Esther Pauchard: Jenseits der Couch (Krimi)

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Die Niederungen der Seele

von Günter Nawe

Nichts ist mehr, wie es war für die Assistenzärztin Kassandra Bergen, die in der Psychiatrischen Klinik Eschenberg arbeitet. Und das hat einzig und allein etwas mit dem Notfall zu tun, der gegen halb drei Uhr morgens eingeliefert worden ist. Entgleiste Schizophrenie lautet die Diagnose, nicht zuletzt forciert durch die Einnahme illegaler Substanzen. Doris Greub ist die Patientin, die offensichtlich ihren Ehemann nicht nur eines Verbrechens beschuldigt, sondern auch versucht hat, ihn umzubringen.

Esther Pauchard: Jenseits der Couch - Kriminalroman (Nydegg-Verlag)Ein klarer Fall? Mitnichten. Die Schweizer Autorin Esther Pauchard ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, sie arbeitet als Oberärztin in einer Suchtklinik. Und sie entwickelt dank geballter Fachkompetenz und einem Gespür für die menschlichen Abgründe aus dem, was eigentlich nur ein psychiatrischer Fall ist, einen brillanten Krimi.
Denn sehr schnell kommt Kassandra Bergen darauf, dass es mit Doris Greub eine andere Bewandtnis haben muss. Sind die Beschuldigungen der Patientin gegen ihren Mann, dem sie den Missbrauch ihrer Tochter unterstellt, und der sie bewusst für unzurechnungsfähig erklären will, nur die Folge der Einnahme von Drogen, sind ihre Halluzinationen und Wahnvorstellungen nicht näher an der Wirklichkeit, als es ihr Mann glauben machen will?

Psychogramm einer Ärztin

Die resolute Kassandra Bergen beginnt an ihrer Diagnose zu zweifeln, setzt sich vehement auch gegen den Kollegen Martin zu Wehr und beginnt auf eigene Faust nicht nur in der Krankengeschichte von Doris zu forschen, sondern sich auch das Familienumfeld vorzunehmen. Das ist natürlich weit außerhalb dessen, was ihr als Ärztin erlaubt ist. Sie gefährdet ihre Karriere und gerät in gefährliche Turbulenzen. Esther Pauchard zeichnet ein großartiges Psychogramm dieser Ärztin, dieser Frau, die sich, selbstbewusst und dennoch verletzlich, ihrem Beruf und ihrer Aufgabe als Ärztin verpflichtet fühlt, auch über fachliche Grenzen hinaus.
Immer deutlicher wird es für Kassandra – spätestens nach dem Selbstmord ihrer Patientin Doris -, dass hier etwas nicht stimmt. Mit Hilfe der Medizinstudentin Kerstin Lindner „ermittelt“ sie auf eigene Faust, auf eigene Gefahr und „jenseits der Couch“. Und bald tut sich vor ihr ein Abgrund von Lügen, Verschleierungen und kriminellen Aktivitäten auf. Sie dienen einzig dem Ziel, nicht nur Doris Greub auszuschalten, die mehr weiß als es anderen recht sein kann (was schließlich gelungen ist), sondern auch alle Spuren zu verwischen, die auf die Untaten des „seriösen“ Peter Greub und seiner vier bürgerlich gutsituierten Freunde verweisen.

Menschen in Extremsituationen

Esther Pauchard - Krimi-Autorin - Glarean Magazin
„Spiritualität mit Poesie verbunden“: Psychiaterin, Oberärztin, Krimi-Autorin Esther Pauchard

Der als Schriftstellerin debütierenden Autorin Esther Pauchard gelingt es, die Niederungen der menschlichen Seele zu beschreiben, Menschen in Extremsituationen darzustellen. Und das macht sie so geschickt, dass dem Leser manchmal der Atem stockt. Vor diesem Hintergrund also ist ein Buch entstanden, dem es an Tiefgang beileibe nicht fehlt.
Denn Pauchard geht es nicht um spektakuläre Bilder, um wilde Verfolgungsjagden, auch wenn sie sich der üblichen Versatzstücke eines Krimis bedient. Er geht es um das, was hinter dem Verbrechen steht. Und das macht sie hervorragend – bis zum Schluss, bis zu dem Moment, wo der eindeutige Beweis der Schuld von Greub und seiner Kumpane vorliegt.

Ein nachhaltiger Krimi

Die Berner Autorin Esther Pauchard hat mit „Jenseits der Couch“ einen Debüt-Krimi geschrieben, der eine höchst spannende Studie über die Abgründe der menschlichen Seele darstellt. Mit der Fachkompetenz der Ärztin und Psychiaterin entwickelt die brillante Erzählerin eine faszinierende Geschichte, die den Leser über die Lektüre hinaus beschäftigen dürfte.

Und was für ein Beweis! Kassandra hat alle Gefahren, auch die für Leib und Leben letztlich überstanden. Auch wenn sie, nachdem sie das Video gesehen hat, das die permanente Vergewaltigung der Tochter von Doris Greub zeigt, gestehen muss: „Alles, worauf ich gebaut habe, ist ins Wanken geraten“. Für sie und in ihr ist mehr passiert als nur die Aufklärung eines Verbrechens. Und nichts ist, wie es einmal war.
Auch wenn am Ende alles gut geht – die Psychiaterin hat Mühe, sich nicht nur von diesen Bildern zu befreien, sie muss auch eigene Probleme verarbeiten, die sich im Verlaufe der Geschichte für sie ergeben haben.
Und auch der Leser dieses faszinierenden Krimis wird sich weit über das Geschehen hinaus damit beschäftigen… ■

Esther Pauchard: Jenseits der Couch, Roman, 429 Seiten, Nydegg Verlag, ISBN 978-3-9522295-9-0

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Jerry-Cotton-E-Book-Krimi: Cotton Reloaded – Der Beginn

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Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux

Arno Stocker: Der Klavierflüsterer (Biographie)

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Von Caruso „auf die Beine geholt“

von Günter Nawe

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass man den Titeln auf Buch-Covern trauen kann. Diesmal aber stimmt der Untertitel: „Die wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens“. Erlebt und aufgeschrieben hat sie Arno Stocker, „der Klavierflüsterer“, der in diesem Buch unter anderem erzählt, „wie mich Caruso auf die Beine holte“.
Er, geboren 1956, der singen wollte wie Caruso und spielen wie Horowitz, kam mit einer spastischen Lähmung auf die Welt. Mit geschädigtem Gehirn und verrenkten Glieder sowie fast blind ist von einer großen Karriere nicht einmal zu träumen. So bedurfte es einerseits einiger besonderer Zufälle als auch eines besonders ausgeprägten Willens, um dieses Leben zu meistern.

Arno Stocker - Der Klavier-Flüsterer - Die wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens
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Es ist nicht zuletzt die Musik, genauer gesagt eine Platte von Caruso, durch die Arno sprechen lernt, indem er – fasziniert von der Stimme des Sängers – die Arien „nachahmt“. Etwas später und vermittelt durch den Großvater wird es Maria Callas sein, der er nicht nur persönlich begegnet, er wird gar ihr Meisterschüler. Sie weist ihm den Weg zur Musik – und damit zu einem selbstbestimmten Leben.

Langer und beschwerlicher Weg zur Musik

Von diesem Leben erzählt Arno Stocker. Und das in einer unnachahmlichen Manier; weder larmoyant noch überheblich, sondern direkt und schnörkellos. Er erzählt von den Höhen und Tiefen, von Erfolgen und Rückschlägen. Selbstzweifel plagten ihn, und Widerstände – nicht zuletzt wegen seiner Behinderung – gab es genug, die oft unter Aufbietung aller Kräfte überwunden werden mussten.
Lang und beschwerlich war der Weg zur Musik, zum „Klavierflüsterer“, zu einem Mann, der mit Horowitz und anderen Größen der Musikgeschichte arbeitete, sich als Restaurator einen Namen machte und selbst einen neuartigen Konzertflügel konstruierte, und der wie kein anderer viel von Musik und alles von Klavieren und Flügeln verstand. Auf diesem Weg versuchte er sich zwischenzeitlich in anderen Berufen (einfach um zu überleben), er gerät in die Schuldenfalle und ins Gefängnis, verdiente Unsummen und verlor sie wieder. Zwischendurch hat er bei Erika Köth Gesang studiert. Er war bei den Opernfestspielen in München engagiert und verkaufte und restaurierte Klaviere in Amerika.

Das Leben der Faszination „Musik“ untergeordert

Sprach- und Lebenshelfer: Jahrhundert-Tenor Enrico Caruso (1873-1921)
Sprach- und Lebenshelfer: Jahrhundert-Tenor Enrico Caruso (1873-1921)

Persönliches Glück war ihm kaum beschieden. Mehrere Ehen zerbrachen. Sesshaft wurde er kaum. Nicht nur wegen seines Berufes, der ihn immer wieder an andere Orte zwang, bewegte sich sein Leben geografisch zwischen den Welten. All das aber waren nur „Begleitumstände“ eines Lebens, das ganz der Faszination „Musik“ untergeordnet war.
Am Ende hat Stocker, zurück in München und inspiriert von Fischer-Dieskaus Interpretation der vier letzten Lieder von Brahms, auch den Weg zu Gott gefunden. Von nun an bilden „Liebe, Glaube, Hoffnung… die Anker in meinem Leben. Die Liebe zur Musik, der Glaube an das Gute. Die Hoffnung, noch viel Zeit zu haben, das, was mir Gutes passiert ist, an Menschen weiterzugeben und sie zu ermutigen, an ihren Zielen festzuhalten“. Letzteres wird mit diesem Buch sicher gegeben sein.

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Die Lebenserzählung „Der Klavierflüsterer“ ist die faszinierende Geschichte des Arno Stocker, der mit geschädigtem Gehirn, mit verrenkten Gliedern und fast blind auf die Welt gekommen ist. Ein Buch über die Macht der Musik – und eine großartige Vision, die Stocker gegen alle Vernunft zum weltbekannten „Klavierflüsterer“ werden lassen.

So erzählt diese großartige Lebensgeschichte von der Macht der Musik. Und von der Macht einer Vision, der zu folgen alle Widrigkeiten und Widerstände überstehen lässt. So ist auch Arno Stockers Biographie am Ende eine wunderbare Erfolgsgeschichte, eben die „wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens“: spannend und faszinierend. ■

Arno Stocker: Der Klavierflüsterer – Die wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens, 317 Seiten, Kailash Verlag (Randomhouse), ISBN 978-3-424-63027-5

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Musiker-Biographien“ auch über
Peter Gülke: Robert Schumann

 

Literatur-Projekt „Edition Balkan“ gestartet

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Anspruchsvolle und unterhaltsame Texte aus Bulgarien

von Günter Nawe

Alle reden von Integration, vom Austausch der Kulturen und von EU-Erweiterung. Doch was wissen wir voneinander? Es gibt auf der literarischen Landkarte Europas – und nicht nur hier – eine Menge weißer Flecken und terrae incognitae. Dem will der Berliner Dittrich Verlag Abhilfe schaffen – mit seinem ehrgeizigen Projekt einer „editionBalkan“: Zeitgenössische Autoren aus Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Serbien und Griechenland sollen über die Grenzen des Balkans hinaus Aufmerksamkeit finden. Unkenntnisse sollen abgebaut, Verständnis für diese Literaturen soll geweckt werden.

