Joanna Lisiak: Spurlos berührt (Drei Gedichte)

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Spurlos berührt – Ratschlag – Innere Ruhe

spurlos berührt

in der nacht aufnehmen die steine
vom herzen zusehen wie
alles davonfliesst ins gefühl
des luftleeren raumes
in aller ruhe hören die flut
ein präzises du geöffnet
und die anspielungen
auf seltsame weise
schön

ratschlag

halbtransparent anfangen
räumliche zwischentöne achten
sauber treffen

relativieren aus eigener erfahrung
isolierte gedanken umgekehrt abwägen
die erdigen elemente bewusst integrieren

zur stimmung bunt beitragen
zur unterstützung fest beeinflussen
mit der natur in gleichgewicht kombinieren

in guter gestaltung natürlich wirken
nach ruhe aussehen
sinnesreiche wahrnehmung erzielen
das reine unschlagbar empfinden

vom subtilen besetzen lassen
warm abheben

innere ruhe

zwischendurch diese
banale zufriedenheit
fasziniert wie ein
sonnendurchfluteter gibt
man sich feierlich
die eigene empfindung
ist ausgiebig
gerade das ist
der springende punkt

die form des seins
glücksgefühl im weitesten sinne

von dieser fröhlichkeit
durchquert wie ein
frühlingshafter spricht man
das wort aus direkt

heute


Joanna Lisiak - Lyrik und Prosa - Glarean MagazinJoanna Lisiak

Geb. 1971 in Poznan/Polen, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, schreibt auch Theaterstücke & Hörspiele, Mitglied u.a. des PEN; Jazz-Sängerin, lebt in Nürensdorf/Schweiz

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Joanna Lisiak: Reife Männerstimmen (Essay)

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Reife Männerstimmen

Die durchdringende Aura einer Stimmfarbe

von Joanna Lisiak

Man kann sich ihrer Faszination nicht entziehen, auch wenn man sie zunächst wahrnehmen, ja erst gewahren muss als ein isoliertes Ereignis. Denn tauchen sie auf, umgibt sie sogleich die Hülle eines ganzen Kosmos’, der reich an unterschiedlichen Assoziationen ist. Man muss nicht erst künstlich versessen sein auf die menschliche Stimme, deren Klang und Wirkung, um die durchdringende Aura dieser ganz besonderen Stimmen zu erkennen. Möglich, dass eine anachronistische Veranlagung oder die Erwartung, in einer Stimmfarbe zugleich auch auf einen vollen Körper zu treffen, dazu verleiten, reife Männerstimmen, von denen hier die Rede ist, als mehr als einen zufriedenstellenden Hörgenuss zu deklarieren.

Was ist der Körper schöner Stimmen?

Was aber ist der Körper dieser Stimmen, aus was setzt er sich zusammen, so dass die Sympathie beim Hörer alsbald hergestellt ist und die Anziehungskraft ihre Wirkung nicht verfehlt? Die Auslegung der Fragen in psychoanalytische Einzelteile oder gar die Annäherung an ödipale Konflikte würde die Betrachtungsweise verfehlen, weil sie allzu sehr auf die einzelnen Subjekte eingehen würde und die Stimme nichts weiter als ein Schlüssel diente, um die Charaktere beziehungsweise Beziehungen der Protagonisten offenzulegen. Von einer solchen Analyse ist man jedoch weit entfernt, wenn man vor allem untersuchen möchte, aus was sich die erquickende Wirkung speist, die eine solche Stimme auf den Hörer hat. 1)

