Judith Klinger: Robin Hood (Biographie)

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Mit Pfeil und Bogen für soziale Gerechtigkeit

von Günter Nawe

Man ist in Zusammenhang mit der Geschichte, den Geschichten um Robin Hood versucht, den eingängigen Buchtitel des Philosophen Richard David Precht etwas abzuwandeln: Wer war er – und wenn ja, wie viele. In der Tat: Robin Hood, der Vogelfreie aus Sherwood Forest, der Gesetzlose und Outlaw, der Sozialrebell – grün gewandet und mit Pfeil und Bogen – ist eine der schillerndsten Figuren der mittelalterlichen Welt. Und er ist es bis heute geblieben.

Vom Outlaw zum Superhelden

Judith Klinger: Robin Hood - Auf der Suche nach einer Legende„Von Robin Hood existiert weder eine biographische noch überhaupt eine einzige, alles entscheidenden Geschichte, die ihn als Helden definiert“, lässt uns Judith Klinger wissen, die sich in ihrem Buch „auf die Suche nach einer Legende“ gemacht hat. Was also bleibt, sind Geschichte und Geschichten um diese legendäre Gestalt, sind Zeugnisse, die von ihm in vielfältiger Form erzählen
Durch acht Jahrhunderte hinweg lässt Judith Klinger, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mediävistik am Institut für Germanistik der Universität Potsdam den Aufstieg des vogelfreien Outlaws zum Superhelden der Populärkultur lebendig werden.  Das Bild von Robin Hood hat sich im Laufe von fast acht Jahrhunderten oft erstaunlich gewandelt. Vor allem aber: „In Robin Hood  verkörpern sich Träume, Träume von sozialer Gerechtigkeit, die in einer Zeit der Hedgefonds und Bankenkrisen neue Aktualität gewinnen können. Träume vom Leben im Einklang mit der Natur, wie sie die Namensgebung der deutschen Umwelt- und Naturschutzorganisation  Robin Wood beschwört.“, so Judith Klinger.

Erste Spuren im 13. Jahrhundert

Mittelalterlicher Outlaw-Bogenschütze im Dienste der Armen und Verfolgten: Robin Hood
Mittelalterlicher Outlaw-Bogenschütze im Dienste der Armen und Verfolgten: Robin Hood

Wie aber begann diese zeitlose Geschichte? Sie wird von Judith Klüger ausgehend von der frühen mittelalterlichen Balladensammlung „“A Gest of Robin Hood“ erzählt.  Erste Spuren gab es bereits im 13. Jahrhundert. So soll sich hinter Robin Hood ein Graf Robert von Huntigdon verbergen. So ist es auf einem Grabstein aus dem Jahre 1247 zu lesen, der den Tod des Geächteten mit folgender Inschrift „beschreibt“: „Hier unter diesem kleine Grabstein liegt Robert von  Huntigdon. Kein Bogenschütze war so gut wie er, und die Leute nannten ihn Robin Hood. Solche Gesetzlose wie ihn und seine Männer wird England nimmermehr sehen. 24. Dezember 1247“.
Robin Hood war kein Einzelgänger. Allen Freunden der vielen Geschichten sind seine Gefährten, seine „Merry man“ bekannt: Little John, Will Scarlet und Much, später auch seine Gefährtin Marian. Eine einzigartige Gemeinschaft, die zwischen Sherwood Forest, Barnsdale und Nottigham, wo der berühmte Sheriff und Feind Robins zu finden war, ihrem „Handwerk“ nachgegangen ist.

Wissenschaftliche Suche nach einer Legende

Auf den Spuren eines weltweiten Mythos: Germanistin Dr. Judith Klinger
Auf den Spuren eines weltweiten Mythos: Germanistin Dr. Judith Klinger

Aus Balladen, Zeugnissen und Dichtungen ist das Bild entstanden, das wir heute von ihm haben, ist seine „Vita“ geschrieben worden – immer wieder mit neuen Varianten. Und das hat Gründe. „Robin Hood war immer schon ein Meister der Verwandlung“, schreibt Judith Klinger. Mit ihr und anhand der ausführlich zitierten Literatur können wir auch den Aufstieg eines Geächteten zum Schattenkönig und zum einem Helden der Moderne nachverfolgen.

Fazit-Rezensionen_Glarean Magazin
Mythos oder Realität? Judith Klinger hat sich auf eine äußerst spannende Suche nach der Legende „Robin Hood“ begeben. Sie hat es verstanden, die vielen historischen Verweise zu entschlüsseln, den aufregenden Weg dieser Symbolfigur vom Outlaw zum Sozialrebell nachzuverfolgen und zu zeigen, wie und auf welche Weise er heute noch „Wirkung“ zeigt: in Literatur, Film und Comic.

Judith Klinger wird mit „Robin Hood – Auf der Suche nach einer Legende“ den wissenschaftlichen Ansprüchen, die eine solche Arbeit erfordert, gerecht. Gleichzeitig bietet sie dem Leser eine äußerst spannende und hochinteressante Lektüre. So stellt sich eigentlich die Frage nach dem Erfolg der Suche nicht. Auch nicht mehr die Frage nach Mythos oder Realität. Robin Hood hat über die Zeiten ein sehr reales Eigenleben entwickelt.  Er wird immer noch eine Legende bleiben – auch wenn wir dank Judith Klinger nun eine Menge mehr über ihn wissen. Und er wird damit auch eine Symbolfigur bleiben, die auf vielfältige Weise in Filmen, Büchern, Computerspielen und Comics weiterlebt. ■

Judith Klinger: Robin Hood – Auf der Suche nach einer Legende, 208 Seiten, Lambert Schneider Verlag, ISBN 978-3-650-40054-3

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Michel Bergmann: Alles was war (Erzählung)

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„Ins Leben.  Unbeschwert“

von Günter Nawe

„Jedes jüdische Kind im Deutschland der Fünfziger Jahre wächst am Rande eines Massengrabs auf.“ – Es lebt mit all den Opfern von Auschwitz, Majdanek und den vielen anderen Vernichtungslagern der Nazis: den nicht mehr existierenden Großeltern, Onkeln und Tanten. Es wächst auf mit den Tränen, die um die vielen, vielen Verwandten immer und immer wieder vergossen werden.
Von einem solchen Kind schreibt Michel Bergmann in seiner berührenden Erzählung „Alles was war“. Es ist ein kleines großes Buch des Erinnerns – voller Trauer und voller Witz, melancholisch und heiter. Und er schreibt sicher von eigenem Erleben, denn dieser Michel Bergmann wurde 1945 als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Paris und Frankfurt/Main.  Es waren seine Jahre als jüdisches Kind, als jüdischer Junge, die er in den 50er Jahren im Nachkriegsdeutschland verbrachte. In einem Land, das einerseits vom schrecklichen Geschehen während der Naziherrschaft und des Krieges traumatisiert war; andererseits aber auch noch längst nicht „entnazifiziert“ war.

Michel Bergmann - Alles was war - Erzählung - Arche VerlagBergmann ist bereits durch drei wunderbare Bücher literarisch auffällig geworden.  Und das im besten Sinne. Mit seinen Romanen „Die Teilacher“, „Machloikes“ und „Herr Klee und Herr Feld“ hat er von den  Erlebnissen der Juden erzählt, die sich wieder in Frankfurt niedergelassen habe. Sie alle tragen schwer an dem Schicksal, das ihnen die Geschichte, das ihnen die Deutschen angetan haben.
Und nun also die Erzählung eines alten Mannes, der auf seine Kindheit zurückblickt. Er erinnert sich an die Schulzeit, daran, das er, den Ranzen auf dem Rücken,  losrennt: „Ins Leben. Unbeschwert.  Es ist sein Tag!  Wie jeder Tag sein Tag ist!“ Arzt soll er werden, stellt sich jedenfalls die Mutter vor, die mühsam wieder ein annähernd normales Leben zurückgefunden hat als Geschäftsfrau.

Ein Kind stromert durch die Trümmergrundstücke…

Michel Bergmann auf der Leipziger Buchmesse 2013
Michel Bergmann auf der Leipziger Buchmesse 2013

Dass das nicht einfach würde – alle wussten es, die den Weg des  Jungen begleiteten. Erst aber einmal wird „gelebt“. So stromert das Kind durch die Trümmergrundstücke. Er hat Freunde und später Freundinnen. Oft allerdings nur solange, bis herauskommt, dass er Jude ist. Freunde und Freude hat er in und mit der Familie, der Mischpacha, mit Freunden, den Chaverim. Er feiert unter etwas Weihnukka – eine Mischung aus Weihnachten und Chanukka. Er gerät in den einen und anderen Schlamassel. Voller Witz auch die Schilderung der Bar Mizwa, die der Junge trotz erster religiöser Zweifel über sich ergehen lassen muss.

In dreizehn wundervoll erzählten Kapiteln, teilweise im leicht jiddisch eingefärbten Deutsch, schreibt der alte Mann, hinter dem wir getrost Bergmann vermuten dürfen, sein kleine, seine exemplarische Geschichte, die für den Leser auch eine Art Geschichtsunterricht wird. Nicht dröge und keinesfalls belehrend, aber einfühlsam und bei aller Schwere leicht und mit Witz und einem gehörigen Schuss Melancholie. Und immer gegenwärtig in diesem jungen Leben sind die, die nicht mehr sind. Schließlich ist er „am Rande eines Massengrabs“ aufgewachsen.

Ankläger Fritz Bauer im Frankfurter Auschwitz-Prozess
Ankläger Fritz Bauer im Frankfurter Auschwitz-Prozess

Der Junge wird älter. Er verliebt sich, wird betrogen, schafft gerade mal so das Abitur, genießt seine Freiheit und verachtet alles Angepasstheit und – auch sie gibt es wieder –  die saturierte Bürgerlichkeit. Was aber steht hinter all dem? Kasches, Fragen, werden gestellt – und bleiben oft unbeantwortet. Die jüdisch-deutsche Problematik, die Geschichte der Juden in Deutschland sollte für den Ich-Erzähler später einmal von existenzieller Bedeutung werden.

Ein alter Mann erinnert sich

Erst einmal aber wird er Volontär bei den „Frankfurter Rundschau“. Auch kein Traumjob, aber… Hier lernt er den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer kennen. Dessen unermüdliches Engagement um den und im Auschwitz-Prozess ist beispielhaft gewesen. Mit großer Leidenschaft und großer Anteilnahme wird der junge Journalist.
Ein alter Mann erinnert sich. Auch daran, dass im Laufe der Jahre die Verbindung zur Mutter abgebrochen ist. Er erinnert sich an die Menschen, denen er in den Jahren seines Lebens begegnet ist. So trifft er bei der Beerdigung der Mutter einen alten Freund Marian wieder – und es war „wie am ersten Tag“. Ihm wird er dieses kleine wundervolle Buch, diese auf ihrer Weise einzigartige Biographie widmen.

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Die Geschichte einer jüdischen Kindheit im Deutschland der Nachkriegszeit – Michel Bergmann hat sie aufgeschrieben. Auch sie ein Kapitel deutscher Geschichte – wunderbar erzählt, heiter und witzig und voller Melancholie und Nachdenklichkeit. Ein kleines großes Buch, das traurig und zugleich glücklich macht.

Im letzte Kapitel, das bezeichnenderweise die Überschrift „Chaim – Leben“ trägt, zitiert Michel Bergmann Søren Kierkegaard: „Das Leben kann nur nach rückwärts schauend verstanden,  aber nur nach vorwärts schauend gelebt werden“. In diesem Sinne hat Michel Bergmann dieses Buch geschrieben – und uns, seine Leser, auf wunderbare Weise beschenkt. ■

Michel Bergmann: Alles was war, Erzählung, Arche Verlag, ISBN 978-3-7160-2716-5

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Monolog von Jürg Amann: Der Kommandant

Anne Carson: Decreation (Gedichte – Oper – Essays)

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Die Liebe ist immer du

von Günter Nawe

Den Titel ihres neuen Buches hat die kanadische Autorin Anne Carson von der französischen Philosophin Simone Weil übernommen. Für Weil – sie hat diesen Begriff geprägt –, von der sich die Carson stark beeinflusst sieht, bedeutet „décréation“ einerseits Analyse der Selbstreflexion des Menschen und zugleich „Rückschöpfung“, also eine „Ent-Schaffung“; anders: alles Erschaffene noch einmal ins Unerschaffene zu überführen.