Viktor Paskow: Autopsie - Roman - Dittrich VerlagDenn sie hat es verdient. Haben wir es doch in den Balkanländern mit Autoren zu tun, die anspruchsvolle und unterhaltsame Texte geschrieben haben; Texte, die das gegenseitige Kennenlernen ermöglichen, das Miteinander von Kulturen fördern und das oft verzerrte Bild, das eine Gesellschaft sich von der anderen macht, der Wirklichkeit anpassen. So das Credo der Herausgeber dieser „editionBalkan“ Nedielka und Roumen M. Evert (selbst ein renommierter Autor), Bernd Oeljeschläger, Volker Dittrich und Gerritt Schooff.

Rumänien als Schwerpunkt der Reihe

Es herrscht allgemein Optimismus hinsichtlich des Gelingens – und dies nicht ohne Grund. Nicht erst durch die rumänische Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller ist die rumänische Literatur ins Blickfeld von Medien und Leserschaft geraten. Und so wird Rumänien auch einer der Länderschwerpunkte sein, der die editionBalkan auszeichnen wird.

Bulgarien macht den Anfang. Hervorragende Autoren, die zur Elite der zeitgenössischen Literatur Bulgariens gehören, werden ihre Werke vorstellen; Autoren, die in ihrem Land längst Anerkennung gefunden und nationale und internationale Preise bekommen haben. Sie werden uns eine Kultur und Gesellschaft schildern, die bei uns weitestgehend unbekannt ist, werden auf literarisch anspruchsvolle Weise über die menschlichen Beziehungen, über die ökonomischen und sozialen Gegebenheiten und Konflikte berichten, die gerade die letzten zwei Jahrzehnte geprägt haben. Und sie werden von Menschen und ihren Schicksalen erzählen, die in Bulgarien oder außerhalb der Grenzen ihres Landes das Miteinander unter den jeweiligen Bedingungen leben müssen.

Enfant terrible der bulgarischen Literatur

Grenzüberschreitend im wahrsten Sinne ist der erste jetzt erschienene Roman des bulgarischen Autors Viktor Paskow (geboren 1949 in Sofia, gestorben 2009 in Bern). Er galt als das kosmopolitische Enfant terrible der bulgarischen Literatur. Der studierte Musiker lebte in der DDR, in Westberlin und zuletzt als Kulturattaché Bulgariens in Bern. Mit „Autopsie“ (im Original: „Autopsie einer Liebe“) hat er, nach mehreren anderen Büchern,  einen fulminanten Künstler- und Liebesroman geschrieben. Der Leser kann Paskows Protagonisten durch die Bohème Berlins und die Kultur Sofias begleiten. Im Wechselspiel von musikalischer Kreativität und erotischer Obsession und einer Liebe „aus tiefem Schmerz und Demut“ erleidet der Jazzsaxophonist und Klarinettenvirtuose Charlie eine fatala Blockade. Er begibt sich auf die Suche nach dem „absoluten Ton“, der ihm allerdings nur mit dem richtigen „Instrument“ gelingen kann. Dieses „Instrument“ ist die schöne Bulgarin Ina, bei der er die Liebe und die sexuelle Erfüllung findet – aber zu welchem Preis?

Hochmusikalische Sprache

Besonders beeindruckend ist nicht nur der Plot, sondern die Sprache Viktor Paskows. Sie ist hochmusikalisch, sein Leitmotiv spielt der Autor immer wieder mit herrlichen Variationen und erstaunlichen Improvisationen durch. Das ganze Buch ist wie eine brillante Jam-Session, wie ein wunderbares Klarinettenkonzert voller Überraschungen. Und wie Musik und Sprache sich in diesem Buch auf erstaunliche Weise literarisch ergänzen, so spürt der Leser auch in sehr subtilen Passagen die Gemeinsamkeiten der Kulturen, die sich im Leben und in der Kunst darstellen.

Von ähnlicher Sensibilität, vor allem aber literarischer Qualität sind die drei kleinen Romane der Maria Stankowa, die unter dem Titel „Langeweile“ erschienen sind. Auch die Stankowa, geboren 1956, ist – wie ihr Kollege Paskow – studierte Musikerin, hat als Regieassistentin und Redakteurin gearbeitet, Drehbücher und Theaterstücke geschrieben und 1998 ihr erstes Prosawerk veröffentlicht.
In den drei kleinen Romanen „Die schwarze Frau und der Schütze“, „Langeweile“ und „Das Netz“ geht es trotz unterschiedlicher Ansätze weitestgehend um Frauen in Lebenskrisen, um Frauen, die sich der Zweck- und Sinnlosigkeit des Lebens gegenüber sehen.
„Die Frau und der schwarze Schütze“ ist eine Liebesgeschichte. Der Ausbruch aus der Hölle einer lieblosen Ehe, der Versuch, eine alte Liebe wieder aufleben zu lassen. Er ist zum Scheitern verurteilt, weil die Frau die Fähigkeit zu lieben verloren hat.
Verloren hat dagegen in der Titelgeschichte „Langeweile“ eine Frau ihr Leben. Mord – das zumindest ist der Ermittlungsansatz der Kriminalkommissarin. Doch die Sache ist komplexer. Mit viel Reflexionsfähigkeit und großer psychologischer Sensibilität hat Maria Stankowa ihre Protagonistin ausgestattet. Und am Ende steht die Einsicht, dass nicht nur Mörder grausam sind. Und nicht nur sie haben ein gebrochenes Verhältnis zum Leben, stehen ihm mit Gleichgültigkeit und Kälte gegenüber. Erkenntnisse, die für alle gelten.

Virtuos mit den literarischen Möglichkeiten gespielt

Seine neue „editionBalkan“ startet der Berliner Dittrich Verlag mit bedeutenden AutorInnen aus Bulgarien: Die Romane von Viktor Paskow und Maria Stankowa überzeugen sowohl inhaltlich als auch stilistisch und zeigen bereits exemplarisch auf, wie großartig der Literatur-Raum des Balkan besiedelt ist.

Überzeugend ist auch die Geschichte „Das Netz“. In ihr erzählt Maria Stankowa von Frauen und Männern, die ihre Einsamkeit und ihre hoffnungslose Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung der virtuellen Welt des Internet, den ChatRooms anvertrauen. Hier können sie geschützt ihre Alltagssorgen loswerden, sich anderen Menschen anvertrauen, Gefühle formulieren und Sehnsüchte thematisieren. So weit, so gut. In dem Augenblick aber, wo die virtuellen Erfahrungen auf die reale Welt stoßen, wo sich die Partner in der Wirklichkeit treffen, stellt sich heraus, dass die so geschlossenen Freundschaften und Beziehungen dieser Wirklichkeit nicht standhalten. Das Scheitern ist programmiert – und die Rückkehr in die virtuelle Welt der letzte Ausweg.
Es ist vor allem die sprachliche Präzision, die einen tiefen Blick auf den Menschen und in seine Psyche erlaubt. Maria Stankowa spielt virtuos auf der Klaviatur der literarischen Möglichkeiten. Ihr Stil ist überraschend vielfältig und doch unverwechselbar. Maria Stankowa ist – wenn man will – eine große Entdeckung, eine brillante bulgarische Autorin von internationaler Bedeutung.

Zu erwähnen sind in allen Fällen die Übersetzer aus dem Bulgarischen: Alexander Sitzmann, der „Autopsie“ ins Deutsche übertragen hat, und Barbara Beyer, die „Langeweile“ übersetzt hat. Ihr großer Anteil an der Akzeptanz dieser Bücher im deutschen Sprachraum ist nicht zu übersehen.
Ein sehr gelungener Start der „editionBalkan“, der viel verspricht für die weiteren Veröffentlichungen bulgarischer und später auch anderer Literaturen. ■

Viktor Paskow: Autopsie, Roman, 404 Seiten, editionBalkan im Dittrich Verlag, ISBN 978-3-937717-49-4; Maria Stankowa: Langeweile, Drei kleine Romane, 320 Seiten, editionBalkan im DittrichVerlag, ISBN 978-3-937717-53-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Liebe im Internet“ auch über den
Roman von Anke Behrend: Fake Off!

Volker Gebhardt: Lese und höre (Künstler-Orte)

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Auf den Spuren des genius loci

von Günter Nawe

Genius loci ist einer der Begriffe, die immer dann verwendet werden, wenn man den Einfluss von Orten, Häusern und Landschaften unter anderem auf Schriftsteller, Musiker und Philosophen und ihre Werke beschreiben will. Und in der Tat, vielfach hat man eigene Erfahrungen damit gemacht, was das Goethe-Wort bedeutet: „Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen“.

Volker Gebhardt (Hrsg.): Lese und höre - Orte der Dichtung und Musik - Deutschland Bibliothek

Nicht immer aber kann man reisen. So ist es oft ein Buch, das dem neugierigen, dem interessierten Leser hilft „zu verstehen“. Ein solches Buch ist der opulente Band „Lese und höre“ aus der „Deutschland-Bibliothek“ des Knesebeck-Verlages. In ihm werden Orte der Dichtung und Musik in Text und Bild vorgestellt. Orte, die zu den schönsten und bedeutendsten unserer Kultur und Kulturlandschaft gehören.

Einfühlsame Charakteristika der Häuser und Räume

Im Kontext zu den biografischen Daten finden wir einfühlsame Chrakteristika der Häuser und Räume, in denen zum Beispiel Theodor Storm gelebt und gearbeitet hat, in der „grauen Stadt am grauen Meer“, in Husum also. Wir lernen das Lessing-Haus in Wolfenbüttel ebenso kennen wie die pompöse Villa Wahnfried, Richard Wagners langjährige Wirkungsstätte. Wir sind sozusagen bei Bert Brecht und Helene Weigel im Sommerhaus am Scharmützelsee „zu Gast“, wandern mit Theodor Fontane durch das Ruppiner Land, treffen den Weltbürger Georg Friedrich Händel in Halle/Saale und den großen Johann Sebastian Bach – natürlich in Leipzig. Selbstverständlich  auch Goethe und Schiller und…

Genius loci der "Götter-Dämmerung" und des "Parsifal": Die Villa "Wahnfried" des Dichters und Musikers Richard Wagner
Genius loci der „Götter-Dämmerung“ und des „Parsifal“: Die Villa „Wahnfried“ des Dichters und Musikers Richard Wagner

Ihren eigenen genius loci haben nicht nur Wohnhäuser und Arbeitszimmer, sondern auch zum Beispiel Bibliotheken und Konzerthäuser. Das gilt für die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel und den Philosophenweg in Heidelberg, diese herrliche Promenade mit Schlossblick, ebenso wie für das Gewandhaus in Leipzig, die Semperoper in Dresden, die Berliner Phiharmonie, das Opernhaus in Bayreuth und das Beethoven-Haus in Bonn – um nur einige zu nennen. Hier mag sich der Leser selbst auf Entdeckungsreise begeben.