Stimmritze und Stimmbänder des Menschen
Stimmritze und Stimmbänder des Menschen

Zunächst ist da der reine Klang. Ein Klang, der mindestens einem harmonischen Dreiklang gleichkommt, oder der ist wie ein guter Duft, welcher eine Basis-, eine Herz- und eine Kopfnote einschliesst. Die menschliche Männerstimme ist mit einer Reife belegt, die das hörende Gemüt im Nu besänftigt. Die Stimme wirkt erfahren, doch ist dies kaum der Hauptgrund, weshalb sie vertrauenerweckend scheint. Ohne genau lokalisieren zu können, woher die Überzeugung herrührt, schreiben wir dieser stimmlichen Reife eine innere Reife zu, die uns ermöglicht, uns hineinzubegeben ins richtige Hören, sprich, ins Zuhören hinein. Dieses Zuhören findet auf einer tieferen Ebene statt als das rein akustische Wahrnehmen, das an das thematische Interesse gekoppelt ist. Zuhören aus einem vertrauten Punkt heraus bedeutet in erster Linie zu glauben, was der andere sagt, und es meint zudem, Vorbehalte abzubauen, sich nicht dagegen anzulehnen, was gesagt wird/werden könnte, dem wir uns mit unserer Meinung entgegensetzen könnten oder möchten.

Umgeben mit einer Aura der Sympathie

Dies soll nicht bedeuten, dass wir durch diese reifen Männerstimmen sang- und klanglos manipuliert werden wollen, oder dass wir etwa unbewusst einem Mechanismus zum Opfer fallen, der unser eigenes Denken lähmt. Der kritische Punkt wird in der Konstellation des Zuhörens einer reifen Stimme allemal – und ist zunächst abhängig von einem selbst und nicht von der Person ausserhalb –, wohl aber etwas verzögert erreicht. Durch die gegebene Chronologie: 1. Vertrauen, 2. (mögliche) Kritik entsteht jedoch ein Denken, das von einem konzentrierten Punkt her stattfindet und erst noch aus einer entspannten, womöglich eher aus einer emotionalen denn einer kognitiven Haltung heraus. Eine von Anfang an misstrauische, kritische Haltung, zum Beispiel gegenüber einer weniger überzeugenden Stimme, beschäftigt das Gehirn von vornherein, was einerseits zu einer zusätzlichen Aktivität und somit Belastung, also auf Kosten der Konzentration geht, andererseits das Denken unnötig in eine vom Misstrauen, nicht aber vom Thema bestimmte Richtung lenkt. Das Naturell des Spielerischen und Kreativen ist jedoch in ein entkrampftes Umfeld zu betten. Nur so ist ein solches Denken flexibel und offen für jene anderen Einflüsse ausserhalb, die sich aus diesem Prozess erst ergeben.

Sympathie-/Empathie-Organ: Das menschliche Ohr
Sympathie-/Empathie-Organ: Das menschliche Ohr

Die stimmliche Reife überdies erweckt das Vertrauen des Zuhörers auch deshalb, weil sie zweifellos eine Aura von Sympathie umgibt, die wiederum nicht auf einer sympathisch klingenden Stimmfarbe, sondern in allererster Linie auf Empathie aufbaut. Jener Empathie nämlich, sozusagen als „Voraus-Bonus“ gegenüber dem Zuhörer, die der noch zu entstehenden Sympathie zugrunde liegt. Der vermittelte Inhalt geht mit dem Sprechenden auf dieser zeitlich nur gering und nur unbewusst verschobenen Grundlage entspannt und harmonisch einher und bewirkt, dass das Gesagte glaubwürdig daherkommt. Zweifelsohne gibt es auch andere, unreifere Stimmen, die überzeugend wirken können, uns zum Kern des Themas transportieren und unsere Reflexion vorbehaltlos ankurbeln. Der Unterschied liegt vermutlich darin, dass die reifen Männerstimmen auch dank dem Vorteil der Empathie immer ein Stück weit authentischer wirken und uns daher das Gefühl vermitteln, das Gesagte und Erzählte wirklich selbst erlebt zu haben.