Im Kontext der Simone Weil

Anne Carson: Decreation - Gedichte, Oper, Essays (S. Fischer Verlag)Aus diesem philosphisch-religiösen Gedankengut und in diesem Kontext der Simone Weil speist sich im Wesentlichen die Literatur der Anne Carson – vor allem, was das neue Buch „Décréation“ betrifft. Es enthält Gedichte, Essays und ein Opernlibretto (nicht zu vergleichen mit einem herkömmlichen Libretto). Sehr unterschiedliche Spielarten der Literatur also, die jedoch bei Anne Carson in ihrem Innersten zusammenhängen. Auch der Lyrikerin geht es darum, eine Art „Rück-schöpfung“ zu „inszenieren“, indem sie ihre Vorstellung davon als Frage formuliert. Und dies Genre-übergreifend, sozusagen als Brückenschläge.
So in den Gedichten, die vor allem ihrer Mutter gewidmet sind. Sie ist „die Liebe meines Lebens“. Mit ihr redet sie in ihren Versen: „Wenn ich mit meiner Muter spreche, mache ich es schön…“. Von ihr hat die Dichterin gelernt: „Die letzte Lektion einer Mutter in einem Haus im letzten Licht / bringt den Ruin der Welt und den Handel zum Erliegen…“. „Diese Stärke, Mutter: hervorgewühlt. Gehämmert, gekettet, / geschwärzt, gesprengt, heult, holt aus…“.

Poetische Klangkraft, intensive Sprache

Die Dichterin an einer Lesung in Minneapolis/USA (2011)
Die Dichterin an einer Lesung in Minneapolis/USA (2011)

Anne Carson, 1950 in Toronto geboren, ist im deutschen Sprachraum bisher durch die Bücher „Glas, Ironie und Gott“ (Gedichte, 2000) und „Rot: Ein Roman in Versen“ (2001) bekannt geworden  Jetzt also „Décréation“, und im Herbst wird der Band „Anthropologie des Wassers“ erscheinen. Alle Bücher dieser Dichterin überzeugen durch die Klang- und Aussagekraft ihrer Poesie, durch die Intensität ihre Sprache, durch den Verzicht auf jegliches Pathos und die Bandbreite ihrer Themen. Großes Lob an dieser Stelle für Anja Utler, die „Decreation“ aus dem Amerikanischen sehr feinfühlig ins Deutsche übersetzt hat. „Decreation“ ist so eine weitere Möglichkeit, ein Versuch der Annäherung an eine der bedeutendsten Lyrikerinnen unserer Zeit.
Die lyrische Diktion dieser Autorin ist oft experimentell – auch von der formalen Struktur der Gedichte her.  Ihr poetisches Credo: „Du kannst nie genug wissen, nie genug arbeiten, niemals die Infinitive und Partizipien auf genügend befremdliche Art verwenden, nie die Bewegung brüsk genug ausbremsen, nie den Geist schnell genug hinter dir lassen.“ Das gilt – hervorragend umgesetzt –  für die Verse, für ihre Essays und das Opernlibretto:  zusammengefasst in diesem wunderschönen Band.
In dem kleinen Text „Jedes Abgehen ist ein Anfang“ dekliniert Anne Carson zum Beispiel die verschiedenen Lesarten des Schlafs. Und bemüht dabei Aristoteles, Kant und Keats, um sich am Ende ausführlich Virginia Woolf zu widmen. Und so lesen wir „O zarter Salber stiller Mitternacht… Beschütz mich dann, dass nicht der Tag erneut / Aufs Kissen scheint, der mich so leiden ließ; …“.

Die Liebe im Fokus

„Décréation“ ist ein außergewöhnliches Buch einer außergewöhnlichen Dichterin. Klug, anregend und voller sublimer Erkenntnisse. Anne Carson gehört zweifellos zu den bedeutendsten zeitgenössischen Lyrikerinnen – und „Decreation“ ist bis jetzt eines ihrer wichtigsten Werke.

Ihr großartiger Essay „Decreation – Wie Sappho, Marguerite Porete und Simone Weil Gott sagen“ setzt die gelernte Gräzistin sich mit drei großen Frauen und ihren „spirituellen Erlebnissen“ auseinander. Sappho, die die Liebe pries und diesen Lobpreis der Göttin Aphrodite weihte; Marguerite Porete hat über die Liebe Gottes geschrieben und wurde dafür 1310 als Ketzerin verbannt; Simone Weil, die „Erfinderin“ des Begriffs der „décréation“, Altphilologin und Philosophin hatte, wie die Carson schreibt, „ein Programm, mit dem sie ihr Selbst aus dem Weg schaffen wollte, um zu Gott zu gelangen. Um Liebe also geht es diesen drei Frauen, um Liebe auch geht es auch Anne Carson. Auch im Operntext, der ebenfalls den Titel „Decreation“ trägt. So lässt sie Hephaistos singen: „Die Liebe ist immer du, / wenn sie frisch ist. / Wenn du da bist, wenn sie frisch ist, wenn sie frisch ist, wenn du da bist, / die Liebe ist immer, / immer / wenn du da bist.“. Oder, wenn im 3. Teil des Librettos Simone die „Arie des Rückschöpfens“ singt.
Und um „Erhabenes“, einer Art Gedichtzyklus, in dem die Autorin in teilweise enigmatische „Versen“ Kant eine Frage zu Monica Vitti stellen  und Longinus von Antonioni träumen lässt.
Was aber ist dieses Erhabene, was ist die Seele und welcher Schlaf ist Befreiung vom Selbst? Zu erfahren vielleicht im Gespräch mit Gott, das wie Simone Weil auf andere Art auch Anne Carson führt. Es ist ein nahezu undurchdringliches Geflecht, das Anne Carson anbietet. Für den Leser aber, der sich lesend an die „Entflechtung“ wagt, ein unendlicher Gewinn. ■

Anne Carson: Decreation – Gedichte, Oper, Essays, 250 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-010243-0

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Péter Nádas: Aufleuchtende Details

Elif Shafak: Ehre (Roman)

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Rosarotes Schicksal und Genug Schönheit

von Günter Nawe

Sie heißen Pembe Kader und Jamila Yeter – die Zwillingsschwestern. „Namen wie Zuckerwürfel“, findet ihr Vater, „süß und geschmeidig und ohne scharfe Kanten“. Übersetzt bedeuten die Namen Rosarotes Schicksal und Genug Schönheit. Nomen est omen. Die Schwestern wurden 1945 „in einem Dorf an den Ufern des Euphrat“, in Kurdistan, geboren. Ihre Geschichte erzählt die preisgekrönte türkische Autorin Elif Shafak in ihrem neuen Roman „Ehre“. Und sie macht dies auf meisterhafte Weise.

Gefangen in alten Traditionen

Elif Shafak: Ehre (Roman) - Kein & Aber VerlagEhre! – „Männer besaßen Ehre… Frauen besaßen keine Ehre, sie besaßen Scham. Und ‚Scham’, das wusste jeder, wäre ein ziemlich schlechter Name“. Und die Geschlechter haben eine Farbe: Männer sind schwarz, Frauen sind weiß. Und die weiße Fläche verzeiht keinen Schmutz. Jeder Fleck an fehlender Bescheidenheit und Unterwürfigkeit, jede Abweichung von der Keuschheit ist sofort für alle sichtbar. Das werden auch die beiden Schwestern  erfahren. Pembe wird „aus Ehre“ mit Adem verheiratet, verlässt ihre Heimat in Richtung Istanbul und geht dann endgültig mit ihrer Familie nach London. Ihre Schwester dagegen bleibt „ehrenhaft“ in ihrer Heimat und lebt dort ein Leben als eine unverheiratete Frau, gefangen in den alten Traditionen.
Pembe versucht, im fernen London mit ihrem Mann und ihren drei Kindern ein erfülltes Leben in einem anderen, in einem modernen Kulturkreis zu leben. Dass dies nicht gelingt, macht die Tragik dieses Romans aus. Gescheiterte Hoffnungen, Verrat und Verlust – ein schöner Traum ist sehr schnell ausgeträumt. Da ist einmal die fremde Welt, die mit ihrem liberalen und freizügigen Lebensverständnis verstört. Da sind andererseits die Familie und die patriarchalischen Strukturen. Die Kinder werden „flügge“, ihr Mann ist ein Zocker, der sich zudem noch in einer anderen Frau, einer Nackttänzerin, verfällt und die Familie verlässt. Und Pembe begegnet einem heimatlosen Koch, Sie verliebt sich in ihn, sie trifft sich heimlich mit ihm – und weiß, dass sie damit gegen den Ehrencodex ihrer Religion und Kultur verstößt. Kein „rosarotes Schicksal“ also. Und am Ende steht ein unbegreiflicher Mord aus „Ehre“ – begangen von dem Sohn Iskender an seiner Mutter. Eine „Ehrensache“!

Wunderbar klare, nahezu sinnliche Sprache

Der Kein&Aber-Verlag legt mit "Ehre" von Elif Shafak einen wundervoll klar gegliederten und beinahe sinnlich geschriebenen Roman vor.
Der Kein&Aber-Verlag legt mit „Ehre“ von Elif Shafak einen wundervoll klar gegliederten und beinahe sinnlich geschriebenen Roman vor.

Elif Shafak schreibt eine wunderbar klare, eine nahezu sinnliche Sprache, die den Leser sofort gefangen nimmt. Sehr sensibel und mit viel Empathie begleitet sie ihre Figuren durch das Romangeschehen. Und packend und ausdrucksstark schildert die Autorin den Kontrast zwischen türkisch-islamischer Tradition und britisch-westlicher Lebenswelt.
Im fernen Kurdistan lebt Jamila „Genug Schönheit“ – auch sie gefangen in ihrer Lebenswelt – ein anderes Leben als Hebamme und Heilerin, fest verwurzelt in den Traditionen einer islamischen Männergesellschaft. Einst war sie verliebt in Adem und er in Jamila. Aber diese Verbindung durfte nicht sein, weil auch ihre Ehre „beschmutzt“ war. So geht es in diesem Leben auch für sie nicht ohne Verletzungen ab.

Familienepos und Generationsroman

Elif Shafak - Autorin Schriftstellerin - Glarean Magazin
„Wunderbar sinnliche Sprache“: Elif Shafak

Im ständigen Kontakt der Zwillingsschwestern weiß Jamila um das Leben von Pembe. Und so ahnt die sensible Jamila, dass sich in London, dass sich für Pembe Unheil anbahnt. Sie macht sich aus schwesterlicher Liebe auf nach London. Ob sie retten kann, was nicht zu retten ist, sei an dieser Stelle dahingestellt.
Elif Shafak erzählt diese Geschichte als ein Familienepos und einen Generationsroman, fast in Episodenform und wechselt häufig die Zeitebenen und die Sichtweisen auf das Geschehen. So hält sie den Spannungspegel hoch. Die Schilderung des Lebens der Protagonisten, alle durchweg sehr komplexe Charaktere, im Widerstreit zwischen Islam und westlichen Lebensstilen gelingt der erfolgsgewohnten türkischen, in Straßburg geborenen Schriftstellerin hervorragend. ■

Elif Shafak: Ehre, Roman, Kein&Aber-Verlag, 528 Seiten, ISBN 978-3036956763

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Familien-Epos auch über den
Roman von Boris Kálnoky: Ahnenland

Boris Johnson: 72 Jungfrauen (Roman)

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Höllenfahrt im Krankenwagen

von Günter Nawe

So ganz neu ist das Buch, vor acht Jahren bereits in England erschienen, nicht. Jetzt endlich gibt es erfreulicherweise diese herrliche Slapstick-Komödie erstmals auf Deutsch. Und immer noch ist dieser Roman keineswegs  „abgestanden“, sondern ein außerordentliches Vergnügen.
Vergnügen? Geht es doch um einen terroristischen Angriff. Und so etwas ist doch wahrlich nicht zum Lachen. Doch! Denn geschrieben hat diesen Roman der etwas exzentrische Boris Johnson, mittlerweile Bürgermeister von London. Und der weiß, was er tut. Versteht er doch viel von Politik, von schnellen Autos, von klassischer Philologie. Manchmal und nicht ungern gebärdet er sich wie ein aristokratischer Snob. Und ist dabei und so ganz nebenher ein intelligenter, ein sprachmächtiger Autor mit einem Hang zu Komödie und Komik. Und aus dieser Gemengelage heraus ist diese wunderbare Polit-Thriller-Satire entstanden.