Bestechend schöne Fotos

„Lese und höre – Orte der Dichtung und Musik“ ist ein opulenter Text- und Bildband, der den Leser zu bedeutenden Orten der Dichtung und Musik in Deutschland begleitet und mit eindrucksvollen Fotos zum „Lies und höre“ verführt.

„Dieser Band geht den Spuren der Dichtung und Musik in Deutschland nach“, so Volker Gebhardt, der die kluge und gelungene Auswahl vorgenommen und die informativen Porträts geschrieben hat, in seiner Einleitung. Die bestechend schönen Fotos sind von Horst und Daniel Zielske. Sie bestehen sowohl für sich allein als auch als illustrative Ergänzung zum Text.
Schönheit und Vielfalt des Landes in seiner dichterischen und musikalischen Ausprägung sind also in diesem Band zu finden. Augenlust und Leselust werden auf das beste bedient. Und Anregungen, sich mit dem dichterischen und musikalischen Erbe zu beschäftigen, finden sich in Hülle und Fülle. Das Buch entführt – und verführt. ■

Volker Gebhardt / Horst & Daniel Zielske: Lies und höre – Orte der Dichtung und Musik, 190 Seiten, zahlreiche Abb., Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-86873-268-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Künstler-Orte“ auch über den
Roman von Constanze Neumann: Der Himmel über Palermo

Bernhard Strobel: Nichts, nichts (Erzählungen)

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Die karge Welt der Verlierer

von Günter Nawe

Schnörkellos, beinahe minimalistisch lesen sich die Geschichten des Bernhard Strobel. Und sind gerade deshalb sehr intensiv und nachhaltig. Der junge Skandinavist aus Wien, Jahrgang 1982, hat bereits mit seinem ersten Erzählband „Sackgasse“ auf sich aufmerksam gemacht – und bestätigt das positive Urteil der Kritik mit dem jetzt vorliegenden Band „Nichts, nichts“.

Die Kunst des Weglassens

Nichts, nichts - Bernhard Strobel - Erzählungen - Droschl VerlagStrobel beherrscht die Kunst des Weglassens, sodass am Ende nur noch das Wesentliche bleibt. Schließlich geht es in seinen durchweg kurzen Erzählungen um Menschen, denen ohnehin nicht mehr viel geblieben ist als Obdachlosigkeit, Sprachlosigkeit und Lebenstristesse. Seine Figuren sind Außenseiter, die sich am Rande der Gesellschaft „eingerichtet“ haben und auch daraus noch vertrieben werden – ins Nichts.
So in der Titelerzählung „Nichts, nichts“. Es ist eine Momentaufnahme zweier Menschen, die sich nichts zu sagen haben, die Fragen haben und keine Antworten. Ein kleiner „Dialog“ zwischen Markus und Lara mag das belegen:
„’Was war denn mit dir los?’ fragt sie. ‚Weiß nicht’, sagt er. Nach einer längeren Pause sagt sie: ‚Willst du darüber reden?’  ‚Es kommt ja sowieso nichts dabei raus.’“…
So geht es weiter bis zur ultimativen Aussage „Nichts, nichts“. Der Leser weiß nicht, worüber sie überhaupt hätten reden sollen. Es ist alles gesagt, da es nichts zu sagen gibt.

Lakonisch die karge Welt der Verlierer geschildert

Bernhard Strobel - Glarean Magazin
Bernhard Strobel

Bernhard Strobels Figuren befinden sich – und das ist sarkastisch gemeint – durchweg „in guter Gesellschaft“ – dies auch der Titel einer weiteren Erzählung. Es ist Weihnachten, als der Ich-Erzähler konstatiert: „Ich will nicht behaupten, dass ich es satt habe, zu leben; aber die Vorstellung, sozusagen meine letzte große Feierlichkeit zu begehen, erfüllte mich in den vergangenene Tagen  immer häufiger mit einem Gefühl großer Wärme und Zufriedenheit.“ Einundachtzig ist er, drei Scheidung hat er hinter sich, einen Wohnungsbrand verursacht und zwei Töchter, bei denen er wechselweise Wehnachten verbracht hat. Dann aber bekommt die Geschichte einen ganz anderen Drive.
So also gibt es Erzählungen mit einem guten Ende und Geschichten mit einem bösen Ende. Und alle bleiben irgendwie unvollendet, sodass der Leser sie weiterdenken kann oder muss.

Außergewöhnliche sprachliche Kunstfertigkeit

Der österreichische Autor Bernhard Strobel hat in seinem neuen Prosaband „Nichts, nichts“ Erzählungen vorgelegt, die von außerordentlicher Kunstfertigkeit sind, wie wir sie heute in der Literatur nur noch ganz selten finden.

Strobel schildert lakonisch die karge Welt der Verlierer. Manchmal wütend und dann wieder voller grimmiger Komik. „Du machst es einem nicht gerade leicht“, ist einer der Sätze, die Strobel nicht nur zu einer Figur sagt. Auch der Leser könnte diesen Satz sagen. Nein, leicht macht es Strobel, machen es seine Protagonisten dem Leser nicht. Das ist aber auch letztlich nicht Aufgabe von Literatur.
Dieser Erzählband nimmt den Leser mit  in eine Welt der Verzweifelten, der Verweigerer, in eine Welt derer, die in ihr keinen Sinn mehr sehen. Und meist „geschieht“ dann bei der Lektüre auch mit dem Leser etwas. Etwas, was ihn berührt, was ihn lehrt zu verstehen. Strobels Erzählungen sind zudem von einer Kunstfertigkeit, wie wir sie heute kaum noch zu lesen bekommen – und deshalb außergewöhnlich.
Bernhard Strobel ist also ein großartiger Erzähler, der sich Zeit lässt mit dem, was er zu sagen, zu erzählen hat. Umso wertvoller ist das Ergebnis. Und umso höher sind die Erwartungen an das nächste Buch. Es soll ein Roman werden… ■

Bernhard Strobel: Nichts, nichts – Erzählungen, 116 Seiten, Literaturverlag Droschl, ISBN 978-3-85420-766-5

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über die
Erzählungen von Viktorija Tokarjewa: Liebesterror

Roland Heer: Fucking Friends (Roman)

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Gescheitert auf der ganzen Linie

von Günter Nawe.

Manches macht viel Mühe – und ist ihrer letztlich doch nicht wert. Das gilt hier und jetzt für das Buch des Bergsteigers und Deutschlehrers Roland Heer, der mit „Fucking Friends“ seinen Debütroman abgeliefert hat – und damit auf der ganzen Linie gescheitert ist.

Roland Heer - Fucking Friends - Roman - Bilger VerlagDer Anfang dieses Romans ist noch einigermaßen nachvollziehbar. Während der Extrembergsteiger Greg wieder einmal und gegen den Willen seiner jungen Familie auf dem Wege zum Gipfel eines Siebentausenders ist, kommen seine Frau und sein kleine Tochter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Dies bedeutet für Greg den Absturz in eine tiefe Depression. Soweit, so gut! Und vielleicht hätte daraus eine richtig gute Geschichte werden können.

Peinliche exzessive Sex-Schilderungen

Doch bei Roland Heer bekommt die Sache einen ganz anderen Drive. Zwar wird am Anfang noch ein wenig Psychologie bemüht. Doch Greg, Anfang 40 und Comic-Zeichner, versucht, seinem Schmerz beizukommen, indem er sich bald in ein exzessives Sexualleben stürzt. Und hier wird der Roman in höchstem Maße peinlich, unappetitlich und damit die Lektüre zum Ärgernis.
Greg, wie ein Spätpubertierender, verlegt sich auf Kopulationsakrobatik jeglicher Art. Frauen (von Liebe, selbst von Zuneigung kann keine Rede sein) sind nur noch Objekte seiner sexullen Begierde. Und für diese Begierde findet er seine „Objekte“ in der digitalen Welt der Kontaktmöglichkeiten. Greg unterliegt ohne auch einen Hauch von Widerstand den Verheißungen der Cyberwelt. Auf Porno-Sites, in Online-Single-Börsen und in Darkrooms findet er willfährige Partner(innen), seine fucking friends, die es ihm erlauben, seine sexuellen Obessionen auszuleben. Um den ultimativen Kick geht es – und auf den muss immer noch einer draufgesetzt werden. Und so weiter. Virtuell – bei Online Datings – und ganz real in irgendwelchen Betten wird gefickt und gevögelt, gekifft und gesoffen. Zitate, die dies in allen Einzelheiten belegen könnten, verbieten sich ob der Obszönität, sie mögen deshalb dem Leser erspart bleiben. Irgendwann landet Greg dann bei einer Heike, die genau so abgefuckt ist wie er selbst. Und am Ende ist er HIV-infiziert – und der Leser von alledem völlig abgestoßen.

Porno unter dem Mäntelchen der Selbstfindung

„Fucking Friends“ von Roland Heer aus dem BilgerVerlag ist ein miserables Buch, das viel verspricht und nichts hält. Simpler Porno, und zwar von der schmuddeligsten Sorte, aber immer schön unterm Mäntelchen der Selbstfindung. Vergessen!

Hier verfängt auch die Verlagswerbung für dieses Buch nicht, die einen „schonungslos offenen Blick“ auf die entsprechenden Internet-Formate ansagt und damit einen sozial-kritischen Ansatz suggeriert. Nichts davon; dieses Buch ist schlichter und simpler Porno – und zwar miserabler – , der unter dem Mäntelchen der Selbstfindung, der Trauerarbeit und einer bescheidenen Gesellschaftsrelevanz daherkommt. Keine Literatur, sondern auch sprachlich unterste Schublade – eine Ansammlung von schmuddeligen, unappetitlichen Sexgeschichten übelster Art.
Und so hat es Mühe gemacht, diesen Roman überhaupt zu Ende zu lesen. Eine Mühe, die sich in keiner Weise gelohnt hat. „Fucking Friends“ ist ein miserables Buch, das viel verspricht und nichts hält. Da hilft auch der Zitatenverweis, der viele große Namen der Weltliteratur enthält, nichts. Diese Autoren dürften sich in diesem Zusammenhang absolut unwohl fühlen.

So bleibt nur, vor der Lektüre des Romans „Fucking Friends“ zu warnen – weniger der Moral wegen, allein schon aus Gründen der Ästhetik. ■

Roland Heer, Fucking Friends, Roman, 376 Seiten, BilgerVerlag Zürich, ISBN978-3-03762-011-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Online-Single“ auch über den
Roman von Anke Behrend: Fake Off!