Zwischen Empathie und Authenzizität

Unsere Gesellschaft ist nicht darauf ausgerichtet, sich in erster Linie mit älteren Menschen zu identifizieren, noch weniger darauf, sie sich zum Vorbild zu machen. Ob junge Männer – insbesondere solche, die Berufe ausüben, in denen die Stimme ein wichtiges Element, ja auch Teil eines Erfolges ist – solchen reifen Stimmen (und nicht nur klangschönen, stimmgewaltigen) nacheifern, ist schwer zu beurteilen. Kann, wenn er es möchte, ein guter Schauspieler nicht auch eine Authentizität durch reine Arbeit erreichen? Er kann es bedingt. Empathie ist gewissermassen auch technisch herzustellen, indem man sich das Gegenüber vorstellt auf der einen Seite, und andererseits, indem man sich als Vortragender in den Text mit Frische, Begeisterung und einem Stück Reflexion auf das eigene Subjekt hin bezogen, das eben spricht, hineinbegibt. Ein ordentlich guter Schauspieler, der nicht mit der besagten reifen Männerstimme ausgestattet ist, hat durchaus die Aussicht, uns durch seine Kunst zu verführen, uns mit ihm fühlen zu lassen, ihn als Schauspieler vergessen zu machen, und er kann uns für sich gewinnen, indem wir ihm Glauben schenken, mit ihm sympathisieren usw. Doch wird er es sehr schwer haben, die Empathie, die er uns gegenüber hat, durch Bewusstsein, Absicht, Willen und Handwerk grundlegend und vom ersten Ton an herzustellen. Denn die Empathie der reifen Männerstimme dem Zuhörer gegenüber baut nicht nur zeitlich rascher, sondern auf einer universellen Sprache auf und meint nicht zwei einzelne Menschen – den Sprechenden und Zuhörenden plus den Inhalt -, sondern zwei Menschen, die sich erst durch die Menschheit, ja Menschlichkeit grundlegend definieren und auf diese Weise ganz ausserhalb des vermittelten Inhaltes zueinander finden.

Reife Stimmen – z.B. Domingo, Reincke, Kohlund

Unverwechselbare Reife der Stimme: Placido Domingo, Heinz Reincke, Christian Kohlund
Unverwechselbare Reife der Stimme: Placido Domingo, Heinz Reincke, Christian Kohlund

Diese voller Wohlwollen empfundene Empathie örtlich aufzuspüren ist ebenso sinnlos, wie es unmöglich ist, die Worte zwischen den Zeilen ausfindig zu machen. Wie auch immer diese Stimmen entstehen und reifen: mit bewusst erlebtem, reich gelebtem Leben gefüllt scheinen sie allemal. Die pure Freude der zuweilen zarten, märchenhaft anmutenden Erzählweise des mit dieser Stimme Sprechenden schwingt immer über die Vermittlung des Textes, über den Sprechenden und über den Hörenden hinaus. Sie schwingt, glüht, steckt an. Sie ist gebend, auch wenn wir nicht erfassen können, was genau wir bekommen. Sie lässt einem gewiss die Freiheit und doch kaum die Wahl, sich irgendwie lebendig, substanziell zu fühlen, in dem Moment, wo sie zu uns spricht und etwas bei uns erreicht oder in uns bewirkt.
Die Empfänglichkeit für diesen Schwung und die Begeisterung für diese reifen Männerstimmen hat wohl kaum ihren Ursprung darin, dass wir in diese Stimmen das Organ des Wunschgrossvaters oder Vaters projizieren. Die Anziehungskraft des Fremden und doch stets so Vertrauten kann bisweilen bis zu den erotischen Gefilden führen, auch wenn diese Form von Erotik wohl weniger die Leidenschaft weckt, als dass sie ihr (künftiges, vergangenes, hier wie dort oder in der Menschheit selber verankertes) Vorhandensein unprätentiös und verständnisvoll offenbart.

Charakteristische Stimmen vom Aussterben bedroht?