Terroristen klauen Krankenwagen…

Boris Johnson: 72 Jungfrauen (Haffmans & Tolkemitt Verlag)

Was ist geschehen? Ein Terroristen-Quartett von der  „Brüderschaft der Zwei Moscheen“ klaut einen Krankenwagen, mit dem es sich unter Leitung von Jones der Bombe quer durch London auf den Weg nach Westminister macht. Ziel ist ein terroristischer Anschlag auf das englische Parlament und sogenannten Ehrengästen, vor denen der amerikanische Präsident eine Rede halten wird. Natürlich ist dieser Präsident kein anderer als George W. Bush. Denn wir schreiben das Jahr 2001 – einen Zeitpunkt, kurz nach dem Attentat 9/11, den die Möchtegern-Terroristen bewusst gewählt haben. Verspricht er ihnen doch ein anständiges Medienecho. Und bei Gelingen der Aktion den Einritt ins islamische Paradies, empfangen von zweiundsiebzig Jungfrauen – ein etwas fragwürdiger Lohn. Dass daraus so oder so nichts wird, ahnen nicht nur die Terroristen, sondern auch die Leser.

und karrieresüchtige Parlamentarier bleiben tatenlos

Boris Johnson - Glarean Magazin
Boris Johnson

Profis sind die Vier: Jones, Dean, Haroun und Habib absolut nicht. Und auch die freiwilligen und unfreiwilligen Helfershelfer sind eher Laiendarsteller in Sachen Terrorismus. Mit dem Abgeordneten – very british – Roger Barlow hat Boris Johnson zudem einen Typus ins Spiel gebracht, den keiner ernst nimmt und der dennoch eine Art Hauptrolle spielen wird. So kommt es zu geradezu grotesken Szenen. Die Fahrt mit dem gestohlenen Krankenwagen gerät zu einer Art Höllenfahrt. Einig ist sich dieses Quartett auch nicht immer. Dennoch gelingt es auf oft sehr kuriose Weise, die großangelegten Sicherheitsmaßnahmen zu durchbrechen. Nicht zuletzt deshalb, weil konkurrierende Geheimdienste, unfähige Polizisten, arrogante und karrieresüchtige Parlamentarier dem Geschehen eher tatenlos zuschauen oder sich in die Hosen machen.
Schließlich haben die Vier den Präsidenten in ihrer Gewalt. Sie versuchen, eine weltweite Abstimmung über die Medien zu erreichen, durch die die Häftlinge von Guantanamo freigepresst werden sollen.

Thriller mit Anspielungen auf die reale Politik

Boris Johnson hat einen herrlichen Politik-Thriller geschrieben, ein Buch voller Witz und Komik, voller genialer Einfälle und mit überbordendem Humor. Eine Satire mit einem durchaus ernsten Hintergrund - ein herrliches Lesevergnügen.
Boris Johnson hat einen herrlichen Politik-Thriller geschrieben, ein Buch voller Witz und Komik, voller genialer Einfälle und mit überbordendem Humor. Eine Satire mit einem durchaus ernsten Hintergrund – ein herrliches Lesevergnügen.

Das alles ist so aberwitzig, dass man aus dem Lachen und Staunen nicht herauskommt. Ohne dabei jedoch den ernsten Hintergrund zu übersehen. Komödie und Tragödie liegen nahe beieinander. Am Ende ist es ein wunderbares dramma giocoso. Und eine brillante Vorlage für einen Film. Johnson ist ein hinreißend witziges und kluges Buch gelungen – mit unzähligen Anspielungen auf seinerzeit aktuelle Ereignisse. Gekonnt und dank eigener parlamentarischer und politischer Erfahrungen kenntnisreich decouvriert er einerseits den demokratischen Machtapparat, die allmächtigen Medien, die vermeintlich allwissenden und alleskönnenden Geheimdienste. Der US-Scharfschütze Prickel, dem im Irak-Krieg in die Hoden gebissen wurde, ist der ideale Vertreter diese Spezies. Johnson macht sich über sie lustig, ironisiert ihre Aktivitäten und Ansichten, macht sich ebenso lustig über das gängige Politikergeschwafel und political correctness und zeigt die Schwachstellen der Systeme auf.
Andererseits stellt Boris Johnson den islamistischen Terror an den Pranger, attestiert ihm Blindheit und immer auch ein wenig Dummheit, stellt Fragen nach der religiösen Motivation. Bei allem Witz, bei aller Situationskomik wahrt der Autor jedoch den Respekt vor dem Islam.
Boris Johnson erzählt in einem atemlosen, rasanten Tempo. Genau drei Stunden und dreiunddreißig Minuten dauert das Romangeschehen, minutiös belegt von 7:52 Uhr bis 11:25 Uhr. Die Slapstick-Einlagen sind ebenso witzig wie die Dialoge. Johnsons an der Wirklichkeit orientierter Einfallsreichtum ist phänomenal. Und so macht das Buch einfach nur Spaß und Freude. ■

Boris Johnson:  72 Jungfrauen, Roman, 412 Seiten. Verlag Haffmans & Tolkemitt, ISBN 978-3-942989-13-8

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Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

Jaume Cabré: Das Schweigen des Sammlers (Roman)

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Von Dämonen besessen

von Günter Nawe

Die Vial, eine wertvolle Geige aus der Werkstatt des Cremoneser Geigenbauers Storioni aus dem 18. Jahrhundert, übt eine seltsame Faszination auf den jungen Adrià Ardèvol aus. Dieser polyglotte, außerordentlich begabte Sohn eines Antiquitätenhändlers aus Barcelona und diese Geige mit ihrem bezaubernden Klang, an der allerdings Blut klebt, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans „Das Schweigen des Sammlers“ des katalanischen Autors Jaume Cabré.
Die Geige, die Adrià bald perfekt zu spielen versteht, ist auch der Grund für ein Tötungsdelikt, für einen geheimnisvollen Mord, dem Adriàs Vater Felix Ardèvol i Bosch zum Opfer fällt. Für dieses Verbrechen macht sich der Junge selbst verantwortlich. Hat er doch die wertvolle Stoirioni, die sein Vater einem Interessenten zeigen will, gegen seine eigene und weniger wertvolle Geige ausgetauscht. Diese „Schuld“, die er später auf andere Weise – die Geige gehörte eigentlich einem jüdischen Besitzer – abtragen will, muss Adrià leben.

Parallele oder überschneidende Handlungsstränge

Jaume Cabré: Das Schweigen des Sammlers - Roman - Insel VerlagDas ist die Konstellation, aus der heraus der Autor seinen Roman konstruiert. Dabei entwickelt er Handlungsstränge, die sich ständig überschneiden oder parallel zueinander verlaufen. Das vielstimmige Personal dieses umfangreichen Buches, die Schauplätze, ein schier unübersehbare Fülle von Ereignissen in Vergangenheit und Gegenwart – das alles ist auf höchst kunstvolle Weise mit- und ineinander verschränkt, so dass eine Nacherzählung fast unmöglich wird.
Dennoch: Gelehrter soll nach Vaters Willen Adrià werden, nach Mutters Willen Geigenvirtuose. Die Konflikte, die sich daraus für den Jungen ergeben, sind evident – und machen die psychische Situation aus, in der der sensible Adrià, eine höchst eindrucksvolle Figur, sich befindet. Adrià – wie schon sein Vater – ist nicht nur von der Musik besessen, sondern auch von dessen Sammelleidenschaft erfasst. Er verstand, „…dass ich von dem gleichen Dämon besessen war wie mein Vater. Das Kribbeln im Bauch, das Jucken in den Fingern, der trockene Mund…“. Adrià versucht, sich in diesem Zwiespalt von Gefühlen und Ambitionen, was einem Fluch gleichkommt, zwischen musikalischem Virtuosentum und Gelehrsamkeit einzurichten.

Von der Inquisition bis zu Auschwitz-Birkenau

Aus den Recherchen Adriàs über den Mord an seinem Vater und auf der Suche nach dem Täter erschließt sich die Familiengeschichte und die Geschichte der Geige und ihrer Entstehung in Cremona im 17./18. Jahrhundert. Eine dunkle Vergangenheit tut sich auf. Sie ist verbunden mit der Inquisition im 14. und 15. Jahrhundert, in der der Großinquisitor und sein Sekretär, ein Meuchelmörder, ein Mönch und ein jüdischer Arzt entscheidende Rollen spielen; Paris wird zum Schauplatz und 1914 bis 1918 auch Rom. Eine Geschichte, die Jaume Cabré in Auschwitz–Birkenau 1944 enden lassen wird, mit den schrecklichen Verbrechen von Sturmbannführern und KZ-Ärzten an jüdischen Häftlingen. Cabré schlägt damit einen historischen Bogen vom Mittelalter bis in die Neuzeit – und stellt oft erschreckende Übereinstimmungen, vor allem in ihren negativen Erscheinungsformen, fest.

Geschichten voller Gier und Macht und Neid

Dichter von Weltrang: Jaume Cabré (*1947)
Dichter von Weltrang: Jaume Cabré (*1947)

Es ist eine Geschichte, es sind viele Geschichten in einer von Gier und Macht und Neid, von dunklen Mordfällen und finsteren Intrigen, vom Bösen schlechthin – aber auch über die Liebe. Eine Liebe, die Adrià und Sara erleben und erleiden. Der Roman ist eine Art Metapher über den Missbrauch von Macht und über die Macht der Kunst. Damit ist dieser wunderbare Roman auch ein Buch über die conditio humana, melancholisch dargestellt und sehr tragisch, der sich Adrià ausgesetzt sieht. Rettung erwächst ihm jedoch aus der Liebe und aus der Liebe zur Gelehrsamkeit und zur Musik.

Jaume Cabré wechselt oft unerwartet die Zeitebenen. Erzählzeit und erzählte Zeit gehen plötzlich ineinander über. Es ist ein faszinierendes Tableau der Gleichzeitigkeit von aktuellem Geschehen, von Erinnerung und historischen Fakten, das dieser geniale Autor geschaffen hat. Mitten im Satz wird aus dem Ich-Erzähler ein auktorialer Erzähler; ergibt sich eine Art „Wechselgesang“ zwischen der ersten und dritten Person. Wir haben es mit einer sehr kühnen, jedoch sehr gelungene Romankonstruktion zu tun, die vom Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert; ihn dafür aber auch wunderbar belohnt. Die kongeniale Übersetzung durch Kirsten Brandt und Petra Zickmann trägt dazu in hohem Maße bei.

„Mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker“

Jaume Cabrés Roman "Das Schweigen des Sammlers" ist eine Studie von einzigartigem, ja weltliterarischem Rang über die Macht und deren Missbrauch - und über die Macht der Kunst.
Jaume Cabrés Roman „Das Schweigen des Sammlers“ ist eine Studie von einzigartigem, ja weltliterarischem Rang über die Macht und deren Missbrauch – und über die Macht der Kunst.