Rolf D. Sabel: Der Pompeji-Papyrus (Roman)

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Der Monsignore und die Papyrus-Morde

von Günter Nawe

„Nein, sicher nicht die Welt-, aber die hier erzählte Geschichte wäre anders verlaufen, wenn Monsignore Dr. Peter Diefenstein an diesem Tage nicht gerade diesen Weg eingeschlagen hätte…“. Genau das jedoch hat der Pfarrer der Kölner Basilika St. Pantaleon getan: in Pompeji. Was daraus geworden ist? Auf drei Erzählebenen wird eine Geschichte ausgebreitet – halb historischer Roman, halb Kriminalstory.
Da gibt es einmal den Briefwechsel zwischen dem Römer Theophilos und dem Pompejaner Fronto; da gibt es zum anderen die Geschichte vom Untergang Pompejis am 24. August 79 n. Chr. – und es gibt die gefährlichen Abenteuer des katholischen Monsignore Diefenbach und seines protestantischen Freundes Bassler.

Rolf D. Sabel - Der Pompeji-Papyrus - Roman - SCM Hänssler Verlag
Rolf D. Sabel – Der Pompeji-Papyrus – Roman – SCM Hänssler Verlag

Der Autor Rolf D. Sabel, unter anderem Lateinlehrer an einem Kölner Gymnasium, hat sich – nicht zum ersten Mal – an einen historischen Stoff gewagt. Mit den Romanen „Die Pilatus-Verschwörung“ und „Agrippinas Geheimnis“ hat er sich bereits eine ansehnliche Lesergemeinde erschrieben. So bleibt er auch mit dem „Pompeji-Papyrus“ dem Genre treu, wobei allerdings der kriminalistische Aspekt überwiegt.

Papyrus als Auslöser der Verwicklungen

Was macht den Aufenthalt in Pompeji für die beiden geistlichen Freunde so gefährlich? Ein Papyrus aus dem 1. Jahrhundert nach Chr. – erstanden für zehn Euro von einem Jungen auf den Straßen von Pompeji nuova – erweist sich nicht nur als echt, sondern auch als Auslöser verzwickter Verwicklungen. Gauner und Ganoven sind dahinter gekommen, dass hier etwas zu holen ist. Der Vatikan ist plötzlich an der Geschichte interessiert, geht es doch auch um Dokumente, die die Kirchengeschichte betreffen. In Amerika wird ein schwerreicher Kunstsammler auf die Funde aufmerksam und schickt einen skrupellosen Helfeshelfer nach Pompeji. Die beiden Geistlichen werden Zeugen eines Mordes und desselben verdächtigt. Dem Verdacht folgt eine etwas bieder und schlicht inszenierte Flucht der beiden ökumenischen Brüder. Diefenstein wird gefasst, kommt ins Gefängnis, wird am Ende entlastet und kehrt nach Köln zurück. Ende gut, alles gut? Mitnichten. Es kommt noch einmal zu einem gefährlichen Showdown…

Etwas gar durchsichtige Krimigeschichte

Der Autor hat in „Der Pompeji-Papyrus“ den Untergang Pompejis, den Brand von Rom und die ersten Christenverfolgungen mit einer neuzeitlichen Kriminalhandlung verknüpft, in deren Mittelpunkt zwei geistliche Herren unterschiedlicher Konfession stehen. Ein bisschen viel auf einmal – und deshalb nicht gerade miss-, aber auch nicht sehr gelungen.

In „Rückblenden“ erzählt Sabel die Geschichte der Papyri, die in der Bibliothek des Fronto, eines frühen Christen (siehe auch die Briefe des Theophilos), lagerten. Fronto kommt natürlich wie die gesamte Bevölkerung bei dem berühmten Vulkanausbruch ums Leben. Seine Bibliothek aber…. Zu Anfang des 3. Jahrtausends sollte ihr wieder große Bedeutung zukommen – im Roman von Rolf D. Sabel.
Zu den „Rückblenden“ gehören auch die Briefe des Theophilos an den pompejanischen Freund Fronto. Sie erzählen von den ersten Christen in Rom, von Petrus und Paulus und den Evangelisten Markus und Lukas; vom machthungrigen Kaiser Nero, dem Brand von Rom im Jahre 64 n. Chr. und von den Christenverfolgungen.

Dichtung soll nützen oder unterhalten

Das ist vom Autor alles sehr gut gemeint – aber ein wenig zuviel gewollt. Für die eigentliche Geschichte der Papyrus-Funde sind die Briefe von nur geringem Interesse. Eher lenken sie ab. Vom Leben im alten Pompeji dagegen hätte man sich mehr gewünscht. Und die Krimigeschichte ist doch zu durchsichtig, als dass größere Spannung aufkommen könnte.
„Aut prodesse volunt aut delectare poetae“, zitiert Rolf D. Sabel den guten alten Horaz. Dichter wollen also entweder nützen oder unterhalten. Sabel wollte nach eigener Aussage beides. Das ist zwar nicht unbedingt miss-, aber auch nicht sehr gelungen. ■

Rolf D. Sabel, Der Pompeji-Papyrus, Roman, 264 Seiten, SCM Hänssler Verlag, ISBN 978-3-7751-5266-2

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Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital (Roman)

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Von geschundenen Seelen

von Günter Nawe

Er stand auf der Longlist der Vorschläge zum Deutschen Buchpreis 2010, hat es aber leider nicht in die Shortlist der sechs vermeintlich besten Romane dieses Jahres geschafft. Das ist zu bedauern. Denn Michael Kleeberg gehört zweifelsfrei zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart – und der neue Roman „Das amerikanische Hospital“ zu den wichtigsten und schönsten Neuerscheinungen.

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital - RomanKleeberg, bereits vielfach preisgekrönt, hat sich vor allem mit Titeln wie „Der König von Korsika“ und „Karlmann“ einen Namen gemacht. Außerdem ist er als hervorragender Übersetzer bekannt. Zum Beispiel von Marcel Prousts „Combray“ und „Eine Liebe Swanns“ – beide allerdings eher brillante „Nachdichtungen“.
Jetzt also „Das amerikanische Hospital“, ein Buch, in dem Kleeberg sehr eindringlich Zeitgeschichte und Privatgeschichte miteinander verbindet, tief in die Seelen seiner Protagonisten eintaucht, sozusagen mit dem literarischen Seziermesser die verschiedenen Schichten offenlegt.

Sensible und eindringliche Schilderung einer Annäherung

Paris 1991. In der Empfangshalle eines amerikanischen Hospitals treffen sich Hélène und David. Sie, französische Mittelschicht, möchte sich per In-vitro-Fertilisation einen langgehegten Kinderwunsch erfüllen. Er, amerikanischer Soldat, ist wegen seiner Traumata und Panik-Attacken, die er aus dem ersten Irak-Krieg davongetragen hat, in psychiatrischer Behandlung.
Sensibel und sehr eindringlich schildert Michael Kleeberg die Ännäherung dieser beiden Menschen. Er erzählt von den Erfolgen und Misserfolgen ihrer „Behandlungen“. Die kontrapunktische Anlage des Buches ermöglicht es dem Leser, sich von verschiedenen Seiten her dem Thema Kleebergs zu nähern: Der Fragwürdigkeit technischer, politischer und bürokratischer Faktoren auf das Leben des Individuums im 20. Jahrhundert.

Michael Kleeberg - Glarean Magazin
Michael Kleeberg

Hélène unterzieht sich immer wieder der technisch-nüchternen Prozedur, die die Reproduktionsmedizin bietet, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Und jedesmal erfolgt auf die Hoffnung die Enttäuschung. „A bloody mess“ – ein tragisches Erlebnis folgt auf das nächste. Die seelischen Folgen sind unübersehbar.
David, Literatur- und Lyrikfan und Soldat, leidet an den seelischen Beschädigungen, die seine Teilnahme am ersten Irak-Krieg hervorgerufen haben. Posttraumatische Belastungsstörungen nennt man das. Einfacher gesagt: Es sind die Bilder, die sich ihm eingebrannt haben – von den Ibissen, die eine Öllache mit einem See verwechseln und elendiglich zu Grunde gehen. Oder von den Kindern, die in Basra von einer Bombe zerfetzt werden. „A bloody mess“ auch hier und für ihn.

Gute Dialoge korrespondieren mit der Außenwelt

Ein fesselnder Roman, der den Leser im wahrsten Sinne des Wortes mitnimmt; atmosphärisch dicht und sprachlich brillant. Große Literatur, die eindringlich von Individuen erzählt, die Zeitgeschichte nicht nur erleben, sondern an sich selbst erfahren.
Ein fesselnder Roman, der den Leser im wahrsten Sinne des Wortes mitnimmt; atmosphärisch dicht und sprachlich brillant. Große Literatur, die eindringlich von Individuen erzählt, die Zeitgeschichte nicht nur erleben, sondern an sich selbst erfahren.

Sie möchte neues Leben schaffen; er in ein neues Leben zurückfinden. Auf dieser Ebene finden sie sich, kommen sie sich näher. Kleeberg, brillanter Erzähler, der er ist, schildert auf sehr präzise Weise diese Erlebnisse und Vorkommnisse. Vor allem aber sind es Hélène und David, die sich nach und nach davon erzählen: Von ihrem Leben, von der Literatur, die sie beide kennen und lieben, und von sich selbst und ihren geschundenen Seelen – und auf diese Weise eine Therapie absolvieren, die erfolgreicher ist als jene der Ärzte des amerikanischen Hospitals. Eine „Objektivierung“ des Erzählten erfolgt quasi durch eine dritte Person in diesem „Zweipersonenstück“, durch den eigentlichen Erzähler, der am Ende so etwas wie ein Resumee zieht, wenn er von den Briefen erzählt, die sich Hélène und David geschrieben haben – und von der Trennung Hélènes von ihrem Mann.

Die ausgezeichneten Dialoge zwischen Hélène und David, in denen sich ihr Innenleben darstellt, korrespondieren mit der Außenwelt, den Bildern, die Kleeberg von den Spaziergängen der beiden durch Paris, durch den Hospitalpark, über den Père Lachaise zeichnet. Auch diese Bilder heilen. Und wenn sich am Ende beide zwar näher gekommen sind, sich aber dann doch trennen, so geschieht das irgendwie versöhnt – mit ihrem Schicksal, mit sich selbst und ein wenig auch wieder mit der Welt. ■

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital, 232 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, ISBN 978-3-421-04390-0

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Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)

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„Die Welt begann sich langsamer zu drehen“

von Günter Nawe

Nein, es gibt keine „Schonzeit“ für die Liebe und schon gar keine im Leben überhaupt.
Bis Miruna Lupescu, Schweizerin mit rumänischen Vorfahren, zu dieser Erkenntnis kommt, lebt sie einsam und zurückgezogen, hat lediglich Kontakt zu ihrer Schwester. Ab und an schleicht sich ein Liebhaber nachts bei ihr ein. Drogen versetzen sie zwischendurch in eine lethargische Unwirklichkeit. Ansonsten geht das Leben an ihr vorbei. So gibt es für die junge Frau fast keine Außenwahrnehmung – und niemand findet Zugang zu ihrem Inneren.
Die junge Schweizer Autorin Isabelle Stamm hat 2008 mit dem Roman „Zwillings Welten“ auf sich aufmerksam gemacht und bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Dass sie die verdient hat, beweist sie nun mit ihrem zweiten Roman „Schonzeit“.

