederrhein, Magisterstudium in Düsseldorf (Anglistik,Germanistik), einige Jahre als freier Übersetzer und Turnier-Schachspieler unterwegs, seit 14 Jahren selbständiger Buchhändler in Grefrath/BRD

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Gert von Ameln: «Salin und der Schwarze Zauberer»

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Das Schachspiel kindgerecht verpackt

Walter Eigenmann

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salin-zauberer-glareanmagazin.jpgSchach für Kinder: Das ist eine lange Geschichte… – und sie wird landauf, landab in den Schachvereinen und -verlagen immer wieder neu geschrieben. Weil sie kompliziert ist. Wie bringt man heutzutage Playstation-geschädigten Kids ein hochkomplexes Spiel nicht nur bei, sondern auch nahe? Ein Spiel, bei dem man eigentlich stundenlang ruhig (sitzen-)bleiben sollte, und bei dem auch nicht literweise das Blut zum Monitor rausspritzt?
Der deutsche Kinder-Schach-Trainer Gert von Ameln besann sich auf Bettelmanns berühmtes Kult-Buch «Kinder brauchen Märchen» – und schrieb «Salin und der Schwarze Zauberer». Ein Märchen, in dem nur das Schachspiel des Helden Salin die beiden Geschwisterkinder Peter und Marie und deren Freunde vor dem bösen Fluch des Schwarzen Zauberers retten kann. Alles beginnt in einem alten Park-Haus, bei einem 300 Jahre alten Schachrätsel…

Bei ihrem spannenden Abenteuer, das mit Grips, Phantasie und Neugier überstanden werden muss, erfahren die Kinder Seite um Seite, was vor mehr als tausend Jahren im alten Indien seinen Anfang nahm und heute als «Königliches Spiel» weltweit viele Millionen begeistert. Mit einer kindgerechten, kurzsätzigen Sprache, einem dem Alter angepassten Vokabular und einer interessant vorangetriebenen «Story» gelingt es dem Autor, Regeln und Taktik des Schachs für 10- bis 13-jährige Kinder unaufdringlich zu «verpacken». Hat dann ein Schach-ABC-Schütze die knapp hundert Seiten durch, weiß er nicht nur die Grundzüge (und Grund-Züge), sondern auch, quasi en passant, etwas von dem «Geist», der «Idee» hinter diesem «Spiel der Spiele».

«Salin und der Schwarze Zauberer» ist ein schachpädagogisch verdienstvolles, von Immanuel Promnitz mit zahlreichen Illustrationen aufgewertetes und vom Verlag geschmackvoll editiertes Hardcover-Märchenbuch. Eigentlich gehört es – als Alternative zu den üblichen, eher «theoretisch» orientierten Jugend-Lehrbüchern – nicht nur in alle Schulbibliotheken, sondern auch in die Hände all der Jugendschach-Betreuer in den Vereinen – z.B. als idealer Buch-Preis bei Kinder-Schachturnieren. ■

Gert von Ameln, Salin und der Schwarze Zauberer, Seibert Verlag, 96 Seiten, ISBN 978-3-9811446-1-1

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