Jaume Cabré ist ein äußerst kluger, ein souveräner Autor. Das hat er bereits in seinen früheren Büchern („Die Stimmen des Flusses“, „Senyoria“) bewiesen. Mit diesem Roman toppt er jedoch seine bisher erschienenen Romane. Das hat nicht nur etwas mit dem Plot, den vielen Plots, sehr ambitioniert und virtuos miteinander verknüpft, zu tun, sondern auch mit der Musikalität der Sprache des katalanischen Autors. Jaume Cabré hat einmal darüber gesagt: „…denn mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker, jedenfalls, was die Leidenschaft angeht… Es gibt eine syntaktische Kadenz, an der ich dauernd arbeite…“. Genau so auch liest sich der Roman, hoch musikalisch, von großer sprachlicher Dichte, artistisch, ohne artifiziell zu sein.
Es sicher nicht zu weit ausgeholt, diesem großartigen Roman weltliterarischen Rang zuzusprechen. ■

Jaume Cabré: Das Schweigen des Sammlers, 839 Seiten, Insel-Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-458-17522-3

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Romane auch über Sarah Perry: Die Schlange von Essex

… sowie über den Kriminalroman von Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Interview mit Rebecca Gablé („Der dunkle Thron“)

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„Ich erzähle euch, wie es gewesen sein könnte“

von Günter Nawe

Vor einigen Tagen veröffentlichte die deutsche Bestseller-Autorin Rebecca Gablé (Bürgerlicher Name: Ingrid Krane-Müschen) mit „Der dunkle Thron“ ihren 13. „historischen Roman“. Für das Glarean Magazin fragte Günter Nawe die erfolgreiche Schriftstellerin nach ihren literarischen Motivationen und nach den Gründen des Booms von Mittelalter und Renaissance in der modernen Literatur.

Bestseller-Autorin historischer Romane: Rebecca Gablé ("1964")
Bestseller-Autorin historischer Romane: Rebecca Gablé („1964“)

Glarean Magazin: Frau Gablé, vom berühmten Leopold Ranke stammt das Diktum, dass der Historiker aufzuzeigen habe, „wie es eigentlich gewesen“ sei. Hat sich die Mediävistin und Schriftstellerin Rebecca Gablé diesen Satz zueigen gemacht?

Rebecca Gablé: Nein, denn dieser Anspruch ist unerfüllbar und überholt. Ganz gleich, wie gründlich wir schriftliche Quellen und archäologische Funde auswerten, kann das, was wir daraus ableiten, doch immer nur eine Rekonstruktion von Vergangenheit sein. Ein educated guess, wie die Briten sagen: eine Vermutung auf Grundlage der bekannten Indizien. Wie es „eigentlich gewesen“ ist, können wir nicht erforschen und darum niemals wissen. So betrachtet, haben wir Schriftsteller es einfacher als die armen Wissenschaftler, denn wir sagen lediglich: „Ich erzähle euch, wie es gewesen sein könnte.“ Nichts anderes hat übrigens auch Leopold Rankes Urgroßneffe Robert Graves getan: Er hat mit Kaiser Claudius einen Ich-Erzähler von scheinbar großer Zuverlässigkeit erdacht, der behauptet, er werde die Geschichte nun so erzählen, wie sie „eigentlich gewesen“ sei, um dann ein abenteuerliches Konstrukt aus Intrigen und Mord zu spinnen, das zwar möglich, aber keinesfalls nachweisbar ist. Es kommt einem vor, als habe er mit einem Augenzwinkern in Richtung seines berühmten Vorfahren geschrieben.

GM: Sie haben sich vorwiegend und äußerst erfolgreich am englischen Mittelalter „abgearbeitet“. In einem Interview haben Sie einmal gesagt: „Mein Herz gehört dem historischen Roman und dem englischen Mittelalter“. Warum gerade diesem?

RG: Meine Vorliebe für das englische Mittelalter geht auf mein Literaturstudium zurück. Dort bin ich zum ersten Mal der englischen Dichtung des 8. bis 14. Jahrhunderts begegnet, die mich seither fasziniert und meine Fantasie anregt, weil sie so farbenprächtig, ausdrucksstark und in vieler Hinsicht auch sonderbar ist. All diese Werke – auch wenn sie religiöse oder sagenhafte Motive behandeln – erzählen etwas über ihre Verfasser und deren Zeit. Darum erschien es mir immer naheliegend, diese Literatur als Ausgangspunkt zu nehmen und mir die Lebenswelt der Dichter und ihrer Zeitgenossen vorzustellen. Von da war der Schritt nicht mehr weit, mich an einem historischen Roman zu versuchen, der, wie sich herausstellte, eine Literaturform ist, die mir besonders liegt.

GM: Mit dem neuen Roman „Der dunkle Thron“ haben Sie allerdings das Mittelalter verlassen. Der vierte Teil der berühmten Waringham-Saga spielt bereits in der Renaissance, im 16. Jahrhundert. War das dem Interesse Ihrer Leserschaft geschuldet, die nach „Das Lächeln der Fortuna“, „Die Hüter der Rose“ und „Das Spiel der Könige“ einfach wissen wollte, wie es weitergeht mit den Waringhams?

RG: Dem Interesse meiner Leserschaft und meinem. Ich wäre nicht in der Lage, mich zwei Jahre lang einem Thema zu widmen, das nicht in allererster Linie meine eigene Neugier weckt. Ich selber wollte wissen, wie es den Waringham – diesen wertekonservativen Spinnern, die immer noch Ritter sein wollen – in einer Epoche ergehen würde, die sich in vielerlei Hinsicht radikal vom Mittelalter unterscheidet.

GM: Im Mittelpunkt der Tetralogie steht das Geschlecht derer von Waringham. Mit dem Roman „Der dunkle Thron“ haben Sie dieses Geschlecht in der mittlerweile sechsten Generation durch eine fast 200-jährige Geschichte begleitet und damit einen relativ langen Zeitraum der Geschichte abgeschritten. Wie hält das die Autorin durch, ohne den roten Faden zu verlieren?

RG: Mit Stammbäumen, sehr vielen Notizen und einem halbwegs zuverlässigen Gedächtnis.

GM: Die „Waringhams“ sind ein fiktive Größe in Ihrem Roman. Sie erleben Abenteuer, Liebesgeschichten, Aufstieg und Fall. Dies alles eingebunden in den Fluß realer Geschichte. Wie viel in Ihren Romanen ist Fakt, wie viel Fiktion?

RG: Das ist schwierig zu bemessen, und wir sprachen ja eingangs schon über die Problematik historischer „Fakten“. Dem historisch verbrieften Personal meiner Romane (das ja meist in der Überzahl ist), dichte ich keine Taten an, die sie nicht tatsächlich vollbracht haben, aber in dem Moment, da ich sie zu Romanfiguren mache, werden sie fiktionalisiert. Ich bemühe mich, ihre Charaktere so zu beschreiben, wie sie nach meiner Deutung wahrscheinlich waren, aber dessen ungeachtet werden sie zu Geschöpfen meiner Fantasie mit einer eigenen Ausdrucksweise und Körpersprache, mit Dialogen und Emotionen. Das gilt natürlich erst recht für die erfundenen Figuren, also zum Beispiel alle Waringham, obwohl ich auch dort immer mein Augenmerk darauf richte, ihre Lebensgeschichte so zu zeichnen, wie sie sich in der jeweiligen Epoche hätte zutragen können.

GM: Mit Nicholas Waringham, dem Protagonisten des neuen Romans, haben sie eine starke, eine faszinierende Figur geschaffen. Hat es eine vergleichbare Persönlichkeit in dieser Zeit gegeben – oder anders: Hätte es diesen Nicholas Waringham geben können?

RG: Es hätte Nicholas of Waringham in dem oben beschriebenen Sinne geben können, aber er hat kein historisches Vorbild.

GM: Historische Hauptfiguren in Ihrem Roman sind König Heinrich VIII., Anne Boleyn und seine anderen Frauen. Uns ist aufgefallen, dass Sie Heinrich VIII. nicht unbedingt mögen, die Frauen – vor allem Mary, seiner Tochter und späteren Königin, dafür Ihre – sagen wir einmal so – besondere Sympathie genießen. Haben wir richtig gelesen?

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RG: Ich muss widersprechen: Die historische Hauptfigur dieses Romans ist allein die besagte Tochter, die spätere Königin Mary I. Ihr Vater Heinrich VIII. (den ich in der Tat fürchterlich finde), ihre Mutter und ihre fünf Stiefmütter sind natürlich wichtige Figuren, aber im Grunde nur in ihrer Beziehung zu Mary oder dem Protagonisten Nicholas of Waringham. Ich glaube, ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich „besondere Sympathie“ für Mary hege, dafür waren die Gräuel ihrer Regentschaft vielleicht einfach zu schrecklich. Aber es war mein Anliegen, diese in den Geschichtsbüchern so oft vernachlässigte Königin einmal zu entstauben, genauer zu betrachten und zu ergründen, warum sie wurde, wie sie war. Das ist es auch, was dieser Roman erzählt. Und je besser ich Mary kennen lernte, desto größer wurde meine Toleranz ihr gegenüber.

GM: Das ganze Romangeschehen spielt vor dem Hintergrund der geistigen, religiösen und politischen Umbrüche im 16. Jahrhundert. Und das nicht nur in England, das neben seinen Königen auch Persönlichkeiten wie Thomas Morus aufzuweisen hatte. Wir sprechen von der Reformation, die auch England erreicht, von der Loslösung Englands von dem Papst, von Heiratspolitik mit politischen Folgen. Hat die lange und intensive Beschäftigung mit dieser Zeit auch die Sichtweise der Autorin beeinflusst?

RG: Natürlich habe ich bei meiner Recherche viel Neues gelernt und bin Personen, Gedanken und Ereignisketten begegnet, von denen ich zuvor nur nebulöse Vorstellungen hatte. Aber meine Sichtweise hat sich nicht geändert. Ich wusste vorher schon, dass Religionen und Absolutheitsansprüche in Glaubensfragen das gefährlichste Konfliktpotenzial sind, das die Menschheit je ersonnen hat.

GM: Sie haben einmal gesagt, Ihr vordringliches Ziel sei zu unterhalten. Kann das gerade der historische Roman mit seiner Mischung aus Fakten und Fiktion leisten? Und ist darin das große Interesse Ihrer ständig wachsenden Leserschaft begründet? Auch weil – wir kommen noch einmal auf den Satz von Leopold Ranke zurück – es Ihnen so gelingt, am besten zu zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist?

RG: Ich glaube nicht, dass der historische Roman einen höheren Unterhaltungswert hat als andere Genres. Der anhaltende Erfolg ist eher der Mischung aus Unterhaltung und Wissensvermittlung geschuldet – „Infotainment“, um mal ein besonders abscheuliches Wort zu bemühen, ist ja sehr in Mode. Viele Menschen interessieren sich für Geschichte und wollen wissen, wie die Welt früher war oder wie wir zu der Gesellschaft wurden, die wir heute sind, aber längst nicht alle haben die nötige Zeit oder Motivation, sich zur Beantwortung ihrer Fragen durch historische Fachliteratur zu quälen. Sie greifen lieber zu einem historischen Roman.

GM: Wie wir sehen, ist Ihnen das bestens gelungen zu unterhalten. „Der dunkle Thron“ ist mittlerweile Ihr 13. Roman. Sie sind Bestseller-Autorin, gelten als „Königin des historischen Romans“, sind in in Bücher-Charts prominent vertreten. Was kann jetzt noch kommen? Eine Fortsetzung der „Waringham-Saga“ – oder etwas ganz anderes?

RG: Auf jeden Fall eine Rückkehr in mein geliebtes Mittelalter. Aber mehr wird noch nicht verraten… ■

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Geschichte in Geschichten

von Günter Nawe

Es waren in jeder Hinsicht aufregende Zeiten, die England zwischen 1529 und 1553 erlebte. Heinrich VIII. wird sich von der katholischen Kirche lossagen, eine Frau nach der anderen heiraten. Einige, wie Anne Boleyn, landen auf dem Schafott. Auf dem Schafott landet auch der papsttreue Thomas Beckett. Wie überhaupt Anhänger der katholischen Kirche vor Verfolgung nicht sicher sind. Andererseits gibt es reformatorische Tendenzen, die von Deutschland aus auf die Insel kommen.

Intrigen um Heinrich VIII.