Am Ende bleibt die fahle Befangenheit, dass diese Art von reifen Männerstimmen ausstirbt, da sie einer Männerart angehört, die es so bald nicht mehr gibt. Möglicherweise waren, salopp ausgedrückt, Menschen diesen Schlags schon immer rar, aber immerhin gab es genug derer, die diesen Stimmen einen festen Platz in der Gesellschaft einräumten, sie wertschätzten und sie für Tonaufnahmen, sei es in Hörspielen, Hörbüchern, Radiosendungen oder für Vertonungen von Dokumentar- oder anderen Filmproduktionen engagierten. Die Tonträger und ein paar nostalgische Zeugen werden bleiben, hoffentlich aber jene, die so zu leben verstehen, dass solche Stimmen überhaupt erst erzeugt und hervorgebracht werden können, sowie andere, die es verstehen diese zu fördern, um sie der Gesellschaft zugänglich zu machen. Mangels genügender Vorstellungsgabe ist es unmöglich, sich der in den Medien heute vertretenen Männerstimmen jene herauszupicken, die die Eigenschaften von dieser Art reifen Männerstimmen in gesetztem Alter erreichen könnten. ♦

1) Der Text ist im weitesten Sinne vielleicht eine persönliche Lobeshymne an die reifen Männerstimmen, kann jedoch durchaus auch als Beispiel für die reife menschliche Stimme und somit auch als Pendant mit dem Beispiel der weiblichen reifen Stimme gelesen werden. Um den Textfluss nicht unnötig mit Parallel-Beispielen aus der weiblichen Stimmwelt zu stören, wurde der Fokus einzig auf die maskuline Seite gelegt. Möglicherweise auch deswegen, weil mehr Beispiele unter Männern gefunden wurden.


Joanna Lisiak - Lyrik und Prosa - Glarean Magazin

Joanna Lisiak

Geb. 1971 in Poznan/Polen, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, schreibt auch Theaterstücke & Hörspiele, Mitglied u.a. des PEN, Jazz-Sängerin, lebt in Nürensdorf/Schweiz

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Joanna Lisiak: Spurlos berührt – Gedichte

Joanna Lisiak: Des Künstlers Seele (Essay)

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Des Künstlers Seele

von Joanna Lisiak

An Vernissagen von Galerien würde man ihm mit grosser Wahrscheinlichkeit begegnen, denn gewissermassen ist es seine Pflicht, an solcherlei Anlässen zu erscheinen. Diese Feierlichkeiten – eher von politischer und banaler denn ästhetisch-philosophischer Natur. Er ist also zugegen, hat seine Atelierumgebung verlassen, hat seine übliche Arbeitsgarderobe gegen eine andere getauscht. Er fühlt sich möglicherweise unwohl, ist irritiert ob der vermeintlich interessierten Kreise, die durch seltsam gesponnene Netze ihre Wege zu diesem Abend gefunden haben. Der Künstler inmitten derer, die wahrscheinlich nie hungern, und welche mehr Faible als aufrichtiges Kunstverständnis auszeichnet.

Er steht wahrhaftig da, und doch entfernt. Potentiell steht er Red und Antwort, und wer etwas später ins leise Glasklirren und Parfümgewölk kommt, der wird den Protagonisten des Abends möglicherweise lange suchen. Denn sehr oft ist es der kleine Unscheinbare, der den Spiess umgedreht hat und selber in eine Beobachterrolle geschlüpft ist. Man erkennt ihn weniger am stolzen Gang oder am Posieren  als an dem auf den zweiten Blick Erkennbaren; oft erst im Vergleich zu den aufgetakelten und angeblichen Schöngeistern fällt sein schlichtes Schuhwerk auf, das eher schlecht gebügelte Hemd, der subtil eingestickte Markenname auf der linken Brusttasche abwesend. So pedantisch Künstler, die mir bisher begegnet sind, sein können, die Übergenauigkeit bezieht sich auf ihr Werk und Tun, nicht auf ihr aussehen. Im Gesicht ein verschlagen-leuchtendes Augenpaar, das etwas Verschmitztes ausstrahlt und einen kindlichen Geist erahnen lässt.