Das Leben in Form von Briefen

Isabelle Stamm: Schonzeit - Roman - Limmat VerlagDas „Leben“ oder was auch immer kommt zu Miruna in Form von Briefen, die sie aus dem Rumänischen übersetzen soll. Briefe, die sie auf seltsame Weise anrühren und beschäftigen, obwohl sie weder Briefschreiber, Gabriel Alexandru, noch Adressaten kennt. Haben sie doch etwas mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Auch sie kam aus Rumänien, ihrer Eltern sind nach dem Tod ihres dritten Kindes dahin zurück gekehrt.

So empfindet sie das, was sie übersetzt, auch als ein Stück eigener Familiengeschichte. Die andere, die übersetzte Familiengeschichte macht es möglich. Beide sind beinahe spiegelbildlich zu sehen. Auf jeden Fall möchte Miruna den Empfänger der Briefe kennen lernen. Mit Johann Tschanun, dem Enkel des Briefschreibers, hat sie plötzlich einen (Gesprächs-)Partner. Ihrer beider Lebens- und Familiengeschichten korrespondieren miteinander. Und ihre Kenntnis setzt bei beiden Erinnerungen frei.
So konnte sich Johann bisher nicht an seine Mutter erinnern, die ihn im Alter von drei Jahren verlassen hat. Ein traumatisches Erlebnis. Und Miruna ist nun auch in der Lage, ihre eigene Geschichte zu akzeptieren. „…die Welt begann sich langsamer zu drehen“, aber „ich konnte ihr folgen“.

Spannung durch häufige Perspektivwechsel

Spannung erzeugt die Autorin durch häufige Perspektivwechsel. Mal lesen wir Briefe, mal Erzählungen und Gespräche. Und dies alles in Zeitsprüngen – ein kunstvolles Erzählgeflecht. Was für den Leser nach und nach offensichtlich wird, verschweigen die Liebenden – und das sind sie mittlerweile – voreinander: ihre tiefen Wunden und Verletzungen. So Miruna, die ebenfalls mit einem Trauma fertig werden muss: mit dem Tod ihres Bruders.

Isabelle Stamm erzählt in ihrem Roman „Schonzeit“ zwei Familiengeschichten, die miteinander korrespondieren, und eine Beziehungsgeschichte, die sich daraus ergibt. Die Vielschichtigkeit des Plots, die Charakteristik der Protagonisten und das psychologische Einfühlungsvermögen der Autorin sowie sprachliches Feingefühl machen „Schonzeit“ zu einem bemerkenswerten Buch.

Mit viel psychologischem Einfühlungsvermögen schildert Isabelle Stamm die Seelenproblamatik, für die es keine Lösung zu geben scheint. Es sei denn, es müsse eine katastrophale sein. Und so kommt es – nach dem Miruna ein weiteres und besonders furchtbares Geheimnis bei Johann entdeckt. Was bis jetzt Schonzeit war, ist aufgehoben. Die Wirklichkeit fordert anderes.Und so führt die schonungslose Konfrontation (vorerst) zur Trennung. Miruna lebt wieder in ihrer Isolation – in ihrem Turm von Einsamkeit und Gleichgültigkeit. Wird sie sich daraus wieder befreien können? Stärke wird gefragt sein; eine Stärke, die aus der Schwächer erwächst.
Äußerst vielschichtig ist dieser Roman. Die Charaktere der beiden Protagonisten sind komplex. Die Geschichte selbst manchmal etwas bemüht konstruiert, aber in sich sehr schlüssig. Auf jeden Fall ist Isabelle Stamm ein bemerkenswerter Roman gelungen. Leseempfehlung! ■

Isabelle Stamm, Schonzeit, Roman, 220 Seiten, Limmat Verlag Zürich, ISBN 978-3-85791-598-7

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Peter Gülke: Robert Schumann (Biographie)

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„Was er bedeute und wolle“

von Günter Nawe

Das ist das Schöne an Gedenktagen, dass sie immer wieder Dichter, Denker, Maler oder Komponisten aus der Gefahr der Vergessenheit erretten oder neue und anders gewichtete Aspekte von Leben und Werk an das Licht einer interessierten Öffentlichkeit bringen. In diesem Jahr waren und sind es vor allem Komponisten wie Chopin, Mahler und Robert Schumann, die Aufmerksamkeit erregten und zu vielfältigen Würdigungen Anlass gaben und geben.
Eine sehr gewichtige neue Arbeit ist Robert Schumann gewidmet. Von ihr soll hier die Rede sein – und von seinem (aus der Fülle vieler „Wortmeldungen“) herausragenden Biografen Peter Gülke.

Peter Gülke: Robert Schumann - Glück und Elend der Romantik - Zsolnay VerlagGülke, Kapellmeister, Musikwissenschaftler und Musikdirektor in Dresden und Weimar, ist eine Ausnahmeerscheinung sowohl als Musiker wie auch als Autor umfangreicher Musikliteratur. Und das eben bekommt seiner großen Biographie – oder soll man besser sagen: seinem biografischen Essay – besonders gut. „Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik“ ist deshalb auch keine chronologische Abfolge von Lebens- und Werkdaten, sondern eine thematisch gegliederte, musikologisch orientierte Arbeit.

Der Ungeduldigste unter den großen Komponisten

„Innige Verbindung von Musik und Dichtung“: Die von Schumann gegründete „Neue Zeitschrift für Musik“ (1834)

Wichtig erscheint Gülke, die große romantische Gestalt des Komponisten darzustellen, der zwischen kreativem Überschwang und dem Zwang zu schöpferischen Vollendung seiner Kompositionen zu sehen ist. „Unter den Großen war er der Ungeduldigste. Entweder gelingt etwas sofort, oder es gelingt nie – das war die Prämisse seiner Arbeit, ausgewiesen durch kaum glaubliche, nur Mozart und Schubert vergleichbare Geschwindigkeit und Sicherheit im Vollbringen“ – so Peter Gülke.

Leidenschaftlich war dieser Robert Schumann, der am 8. Juni 1810 in Zwickau geboren wurde, der im Alter von 44 Jahren dem Wahnsinn verfiel und am 29. Juli 1856 in einer Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich verstarb, in vieler Hinsicht. Eine Pianistenlaufbahn wegen eines ruinierter Fingers blieb ihm verwehrt. Stattdessen widmete er sich ausführlicher Lektüre von Jean Paul und E. T. A. Hoffmann, Hölderlin und Poe, sowie der Abfassung von beachtlichen und beachtete Musikkritiken. Und schließlich dem Komponieren.
Eine sehr genaue Zeittafel ist übrigens dem Buch von Gülke angefügt. Leben und Werk – auch hier wird es deutlich – ist bei Robert Schumann eng verflochten. Das zu analysieren und zu bewerten hat sich Peter Gülke zur Aufgabe gemacht – und diese hervorragend gelöst.

Ein wildes, kreatives, ja versoffenes Genie

Robert Schumanns Arbeitszimmer in Leipzig
Robert Schumanns Arbeitszimmer in Leipzig

Klavierwerke, Lieder, Sinfonien, Opern und ein Requiem – vielseitiger und umfangreicher ging es kaum. Und das von einem wilden, kreativen, ja versoffenen Genie. Gülke: „Auf der einen Seite war er störrisch, hochfahrend und stolz. Aber auf der anderen Seite war er ebenso oft wahnsinnig, oft zerknirscht, tief enttäuscht und in unendliche Depressionen versunken. Das geht unglaublich stark hin und her bei ihm“. So gegensätzlich wie der Mensch ist auch sein Werk. „Die Träumerei“ und manche Lieder wurden und werden unter dem Rubrum „romantisch“ gehört – trotz vieler artifizieller Eigenheit und Raffinessen.

Zum „romantischen“ Schumann gehört natürlich die Ehe mit Clara Schumann, auch wenn diese Ehe alles andere als nur romantisch war. Wenn zwei geniale Künstler zusammenkommen, bringt das zwangsläufig Interessenkonflikte, die ausgelebt und ausgekämpft werden müssen. So auch bei Robert und Clara, der er in unzähligen Liedern permanent Liebeserklärungen macht. Robert Schumann war im wahrsten Sinne eine zerrissene Persönlichkeit. Und Gülke weiß das – und lässt es uns wissen. Glück und Elend der Romantik also am Beispiel des Robert Schumann.

„Es affiziert mich alles, was in der Welt umgeht“

Peter Gülke hat in seinem großen biographischen Essay "Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik" die Persönlichkeit und Werk des genialen Komponisten sprachlich geschliffen, vor allem auch mit großer Fachkenntnis und historischer Tiefe dargestellt.
Peter Gülke hat in seinem großen biographischen Essay „Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik“ die Persönlichkeit und Werk des genialen Komponisten sprachlich geschliffen, vor allem auch mit großer Fachkenntnis und historischer Tiefe dargestellt.

Dies alles erzählt Peter Gülke – er ist schließlich Musikwissenschaftler – unter dem Gesichtspunkt des Werkverständnisses. Und so wird das immense Werk des Robert Schumann ausführlich interpretiert. Denn, so Schumann selbst: „Es affiziert mich alles, was in der Welt umgeht, Politik, Literatur, Menschen – über alles denke ich in meiner Weise nach, was sich dann durch die Musik Luft machen, einen Ausdruck suchen will.“
Gülke hat sich mit den musikalischen und vielen ästhetischen Aspekten auseinandergesetzt. Er war den vielen Einflüssen auf der Spur und hat sie gefunden.

Musikwissenschaftler Peter Gülke - Glarean Magazin
Musikwissenschaftler Peter Gülke

Robert Schumann hat, wie Gülke schreibt, „ein geordnetes Haus hinterlassen“. Und er zitiert den Komponisten: „Man hüte sich als Künstler, den Zusammenhang mit der Gesellschaft zu verlieren, sonst geht man unter wie ich.“ Peter Gülke hat stellvertretend den „Zusammenhang mit der Gesellschaft“, mit uns, den Lesern, wieder hergestellt. Und etwas erreicht, was Schumann verwehrt blieb. Dem Besucher Joseph Joachim hat Schumann am Ende „zugeraunt“, „er müsse von Endenich weg, denn die Leute verstünden ihn gar nicht, was er bedeute und wolle.“ Wie wahr! ■

Peter Gülke: Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik, 268 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, ISBN 978-3-552-05492-9

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Romantische Musik“ auch über Severin von Eckardstein plays Robert Schumann (CD)

Ausserdem zum Thema Biographie über Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian

Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer (Biographie)

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Ein durchweg zweideutiges Leben

Zum 150. Todesjahr von Arthur Schopenhauer

von Günter Nawe

Rechtzeitig zum 150. Todesjahr des großen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer hat Robert Zimmer eine großartige Biographie vorgelegt. Für den promovierten Philosophen war und ist Arthur Schopenhauer nicht nur ein bedeutender Philosoph, er war der wohl einzige Philosoph, der ein umfassendes Verständnis hatte für Musik und Kunst und Literatur (Shakespeare und Goethe zum Beispiel), und der selbst ein exzellenter Schriftsteller war. Dies alles beschreibt Zimmer im Kontext zu den Lebensdaten und der Werk- und Wirkungsgeschichte Schopenhauers. Und das in einer Art und Weise, die auch dem nicht philosophisch geschulten Leser Gewinn verspricht und Freude machen wird, und ohne ins populärwissenschaftliche Genre abzugleiten.

Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer - Ein philosophischer Weltbürger - BiographieDenn es war für einen Denker und Gelehrten schon ein aufregendes Leben, das dieser 1788 in Danzig geborene Schopenhauer geführt hat. Eine Reihe von Lebensstationen gab es: Hamburg (hier erlernte er den Kaufmann-Beruf), Gotha und Weimar, Göttingen und Berlin, Rudolstadt und Dresden, und schließlich Frankfurt/Main. Dazu viele Reisen, schon als Kind mit Aufenthalten in Holland, England, Frankreich und der Schweiz. Später zwei Italienreisen. In Rudolstadt schrieb er seine Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“, Grundlage für sein späteres Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1818). In Weimar gab es dann die Auseinandersetzung mit Mutter Johanna und Schwester Adele, die mit einem unkittbaren Zerwürfnis endete. Mit Goethe, den er verehrte, hatte er Kontakt über die „Farbenlehre“, der Schopenhauer allerdings selbstbewusst und überheblich eine eigene Schrift „Über das Sehn und die Farben“ (1816) entgegenstellte. Ein „durchweg zweideutiges Leben“ also. Am 21. September 1860 ist der Philosoph Arthur Schopenhauer in Frankfurt/Main gestorben.

Pessimistischer Einzelgänger mit Pudel

Die erste Manuskript-Seite des 2. Bandes von Shopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“

Zimmer versteht es, alle diese Ereignisse korrespondieren zu lassen mit den Anschauungen dieses gern als pessimistisch, misanthropisch und frauenfeindlich apostrophierten Einzelgängers mit dem Pudel, der allerdings auch Liebesbeziehungen, unter anderem mit einer Choristin der Berliner Oper, und uneheliche Kinder hatte. Stattdessen war – nach Zimmer – der Philosoph ein kosmopolitischer Denker (mit gutem Grund trägt diese Biographie den Untertitel „Ein philosophischer Weltbürger“), der es verstanden hat, abendländisches Denken mit fernöstlichen Weisheiten in Verbindung zu bringen.

Dies und sein Eigenwille brachte ihn zwangsläufig in Konflikt mir der bisherigen Philosophie und ihren Vertretern, die er neben sich nicht gelten ließ – außer Kant, den die akademische Philosophie missverstanden habe, und mit dem einzig er – Schopenhauer – auf Augenhöhe denken könnte. So ist besonders die Auseindersetzung mit seinen „Erzfeinden“  Hegel, Fichte und Schelling und mit der gesamten akademischen Philosophie bemerkenswert. Den Vorwurf: „Die Philosophie-Profeßoren haben redlich das Ihrige gethan, um dem Publiko die Bekanntschaft mit meinen Schriften wo möglich auf immer vor zu enthalten. Beinahe 40 Jahre hindurch bin ich ihr Caspar Hauser gewesen.“ wird er bis in seine letzten Jahre aufrecht erhalten.. Er rächt sich, indem er vom „ekelhaften Hegeljargon“ spricht, von der „Hegelei“ und von „Hegelianischen Flausen“, und auch an allen anderen kein gutes Haar lässt.

Umfassende und verständliche Lebenserzählung

Auch am Leser übrigens nicht. „Meine letzte Zuflucht ist jetzt, ihn (den Leser) zu erinnern, daß er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiß. Es kann, so gut wie viel andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiß gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiß das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren.“ Auch wenn Schopenhauer gedichtet hat: „Daß von allem, was man liest, / Man neun Zehntel bald vergißt, / Ist ein Ding, das mich verdrießt./ Wer’s doch All auswendig wüßt’!“

Robert Zimmer erzählt in „Ein philosphischer Weltbürger“ umfassend von Leben und Werk des Denkers Arthur Schopenhauer, der die deutsche Philosophie aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit hat.

So war er, dieser Arthur Schopenhauer, der einmal von sich sagte: „Das Leben ist eine missliche Sache: ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.“  Und das tat er gründlich und prononciert, sodass sein Werk, vor allem die „Parerga und Paralipomena“ (1851) mit den „Aphorismen zur Lebensweisheit“, eine Art „Steinbruch“ sind, aus dem sich jeder, was immer er will herausschlagen kann. Zum Beispiel Sprachpuristen, die gern sein Diktum gegen die „Sprachverhunzung“ zitieren: „Empörend ist es, die deutsche Sprache zerfetzt, zerzaust und zerfleichst zu sehen, und oben drauf den triumphirenden Unverstand, der selbstgefällig sein Werk belächelt.“

Robert Zimmer erzählt umfassend und verständlich, sodass der Leser ein sehr komplexes Bild von diesem kosmopolitischen Denker und Schriftsteller, auch vom Menschen Schopenhauer und vom Philosophen erhält, der die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts maßgeblich erweitert hat. Vor allem hat er sie dank seiner verständlichen Sprache aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit. ■

Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer – Ein philosophischer Weltbürger, Biographie, 316 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24800-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Biographien auch über
Peter Gülke: Robert Schumann

und von
Günter Nawe: Zum 150. Todesjahr von Adalbert Stifter

John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung (Roman)

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Bauernsohn und Zarentochter

von Günter Nawe

Es war sicher nicht die Absicht von John Boyne, den vielen Legenden um Tod und/oder Überleben der Großfürstin Zarewna Anastasia von Russland (Anastasia Nikolajewna Romanowa), der jüngsten Tochter des letzten russischen Zarenpaares, eine weitere hinzuzufügen. Der englische Schriftsteller, Autor des international gerühmten Romans „Der Junge im gestreiften Pyjama“ hat allerdings die Zarentochter zu einer der Hauptfiguren seines neuen Buches gemacht. Er hat kein Sachbuch darüber geschrieben, sondern Literatur. Und das in Form, wenn man so will, eines Liebesromans?  Nein, auch das nicht, sondern eher die Biographie einer Liebe und einer Ehe in unruhigen Zeiten und unter schwierigen Bedingungen. Auf keinen Fall – und das freut –  keine neue Legende.

John Boyne - Das Haus zur besonderen Verwendung - Roman - Cover - Glarean MagazinDie Geschichte  spielt vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Russland in den Jahren 1915 bis 1918. Der sechzehnjährige Bauernsohn Georgi aus dem gottverlassenen Nest Kaschin verhindert ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie. Dabei setzt er das Leben seines Freundes aufs Spiel. Das Gefühl der Schuld wird ihn für den Rest seines Lebens begleiten. Als Dank jedoch wird Georgi an den Zarenhof nach Sankt Petersburg gerufen und Leibwächter des Zarewitsch. Hier lernt er auch die Zarentochter Anastasia kennen und lieben. Eine Liebe auf den ersten Blick – von beiden Seiten.

Geschichte einer unmöglichen Liebe

John Boyne - Glarean Magazin
John Boyne (Geb. 1971)

Ein Bauernsohn und die Zarentochter? Kann das etwas werden? Manchmal am Rande des Rührselig-Trivialen erzählt John Boyne souverän diese Geschichte einer unmöglichen Liebe. Fiktion und Realität ergänzen einander. So vermittelt der Autor interessante Einblicke in das Leben am Hofe. Die politischen Verhältnisse um den ersten Weltkrieg herum, um die Oktoberrevolution und die Absetzung des Zaren und die Ermordung der ganzen Familie durch die Bolschewiki werden allerdings nur angedeutet.

Liebesgeschichte inmitten Kriegswirren: Eisensteins Film-Sequenz „Sturm auf das Winter-Palais des Zaren“

Sie aber sollen auch nicht im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Geschickt konstruiert und aus wechselnden Zeitperspektiven wird ein anderes Geschehen erzählt. Mit der Absetzung des Zaren ist auch der Kontakt der beiden Liebenden unterbrochen. Die Zarenfamilie wird nach Jekaterinburg verschleppt – in das berühmte „Haus zur besonderen Verwendung“, ins Ipatjew-Haus. Hier wird Georgi Zeuge der Ermordung der Zarenfamilie. Nur Anastasia wird in einer dramatischen Aktion gerettet – von Georgi.

Routiniert geschrieben, spannend erzählt

Mit der Flucht von Georgi und Soja – so nennt sich die Zarentochter jetzt – über Paris nach London beginnt sozusagen ein neues Leben. Sie heiraten, müssen mit den Unzulänglichkeiten des Exils fertigwerden, bekommen Kinder. Krankheit und Verlust der Tochter müssen verarbeitet werden, berufliche und finanzielle Schwierigkeiten sind zu überwinden  Im Mittelpunkt und über allem aber steht die große Liebe, die durch nichts beeinträchtigt werden kann.  Bis Soja 1981 stirbt. Ihr Geheimnis nimmt sie mit ins Grab.

John Boynes „Das Haus zur besonderen Verwendung“ ist die Romanbiografie einer Liebe und Ehe in unruhigen Zeiten und unter schwierigen Bedingungen. Viel Fiktion und wenig historische Fakten – doch John Boyne ist es gelungen, einen spannenden und fantasievollen Roman zu schreiben. Einfach gute Unterhaltung.

Mit der Benennung genauer Jahreszahlen, auch für den fiktiven Bereich der Erzählung, will John Boyne historische Authentizität vermitteln. Das jedoch ist ein wenig Etikettenschwindel. Den Leser aber wird dies letztlich nicht interessieren. Hat er doch einen routiniert geschriebenen, spannenden und sehr fantasievollen Roman, von Fritz Schneider bestens übersetzt, vor sich, der ihn mit Sicherheit von der ersten bis zur letzten Seite in Atem halten, ja am Ende sogar etwas rühren wird. Die Liebesgeschichte vom Bauersohn und der Zarentochter: ein Stoff, aus dem Träume entstehen. ■

John Boyne, Das Haus zur besonderen Verwendung, Roman, 560 Seiten, Arche/Piper Verlag, ISBN 978-3-71602-642-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Russischer Zarenhof“ auch
über den Roman „Grossfürstin Anna“ (Therese Bichsel)

Eric Siblin: Auf den Spuren der Cello-Suiten

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„Entdeckung liegt in der Luft“

von Günter Nawe

Das Prélude: „Die ersten Takte entfalten sich mit einer erzählerischen Kraft eines meisterlichen Improvisators. Eine Reise hat begonnen… Die dunklen Klänge der Streicher tragen uns zurück in das 18. Jahrhundert. Die Klangwelt ist fröhlich. Die Eleganz jugendlich. Entdeckung liegt in der Luft.“
So liest sich der Anfang der „Reise“, die der kanadische Journalist und Popmusik-Kritiker Eric Siblin, mit vielen Auszeichnungen bedacht, durch die Welt der Bach’schen Cello-Suiten unternommen hat. Für ihn eine ideale Begegnung mit einer barocken Musik, aus der er Volksmusik ebenso herauszuhören glaubt wie postmodernen Minimalismus, wie spirituelle Klagen und Heavy-Metal-Riffs, mittelalterliche Jigs und Filmmusik aus Agenten-Thrillern.