Rebecca Gablé: Der dunkle Thron - Historischer Roman - Lübbe Verlag

Eine kritische Gemengelage also, die nicht nur die Gesellschaft in Unruhe versetzt, sondern auch die Monarchie. Während sich Heinrich VIII. bemüht, einen Thronfolger in die Welt zu setzen, gibt es immer noch Mary, seine Tochter und damit die legitime Thronfolgerin – und Papistin. Auf sie setzen die Engländer ihre Hoffnungen. Als spätere Königin wurde sie als „Bloody Mary“ bekannt. Sie ist „die historische Hauptfigur“ im neuen Roman von Rebecca Gablé. Aus ihrer Perspektive erzählt die Autorin – und gibt ihr so die Gelegenheit, etwas an ihrem Bild in der Geschichtsschreibung zu korrigieren. Um sie und die Kontrahenten herum hat Rebecca Gablé das gesamte historische Personal der Zeit hervorragend in Szene gesetzt.
Mary steht als fiktive Hauptfigur Nicholas of Waringham gegenüber. Und damit sind wir „im Roman“. „Der dunkle Thron“ ist der nun vierte Band der mittlerweile berühmten Waringham-Saga, mit der die Autorin nicht nur alle Bestsellerlisten erklommen, sondern auch eine millionenfache Fangemeinde gefunden hat. Das hat wiederum etwas mit der sehr gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion, die diese schon fast beispielhaften und literarisch anspruchsvollen historischen Romane der Gablé auszeichnet.

Gefährliche Abenteuer und politische Händel

Königin von England und Protestantismus-Hasserin: Maria I. Tudor („Bloody Mary“)

Mary und Nick: Sie kennen sich von Kindheit an. Sie sind befreundet und irgendwie liebt er sie auch ein wenig. Auf jeden Fall ist er immer an ihrer Seite, wenn es gilt, sie von ihrem größten Feind, ihrem Vater, zu beschützen. Denn Mary ist nicht nur ein Stachel im Fleische Henry VIII., sie steht seiner Heiratspolitik ebenso entgegen wie seinen kirchenpolitischen Plänen. Und Nick? Als Erbe einer heruntergekommenen Baronie hat er nicht nur wirtschaftliche Probleme zu bewältigen. Als Earl steht er auch mitten im politischen Geschehen seiner Zeit. Auf einer Seite ist er dem König den Vasalleneid schuldig, auf der anderen Seite steht eben Mary. Eine Position, die zu Verwicklungen führt, Gefahren für Leib und Leben birgt. Gefährliche Abenteuer sind für ihn zu bestehen, politische Händel auszufechten, Familienprobleme zu lösen. Er kämpft, stürzt, steht wieder auf. Er liebt und leidet, zeigt Mut und Schwäche, glaubt und zweifelt.

Starke Männerfiguren

Rebecca Gable - Der dunkle Thron - Glarean Magazin
Erfolgsautorin historischer Romane: Rebecca Gablé

Nicholas of Waringham ist eine starke Figur. Und bewährt sich glänzend. „Vielleicht sind Männer wie ich so überholt und überflüssig geworden wie alte Schlachtrösser, die meine Vorfahren einst gezüchtet haben. Aber kein Waringham hat sich je einem Tyrannen unterworfen. Und ich schwöre bei Gott, ich werde nicht der erste sein“. Es gibt zwar kein historisches Vorbild für ihn, so Rebecca Gablé in einem Interview mit dem Glarean Magazin, aber „es hätte Nicholas of Waringham… geben können“.

Mit dem vierten Roman der Waringham-Saga legt Rebecca Gablé, die „Königin des historischen Romans“, wieder einem spannenden und sehr unterhaltenden Roman vor. Mit profundem Wissen ausgestattet zeichnet sie sprachmächtig und fantasiereich ein farbenfreudiges Bild Englands an der Nahtstelle von Mittelalter und Renaissance.

Wie in allen ihren Romanen versteht es die Autorin auch in „Der dunkle Thron“ hervorragend, Geschichte in Geschichten zu erzählen – kenntnisreich, farbenprächtig und sprachmächtig. Ihr „Herz gehöre dem englischen Mittelalter“, hat Rebecca Gablé einmal gesagt. Mehr noch: Ausgestattet mit einem profunden Wissen um die Zeit verdienen die Romane der studierten Mediävistin und Germanistin im wahrsten Sinne des Wortes das Prädikat „historisch“.Mit „Der dunkle Thron“ hat Rebecca Gablé das Mittelalter verlassen und ist in der Renaissance angekommen. Aber es sind ja immer die Zusammenhänge und Übergänge, die Epochen der Geschichte so spannend machen. Ein Spannung, die auch durch die gesamte abenteuerliche Geschichte von Nicholas of Waringham hindurch zu spüren ist. Aber nicht nur daran ist es Rebecca Gablé gelegen. Sie möchte ihre Leser unterhalten. Und das ist ihr – wie schon mit den früheren Waringham-Romanen – hervorragend gelungen. ♦

Rebecca Gablé, Der dunkle Thron, Historischer Roman, 956 Seiten, Lübbe-Ehrenwirth Verlag, ISBN 978-3-431-03840-8

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Brigitte Fuchs: Salto Wortale (Sprachliche Kapriolen)

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NIELÄUFTEINWURMSTURM

von Günter Nawe.

.„Als sich das ROTWEINROT und das WEISSWEINWEISS näher kamen, sah die Welt plötzlich ganz rosé aus“

Von dieser und anderer, fantastisch vielfältiger Art sind die Sprachspiele der Brigitte Fuchs in ihrem neuen Buch „salto wortale – Sprachliche Kapriolen“. Und so liegt – um es vorwegzunehmen – ein höchst amüsantes, ein sehr intelligentes und sehr schönes Buch vor mir, das jede Empfehlung wert ist. Was die Lyrikerin Brigitte Fuchs hier bietet, ist sprachliche Equilibristik der besonderen Art. Sie spielt mit den Wörtern, schüttelt sie sich zu recht, findet poetische Wortbilder, schlägt gewagte Salti und Kapriolen. Sie schreibt Sinn und vermeintlich Unsinn – doch lasse man sich nicht täuschen. Alles, was wir in diesem Buch sehen und lesen, ist begründet in der Lust an der Sprache und hat einen höchst poetischen Wert.

Brigitte Fuchs: saltowortale - Sprachliche Kapriolen - Edition 8 VerlagIhre Lyrik ist – so hat Brigitte Fuchs es einmal selbst formuliert – „Arbeit an der Aussage, am Klang, am Rhythmus, an der Form“. Ein hoher Anspruch, dem die Schweizer Lyrikerin in jeder Zeile, in jedem Bild gerecht wird. Für die Sprachartistin gehören „Genauigkeit des Denkens und das genaue Hinsehen wesentlich zum Handwerk des Schreibens“. Und so ist das, was hier so leichtfüßig herkommt, harte Arbeit und pefektes Handwerk.

Mit visuellen und verbalen Überraschungen konfrontiert

Geboren in Widnau im St. Galler Rheintal lebt die Lyrikerin heute im Kanton Aargau. Die gelernte Lehrerin ist nicht nur nur als Dichterin, sondern auch gestalterisch tätig. Ihren Arbeiten merkt man dies an. Dafür hat sie bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten. Die Bücher der Brigitte Fuchs – zum Beispiel: „Herzschlagzeilen“, „Das Blaue vom Himmel oder ich leben jetzt“ und „Solange ihr Knie wippt“ – sind längst über den Status eines Geheimtipps hinaus. Und das sollte auch für den Band „salto wortale“ gelten.
Die Sprachkünstlerin Brigitte Fuchs konfrontiert den Leser mit oft sehr ungewohnten visuellen und verbalen Überraschungen. Seien es Wortcollagen, Sprachbilder, Gedichte oder Schüttelreime.
Da gibt es das Sprachbild „KONKRET“, das mit der Zeile NIELÄUFTEINWURMSTURM endet. Da sagt

„…der Seiltänzer zu seiner Frau: >Du müsstest wissen, dass für mich ein Seitensprung nicht in Frage kommt!<

Oder man lese das „Sonett“ – wenn man so will: ein wunderbares Liebesgedicht, in dem der Liebste aufgefordert wird, ein Sonett zu schreiben. Worauf er dichtet:

„…Sonette sind was Bittersüsses, Feines, / für Mädchen, die längst Frauen sind, mein Kind! / Sonette sind die Länge deines Beines – / denkst du denn, dass ich dafür Worte find?“

Manchmal „jandelt“ es richtig schön. So, wenn Brigitte Fuchs ihrem großen Kollegen Ernst Jandl folgendes Gedicht widmet:

Oh Schandl

Was für ein Wandl
seit Ernst Jandl
verschwandl
… .
kein Wortspielhandl
alles verläuft im Sandl
oh Schandl

Anregendes und bekömmliches Blätterbuch

In ihrem Lyrik-Band „salto wortale“ versteht es Brigitte Fuchs souverän, auf der gesamten Klaviatur der Sprache zu spielen. Ihr Buch ist amüsant, hintergründig und vordersinnig, intelligent und wunderbar – voller Lust an der Sprache und von hohem poetischen Wert. Durch die kongenialen Wortbilder von Beat Hofer bekommt dieser Lyrikband zudem ein unverwechselbares Aussehen.

Nein, nichts verläuft in diesem herrlichen Buch, in diesen „vergnüglichen, anregenden und bekömmlichen Blätterbuch für Sprachfans“ „im Sandl“. Auch nicht die wunderbaren Farbbild-Seiten des Grafikers Beat Hofer. Er spielt ebenfalls gekonnt mit Bild und Wort und Farbe und hat so dem Lyrikband sein unverwechselbares Aussehen gegeben.
Übrigens: Müsste man der POESIE nicht endlich das DU anbieten? Brigitte Fuchs steht längst mit der Poesie auf Du und Du. Im „Vor- und Nachwort“ schreibt sie: „Wir verlangen ja nicht viel vom Wort: Das und kein anderes soll es sein, anfänglich, wahr, gut, groß, geflügelt. Es soll uns auf die Sprünge helfen, wir wollen es ergreifen, halten, führen, erteilen, entziehen. Eines gibt das andere, wir werden jedes unterschreiben und das letzte, noch ehe es gesagt ist, behalten“. Dem ist nichts hinzuzufügen. ▀

Brigitte Fuchs, salto wortale – Sprachliche Kapriolen (Zweite/erweiterte Auflage), mit Wortbildern von Beat Hofer, 192 Seiten, edition 8, ISBN 978-3-85990-110-0

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Interview mit der Claudius-Biographin A. Kranefuss

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Primat der Realität vor aller Kunst

von Günter Nawe

Unlängst würdigte unser Magazin die bei Hoffmann&Campe erschienene Claudius-Biographie der Kölner Germanistin Dr. Annelen Kranefuss: „Originell und unverwechselbar“ – übrigens die erste Biographie seit über siebzig Jahren, die sich dieses Mannes (der als Journalist, als Dichter, als homme de lettres und als Redakteur des „Wandsbecker Bothen“ Literaturgeschichte geschrieben hat) wieder umfassend annimmt. Günter Nawe unterhielt sich mit der Autorin über den Dichter Matthias Claudius, dessen wissenschaftliche Erforschung noch längst nicht am Ende sei.

Glarean Magazin: Frau Kranefuss, es gibt das berühmte Diktum Goethes über die Hauptaufgabe einer Biographie. War es auch für Sie Maßstab ihrer Arbeit?