Die Künstlerseele macht den Künstler aus

Wenn ich von einem Künstler spreche, meine ich aber keineswegs Äusserlichkeiten, die für alle gleichermassen da sind, für die Schauenden und Sehenden. Das Visuelle, wie die Sinne überhaupt, sind in ihrer potentiell jederzeit entflammbaren Art naiv demokratisch, stehen unvoreingenommen zur Verfügung auch für Ignoranten und Fanatiker. Nur die Erkenntnissuchenden nehmen die scheinbare Oberfläche als Schlösser und Türen wahr, die lohnen und leise fordern geknackt, geöffnet zu werden. Wenn ich vom Künstler spreche, dann spreche ich auch nicht vom Werk und jenen Spiegelungen und Reflexionen, die vom Macher kommen. Mit Künstler meine ich die Künstlerseele.

Die Künstlerseele ist es, die einen Künstler zu einem Künstler macht. Es ist nicht das artistische Werk, nicht das Nochnichtdagewesene, weder das Provokative noch das historisch, handwerklich gut Umgesetzte. Eine Künstlerseele ist auch nicht messbar an Qualitätsbarometern. Selbst das Genie seines Genres gewährleistet keine Garantie. Am wenigsten meine ich mit dem Begriff das Künstlerklischee des verschrobenen Menschenbildes. Oder jenen erfolgsverwöhnten Mann, der sich geschickt im Netzwerk der Galeristen, Mäzene und Agenten bewegt, sich ihrem Vermittlungsspieltreiben opfert und dies mit keiner Faser seines Gemüts bezahlt, was ihn für mich verdächtig macht.

Zweifelsohne kann eine Künstlerseele auch einen Sieggekrönten beleben, und sie tut es immer wieder. Aber die Faktoren, die für Aufstieg und Durchbruch stehen, lassen sie jedenfalls unberührt. Einzig aus sich heraus soll sie tun oder unterlassen, triumphieren oder scheitern. Eine Künstlerseele ist eine Seele, die nicht fordert und nicht muss. Sie darf sich in ihrem Ausdruck, sei er nun elegant und tiefsinnig oder dahingeschmiert und von willkürlicher Anrührung, austoben. Potentiell darf sie immer inaktiv bleiben. Es genügt, wenn sich ihr monologischer Dialog im Innern abspielt, wenn sie ans Ausserhalb anspruchslos Grösse zeigen kann. Wenn sie in jenem richtigen Moment versteht, wo es um das Wahre geht, ohne das pro-aktive Zutun. Das Schaffende und Erschaffte also ausser Acht. Sie begreift ihr Sein mit dem Verzicht auf schmückende Attribute oder Werte, denn sie ist genügende Tatsache.

Es ist also nicht das Tun und nicht das Resultat, das ihre Existenz stützt. Eine Künstlerseele benötigt kein Leid oder eine Zäsur, um ans Ziel zu gelangen. Sie kennt das Ziel nicht. Auch muss sie nicht viel erlebt haben an Welt. Eine Künstlerseele als solche ist roh und bereits ausgewachsen. Sie ist nicht von unendlicher Auswucherung. Dazu ist sie zu sehr mittiger Stillstand. Sie hat kein Geschlecht und kein Alter. Einzig ist sie. Das Sein als Matrix.

Das Sein als Matrix…

Die Künstlerseele nämlich ist im Sein bereits entfaltet. Ob sie glücklich oder betrübt gefärbt ist, hängt vom „Träger“ ab oder vom Zufall der Tageszeit. Dass es von diesem An-Sich-Sein Abervarianten und -versionen gibt, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen. Dass man von ihr weniger spricht als vom Künstler, gründet vielleicht in unserer Vorstellung, Sachen wie Personen dingbar, fassbar machen zu wollen. Auf einen Künstler kann man mit dem Finger zeigen. Gegen ein Gemälde ein Wortreich erbauen. Aber selbst die akkurateste Wahl der Worte und Hintergründe ist in ihrer Form physischer als die Vorstellung davon, was die Künstlerseele ist: körperlos.