Initialzündung aus der Faszination des Hörens

Eric Siblin - Auf den Spuren der Cello-Suiten - Johann Sebastian Bach, Pablo Casals und ich - Irisiana VerlagSiblin hat die Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach erst einmal hörend für sich entdeckt. Daraus ist eine Leidenschaft geworden, der er fortan forschend und schreibend frönt. Das Ergebnis ist – soviel sei vorweggenommen – das spannende Buch „Auf den Spren der Cello-Suiten – Johann Sebastian Bach, Pablo Casals und ich“. Wenn auch dieses „…und ich“ im Untertitel etwas manieriert wirkt (im Original lautet der Titel „The Cello-Suites – J.S. Bach, Pablo Casals and the search for a baroque masterpiece“): dem Lesevergnügen tut es keinen Abbruch.
Ein Lesevergnügen – allein deshalb, weil es dem Autor auf hervorragende Weise gelingt, eigene (Hör-)Erfahrungen und -Erlebnisse mit den Cello-Suiten in Beziehung zu setzen zur Entstehung der Suiten und einer musiktheoretischen Auseinandersetzung sowie zu den Biographien des Johann Sebastian Bach und des großen Pablo Casals. Von alledem erzählt Eric Siblin sehr engagiert und leidenschaftlich, aber auch sehr kenntnisreich.

Buch analog zu den Bach’schen Suiten aufgebaut

Eric Siblin - Glarean Magazin
Gewann 2009 mit seinen „Cello-Suiten“ den Mavis-Gallant-Literaturpreis: Eric Siblin

Das Buch ist analog zu den Bach’schen Suiten aufgebaut, also sechs Suiten gleich sechs Kapitel mit den jeweiligen Untertiteln von Prélude über Allemande, Sarabande und so weiter – Bachkenner und Suitenliebhaber kennen sich da aus.
Siblin beschreibt die Suiten so: „Bach beschloss, jede Suite mit einem Prélude zu beginnen, einer dramatischen Einleitung… Bachs Prélude sind virtuose Eröffnungen… Sie beginnen verhalten und entfalten sich, schwingen sich zu schwindelerregenden Höhen auf, verharren und stürzen herab.“ Auf die Tänze, die sogenannten Galanteriesätze wie Menuett und Bourrée und Gavotte, bezogen schreibt er: „In diesen Tänzen herrscht ein Melodienreichtum, der sie oft zu den einprägsamsten Teilen macht. Sie haben Schwung in ihren Schritten, ein fröhliches Hüpfen, besonders, weil sie direkt nach der schwermütigen Sarabande erklingen.“ Oder über Sarabande, Bourrée, und Gigue der 1. Suite: „… die fetten Doppelpausen der Sarabande, der fröhliche Scheunentanz der Bourrée und die richtiggehenden Rockgitarrenriffs der Gigue, die Lord Zeppelin sicher alle Ehre gemacht hätten…“. Immer wieder, das ganze Buch hindurch, findet Siblin Formulierungen dieser Art, um die Suiten zu charakterisieren. Das ist sicher sehr subjektiv empfunden, aber interessant in der Beurteilung hinsichtlich der eigenen Erfahrungen, die jeder Leser beim Hören der Cello-Suiten machen wird.

Auf der Spur einer unendlichen Cello-Geschichte

„Rockgitarrenriffs, die Lord Zeppelin sicher alle Ehre gemacht hätten…“: Gigue aus Bachs 1. Cello-Suite (Abschrift durch Anna Magdalena Bach)

Was vielleicht neu und bisher nicht so präsent ist: Die Entstehungsgeschichte der Cello-Suiten und ihre Rezeption durch die Zeit. Eine unendliche Geschichte über drei Jahrhunderte hinweg, auf deren Spur sich Eric Siblin macht. Eine Geschichte voller Intrigen, voller Leidenschaft und Rätsel. Aus alledem ergibt sich ein Dreiklang aus den verlorenen Bach’schen Handschriften der Suiten im 18. Jahrhundert und sozusagen ihrer „Wiederentdeckung“ zu Ende des 19. Jahrhunderts durch keinen geringeren als Pablo Casals, dessen geniale Einspielung der Suiten bis heute – trotz großer Namen wie Yo Yo Ma, Mischa Maisky, Rostropowitsch und anderer – unvergleichlich ist, und dem Spaziergang Erc Siblins durch die Welt der Klassik.

Wir begleiten in „Cello-Suiten“ den Autor Eric Siblin und den Virtuosen Pablo Casals auf den Spuren der Bachschen Cello-Suiten und ihrer musikalischen Klangwerdung. Ein ungewöhnliches, interessantes und, wenn man so will: schönes Buch – geschrieben mit der ‚erzählerischen Kraft eines meisterlichen Improvisators‘; mit Vergnügen zu lesen – und eine wunderbare Anregung, diese Musik (wieder) zu hören.

So begleiten wir den Autor und indirekt auch Pablo Casals durch die alten Gassen von Barcelona, durch belgische Herrenhäuser und durch die Konzertsäle der Welt – immer auf den Spuren der Cello-Suiten und ihrer musikalischen Klangwerdung durch den großen Virtuosen.
Ein ungewöhnliches, interessantes und wenn man so will, schönes Buch – geschrieben mit der „erzählerischen Kraft eines meisterlichen Improvisators“; mit Vergnügen zu lesen – und eine wunderbare Anregung, die Cello-Suiten (wieder) zu hören. ■

Eric Siblin, Auf den Spuren der Cello-Suiten – Johann Sebastian Bach, Pablo Casals und ich, 368 Seiten, Irisiana-Verlag, ISBN 978-3-424-15041-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Cello-Suiten“ auch über
Rostropowitsch: Cello-Suiten von J. S. Bach (CD)

… sowie zum Thema Musik-Unterricht für Violine & Cello über
Egon Saßmannshaus: Spielbuch für Streicher

José Saramago: Die Reise des Elefanten (Roman)

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Brillante Sottisen und Blasphemien

von Günter Nawe

Am 18. Juni 2010 ist der portugiesische Autor und Literatur-Nobelpreisträger José Saramago im Alter von 87 Jahren gestorben. Der überzeugte Kommunist und bekennende Atheist, Autor so berühmter Bücher wie „Die Stadt der Blinden“ und „Die Stadt der Sehenden“, hat uns jetzt, als eine Art Vermächtnis, einen kleinen Roman, eher eine wunderbare Novelle hinterlassen.

José Saramago: Die Reise des Elefanten - Roman - Hoffmann und CampeSaramago war ein äußerst eleganter Spötter, ein brillanter Ironiker und ein herausragender Erzähler. Alles, was er an literarischen und intellektuellen Fähigkeiten besaß, hat er noch einmal in „Die Reise des Elefanten“ eingebracht. Eine Geschichte, die auf einer historischen Begebenheit basiert. Denn tatsächlich hatte Mitte des 16. Jahrhunderts König Johann von Portugal einen an seinem Hofe lebenden Elefanten dem österreichischen Erzherzog Maximilian zur Hochzeit geschenkt und auf die Reise durch Spanien, über das Mittelmeer, durch Italien und über die Alpen nach Wien geschickt.

Menschliche Schwächen aufgezeigt

José Saramago (1922-2010)
José Saramago (1922-2010)

José Saramago macht daraus eine großartige comédie humaine. Denn neben der abenteuerlichen Schilderung dieser Reise werden die Eitelkeiten und Schwächen der Menschen, repräsentiert durch das riesige Gefolge, das den Elefanten „standesgemäß“ begleitet oder ihm begegnet, aufgezeigt – seien sie Könige, Mächtige oder einfache Soldaten. Oder Kirchenmänner.
An ihnen und dem christlichen Glauben sowie seiner Überlieferung wetzt Saramago genüsslich sein literarisches „Messer“ in Form von brillanten Sottissen und blasphemisch anmutenden Sentenzen. So heißt es an einer Stelle: „Darin liegt jedoch der große Irrtum des Himmels, da für ihn selbst nichts unmöglich ist, glaubt er, die angeblich nach dem Vorbild seines allmächtigen Bewohners geschaffene Menschen verfügen über dasselbe Prinzip.“ Oder: „Fast sind wir versucht wie dieser andere zu sagen, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Das kann und wird nicht unbedingt jedem gefallen, aber hier geht es nicht um Glaubensbekenntnisse, sondern um Literatur. Kommt hinzu: Die Geschichte spielt in der Zeit der beginnenden Gegenreformation. Luther hatte gerade den Stein in den etwas trüben Teich römisch-katholischen Absolutheitsanspruchs geworfen, formierte sich mit Inquisition und dem Konzil von Trient heftiger Widerstand.

Doppelte Bedeutungen voller Witz

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Die wahre Geschichte eines indischen Elefanten auf der Reise von Lissabon nach Wien – literarisch hervorragend „in Szene“ gesetzt“ vom portugiesischen Literatur-Nobelpreisträger José Saramago. Noch einmal hat der Alt-Kommunist und bekennende Atheist sein ganzes Können gezeigt: als brillanter Erzähler, als eleganter Spötter und Ironiker.

Hauptperson der höchst vergnüglichen Geschichte, vom Autor ganz leicht und locker erzählt, ist der Elefantenführer Subhro, der als Mahut dafür sorgen soll, dass das Tier mit dem Namen Salomon letztlich sein Ziel unbeschadet erreicht. So sorgt er für die Bedürfnisse des Tieres auf der schweren Reise, als da sind Unmengen von Futter und Wasser; für die „Entsorgung“ ebenso großer Mengen von Exkrementen – kurz: für das Wohl und Wehe des ihm anvertrauten Tieres. Außerdem bringt Subhro, ein gebürtiger Inder, ein Underdog und ein kluger Mann, den es nach Portugal verschlagen hat, seinem Elefanten auf Befehl bei, vor einer Kirche eine Kniebeuge zu machen. Ironischer geht es nicht. Ironie ist es auch und letztlich Spott, wenn die Rechtgläubigen den Elefanten in „Soliman“ und Subhro in „Fritz“ umtaufen. Der Dickhäuter jedenfalls nimmt’s gelassen und sein Herr, Mahut Subhro, beobachtet reflektierend aus luftiger Höhe, vom Elefantenrücken das aberwitzige Treiben.
Das alles hat doppelte Bedeutung und steckt voller Witz. Der Leser findet in diesem Roman Geschichte und Geschichten – und wird dank der Kunst des Autors herrlich unterhalten. ■

José Saramago, Die Reise des Elefanten, Roman, 236 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag, ISBN 978-3-455-40279-7

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Interview mit dem Verleger Egon Ammann

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„Sei vielfältig wie das Universum“

von Günter Nawe

Der Band „Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie“ bildet den Abschluss der grandiosen Werkausgabe von Fernando Pessoa (1888 bis 1935) im Zürcher Ammann Verlag. Er fasst annähernd alle Nachlassfragmente zusammen, die von der großen Schlüsselfigur des portugiesischen Modernismus zu Themen wie Genie, Wahnsinn, Degeneration oder Psychopathologie niedergeschrieben worden sind.
Der junge Pessoa erweist sich darin als ein beachtlicher Kenner der geistigen Strömungen, die in Europa vor dem Ersten Weltkrieg im Umlauf waren und in der damaligen Zeit die intellektuelle Aufmerksamkeit beherrschten. Genannt seien stellvertretend Siegmund Freud, Max Nordau und Cesare Lombroso. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alle so entstandenen Texte Frühschriften sind – aus der Zeit nach der Rückkehr Pessoas aus Afrika.