Annelen Kranfuss: Matthias Claudius - Eine Biographie - Hoffmann und Campe Verlag
Annelen Kranfuss: Matthias Claudius – Eine Biographie

Annelen Kranefuss: Ja. „Den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen“ – das ist in der älteren Claudius-Biographik oft vernachlässigt worden. Damit hat man wesentliche Aspekte seines Schreibens und Lebens ausgeblendet. Die historischen Bedingungen (also auch die sozialen Besonderheiten des jeweiligen Lebensraums) waren nicht nur für sein Leben bestimmend, Claudius hat auch als Literat, als homme des lettres, wie er sich nannte, auf das Zeitgeschehen reagiert. Er hat ja als Journalist angefangen und auch nach dem Ende seiner Zeitungsarbeit in seinen Texten immer wieder auf Zeitereignisse und kulturelle Debatten reagiert, sehr oft indirekt, so dass es für die Nachwelt nicht ohne Weiteres erkennbar ist. Er hat allerdings auch als Journalist versucht, die Dimensionen von Zeit und Zeitlosigkeit in Beziehung zu setzen und seinen Lesern zu vermitteln, dass es noch etwas anderes gibt als die Tagesaktualität.

Klischeebild des frommen Idyllikers

GM: Seit der letzten größeren Claudius-Biographie sind rund 70 Jahre vergangen. Woher das Desinteresse der Germanistik an diesem „originellen und unverwechselbaren“ Dichter?

AK: Das Desinteresse ist nicht so groß, wie es scheint: In den letzten Jahrzehnten hat sich eine Reihe von Germanisten immer wieder intensiv mit dem Werk von Matthias Claudius befasst. Zugegeben: das ist nur eine Handvoll gemessen an der Fülle von populären und oft betulichen Claudius-Darstellungen und im Vergleich zu den kaum noch zu übersehenden Forschungen über andere Autoren, etwa Goethe oder Kafka. Hier geht es Claudius nicht anders als anderen „kleineren Poeten“ der Literaturgeschichte. Es interessieren sich für ihn aber auch andere Disziplinen. Es gibt ausgezeichnete theologische Arbeiten über ihn; er hat einen Platz in der Geschichte von Theologie und Frömmigkeit – das heißt, man kann sich ihm im Grunde nur fächerübergreifend annähern. Was in der Forschung bis auf wenige Ausnahmen bisher zu kurz kam, ist ein seriöser biographischer Zugang, der über die älteren erbaulichen Schriften hinausgeht. Biographien galten in der Literaturwissenschaft ja lange als unseriös. Möglicherweise stand im Fall von Claudius auch das überlieferte Klischeebild des frommen Idyllikers und Familienvaters einem größeren Interesse im Wege.

Meister der Sprache und der kleinen Form

GM: Was hat Sie letztlich bewogen, sich dieses Autors anzunehmen?

AK: Claudius hat mich seit meinem Studium immer wieder begleitet und beschäftigt. In seinen gelungenen Stücken (daneben gibt es durchaus auch Schwächeres) ist er einer der großen Meister unserer Sprache und der kleinen Form. Mich hat auch der dahinter zu spürende Mensch angesprochen, das Lakonische, seine Nüchternheit, die gleichzeitige Herzlichkeit und Empathie, die Verbindung von Humor und Tiefgang, seine Mitmenschlichkeit und Weltbejahung ohne jede Verharmlosung. Er hat unsere Hilflosigkeit angesichts des Todes erfahren und dargestellt. Und es hat mich gereizt, seiner „Mischung von Schöngeisterei und Religion“, so beschreibt er die „Idiosynkrasie des Boten“, nachzugehen. Das ist nicht zu verwechseln mit der Vorstellung von der ästhetischen Autonomie des Kunstwerks, wie sie die Klassiker zur gleichen Zeit entwickelten. Claudius beharrt auf dem Vorrang der Realität vor aller Kunst, was vielleicht erst heute, nach dem Ende des Zeitalters der Kunstreligion, wieder als künstlerische Möglichkeit neu gesehen werden kann.

GM: An einer Stelle schreiben Sie, dass in der „Verflechtung mit seinem Zeitalter … Claudius’ Eigenart sichtbar“ wird. Welches war die „Eigenart“ von Matthias Claudius?

AK: Ich habe sie u.a. mit dem Begriffspaar „Eigensinn und Geselligkeit“ zu fassen gesucht. Er war weder im Leben noch im Schreiben der isolierte Außenseiter, als den ihn die Literaturwissenschaft lange geführt hat, er hatte Freunde, war gut vernetzt, aber er hat auch – im Dialog mit den Zeitgenossen – immer eine eigene Position zu behaupten gesucht und dem Zeitgeist auch widersprochen. Das wird deutlich, wenn man die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nur als Goethezeit betrachtet, sondern den jeweils lokalen Besonderheiten nachgeht.

Claudius-Texte sind nochmals genauer zu lesen

GM: Sie haben in diesem Buch einerseits mit Legenden aufgeräumt, andererseits von „Leerstellen“ in der Claudius-Biographie gesprochen. Ist die Forschung über Claudius noch nicht am Ende?

Deckblatt des „Wandsbecker Bote“ in der Ausgabe 1857 (Gotha)

AK: Mit Sicherheit nicht. Es lässt sich bestimmt noch eine Menge entdecken. Einerseits ganz positivistisch faktenbezogen. Ich denke, dass mit der wissenschaftlichen Edition der Briefe von und an Matthias Claudius, an der unter der Leitung von Professor Jörg-Ulrich Fechner in Bochum gearbeitet wird, noch das eine oder andere ans Licht kommen dürfte, manches wird möglicherweise auch in anderem Licht erscheinen. Ich musste mich noch weitgehend mit der unzulänglichen Briefausgabe von 1938 behelfen. Andererseits geht es ohnehin nicht in erster Linie darum, Lücken in der biographischen Überlieferung zu schließen, manche „weiße Flecken“ werden bleiben. Vielmehr sind die Claudius-Texte selbst immer noch einmal genau zu lesen, genauer zu entziffern und im Kontext der Zeit zu deuten. Das habe ich versucht, aber damit kommt man nicht so schnell ans Ende. Das Genre Biographie eignet sich auch nicht als Container für alle Forschungsfragen und -ergebnisse. Schließlich sollte mein Buch nicht allzu dick werden. Und dann wird auch jeder Forscher, jede Epoche wieder andere Fragen an den Autor stellen und einen neuen Zugang finden.

GM: Mit der Ausgabe der „Sämtlichen Werke des Wandsbecker Bothen“ hat Matthias Claudius ein einzigartiges Werk geschrieben. Wie ist dieses Werk zu klassifizieren, wo hat es seinen Platz in der Literaturgeschichte?

AK: Ich denke, das müsste aus meinen bisherigen Antworten schon hervorgehen.

Sokrates als philosophischer Ausgangspunkt

GM: In Zusammenhang mit Claudius ist auch einmal von einem „sokratischen Schriftsteller“ die Rede. Ist das eine weitere der vielen Facetten, die diese Autor hat?

AK: Das 18. Jahrhundert ist das „sokratische Jahrhundert“ genannt worden. Die kirchliche Orthodoxie verdammte Sokrates als Heiden und sprach ihm jede Tugend ab, für die Aufklärer war er eine Symbolfigur im Kampf um Toleranz. In diesem Sinn ergreift auch Claudius Partei für Sokrates. Der Philosoph mit seinem „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ war auch für ihn ein Gewährsmann in seiner Wendung gegen Pedanterie und abstrakte Gelehrsamkeit. Seine Verehrung geht aber darüber hinaus. Der Sokrates, der in Athen vor Gericht stand und zum Tode verurteilt wurde, war ihm ein Vorbild innerer, religiös verstandener Freiheit.

GM: Was kann Matthias Claudius dem Leser von heute sagen? Kann er dem Leser von heute überhaupt noch etwas sagen?

Der Claudius-Gedenkstein im „Wandsbeker Gehölz“

AK: In vielem sind uns Claudius‘ politische Ansichten, seine Lebensform heute fremd, gerade in dem, was z.B. das Bürgertum des 19. Jahrhunderts an ihm schätzte. Wir können die restaurativen Tendenzen seines Spätwerks nicht mehr nachvollziehen. Er ist weder der Dichter zeitloser Wahrheiten noch lässt er sich krampfhaft aktualisieren. Das ist aber auch gar nicht nötig – es gibt viele Züge, in denen wir uns zu diesem Menschen und Schriftsteller in Beziehung setzen, uns ihm annähern können, ohne uns identifizieren zu müssen. Er spricht auf anrührende und einfache Weise von den elementaren Gegebenheiten des Menschenlebens, von den Schönheiten der Natur, von der Vergänglichkeit und den ungelösten Fragen des Daseins und kann uns ermutigen, das zu suchen, was auch ihm wichtig war: „etwas Eigenes“, das standhält.

Vermittlung der Zeit und der Person des Dichters

GM: Einige wenige Menschen kennen bestenfalls die erste Strophe des berühmten „Der Mond ist aufgegangen…“ und vielleicht noch den Schlussvers. Oder aber den Vers, von dem kaum einer weiß, dass „’s ist leider Krieg – und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“ von Claudius ist. Sollte dieser Dichter nicht wieder im Deutschunterricht von heute seinen Platz finden?

AK: Ich weiß nicht, ob er wirklich so ganz aus dem Deutschunterricht verschwunden ist. Das „Kriegslied“ kommt, wie ich höre, durchaus vor. Und gerade hat mir jemand von einer Schulveranstaltung erzählt, bei der Claudius‘ Gedicht „Die Sternseherin Lise“ rezitiert wurde. Wichtig finde ich, dass die Schule beides vermittelt: die wunderbaren Texte und das Gefühl für die Zeit und die Person des Dichters. ■

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Originell und unverwechselbar

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„Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet…“, so Goethe. Nichts anderes hat Annelen Kranefuss mit der jetzt vorliegende Biographie über Matthias Claudius getan. Eine Biographie, die das Zeug hat, zum Standardwerk zu werden. Es ist übrigens die erste umfassende Biographie seit über siebzig Jahren, die sich dieses Mannes annimmt, der als Journalist, als Dichter, als homme de lettres und als Redakteur des „Wandsbecker Bothen“ Literaturgeschichte geschrieben hat.

Mehr als nur „Der Mond ist aufgegangen…“

Annelen Kranefuss: Matthias Claudius - Eine Biographie - Hoffmann und Campe VerlagMatthias Claudius hat nur ein schmales Werk hinterlassen, aus dem das berühmte „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen…“) im Bewusstsein der Nachwelt besonders herausragt. Dass dieser Claudius mehr war – Annelen Kranefuss zeigt es uns mit einer sehr geglückten Gesamtschau von Person, Werk und Zeit. Die Autorin, langjährige Kulturredakteurin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, hat Germanistik, Anglistik und Theologie studiert. Aus ihrer Dissertation über Matthias Claudius ist die großartige Biographie über den „bekannten Unbekannten“ entstanden. Sachlich, aber auch leidenschaftlich und mit viel Sympathie für Claudius ist Annelen Kranefuss akribisch seinen Lebensspuren gefolgt. Sie macht überzeugend deutlich, wie Claudius „seine Rolle im Laufe seines Lebens ausfüllt, wie er mit ihr spielt, sie in Literatur und Publizistik verwandelt, auch das macht seine Gestalt in der Geschichte der Literatur und Kulturgeschichte aus“.
Dabei räumt Annelen Kranefuss mit einigen Legenden auf. So, dass Claudius sein Studium in Jena abgebrochen habe. „Claudius verlässt die Universität….mit dem ‚guten Titel étudiant en droit’“, weiß die Autorin. Sie weiß aber auch, dass es immer noch weiße Flecken in der Biographie des Dichters gibt. Zum Beispiel die drei Jahre im Reinfelder Elternhaus (1765-1768).