Ohne Seele keine Künstler. Aber viele Werke muten seelenlos an. Das Werk also ist es nicht, an welchem wir eine solche Seele erkennen. Dem Mann mit dem leicht unbekümmerten Gesicht – der in der Galerie seinen potentiellen Kunden, für die er weder lebt, aber vielleicht von ihnen, gegenüber steht – man wird es ihm nicht ansehen, ob er sie nun hat oder nicht. Dieser gelobte Künstler, der in der Ausstellung so nah ist, als lebe er just in derselben an Widerspruch und Kompromiss reichen Welt.

Vielleicht trösten wir uns ein Stück damit, dass er ja da ist und es ihn sichtlich nicht „besser erwischt“ hat als unsereinen, Besserbetuchten, die uns zynisch Brötchenverdiener nennen und uns manchmal, in einem Anflug von Ausbruch, aberwitzig kleiden wie gerade jetzt, uns in sog. Künstlerkreise mischen, das Sektglas lässig in der Hand, eine entrückte Aufgeregtheit im Blick, als wäre man gerade verliebt, und die von einer lokalen Zeitungsreporterin versehentlich um ein Interview gebeten werden. Zunächst beschämt, erleben wir sogleich ein Gefühl von Anerkennung. Und das Paradoxe der Situation und die Phantasie lassen es zu, dass wir uns hinleiten zu diesem romantischen Bild, auf dem Land, in einer malerischen Scheune, wie wir aus einem Stück roher Marmormasse die für unser erfahrenes Auge schon erkennbare Form meisseln. In dem Moment haben wir gegenüber den anderen kostümierten Gästen gesiegt und verloren in dem Moment, wo sich unser Blick mit dem wahren Künstler trifft.

Form nach Form unter der Käseglocke…

Aber nicht nur auf Vernissagen trifft man Trittbrettfahrer an. Sie verstecken sich in durchgestylten Bürogebäuden, sie tauchen als spruchreife Ausreden auf, wenn der durch Gänge schlurfende Buchhalter weder einen Satz auf die Reihe kriegt noch über Zahlenflair verfügt, aber mit dem Künstler-Stempel eine ihn fast friedlich anmutende Aura von Akzeptanz umgibt. Oder der Chef, der es schlichtweg nicht im Griff hat, pünktlich den Lohn seiner Untertanen zu bezahlen, weil er sich selber für einen unantastbaren und unerreichbaren Künstler hält. Und er diese Nachricht mit einst gelerntem Marketingflair zur Legende macht, bis er selber wirklich daran glaubt und auf dieser Grundlage seine Marotten züchtet. Das Klischee Künstler, das zum Manierismus verkommt.

Dieses ehrfürchtige Wort „Künstler“ ist ein Phänomen, das sich ausbreitet, ist es einmal verlautbart, bis hin zu den Kreisen, in denen tatsächlich von Kunst die Rede ist. Dass dem auf dem Begriff als Sprungbrett abgehobenen Möchtegern-Künstler keine Beweise abverlangt werden, spricht für die Tatsache, dass ein Künstler auch der sein kann, der keine Werke schafft. Und auch jener, der aus reiner Disziplin unter einer Art Käseglocke Form nach Form erzeugt. Der Ausdruck als Wiederholung eines Glücksmoments, das mit jenem Moment bereits entschwand. Kunst indes hat keine Grenzen. Und nicht weniger als im Angesicht einer erschaffenden Kontinuität, die im Dialog mit dem Ausserhalb steht, kommen mir die grössten Zweifel, ob es sich nicht lediglich um Produktion und Kontaktpunkt, gepaart mit dem fahrlässigen Umgang mit der Figur Künstler, handelt. Der Wahn, der in einer Künstlerseele innewohnt, kann manchmal und oft vor lauter Wollen nicht mehr.