Schöner Abschluss einer hervorragenden Edition

Pessoa - Genie und Wahnsinn - Schriften zu einer intellektuellen Biographie - Ammann Verlag

„Sei vielfältig wie das Universum“ galt als Lebensdevise des Fernando Pessoa. Wie sehr er sich daran gehalten hat, zeigt sein Werk, das mit dem „Buch der Unruhe“ des kurzsichtigen Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, mit den Büchern seiner Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und António Mora nicht nur diese Vielfalt dokumentiert, sondern zu den ganz großen Werken der Weltliteratur gehört.
Mit dem Band „Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuellen Biographie“ liegt also die „definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas in neuer und überarbeiteter Übersetzung“ vor, wie der Verlag zurecht feststellt. Und damit ein sehr schöner Abschluss einer hervorragenden Werkedition, für die der Ammann Verlag nicht genug zu loben ist.

Die Varianten von Wahnsinn und Genie…

Pessoa im Lissabon der Zwanzigerjahre

„Verrücktwerden bedeutet, dass man zu leben beginnt“. So befasst sich Pessoa im ersten Teil dieses Bandes mit den Gegebenheiten und Varianten von Wahnsinn und Genie, die sich nach seiner Auffassung gegenseitig bedingen. Es sind allerdings keine in sich geschlossenen Abhandlungen, sondern eher fragmentarische Texte. Es ist, wie der Herausgeber und Übersetzer Steffen Dix in seinem vorzüglichen Nachwort ausführt, eine Art der Selbstvergewisserung und der Selbstanalyse, der sich der Autor denkend und schreibend unterzieht. Diese Abhandlungen tragen aber wie auch die anderen Kapitel dieses Buchs dazu bei, das nachfolgende Werk des großen Schriftstellers etwas besser zu verstehen.

Das gilt auch für die literaturwissenschaftlich interessante „Fragestellung Shakespeare-Bacon“, sowie die „Abhandlungen“ zum Thema „Literatur und Psychiatrie“ und „Über Kunst und Künstler“. Spannend zu lesen auch die „Auszüge aus einigen Erzählfragmenten“.
Damit also sind „wieder neue Masken Pessoas (…) ans Tageslicht befördert“ worden. Werden es wirklich die letzten sein? Und was gibt die berühmte „Fundgrube“, von der immer wieder einmal gesprochen wird, eventuell noch her? Wir dürfen gespannt sein. ■

Fernando Pessoa, Genie und Wahnsinn – Schriften zu einer intellektuelle Biographie, aus dem Portugiesischen und Englischen von Steffen Dix, Ammann Verlag Zürich, 442 Seiten, ISBN 978–3–250–10456-8


„Ich werde Verleger bleiben bis an die Bahre“

Interview mit Egon Ammann

Verleger Egon Ammann (1993)

Günter Nawe: Herr Ammann, mit dem Band „Genie und Wahnsinn“ liegt jetzt – so die Verlagsmitteilung – „die definitive, erweiterte Ausgabe der Werke Fernando Pessoas“ vor?

Egon Ammann: „Genie und Wahnsinn“ ist ein weiterer Band in der Reihe von Ammanns Ausgabe der Werke von Fernando Pessoa. Die Texte, die in diesem Band versammelt sind, sind tatsächlich auf dem neuesten Stand der portugiesischen Quellentext-Forschung.

GN: Wirklich – oder ist in der berühmten „Truhe“ noch etwas zu finden?

EA: Noch ist die Ausgabe nicht abgeschlossen, es fehlen wichtige Pfeiler von Pessoas Werk: Einmal die Gedichte, die er unter seinem Namen Fernando Pessoa geschrieben hat, also Texte, die er keinem seiner Heteronyme zugeordnet hat; eine Auswahl aus diesem orthonymen Pessoa wird in der Übersetzung von Inés Koebel 2013 bei S. Fischer erscheinen. Ein weiterer Band mit eher theoretischen Texten zum Modernismus, inspiriert von Marinetti, wird 2012, übersetzt von Steffen Dix unter den Titel „Sensationismus“, der portugiesischen Variante des Modernismus, ebenfalls bei S. Fischer erscheinen.

GN: Diese „Schriften zu einer intellektuellen Biographie“ sind so etwas wie „Fingerübungen“ des damals noch jungen Pessoa. Welchen Stellenwert haben sie nach Ihrer Meinung innerhalb des Gesamtwerks?

EA: Die Schriften zu einer, wie wir das Buch im Untertitel genannt haben, „Intellektuellen Biographie“ Fernando Pessoas sind wichtig, da er sich mit beiden Themata Genie und Wahnsinn, mit Degeneration und Psychopathologie bis zu seinem Lebensende befasst hat, auch wenn die meisten der in diesem Band versammelten Texte aus seiner frühen Schaffenszeit stammen, also um 1907 bis zum Beginn des ersten Weltkriegs. Sie bieten so tatsächlich Einblick in die Seelenstruktur des bedeutenden Portugiesen.

Pessoa als Schlusspunkt einer großen Werkreihe

GN: Die Edition der Werke Fernando Pessoas ist so etwas wie ein „Schlusspunkt“ in einer großen und erfolgreichen Reihe bedeutender Werkausgaben: Ossip Mandelstam, Antonio Machado, Fjodor Dostojewski und Ismail Kadare. Und damit auch ein „Schlusspunkt“ für den Verleger Egon Ammann. Warum?

EA: Sie haben nicht unrecht, dass wir mit Fernando Pessoa so etwas wie einen Schlusspunkt unserer editorischen Arbeit setzen, doch, wie gesagt, es werden noch zwei, drei Bände folgen, nicht mehr mit dem Impressum des Ammann Verlags, aber bei S. Fischer. – Und ein endgültiger Schlusspunkt wird die Ausgabe Pessoas nicht sein. Wir hatten vor zwei, drei Jahren mit zwei wichtigen Werken begonnen, einer Neuübersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ durch Kurt Flasch. Dieses Werk wird 2011 im Herbst bei S. Fischer erscheinen, ich darf es als Verleger begleiten. Und dann ein großer Roman, von seiner literarischen Bedeutung her wie von seinem Umfang, ein Italiener mit Namen Stefano d’Arrigo, hierzulande eher unbekannt, der Titel seines großen Romans „Horcynus Orca“, eine moderne Odyssee, wenn Sie so wollen, die während der Landung de Alliierten auf Sizilien spielt. Ein großartiger Meerroman, der zu den großen Romanwerken des vorigen Jahrhunderts zählt. Dieses Werk wird voraussichtlich 2013 ebenfalls bei S. Fischer erscheinen. Und danach dürfte, mit Seiner Hilfe, Schluss sein.

GN: Sie haben einmal gesagt: „Ich bin mit Leib und Seele Verleger“. Und Sie waren es schließlich dreißig Jahre lang – und sehr erfolgreich. Gilt diese Aussage heute nicht mehr?

EA: Doch, ich bin Verleger und werde Verleger bleiben bis an die Bahre – oder Grube. Das ist und war mein Beruf.

Die Verlags-Branche steht auf der Schwelle zu einer Revolution

GN: Hat Ihr Rückzug als Verleger etwas mit den Entwicklungen in der Branche zu tun, mit den neuen technischen Gegebenheiten oder auch mit den Veränderungen innerhalb der Literatur?

EA: Der Rückzug, das heißt die Schließung von „Ammann“, hat verschiedene Gründe, auf die wir reagiert haben. Einer davon ist die Tatsache, dass wir mit unserer Branche auf der Schwelle einer Revolution stehen. Gutenberg wird nicht abdanken, davon bin ich überzeugt, aber das Geschäft wird andere Wege gehen, sowohl im herstellenden wie im vertreibenden Buchhandel. Das digitale Zeitalter steht ante portas, und dem wollte ich mich nicht mehr stellen. Das sollen die Nachfolgenden, die Jungen bewältigen.

GN: In Ihrem herausragenden Verlagsprogramm gibt es – parallel zu den genannten großen Übersetzungen von Autoren der zeitgenössischen Moderne – eine Vielzahl prominenter Gegenwartsautoren. Ich nenne nur Julia Franck, Thomas Hürlimann, Navid Kermani, Katja Oskamp. Was geschieht mit diesen Autoren und ihren Büchern – und allen anderen rund 800 Titeln – in Zukunft?

EA: Diese Autorinnen und Autoren, die zum Teil bei Ammann debütiert oder bis zuletzt in unserem Haus veröffentlicht haben, haben inzwischen neue Verlagspartner gefunden, worüber wir sehr froh sind. Für einige wenige suchen wir noch Verlage, ich bin zuversichtlich, dass wir auch für sie früher oder später neue Heimaten finden werden. Es sind durchweg ernstzunehmende, gute Schriftsteller und Dichter, die werden ihren Weg gehen.

GN: Sie sind eine herausragende Persönlichkeit, nicht nur als Verleger. Sie haben ein Stück weit mit Ihrem Verlag die literarische Landschaft geprägt. Was macht Egon Ammann vor diesem Hintergrund in Zukunft? Bleiben Sie auf die eine und andere Weise der Literatur erhalten?

EA: Wie ich schon ausgeführt habe, werde ich die Werkausgabe von Pessoa weiterhin begleiten, auch den Dante und den d’Arrigo, aber dann werde ich das Alter erreicht haben, wo ich mich mit mir und meinem Abtreten beschäftigen muss. Auch das wird Arbeit sein. – Ein Kollege von mir, Friedrich Witz, der Begründer des Artemis Verlags, hat seine Biographie mit dem vielsagenden Titel „Ich wurde gelebt“ überschrieben. Ganz so ist es bei mir nicht gewesen, ich konnte und habe gestaltet, ich habe gedient, ja, und dann kommt die stille Besinnung auf das, was gewesen ist, die Rechenschaft, das Beschäftigen mit dem Abgang. Eine Biographie jedoch wird es nicht geben, so wichtig ist die nicht und bin ich nicht.  ■

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