Claudius als Kind der Aufklärung

Dichter, Journalist, Lyriker, Zeitzeuge: Matthias Claudius (1740-1815)
Dichter, Journalist, Lyriker, Zeitzeuge: Matthias Claudius (1740-1815)

In Reinfeld wird Matthias Claudius am 15. August 1740 geboren. Danach Lateinschule und Studium in Jena. 1763 erscheint sein Erstlingswerk „Tändeleyen und Erzählungen“. 1768 beginnt seine journalistische Tätigkeit als Redakteur der „Hamburgischen-Addreß-Comtoir-Nachrichten“. !772 heiratet Claudius Rebecca Behn. Zwölf Kinder sollte sie ihm gebären – und seine große Liebe sein, der der Familienmensch und Kinderfreund einige seiner schönsten Gedichte gewidmet hat.
Claudius kommt mit den Aufklärern Herder und Lessing und anderen Berühmtheiten der Zeit zusammen. 1771 dann Umzug nach Wandsbek, das zu seinem Lebensmittelpunkt werden sollte. Von 1771 bis 1775 arbeitet Claudius als Redakteur beim „Wandsbecker Bothen“. 1775 erscheint „ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämmtliche Werke Werke des Wandsbecker Bothen“. Es sollte das Werk werden, das Claudius beliebt und berühmt macht. Das politische Geschehen wird ebenso kommentiert, wie „gelehrte Sachen“ notiert und religiöse Themen behandelt wurden. Gedichte werden veröffentlicht und ein fiktiver Briefwechsel mit Freund Andres. Durch Claudius wurde der „Wandsbecker Bothe“ zu einem Vorläufer des späteren Feuilletons.
1776/177 eine kurze Episode in Darmstadt und wieder Rückkehr nach Wandsbek. Es folgen Übersetzungsarbeiten und die Fortsetzung des ASMUS. 1784 reist Claudius nach Schlesien und Weimar. 1813 muss nach Schleswig-Holstein und Lübeck fliehen. 1814 ist er wieder in Wandsbek, wo er am 21. Januar 1815 stirbt.

Gegen Klischees angeschrieben – unverwechselbar

Mit ihrer Claudius-Biographie ist Annelen Kranefuss eine geglückte, lebhaft geschriebene und hervorragend zu lesende Gesamtschau von Person, Werk und Zeit gelungen.
Mit ihrer Claudius-Biographie ist Annelen Kranefuss eine lebhaft geschriebene und hervorragend zu lesende Gesamtschau von Person, Werk und Zeit gelungen.

Claudius hat gegen Klischees angeschrieben, einen eigenen Stil kreiert – „originell und unverwechselbar“. Er stand an der Schwelle zwischen Tradition und Moderne. Hinter der bewusst zur Schau getragenen Naivität verbarg sich eine komplexe Persönlichkeit. Er war im Kleinen groß – und verkörperte wie kaum ein anderer die Einheit von Schriftsteller und Person. Annelen Kranefuss hat ihn und sein Werk in den historischen Kontext gestellt. Sie ist damit Goethes Anforderung an eine Biographie im besten Sinne gerecht geworden.
Und sie hat Matthias Claudius den Platz zugewiesen, der ihm gebührt. Gleichzeitig hat sie mit ihrer lebhaften, hervorragend zu lesenden Biographie Matthias Claudius einer literarisch interessierten Öffentlichkeit wieder näher gebracht. ■

Annelen Kranefuss: Matthias Claudius – Eine Biographie, 320 Seiten, Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-50190-2

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„Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen“

von Günter Nawe

„Vielleicht ist es meine Aufgabe, Hugós Geschichte zu erzählen… Hugó, ich verspreche Dir, mein Bestes zu geben… Es müsste, wenn es Dir recht ist, zugleich die Geschichte des Paradieses auf Erden sein… und die Geschichte Deiner Familie, auch jener, die vor Dir waren und nach Dir kamen.“

Boris Kalnoky: Ahnenland - oder die Suche nach der Seele meiner FamilieWer dies sagt und schreibt, ist der Autor eines großartigen Epos’ über eine 800-jährige Familiengeschichte; eine europäische Geschichte, die sich im Gebiet des früheren Österreich-Ungarn-Siebenbürgen abgespielt hat und noch abspielt. Boris Kálnoky ist Nachfahre des legendären Urahn Bencenc, der 1252 vom ungarischen König, als Belohnung für den Kampf gegen die Tartaren, ein Stück Land geschenkt bekam. Und damit gehörten die Kálnokys zu den Széklern, den ungarischen Grenzwächtern. Sie spielten – oft auf verschiedenen Seiten – wichtige Rollen in den großen Glaubenskämpfen des Mittelalters, in den politischen Verwicklungen der Zeit. Sie werden irgendwann einmal Grafen. Einer von ihnen wird später, am Ende des 19.Jahrhunderts, k.u.k.-Außenminister der österreich-ungarischen Doppelmonarchie. Eine höchst bewegte Geschichte in immer wieder sehr bewegten Zeiten.

Geschichts- und Geschichtenbuch über Familienereignisse und Weltgeschehen

Boris Kálnoky - Glarean Magazin
Boris Kálnoky

Davon also erzählt Boris Kálnoky, der 1961 in München geboren wurde. Aufgewachsen ist er in Deutschland, in den Niederlanden, in Frankreich. Er lebte in Ungarn und lebt heute in der Türkei, wo er als  Nahost-Korrespondent für die „Welt“ arbeitet. Weltläufig geschult und mit journalistischem Spürsinn ausgestattet hat er sich nicht nur auf die Suche seiner „Heimat“, seiner Familie gemacht, sondern auch nach deren Seele. „Früher war Heimat dort, wo man lebte. Heute in einer globalisierten Welt, in der man nur noch wohnt, aber nicht mehr zu Hause ist, da ist sie vielleicht eher ein innerer Ort: Nicht nur wohin man gehören, sondern wer man sein will. Wem es gegeben ist, an einen Gott zu glauben, der wird die Heimat der Seele finden – eine Heimat, die man auch dann nicht verlässt, wen man durch die Welt zieht wie einst die alten Székler durch die Steppe.“ So der etwas pathetische Schluss des Buches.
Bis zu dieser Kálnoky-Erkenntnis ist es ein weiter Weg durch dieses abenteuerliche Geschichts- und Geschichtenbuch über Familienereignisse und Weltgeschehen, durch Kriege und Kämpfe und Verluste. Der Leser findet witzige bis aberwitzige Ereignisse, trifft auf Hasadeure und Rebellen, begegnet Literaten und Richtern. Und fühlt sich wohl in diesem Panaroma aufregender Erzählungen. Denn der Autor versteht es auf ausgezeichnete Weise, historische Fakten, private Ereignisse, belegt durch eine Vielzahl sehr interessanter Briefe, essayistische Passagen und persönliche Einschätzungen und Wertungen miteinander zu verbinden. Daraus ergibt sich ein geschlossenes Bild einer bestimmten Epoche in einem definierten geografischen Raum, in der und in dem europäische Geschichte geschrieben wurde – mit Nachwirkungen bis in unsere Zeit.

Acht Jahrhunderte europäischer Geschichte

Fazit-Banner - Glarean Magazin
Der Journalist Boris Kálnoky hat sich in „Ahnenland“ auf die „Suche nach der Seele“ seiner Familie begeben. Die Spurensuche ist ihm zu einem faszinierenden Geschichts- und Geschichtenbuch geraten.

Das „Salz in der Suppe“ dieser historischen Erzählung ist natürlich die Familiengeschichte. Aus ihr resultiert überhaupt erst das Interesse des Autors, der eigentlich eine Biografie seines Großvaters Húgo Kálnoky schreiben wollte. Denn „wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen“. Dieser Großvater, Journalist wie der Enkel, der ebenfalls auf der Suche nach der Heimat war, war sozusagen ein Seelenverwandter. Ihm folgte Enkel Boris durch das Land seiner Vorfahren. Genius loci und literarischer Topos ist das Dorf Köröspatak am Fuße der Karpaten, wo einst auch Graf Dracula residierte. Dieser Húgo ist eine wahrhaft faszinierende Figur: ein Weltsucher, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem Flugzeug unterwegs sein wollte. Einer, der eine Romanze erlebte. Dessen Artikel für den Poster Lloyd ihn bei den Nazis in Ungnade fallen ließ. Und so weiter – man lese selbst. Vor allem die wunderbaren Briefe, die Enkel Boris hier veröffentlicht, sind nicht nur Zeitzeugenschaft, sondern geben Zeugnis von persönlichem und familiärem Erleben.
Boris Kálnoky hat seine Heimat gesucht und die Seele seiner Familie gefunden. An der persönlichen Freude darüber lässt er den Leser teilhaben,  in dem er von acht Jahrhunderten europäischer Geschichte erzählt, spannend, kompetent und sehr unterhaltsam. „Húgo, ich verspeche Dir, mein Bestes zu geben…“. Er hat es getan. ■

Boris Kálnoky: Ahnenland oder die Suche nach der Seele meiner Familie, 490 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-27465-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Familien-Geschichte auch über den
Roman von Isabelle Stamm: Schonzeit

oder über die Familien-Saga von
Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil

Jürg Amann: Der Kommandant (Monolog)

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„Angesichts der Wirklichkeit ist alles Erfinden obszön“

von Günter Nawe

Die Erinnerungen – oder besser: das Selbstzeugnis des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß aus dem Jahre 1958 – sie sind im Gedächtnis geblieben als grausames Dokument. Nicht zuletzt war es die unglaubliche Kälte und die fast perverse Naivität und Selbstgerechtigkeit des Textes und seines Autors, die den Leser auf das Äußerste erschüttert haben.
„Das hat mich geradezu über den Haufen geworfen, dass einer sich hinstellt, einer der Haupttäter des Nazi-Regimes, und schreibt freiwillig Faktum für Faktum, wie das zustande gekommen ist, wie er den Auftrag erhalten hat, wie er den umgesetzt hat, wie er den pflichtdienstlich zur höchsten Effektivität gesteigert hat, als ob er Buchhaltung führen würde über sich selber.“

Monodram in 16 Stationen

Jürg Amann - Der Kommandant - Monolog - Arche VerlagSo der Schweizer Autor Jürg Amann in einem Interview über die Höß’schen Aufzeichnungen und sein literarisches Projekt. Und so hat er sich – anders als seiner Zeit Jonathan Littell in „Die Wohlgesinnten“ – den Originaltext vorgenommen und ihn verdichtet. Amann wollte nichts erfinden, die Fakten waren schlimm genug. „Angesichts der Wirklichkeit ist alles Erfinden obszön“, so Jürg Amann.
Herausgekommen ist bei dem dramaturgischen Prozess der Verdichtung und Neustrukturierung der Erinerungen von Rudolf Höß ein Text, der noch dramatischer, noch schrecklicher ist als das Original, obwohl kein Wort hinzugefügt und kaum ein Satz verändert worden ist. Jürg Amann ist ein als „Monolog“ bezeichnetes Monodram in sechzehn Stationen gelungen, in dem das gelebte Leben des Rudolf Höß noch einmal eine eigentlich kaum möglich geglaubte Zuspitzung erhält.

Vom Fast-Priester zum Massenmörder

Braver Katholiken-Sohn, korrekter Verwaltungs-Beamter – und gewissenloser Gas-Massenmörder: Auschwitz‘  berüchtigster Kommandant Ruolf Höss (Geb. 1900, 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet)

Es fällt schwer zu lesen, wie der spätere Lagerkommandant zuerst Priester werden wollte, dann als Soldat „eine Heimat, ein Geborgensein, in der Kameradschaft der Kameraden“ gefunden hat; wie aus dem einfachen, aber fast fanatischen Soldaten der SS-Mann und später der Lagerkommandant geworden ist. Von den kalten Schilderungen des Lagerlebens und der Grausamkeiten nicht zu reden. Sätze wie: „So gab es viele erschütternde Einzelszenen, die allen Anwesenden nahegingen“, oder: „Das Leben und das Sterben der Juden gab mir wahrhaft Rätsel genug auf, die ich nicht zu lösen imstande war“ machen den Leser wütend, traurig – und ratlos.
Am Ende der Orignalaufzeichnungen schrieb Rudolf Höß bzw. zitiert Jürg Amann: „Mag die Öffentlichkeit ruhig weiter in mir die blutrünstige Bestie, den grausamen Sadisten, den Millionenmörder sehen – denn anders kann sich die breite Masse den Kommandanten nicht vorstellen. Sie würde doch nie verstehen, dass der auch ein Herz hat, das nicht schlecht war.“

Annäherung an das Böse

Jürg Amann hat in seinem „Kommandanten“ ein beeindruckendes Stück Literatur geliefert – Literatur, die dem ungeheuerlichen Stoff gerecht wird. Durch die Verdichtung, den dramaturgischen Prozess der Verschlankung eines Textes gelingt es ihm, ohne persönlich gefärbte Zusätze die nackte Wirklichkeit herauszustellen – und die ist grausam genug.