Dem Künstler an der Vernissage sind solche Überlegungen möglicherweise zu anstrengend. Zu sehr nimmt ihn seine Künstlerseele in ihren Gehorsam. Sie verlangt nichts, denn sie ist in ihrem So-Sein gefangen. Sie kann nichts dafür und ist somit nicht schuldig und unschuldig. Erst, wenn der Macher ausbricht und sich in Künstler-Nichtseelen mischt, nimmt die ansonsten leichte Sache einen Weg des Widerstandes. Der Künstler als Seelenzustand – Ruhe in sich gepolt. Zahlreiche Künstler, die ihre Vehikel nicht finden, um sich durchs Werk erkennbar zu machen. Ausserdem Künstler, die durch allzu glatte Umstände im Gesellschaftsrad eine Funktion fanden und davon nicht loskommen, so dass ihre nie alternde Künstlerseele einem kümmerlichen Dasein frönt. Verkannte Künstler und Künstler, die nicht wissen, dass sie Künstler sind…

Des Künstlers neutrale Zufriedenheit

Auf der anderen Seite die gellenden Künstler, clever und produktiv – die Negativform vom verkanntem Künstler? Ein für mein Empfinden wirklich wahrer Künstler, der Werk und Schaffen nicht aktiv auslebt, sagte mir, dass er einen anderen, in seinen Augen wahren Künstler bewundere dafür, dass jener nichts weiter benötige als fast nichts zu tun – und dieses Fast-nichts mit niemandem zu teilen brauche und dabei eine neutrale Zufriedenheit lebe. Das imponiere ihm – und während er sich seine Pfeife stopfte, sagte er zu mir: „Ist das nicht wunderbar? Ich wäre so glücklich, wenn ich schon dort wäre“. Vielleicht lag es an seinem zerbrechlichen Tonfall und seinem tief sitzenden Verständnis, die mir in jenem Moment die leise Anerkennung weckte, als wäre mein Bekannter da gerade oder überhaupt nicht weniger als eben ein Künstler-Seelenverwandter. Jemand, der nie den Anspruch haben würde, das Wort „Künstler“ für sich zu beanspruchen, weil es zum einen seine Bescheidenheit und Demut nicht zuliessen und zum anderen, weil er das Wort „Künstler“ zu sehr im entwürdigten Status sieht.

Leicht kommen einem die Worte „Künstler“ – ggf. noch mit dem Anhängsel „halt“, das vorflunkert wirklich zu wissen, worum es da gehe – über die Lippen. Worte und Tugenden wie „Ehrfurcht“, „Übermenschliches“, „Sosein“ wirken auf der Zunge plump und pathetisch. Vielleicht deswegen spreche ich lieber von der Künstlerseele. Ich wage zu behaupten, ich hätte es damals gespürt in jenem beinah flüchtigen Moment, als seine eigene über die andere Seele sprach. Als es um das Irgendwo und Irgendwen ging, um das Fast Nichts im Nicht-Dialog mit Niemand. Da war es. Zwischen seinen Worten: wahre Grösse spürbar. Überwältigung schwang mit, die mir die Sprache verschlug und mich augenblicklich klein fühlen liess. Es war ein nicht zu beweisender Beweis, dass auf einmal beide zugegen waren. Oder etwas. Ein kurzes Anleuchten auf ein Dasein fern physischer Grenzen. Künstlerseelen.

Denn es gibt sie wirklich. Und vielleicht ist die Achtung vor dieser nicht in Worten zu fassenden Tatsache ein kleines Verbindungsglied, das filigrane Brücken schlägt zu diesen auf wunderbar geheimnisvolle Weise verborgenen Künstlerseelen. ♦


Joanna Lisiak
Geb. 1971 in Polen, Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften, Dokumentarfilme und Hörspiele, Radio-Moderation, Mitglied des PEN, Jazz-Sängerin, lebt in Nürensdorf/CH

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Joanna Lisiak: Reife Männerstimmen

… sowie zum Thema Sprach-Kunst über
Brigitte Fuchs: Salto Wortale

ausserdem im GLAREAN zum Sprachkunst & Bilder:
Meditation über das Bild „Grand Arlequinade“