Jürg Amann hat versucht – und es ist ihm hervorragend gelungen -, mit der literarischen Verdichtung des Höß-Textes, mit dem distanzierten Blick des Autors eine Annäherung an das Böse zu finden, das Unfassbare begreiflich zu machen, zu erkennen, was wohl im Kopf eines Massenmörder vor sich geht. Dabei ließ er sich nicht von Emotionen, von eigenen Vorstellungen und Phantasien, von möglichen Einflüssen auf Denken und Fühlen leiten. Er läßt auf seine Weise nur das Original sprechen – und das ist schrecklich genug. Einmal mehr aber erkennt der Leser gerade dadurch, was es mit der Formulierung Hannah Arendts von der „Banalität des Bösen“ auf sich hat. ■

Jürg Amann, Der Kommandant – Monolog, 108 Seiten, Arche Verlag. ISBN 978-3-7160-2639-7

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Auschwitz auch von
Peter Ahrendt: Zum 10. Todesjahr von Grete Weil

Thomas Bernhard: Der Wahrheit auf der Spur

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„Ich bin kein Skandalautor“

von Günter Nawe

Gibt es einen Unterschied zwischen dem „öffentlichen“ Thomas Bernhard und den fiktiven Figuren in seinen Romanen und Theaterstücken? Wer war dieser monomanische Schriftsteller, der am 9. Februar 1931 – also vor 80 Jahren – erst auf die Welt und dann in die Literatur gekommen und am 12. Februar 1989 als Autor von Weltrang gestorben ist? Das dürfte ein nie ganz zu lösendes Rätsel bleiben. Es fällt allerdings oft eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen den öffentlichen Äußerungen Thomas Bernhards und vielen seiner Romanfiguren auf. Vielleicht sind die Bücher dieser „misanthropische Wortmühle“ (Sigrid Löffler) nichts anderes als Selbstbeschreibungen?

Thomas Bernhard - Der Wahrheit auf der Spur (Suhrkamp Verlag)Eine Antwort kann eventuell der jetzt erschienene Band „Der Wahrheit auf der Spur“ geben. In chronologische Reihenfolge sind Zeitungsartikel, Leserbriefe, Interviews und öffentliche Erklärungen gesammelt. Nicht alles ist neu, vieles konnte bereits in „Meine Preise“ gelesen werden. Dennoch: Alle Beiträge in diesen Band sind interessant, werfen Schlaglichter auf den Autor, vor allem weil sie durchweg „Selbstauskünfte“ sind. Beginnend mit einem Vortrag, den der jungen Thomas Bernhard 1954 zu Ehren von Arthur Rimbaud gehalten hat, und einem Artikel in der Gmundener Lokalzeitung, in dem er sich für den Erhalt der Straßenbahn in Gmunden einsetzte.

Skandale – Spielchen – Selbstinszenierungen

Viele dieser öffentlichen Äußerungen waren einserseits Selbststilisierungen, ironische Spielchen mit seinem Publikum oder dem Interviewpartner. Andererseits erzeugte Bernhard damit Skandale und Skandälchen, die er mal lustvoll, mal bitterböse kommentierte. Er war ein Meister des Eklats, der wunderbar austeilen, aber selten einstecken konnte. Eberhard Falcke hat ihn einmal einen „Verzweiflungsvirtuosen und Mißmutsmanieristen“ genannt. Und so geben viele Beiträge Anlass zu glauben, dass dieser außergewöhnliche Autor am Leben litt. Aber „sich umzubringen hat genausowenig Sinn wie weiterzuleben.“

Immer wieder seine Haßliebe zu Österreich, die ihn umgetrieben hat. Es gab für ihn kein schöneres Land als Österreich, in dem er nicht leben konnte, und in dem er doch bis zu seinem Tode blieb. Wut, Zorn und Häme galten dem Land und seinen Menschen. Vor allem die Politiker hatten es ihm angetan. Berühmt der Skandal bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises an Thomas Bernhard am 4. März 1968. Unter dem Titel „Verehrter Herr Minister…“ ist die Rede hier noch einmal zu lesen. Es waren wohl die Sätze: „Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und Geistesschwäche verurteilt ist…. Wir sind Österreicher, wir sind apathisch…“. Polemisch und ein wenig verzweifelt klingt das auch heute noch. Der österreichische Unterrichtsminister verließ jedenfalls unter Protest den Saal. Der Skandal war perfekt. Aber nein: „Ich bin kein Skandalautor“, so Thomas Bernhard…

Der begnadete Alles-und-alle-Beschimpfer

Wer war Thomas Bernhard? Er schrieb Weltliteratur, war einer der berühmtesten Stückeschreiber seiner Zeit. Der „Alles-und alle-Beschimpfer“ provozierte Skandale und wollte dennoch kein „Skandalautor“ sein. Der Wahrheit auf der Spur also? Zumindest kann man sich ihr mit diesem Buch nähern.

Jeder dieser Texte in diesem Band steht für sich. Mancher könnte als pure Literatur gelesen werden. Denn Literat, Schriftsteller – das war der „Alles-und-alle-Beschimpfer“ letztendlich. Und als solcher äußert er sich über Politik und Kultur, über Kollegen und das Leben im Allgemeinen und über sein eigenes(?) im Besonderen. Das gilt auch für die Interviews. Sehr eindrucksvoll – vielleicht das ehrlichste und persönlichste – ist das Gespräch, das die Kollegin Asta Scheib am 17. Januar 1987 mit ihm führte („Von einer Katastrophe ind die andere“). Da heißt es doch wahrlich: „Das Leben ist schön… Doch, jetzt hänge ich am Leben…“ – Worte, die man dem „staatlich geprüften Misanthropen“ (Marcel Reich-Ranicki) nicht zugetraut hätte.
Wer war Thomas Bernhard? Mit diesem Buch kann sich der Leser auf die Spur der Wahrheit begeben. Ob er darin die ganze Wahrheit über ihn finden wird, bleibt dahingestellt. ■

Thomas Bernhard, Der Wahrheit auf der Spur, 344 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42214-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Skandal-Literatur aus Österreich“ auch über
das satirische Wiener Bananenblatt (Nummer 8)

E. Pormeister: Grenzgängerinnen – Gertrud Leutenegger & Silja Walter

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Fortgehen und Daheimbleiben in einem

von Günter Nawe

Zwei schreibende Frauen, zwei bedeutende Schweizer Schriftstellerinnen – mit dem literarischen Schaffen von Gertrud Leutenegger (geb. 1948) und der Nonne Silja Walter (1919-2011) beschäftigt sich die estnische Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Eve Pormeister, Professorin an der Universität Tartu. Sie hat bereits in Einzelstudien über beide Autorinnnen gearbeitet und kann darüber hinaus als Expertin für Schweizer Literatur gelten.

Eve Pormeister - Grenzgängerinnen - Saxa VerlagIn dem vorliegenden Band legt sie neue Studien über die beiden „Grenzgängerinnen“ Gertrud Leutenegger und Silja Walter vor – literarische Essays, die einzeln und nebeneinander gelesen werden können, und die doch zusammenhängen. Für Eve Pormeister ist das Band, das beide Schriftstellerinnen verbindet, das „Fortgehen und Dableiben in einem“ (Silja Walter). Beide sitzen sie auf einem Baum: eine auf ihrem „Apfelbaum“, die andere auf ihrem „Wolkenbaum“. Metaphern, wie sie in der Dichtung der einen und anderen zu finden sind. Von ihren „Bäumen“ herab zeigen sie uns die Welt – zeitkritisch, spirituell, lyrisch und sprachmächtig.

Farbenreiche musikalische Sprachbilder

"Farbenreiche und musikalische Sprachbilder": Gertrud Leutenegger
„Farbenreiche und musikalische Sprachbilder“: Gertrud Leutenegger

Eve Pormeister beschreibt die gebürtige Innerschweizerin Leutenegger als sehr poetische Autorin. Nahe am Werk zeigt sie die farbenreichen und musikalischen Sprachbilder als Gegenentwurf zu den – wie Pormeister schreibt – „erstarrten Denk- und Verhaltensmustern“. Exemplarisch dargestellt am Roman „Vorabend“ zum Beispiel. Und sie zitiert Leutenegger: „Ich schreibe, um aus meinen Schmerzen ein Fest zu machen“. Schmerzliche Erfahrungen macht die Leutenegger auch in ihrem Werk „Pomona“, das Eve Pormeister ebenfalls ausführlich untersucht und deutet.
Dabei erfahren wir, dass es sich – wie später auch bei Silja Walter – nicht um feministische Literatur, nicht um eine écriture féminine handelt, sondern einfach nur um „Texte von weiblicher Hand“. Beider Poetik ist allerdings jeweils eine „schmerzliche und notwendige Grenzerfahrung“ in vielerlei Hinsicht.

Dichterin und Nonne

Silja Walter - Glarean Magazin
Silja Walter – Glarean Magazin

Die Nonne und Dichterin Silja Walter versteht es auf hohem literarischem Niveau, Spiritualität mit Poesie zu einer religiösen Dichtung zu verbinden. Werke wie ihre Gedichte (z.B. „Die Feuertaube“ 1985), Chronikspiele (u.a. „Die Jahrhundert-Treppe“ 1981), Theaterstücke („Sie kamen in die Stadt“ 1982) und Prosa („Der Wolkenbaum. Meine Kindheit im alten Haus“ 1991) belegen dies. Pormeister versucht die „Außenseiterin“ in die schweizerische Literatur einzuordnen und ihr den Platz, den sie verdient, zuzuweisen. Sie macht dies sehr klug, und sie verdeutlicht damit auch die Verbindung, ja die „Verwandtschaft“ mit Gertrud Leutenegger.

„Ich glaube, darum schreibe ich“

Silja Walter über sich selbst: „Ich bin nicht Schriftstellerin / und dazu noch Nonne. / Ich bin nur eine Nonne, / die schreibt. / Ich glaube, darum schreibe ich.“ – „Ich glaube, darum schreibe ich“ ist eine Art dichterischen Credos, das ihr ganzes Werk durchzieht. Von ihr wurde einmal geschrieben: …wie niemand sonst schafft Silja Walter im Einklang mit ihrem Bekenntnis Werke, die literarisch auf der Höhe unserer Zeit stehen.“ („Weltwoche“ 1977). Eve Pormeister bestätigt diese Würdigung 30 Jahre Jahre später mit ihrem Essay.

Das Werk Gertrud Leuteneggers und Silja Walters, der beiden bekannten Schweizer Autorinnen und „Grenzgängerinnen“, hat in der gleichnamigen, sehr lesenswerten Untersuchung von Eve Pormeister überzeugende Deutungen erfahren.

„Grenzgängerinnen“ also zwischen Poesie und Erzählung, zwischen Zeitkritik und spiritueller Erfahrung. So mit den Augen der Literaturwissenschaftlerin Pormeister gelesen zeigen sich neue Aspekte im Werk der beiden Autorinnen – oder bestätigen bestehende Auffassungen. Geistesverwandt beide: Gertrud Leutenegger und Silja Walter, denen „diese Lust: eine Welt entflammen zu lassen“ gemeinsam ist.
Das Werk Leuteneggers und Walters hat in dieser Untersuchung überzeugende Deutungen erfahren, und die wunderbaren Arbeiten von Eve Pormeister, ergänzt um persönliche Gespräche mit den Autorinnen, „entflammen“ auch den Leser, machen neugierig auf mehr. Was kann man Besseres von einem Buch sagen! ■

Eve Pormeister: Grenzgängerinnen – Gertrud Leutenegger / Silja Walter, 222 Seiten, SAXA Verlag, ISBN 978-3-939060-26-0

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Texte von Schweizer Autorinnen“ auch von
Paula Küng: Paris pour toujours (Kurzprosa)